Alle Beiträge von Mike Goodfellow

Lebenszeichen von Mike

Mike lässt Zoé eine verschlüsselte Trideo-Aufzeichnung zukommen, nachdem sie mehrere subtile Wege der Kontaktaufnahme versucht hat. Das Datenpaket erreich Zoés falsche SIN (Alleyne Reinolds). Die Trideo-Aufzeichnung ist konstruiert, also ein Matrix-Konstrukt. Man sieht den Wageslave in einer Hängematte an einem Strand.

„Hey Zoé! Wie die Affen seid ihr auf die Bäume geflohen, oder wie?! Unglaublich. Ich hoffe, es geht euch allen gut. Das wenige, das zu mir durchdringt, klingt jedenfalls ernst.„

„Erstmal danke, dass ihr euch um Nancy gekümmert habt. Uns geht es soweit gut. Wir wohnen übergangsweise in einem Appartment im AIM Township.“

Der Wageslave kratzt sich etwas verlegen am Kopf.

„Es gab eine Menge Befragungen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Die Spionageabwehr hat auch Nancy befragt. Also mir dreht sich irgendwie alles und… also wir haben einfach alles auf den Tisch geworfen und geplaudert, was das Zeug hält. Sorry, falls da jetzt was in die falsche Richtung ging, aber in meinem Kopfsalat kamen immer mehr Widersprüche zusammen, also habe ich Flucht nach vorn gemacht.“

Der Wageslave hebt den Zeigefinger, um eventuelle Einwände abzuzschmettern:

„Ich habe die Voltaire-Karte gespielt! Ja, genau. Der Zwerg von der Shigeruu. Weil, also ich hab mal nachgedacht. Erinnerst Du Dich an OP Schneeland, wegen Johansdottir und so? Die Joiner? Diese Feuerwesen? Und der Angriff? Also ich hab da ganz weit ausgeholt und Voltaire wurde tatsächlich hinzugezogen. Dann ist mir diese alte Dechiffrierung eingefallen, das Datenpaket von Aaron Brown! Die läuft ja seit fast zwei Jahren! Kannst Du Dir das vorstellen?! Die sind schier ausgerastet, als ich diese Box aufgemacht habe!“

„Jetzt ist es so, dass ich täglich mit einer Eskorte in den Bunker gebracht werde. Wir versuchen die Daten der Shigeruu zu retten – oder besser gesagt, ich rekonstruiere, welche Datenflüsse überhaupt stattgefunden haben. Der Vanishing Host der NTSU hatte zum Zeitpunkt der Havarie tatsächlich eine Verbindung, und so wie es aussieht, sind massig Daten an die Norweger geflossen, als die Shigeruu sank. Die haben möglicherweise das komplette Bild. Ob das wirklich Antworten bringt, weiß kein Mensch. AIM und NTSU streiten sich grade richtig heftig um diese Daten, wegen der Schadensersatzfrage. So wie es aussieht, wird es einen Decker-Angriff geben, um Firmeninteressen zu schützen. Die NTSU blockt einfach alles ab, dabei zeigen mir die Telemetriedaten, dass die Daten vom Untergang haben müssen! Die rücken aber nix raus.“

„Tja, also ein riesiger Haufen Scheiße, aber immerhin lassen sie mich wühlen. – Die zweite große Baustelle war Beijing, da haben Nancy und ich einfach berichtet, was wir eben konnten. Das ihr mal zu Besuch wart. Von dieser Atra, von der Ausweisung, und die Aktion mit Mijuni, wie ihr Nancy geholfen habt. Major Uzun ist ja jetzt tot, vielleicht hagelt es also nicht direkt auf den Captain durch… aber insgesamt scheint die interne Ermittlung grade auch andere Sorgen zu haben als Beijing. Da stehen aber noch Befragungstermine aus für Nancy und mich. Aber ich glaube nicht, dass das momentan gegen die Shigeruu und den dritten Punkt ankommt…“

Wageslave schaukelt nervöser in der virtuellen Hängematte.

