Die Geschichte von der Eidgöttin und dem Leibgardisten

Es war einmal ein König von Assur, der die gesamte bekannte Welt unterworfen hatte, von Babylon bis zur Taklamatan, bis zum alten Reich der Königin Saba. Um alle an sich zu binden, ließ er aus dem Feuer Eidgötter hervorspringen, die er an die Höfe seiner Vasallen sandte. Dort mussten sie unerschütterliche Treue schwören, mit ihrem Blut besiegelt. Die Eidgötter waren die Zeugen dieser Eide.

Die zahlreichen Eidgötter zogen bald durch alle Königreiche und besiegelten dort Verträge, Ehen und Gelübde. Und sie fanden Gefallen an der Art der Menschen zu leben. Sie fanden Gefallen an der Schaffenskraft und Lebendigkeit der Menschen. Und an ihrem tragischen Werden und Vergehen. Und an der Macht über sie.

Einige der Eidgötter begannen unglücklich zu werden und sich gegen die Fesseln des Königs von Assur zu wenden. Eine der Eidgöttinnen war besonders energisch in diesem Verlangen. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den König zu erweichen und ihm einen Wunsch abzuringen. Von ihm, dem Unbarmherzigen, der nur Befehle gab und seinen Eidgöttern keine Wünsche gewährte. Selbst seine geringsten der menschlichen Untertanen konnten dagegen mehr Hoffnung auf seine Gunst hegen.

Die anderen Eidgötter meinten, es sei die Anstrengung und Qual nicht wert, sich dergestalt in die Angelegenheiten der Menschen einzumischen, aber je mehr die Jahrzehnte verstrichen, desto mehr wuchs in der einen Eidgöttin der Groll gegen Assur, der die Schönheit der Flammen in den Augen seiner Eidgötter nicht sah und sie nur wie ein Werkzeug seiner Schreckensherrschaft benutzte.

Nun hatte der König freilich auch menschliche Diener. Und darunter eine treu ergebene Leibgarde von Kriegern und Magiermogulen. Ein großer Zwist herrschte zwischen den Eidgöttern und diesen Mogulen, denn sie misstrauten einander, beneideten sich, und buhlten um die Gunst des Assur. Der König nahm nur solche Menschen in die Garde auf, die ihren rechten Arm eine Sanduhr lang in glühenden Kohlen vergruben ohne eine Träne zu vergießen oder einen Schrei hören zu lassen. Dies galt ihm als Prüfung und Beweis, dass seine Garde gegen seine Eidgötter sehr wohl gewappnet war und den Bedrohungen des Feuers widerstehen konnten.

Unter der Magiergarde war nun einer, der dem Assur am liebsten war. Er war der tapferste und mutigste und am geschicktesten mit dem Schwert und der magischen Kunst. Aber er verbarg in sich auch etwas sehr Gefährliches. Er sah das Menschliche in allen Dingen, und er hatte einen Sinn für die Ungerechtigkeit des Königs, die er tief in sich versteckte um nicht den Zorn des Königs auf sich zu ziehen.

Die Eidgöttin kam heimlich zu diesem Gardisten und er hatte den Mut ihr zuzuhören. Und er verstand das Unrecht ihrer Knechtschaft. Und er sah ihre Schönheit an Geist und Gestalt. So schlossen sie einen Pakt: Die Eidgöttin würde dem Gardisten helfen in all seinen Kämpfen, bis er der größte und geachtetste in der Garde wäre. Sie würde ihn schützen und lehren. Er sollte der Liebste und Höchste des Assur werden. Um dann, am Ende der Tage, sich die Freiheit der Eidgöttin zu wünschen.

Und nachdem weitere Jahrzehnte vergangen waren, war der Gardist der größte Krieger des Reiches, weithin bekannt und gefürchtet und besungen. Und wie es üblich und besiegelt war, beschenkte er den Gardisten am Ende seiner Laufbahn mit Land und Titeln und, da er mit der heimlichen Hilfe der Eidgöttin der vorzüglichste und bekannteste aller Gardisten geworden war, erhielt er zudem einen Wunsch. Und er wünschte sich die Eidgöttin frei von der Knechtschaft des Assur.

Der Wunsch aber, war verräterisch, denn Assur durchschaute mit seiner Klugheit sofort, dass hier eine der Eidgötter den Leibgardisten verzaubert und gebunden haben musste. Und wie hätte er diesen Wunsch hegen können, wenn es nicht eine verbotene Nähe zwischen beiden gegeben hätte?

Assur, der Mächtige, erhob sich in seiner Rüstung vom Thron, die 400 Steine schwer war, und er nahm zwei Lanzen, jede 16 Fuß lang. Und wie es ihm zu eigen war, zielte er auf beide Verschwörer in einem Zug. Eine Lanze erhob sich gegen den unverschämten Gardisten zum Wurf, die andere gegen die Eidgöttin, die sich unter den Hofbeamten heimlich bewegte und erschrak.

Der Gardist sah das Verhängnis in den Augen des Assur gespiegelt. Mit dem linken Auge zielte er auf die Eidgöttin, mit dem rechten Auge fasste er den Gardisten fest in den Blick. Der zynische Assur brüllte: „Wunsch gewährt!“ und spannte die Arme zum Wurf. Der Gardist hatte nichts als den Tod zu erwarten. All seine Rüstung, seine Zauber und Waffen hatte er bereits abgelegt. Nur eine handvoll Sand und Asche verblieben ihm in der Tasche. Genug um ein Auge des Assur zu blenden. Er blendete das linke, dann durchbohrte ihn des Assurs Speer und schleuderte ihn zu Boden.

Der zweite Speer aber, verfehlte die Eidgöttin, da des Assurs linkes Auge vom Staub und Sand gereizt war. Und der Wimpernschlag genügte, dass der gewährte Wunsch sich erfüllen konnte. Die Eidgöttin verschwand in der Feuerschale, aus der sie einst gesprungen war. Doch bevor sie die Flammen umschloss, zog sie den tötlich verwundeten Gardisten mit hinein. Die Eidgöttin war die erste, die dem Assur entkam und das Feuer aus seiner Gewalt befreite, aber sie sollte nicht die letzte gewesen sein. Und man sagt sich, dass man sie und auch den tapferen Gardisten in einem guten Feuer sehen kann, wie auch sie dann zurückblicken und manchmal sogar heraustreten, um ihre Geschichte denen, die am Feuer sitzen, zu erzählen. Und seitdem opfern die Menschen also Gaben im Feuer, auch ohne des Königs Willen und Wissen. Denn die Kraft der Eide ist nun frei von des Königs Willkür.