Am 12. Februar 2073 wird die SFG 77 wie geplant nach Tokio verlegt und verbringt dort neun Tage.
Die Unterkunft der Einsatzgruppe in Tokio ist gelinde gesagt dekadent. Das „Fifth Season“ im Megaplex Tokio liegt in einer AA-Gegend. Die Ausmaße erinnern an ein Fußballstadion olympischer Dimension unter einer einzigen, flachen Glaskuppel. Leider kann auch diese Glaskuppel den ewigen, grauen Smog und die dunklen Wolken Tokios nicht verbergen. Doch der grüne Park mit Bäumen, Blumen und Wasserspielen im Zentrum der Hotelanlage wiegt das zweifelsohne auf. Die Einsatzgruppe bewohnt ein Appartment mit verglaster Dachterasse, dezente 162m², sechs Zimmer. Läppische 4,600 =Y= kostet hier die Tagesmiete, voller Zimmerservice inklusive: Friseur, Massage, eigener Koch. Zwei fortgeschrittene Serviceroboter, die kaum von Menschen zu unterscheiden sind, stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Es besteht das Gerücht, dass sich die beiden Modelle (Mann und Frau) auch als Lovebots verstehen, aber bisher hat keiner die richtigen Kommandos rausgekriegt. Warum auch. Wahrscheinlich würden die Chippendales oder eine Geisha-Kompanie einfach auf der Spesenrechnung untergehen.
Japanische Sprache: Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel trifft ein Sprachlehrer ein. Der zweisprachige Japaner wird von Zoé und einer weiteren Trainerin unterstützt, das Team soweit in das Japanische einzuführen, dass mündliche Alltagssituationen unkompliziert zu lösen sind. Das hat auch ein bißchen was mit Begabung zu tun, aber letztlich geht es um Grundlagen. Und Praxissituationen gibt es genug. Immerhin ist man in Tokio! Neben Alltagssituationen stehen auch einsatzbezogene Phrasen auf dem Lehrplan: „Angriff“, „Rückzug“, „Folgen Sie mir.“, „Sprengstoff“, „Gefahr“, „Befehl“ usw. Der Unterricht wird mit aufwändigen Medien und viel Praxis absolviert und knüpft an Zoés Vorarbeiten an.
Einweisung in die Positionen von AIM: Wie angekündigt, trifft am zweiten Tag der Vertreter der AIM Regions Division Group 6 (Asia) ein, der auch die Verhandlung zwischen Daisuke Hiku und Dr. Williams kommentiert hatte. Der junge Mann tritt professionell und selbstsicher auf. Seine Aufgabe ist es, die Einsatzgruppe auf die Mission noch einmal intensiver inhaltlich vorzubereiten, wie es Régicides Anregung gewesen war. Die Botschaft ist eindeutig: AIM folgt im Wesentlichen der Haltung der Yutani Corporation, wenn es um den Pazifikkonflikt geht. AIMs diplomatisches Engagement betrifft offiziell nur die Art und Weise, wie der Konflikt ausgetragen wird, nicht aber den Gegenstand oder das Ergebnis des Konflikts selbst. Vorrangiges Ziel ist dabei die Abkühlung des Konflikts und seine Verlagerung auf diplomatisches Parkett, fort von direkten Kampfhandlungen und kriminellen Stellvertreterangriffen. Inoffiziell vertritt AIM die Ansicht, dass man Etusan III und dessen technische Nutzung auf längere Sicht nicht der COC (oder dem Rest der Welt) vorenthalten kann. Es muss also zu einem Interessenausgleich kommen. AIM möchte am Ende des Pazifikkonflikts möglichst in der Position sein, eventuelle Vereinbarungen zwischen den Konfliktparteien als neutrale Partei zu überwachen (z.B. im Rahmen eines Mandats der Vereinten Nationen oder des Corporate Court). Das ist aber gegenwärtig noch nicht absehbar. Es hängt sehr viel davon ab, wie der Konflikt beendet wird. Sollte die Einsatzgruppe also in die Lage kommen ihre Meinung oder ein Urteil abzugeben, dann sollte sie sich an diesen genannten Positionen von AIM orientieren.
