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Kantinengespräch

AIMS Juno, Freie Kantine

Die Freie Kantine auf der AIMS Juno, der einzige Ort des Schiffes, an dem sich zu Friedenszeiten die Besatzung frei von Rang und Position begegnen kann, um gemeinsam dem schweren, und oft auch eintönigen, Dienst zu entfliehen. Trideos, runde Gruppentische, eine ordentliche Bar, das alles wurde traditionell von der Crew der Maschinenbediener mit einer geopferten Freischicht betrieben und am Laufen gehalten. Schummrig genug, um den grellen Neonlichtern der Arbeitsbereiche zu entfliehen. Hell genug, um nicht den Eindruck von Gefechtsbeleuchtung zu erwecken. Und vor allem: bunt.

Captain Uzun ließ, wie üblich, seine weiße Dienstmütze am Eingang zur Freien Kantine zrück, als er drei Tage nach Operation Ancient Mariner endlich eine kleine Auszeit nehmen konnte. Männer und Frauen unter seinem Kommando hatten allerdings noch hektischere Tage und Wochen hinter sich als ihr Captain.

Die Besatzung der Juno schielte dem jungen Captain über ihren Bier- und Cockailgläsern hinterher. Auf seiner Navy-Uniform prangte das goldene Abzeichen des Special Operations Command. Es war nicht verborgen geblieben, dass eine verdeckte Operation stattgefunden hatte. Captain Uzun nickte einigen bekannten Gesichtern mit einem müden Lächeln zu und setzte sich mit seinem gesalzenen Gin an einen leeren Tisch.

Zoé war auch in der Kantine. Natürlich überwiegend unbemerkt. Auch von Captain Uzun. Sie erwog für einen Moment, sich an den Tisch des Captains zu setzen. Irgendetwas sagte ihr, dass er Gesellschaft nicht abgeneigt war. Doch bevor sie sich entschließen konnte, kam ihr jemand zuvor. So konnte Zoé, mehr oder weniger freiwillig, das folgende Gespräch mithören, das sie später auch den Kameraden berichten würde.

CPT Katsuo Uzun
SPC Kara Lance

 „Captain, schön sie hier zu sehen.“

Uzun sah auf, rückte die Brille zurecht und lächelte matt: „Specialist Lance. Wie ich sehe, ohne Datentableau sondern mit einem russischen Starkbier.“

„Darf ich?“

„Sicher, bitte. Setzen sie sich frei.“

„Danke, Sir.“

Die heute gar nicht mehr so jung erscheinende Blondine setzte sich. Und das fiehl ihr gar nicht so leicht. Ihre Bewegungsfreiheit am rechten Oberschenkel oder der rechten Hüfte war sehr eingeschränkt. Fast wirkte es, als habe sie ein steifes Hüftgelenk. Beim gehen oder stehen blieb es jedoch unbemerkt. Ihr Umgang damit war routiniert. Es plagte sie wohl nicht erst seit vorgestern. Als sie saß, blickte sie sich ein wenig in der Lounge um, dann beäugte sie ihren Captain genauer. Der starrte auf einen Trideo mit Sportnachrichten aus dem Kaukasus, sichtlich gedankenverloren.

„Waren ein paar harte Tage, “ sprach Lance und warf vorsichtig einen Köder ins Wasser. Der Captain riss sich los vom Trideo und gab sich einen Ruck zur Konversation.

„Für manche mehr, für manche weniger. Sie haben wieder gute Arbeit geleistet, Specialist. Sie haben mir den Kopf vom Kleinkram freigehalten, bei dieser ganzen Hau-Ruck-Operation. Wie immer.“ Ein herzlicheres Lächeln von ihm folgte, wenn auch nur kurz.

„Danke Sir,“ Lance rutschte etwas legerer in den Sessel hinein und trank recht zwanglos am Starkbier. Scheinbar hatte sie deutlich weniger Probleme formlos zu sprechen als der Captain. Das machte ihm aber offenbar nichts aus.

„Da lässt sie was nicht los, hm? Oder sind sie schon bei Operation Follow-Up?“, falls Lance damit auflockern wollte, gelang es ihr nicht wirklich.

„Es ist diese Helena, Lance,“ ein tiefes Durchatmen von Uzun, „ich kriege sie nicht aus dem Kopf. Ich glaube, das war der größte Fehler, den ich jemals in meiner Dienstzeit gemacht habe.“

Lance starrte ihn einen Moment an. Dann begriff sie, dass das vielleicht ernster war, als sie zuerst gedacht hatte. „Die Freundin von der Zielperson?“

„Ja.“

„Sie war ein drastischer Risikoposten, vielleicht noch mehr als die gesamte P-Gruppe,“ gab Lance zu bedenken.

