Das Schicksal der Sophia Lun

Es ist der Tag der Entscheidung über das Schicksal von Sophia Lun. An Bord der Cassiopeia wurde die Elfe viele Tage lang intensiv verhört. Régicide hatte aus dem Hintergrund heraus die Sache aufmerksam und ungesehen beobachtet. Anfangs im Rollstuhl, dann auf Krücken. Das tat er aus gutem Grund. Denn diese Frau hatte ihn kaltblütig ermorden wollen – und er hatte sie dafür leben lassen.

Auch Naama Malik war Gegenstand von Verhören geworden. Doch dort war Régicide präsenter gewesen. Dort stand er nicht hinter Glasscheiben und in den schattigen Winkeln der Verhörzimmer. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die entwurzelte Frau zumindest durch die Zeit der Befragungen auf der Cassiopeia zu begleiten. Denn hier gab es weder Richter noch Staatsanwälte. Nur zwei Konzerne, die Antworten und Entscheidungen nach ihrem Sinne haben wollten. Und Sophia Lun war es wesentlich schlechter ergangen, als Naama Malik. Beide, Régicide und Naama, saßen also hinter der Glasscheibe im Dunkel und beobachteten die „letzte Sitzung“.

„Sophia Lun. Ich denke, sie werden das Schicksal von Finu Onbekend und Jijun nicht teilen. Sie werden leben. Wenn sie sich klug verhalten,“ begann der Customer Agent der Yutani Corporation.

Sophia schluchzte und lachte zugleich, als eine große Spannung von ihr abfiehl. Die Tage auf der Cassiopeia waren hart gewesen und hatten ihr zugesetzt. Sie schüttelte den Kopf ungläubig: „Schon wieder.“ Unwillkürlich rieb sie sich den Hals.

Der Customer Agent präzisierte: „Ja, schon wieder. Sie werden das Habitat Umiko für die nächsten dreißig Jahre nicht verlassen. Sie werden mit dem weitermachen, mit dem sie auch durch die COC gekauft wurden. Sie erforschen den Raucher, Etusan, die ganze Sache, von vorne bis hinten. Ihr Name wird auf den Zeitschriftenartikeln, den Veröffentlichungen, den Vorträgen stehen, wenn sie gute Arbeit machen.“

Naama Malik sprang auf und schlug wütend mit der Faust gegen die Glasscheibe. Keine Wirkung.

Der Agent sprach auf der anderen Seite ungestört weiter: „Dafür werden wir allerdings Sorge tragen, dass sie die Yutani-Familie nicht noch einmal verraten. Ihre Expertise gehört uns! Sie werden kontrolliert, überwacht, bevormundet werden. Kein Kontakt zur Außenwelt, es sei denn über die Forschungsabteilung in Tokyo. Sie bekommen die neue Milestone-Gruppe zugeteilt und werden genau so weitermachen wie bisher. Nur mit einer Waffe in ihrem Genick und der Loyalität bei der Yutani Corporation. Sie wollten uns benutzen? Jetzt werden wir ihren guten Namen benutzen. Wenn wir zufrieden sind, bleibt ihnen am Ende noch genug Lebenszeit, um den Ruhm und die Ehre lange Jahre zu genießen und ihr bodenloses Ego zu beweihräuchern.“

Naamas zweiter Schlag gegen die Trennscheibe war wesentlich schwächer als der erste. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Scheibe, um das reuhmütige Schluchzen der Sophia Lun nicht ertragen zu müssen. Ihr Blick fiehl auf Régicide, der ungerührt geblieben war. Mit welchem Recht konnte sich Naama hier mehr aufspielen als Régicide? Sophia Lun hatte Régicide fast getötet. Naama war nur von ihr als Köder benutzt worden. Mit einem Kopfschütteln schob sie den ganzen Scheiß trotzig beiseite. Fuck Sophia. Naama verließ das Verhörzimmer ohne über die Schulter zu blicken. Ihr Blick machte aber eines klar: Naama würde nie wieder in das Habitat zurückkehren.