Shopping-Tour! An einem der ersten Tage kommt es zu dem vielleicht denkwürdigsten Besuch im Appartment der Einsatzgruppe. Tagati Tiku, ein homosexueller Elf japanischer Abstammung, betritt als Stilberater die Bühne. Und er kommt nicht allein. Begleitet wird er von fünf Mitarbeitern. Für jedes Mitglied der Einsatzgruppe einen. Dann geht es mit trollgerechten Limousinen in die teuerste Einkaufsmeile der Stadt. Es ist ein Spektakel sondergleichen. Die Boutiquen wurden auf die Ankunft der Gesandtschaft scheinbar vorbereitet. Einige schließen extra für den Besuch das Geschäft für andere Kunden. Da kaum jemand aus dem Team in die Konfektionsgröße passt, wird ohnehin alles maßgeschneidert. Man versucht den Anforderungen der Konzernelite und den Vorlieben der Teammitglieder gerecht zu werden. Es wird ein Ringen um Modestandards, Einsatztauglichkeit und bunte Farben (Zoé). Der Stilberater versteht sein Geschäft. Wie ein Despot unterwirft er die Lakaien, die messen, buckeln, gestikulieren und hart arbeiten. Am Ende sind Anzüge, Mäntel, Schuhe, Accessoires und Parfums ausgewählt. Die Maßanfertigungen sehen das Verbergen von Pistolen, Maschinenpistolen und Messern extra vor (Tarnstufe +1). Die ausgewählte Schutzkleidung kann perfekt damit kombiniert werden (Rüstung mit Tarnung 6 oder höher erhält zusätzlich +1 Tarnstufe). Gnädigerweise wird die Rechnung an irgendjemanden geschickt. Dem Einsatzteam bleibt der Schock erspart. Im Geiste sieht man CPT Uzun am Schreibtisch, die Stirn in der Hand vergraben, den Borubon fest umklammert. Am späten Abend darf man die neuen Monturen dann auch gleich in einem Restaurantbesuch ausprobieren, zusammen mit dem Stilberater und einer Etikette-Trainerin der Yutani Corporation…
Einweisung in die japanische Etikette und die Gepflogenheiten der Yutani Corporation: Eine Mitarbeiterin der Yutani Corporation kommt am drittenTag zu Besuch in das „Fifth Season“. Ihr porzellanhaftes Äußeres und die vollendeten Umgangsformen ließen selbst den Elfenhof von Tir Tairngire plump und unbeholfen aussehen. Doch die Frau passt sich an. Fünf Tage führt sie die Einsatzgruppe jeweils einige Stunden in die japanische Gesellschaft ein. Das umfasst überfüllte Straßenrestaurants zur Rush Hour, Pendlerverkehr, Entspannung in künstlichen Parks, traditionelles Abendessen der Oberschicht, eine Begehung eines städtischen Industrieparks (mit Schutzanzügen) und – natürlich – ein Karaoke-Besäufnis bis in den frühen Morgen. Am Ende der Ausflüge hat jeder im Einsatzteam ein gutes Gefühl dafür, wie Japaner verschiedener Schichten auf ihn so im Alltag reagieren. Es lässt sich ungefähr so zusammenfassen, wie Zoé es bereits aus eigener Erfahrung berichtet hatte: niemand, der nicht aus einer japanischen Familie stammt, wird jemals wirklich hier hingehören. Andererseits spielen die Metarassen für Ausländer keine so große Rolle wie befürchtet. Zwar leiden japanische Metas und deren Familien sehr unter Herabwürdigung und Gesichtsverlust, bei Ausländern scheint das aber nicht so zu sein. Da gilt eher, wie gut man sich verhalten kann, ob man sich an die Regeln hält, gepflegt und erfolgreich wirkt, Respekt zollt. In der Unterschicht oder Unterwelt sieht das vielleicht anders aus. Aber das spart die freundliche Mitarbeiterin der Yutani Corporation aus. Am letzten Tag erhält die Einsatzgruppe eine Führung durch eines der produktiven Hauptwerke von YC in Tokio (Hydrotechnik und Leistungshalbleiter). Bei dieser Gelegenheit lernt man einiges über die Geschichte der Firma und die besondere Bedeutung der „Yutani-Familie“, der sich jeder Mitarbeiter zugehörig fühlt. Insgesamt ist YC ein Paradebeispiel für einen weltweiten Kraken, der sich eine Parallelwelt erschaffen hat, in der es die dunklen Seiten der Gesellschaft nicht mehr zu geben scheint. Wessen Herz für die Geknechteten schlägt oder wer etwas gegen Konzerne und ihre aalglatte Art hat, wird nach dieser Besichtigung umgehend die Toilette aufsuchen müssen. Wer allerdings die Leistungsfähigkeit, kulturelle Entwicklung und den Lebensstil der globalen Großkonzerne bewundert, wird sich vielleicht heimlich wünschen, für YC arbeiten zu können. Der Unterschied zu AIM wird jedenfalls physisch greifbar: was die Association in Kriegsgerät, Flugzeugträger, Bunkeranlagen und Divisionen investiert hat, floss bei YC in Zukunftstechnologien, Forschung, Imagekampagnen und Lebensentwürfe für die Welt von morgen.