Am Abend des 17. November 2073 hatte die einberufene Versammlung die Machenschaften der Agooji den Vertreterinnen und Vertretern der lokalen Gruppen enthüllt. Ulowa, Vertreter und Mitglied in der Verfassungsgruppe für die Fon, hatte seine Mittäterschaft eingeräumt. Somit war nach dem Giftgasangriff auch der Rückfallplan eines Verrats vereitelt worden.
Die verordnete Ruhepause war dringend nötig und half der SFG 77 Körper und Geist wieder in einen etwas ausgeglicheneren Zustand zu bringen. Norge und ein Arzt der Hilfsorganisation prüften die Teammitglieder (inklusive Tukka und Rafik) auf ihren Gesundheitszustand. Die ständige Belastungssituation, die Kämpfe, Verfolgungen und das Adrenalin der vergangenen Tage und Wochen hatten dafür gesorgt, dass jeder im Team einsatzbereit blieb. In der nun angeordneten Ruhephase zeigte Norges Gesundheitscheck die physische Einsatzbereitschaft, gleichzeitig schlug die Erschöpfung voll durch. Möglicherweise waren 48 Stunden Pause unbermeidbar. Am meisten hatte es wohl Negative mitgenommen. Seine innere Flamme hatte den Körper ziemlich ausgelaugt. Andererseits waren alle soweit einsatztaulich, angesichts der Umstände. – Tukka und Rafik waren kerngesund und ließen den Gesundheitscheck amüsiert über sich ergehen. Die seelische und psychische Belastung der SFG 77 galt für die beiden nicht. Sie nahmen die Ereignisse als gegeben. Sorgen waren auf die unmittelbaren Dinge beschränkt. Bedauern, Zweifel oder Zukunftsängste kannten sie nicht. Nach wie vor war es Negative, der die beiden weiterhin irgendwie an die SFG 77 band.
Mit den jüngsten Ereignissen und ihrem tatkräftigen Wirken hatte die SFG 77 sich einem Teil der Großen Zusammenkunft bekannt gemacht. Als „Fremde“ konnte das Team Aufgaben und Rollen übernehmen, die den Versammelten unmöglich waren. Interne Ermittlungen, Kampfhandlungen oder politische Intrigen waren dem Kernzweck der Zusammenkunft stark entgegengesetzt, weshalb die involvierten Akteure vor Ort die SFG 77 als eine „Spielerin auf der Tribüne“ zu schätzen begannen. Trotz Negatives Beziehung zum nigerianischen Prinzenpaar wurde die SFG 77 allgemein als eine neutrale Kraft wahrgenommen. Negatives Beziehung zur Schwarzen Idola Andikan schien kein breit bekanntes Wissen zu sein. Auch wenn man annehmen durfte, dass kundige Augen die Zeichen zu deuten wussten, gab es keine Hysterie. So boten die verschiedenen Gruppen in den Folgetagen auch verschiedene Hilfestellungen an:
- Rago lässt im Namen der Hausa ausrichten, dass er vom Wirken der SFG 77 in Nakatombe gehört habe. Er bietet dem Team an, Unterstützung nach Nakatombe zu senden. Dabei denkt er an eine zivile Instandsetzunggruppe und eine Wahlaufsicht einer „Übergangsbehörde“ (ehemals Ordnungsbehörde), die im Wesentlichen versucht lokale Infrastruktur wieder aufzubauen, politische Beobachtung und Beratung durchzuführen und die abgelegenen Gebiete auf eine Zeit nach dem Chaos vorzubereiten. Außerdem bietet Rago Zugang zu seiner Werft am Tawani-See. Neben Zugang zu Booten könnte die Werft auch für die Betankung von Helikoptern sehr hilfreich sein. Rago wartet auf eine Rückmeldung.
- Ilewin lässt unkompliziert mitteilen, dass er von Gerüchten gehört hat, wonach das Sandorakel durch die SFG 77 befreit werden soll. Er bietet seine Unterstützung für die Eroberung und die anschließende Besatzung an. Er kann zehn berittene Infanteristen und weitere zehn Soldaten in zwei leichten Fahrzeugen bereitsstellen, die im begrenzten Rahmen durch Wüstengeister getarnt werden. Die Tarnung bezieht sich vor allem auf Wärmesignatur und Staubentwicklung, z.B. bei einer Offensive. Diese Kämpfer könnten anschließend am Sandorakel verbleiben und mittelfristig verstärkt werden.
- Auch Odam möchte gerne etwas im Austausch geben, doch die Möglichkeiten der Bariba scheinen begrenzt. Er überbringt der SFG 77 Schmuckstücke aus dem alten Bariba-Königshaus und eine Art Dpesche, die er als Pfand zum Einlösen von Hilfsbereitschaft ansieht. Darin wird der SFG 77 in Bildern und Sprache eine gute Beziehung zur Familie von Odam bescheinigt. Odam hofft, dass dies hilfreich im überfluteten Schwemmland, in der Region um die Villa Tombu oder anderen Gebieten der Bariba sein könnte.
