Vorbemerkung

Sehr wahrscheinlich ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des verdienstvollen Biodiversity Grain Projects Dahomey ein Begriff, immerhin verfolgt es in diesem Land eine ambitionierte Agenda zur Nahrungsmittelversorgung in Afrika. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass mein Name oder meine Tätigkeit für das Projekt sonderlich bekannt ist.
Seit 2070 untersuche ich für Miss Anette Armière vor Ort in Westafrika die schwierige Sicherheits- Menschenrechtslage, Korruption und Medienlandschaft; seit 2072 in Dahomey. Ich bin Miss Armière zu großem Dank verpflichtet und ich möchte keinesfalls gegenüber ihr oder dem BGP undankbar erscheinen. Doch bedauerlicherweise hat sich zunehmend ein angespanntes Verhältnis zwischen mir und ihr entwickelt. Es gründet auf einer gänzlich unterschiedlichen Auffassung der Rolle ethnischer Gruppen in Dahomey und der Komplexität der Lage vor Ort.
Ich weiß, dass Miss Armière meine Berichte an das BGP zensiert und verändert hat. Mehrmals hat sie mich dazu genötigt meine Beobachtungen auf eine „Konzernlinie“ (ihre Worte) zu bringen. Sie erachtet mein Urteil als Außenseiter, der ich nunmal bin, als fehlgeleitet und veraltet. Sie ist der Ansicht, dass mein Urteilsvermögen durch Vorurteile und Klischees verdorben ist. Sie hat mich mehrmals „zurechtgewiesen“ und belehrt, dass Dahomey sich zu einem Staat der Konzernwelt entwickelt hat, in dem alte, ethnische Bruchlinien nur noch von schlechter Rhetorik zeugen. Ich teile diese Ansicht ganz und gar nicht. Und ich habe mittlerweile solche Bedenken, dass ich eine Richtigstellung für nötig erachte. Ich möchte die wichtige Arbeit des BGP nicht gefährden. Daher habe ich mir erlaubt, dieses Dossier über Dahomey an Miss Armière vorbei an die Projektleitung zu senden.
Meiner Einschätzung nach herrscht in Dahomey eine höchst komplexe Gemengelage ethnischer Gruppen, die sich viel stärker mit dieser Identität identifizieren, als es die öffentliche Wahrnehmung gemeinhin tut. Auch seitens der föderalen Regierungsstrukturen und öffentlichen Verwaltungen sind diese Bruchlinien nicht anerkannt. Für eine Arbeit (des BGP) in Dahomey erscheinen sie mir jedoch extrem wichtig. Man kann den Alltag der Leute nicht verstehen, wenn man diese Strukturen unter der Decke des vordergründigen Alltags nicht kennt – oder anerkennt.
Evan Choi
Die Geschichte und Identität von Dahomey
Dahomey ist ein Staat in Westafrika. Er grenzt im Westen an Guinea, im Norden an Mali und Niger, im Osten an Nigeria und im Süden an den Golf von Guinea. Dahomey ist eine föderale Republik, bestehend aus vierzehn Bundesstaaten. Ein Bürger Dahomeys nennt man Dahomee.
Dahomey entstand aus dem Zusammenschluss von fünf afrikanischen Staaten: Benin, Togo, Ghana, Burkina Faso und der Elfenbeinküste. Nach vier Jahren diplomatischer Vorarbeit wurde die Verfassung von Dahomey 2041 ratifiziert. Die Bezeichnung “Dahomey” steht in Tradition zum historischen Königreich Dahomey, das bis zur Eroberung durch die Franzosen Ende des 19. Jahrhunderts den südlichen Teil der Staaten Benin und Togo umfasste. In der Struktur von Dahomey wurden alle kolonialstaatlichen Grenzziehungen verworfen; es gab eine Rückbesinnung auf ethnische Gruppen, Stammesbezirke, gemischt mit modernen Strukturen, aus denen letztlich die Bundesstaaten von Dahomey entstanden. In vielen Bereichen sind heute grenzen gar nicht oder saisonal definiert.