„Der dritte Punkt… Der Major soll tot sein. Also er wurde beerdigt. Ich nehme mal an, dass es also stimmt. Und… also es sieht so aus, als wenn ihr damit was zu tun habt? So zumindest das Wort auf der Straße. General Lambert – ja, der gleiche wie damals auf der Shigeruu – ist mit der Aufklärung der ganzen Anschlag-Sache betraut. Ja, das ist der Idiot auf der Beerdigungsaufzeichnung, der den Schirm nicht aufkriegt. Der hat mich sowas von in die Mangel genommen. Der lässt kein gutes Haar an uns… Zum Glück war ich zum Zeitpunkt der Ereignisse in den Shigeruu-Befragungen, aber ich glaube nicht, dass ich da so ganz unbeschadet rauskomme aus der Sache. Dieser Lambert will die SFG 77 demontieren, von unten bis oben. Der geht alles durch, jedes kleine Fehlverhalten, alles will er wissen. Ich versuche es so wie Copper zu machen: nah an der Wirklichkeit, nicht mehr Lügen als nötig. Aber ich frag mich, ob nah an der Wirklichkeit nicht schon zu nah ist.“

„Wenn Voltaire und diese Ermittlungsgruppe für die Shigeruu mich nicht als Operations Host Admin bräuchten, hätte General Lambert mich wahrscheinlich schon in ein tiefes Loch gesperrt. Vor dem müsst ihr euch in Acht nehmen. Dem kam Uzuns Tod grade recht, um loszuwettern gegen uns.“

Wageslave atmet durch und überlegt.

„Mir steht das Wasser ziemlich bis zum Hals. Ich bekomm‘ kaum Infos über die ganze Sache um Uzun. Die haben mir sogar mein Deck weggenommen! Aber da haben sie mich etwas unterschätzt, hähä. Ansonsten können Nancy und ich uns wenigstens frei bewegen hier in der Basis. Nur ausreisen dürfen wir im Moment nicht, solange das alles läuft. Ich habe außerdem gehört, Fink hätte sich selbst erschossen und Lance sei inhaftiert worden, weil sie euch gedeckt hat. Vielleicht wisst ihr da mehr?“

Der Bericht läuft ins Leere. Wageslave weiß nicht mehr, was er weiter berichten soll.

„Naja, also jetzt hoffe ich mal, dass diese Nachricht Dich erreicht, Zoé. Wenn Du Kontakt aufnehmen willst, dann besorg eine saubere Verbindung und wähle die Trix-Adresse NA-29993076523. Das landet über Umwege bei uns im Appartment auf der Soda-Maschine. Wenn ich da bin, kann ich rangehen.“

„Gruß an die andern… AIM true.“

Urlaubsantrag abgelehnt

Mike Goodfellow hatte wohl zweimal um Sonderurlaub ersucht, in den letzten Tagen. Das wurde natürlich abgelehnt. Immerhin arbeitet er ja fast von daheim. Also von der TS-One aus, in zigtausend Fuß Höhe. Oder von Finistère aus, was als Atlantik-Idyll ja einem Urlaubsort gleichkommt.

Insofern wurden die Urlaubsanträge vom Stab als Eigensinn abgetan, so wie auch der kürzliche Freistellungsgesuch von Norge. In diesen entscheidenden Tagen war es unerlässlich, dass die Kompetenzen der SFG 77 gebündelt und ungeschmälert zur Verfügung standen!

Fake Identity

Eine Nachricht an Copper, als dieser sich im HQ ans Terminal setzt. Wageslave klopft an und öffnet einen Trideokanal:

„Yo, Copper! Habe eben die OP Bauernlümmel abgeschlossen. Die fake Namen sind jetzt in der Personendatenbank der DAD-NE eingetragen, auch der Helikopter läuft auf Nakatombe. Zoés alter ego ist als Pilotin eingetragen. Das war ganz schön knapp, sag ich mal. Das ist echt kein Spaß, sich in Dahomeys RTG rumzudrücken. Der Censorship Host setzt einen Red-8 über die ganze Region, mit Subsystem Ratings um die 10. Bei so einer heftigen regionalen Instanz gehen wahrscheinlich viele Hosts und Service Provider leistungsmäßig total in die Kniehe. Das ist wie ein Knebel für die Simsense-Performance. Viele Dienste sind dadurch offline oder nur eingeschränkt verfügbar. Ich hab‘ am Ende gar nicht mehr über die Schulter geschaut, nur schnell raus da. Ich denke es gab einen Passiven Alarm durch einen PIC-4 und einen PIC-7, aber das sollte kein Problem sein. Die SI habe ich nicht angegriffen.“