„Nicht nachdem wir die Zielperson einfach so zurückgelassen haben. Das macht den Vermisstenstatus der Frau so sinnlos. Nicht nur ein Verbrechen, sondern auch sinnlos.“

„Warum haben sie den Befehl dann gegeben?“

Captain Uzun schwenkte den Gin abwesend und horchte tief in sich hinein bevor er antwortete.

„Man kann einer Einsatzgruppe nicht alles aufbüren. Meine Einschätzung war, dass die Gefahrenabwehr und Sicherheit der Mission diesen Schritt nötig machen würde. Und ich denke, der Sergeant wäre auch zu dem Schluss gekommen. Schließlich verlange ich vom Team, dass sie Entscheidungen zu treffen bereit sind. … Deshalb wollte ich das auf meine Rechnung nehmen. Aber jetzt… Wenn ich die Uhr zurück drehen könnte, würde ich es tun.“

„Denken sie, es gibt ein Disziplinarverfahren?“

Captain Uzun schüttelte den Kopf und sprach weiter: „Die Sache ist zu groß, der Tod zu unbedeutend, die Umstände zu dunkel.“

Lance schnaubte kurz mit einem halben Grinsen: „Hrm, willkommen in einer Welt aus Scheiße.“

„Gott, ja. Ich komm schon damit klar, Lance. Kommt gerade nur,… hart rein.“

„Das Team hat den Befehl doch ohne zu zögern ausgeführt. Haben sie nicht selbst gesagt, mit Operative Z gibt es ein gutes Korrektiv im Team? Und mit Operative R eine professionelle Meinung mit Offizierserfahrung vor Ort?“

„In einer Führungsposition können sie den Ball nicht einfach so zurückspielen, Lance. Die Operative ist nicht mehr die, die sie bei Knock and Talk oder davor war. Wir verlangen Anpassung und Engagement, das weit über das übliche hinaus geht. Auch für militärisches Personal und erst recht für halb-ziviles. – Egal, es ändert nichts. Eine Fehlentscheidung, mit der ich klarkommen muss. Und je schwerer es mir fällt, desto leichter fällt es hoffenlich dem Team.“

„Ich glaube, die Sache ist es wert gewesen, Sir. Ich habe keinen Zweifel an ihrer Führungskraft.“

Captain Uzun nickte knapp.

„Wie geht es jetzt weiter, Captain?“

„Drei Einsatzkräfte begleiten mich nach Tokio. Operative R wird die Adjutanz von der Landevorbereitung in Kiruna wieder aufnehmen. Das ist sehr gut. Ich nehme an, das Central Command wird mich weiter als Liaison für den Kunden behalten wollen. Was immer passiert, es muss in das Pazifikszenario eingepasst werden. Wir können ja nicht alles auf einen Joker setzen, den wir gezogen haben. Die Japanische Allianz braucht Reaktionspläne für alle möglichen Ausgänge. Das muss mit CCOM und den Partnern entwickelt werden. Ich möchte, dass sie, Lance, sich soweit möglich den Schreibtisch frei halten für taktische Planung und nachrichtendienstliche Verwertung, sobald wir wissen wohin wir uns entwickeln wollen. Patrickson habe ich zugesagt, dass wir die zehnte AEF nicht außen vor lassen wenn es heiß wird. Sobald wir die Freigabe für einen Planungsstab für den Folgeeinsatz der SFG 77 haben, richten sie die Einsatzzentrale auf der Cassiopeia ein. In meiner Stellvertretung, wenn ich noch in Tokio gebunden sein sollte.“

„Danke Sir. Selbstverständlich. Was ist eigentlich mit Operative N?“

„Unklar. Diese Simsense-Technologie ist ein Teufelszeug. Wir können froh sein, dass wir Operative Z nicht in diesem nicht genehmigten ‚Brain Dive‘ verloren haben. Ich hoffe mal, Operative N landet schneller wieder auf den Füßen als sie. Auf seine Kompetenz können wir nur schwer verzichten. Das haben wir gerade eben wieder erlebt. Elektronische Kriegsführung und intime Kenntnisse von Sicherheitstechnik hätte noch weitere Optionen eröffnet.“

„Und der Corporal?“

Uzun seufzte und hob die Augenbrauen: „Sankta Dominga.“

„Die Fake-Inseln für Superreiche?“

Der Captain schwenkt das Glas zu einer leeren Geste: „Manche brauchen einen Psychiater, andere eine Mini-Bar. Wie er seinen Urlaub nimmt, geht mich nichts an, solange er die Einsatzbereitschaft erhält.“

Lance schüttelt mit einem fetten Grinsen den Kopf: „Sankta Dominga. Die geleckten Sternchen werden ja jubeln, wenn er sein Handtuch am Strand ausrollt.“

Der Captain brachte nur ein schwaches Nicken zustande.