Dieser innovative Umgang mit Grenzen betrifft nicht primär Bodenrechte, sondern die Grenzen in unseren Köpfen – und den Köpfen der Bürger von Dahomey. Die Absicht der Regierung war eine Überwindung ethnischer Gewalt und der unendlichen Zersplitterung der westafrikanischen Völker durch einen Plan in zwei Schritten. Zuerst sollte das, was zusammengehört, wieder zusammengebracht werden. Dazu wurden alte Grenzen eingerissen und die Freizügigkeit der Volksgruppen als hohes Gut erklärt. Familien und Traditionen konnten nach Jahrhunderten der Trennung endlich zusammenfinden. In einem zweiten Schritt sollte auf der Grundlage dieser freizügigen Gemeinschaften eine Gesellschaft des größeren Ganzen errichtet werden. Eine Integration der historischen, ethnischen und traditionellen Vielfalt. Der Weg hierzu sollte Demokratie, Wirtschaft und Weltoffenheit darstellen. Dieser „Große Bund“ ist das erklärte Ziel Dahomeys. Und für gewöhnlich wird anerkannt, dass es Dahomey gelang, dieses Ziel zu verwirklichen.
In Dahomey gibt es keine formalen ethnischen Trennungen mehr. Es darf frei gehandelt, geheiratet, gefeiert und gearbeitet werden. Diskriminierung ist verboten. Jeder hat gleichen Anteil am Reidhtum des Landes und Bildungsbemühungen haben vormals randständige Bevölkerungsgruppen in die soziale Mitte gehoben. Es ist eine beachtliche Errungenschaft, dass im öffentlichen Leben Dahomeys die Einheit hergestellt wurde, die man sich so sehnlich gewünscht hatte. Umfragen zufolge identifiziert sich Dahomeys Bevölkerung heute vor allem mit zwei Dingen: der Verfassung und den gemeinsamen, traditionellen Wurzeln aller ehemaligen Volksgruppen. Die Stammesdünkel von einst sind überwunden.
Dies wird jedoch im gelebten Alltag der Dahomey durch immer wieder zu beobachtende Widersprüche und auch Konflikte widerlegt. Die Einheit Dahomeys ist nicht vollkopmmen, wie man uns glauben lassen will. Die Art und Weise, wie die feinen Regeln des Zusammenlebens ausgestaltet sind, wie die Behörden entscheiden und verwalten, wie Gleiches ungleich gemacht wird, zeigt auf, dass Dahomey es lediglich perfekt erlernt hat, Diskriminierung und Ungleichheit zu verstecken.
Das Phänomen „New-Old Africa“
Das beste Beispiel dafür, wie Dahomey seine Fassade der Einheit aufrecht erhält, ist das Phänomen des New Old Africa.
Ein Bauernhaus aus Holz und Lehm, mit Solardach und Satellitenschüssel, offener Feuerstelle und Erdheizung sowie Wasseraufbereiter und Klimaanlage, wo ein alter, mit Diesel betriebener Traktor neben einer neuen Säh&Mäh Drone arbeitet. Fast jeden Tag kommt ein E-Lastwagen, manchmal mit Fahrer, manchmal ohne, der Produkte abholt und Online-Bestellungen liefert und welcher von vielen Einheimischen als Taxi benutzt wird.
Solche und ähnliche Szenen belegen die unglaubliche Technisierung und Zukunftsvision, die Dahomey so einzigartig macht. Es ist diese neue Inspiration des Afrofuturismus, die das Leben so radikal umgestaltet hat, dass man schwer hinter die falsche Fassade einer idealen, politischen und sozialen Einheit blicken kann. In der Begeisterung für diese Vision wurden alle Lebensverhältnisse radikal umgestaltet. Und dieser euphorische prozess hat die alten Brüche zwischen ethnischen Gruppen, Vorurteilen und zementierten Ungleichheiten nur besser versteckt, als es ehemals der Fall war.
Ich werde dieses Thema wieder aufgreifen, vorerst aber eine etwas nüchterne Beschreibung des modernen Dahomey und seiner futuristischen Umbrüche geben.