Goodfellow zur Lage der Kommunikation

Erst relativ spät schaltet sich Mike in die emsigen Vorbereitungen ein. Im virtuellen Bereitschaftsraum erscheint er als der Wageslave: eine Manga-Vision eines wütenden Büroangestellten in Schwarz und Weiß.

„Lieutenant, Sergeants!“, der Wageslave salutiert.

„Ich möchte kurz melden welchen Kommunikationsraum wir derzeit beherrschen.“

Sein Icon erstellt ein Schaubild der aktuellen Lage des Operations Host. Irgendwie ist sehr viel Rot um einen zerbrechlichen, grünen Tunnel versammelt. Was nicht ermutigend wirkt.

„Derzeit ist HQ Moskuwa über das LTG an den AIM Operations Host angebunden, das heisst, die Verbindung zum Stab geht über einen gesicherten Tunnel. Meine Hauptaufgabe – und die von zwei Kameraden hier in Finistère – besteht vor allem darin, die Verbindung durch den Matrixraum von Dahomey abzusichern. Das ist ziemlich harte Arbeit, muss ich sagen. Denn Dahomey hat scheinbar tatsächlich eine massive Filterinstanz vor nahezu jeden Datenverkehr gesetzt. Das hat in der Matrix-Szene gerade Wellen der Empörung in Tsunami-Dimension losgetreten. So ziemlich jeder Decker greift gerade den „Government Surveillance Filter“ und den „Censorship Host“ an. Beides sind Netz-Entitäten, die aber noch gar nicht bestätigt sind. Kurz gesagt: hier ist die Hölle los. Das gibt uns einerseits „Deckung“, macht uns andererseits das agieren sehr schwer. Immer wieder haben wir hier Eindringversuche von durchaus auch fähigen Deckern. Die greifen wir dann sofort an, wenn ich sie nicht überreden kann, dass unser Host hier gerade nicht auf der Prioritätenliste stehen sollte. Außerdem hat auch der Cencorship Host etwas gegen uns. Das LTG verfolgt uns immer wieder recht hartnäckig.

Also, em, das war jetzt ziemlich viel Gejammer, ja? Also faktisch bedeutet das, dass ich gerade im LTG von Dahomey nicht viel machen kann. Solange die Funktionsweise der Zensurinstanzen unklar sind, ist klassisches Decking gerade sehr riskant.

Die Nahkommunikation des Teams sollte also über klassischen Funk laufen. Vermeiden Sie unbedingt den dienstlichen Einsatz von Mobilfunktelefonen oder ähnlichen Systemen! Der einzige sichere Kommunikationsweg vom Feld zum Stab ist über Funk in das HQ und von dort in den Operations Host.

Um Sergeant Norge also zu antworten: Operation Uplink wäre sehr hilfreich, weil wir uns wahrscheinlich als legitimierte Matrixinstanz registrieren könnten. Wir würden dann den Surveillance Filter umgehen und vom Cencorship Host als staatlich legitimiert anerkannt werden. Da hätten wir ganz andere Möglichkeiten in Dahomeys Matrix-LTG zu agieren! Wir könnten Dronen und Funk über Breitband-Moilfunknetze laufen lassen und hätten damit quasi unbegrenzte Reichweite in der AOI. Außerdem gibt es angeblich einen Filter des landesweiten Überwachungssystems, der registrierte Personen und Fahrzeuge ausfiltert. Das wurde zum Schutz von staatlichen Sicherheitsbehörden eingeführt. Wenn dann Norge in eine Überwachungskamera grinst, würde das verpixelt gespeichert. Seine Identitätserkennung würde auf einen falschen Datenbankeintrag verweisen. Je nachdem wie vorsichtig wir sind, könnte das eine ganze Weile funktionieren.