Das Ende von Kimono

Am frühen Morgen des 22. Februar 2073 war die SFG 77 in einen leeren Lear-Cessna Platinum gestiegen und hatte den Weg ins Unbekannte angetreten. Captain Uzun hatte das Nachsehen, als sich die geschickt inszenierte Scharade der Miru erfüllte. Kappa YC war das Ziel gewesen. Dort entfaltete sich die geheime Bestimmung von Operation Kimono und endete in der Zusammenführung der drei Geschwister – Miru, Kiru, Asiru – zur neuen, alten Tochter Yutani.

Die Gegenleistung dafür, benutzt worden zu sein, bestand im Wesentlichen aus geschenkter Zeit und Selbstbestimmung darüber. Hatte Miru alles daran gesetzt, nichts dem Zufall zu überlassen und als „Hand Gottes“ die Weichen zu stellen, dann war man auf dem Suborbital nun plötzlich mit dem genauen Gegenteil konfrontiert. Alle Möglichkeiten schienen offen zu stehen. Man entschied sich für Beijing, um dort Atra Khalipour zu suchen – und letztlich zu finden. Zwar standen zuerst Bricks und Régicides Schicksale im Vordergrund, doch alsbald nahm Beijing auch die anderen in die Umarmung. Spätestens die Bergung der Gallerie des Feuers ließ erahnen, dass die Bande zwischen den Mitgliedern der SFG 77 mittlerweile über einen gemeinsamen Arbeitgeber hinaus gingen.

Um die von Miru inszenierte Scharade zur Deckung weiter zu nutzen, brachte das SFG 77 den altbekannten Frederic Denton als möglichen Verhandlungspartner für Operation Kimono ins Spiel. Daisuke Hiku, der Customer Agent der Yutani Corporation, verantwortlich für die Position seines Konzerns im Pazifikkonflikt, nahm die Anregung dankend auf. Inwieweit dies mit Billigung und Wissen von Miru (oder ihrer neuen Gestalt) geschah, blieb unklar.

In Kapstadt stellte sich letztlich heraus, dass Frederic Denton eine gute Wahl gewesen war. Allerdings waren die Umstände schwierig. Es brauchte gehörigen Druck, gute Angebote und vor allem eine Gruppe fähiger Unterhändler, die alle am gleichen Strang zogen. Insbesondere durch die loyale Unterstützung durch die SFG 77 wurde letzteres erreicht. Frederic Denton und seine Kinder konnten gerettet werden. Sein Geständnis zeigte, dass sich die Beharrlichkeit und die gute Erinnerung an die Hintergründe von Operation Whiplash gelohnt hatten. Die kantonesischen Angreifer hatten diesen komplexen Schachzug verloren. Operation Kimono konnte endlich enden.


In Tokio wartete ein lang ersehntes Wiedersehen, als die SFG 77 am 08. März 2073 – nach 15 Tagen ohne Lebenszeichen – wieder aus den Schatten auftauchte. Captain Uzun hatte bereits einen Graben in die Korridore der AIMS Cassiopeia getigert, wo sich die Operationsleitung für Operation Kimono befunden hatte. Und wieder ging die SFG 77 in die Geschichte von AIM ein: noch nie hatte eine Sondereinsatzgruppe eine Mission mit so wenig Stabsunterstützung absolviert. Im Customer Office der Yutani Corporation in Tokio kam es zu den Nachbesprechungen, die in enger Abstimmungen mit den Unterhändlern und Daisuke Hiku stattfinden sollten.

„Meine Herren, Miss Miller, sie können sich vorstellen, wie glücklich das CCOM und ich waren, als wir von einer erfolgreichen Beendigung von Operation Kimono gehört haben. Das waren wahrscheinlich die längsten zwei Wochen meiner Dienstzeit. Es fällt schwer, gute Leute sich selbst überlassen zu müssen. – Wie mir Daisuke Hiku eben berichtet hat, haben die drei Unterhändler dem Japanischen Consortium berichtet. Es ist noch nicht entschieden, wie viel von den Ergebnissen wir erfahren werden. Aber eines ist schonmal sicher: Frederic Denton war ein Volltreffer. Es gibt bereits Rahmenpläne für eine Folgemission, die der unmittelbaren Gefahrenabwehr dienen wird. Ich denke ich kann soviel sagen: die COC verfolgt einen großangelegten Drei-Stufen-Plan, über den Mister Denton wohl intime Informationen besitzt. Wenn er sie teilt, werden wir schnell handeln müssen. Die Initiative liegt nun bei uns.“

Daisuke Hiku, der ältere Japaner mit wachem Geist und gutmütigem Lächeln nickt und stimmt den Ausführungen von Captain Uzun zu. Die SFG 77 sieht den Customer Agent zum ersten Mal in Person. Er war also wirklich keine bloße Illusion der Miru.

