Soirée

Annabelle-Anwesen, Graue Zone, Dahomey

Die Flucht der SFG 77 fand in Dahomeys Grauer Zone, auf dem Anwesen von Annabelle und Positive, ihr vorläufiges Ende – oder besser einen Zwischenhalt. Die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge zu gehen, war die größte Sorge gewesen bisher.

Zuerst hatte man natürlich Norge in die sichere Obhut des Willem van de Flierdt gegeben. Die Funkstille dauerte nun schon in der dritten Woche an – und das war auch so vereinbart gewesen. Dann kam die bestätigte Nachricht über Major Uzuns Tod öffentlich einsehbar über jedes beliebige Trideo-Gerät. Zu dem Zeitpunkt saß die SFG 77 noch in Europa fest. Doch mittlerweile fand man auf dem abgelegenen Landsitz von Prinzessin Annabelle einen vorrübergehenden Hafen.

Mike hatte sich mittlerweile gemeldet und die SFG 77 arbeitete an einer juristischen Strategie, mit der vertrackten Situation umzugehen. Eine aktuelle Kernfrage war nun, wen man wie genau einbinden sollte. In dieser Situation, die von Für und Wider, Hin und Her geprägt war, ergriff überraschenderweise Prinzessin Annabelle die Initiative, als sie Positive und auch andere informierte:

Annabelles Initiative

„Ich habe mir das nun ein paar Tage angehört. Ja, und meine Anwälte ja auch. Wir haben gute Mittelsmänner. Aber es hört sich schlicht und ergreifend nicht richtig an, nun, wenn man wirklich einmal Hilfe braucht, über Dritte und Vierte nach Unterstützung zu buhlen. Ich habe mich daher entschieden, einen Gesellschaftsabend auszurichten. Miss Pria Clark hat bereits zugesagt. Rago und Odam übrigens auch. Und so Andikan will! – werde ich von mir aus auch die Elefantenpriesterin einladen, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass sie aussschlagen wird. Sofern sie nicht ohnehin im Buschland verschollen ist. Auch Sistren und Aidren aus Moskuwa habe ich eine diskrete Einladung geschickt. – Jaja, ich weiß schon.“ Sie winkt ab. „Aber wenn Freundschaftsbande diese Belastung nicht aushalten, dann sind sie es nicht wert. Und eine Gemeinschaft, die nicht den Mut findet, zusammenzukommen, ist keine.“

Einwände gegen eine Einladung von Clark schmettert Annabelle mit einer interessanten Einsicht ab: „Wenn AIM herausfindet, dass sich eine abtrünnige Spezialeinheit hier versteckt, dann werden die diplomatischen Konsequenzen eine Eiszeit einläuten. Glaubt mir, niemand will so eine Eiszeit. Weder ich, noch AIM, am allerwenigsten Miss Clark. Also wenn sie hier ist, euch sieht und alles aus erster Hand hört, dann versteht sie, wie ernst die Lage ist. Sie wird das so delikat behandeln, wie es auch angemessen ist.“

Und so begibt es sich, dass es auf Annabelles Anwesen auf erstaunlich unkomplizierte Weise zu einem diskreten Gesellschaftsabend kommt. Anwesend sind Clark, Sistren & Aidren, Odam und Rago.

Clarks Einsichten

Bewacht durch Annabelles Sicherheitsdienst, Zoés Drohnen und Andikans Schutzgeistern finden die SFG 77 und Pria Clark endlich Zeit für ein vertrauliches Wiedersehen am Kaminfeuer. Der Ausblick über die bewaldeten Hügel der Grauen Zone rufen Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse wach. Doch schlussendlich dominiert ein Thema das Gespräch: die Flucht der SFG 77.

„Ich finde diesen juristischen Schriftsatz gut! Er zeigt immerhin, dass ihr euch ernsthaft Gedanken gemacht habt. Einiges ist sicher ziemlich dreiste Behauptung oder Wunschdenken, aber es ist auf jeden Fall besser, als zu schweigen. Ihr müsst nur vorsichtig sein, dass ihr nicht zu viel auftischt. Wer weiß, wie die Sache ausgeht, und bei Verhandlungen sind zu viele Details manchmal auch hinderlich. Ich kann euch jedenfalls die richtigen Schreibtische nennen, auf denen das landen sollte, über Anwälte.“

Pria ist von der ganzen Entwicklung um die SFG 77 ziemlich aufgekratzt und nervös. Sie scheint die Sorgen der SFG zu teilen und zupft nachdenklich an ihrem Cocktailschirmchen, während sie ins Feuer schaut. Dann lässt sie den Blick über Zoé, Positive, Régicide und Copper schweifen:

