Die Sache kam ungefähr so:
Mike Goodfellow sitzt in seiner Kajüte auf der Matratze. Es ist spät in der Nacht. Er hat zuviele bescheuerte Foren und Newsgroups in der Trix gecheckt, jetzt ist er völlig übermüdet. Da kommt ein eingehender Anruf auf sein Mobiltelefon. Im Flüsterton nimmt er den Anruf entgegen:
„Hey! Nancy, wie geht’s dir Liebes? Welche Uhrzeit ist gerade bei dir? – Ah, cool. – Tja, du klingst auch wie frisch geboren. Ich häng hier ab, kurz vor Drei local time. Wollte gerade das Deck zuklappen und habe an dich gedacht. – Hm. – Was? Warum ich flüster?“
Goodfellow wird es klamm, die Hände werden kalt. Er schielt zu Zoé rüber, die nach unruhigem Hin und Her endlich eingeschlafen war.
„Nun… weil.. also es ist Nacht hier. Die Leute schlafen, yo?“
Denk nach, Goodfellow! Pass auf und denk nach! Das ist nicht gut so!
„Em.. ja, ich hab die Einzelkabine noch. Aber man nennt das Kajüte auf nem Schiff… Hm, ok…“
Anlügen konnte er Nancy einfach nicht.
„Es ist,… da ist jemand vom Team heute hier noch eingekehrt und dann weggesackt.“
Diesmal hätte man Nancys Stimme bereits durch das Mobiltelefon hören können, wenn man im selben Raum gewesen wäre:
„Du bist auf einem Kriegsschiff im Eismeer und da sackt jemand nachts um Drei bei dir in der Kabine weg?!“
Mit der messerscharfen Präzision einer eifersüchtigen Frau wechselte Nancy in ihre Muttersprache um die Unschärfen des Englischen auszuschalten. Auf Mandarin setzte sie die entscheidende Frage in Dolchform auf Mikes Brust:
„Nanrien haishi nürien?“
„Äh, äh… also ich glaube sie ist doch eher ’ne Frau, ja…“
Kurz presste er das Mobiltelefon gegen die Brust um Zoé nicht durch das zornige Gezeter zu wecken. Ein leises ‚fuck‘ und ein genervtes Durchatmen, dann auf den richtigen Zeitpunkt warten.
„Nancy, hör mal. Das ist alles ganz locker hier. Sie hat Probleme, ihr geht’s nicht gut. Sie wusste nicht wohin!“
Dumme Wortwahl, Goodfellow. Dumme Wortwahl.
„Esss sa.. BTL-Problem. … Oh Gott, nicht ich, nein! Oh Gott, Nancy, hör auf, komm… Sie ist ’ne Gnomin, Nancy! Du weisst, ich steh nur auf dich, ok? Was heisst denn…? Was? Ich äh, ich kümmer mich doch um dich…!“
Hin- und hergerissen zwischen dem eigenen Seelenfrieden einerseits und dem erholsamen Schlaf von Zoé andererseits blieb Goodfellow nur ein geflüsterter Gracefull Logoff:
„Nancy, ich liebe dich, ok. Die Frau hier ist krank. Ich rufe an wenn dein Kopf kühl ist und ich keine Zimmervisite vom Wachabenden riskiere, ok?“
Aufgelegt.

Am nächsten Morgen traf Goodfellow Brick und Negative in der Kantine, Régicide hatte er in einer Vid-Konferenz zugeschaltet. Er sah übernächtigt und genervt aus. Genervt vor allem auf sich selbst. Während Zoé noch nicht da war, gab er den Dreien grob das Geschehene wieder: Zoé, schwer getroffen, Absteigen in seiner Kajüte, runterkommen (jedoch kein Wort über Moodchips und BTL), Nancys Anruf. So ein bißchen mit einem Zaunpfahl gab Goodfellow zu verstehen, dass er Zoé nicht helfen kann, wenn er selbst einen Psychiater braucht. Er würde ihr die Tür auch in Zukunft natürlich offen halten, aber die andern vom SFG 77 sollten sich mal um sie kümmern, riet er. Bezüglich der Nancy-Geschichte und des gerade geschehenen Gesprächs bat er um Verschwiegenheit. Es wäre Zoé sicherlich unangenehm. Und Unangenehmes hatte sie ja genug erfahren.