Stille Tage in Beijing

Nach dem erfolgreichen Paukenschlag in Beijing schiehn es mehr als angeraten, den Kopf tief zu halten. Sieben Tage Auszeit und abtauchen unter das Radar waren mehr als eine gute Idee. In den Tagen nach dem Anschlag waren ganze Straßenzüge wie verlassen. Geisterhafte Ruinen. Nur wer wirklich einen Grund hatte oder Sicherheitsbeamter war, ging in die Straßen von Boyang hinaus.

Auch im Vergnügungsviertel Goldenes Xsunchan und in den ruhigeren Quartieren am Feuertempel der Zoroastrier machte sich das spürbar. Die Gewalt hatte hell, rot und schnell gebrannt. Jetzt wehte viel Asche und Rauch durch die Gassen.

Bricks Wunsch nach einer internen Bildergallerie wurde im Tempel der Zoroastrier nachgekommen. Zoé, Régicide, Norge, Negative und Brick hatten Zeit, sich mit diesen Bildern auseinanderzusetzen. Scheinbar war das Brick wichtiger als manch anderem der SFG 77 selbst. Atra Khalipour blieb stets am Rand in Reichweite, beobachtete im Türrahmen, ermutigte, ergründete und gab auf so manche Fragen auch Antworten. Nicht selten öffneten sie damit aber neue Fragen. Es sollte nach einigen Tagen kein Geheimnis sein, dass sie sich insbesondere zu Régicide hingezogen fühlte und sich schwer damit tat, Abstand zu halten. Sein Bild, La Proximité, hatte vielleicht mehr Anteil daran, als man glauben mochte.

Die Zeit im Feuertempel ließ also Gelegenheit, sich mit den Bildern, mit den Kameraden, der Religion oder mit den Geschehnissen in Beijing in Ruhe zu beschäftigen. Privatsphäre gab es genug. Auch fand sich Raum, um über die nächsten Schritte zu beratschlagen. Eine Beratschlagung, die auch Atra scheinbar aufmerksam erwartete. Fast konnte man nach ein, zwei Tagen vergessen, dass es mal ein Leben auf der Shigeruu gab und irgendwo jemand von der AIM an eine Operation Kimono glaubte. Vielleicht spürte es der ein oder andere von der SFG 77: Beijing, der Feuertempel, war eine Türschwelle in die Welt der Schatten. Die SFG 77 könnte hier und jetzt für sich entscheiden, für immer von der Bildfläche zu verschwinden und das alte Leben zurückzulassen. Fast konnte man meinen, Atra beobachtete die Gruppe deshalb so fieberhaft und aufmerksam. Sie sprach es nicht aus, aber ihre Blicke verrieten, dass sie darauf hoffte, Brick, Régicide, Zoé, Negative und Norge würden sich hier vielleicht ein neues Leben geben.

Es gab jedoch auch Neuigkeiten aus dem „alten“ Leben in den sieben Tagen. Zum einen ging eine Nachricht von Collette Hiller ein, dass die zurückgelassene Ausrüstung in Denver sicher eingelagert worden war. Ein Weitertransport zur Shigeruu – oder einem anderen Ort der Welt – konnte arrangiert werden. Sollte der Zielort nicht die Shigeruu oder Territorium von AIM sein, müsste man Nuyen springen lassen um einen Schmuggel einzurichten.

Negative kontaktiert am 01. März 2073 seinen heimlich beauftragten Kontakt und erfährt, dass Mary-Beth Owen am Morgen des Tages in einen Charterflug nach Manila gestiegen ist. Dieser Charterflug hat jedoch in der Luft seinen Zielort kurz nach dem Start umgemeldet. Zielflughafen ist Jakarta (CGK), Java, über Taipei in Taiwan. Die erwartete Ankunft in Jakarta ist der 02. März 2073, 00:15 Uhr UTC+9.

Etwa zur gleichen Zeit erhält Zoé Rückmeldung vom Yutani Customer Support. Der Vorschlag, Frederic Denton als Unterhandlungspartner zu acquirieren stieß scheinbar bei der Yutani Corporation auf Resonanz. Die digitale Kundenauskunft teilt Zoé mit, dass Frederic Denton derzeit bei -34.027088 LAT, 18.462046 LON zu finden ist. Das ist der letzte bekannte Aufenthaltsort, festgestellt am Vortag. Weitere Details gibt es derzeit nicht. Sollte sich die SFG 77 einsatzbereit erklären, wäre das Missionsziel Frederic Denton mit einer Gruppe von Unterhändlern aus Japan und anderen Staaten zusammenzubringen, die sich bereits verfügbar hält. Primäres Ziel wäre die Sicherheit des Treffens sowie die Unversehrtheit aller Beteiligten zu garantieren.