„Die Yutani Corporation hat Klugheit und Weitsicht bewiesen, dem Hinweis nach Frederic Denton nachzugehen. Die Ergebnisse übertreffen die Hoffnungen.“ Daisuke Hiku lächelt der SFG 77 schelmisch zu. Auch wenn wohl bisher noch immer nicht bekannt gemacht wurde, wer Denton als Ziel ausgewählt hatte, so scheint es wenigstens Daisuke Hiku nicht vergessen zu haben. „Sie haben erheblichen Anteil daran. Tameo-san war sehr zufrieden mit der Loyalität und entschlossenen Handlungskraft ihrer Leute. Und sogar der übereifrige Kenjiro-san, der seiner inneren Jugend gemäß viel zu viel Ideale und Hoffnungen in die Sache legte, kann nun darauf hoffen, dass mit Frederic Denton ein Rechtsverfahren von Relevanz in greifbare Nähe rückt. Nicht zuletzt wird auch Susila Tambusai mit einem beachtlichen Erfolg zurück nach Jakarta kehren. Soweit ich infomiert bin, wird das ihre Oberen eher überraschen. Sie soll sich sehr gut eingebracht haben. In der Zeit zwischen der „Eskalation“ und der Befreiung der beiden Kinder gelang es ihr, Frederic Denton sicher auf unsere Seite zu manövrieren. Das wäre wahrscheinlich weder Tameo-san noch Kenjiro-san gelungen. – Wie wird es nun weiter gehen? Ich möchte etwas mehr enthüllen und ergänzen, dass die COC plante, Frederic Denton als Agenten weiter zu führen und in den Medienkrieg um den Pazifikkonflikt schadbringend einzusetzen. Diese Rolle sollte er wohl in diesem Drei-Stufen-Plan zu späterer Zeit wieder aufgreifen. In diesem Zusammenhang hätte er auch seine alten Kollegen der Xunxao Gongsi ins Verderben stürzen sollen. Doch nun sieht es anders aus. Er hat bereits angekündigt, die anderen drei verdächtigten Executive Officers zu entlasten. Claudine Montbruillard wird nach seiner Aufforderung aus dem Untergrund auftauchen und für Befragungen zur Verfügung stehen. Letztlich…“ Daisuke Hiku räuspert sich mit einem schalkhaften Lachen, das jedoch eine wölfische Note nicht vermissen lässt, „…haben sie wohl damit auch die Missionsziele von Operation Whiplash erfolgreich vervollständigt. Alle vier XO sind in den Schoß Japans zurückgekehrt. Katsuo-san darf sich glücklich schätzen, solche Samurai in seiner Armee zu wissen!“

„Zu freundlich, Daisuke-dono,“ der Captain rückt die Brille etwas irritiert zurecht und wendet sich wieder an das Team. „Sie haben es losgetreten. Jetzt müssen sie das Endspiel auch beherrschen, meine Herren. Sie haben fünf Tage Freistellung, dann möchte ich sie gerne auf der Shigeruu wissen, für  Vorbereitungen auf Operation Ancient Mariner. Alles muss schnell gehen, unser Zeitfenster ist klein. Aber es wird eine Operation aus dem Lehrbuch für Sondereinsatzkräfte. Wichtig ist, dass wir den Speer jetzt weiter in die Flanke des kranken Tieres treiben.“ Unklar, ob der Captain die bildhafte Sprache gewählt hate, um Daisuke zu beeindrucken, aber der nickt jedenfalls verzückt. „Specialist Goodfellow ist bereits mit der Trainingsvorbereitung instruiert. Er wird ihnen diesmal zur Unterstützung im rückwärtigen Raum zugeteilt. Weitere Dinge klären wir dann bei der Einsatzvorbereitung. Sie können wegtreten.“

Als sich Daisuke Hiku und der Captain anschicken abzugehen, wendet sich der Captain nocheinmal außerhalb des Protokolls leiser an Norge:

„Mister Svenson. Hören sie… Frederic Denton und seine beiden Kinder verdanken ihnen scheinbar das Leben. Ich weiß nicht, ob ihnen das klar ist. Der Einsatz war ja wohl ziemlich rauh und unter Zeitdruck. Bisher ist ja nicht klar, ob der Einsatz zur Gänze freigegeben wird. Ich habe also nur oberflächliche Eindrücke davon, was genau passiert ist. Mister Denton hat jedenfalls gegenüber dem CCOM gebeten, dass man Ihnen seinen aufrichtigen Dank ausrichtet.“