Struktur und Modernisierung
Dahomey brachte in den letzten 30 Jahren einige schwerwiegende Veränderungen und Umstrukturierungen hinter sich und wurde von Grund auf neu geordnet. Die herrschenden Verhältnisse haben sich grundlegend umgekehrt. Das Land hat sich in kürzester Zeit von einem der ärmsten Länder der westafrikanischen Region zu einem internationalen Aufsteiger und äußerst beliebten, weil zuverlässigen, Handelspartner gemausert. Auf dem IHDI (Inequality-adjusted Human Development Index) ist Dahomey von Rang 168 innerhalb von fünfzehn Jahren auf Rang 53 nach oben geschnellt, zehn Jahre später bereits auf Rang 42, und stand damit auf einer Stufe mit großen südamerikanischen Nationen oder der Russischen Föderation. Auf dem IHID des Jahres 2070 stand Dahomey auf Platz 19. Eine derartig rasante Entwicklung gab es noch nie innerhalb der modernen Menschheitsgeschichte.
Diese Vielzahl von Maßnahmen haben in den letzten Jahren Billionen von Dollar verschlungen. Es gab Entschuldungsabkommen mit Nachbarstaaten und die Aufnahme lukrativer Handelsbeziehungen. Es wurde flächendeckend für die Schulbildung der jungen Generation und für die Verbreitung der französischen und auch englischen Sprache gesorgt. Es galt das unbedingte Ziel, die junge Generation auf ein Bildungsniveau westlicher Länder zu heben. Die erwachsene und schwer beschulbare Bevölkerung wurde intensiv als Arbeitskräfte in die notwendigen, infrastrukturellen Maßnahmen eingebunden.
Es wurde eine Null-Toleranz-Politik in Bezug auf extremistische Strömungen propagiert und ein soziales Netz für die Bevölkerung etabliert. Das Land ist mittlerweile in europäische und transnationale Zahlungssysteme, wie TARGET-5 und TAPSS-2, eingebunden, was die Kreditwürdigkeit weiter untermauert und Dahomey für internationale Geldanlagen interessant gestaltet und als einen sicheren Hafen in Zeiten globaler Krisen etikettiert.
Wirtschaft, Technik, Ackerbau
In Dahomey geben sich mittlerweile hochlukrative Geschäfte, Stadtbildungsprozesse, High- und Fin-Tech Startups die Klinke in die Hand. Man macht es all diesen Unternehmen leicht, in diesem Land ihren Bestrebungen und Forschungen nachzugehen. Weiterhin wurden Wissenschaftler abgeworben, rekrutiert und außergewöhnlich attraktiv entlohnt. Man gründete Think Tanks, generierte Infrastruktur an allen notwendigen neuralgischen Punkten. Die Patentleistung schoss in den letzten 15 Jahren in die Höhe: mittlerweile stammen viele tausende aus Dahomey.
Insbesondere in den Bereichen Materialtechnik, Nanoelektronik, NeuroScience und Artificial Intelligence gibt es erstaunliche Entwicklungen. Besondere Ambitionen hat das Land in der Weltraumforschung: In der Atmospherical/ Environmental-Tech oder Extraterrestrical und Terraforming-Tech werden neue umsetzbare Ideen geprüft und geschaffen. Zweiundzwanzig Nobel Preise in verschiedenen Sparten gingen in den letzten 20 Jahren an Wissenschaftler aus Dahomey.
Der Orichalkum-Abbau ist ein hässlicher, landschaftszerstörender Prozess. Das Mineral ist in feinsten Partikeln im Boden verstreut, somit muss, wie beim Abbau manch andere seltener Erden, die gesamte Landschaft umgegraben, gewaschen, gesiebt und gefiltert werden. Zurück bleibt im schlechtesten Fall eine verkraterte Mondlandschaft. Im besten Fall entsteht ein jungfräulicher, mineralreicher, lockerer Boden, welcher zwar über Jahrzehnte die Spuren metamenschlichen Eingriffs zeigt, gleichzeitig aber von der Natur zügig zurückerobert werden kann. Dahomey hat sich hierfür stark eingesetzt.
Als eine der ersten großen Technologieprojekte war die Entwicklung modernster Abbaumethoden und Raffinierungsmethoden, welche aber nicht im eigenen Land zum Einsatz kamen, sondern in den Nachbarstaaten zum Kauf angeboten wurden. Gleichzeitig wurden Raffinerien errichten, so das Roherz aus Nachbarstaaten angekauft werden konnte. Schnelles Geld liegt im Abbau, das große Geld in der Raffinierung und Veredlung der Elemente.
