Clark und Finnjas Stellung

Der Lieutenant hatte, direkt nachdem er von Captain Uzun in seiner Position als Einsatzleiter vor Ort bestätigt worden war, eine Klärung der anwesenden Personen im HQ verlangt, genaugenommen von Pria Lakshmi Clark und Finnja Skorgen. Beide waren nunmehr seit Mitte Oktober im Land und seitdem damit befasst gewesen, das verlegte HQ zu betreiben, zu sichern und die Rettungsmission notdürftig aufrecht zu erhalten.

Pria Clark war gesundheitlich nicht sonderlich gut gestellt, was am ehesten von einer andauernden Stressbelastung herrührte. Sie war zwar fokussiert und entschlossen im Auftreten, zeigte aber Anzeichen von Nervosität, Schlafmangel und weiteren, kleinen Leiden. Ihre Reizbarkeit hielt sie aber gut im Zaum. Von dem damaligen Zusammenstoß und der abwertenden Haltung gegenüber der SFG 77 war nichts zu hören. Sie erläuterte ihre aktuelle Position bei zwei, drei Zigaretten so:

„Also der sechzehnte Oktober war der Tag gewesen, an dem ich meine Nerven über Bord geworfen und mir Klaviersaiten zugelegt habe. Können sie sich das vorstellen? Die SFG 77 war zwei Tage bereits MIA gemeldet und am sechzehnten kam es richtig hart rein: Putschversuch in Dahomey, Policy Board erstmal wie gelähmt. Telefone der Abteilungsleiter waren entweder tot oder dauerbesetzt. Kaum war Mittag, wurde Captain Uzun abberufen und zur Task Force Guinea versetzt, um die Special Forces für die Seeblockade zu koordinieren. Die Recovery Mission für die SFG 77 sollte ein unerfahrener Lieutenant übernehmen. Und noch während ich mit Uzun per Trideo bespreche wie es jetzt weitergehen soll, kommt die Nachricht aus Moskuwa rein, dass Lena Mason vermisst ist, wahrscheinlich sogar entführt wurde.

„Ich habe dann versucht in den Folgetagen mit dem Lieutenant die Recovery zu klären und mit Fink durchzugehen, was wir machen können. Dann kam vom Policy Board ein Stopp. Ich sollte erstmal gar nichts unternehmen. Neubewertung der Lage, wegen dem Putschversuch. Unser Auftraggeber – Dahomey – wer war das genau nochmal? Naja, und dann habe ich informell erfahren, dass es den Plan gab AIM MATTERS einzustellen und mich abzuberufen. Die ganze Kampagne für’n Arsch, entschuldigen sie! Es sollte nur noch auf die militärische Auftragserfüllung im Golf geschaut werden. Der Geschäftsleitung wurde wahrscheinlich ausgemalt wie das hier enden würde, sollten Evakuierungsmissionen auch noch schiefgehen. Kein Mensch dachte mehr an eine koordinierte, politische Kampagne für die Firma!“

Ein langer Zug an der Kippe.

„Dann hab‘ ich mir selbst eine Dienstreise angeordnet und bin mit dem letzten offiziellen Flug von Casablanca nach Lome geflogen. Das war am fünfundzwanzigsten Oktober. Plötzlich war mit mir die einzig taugliche, politische Projektleitung vor Ort und damit in einem Krisengebiet. Tja. Da gelten andere Regeln. Jetzt konnten sie die Kampagne nicht einstellen, ohne eine Special Deputy Secretary abzuschreiben und sich eine Evakuierung mehr aufzuhalsen. Und den Papierkram wollen sie nicht sehen, den man braucht um eine Policy Campaign in einem Krisenzustand aufzulösen. Da fragen sie mal Sergeant Copper. Der kann ihnen was aus Kairo erzählen. Allein die Publicity kostet sie Selbstmorde in der Marketingabteilung. Also hat man mich vor Ort als Agentenführerin für AIM MATTERS bestätigt. Klar, mein Personal in Casablanca ist auf ein Drittel geschrumpft. Aber was ich mache ist eben jetzt Feldarbeit. Ich beobachte die Lage der Medien, schreibe Analysen, suche Demos auf, rede mit Kontakten hier in Moskuwa. Auch Kontakte von Evan Choi. Der Mann ist übrigens immer noch verschwunden. Aber sein Server, aus seinem Appartment, der war eine große Hilfe. Und nebenbei habe ich die Schichten am Funk und den Kameras übernommen, um auf sie zu warten. Offiziell bin ich also die politische Ein-Frauen-Aktion von AIM MATTERS vor Ort. Immerhin offiziell bestätigt. Wie der Captain gesagt hat, bin ich nach wie vor an einem politischen Partner und an Kunden interessiert, damit wir ENDLICH was liefern können. Auch wenn die Lage hier über alle Maßen eskaliert ist, haben wir und die Geschäftsleitung noch immer das gleiche Problem: keine Partner, die uns reinholen, und keine Ahnung, was wirklich hier los ist. Hier in Moskuwa haben wir aber keine Chance, die Stadt ist in fester Hand von Merc Inc. So sieht es aus. Also wenn sie Kontakte haben, dann her damit.“