Für Zoé hat CPT Uzun dann das letzte Wort übrig:

„Sehr schöne Haarfarbe übrigens, Miss Miller. Schön, dass sie sich langsam mit der Rasurordnung des AIM-Personals arrangieren können. Das steht ihnen wirklich gut!“

Golden Gap Debriefing

An die Einsatzgruppe

Sehr geehrte Herren,
Sehr geehrte Frau Miller,

lassen Sie mich zuallererst meine Bestürzung über die erlittenen und erheblichen Verletzungen sowie den heftigen Ausgang von Operation Golden Gap zum Ausdruck bringen. Auch SPC Lance, die Ihre Evakuierung aus Yunnan wesentlich koordinierte, wünscht Ihnen rasche und vollständige Genesung.

Erst vor wenigen Stunden haben wir Ihre Berichte und Materialien erhalten. Auch wenn Sie sich zurzeit noch in Yangon City, Avar, befinden, möchte ich Sie dennoch über erste Ergebnisse und auch weitere Schritte informieren.

Zu ihrer Lage: Corporal Svenson wird noch heute mit einem AIM Flug von Yangon über Java nach Tokio gebracht, wo seine schweren Verletzungen behandelt werden. Sein Zustand ist nach wie vor lebensbedrohlich. Mrs. Miller und Mr. Morellè werden nach Rücksprache mit Behörden in Avar vor Ort, in Yangon, behandelt. Ein Sicherheitsteam wird den Krankenhausaufenthalt begleiten und für Ihre persönliche Sicherheit sorgen. Corporal Milestone wird übermorgen zum Dienst auf die AIMS Cassiopeia zurückbeordert.

Zu den Ergebnissen der Datenauswertung: Ausgehend von Ihren rudimentären Bild- und Tonaufzeichnungen, den Aufzeichnungen des Operative 84 sowie den sichergestellten Datenträgern aus zwei Büros des örtlichen Leitungspersonals fügt sich ein begrenztes Bild zusammen. Den aktuellen Stand will ich Ihnen mitteilen. Alles weitere wird wahrscheinlich Verschlusssache werden.

Die Anlage scheint tatsächlich eine Einrichtung des Cantonesischen Ministeriums für Staatssicherheit, Büro 8, zu sein. Die Bunkeranlage selbst wurde möglicherweise schon in den 2020er Jahren errichtet, aber nie für ihren ursprünglichen Zweck genutzt. Der Grundriss der „ARena“ sowie die von ihnen sichergestellte Liste von „Layers“ gab uns einen sehr wichtigen Hinweis. Die Anlage scheint ein Horchposten beziehungsweise eine Überwachung bestimmter Matrix-Hosts zu sein, die mit mehreren illegalen Gruppierungen und dem sogenannten „Shadowland“, eine Art illegales Matrix-Netzwerk, in Zusammenhang steht. Wir haben leider nicht genug Informationen um es voll zu verstehen. Es scheint so, als werden von der Anlage aus die Matrix-Hosts in der Layer-Liste überwacht. Und nicht nur das. Die „ARena“ arbeitet scheinbar mit Augmented Reality. Das bedeutet, der Grundriss wird dazu genutzt aktiv in den beobachteten Hosts einzugreifen und zu interagieren.

Die von Ihnen gesicherten Daten aus den Büros legen nahe, dass in der Anlage auch mehrere Gefangene untergebracht sind, die man mit verschiedenen Methoden dazu zwingt im Sinne der COC in den überwachten Hosts einzugreifen. Der Grundriss der Anlage und die Befragung eines Gefangenen durch Mrs. Miller geben außerdem Hinweise, dass hierbei massiv SimSense zum Einsatz kommt, um Szenen aus den überwachten Hosts aufzuzeichnen und Gefangene vor Ort gezielt zu manipulieren. Leider fehlt uns sowohl eine Gefangenenliste als auch ein Überblick über die SimSense Datenbank, die dort gepflegt wird. Insgesamt dient die Anlage also vorrangig der digitalen Spionagetätigkeit bei gleichzeitigem Verhör und erzwungenem Einsatz von gefangenen „Agenten“ vor Ort.

