Hillers Vermächtnis an Zoé

Es dauerte einige Tage, bis die Westhouse-Rechtsanwaltskanzlei für 3.800 Nuyen die Überführung des Nachlasses von Collette Hiller an Zoé Miller sicher bewerkstelligt hatte. Die Verschleierung des Weges nach Dahomey verschlang auch nochmal etwas Zeit. Letztendlich hält Zoé einen schmucklosen Briefumschlag in der Hand, der aus der viel zu großen Dokumentenmappe der Anwaltskanzlei purzelt. Darin befindet sich eine in die Jahre gekommene, abgewetzte Fotografie.

Hillers Nachlass. Auf der Rückseite stehen die handschriftlichen Worte „Semper Fidelis“ mit einem Filzstift geschrieben.

Es handelt sich um die Aufnahme einer militärischen Einheit, offenbar in einer heißen und trockenen Region der Welt. Sie zeigt sieben Soldaten, darunter Collette Hiller. Sie lehnt lässig gegen die Schnauze eines Schwenkflügelflugzeugs, die ins Bild hinein ragt. Die vollverspiegelte Pilotenbrille – Hillers Markenzeichen – lässt keine Zweifel daran, dass sie die Pilotin des Vehikels ist. Ihre Abzeichen weisen sie als Chief Warrant Officer und Heeresfliegerin aus.

Zoé muss vielleicht schmunzeln: Coolness ging Hiller schon über alles, bis zuletzt! Aber Moment, das ist kein Bild von der AIM. Auf dem Dropship steht „3. RGT IMA Army (Airborne) 11. Urban Brigade“. Es ist eine Aufnahme aus Zeiten als AIM noch die IMA war.

Zoé ist angefixt und nimmt eine Lupe zur Hand (oder direkt Copper als lebendes Vergrößerungsglas?). Sie geht die anderen Personen auf dem Bild durch:

Ein grimmig dreinblickender Amerikaner, wahrscheinlich Südstaatler. Er hält locker ein Scharfschützengewehr auf der Hütze aufgestützt. Auf seiner Brust ist der Name „F. Horrigan“ aufgenäht. Er raucht Zigarre.

Zwischen Horrigan und Hiller steht ein schwarzhaariger Europäer mit einer französischen, roten Baskenmütze. Mit einer Hand auf Hillers Schulter, stemmt er mit der anderen ein Maschinengewehr. Der Soldat heißt „F. Walker“ und bekleidet den Rang eines Specialist (SPC).

Neben dem Franzosen steht ein grobschlächtiger Kerl mit russischem Einschlag, ein Corporal. Er schaut grade zur Seite, als das Bild gemacht wurde, als habe er den Auslöser verpasst. Der Mann heißt laut Aufnäher „N. Terminow“.

Vorne knieht dann ein derber Ork mit ausgefahrenen Cyber-Sporen am Unterarm. Ein Sergeant der Fallschirmjäger mit dem Namen „K. Brauer“. Er streckt die Zunge raus, was eher blutrünstig wirkt.

Somit ist Zoé am anderen Rand des Bildes angekommen. Dort sind zwei Personen, die sehr eng beieinander stehen. Der eine ist ein Lieutenant Colonel (LTC) und damit der einzige Offizier der Gruppe. Er trägt seine schwarzen Haare ordentlich frisiert und hält eng an sich gepresst eine lachende Blondine, die dem LTC scheinbar mit einer Hand grade an das Hinterteil greift. Die andere Hand ruht auf der Schulter des LTC. Sie hat auch ihren Kopf auf der Schulter des Mannes abgelegt. Die beiden scheinen ziemlich zwanglos miteinander zu sein und sehen grinsend in die Kamera.

Die lachende Frau ist unverkennbar SPC Kara Lance – ja, genau die Kara Lance, die die SFG 77 seit vielen Jahren eng begleitet hat. Ihren Abzeichen nach ist sie auf dem Bild Teil der IMA Luftwaffe und passt damit nicht so ganz zum Rest der Truppe, die alle Teil der Infanterie sind. Wenn man sehr genau das Bild studiert, kann man erkennen, dass im Hintergrund Krücken liegen. Kara Lance belastet auch nur eines ihrer Beine.

Der LTC, der hart mit Kara Lance flirtet, trägt als Namensabzeichen „Owen“ auf der Brust. Ein Lieutenant Colonel der 11. Urbanen Brigaden der IMA. Sein Gesicht stimmt unfraglich mit dem Portrait des gesuchten Kriegsverbrechers Richard Owen überein…

Es fällt Zoé nicht schwer herauszufinden, dass das Foto um 2061 entstanden sein muss, kurz vor dem Untergang der IMA. Hiller und Lance stehen auf dem Bild an zwei verschiedenen Ecken, aber beide Frauen scheint doch etwas zu verbinden. Lance trägt das Abzeichen einer Kampfpilotin, was aber bei ihrem Rang als Specialist überhaupt keinen Sinn ergibt. Zudem hat Lance die selbe Pilotenbrille wie Hiller, nur nicht auf der Nase, sondern in der Hand, die Owen auf der Schulter liegt.

Auf der Rückseite der Fotografie hat eine geschwungene Handschrift „Semper Fidelis“ geschrieben – „Für immer treu“. Der Satz ist ebenso schwungvoll unterstrichen.

Zoé versucht sich zu erinnern. Es gab einmal ein kurzes aber seltsames Gespräch, dass sie mit Hiller geführt hatte. Es ging um die Jagd nach Richard Owen, die von der SFG 77 damals vorangetrieben wurde. Hiller, die damals, es muss Anfang oder Mitte 2072 gewesen sein, noch im Bereitschaftspool bei AIM gewesen war, und nicht unter regulärem Vertrag stand, hatte abfällig vom dreckigen Ende der IMA erzählt und schien mit diesem Teil ihres Lebens abgeschlossenen zu haben. Von Richard Owen wusste sie nichts – sagte sie damals. Sie hatte aber auch irgendetwas Kryptisches gesagt, das Zoé damals nicht so recht verstanden hatte. In etwa: „Am Ende ist eh alles scheissegal gewesen. Ränge, Vorgesetzte, Aufträge… Und ehrlich, nur Rigger verstehen Rigger. Kameradschaft kann man sich nicht aussuchen.“