Beijing. Kaiserstadt. Goldene Stadt. Stadt der Goldenen Drachen. Die Ewige. Dies sind nur ein paar der Beinahmen, die man mit dem heutigen Metroplex Beijing in Verbindung bringt. Als Hauptstadt der Cantonese Confederation (COC) ist Beijing Zentrum einer der größten Weltmächte der 2070er. Unter dem Banner der COC vereinen sich dutzende lokaler Mächte und Stadtstaaten, die sich über das gigantische Reich des ehemaligen China erstrecken. Die eiserne Faust der COC hat sie alle an den Haaren gepackt und der Knoten bindet sie in Beijing.
Zoé bringt der Pilotin Collette Hiller (aka Nora Parker) die eilige Nachricht eines neuen Ziels. Es scheint machbar. Doch einfach sollte es nicht werden.
Hiller macht sich sofort daran, eine Landung des Suborbitals in Beijing vorzubereiten. Zoé hat dabei die Chance, ein wenig mehr in die Eingeweide modernster Luftfahrt hineinzuschnuppern. Der Anflugvektor für Beijing läuft über eine Erdumrundung, für die das Suborbital vier bis acht Stunden brauchen würde. Man war ziellos und mit ungünstigem Flugvektor von Kappa YC aufgestiegen, weshalb es also ein paar Stunden länger als geplant brauchen würde.
Vielleicht war das aber gar nicht so schlecht. Während Norge in den Luxuskabinen des „Yametutsu Global“ Régicide und Brick über die gesundheitliche Krise begleitete, konnte Zoé mitbekommen, was Hillers eigentliche Arbeit ausmachte. Sie hatte nur verdammt wenig Zeit, eine Landung in Beijing zu inszenieren, die so glaubhaft war, dass nicht sofort ein Polizeikommando am Flugfeld warten würde. Und dabei ging es nicht um das Landemanöver, sondern eine glaubhafte Fassade und die Fälschung der notwendigen Protokolle. Die Abwicklung des Air Traffic Control war dabei nur ein kleines Beiwerk.
Hiller bemühte Kontakte in Denver und prüfte die Lage des Internationalen Flugrechts bzw. den Status verschiedener Airlines und ihrer eigenen aktuellen Lizenz für Nora Parker in Beijing. Die Lizenz war zum Glück sauber und freigegeben. Irgendwie musste es jetzt gelingen, dem Suborbital einen fraglosen Grund zu geben, warum es nach Beijing wollte. Ein Grund, der Nora Parker nicht kompromittierte, die SFG 77 nicht auslieferte und einen Abflug nicht unmöglich machen würde. Der Grund wurde geliefert, als man in den Nachrichten von den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Beijing erfuhr.
Hiller suchte vier lange Stunden nach einer Möglichkeit. Dann ergab sich eine, die klappen konnte: Im Zuge der aktuellen Unruhen hatte ihr Kontakt in Denver sechs ausländische Firmen in Beijing kontaktiert und einen exklusiven Evakuierungsflug vermitteln können. Nora Parker war damit nicht mehr unterwegs um die SFG 77 abzusetzen, sondern um sechzig nordamerikanische Geschäftsleute auszufliegen. Das war genau der Wink des Schicksals, auf den Hiller verbissen gehofft und geflucht hatte.
Nach der Abwicklung des Flugstatus mit der kantonesischen Luftraumkontrolle wurde der Yametutsu für eine Landung um 1900 Uhr Ortzeit zugelassen. Dort würde der SFG 77 ein wahrscheinlich vierzigstündiger Aufenthalt im Transitbereich bevorstehen. So lange würde es dauern, bis ein Customer Agent der Yutani Corporation Einreisepapiere übergeben könnte. Dann stünde es dem Team frei, in die COC einzureisen, ohne die AIM-SIN zu belasten.
Hiller brachte es letztlich auf den Punkt:
„Ich habe keine Ahnung, was ihr hier vorhabt, aber ich muss bald weg. Und bis dahin, und bis eure SIN kommen, solltet ihr für euch klar haben, wer euch helfen kann in dem Chaos da draußen.“
Glücklicherweise hatte das Team mit Negative einen Spezialisten besonderer Art dabei. Negative traute sich als Experte für Flughafensicherheit zu, das mitgebrachte Equipment aus dem Transitbereich zu bekommen – wenn das Glück etwas hold war. Vielleicht hatte er ja auch einen Geistesblitz, wie er das möglichst sicher und verlustfrei hinbekommen konnte?
Nach der Landung in Beijing gab es eine Kontrolle des Suborbital durch Sicherheitskräfte. Dank Zoé, Hiller und Negative (und Dingo), überstand das Team die Kontrolle glimpflich und konnte in den Transitbereich einrücken. Obwohl derzeit weite Teile der Innenstadt von Beijing im Ausnahmezustand waren, war der Transitbereich nicht so stark gesichert wie vermutet. Viel schärfer richtete sich das Auge der Polizeikräfte und Staatssicherheit auf reguläre Fluggäste und insbesondere jeden, der ausreisen wollte. Die sechzig Geschäftsleute für Hillers Abflug würden es also viel schwerer haben rauszukommen, als das SFG 77 rein. Aber wer wollte derzeit schon wirklich nach Beijing rein? Am Tage verhüllten Rauchwände die Sonne. In der Nacht sorgten Sirenen und endlose Blaulichtketten für Party-Stimmung in der Stadt.
Jetzt brauchte es nur noch einen Plan.