An einem Keuzweg: wohin?

Die Flucht von Kappa YC verlief glimpflich und – man darf es sagen – eigentlich wie geplant. Geplant war so einiges worden. Je länger Operation Kimono dauerte, desto schrecklicher wurde deutlich, welch weitreichende Manipulationen den Weg für eine Zusammenführung der Schwestern möglich gemacht hatten. Norge hatte es schonungslos erkannt: man war benutzt worden. Aber wie so oft, sind die Dinge nicht immer ganz so einfach und wollten aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Es war auch richtig festzustellen, dass die SFG 77 nach Befehl gehandelt und keinen Verrat begangen hatte. Der Beginn der Gewalt lag zudem weder bei der Tochter Yutanis noch bei der Einsatzgruppe. Es war Eric gewesen, der das erste Blut vergossen hatte. Warum? Wollte er euch abhalten, oder wollte er Kiru für sich?

Mirus kalkulierter Plan, der Algorithmus einer perfekten Lösung, war an Eric scheinbar gescheitert. Ihr, Kiru, Miru und Asiru an einem Ort, zusammen mit Mary Beth Owen und dem Schlüssel zu Bricks Heilung: die gehüteten Geheimnisse von Etusan II. Miru hatte letztlich Wort gehalten und den Knoten aufgelöst – und euch dabei zu Variablen in ihrem berechnenden Bewusstsein reduziert. Beinahe wäre der Plan perfekt gewesen.

Das Suborbital der Yametutsu Global Industries trägt die SFG 77 nun auf einem unbekanntem Pfad. Hier gibt es scheinbar keine vorgeplanten Pfade. Ihr seid allein mit euch und eurer Verantwortung. Scheinbar eine Auszeit, eine Pause. Doch es kommt anders. Die versprochenen zwei oder drei Tage werden euch nicht vergönnt.

Während Zoé versucht Daisuke Haki, den Customer Agent der Yutani Corporation, an ein Kommunikationsterminal zu bekommen, erreicht der Yametutsu Global die Reisehöhe von 23 Kilometern über dem Wasserspiegel. Bricks Befürchtungen bewahrheiten sich: Etusan III erwacht zum Leben. Es reisst Brick überraschend zu Boden, als er zur Toilette gehen will. Schüttelfrost packt ihn, und sein Lehrer Blick glotzt in ein Jenseits, das nur er sehen kann. Verzweifelt versucht man ihn festzubinden. Negative stürmt mit einem Med-Kit heran, Norge hält ihn fest und Zoé… blickt in seine schwarzen Augen. Was immer Brick auf der anderen Seite sieht, es scheint eine Vision des Horrors zu sein. Seine Cyberware versagt, er spuckt Blut und stammelt, und stammelt: „Zu hoch, zu hoch…!“

Régicide eilt mit langen Schritten heran, will helfen, will das Befürchtete prüfen und gleitet mit dem Auge in den Astralen Raum. Wie ein Sack fällt Régicide neben Brick hin und rührt sich nicht mehr. Zwei Männer der SFG 77 sind am Boden. „Hiller! Sinkflug, Sinkflug!“ gellt der Schrei, aber die Pilotin sagt, dass sie im trägen Suborbit nicht einfach sinken kann! Sie braucht ein Ziel! Hektik bricht aus. Die Verbindung zu Diasuke Hiku ist noch nicht hergestellt, es kann noch Stunden dauern, bis man durch die Warteschleifen der Konzernkommunikation durchgestoßen ist. Was ist da los? Warum meldet sich niemand?

Dann, plötzlich, wacht Régicide auf, aus seinem Koma. Und auch Brick, dessen Gesicht und Brust von eigenem Schleim und Blut bedeckt ist beginnt zu stammeln: „Sie sind hier, sie kommen mich holen! Ich ertrinke, ich ertrinke!“ Er scheint im Delirium, aber Norges medizinische Behandlung scheint ihn zurückzuholen. Oder ist es doch etwas anderes? Collette Hiller gibt über Funk durch: „Wir treten jetzt genau in den Schatten zwischen Erde und Mond ein, für zwölf Minuten. Unsere Höhe beträgt 22600 Meter.“ Bricks Leiden wird gelindert.