Atra
Ma Fan Tau

Die Frau mit dem Namen Atra scheint ebenfalls eine Gefangene gewesen zu sein. Allerdings eine sehr spezielle. Sowohl der Bericht von Mr. Morellè als auch ein von CPL Milestone sichergestelltes Datentableu bezeugen, dass diese „Kreatur“ durch einen Pakt an den Stationsleiter Ma Fan Tau gebunden wurde. Bei ihr handelt es sich der Dienstanweisung an den Stationsleiter zufolge um eine gefangene „Sila“. Eine Kreatur, deren übernatürliche Fähigkeit darin liegt, Menschen in Pakte zu binden. Diese Fähigkeit hat sie in den chinesischen Triaden zum Einsatz gebracht, indem sie hochrangige Triadenbosse an sich band und steuerte. Nun wurde sie kürzlich vom Ministerium für Staatssicherheit gefangen und arkan geknechtet. Der Bunker im Dali-Phänomen war scheinbar das optimale Gefängnis, um sie vor einer Flucht oder Kontaktaufnahme abzuschirmen. Von dort aus zwang man sie über die „ARena“ ihren Einfluss auf die Triadenbosse im Sinne der COC weiter auszuüben.

Die Dienstanweisung an den Stationsleiter enthielt neben Erkenntniszielen für den geheimdienstlichen Einsatz dieser Atra auch Codenamen um sie zu zwingen und zu binden. Diese sind nach dem Tod des Stationsleiters leider ungültig geworden. Auch gab es eine Beurteilung ihrer arkanen Natur. Eine Sila geht wohl als mythologisches Wesen zurück auf die Zeit des antiken Assur. Man rechnet sie zu den Efreet. Es sollen Kreaturen sein, die aus rauchlosem Feuer geschaffen wurden und durch deren Hilfe die Könige Assurs ihre Schreckensherrschaft über die Menschen durchsetzten. Dazu nutzten die Sila ihre Fähigkeit, Pakte zu schließen, denen die „Sterblichen“ nicht mehr entkommen konnten. Diese „Atra“ wurde aber erst vor kurzem erschaffen. Als Erschaffungsjahr wird 2060 vermerkt, als Beschwörer ein Magier oder Schamane mit dem Namen „Le Roi“. Inwiefern diese Atra, dieser Magier, die Triaden und das Büro 8 genau zusammen hängen blieb leider unter dem Felsmassiv zurück. Da diese Atra jedoch von der COC gezwungen wurde, nach deren Pfeife zu tanzen, wird ihre Befreiung aus der Gefangenschaft derzeit als positiv aufgefasst. Sie verfolgt nun wahrscheinlich wieder ihre eigene Agenda – oder die ihres Erschaffers.

Wir vermissen also wesentliche Puzzlestücke. Insbesondere die Liste der Gefangenen und eventuelle Metadaten über die SimSense-Datenbank. Unfraglich sind die geborgenen Erkenntnisse jedoch ein herber Schlag gegen Büro 8 und die COC. Man wird eine Cyber-Offensive vorbereiten um die Matrix-Hosts aus der Layer-Liste aufzuspüren und zu infiltrieren. Die ARena kann nach diesem harten Anschlag in bisheriger Form sicherlich nicht mehr weiter betrieben werden.

Weitere Folgen: Der Intelligence Branch wurde bekannt gemacht, dass ihre SIN für die COC und deren alliierten Staaten auf eine „stille Bann-Liste“ gesetzt wurden. Wir gehen davon aus, dass die Bild- und Tonaufzeichnungen vom Einsatzteam erfolgreich nach außen übermittelt werden konnten und in Folge eine rasche Identifizierung möglich war. Von einer Einreise in die COC sowie deren Bündnispartner ist daher stark abzuraten. Für CPL Milestone und CPL Svenson bedeutet dies ein formales Reiseverbot von Seiten der AIM.

Herzliche Grüße,

CPT Katsuo Uzun

Das Kiru-Protokoll

Central Command
AIMS Cassiopeia, 23. Februar 2072.
Protokoll Anhörung CPT Katsuo Uzun.
Vernehmung zum Verdacht auf Vertragsbruch und Verletzung der Führungspflicht im Rahmen der Operation Blue Shark.
Vertraulich.

Major: Kommen wir zum wesentlichen Punkt der Anhörung. Captain Uzun. Wahrscheinlich werden Sie ohnehin die Absicht verfolgen uns so schnell wie möglich den Erfolg des Einsatzes vorzuhalten, also können wir das genausogut direkt hinter uns bringen. Beurteilen Sie also bitte die Missionserfüllung von Operation Blue Shark aus Ihrer Perspektive.

CPT Uzun: Sicher, Sir. Die Einsatzgruppe hatte drei Ziele zu erfüllen. Die Erkundung der Kailinie für ein Landemanöver. Dieses Primärziel wurde erreicht, nachdem eine Abstimmung mit dem Sicherheitsdienst erfolgt und die Kooperation der Anlagenaufsicht sicher war. Brände, Schäden und die Präsenz möglicher Feindkräfte wurde durch die Einsatzgruppe gemeldet und drei Landungspunkte als Prioritäten festgelegt. Die spätere Landung erfolgte auf Grundlage dieser Aufklärungsdaten.

