Gewitter im Schneeland

Zwölf Stunden nach der Rückkehr auf die Shigeruu hatte Voltaire Fuß an Deck gesetzt und kurz darauf gab es die große Besprechung mit der SFG 77. Die eigentümlichen Ereignisse um Aaron Brown und Dr. Sigrid Johannsdottir spukten in den Köpfen aller Beteiligten umher, wie der Wind in den Gängen der Shigeruu.

Die SFG 77 hatte sich beratschlagt und entschieden, dass man am ursprünglich gefassten Plan festhalten wolle: Die vertrauensvolle Annäherung der Johannsdottir und die raschen Enthüllungen danach legten den berechtigten Verdacht nahe, dass es Verräter an Bord geben könnte. So hatte Chief Milestone einen geheimen Bericht vorab erfasst, der nach dem Einsatz ergänzt und dann im internen Netzwerk von AIM veröffentlicht worden war. Der Einsatz geschah somit den Akten nach auf eigene Faust. Weder sollte Voltair seine Schirmherrschaft über den Einsatz ausüben, noch sollte CPT Uzun in die Plficht genommen werden. Man spielte nach den Regeln – nachdem man sie gehörig gedehnt hatte.

Bevor der Einsatzbericht veröffentlich wurde, war es an Philippe Boucard, der eiskalten Flamme Finnja Skorgen eine Beichte abzulegen. Nur die Geister an Bord wissen, wie dieses Gespräch begann und endete. Am Ende war jedenfalls klar, für wen der Stuhl fehlte, als die Musik aufhörte zu spielen. Doch nicht zu schnell damit.

Die Dinge nahmen ihren Lauf. Der Bericht wurde öffentlich gesetzt und Voltair scharrte bereits mit den Hufen, seine Autorität und seine Missionsparameter zu nutzen, um die ganze Sache zügig an sich zu ziehen. Bis dahin blieb jedoch Zeit. Viele, lange Stunden. Zeit, die SFG 77 und Voltaire in Ruhe nutzen konnten, um sich mit den Beweisen auseinanderzusetzen – und auch mit der Gerüchteküche an Bord. Doch davon wird hier nicht zu reden sein. Die Zeit wurde jedenfalls nicht verschenkt.

Die erste Explosion ereignete sich, als Finnja Skorgen einige Stunden nach der Enthüllung durch Negative den Security Chief Milestone zu sich zitierte. Sie legte ihm einen Strick um den Hals, warf das Seil über den Antennenmast der Shigeruu und wartete dann auf die Ankunft des AIM Services Department, um den Chief daran zu erhängen. Es war klar, dass die Captain weder von spektakulären Sondereinsätzen noch von ihrer Unterminierung begeistert war. Als Kommandantin der Shigeruu hatte man sie als potentielle Verräterin übergangen. Die Fronten lagen klar. Aber die Geschütze ruhten noch. Über Brick brauten sich Gewitterwolken zusammen.

Erst 78 Stunden nach dem Einsatz erging eine Weisung durch das Büro des Deputy Chief Officer der AIM Services Branch, GEN Lambert, dass CPT Finnja Skorgen und Security Chief Milestone einstweilen ihrer Verpflichtungen entbunden sind und eine Untersuchung eingeleitet wird. Daniel Roskowitzt übernahm als Erster Offizier das Kommando über die Shigeruu. Gleichzeitig kam die Anweisung, alle geborgenen Beweismittel in einen Raum zu packen und zu versiegeln. Darin war man geübt.

Voltaire ließ sogleich seine Muskeln hinter den Kulissen spielen und erhielt den Zuschlag für die Beweismittelsicherung und weitere Aufklärung der seltsamen Sachverhalte um die Viren und den Entführungsversuch. Gleichzeitig war AIM jedoch genötigt, der Skandinavischen Union Zugeständnisse zu machen. Ein Demokratischer Beobachter wurde auf die Shigeruu entsandt, zusammen mit einem Ermittlungsteam der Bundespolizei der Skandinavischen Union. Kein einziges Mitglied der SFG 77 bittet man zu einer persönlichen Befragung. Es ist vor allem Voltaire, der sich mit diesen Leuten auseinandersetzt.