Régicide indes, scheint sich als erwachter Magier zu weit von Gaia fort gewagt zu haben. Sein Zustand ist ebenfalls schrecklich, aber besser als Brick. Mit zitternder Stimme berichtet er von weiteren Geheimnissen, die der Anfall aus seinem Unterbewusstsein gerissen hat: er hat den verloren Akt gefunden, der unter den Bergen von Yunnan verloren gegangen war. Fieberhaft betet er die vergessenen Gedanken orgiginalgetreu runter – bis der Yametetsu Global aus dem Schatten zwischen Mond und Erde heraustritt.

Während Régicide an Norge und Negative berichtet, was er nun wieder über Operation Golden Gap erinnern kann, wird Zoé zum Terminal gerufen. Daisuke-dono ist in der Leitung. Oder irgendjemand oder irgendetwas, der behauptet, Daisuke Hiku zu sein. Der Mann wirkt gesetzt, erfahren und strahlt sogar über das Terminal eine gewisse Ruhe aus, während auf dem Suborbital Ausnahmezustand herrscht. Als Zoé die Karten auf den Tisch legt, wirkt Daisuke rational und informiert: „Wenn dies die Dinge sind, die sie erlebt haben, dann haben sie jetzt alles Recht so zu handeln, wie sie es für richtig halten. Die Dinge sind im Moment im Umbruch, aber ich kann ihnen folgendes Angebot hier und jetzt machen: Ich bin gebeten worden ihnen mitzuteilen, dass Mary-Beth Owen in Begleitung von sieben Personen nach Manila gebracht werden wird. Was dort geschehen wird, ist nicht vorherzusehen. Sie haben aber gute Chancen, vor ihr dort zu sein, wenn sie sich für diesen Weg entscheiden. Egal wofür sie sich entscheiden, bietet ihnen die Yutani Corporation eine alternative SIN auf einen Namen und eine Nation oder ein Unternehmen ihrer Wahl an, um sie für die Aufwände auf Kappa YC zu entschädigen. Diese SIN werden ihnen dort bereitgestellt, wo sie es möchten. Mehr, kann ich ihnen nicht anbieten und ich hoffe, dass sie und ihr Team es annehmen können, Zoé-san.“

Nach dem Gespräch sind die Hiobsbotschaften noch nicht vorrüber. Erneut ist es Collette Hiller, die kurz darauf dem Team mitteilt, man solle die Nachrichten anschauen. Scheinbar habe es gravierende Ereignisse in den letzten Stunden gegeben, und sie habe so ein „ganz dummes Gefühl“, wenn sie in den Rückspiegel schaue.

Was bleibt am Kreuzweg? Die SFG 77 muss sich nun entscheiden. Die Fakten liegen auf dem Tisch:

  • Geheime Forschungsdokumente über Etusan III sind im Besitz des Teams. Will man diesen Dingen und damit Bricks Hilfe nachgehen?
  • Mary-Beth Owen ist auf dem Weg nach Manila. Wird dies Priorität genießen?
  • Durch Régicides und Bricks Höhenflug, ist nun der vergessene Akt von Operation Golden Gap aufgeführt. Eine Spur führt nach Beijing – in die Höhle des chinesischen Feindes.
  • Die wieder vereinte Tochter Yutani hat die Kontrolle übernommen. Operation Kimono hat immer noch Bestand. Wird es eine Verhandlung geben? Aber wenn ja, mit wem und wo? Und was hat man in der Hand?

Diese Karten liegen zwar auf dem Tisch. Aber im Stapel stecken noch eine Menge mehr. Denver, Skiurlaub in den französischen Alpen oder ein neues Leben in Berlin? Was wird die SFG 77 entscheiden? Ach ja, da gibt es natürlich auch noch Captain Uzun, der seine besten Männer und Frauen auf entscheidender Mission weiss.

Alle Mitglieder der SFG 77 sind zur Beratschlagung bei Bewusstsein, aber man weiß nicht, wie lange das sein wird. Mehr als eine Stunde will niemand so recht riskieren, dann sollte man sich entschieden haben, damit Hiller absinken und auf einen Landeflughafen zusteuern kann.