Nachrichtensperre über Beijing

BEIJING – Was gestern Nachmittag mit vereinzelten Sitzblockaden am Bahnhof Beijing Central Station begonnen hatte, entwickelte sich im Verlauf des Tages zu massiven Demonstrationen und Konfrontationen zwischen Zivilisten und kantonesischen Sicherheitskräften.

Die Lage verschärfte sich nach einem Brandsatz in einer öffentlichen Toilette und einem Abfallcontainer im Beijing Central Business District (CBD). Informanten vor Ort zufolge, entschied sich die Urbane Brigade Beijing kurz vor Sonnenuntergang zur Ausrufung und Durchsetzung einer Sperrmeile über dem CBD, da es immer wieder zu punktuellen Zwischenfällen und Sabotageversuchen am Verkehrssystem kam.

Örtliche Konzerne und private Sicherheitsdienstleister wurden angewisen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht aus den Konzernanwesen zu entlassen, bis man diese geordnet und unter Wachschutz zu den öffentlichen Transporteinrichtungen eskortieren würde.

Die Sperrmeile und das sehr harte Durchgreifen der Urbanen Brigade provozierte bis ca. 22 Uhr Ortzeit zahlreiche unerlaubte Versammlungen und Barrikaden entlang der Nord-Süd Hauptachse durch den CBD bis hinein in die Arbeiterquartiere der nördlichen D-Gebiete. Ein angebliches Selbstmordattentat brachte unmittelbar darauf den öffentlichen Personenverkehr im zentralen Cluster von Beijing zum Erliegen.

Den lokalen Staatsmedien zufolge, richtete sich der Selbstmordangriff gezielt gegen Verkehrsleitknotenpunkte nahe der Central Station. Die Zahl der Opfer ist bisher unbekannt.

Als Reaktion auf den Angriff wurde in zwei Stadtquartieren der Notstand ausgerufen und eine Ausgangssperre über die Arbeiterquartiere verhängt. Gleichzeitig verhängte die COC eine umfassende Nachrichtensperre über das gesamte Stadtgebiet. Die schrecklichen Bilder und Augenzeugenberichte der nun aufziehenden Nacht, waren Ergebnisse der verzweifelten Versuche, einen Einblick in die weiteren Geschehnisse zu erhalten.

  • Kantonesische Sicherheitskräfte

Bis um ca. 24 Uhr Ortszeit konnte die Urbane Brigade die Hauptachse zwischen dem Arbeiterquartier Xsunchan und dem CBD sichern und Durchgangskontrollen einrichten. Währenddessen wurde inoffiziellen Quellen zufolge von einem Großbrand im CBD sowie zwei ungeleiteten, bewaffneten Großgruppen in Xsunchan und Baoche berichtet. Es kam zum Schusswaffeneinsatz. Auf dem künstlichen Kanal des Einkaufszentrums entstand ein Ölbrand, der die gesamte Flaniermeile in schwarzen Rauch tauchen soll. Verstärkungen aus den Polizeikasernen der Stadtränder sollen mit gepanzerten Fahrzeugen und militärischen Drohnen in die Stadt verlegt worden sein.

Aus regimekritischen Kreisen dringen immer wieder Trideos, Bilder, Funk- und Tonmitschnitte aus Beijing heraus. Es muss davon ausgegangen werden, dass sich nach Mitternacht die anfänglichen, ungemeldeten Demonstrationen zu Konfrontationen mit bewaffneten Gruppen gewandelt hatten. Die Stadtregierung Beijing spricht von vorbereiteten Angriffen regierungsfeindlicher Untergrundorganisationen.

Dem gegenüber lassen sich nur wenige Beweise für ein koordiniertes Vorgehen der zahlreichen Angreifergruppen und Brandstiftungen finden. Stimmen von der Straße berichten davon, dass sich viele Straßenzüge und Quartiere mit Barrikaden und spontanen Milizen gegen das Eindringen von Sicherheitskräften und vermummten Gewalttätern gleichermaßen schützen wollen.

Die unübersichtliche Lage wird durch die Stadtregierung und der Urbanen Brigade nun seit mehr als 12 Stunden aktiv aufrecht erhalten. Diese Strategie der Desorientierung soll das koordinierte Vorgehen gegen Demonstranten und Gewalttäter begünstigen. Für Außenstehende ist es dadurch fast unmöglich, die Lage neutral zu beurteilen.

Heute, am frühen Nachmittag, hatten sich Feuer und Angriffe dann gemildert. Trotz Ausgangssperre in zahlreichen Distrikten versammelten sich vielerorts friedliche Demonstranten, die eine Mäßigung der Situation anmahnten. Dazu mischten sich Kriegsgegner, die im Zuge der jüngsten Enthüllungen über einen Kurswechsel der Yutani Corporation einen überfälligen Schritt zum Frieden im Pazifikkonflikt und ein sofortiges Ende jeglicher Gewalt einforderten. Laut Innenministerium handelt es sich dabei jedoch um regierungsfeindliche Propaganda. Die Demonstranten seien als registrierte Kriminelle bekannt.

In dieser Abendstunde des 23. Februar bleibt uns nur ein banges Abwarten. Ob die kommende Nacht und die folgenden Tage eine Entspannung bringen, ist ungewiss. Die Stadtregierung, aber auch die Regierung der COC, sind im Zugzwang. Zahlreiche Mega-Konzerne haben ernste Sorge angemeldet und auf eine rasche Befriedung gedrängt.

Ähnliche, wenn auch wesentlich weniger eskalierte, gewaltsame Ausschreitungen und Friedensdemonstrationen hatten am frühen Morgen des 23. Februar auch weitere Großstädte im Pazifikraum ereilt. So etwa in Tokyo und Java.

Channel 9 Pacific News, 23. Februar 2073