Mit Finnja Skorgens Geschichte verhielt es sich ähnlich und doch grundlegend anders. Die reservierte Elfe hatte scheinbar die Zeit des Wartens wesentlich besser vertragen als Fink und Clark. Vielleicht lag es daran, dass sie eine Elfe war. Vor allem schien sie die Zeit auch genutzt zu haben, um mit der Situation ins Reine zu kommen. Sie zeigte kein Zögern und keine Verlegenheit, als der Lieutenant sie nach ihrer Geschichte befragte. Überhaupt war spürbar, dass sie in den vergangenen Wochen eine Führungsrolle vor Ort übernommen hatte. Egal wie sehr man sich anstrengte, man hatte immer das Gefühl, dass man es eben nur beinahe schaffen würde, mit der Elfe auf Augenhöhe zu kommen. Das konnte Nerven kosten. Aber abgesehen von Negative, begegnete sie jedem der SFG 77 respektvoll, distanziert, aber kooperationsbereit. Negative ignorierte sie meistens, wenn andere dabei waren.

„Lieutenant, Sergeants, Chief. Mein Name ist Finnja Skorgen. Die meisten kennen mich bereits… flüchtig. Bis Ende Juni dieses Jahres war ich Kapitänin zur See auf der CASS Shigeruu, einem havarierten Flugzeugträger der Belicose-Klasse im Nordmeer. In den 50er Jahren habe ich für die IMA die Seekriegsoffensive im Nord-, Ost- und Arktischen Meer gegen die Russische Föderation unterstützt. Zumeist als Kapitänin von Zerstörerklassen. Ich denke ich spare mir Details meiner Entlassung. Da können sie mir vielleicht noch mehr berichten als ich ihnen… Jedenfalls hat Sergeant Boucard mir inoffiziell unter die Arme gegriffen, als ich im Sommer in Manila staatenlos gestrandet bin. Wir hatten eine Abmachung. Er konnte sie nicht einhalten. Weil er im Einsatz für die SFG 77… verlustig gegangen war. Deshalb habe ich nachgeforscht. Als man mich über den Status als MIA vertraulich informiert hat, habe ich Captain Uzun angeboten vor Ort zu helfen. Ich kam am gleichen Tag hier an wie Miss Clark. Auch wenn ich von ihrer Person keine Kenntnis hatte. Private Fink hat mich hier begrüßt.“

Da waren doch noch ein paar weiße Flecken in der Geschichte. Wie genau war sie hierher gekommen?

„Illegal. Die Einreise wurde durch Private Fink, Sergeant Somborne und Specialist Lance lanciert. Ehrlich gesagt, habe ich mich für diese Frage auch nicht interessiert. Es war ein Flugzeug, dann ein Schnellzug. Mehr muss ich wohl nicht wissen.“

Nach freundlichem Nachdruck wird sie dann auch konkreter, was ihre Stellung angeht:

„Ich bin freie Kontraktnehmerin. Offiziell werde ich aus den Geldmitteln bezahlt, die Captain Uzun an Private Fink freigegeben hat. Das war kurz bevor er das Kommando an den Lieutenant Ortell abgeben musste. Mein Auftrag hier ist offiziell Personenschutz. Unnötig zu erwähnen, dass das aber nicht gerade mein Metier ist. Praktisch habe ich die Koordination des HQ übernommen. Mein Beschäftigungsvertrag ist etwas gebogen worden. Mein Name wurde so klein wie möglich auf den Formularen abgedruckt. Ich denke mal, dass es im Moment in diesem Chaos einfach noch keinen Interessiert hat, dass eine Unehrenhafte als Freiberuflerin beschäftigt wird. Aber streng genommen, Lieutenant, stehe ich ihnen und ihrem Team zur Verfügung. Ganz offiziell.“

Der letzte Satz wurde von einem direkten und durchdringenden Blick an alle vom Team begleitet. Nur Negative, den schaute sie nicht an.