Dann noch was: wenn wir die Tombu-Villa oder ein anderes vergleichbares Areal sicher hätten, könnten wir den Operations Host über einen leistungsstarken Satellitentransponder mit dem Stab verbinden. Dadurch wären wir nicht mehr den Angriffen aus dem LTG von Dahomey ausgesetzt. Das wäre der erste Schritt, den ich anstreben würde um die Kommunikationssicherheit zu erhöhen, Sir.“

Wageslaves neue Karriere!

Mike Goodfellow hatte alles in allem einen ordentlichen Aufschwung durch den mehr oder weniger zufälligen Kontakt mit der SFG 77 erlebt. Im Fahrwasser der Spezialeinheit konnte er sich abheben und einige Schnitzer aus der Vergangenheit auspolieren. Das teilweise schwere Gegenfeuer (Operation Schneeland) hatten andere eingesteckt, was natürlich schade war. Aber die Arbeit auf der Shigeruu war herausfordernd gewesen. Er konnte zeigen, dass er das drauf hatte, was die UCAS Army damals nicht anerkennen wollte. Und so eröffnete ihm Corre Sverdrup Anfang 2073 ja auch die Aussicht, endlich den Chief Warrant Officer als Matrix Operator anzustreben.

Die damit verbundene Ausbildung ließ den schnell überforderten Mike über lange Strecken des Jahres 2073 abtauchen. Er musste im Sommer das Training & Qualification Battalion mehrmals besuchen. Gleichzeitig ging die Integration der Shigeruu-Netzwerke in die Endphase der ersten Meilensteine. Norge sah er in diesen Tagen selten. Wenn, dann war es aber meist herzlich. Insgesamt blühte Mike doch auf. Sogar seine Freundin Nancy schien „zufrieden“ zu sein, wie sich die Dinge so entwickelten. Nur die Geister der Shigeruu wussten, wie er es hinbekam, die Fernbeziehung am laufen zu halten!

Etwas trübselig wurde Mike dann bei einem letzten Bier mit Norge Ende August auf der Shigeruu. Mittlerweile war er frisch gebackener Chief Warrant. Es hatte aber einen ziemlichen Stress mit Corre gegeben. Oder zwischen Corre und Uzun. Denn eigentlich hatte Mike zugesagt, seine Karriere auf dem festgefrorenen Flugzeugträger weiter zu führen. Doch dann hatte Captain Uzun kurzerhand die CCOM-Karte gespielt und Mike sollte nun längerfristig abgeordnet werden. Tja. Das hieß Tasche packen und nach Finistère fliegen. Scheinbar wollte das CCOM eine Netzwerkinfrastruktur mit Simsense-Technologie auf zwei Kriegsschiffen im Hafen der AIM-Enklave montieren. Goodbye Goodfellow! Goodbye Shigeruu! Corre sah sein Kompetenzteam zusehends zerbröseln.

Der Wageslave war durchaus traurig, von Norge Abschied nehmen zu müssen. Immerhin würde man sich wahrscheinlich so schnell nicht mehr wiedersehen. Und nachdem Zoé Luft in der weiten Welt schnupperte, Brick im Wesentlichen tot und der „Ghost“ nach wie vor nicht gerade zum Herzbuben von Mike avanciert war, blieb nur noch Régicide. Irgendwas war da mit Beijing… Mike hatte keine Ahnung, was genau mit dem Magier vor sich ging. Vielleicht lag es daran, dass er ein Magier war.

Auf jeden Fall war Mike ziemlich überzeugt davon, dass die SFG 77 aufgelöst worden war. Aber die gemeinsame, kurze Zeit würde er nicht vergessen. Mit Norge verband ihn ohnehin ein etwas engeres Band, wegen dem einen „Gefallen“. Und erreichbar blieb Mike auf jeden Fall. Die Matrix war immer nur ein paar Neuronen entfernt!