- Das Prinzenpaar bietet Negative vier Kämpfer aus der Prinzengarde für ein Vorgehen am Sandorakel an, darunter zwei Trolle, die nun im Prinzip Negatives Personenschützer sind – wenn er sie nicht anderweitig anweist. Außerdem eröffnen die Geschwister das Angebot, loyale Milizen aus der Grauen Zone zum Schutz nach Nakatombe zu senden. Sie verweisen auf die drohende Vergeltungsgefahr durch Agooji oder Mercenary Inc.
- Die Fon bieten den SFG 77 letztlich durch Pelebe ein geschütztes Lager an. Dort wäre das Team von allen Alltagssorgen befreit, vom Trubel abgeschirmt und auch durch zahlreiche (zivile) Personen geschützt. Privatsphäre und freier Zugang wären natürlich (im Rahmen des Möglichen) garantiert. Pelebe formuliert dies als ein Angebot der Wiedergutmachung.
Desweiteren ergaben sich rasch auch Antworten auf einige Fragen der SFG 77:
- Leider lässt sich kein Derrenger für Copper auftreiben. Die Orichalkum-Munition muss also in anderen Kammern Platz finden.
- Ein Decker und entsprechendes Equipment ist nicht verfügbar. Zugang zur Matrix oder die Entschlüsselung der Headmemory ist in der Große Zusammenkunft nicht absehbar. Die Scrapper in Nakatombe sind die wohl beste Adresse, für die Datenentschlüsselung derzeit.
- Ulowa hatte Negative Informationen zum Wirken der Idola versprochen, soweit möglich. Für die Fon sind die Idola vor allem ein Aspekt der Hausschreine und des Vodun. Es werden viele allgemeine Dinge bestätigt, die der SFG 77 bereits bekannt sind. Im Wesentlichen entsprechen die zahlreichen Idola dem, was man normalerweise als Totem bezeichnet, nur dass Idola abstraktere und oftmals gesellschaftliche Konzepte des Zusammenlebens ausdrücken. Dem stehen die Totems als reine Tier- und Naturgeister gegenüber. Einige Idola haben derzeit überregionale Bekanntheit erlangt. Dazu zählen als Schwarze Idola: Afkarasar (auch „Opiumtraum“ genannt), Andikan („die Eroberin“), Mambu („Blut und Boden“), Zimba („Maschinenzombie“). Als Weiße Idola mit überregionaler Bedeutung gelten: Massuutu („Heilung des Landes“), Labima („die ewige Kunstfertige“), Zambede („der Atem des Hauses“). Zudem fallen die Namen Assomba, als Idola der Familienbande, Validane, als Idola des Wirtschaftshandelns, und Silah, als Eidgöttin. Deren Ausrichtungen sind jedoch unklar oder gelten als widersprüchlich. Sie sind also möglicherweise entartet oder nicht – oder beides. Ansonsten sind auch traditionelle Schamanen der Fon und Hausa der Ansicht, dass die Primordial Flower intimes und geheimes Wissen über die Gegenwart der Idola besitzen. Das bedeutet, dass auch Schamanen teilweise nicht so recht verstehen, was die moderne Welt aus ihren Idola gemacht hat oder wie sie miteinander in Beziehung stehen. Insofern betrachtet man die Primordial Flower als eine Art Medium, durch die man verstehen kann, wie die Welt der Idola durch die Brille der aktuellen Moderne aussieht.
- Eine Fernaufklärung des Sandorakels wurde von Norge und anderen ohne Rückgriff auf Drohnen vorgeschlagen. Die Scrapper Wasotu und Lomo sehen sich prinzipiell dazu in der Lage, sofern sie entweder Reittiere oder wüstentaugliche Fahrzeuge erhalten. Sie sagen aber auch, dass sie das mit den anderen in Nakatombe besprechen möchten, sofern nicht Leib und Leben direkt davon abhängt. Auch die Frafa lassen sich vom Sinn einer Aufklärung überzeugen. Sie können sich vorstellen, einige Krieger zusammen zu entsenden, um einfach mal nach der tatsächlichen Lage zu schauen. Frafa-Krieger sind keine ausgebildeten Soldaten. Dementsprechend dürften sie ihre eigene Sicherheitslage und auch die potentiellen Feindkräfte nur unzureichend einschätzen können. Die Scrapper scheinen Katz-und Maus-Spiel mit Konzernen eher gewohnt.
