Oma kommt heim

Auch in Kanada hatte Hochsommer geherrscht, aber das war nicht zu vergleichen. 33°C, die stechende Sonne, die die Luft über dem Flugfeld zum flirren bracht, zusammen mit einer Luftfeuchte, die das Atmen schwer machte.

Negative verließ das Flugzeug und stieg mit den übrigen Passagieren in den bereit stehenden E-Bus, das Handgepäck in der Hand. Kaum hatte er den Wartebereich des Terminals betreten, wurde er auch schon aufgehalten. „Mr. Mlongo, würden sie mir bitte folgen?!“ Die beiden orkische Sicherheitsmitarbeiterinnen deuteten unmissverständlich auf eine separate Türe mit der Aufschrift „douane“. Wortlos und ohne zu zögern öffnete er die Türe und trat in ein schmucklose Zimmer, dominiert von einem Schreibtisch.

Er hatte den Anblick erwartet: die metallene Transportbox stand zwischen ihm und dem elfischen Zollbeamten. „Mr. Mlongo, darf ich bitten?!?“ weiß ihn dieser an, und wenige Momente später stand  die schmucklose irdene Urne vor ihnen, halb ausgewickelt aus dem dicken Stoff und der Holzwolle. „Sie haben in den Frachtpapieren eine Überführung ausgewiesen, allerdings existiert in unseren Datenbanken niemand mit dem Namen „Chinemelum Nwokeabia“. Wen führen sie hier mit sich, wo fand die unvollständig deklarierte Exhumierung statt und wohin soll die Asche gebracht werden?“

Drei Wochen vorher hatte Negative in Quebec in einem ähnlich kargen Büro mit exakt den selben gefälschten Dokumenten gesessen, und schon dort überraschte es ihn, welch große Motivation ihm der letzte Wille seiner Großmutter war. Schon dort hatte er mit Geduld und ruhigen Erklärungen Erfolg gehabt. Aber das sie schon vor ihrem Gang ins Exil ihren Namen in Kakuve geändert hatte, wurde ihm erst hier in ihrer Heimat klar.

Seine Transportbox auf dem Trolley verließ er den Flughafen und betrat die brodelnde Stadt Lomé.