„Ich habe Gerüchte gehört, was in Finistère grade los ist. Aber bevor ich damit anfange, folgender Satz: Als die Kampagne AIM Matters so durchgeschlagen hatte, da bekam ich meine fünf Minuten mit Jacqueline Walters. Und sie hat gesagt – und ich zitiere: ‚Captain Uzun hat gezeigt, dass er keine Soldaten geformt, sondern eine Familie gegründet hat. Das sind herausragende Personen, jeder von ihnen. Ich kann nicht sagen, ob das rückblickend der richtige Weg sein wird, aber ich bin mir sicher, dass wenn es schief geht, der Fehler bei uns liegen wird.‘ Den Satz habe ich nie vergessen. Und jetzt habe ich mir ihren Auftritt angesehen, den Nachruf, im Trideo, ihr wisst schon. Ich habe es mir viermal angehört: sie gibt euch Deckung. Aber sie kann im Moment auch nichts machen. Die Sache ist fest in CCOM-Hand. Womit ich jetzt auch bei den Gerüchten angelangt bin…“

Pria kratzt sich im Nacken und fährt sich durch den wilden Haarschopf.

„General Lambert war schon immer der härsteste Gegenspieler von Uzun. Er hat ihm das Leben so schwer gemacht! Das weiß jeder im CCOM. Jetzt will er alles rückgängig machen, die ganzen Doktrinen über adaptive Spezialkräfte. Uzuns Vermächtnis. Das haben mir einige Freunde in Finistère bestätigt. Er ist der Verantwortliche für die Aufarbeitung des Attentats und der aktuellen Situation um die SFG 77 und ich bin mir absolut sicher: er will euch den Hahn zudrehen, ein für allemal.“

„Dummerweise, und das macht mir wirklich Sorgen, scheint es ernste Beweise zu geben, die euch mit dem Tod von Major Uzun in Verbindung bringen. Kara Lance hat euch mit der Flucht belastet, sie ist derzeit als potentielle Mitverschwörerin inhaftiert und wird durch die Innenrevision in London verhört. Fink soll sich vor einer laufenden Kamera in Finistère selbst gerichtet und die SFG 77 dabei belastet haben. Lance hat noch versucht, ihn aufzuhalten. Das ist alles eine unglaubliche Misère!“

Pria deutet auf den juristischen Schriftsatz der SFG 77.

„Und außerdem, habe ich nichts von solchen Beweisen gehört, wie sie da zitiert werden. Ein Angriff auf Norge? Davon höre ich das erste Mal. Die Linie der Ermittlung ist derzeit, dass die SFG 77 Personen erpresst hat, um Uzuns Tod einzufädeln, zu decken, und sich abzusetzen. Wenn es andere Beweise gibt, sind sie entweder sehr gut unter Verschluss oder sie haben die Verantwortlichen nicht erreicht. – Nun, oder sie werden ignoriert.“

Möglicherweise sorgen Clarks Neuigkeiten und Perspektiven für eine hitzige Entrüstung unter einigen der Anwesenden. Es wird die Frage laut, ob nicht wirklich feindliche Kräfte vom Ausmaß der Agooji oder Yakutiens involviert sein müssen; alles, nur um Initiative Tradestop, AIM und die SFG 77 zu schwächen? Aber wäre das nicht eine wahnwitzige Verschwörungstheorie?? Clark teilt eine Sorge jedenfalls ganz klar:

„Wenn es eine Intrige gegen AIM ist, dann wird euer Schriftsatz das nicht auflösen. Mein Tipp wäre: ihr müsst etwas auftreiben, das euch ungeteiltes Gehör und ungeteilte Glaubwürdigkeit verleiht. Irgendwas, das so gut ist, dass ihr damit direkt an diesem General Lambert vorbei bis zur Chefetage gehen könnt. Jacqueline Walters kann sich nicht in eine laufende Ermittlung einmischen, es sei denn, ihr habt einen Beweis, der die Tragweite der Intrige klar aufzeigt. Ich glaube, dann würde sie und das ganze Internal Audit hart durchregieren. Aber in so eine Schlammschlacht über juristische Positionen innerhalb des CCOM und dieses und jenes Beweisstück, da kann sie euch nicht helfen, auch wenn sie das vielleicht gerne würde. Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr das Schicksal der SFG 77 am Herzen liegt. – Wenn ihr etwas Felsenfestes besorgen könnt, das wirklich aufzeigt, wie weit das alles vielleicht um sich greift, mit den Agooji, der Initiative Tradestop und so weiter, dann bringe ich es vertraulich direkt in Jacqueline Walters Vorzimmer. Das kann ich euch versprechen. Aber mit weniger wird es nicht funktionieren, fürchte ich.“