Major: Ja. Weiter.

CPT Uzun: Die Einrichtung einer Meldestelle erfolgte vorbildlich. Die verschlüsselte Verbindung zum Sicherheitsdienst der Kappa YC wurde 90 Minuten nach Landgang der Einsatzgruppe hergestellt und bildete die Grundlage für die spätere koordinierte Evakuierung. – Das dritte Einsatzziel war die Klärung der Bedrohungslage vor Ort und die Unterstützung der Kameraden von der Security Branch, namentlich Chief of Security Oresson.

Lieutenant Colonel: Bleiben wir mal beim dritten Punkt und kommen zum Wesentlichen. Der Ausgang der Nacht ist ja letztlich erfreulich, angesichts geringer Verlustzahlen und der schnellen Präsenz auf Kappa YC. Das ist hier auch gar kein Thema. Ihnen wird durch die Geschäftsleitung der Yutani Corporation und dem Central Command vorgeworfen, wesentliche Vertragsvereinbarungen zwischen AIM und YC nicht in der Einsatzplanung berücksichtigt zu haben und im Zuge dessen auch der Pflicht der Führungsaufsicht nicht nachgekommen zu sein.

CPT Uzun: Sir…

Lieutenant Colonel: Die strikte Trennung zwischen Sicherheitswesen – repräsentiert durch die AIM Sektion auf der Gasanlage – und der produktiven Anlage war ein Kernelement der Vertragsvereinbarung. Es gibt ganz klare, schriftliche Verpflichtungen über eine Trennung beider Bereiche.

CPT Uzun: Die Vereinbarung erwähnte nicht, dass…

Lieutenant Colonel: Ich bin noch nicht fertig. – Durch die Entkopplung der Anlagensoftware Kiru aus ihrem Habitat haben sie maßgeblich diese Vereinbarung verletzt. Chief Oresson hat zu Protokoll gegeben, dass er über diesen Schritt nicht informiert war und das auch nicht gut geheißen hätte. Nehmen Sie dazu Stellung, Captain.

CPT Uzun: Zuerst möchte ich klarstellen, dass die Präsenz der Person Kiru sowohl Central Command als auch direkt der Einsatzleitung nicht angemessen bekannt gemacht wurde. Der Yutani Customer Agent konnte oder wollte diesen Aspekt der Anlagenarchitektur nicht preisgeben. Insofern konnte es nicht in die Einsatzplanung einbezogen werden.

Major: Ist es korrekt, dass die Teammitglieder, die Sie ausgewählt haben, die Anlagenintelligenz eigenmächtig vom Habitat getrennt haben?

CPT Uzun: Ja.

Major: Würden Sie das als eine Verletzung Ihrer Führungsaufsichtspflicht ansehen?

CPT Uzun: Nein.

Major: Sie sind also der Ansicht, dass sie jederzeit die Befehlskette aufrecht erhalten hatten und über alle Schritte informiert waren?

CPT Uzun: Nein…

Lieutenant Colonel: Dem Briefingprotokoll entnehme ich, dass sie die operative Teamleitung im Feld einem Specialist Milestone übertragen haben. Der Rang des Specialist ist kein Unteroffiziersrang, insofern können Sie hier nicht für sich reklamieren, eine angemessene Befehlskette etabliert zu haben…

CPT Uzun: Sir, die Sondereinsatzgruppe baut auf taktischen Erwägungen, die zivile und militärische Aspekte von Krisenfällen integriert. Der Specialist hatte zwei Empfehlungen zur Beförderung zum Corporal durch direkte Vorgesetzte sowie eine Bewährung im Sondereinsatz vor Norwegen. Als einer der besten Kampfschwimmer der zehnten AEF war die Entscheidung für ihn eine Sachentscheidung. Im Falle besonderer Kompetenz ist Führungsverantwortung zu begrenzten Zwecken auch Rängen ohne Führungsauftrag zu übertragen.

Major: Und die Gnomin aus der Touristikbranche, die einen Sachschaden von einer halben Millionen Nuyen verursacht hat? Ist das auch eine Kompetenzentscheidung?

CPT Uzun: Ich stehe voll und ganz zu unserer Unternehmensphilosophie, externe Kompetenzen in hybriden Krisenszenarien voll auszuschöpfen. Als Fahrzeugspezialistin und vielsprachige Übersetzerin war sie genau die Richtige. Der verlustfreie Einsatzerfolg spricht hier für meine Auswahl des Teams. An der Einbeziehung des Sprengstoffexperten Negative und des kampferfahrenen Sanitäters können Sie ablesen, dass mir der Kern des Bedrohungszenarios durchaus bewusst war.

