Ein verregneter Tag in Beijing. Die Zahnräder der Welt drehen sich weiter. Die Urbane Brigade patroulliert in manchen Straßen. Die Prostituierten patroullieren wieder in anderen. Der Nudelverkäufer auf dem alten Elektromobil trägt bunte Sandalen, die wie ein Regenbogen auf den öligen Pfützen zu schwimmen scheinen. Die Gesichter sind nach unten gerichtet, die Krägen steil aufgestellt, wie die Häuserfronten ringsum. Auf der Grauen Achse liegen unzählige Kunstblumen von namenlosen Händen sorgsam auf dem Gehsteig aufgereiht. Ein Dutzend für jeden Verletzten, einhundert für jeden Toten. Wie ein Wunder, bleiben sie von Stiefeln und Rädern unversehrt.
Im warmen Keller eines der Wohnhäuser des Weißen Lotus gibt es einen langen Gang, von dem aus die Türen in Regallager, Schlafräume und Heizungsbunker führen. Am Ende des Ganges ist ein großer Tisch mit einem Terminal aus der Blüte der 2030er. Unzählige Hände haben hier Tasten geschunden, Kabel verdrahtet Platinen gelötet. So alt es ist, so anonym ist es auch. Zahlreiche Merkzettel verraten Passwörter zu illegalen Datenparadiesen, Simsense-Kanälen und dem Shadownet. Ein idealer Ort, um an diesem verregneten Tag die nächsten Schritte zu planen, zu recherchieren, ungefährdet die Mailbox zu sichten oder den ein oder anderen Kontakt herzustellen.
Als sich die SFG 77 nach einer ruppigen Diskussion mit Zuhältern, leichten Damen, Dealern und Anarchisten endlich eine volle Stunde am Terminal erobert hat, sitzt und steht man im Kreis beisammen und glotzt auf den Trideoschirm. Gerade als die kritischen Daten über den Bildschirm flattern, die offenen Fenster mit Tagesberichten, Informationen aus Kapstadt, Flugpläne nach Jakarta, der geheimen Mailbox, da tritt ein älterer Mann neben die SFG 77. Wie konnte der sich so leise anschleichen!?
Kurz bevor der sprungbereite Negative in den Monitor – oder den Mann – schießen kann, entspannt sich die Lage. Der Alte ignoriert die Gruppe völlig und knieht sich direkt neben Brick vor dem Terminal auf ein Kissen am Boden. Dort entzündet er mit einem Benzinfeuerzeug drei Räucherkegel und platziert sie in einen alten, verrosteten Aschenbecher, der vor einer goldenen Statue des Buddha Siddhartha steht. Eine schmucklose, kalte LED grellt auf und erhellt die kindsgroße Figur. Wo kommt die Statue plötzlich her? Stand die tatsächlich die ganze Zeit im Schatten des Terminals? Niemand hatte sie bis eben bemerkt.
Der alte Mann senkt dreimal den Kopf auf den Boden, dann platziert er ein eingeschweißtes Sandwich und eine Dose Soja-Kaffee zwischen unzähligen anderen Kleinigkeiten, die sich zu Füßen der Statue stapeln. Behutsam rückt er ein paar Sachen zurecht und berührt kurz die Füße des Buddha, bevor er wieder im dunklen Kellergang verschwindet. Zehn Augen schauen dem Mann hinterher.
Atra steht einige Meter hinten im Gang und beobachtet die Szene. Als der Mann vorrüber gegangen ist, spricht sie etwas amüsiert aber auch flapsig zu den fünf Gesichtern, die sie mit Fragezeichen über den Köpfen etwas irritiert ansehen:
Was? Beides gibt Hoffnung. Beides bestimmt das Schicksal. Der Unterschied ist nur, dass der User am rechten Terminal weiss, dass er einer höheren Macht gegenübertritt. Der User am linken Terminal schaut nur auf den Bildschirm, nicht dahinter. Er glaubt bloß, er wäre der große Manipulator. Am Ende des Tages, sind beide nur Spielbälle auf einem großen Meer.
Als sie realisiert, dass die Gruppe sie immer noch anglotzt und gerade eigentlich wichtige Dinge tun wollte, schnaufft sie kurz verächtlich, wirft ihre Zigarette auf den Boden und folgt dem alten Mann zurück ins Dunkel.