In Dahomey ist man noch einen Schritt weiter gegangen. Durch das Erwachen wurden große Teile der Agrarflächen des Landes in einen erwachten, vorzeitlichen Zustand zurückversetzt. In einer umfassenden Bodennutzungsänderung hat man den größten Teil dieser Flächen zu Naturschutzgebieten erklärt und die Abbaugebiete des Orichalkum, größtenteils Savanne, zur neuen Agrarfläche deklariert. Der nach dem Abbau zurückbleibende Untergrund eignet sich als Agarfläche sehr gut, besonders wenn er durch Wiederaufbereitungsprozesse darauf vorbereitet wird. So entstand in Dahomey eines der modernsten, da weitestgehend automatisierten Agrar-Großprojekte der Welt, nach dessen Vorbild heute weltweit Lebensmittelproduktion auf problematischen Flächen stattfindet.
Außen- und Sicherheitspolitik
Diese forcierte Art der Staatenentwicklung bleibt nicht unbemerkt und ist auch nicht bei allen Nachbarn beliebt, da es Strömungen in anderen Ländern freisetzt, welche die herrschenden Klassen dort nicht tolerieren möchten. Die politischen und humanistischen Bestrebungen von Dahomey haben ganz klar erheblichen Einfluss auf die Nachbarstaaten, besonders solche, die eine Isolationspolitik etablieren. Trotz intensiver diplomatischer Bemühungen ist Dahomey einer Vielzahl von Angriffen ausgesetzt, die es abzuwehren gilt. Die größten Probleme stellen kriegerische Grenzkonflikte, über die grüne Grenze marodierende, ausländische Milizen, vereinzelte Terroranschläge, Piraterie, Daten- oder High-Techdiebstahl, Sabotage und Spionage sowie Entführungen mit anschließender Lösegelderpressung dar. Insbesondere die Graue Zone nach Nigeria und die erwachten Wüstengebiete im Norden sind hierbei neuralgische Punkte.
Die offizielle Exekutive mit Gewaltmonopol wird als „Ordnungsbehörde“ bezeichnet (Dahomey Regulatory Agency, DRA). Sie nimmt alle polizeiliche Aufgaben wahr, inklusive Verbrechensbekämpfung, Zollfragen und Wirtschaftskontrolle. Neben zentralen Behördenstellen auf nationaler oder föderaler Ebene, gibt es insbesondere kommunale Strukturen, die der Bevölkerung vor Ort viel Transparenz, Schiedsgerichtsbarkeit und Bürgernähe der Ordnungsbehörde beschehren. Entgegen der öffentlichen Aussagen herrscht hier jedoch eine erhebliche, ethnische Homogenität vor. Staatliche Exekutive vor Ort ist durch vorherrschende Volksgruppen dominiert. Diese Tatsache kann jedoch durch fehlende Statistiken nicht wirksam nachgewiesen werden.
Insgesamt ist die Ordnungsbehörde personell sehr schwach ausgestattet. Da es kein eigenes Militär in Dahomey gibt, werden die Landesgrenzen durch ausländischen Privaten Militärdienstleistern (PMC) und zumeist hochspezialisierten, kleinen Einheiten der Ordnungsbehörde gesichert. Mercenary Inc., ein in der CAS ansässiger Militäranbieter, ist seit zwei Jahrzehnten zentraler Bestandteil dieser Sicherheitspolitik. Die Firma stellt 60% des aktiven Militärs, allen voran für den Grenzschutz, sorgt für 80% der Ausbildung der Polizei- und Sicherheitskräfte, Rettungs- und Katastrophenschutzkräfte und übernimmt nahezu alle Aufgaben für öffentlichen Personenschutz, Beratung und Ausbildung sowie verdeckte und Sondereinsätze. Hinweise auf fragwürdigen Einsatz dieser Söldner reißen nicht ab. In Fällen von Fehlverhalten ist es nicht möglich die Schuldfrage auf die Auftraggeber zurückzuführen. Insofern leistet sich Dahomey hier meiner und der Ansicht zahlreicher freier Journalisten nach ein Freibeutertum.