Norges Rückkehr aus dem Urlaub, mit Six-Pack und guter Laune, schoss genau auf die richtige Welle auf, die Goodfellow gerade ritt. Am Folgetag lud er Norge auf seine Kajüte auf der Cassiopeia. Diese Kajüte war eine Gruppenunterkunft, kein luxuriöses Einzelquartier wie auf der AIMS Juno! Von seinen drei Kameraden aus der A Company, 3rd. Regiment, 1st Battalion Marines, war nur einer anwesend, der gerade ein Trideo-Spiel zockte.

„Yo, Norge! Nimm Dir eine Soda mit Schuss und mach Dir ’nen Sandwich! Ich hab Deine Info besorgt.“

In der Kajüte sah es aus wie Sau. Man durfte sich fragen, wie weit die Korruption hier wohl reichte, um den Schweinestall durchzubekommen. Sollte Uzun zufällig vorbei kommen, wäre er wohl ’not amused‘.

„Hier, zieh Dir das Trideo rein. Ist Denver Style. Cooler Scheiss! Achte auf den Typ mit dem roten Kapuzenpulli und den Gangsta der das Geld zählt.“

Goodfellow gibt Norge ein Kabel um das Simsense-Deck auf den Chipjack aufzuschalten. Er zwinkert dabei und räumt einen Stuhl frei.

In dem chaotischen Video scheint eine Botschaft verborgen. Besser gesagt: Informationen zu angebotenen Produkten. Es ist etwas mühsam für Norge, den Faden nicht zu verlieren, aber wenn man einmal die beiden Gangsta im Blick hat und weiß, wonach man sucht, dann erhält Norge seine gewünschten Informationen zum Erwerb einer falschen Identität. Die Checker laufen dann am Rand des Sichtfeldes mit und rappen die Preisliste mehr oder weniger kreativ runter.

„Schräg was? Den Tinker-Kram in PR-Trids zu brennen? Keine Ahnung, ob die den Denver Rap lieben oder als Todfeinde kalt stellen wollen. Heh. Jedenfalls ist Denver Deine beste Adresse. Ein alter Freund war cool drauf, wir ham gechattet, bißchen über alte Zeiten gelabert. Du sagst wenn Du weißt wieviel Du ausgeben willst, und dann bring ich das ins Rollen.“

Der Kamerad am Trideo-Game kümmerte sich einen Scheiss um die Geschäfte in zweiter Reihe. Er stand kurz vor dem Top-Score im Ultra Challenge Wrestling Contest: Nude Edition!

Mike sitzt wieder in seiner Kajüte, es ist früher Nachmittag. Erneut geht sein Telefon. Nancy!

Oh shit, der letzte Anruf ist viel zu kurz her, als dass sie sich abgeregt haben könnte. Dieser Anruf ist der Gong zur zweiten Runde!

Mike setzt sich sein Headset auf und nimmt den Anruf entgegen. Die Stimme am anderen Ende ist leise, fast flüsternd, zitternd: „Mike?“

„Hallo mein kleiner Jadedrache. Ja, ich bins. Hörs zu…“

„Mike, bitte, ich habe nicht viel Zeit. Bitte hör mir zu. Auf dem Flug ist mir gerade was Irres passiert, ich, ich“ sie schluckt. „Da stand plötzlich dieser Typ vor mir, groß, hager, rote Haare und fragt ob ich die Nancy bin die einen Mike Goodfellow kennt. Der Kerl hat mir wirklich Angst gemacht, nicht weil er bedrohlich oder unfreundlich war,  sondern einfach nur…sein Blick, seine Haltung“ wider ein Schlucken. „Er hat angefangen zu erzählen. Ich hatte Angst und habe meine Handycam eingeschaltet. Ich denke er hat es gesehen, es war ihm aber egal. Habe kein Bild mitgeschnitten aber den Ton…“

Sie schaltet die Aufzeichung ein und Mike hört Régicides Stimme:

