Wheel Chair

// 8. Mai 2073 //

„Ich dachte du kannst schon wieder mit Krücken laufen?!“

Naama Malik brummt ihr Kommentar, halb als Frage halb als Vorwurf, als sie den Rollstuhl den Hauptkorridor der AIMS Cassiopeia entlang schiebt.

„Korrekt, aber es ist eine Formalität, da ich eigentlich noch ein Patient bin und nur verlegt und nicht entlassen werde… Zum anderen lasse ich mich gerne von dir herumkutschieren.“

Die junge Frau, knurrt, irgendwo zwischen Arger und Amüsement. Der Mann im Stuhl fährt fort: „Schließlich bis du deutlich an meiner aktuellen Lage beteiligt, ich gebe dir nur Gelegenheit deine Schuld abzugleichen. Wenn du so weiter machst sind wir in 30 bis 40 Jahren quitt“

Naama kann sich eine schmales Lächeln nicht verkeifen! Die unablässige Konfrontation mit den Umständen von Bazuts Verletzung und ihrer Rolle darin läuft seit fast zwei Wochen, dauernd bringt er es zur Sprache. Mittlerweile hat es den gewünschten Effekt. Naama hatte keine Chance ihre Gefühle zu unterdrücken oder in sich hinein zu fressen. Schuld, Selbsthass, Scham, alles sind Dinge die gnadenlos freigelegt wurden, um schließlich ihre lähmende Kraft und erdrückende Stärke zu verlieren.
Naama wird noch Zeit brauchen um die Erlebnisse zu verarbeiten, die Sache zwischen ihr und dem verletzten Mann im Rollstuhl ist aber keine eiternde, blutende Wunde mehr. Gereinigt, genäht, verbunden, jetzt braucht sie nur noch Zeit um auszuheilen, die Narbe wird klein sein.

Sie steuert den Rollstuhl in den Fahrstuhl zum Flugdeck, begleitet von einem Deck Crewmen in gelben Pullover. Die beiden ignorieren den Crewer.

„Vielleicht könnte ich dich einmal die Trans-Sibirische Eisenbahntrasse entlang schieben!“
Der Franzose überlegt kurz: „Nette Idee, lass‘ ich mir durch den Kopf gehen.“
Ein Moment der Stile entsteht.
„Ich bin für mehrere Wochen in diesem Rehazentrum in Tokio eingesperrt, wenn du so gar nicht weißt was du machen willst, kannst du ja mal vorbei schauen.“
„Ich weiß ja nicht mal wann sie mich hier weg lassen…“
„In ein paar Tagen, der Captain regelt nur noch die letzten Formalitäten…
Weißt du schon was du vor hast?“
Sie schüttelt den Kopf, zu viel ist in den letzten Tagen passiert als das sie schon Pläne für die Zukunft schmieden könnte.
„Nach dem sie mich aus dem Krankenhaus entlassen haben, wird es mich wohl nach Bejing verschlagen, ich habe meiner Tochter versprochen einen langen Urlaub mit ihr zu machen, und in Bejing gibt es jemanden den ich besuchen will. Melde dich wenn du hier weg kommt, ich lasse dich wissen wie und wo man mich erreichen kann“

Apprupt macht der Lärm des Flugdecks jede weitere Unterhaltung unmöglich, als Naama den invaliden Soldaten unter Anleitung des Crewman in den wartenden V-22 Osprey schiebt. Er wuchtet sich aus dem Stuhl in einen Flugzeugsitz.
Sie schaut auf ihn herunter: „Bazut ich…“
„Schhh, tout va bien, alles ist Ok.“
Die beiden Umarmen sich.
Sie erhascht einen letzten Blick auf das Gesicht unter dem roten Haarschopf, ein Auge zwinkert ihr zu. Sie beobachtet das Abheben des Schwenkflüglers von der Insel aus, verloren in ihrer eigenen Gedanken.