Wie Norge gelegentlich behauptet hatte, ist es den Skandinaviern an Schönwetter gelegen, sie reagierten jedoch empfindlich auf die Unterlassene Warnung und das Fehlen einer jeglichen Form von Erlaubnisanfrage oder wenigstens Inkenntnissetzung vor der Geiselbefreiung. Schüchterne Fingerzeige in Richtung Johannsdottirs Tochter und die Erpressung ändern wenig. So ist schnell klar, dass ein Kopf rollen wird.

Eine Woche nach dem Einsatz erreicht eine Untersuchungskommission von AIM die Shigeruu. Sie wird durch den Demokratischen Beobachter unterstützt. Es zeichnet sich schnell ab, dass Finnja Skorgen einen sehr hübschen Kopf hat, der hervorragend zu rollen scheint. Als „Altbestand“ der Shigeruu bietet sich für AIM das praktische Argument an, hier bisher keine angemessene Personalerneuerung vorgenommen zu haben. Die Tatsache, dass Finnja Skorgen a) ihr Personal scheinbar nachlässig führte, b) einen illegalen Einsatz ihrer eigenen Leute nicht verhindern, ja, nichteinmal bemerken konnte und c) rundheraus von allen Mitwissern als mögliche Verräterin angesehen wurde, macht den Weg für disziplinarische Maßnahmen frei. Ein Austausch der Kommandierenden Offizierin scheint sowohl dem Büro von GEN Lambert als auch der Skandinavischen Union ein angemessener Schritt.

Voltaire berichtet weiter an die SFG 77, dass die Skandinavische Union Strafanzeige gegen alle Beteiligten an der Geiselbefreiung gestellt hat. Die Politik von AIM sieht jedoch in solchen Fällen vor, dass aktive Einsatzkräfte nicht namentlich bekannt gemacht werden, um die Sicherheit aller Beteiligten nicht zu gefährden. Da diese Regel für AIM ein hohes Gut ist, eröffnet die Staatsanwaltschaft der Skandinavischen Union auf Drängen des Demokratischen Beobachters ein Verfahren gegen Unbekannt. Anklagepunkte sind Verletzung der Hoheitsrechte, Verstoß gegen vertragliche Vereinbarungen zu Sicherheitsoperationen, illegaler Schusswaffeneinsatz, illegale Einfuhr und illegaler Einsatz von Kriegswaffen. Dieser Kampf wird zwischen der Skandinavischen Union und der Law Division von AIM gefochten werden.

Kurzum: Die SFG 77 und Voltaire hatten 66 Stunden, um die Beweismittel zu sichten. Danach war die Skandinavische Bundespolizei mit an Bord. Da der Ort der Geiselnahme und all die damit verbundenen Beweise auf norwegischem Grund herumlagen sowie die Opfer selbst Skandinavier waren, kann Voltaire nicht umhin, den Fall früher oder später aus der Hand zu geben. Ob und wieweit Voltaire die Skandinavier tatsächlich in die terroristischen Details eingeweiht hatte, bleibt Gegenstand von Spekulationen.

Mit CPT Finnja Skorgen hat die SFG 77 sich eine neue Feindin gemacht. Negative hält sich bedeckt bisher, falls er mehr weiß. Sie verschwindet von der Shigeruu mit unbekanntem Ziel. Brick wird als Sergeant für lange Wochen vom Dienst befreit. Er muss zusehen, wie seine Arbeit mit der Sicherheitsabteilung in fremde Hände fällt. Es dringen keine Worte zur SFG 77 darüber durch, was ihrem Sergeanten bevorsteht. Dass Finnja Skorgen ihn schwer belastet hat, ist kein Geheimnis. Und so manchem ist die SFG 77 ein Dorn im Auge. Voltaire wird zunehmend skeptischer. Es scheint so, als würde Katsuo Uzun, der bisher in dieser Angelegenheit kein einziges Mal in Erscheinung getreten war, seinen Sergeanten nicht halten können. Die Entscheidung darüber kommt dann an einem vernebelten Nachmittag im Januar. Doch das ist eine andere Geschichte. Und bis dahin passierten noch andere Dinge…