„…dir mal von diesem Typ erzählen den ich kenne. So ein Computernerd. Die nimmt keiner Ernst, die sitzen immer nur in ihren klimatisierten Büros, futtern Chips, trinken Cola…während die richtigen Soldaten das Sterben übernehmen… Genau so sein Nerd ist Mike, wir nennen ihn Wage. Der Nerd der, während wir in unserem Schützenpanzer in eine belagerte Stadt eindringen, auf dem Beifahresitz hockt, die Route checkt und das Steuer übernimmt wenn es sein muss. Der uns mit der Bordkanone Deckung gibt, wenn wir ausrücken müssen. Der sein Hirn, seine Kindheitserinnungen, sein Sprachvermögen oder seine Feinmotorik riskiert, wenn er uns Türen öffnet und Kameras abschaltet. Der Nerd, der in einen zugefrorenen See taucht und sich zwischen eine Sekte von irren Kultisten und ein 17 jähriges Mädchen wirft, das sie als Geisel genommen haben. So ein Typ, der auch für seine Kameradin da ist, wenn es ihr richtig dreckig geht und sie mit niemandem reden kann. Den Nerd weiß niemand richtig zu schätzen! Oder wie siehst du das, Nancy? Was ich mich immer Frage ist, warum er damit nicht hausieren geht. Ich meine…so ein Life Action Hero… aber die Profis zeichnen sich halt dadurch aus, dass sie nicht allen Leuten dauern erzählen müssen, dass sie echte Profis sind… real Hero… Na ja, geht mich ja auch nichts an…“

Die Aufnahme wird ausgeschaltet.

„Mike?…Mike, kennst du diesen Mann…stimmt es was er sagt?“

Massives Schlafdefizit, zu viel Input, zu viel Stress und zu viele Gefühlswindungen haben Mike Goodfellow sowohl sein Schlagfertigkeit als
auch seine Verdunkelungstaktiken zerstört:

„Em… ja, em… Ja Nancy, wird wohl stimmen, im Groben…“

In Nancy Hintergrund hört man eine laute Stimme:

„Mike ich muss Schluss machen, melde mich sobald ich länger Zeit habe…Tut mir alles leid, love you!“ Klick.

Man, wie groß ist die Chance, dass kurz nachdem er den Anderen von Zoe erzählt und Régicide nur in eine Video-Konferenz dazu geholt hatte, damit er beschied weiß, wie hoch ist die Chance, dass er dann ein Flugzeug besteigt…und da ist Nancy, und dann…

Da war Karma aber wirklich mal auf Mikes Seite! Die Geschichte musste er gleich Mal den anderen erzählen!

Die Sache kam ungefähr so:
Mike Goodfellow sitzt in seiner Kajüte auf der Matratze. Es ist spät in der Nacht. Er hat zuviele bescheuerte Foren und Newsgroups in der Trix gecheckt, jetzt ist er völlig übermüdet. Da kommt ein eingehender Anruf auf sein Mobiltelefon. Im Flüsterton nimmt er den Anruf entgegen:
„Hey! Nancy, wie geht’s dir Liebes? Welche Uhrzeit ist gerade bei dir? – Ah, cool. – Tja, du klingst auch wie frisch geboren. Ich häng hier ab, kurz vor Drei local time. Wollte gerade das Deck zuklappen und habe an dich gedacht. – Hm. – Was? Warum ich flüster?“
Goodfellow wird es klamm, die Hände werden kalt. Er schielt zu Zoé rüber, die nach unruhigem Hin und Her endlich eingeschlafen war.
„Nun… weil.. also es ist Nacht hier. Die Leute schlafen, yo?“
Denk nach, Goodfellow! Pass auf und denk nach! Das ist nicht gut so!
„Em.. ja, ich hab die Einzelkabine noch. Aber man nennt das Kajüte auf nem Schiff… Hm, ok…“
Anlügen konnte er Nancy einfach nicht.
„Es ist,… da ist jemand vom Team heute hier noch eingekehrt und dann weggesackt.“
Diesmal hätte man Nancys Stimme bereits durch das Mobiltelefon hören können, wenn man im selben Raum gewesen wäre:
„Du bist auf einem Kriegsschiff im Eismeer und da sackt jemand nachts um Drei bei dir in der Kabine weg?!“
Mit der messerscharfen Präzision einer eifersüchtigen Frau wechselte Nancy in ihre Muttersprache um die Unschärfen des Englischen auszuschalten. Auf Mandarin setzte sie die entscheidende Frage in Dolchform auf Mikes Brust:
„Nanrien haishi nürien?“
„Äh, äh… also ich glaube sie ist doch eher ’ne Frau, ja…“
Kurz presste er das Mobiltelefon gegen die Brust um Zoé nicht durch das zornige Gezeter zu wecken. Ein leises ‚fuck‘ und ein genervtes Durchatmen, dann auf den richtigen Zeitpunkt warten.
„Nancy, hör mal. Das ist alles ganz locker hier. Sie hat Probleme, ihr geht’s nicht gut. Sie wusste nicht wohin!“
Dumme Wortwahl, Goodfellow. Dumme Wortwahl.
„Esss sa.. BTL-Problem. … Oh Gott, nicht ich, nein! Oh Gott, Nancy, hör auf, komm… Sie ist ’ne Gnomin, Nancy! Du weisst, ich steh nur auf dich, ok? Was heisst denn…? Was? Ich äh, ich kümmer mich doch um dich…!“
Hin- und hergerissen zwischen dem eigenen Seelenfrieden einerseits und dem erholsamen Schlaf von Zoé andererseits blieb Goodfellow nur ein geflüsterter Gracefull Logoff:
„Nancy, ich liebe dich, ok. Die Frau hier ist krank. Ich rufe an wenn dein Kopf kühl ist und ich keine Zimmervisite vom Wachabenden riskiere, ok?“
Aufgelegt.