Insbesondere der direkte Nachbar Nigeria ist ein großes Sicherheitsproblem. Aufgrund der zahlreichen Ex- und Importe, die primär über den Seeweg erfolgen, hat sich ein lukratives Geschäft mit der Piraterie entwickelt, welches von Nigeria weder verhindert, strukturell sogar absichtlich gefördert wird. Aufgrund der harten Niederlage von Nigeria im Krieg mit Dahomey 2041 sind die Spannungen beider Länder nach wie vor gigantisch. Es herrscht eine von beiden Staaten gut gepflegte Politik des Ressentiments und der öffentlichen Abscheu vor. Man könnte fast sagen, beide Länder brauchen einander als anschauliche Gegenentwürfe. Interessanterweise ist das grenzgebiet beider Länder erstanlich gemäßigt. Ich wage hier das urteil, dass dies ein Beweis dafür ist, dass auf der Ebene des alltäglichen Miteinander nicht die Identität von „Dahomey“ und „Nigeria“ ausschlaggebend ist, sondern die Familien- und Blutsbande, die auf beiden Seiten der niedergerissenen Grenzanlagen gleichermaßen leben. Die Graue Zone als Puffer ist hierfür der beste Beweis.
Ethnische Gruppen
Mehrmals habe ich bisher darauf verwiesen, dass meines Erachtens die Bedeutung der ethnischen Zugehörigkeit in Dahomey (und vielleicht auch Nigeria) massiv unterschätzt wird. Politik und staatliche Medien unternehmen gezielte Maßnahmen, diese Tatsache zu verschleiern, etwa durch die Abschaffung der Nachweispflicht familiärer Beeziehungen, durch die Bildungsoffensive für ehemals benachteiligte Volksgruppen, durch die massive öffentliche Finanzierung von Gesundheits- und Gentherapien bis hin zu Projekten zur Förderung von Cyberware und Körpermodifikation. Interessant ist auch, dass es sehr prominente Maßnahmen der Ministerien und zivilgesellschaftlichen Träger für die Gleichberechtigung aller Metatypen gibt, dabei ist die Meta-Frage faktisch überhaupt kein Problem. Einzelne Gegenbeispiele werden indessen zum Anlass übertriebener, medialer Inszenierung.
Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass der Staat Dahomey immer wieder ganz gezielt ethnische Politik betreibt. All die geschilderten Verschleierungen machen es aber fast unmöglich, der ethnischen Frage fundiert nachzugehen.
Meiner Ansicht nach, gibt es drei wesentliche Volksgruppen, die Dahomey letztlich dominieren und diese Dominanz vor allem räumlich aufgeteilt haben. Es ist jedoch sehr schwer, dies wirklich flächendeckend zu erheben. Meine Bemühungen einer „ethnischen Landkarte“ sind noch im Anfangsstadium und ich mache mir mit diesen Arbeiten in Dahomey auch keine Freunde. Tatsächlich steht es unter Strafe, Metamenschen ohne staatliche Erlaubnis ethnisch zu klassifizieren. Dennoch will ich einen Abriss wagen.
Die Hausa scheinen mir, als eine der zahlenmäßig historisch stärksten Gruppe, die politische Macht in den meisten Gebieten Dahomeys. Ich denke, dass die Odnungsbehörde maßgeblich durch Hausa bestimmt wird.
Die Igbo sind erklärtermaßen das „Herrschervolk“ in Nigeria. Es ist kein Geheimnis, dass die Elite in Nigeria sich als historisch verbrieft und zum herrschen bestimmt erachtet. Aber auch in Dahomey finden sich doch Spuren der Igbo unter dem Deckmantel der beschriebenen „Nicht-Ethnopolitik“. ich denke, dass sie vor allem wirtschaftliche Macht inne haben. Das würde, erklären, warum sich Nigeria trotz (oder gerade wegen) offener Genzen so lange so friedlich verhalten hat. Stellen die Igbo in Dahomey ein loyales, geheimes Band zum Nchbarland dar?