- Befragt man Ulowa nach den gewünschten Einflüssen der Agooji auf die neu entstehende Verfassung, dann sind die Informationen nicht sehr präzise. Die Agooji haben scheinbar nicht detailliert versucht über Ulowa EInfluss zu nehmen. Zwei Dinge hält Ulowa jedoch für sicher: Am meisten haben die Agooji (nach Aussage der nun toten Kaita) die Aufhebung des Territorialprinzips begrüßt, also die Zersetzung des Staates Dahomey. Dieser Teil, der ein zentraler Pfeiler im Entwurf der neuen Vision von Dahomey ist, kommt den Agooji sehr entgegen. Die größte Sorge oder Furcht haben die Agooji vor der Einführung des Prinzips eines symbolischen Tauschs als Verfassungsgrundsatz. Darin liegt der Versuch, die mystische und moderne Welt gereglt miteinander in Ausgleich zu bringen. Das passt bei den Agooji wohl nicht so gut in den Plan.
- Der symbolische Tausch, der als Verfassungsgrundsatz vor Ort diskutiert wird, bezieht sich auf ein vormodernes Konzept des Zusammenlebens, das am besten in Abgrenzung von Markt- oder Warentausch zu verstehen ist. Ulowa und insbesondere Ilewin können erklären, dass der symbolische Tausch keinen „Wert“ kennt, sondern ein „Ordnungsprinzip“ ist. So wie etwa ein Gastgeschenk und die Gastfreundschaft oder eine Beerdigung als Tausch zwischen dieser und jener Welt, oder eine Hochzeit etc. Der symbolische Tausch vermittelt also Ordnungen des Zusammenlebens und insbesondere auch zwischen der profanen und mystischen Welt. Man gibt in den Tausch kein „Eigentum“ und auch keinen „Einsatz“ sondern seine Stellung, seine gesellschaftliche Rolle, ganze Lebensabschnitte, Anerkennung usw. Da sich der symbolische Tausch auch auf die mystische Welt erstreckt, umfasst er in der Erwachten Welt mittelbar auch Gesundheit (Abwesenheit von bösen Geistern und Göttern), Glück, Rache der Ahnen, Nachfahren, Bestand der Natur und des materiellen Besitzes. Wenn nun beispielweise ein Politiker ein Amt (Macht) auf Zeit im Sinne des symbolischen Tauschs übernimmt, dann kann der adäquate Gegenwert keine „Kompensation“ sein (etwa Lohn), sondern Ohmmacht. Er muss etwas vollumfängliches und adäquates dafür aufgeben (z.B. für einige Zeit das Familienleben oder seine bisherige Stellung). Daher ist diese uralte, prähistorische Form des Tauschhandels im Falle des Extrems ein Handel mit dem Tod, weil gewisse Dinge nur mit dem Tod erworben werden können. Andernfalls wäre die Ordnung des Zusammenlebens gestört. Daher spricht die Verfassung an dieser Stelle wörtlich vom Tod. Wer das höchste Amt in einem Zweckverband Dahomeys ausüben will, verlässt die private Ordnung, Familie und andere Beziehungen und kehrt dahin niemals zurück. Im Anschluss an das Amt tritt dann der Übergang in die Ahnenwelt. Copper, der sich einmal mit Grundlagen der Rechtslehre beschäftigt hat, oder Negative, der gerade dabei ist, diese Welt für sich zu erdecken, erkennen vielleicht in Rafik und Tukka zwei Menschen, die nur im symbolischen Tausch leben und den modernen, marktförmigen Tausch von Werten, Waren, Summen und Anhäufungen nicht verstehen. Régicide dürfte die Idee des symbolischen Tauschs am ehesten aus dem Umgang mit Geistern bekannt sein. Allerdings sind diese mystischen Prinzipien nicht eins zu eins auf die rein menschliche Welt zu übertragen. – Warum der symbolische Tausch? Die Verfassungsgebende Versammlung ist scheinbar der Ansicht, dass die Moderne am kapitalistischen und warenförmigen Tausch zugrunde geht und sieht im Rückgang auf eine völlig andere Tauschform eine Chance, Dahomey zu helfen. Den Agooji ist das nicht willkommen, weil diese Tauschform möglicherweise die Entartung der Idola durch moderne Lebensweisen verringert. Tradition und Moderne, spirituelle und materielle Welt, Religion und Wissenschaft könnten im symbolischen Tausch vielleicht zusammenfinden.
- Negatives Idee, dass die Geistreise ante oder post mortem der Agooji mit den Idola zusammenhängen könnte, lässt sich nicht sicher prüfen. Negatives bisherige Unterweisungen in den Prinzipien Andikans zeigen durchaus Spielraum zur Interpretation. So schützt Andikan ihre Gemeinschaft verbissen und effizient, was konsequenterweise auch bedeuten kann, dass ihre Mitglieder selbst nach dem Tod noch gebunden bleiben oder auch Verrat in der Gefangenschaft durch eine Trennung von Körper und Geist vereitelt wird. Auch eine Bestrafung im Falle des Scheiterns könnte eine Erklärung sein. Hier fehlt es aber an weiteren Hinweisen. Prinzipiell ist die Annahme, dass Idola diesen Effekt mit beeinflussen oder hervorrufen, wahrscheinlich. Man denke etwa an den Capo der Afkarasar, der sich auch nicht mit seinem Tod zufrieden gab.