Am nächsten Morgen traf Goodfellow Brick und Negative in der Kantine, Régicide hatte er in einer Vid-Konferenz zugeschaltet. Er sah übernächtigt und genervt aus. Genervt vor allem auf sich selbst. Während Zoé noch nicht da war, gab er den Dreien grob das Geschehene wieder: Zoé, schwer getroffen, Absteigen in seiner Kajüte, runterkommen (jedoch kein Wort über Moodchips und BTL), Nancys Anruf. So ein bißchen mit einem Zaunpfahl gab Goodfellow zu verstehen, dass er Zoé nicht helfen kann, wenn er selbst einen Psychiater braucht. Er würde ihr die Tür auch in Zukunft natürlich offen halten, aber die andern vom SFG 77 sollten sich mal um sie kümmern, riet er. Bezüglich der Nancy-Geschichte und des gerade geschehenen Gesprächs bat er um Verschwiegenheit. Es wäre Zoé sicherlich unangenehm. Und Unangenehmes hatte sie ja genug erfahren.

[Zoé und Mike Goodfellow im persönlichen Gespräch.]

Mike ist geknickt, als er Zoé so darnieder sieht. Er lässt sie natürlich rein und bietet ihr einen Kaffee mit etwas Likör an.

„Oh, oh je. Also das tut mir ja wirklich voll leid. Also, das wollt ich natürlich nicht!“, stammelte er zuerst und hörte sich dann an, was Zoé im Detail zu berichten bereit war.

„Das mit dem Nervenkitzel kenn ich nur zu gut. Manche Dinge sind zu heiß, um sie anzupacken, aber dann will man sich dennoch verbrennen. Mit dem, was du jetzt durchmachst, bist du jedenfalls nicht allein, Zoé. Auch ein mieser BTL-Chip kann dich einhundert Prozent glauben machen, dass du den armen Kerl schon ewig kennst. Aber klar, ich mein, ihr habt das ja quasi zwangsweise an einem anderen Kerl gemacht. Mit dieser Yutani-Technik. Das ist schon krass,“ er reibt sich über das Gesicht, „In meiner Zeit im Studium, in Denver, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass die Technik schon so… ‚feldtauglich‘ ist. Da gab es immer nur ein paar Gerüchte. Etwa der Renraku Lockdown 2059, ein riesen Ding in den Medien, zwei Jahre lang. Oder das Anime-Kindermädchen von 2068, ein Horror-Simsensemitschnitt in der Decker-Szene. Das Ding ist, am Ende des Tages, dass die Identität den Bach runter geht. Die Leute denken, man kann mit der Technik so dies und das machen, aber wenn du es zu Ende denkst, dann kannst Du in Kategorien wie Ich und Du, Person oder Intelligenz nicht mehr denken!“