Die Bariba sind schwer einzuschätzen, ich habe aus Quellen erfahren, dass sie ähnlich ambitioniert wie die Hausa sind und oft Anlass zu unterschweligen Konflikten liefern, die dann aber natürlich in einem anderen gewand ausgetragen werden. Ich habe Vermutungen gehört, dass die Bariba insbesondere im Schwemmgebiet des Flusses Bura eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft spielen.
Dann gibt es noch kleinere Gruppen, die schwer zu fassen sind. Einzig die Fulbe scheinen mir hier halbwegs belastbar. Historisch waren sie eine bedeutsame Gruppe, die aber häufig am Rande der Gesellschaft standen. Sie waren die größte nomadische und zugleich muslimische Gruppe der Welt. Heute sind ihre Spuren kaum zu verfolgen. Mir scheint, dass sie nach wie vor Randregionen Dahomey bevorzugen, insbesondere die harschen Wüstenregionen bis hin zur inneren, erwachten Sahara. Es ist eine etwas gewagte These, aber vielleicht sind die Fulbe eine treibende Kraft in der Gewinnung und auch Verarbeitung von Orichalkum.
Die Fon, freilich, werden von Dahomey als Popkultur inszeniert und mit jugendlichem Rebellentum und kriminalität in Verbindung gebracht. Auch dies erachte ich als geschickte Strategie staatlicher Akteure. Angeblich sollen die Fon eine Agende des Terrorismus und der Rebellion verfolgt haben, um sich gegen die Identitätspolitik von Dahomey zu wehren. Doch dann hat man sie als schicke Gegenkultur überzeichnet. Jeder kann heute Fon sein, wenn er will. Gewaltakte der „Fon“ im engeren Sinn gelangen heute nicht mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit.
Religion
Religion ist in der radikal erwachten Region von Dahomey nach wie vor ein wichtiges Thema, besonders die durch das Erwachen erstarkten Konzepte des Yaruba, Ga und Vodun. Die Identitätsbestrebungen des Staates haben die schamanistische und rituelle Alltagspraktik stark in den Vordergrund gestellt und das Kirchliche oder institutionell Religiöse jahrzehntelang bekämpft. Man spricht von einer „religiösen Kulturrevolution“. Ich denke, dass Dahomey ein großes Interesse daran hatte die religiöse Vielfalt herunterzuspielen. Die nationale Identitätspolitik wollte ja gerade die Gräben zwischen den Volksgruppen zuschütten. Daher wird der Alltagsglaube des Vodun stark unterstützt. Er ist auf das Häsuliche beschränkt und wurde als die gemeinsame Wurzel aller Volksgruppen in Westafrika propagiert. Dies scheint auch tatsächlich gelngen zu sein. Religiöse Gewalt ist meines Erachtens kein Thema in Dahomey.
Aufgrund des immens ansteigenden Bruttonationaleinkommens pro Kopf hat sich zudem eine friedliche Majorität wenig bis nicht-religiöser entwickelt, welche die Bestrebungen des Staates gutheißen und unterstützen. Bei der Volkszählung 2059 gaben nur noch 23,4% der Einwohnerschaft traditionelle Religionen als ihren Glauben an. Der Vodun nimmt hierbei eine Sonderrolle ein. Offiziell bekannten sich 89,6% zur traditionellen Praxis des Vodun, was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt. In der gängigen Forschung wird allgemein angenommen, dass es sich bei Vodun eher um ein modisches Kulturphänomen handelt, das der Identitätsstiftung und Abgrenzung, insbesondere zu Ländern außerhalb der westafrikanischen Zone, dient.
Fazit
Ich denke aufgezeigt zu haben, dass die unglaubliche Entwicklung Dahomeys schnell darüber hinwegtäuscht, dass die nationale Identitätspolitik und staatliche Behauptungen über die Einheit und Identifikation der Bevölkerung in vielen Fällen eine Täuschung darstellt. Die Lage erscheint mir im Detail wesentlich komplexer. Es ist in meinen Augen sehr verfehlt, wenn man versucht Maßstäbe aus zum Beispiel Sierra Leone anzulegen. Konzerninteressen, nationalstaatliches Denken, staatliche Korruption oder organisierten Kriminalität sind nicht die zentralen Achsen, an denen sich Dahomey und vor allem seine Probleme erklären und unterteilen lassen.