Major: Zurück zum Thema. Ihr Kompetenzteam hat die Anlagenintelligenz eigenmächtig vom Habitat getrennt.

CPT Uzun: Wie sie dem Protokoll entnehmen können hatte der Specialist – der im Übrigen bereits zum Corporal befördert wurde – keine Chance die Trennung der Kiru vom Habitat zu verhindern. Da die freien Kontraktnehmer eigenmächtig handelten, wurden sie mit Vertragsbruch sanktioniert. Ihnen wurden Ersatzansprüche und die Honorarzahlungen gestrichen.

Major: Das ist mir zu einfach. Sie haben ihre Einsatzrichtlinien nicht durchsetzen können!

CPT Uzun: Major, bei allem Respekt: die Komplexität des Szenarios erlaubt es nicht, nach traditionellen Mustern zu handeln. Sie brauchen flexible Spezialisten mit Spielraum für Selbstverantwortung, um in solchen dynamischen Szenarien reagieren zu können. Wenn Sie den Einsatzverlauf rekonstruieren werden sie sehen, dass Innovation und unkonventionelles Handeln maßgeblich zum Erfolg beigetragen haben. Das sehen sie beispielsweise an der Auswertung der Personaldatenbank oder die Betäubung und Gefangennahme der kantonesischen Angreifer. Und ebenso darf ich darauf hinweisen, dass diese Kiru im Habitat ihre Entkopplung selbst als Wunsch geäußert hat und damit möglicherweise eine Willenserklärung im juristischen Sinne abgab. Diesem Wunsch kam Teammitglied Negative dann nach und zog den Stecker, ohne dass der Specialist hier eingreifen konnte.

Major: Sie winden sich heraus mit Spitzfindigkeiten. Wir haben den Operative 84 auswerten lassen. Er bestätigt Teile der Aussagen und straft andere Lügen. Insbesondere alles was im Habitat geschah ist ziemlich unklar. Es besteht Manipulationsverdacht.

CPT Uzun: Operative 84 wurde durch Kiru manipuliert, das hat sie selbst eingeräumt. Die Softwarestruktur ist beeinträchigt. Die Cybertechniker sagen, Operative 84 hätte parallele Realitäten über die Ereignisse generiert. Der Arbeitsspeicher war mit 99,8% völlig überlastet. Es scheint, als hätte der Operative nicht nur aufgezeichnet was geschehen ist, sondern auch was hätte sein können. Kiru hat die Prozessstruktur des Operative 84 damit völlig demontiert. Er ist für keine Datenauswertung zu gebrauchen.

Major: Was ihnen zufällig sehr gelegen kommt.

CPT Uzun: Sir, diese Anhörung ist eine Farce. Erstens, die Präsenz von Kiru als mögliche Person mit weitreichenden Administratorrechten für die gesamte Anlage war der Einsatzleitung nicht bekannt gemacht worden. Zweitens, die Richtlinien für hybride Kriegsführung und die Arbeit zwischen zivilen und militärischen Szenarien decken meine Teamzusammenstellung und Vorgehensweise. Sie ist effizient und stimmt mit den Werten und Zielen von AIM überein, unkonventionelle Szenarien unkonventionell zu lösen wenn es Gewalt vermindert. Und drittens, haben die drei freien Kontraktnehmer eingeräumt einen Vertragsbruch einseitig verschuldet zu haben. Hieraus wurden bereits vertragsrechtliche Konsequenzen gezogen. Ich erachte das als einen Beweis für deren absloute Professionalität im Umgang mit Erfolgen und Fehlern. Wir verdanken den Dreien vor Ort letztlich auch die Oberhand auf der Anlage und das Überleben aller Gefangenen.

YC Customer Agent: Mir kommt da noch eine Frage, wenn ich darf, Colonel? – Denken Sie, es bestand persönlicher Austausch zwischen Kiru und Ihrem Einsatzteam, Captain Uzun?

CPT Uzun: Nein, ich denke, das kann man aufgrund der Umstände ausschließen. Die Situation war hektisch, stressig und die KI scheinbar sehr orientierungslos. Sie schaltete das Licht an und aus, war aber weiter nicht zu gebrauchen.

YC Customer Agent: [nickt]

Lieutenant Colonel: Das war ihr achter Sondereinsatz in weniger als zwei Jahren, Captain. Ihnen ist schon klar, dass sie mit ihrer Auffassung von militärischer Führung und dem Zirkus, mit dem Sie in das Gefecht gehen, früher oder später vor einem Gericht landen, nicht nur in einer Anhörung?

CPT Uzun: Vielleicht ändert sich ja auch die gängige Auffassung, bevor das passiert, Sir.

Lieutenant Colonel: Ist das ein persönlicher Angriff, Captain?