Mike fängt an in einer Tech-Kiste nach Chips zu graben, während er weiter plaudert. Scheinbar wird ihm erst beim sprechen klar, wie unerhört die Simsense-Aktion für Operation Ancient Mariner eigentlich war:

„Weißt du, die Customer Agents von Yutani sind angeblich zum Großteil aus Erinnerungsstücken älterer Agents zusammengeflickt. Damit man nie weiß, mit wem man es zu tun hat, Risiko streuen kann und nur ganz wenige am Ende des Hebels den Durchblick haben. Die pfuschen seit Jahren in den Köpfen ihrer Mitarbeitern rum, wenn man den Gerüchten so glaubt. Das ist ja so ein klein wenig dein Problem: ist da jetzt was von jemand Fremdem in mir? Also theoretisch kann man nur mit totaler Reprogrammierung solche fremden Erfahrungen so einbauen, dass sie nicht mehr anecken. Alles was passiert, passiert in einem Bewusstseinsstrom, ok? Und wenn da Erfahrungen sind, die nicht dir gehören, dann passen die nicht in deinen Bewusstseinsstrom rein. So als… erinnerst du dich an einen Flugzeugabsturz, bist dir aber sicher, niemals geflogen zu sein. Also die Fälle von BTL-Zombies, die wieder in den Alltag zurückkamen, die haben es geschafft die falschen Erfahrungen in eine Schublade zu stecken. Die sind zwar noch da, aber die haben mit abgeschlossen.“

Mit einem Ruck fördert er einen Chip zutage, den er wohl gesucht hatte. Mike macht sein Cyberdeck bereit und gibt Zoé das Lichtleiterkabel.

„So, das ist ein gediegener Gaumenschmeichler für das Stammhirn. Nix Wildes, aber gönnt dir eine Auszeit.“

Rasch baut er Zoé, vielleicht in Anlehnung an ihr „Biwak“ auf der Shigeruu, ein Körbchen aus einer großen Sporttasche unter dem Kabinentisch und klebt ihr die Magnetlampe an die Unterseite der Tischplatte.

„Eh, ok… bin nicht gerade der erste Innenausstatter an Deck. Aber besser, als wenn sie dich suchen und auf meiner Matratze finden, was?“

Er grinst breit.

„Ach noch was… Also, ich sag mal ‚in der Szene‘ gibt es so zwei Lager oder Fronten mit diesem Brain Dive und Simsense-Gedöns. Die einen sagen: ‚ey, Freiheit und Würde der Person und so! In den Kopf schauen und zwingen geht gar nicht!‘, die anderen sind eher so: ‚die Zukunft ist Realität, man kann das nicht aufhalten. Der See der Informationen ist nicht nur der ein oder andere Host, sondern dazu gehören alle Gehirne, alle Bewusstseine die in ihm schwimmen und so. Die Menschheit muss nach vorne Blicken, auf eine andere Stufe kommen.‘ – Also was ich sagen will, also… em… also Ethik und so… ich mein, letztlich kann man nicht zurückrudern. Die Technik. Du kannst es umarmen, oder verfluchen. Will sagen: die Welt geht voran. Du kannst nach vorne gucken oder dich nach hinten wenden. Aber die Richtung ist immer die gleiche. Was sich richtig oder falsch anfühlt, musst du entscheiden. Davon mal abgesehen, du warst als Soldatin im Einsatz, ok? Frag mal Régicide, Brick, Norge oder Mr. Boucard – em.. neh, den vielleicht besser nicht. Jedenfalls, die haben eine Menge Kampferfahrung. Vielleicht hat von denen auch mal jemand aus Versehen dem Falschen den Kopf abgerissen. Du bist bei sowas eben die ausführende Hand. Wer ist da denn der Schuldige? Du? Uzun? CCOM? Yutani?“