Es war der 2. Oktober 2073, ein Tag nach der „offiziellen“ Regruppierung der SFG 77. Die Magnetbahn donnerte mit wahnwitziger Geschwindigkeit in den Hauptbahnhof von Moskuwa ein. Das sanfte Bremsmanöver wollte Negatives Wahrnehmung mit aller Gewalt übertölpeln. Hatte Dahomey schon den Gravitationsgenerator erfunden, oder warum flogen und purzelten die Menschen im Zug nicht übereinander?
Als der schwarze Elf aus dem Zug trat und die Arcology des Stadtzentrums in Richtung der Regionalverbindungen verließ, blies ihm der Mittagswind des heißen Inlandes wie ein Fön in das Gesicht. Das hier war nicht die milde Küstenregion von Lome. Die Thermometer zeigten 43° C im Schatten für das Innenstadtgebiet. Die Luft flimmerte wie ein offenes Fass Benzin auf einem Elektroherd. Sofort explodierte der Schweiss aus allen Pooren.

Im Stadtteil Valley Reach waren die Temperaturverhältnisse etwas erträglicher. Es schien Negative, als gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Grad urbaner Verbauung und der Erträglichkeit am Tage. Als hätte die Sonne einen ganz persönlichen Brass auf die emporstrebenden Zeugen von Dahomeys wirtschaftlicher Macht. Wenn die städtische Zukunft der Sechsten Welt irgendwo in Afrika einen Brückenkopf hatte, dann hier.
Doch das beschauliche Moskuwa war anders als die gigantischen Metropolen der westlichen Welt. Als Negative aus der Tunnelbahn stieg, befand er sich zuerst auf dem Bodenniveau des Stadtteils. Die „Unterstadt“ war geprägt von einfachen, wenngleich nicht unbedingt ärmlichen, Behausungen. Ein Gewusel von Menschen, die es scheinbar vorzogen bodennah und in Anlehnung an traditionelle, afrikanische Bauweisen zu leben. Die auf Trassen und Plateaus erbaute Oberstadt spendete ein diffuses Spiel von Licht und Schatten, was zusätzlich zu halbwegs erträglichen Temperaturen beitrug.
Nicht unweit des „Hauptquartiers“ der SFG 77 lag die Tunnelbahnstation. Und wie Negative bemerkte, handelte es sich hier auch um eine Art lokales Marktzentrum. Ein Güterzug von der Küstenregion war gerade eben auf einem Abstellgleis eingefahren. Die speziellen Güterwagons öffneten die weißen und sandfarbenen Seitenwände wie ein Lamborghini: sie verwandelten sich in schattenspendende „Markisen“ und die Güterwagons damit in mobile Basarstände. Auf einer Länge von gut 100 Meter begann zu beiden Seiten des Zuges ein Handeln, Tauschen und Versteigern unerschiedlichster Waren des täglichen Bedarfs, insbesondere frischer Lebensmittel. Wie Negative feststellen konnte, kursierte hier Papiergeld, das auf Nachfrage nur in den Unterstädten und lokalen Märkten von Dahomey einen Kaufwert besaß. Dabei bestand ein Rückkaufverbot für diese Devise. Man konnte mit einem Credstick relativ leicht an dieses fast antike Papiergeld kommen, doch in umgekehrter Richtung war es scheinbar verboten.
Der Weg zum HQ war fußläufig im fünften Stock eines der fassartigen Büro- und Wohntürme untergebracht. Negative nahm sich Zeit den Weg etwas genauer zu studieren. Man konnte den Wohnturm entweder von der Unterstadt oder von der Oberstadt her betreten. Auf beiden Ebenen war ein Zugang mit einem Fahrzeug möglich. Eine Hebebühne nahm Fahrzeuge auf und zirkelte damit in die Höhe, um die Garagen der Bewohner anzusteuern. Eine Art Hochregallager, was ein verdecktes betreten und verlassen der eigenen Garage vor neugierigen Augen gut verstecken half. Aus jeder Garage führte ein eigener Personenaufgang zu einem Personenliftsystem. Wie genau das funktionierte, war Negative nicht ersichtlich. Das raffinierte System konnte anscheinend jede Mietgarage getrennt ansteuern.
Anstatt direkt zum HQ im fünften Stock zu fahren, entschied sich Negative, zuerst einen Zwischenhalt in Ebene 1 zu machen, einem Lobybereich mit wenigen Geschäften, der seine lichte Fensterfront auf die moderner anmutende Oberstadt öffnete. Einige Bewohner der Unterstadt erholten sich in einem Café von der Hitze des Tages. Unverschwitzte Anzugträger machten hingegen sofort deutlich, wer oben und wer unten lebte. Doch der Umgang war ungezwungen. Egal ob gewickelte Tücher mit Flip-Flops oder Stoffhose mit Manschetten: die Leute hier waren wohl alle irgendwie Teil ihres Viertels. Modisch zur Schau getragene Cyberware oder extravagante Kleidung der Oberschicht war kein Teil dieses Stadtviertels. Solide B-Gegend eben.
Am auffälligsten in der Lobby war ein „Schönheitsstudio“. Das erweckte Negatives Interesse. Scheinbar handelte es sich dabei um ein Modelstudio, das sich als Sprungbrett für Mädchen und Jungs aus dem Stadtteil verstand. Ein Sprungbrett in die schillernde Welt der Mode, Marken, Magazine. Negative konnte einen Blick auf eine Gruppe Mädchen zwischen circa dreizehn und achtzehn Jahren erheischen, die in einem offenen Seminarbereich hinter einer Glasscheibe das Gehen auf dem Laufsteg übten. Eine scheinbar vergnügliche Angelegenheit mit viel Gelächter. Ein Mann mit weiblichen Gesichtszügen blättert am Tresen in einem Fotoalbum. Man kann nicht umhin ihn eingehend studieren zu wollen. Der erste Eindruck von Negative ist: es gibt schöne Metamenschen hier. Und nicht nur Spapiens Sapiens. Ungefähr die Hälfte der Mädchengruppe scheint Elfin oder gar Orkin zu sein. Doch das sind nicht die grobschlächtigen Brecher aus den Warrens in Denver. Diese unvermittelte Schönheit imponiert unversehens. Ob Negative darüber gutmütig staunt oder sich gehässig der Selbstverliebtheit hingibt, weiß nur er allein.

Als Lena die Tür zum HQ öffnet, hat es Negative endlich geschafft. Seine Reisetaschen fallen auf den weißen Linoleumboden und Lena begrüßt ihn fröhlich kurzerhand mit einem ebenso weißen Cocktail in der Hand.
„Willkommen Negative! Kommen Sie, ‚Sergeant‘. Hereinspaziert. Das ist ein Kokosnuss-Cocktail mit ohne Alkohol. Ich habe aber auch Rum dar. Jetzt sind wir zu viert. Der ‚Private‘ ist im Büro unseres Bühnenverleihs und Chief Hiller chattet gerade mit einem örtlichen Drohnenverkäufer.“
Negative hat zuerst die Chance, das falsche Büro, die „Front“, zu begutachten. Christoph Fink arbeitet hier scheinbar regulär im Achtstundentag. Schon im Flur stapeln sich Kisten für Bühnenequipment und Kabeltrommeln. Schwer zu sagen, ob dort Scheinwerfer oder ein Mörser drinn sind. Auch wenn alles aufgeräumt und sauber wirkt, kann man aber erkennen, dass eben noch eingezogen wird. Lena ist wohl gerade vor allem damit beschäftigt die Sicherheitstechnik zu verbauen und zu tarnen.
Dann geht es in das lange, offene Großraumbüro und es wird deutlich, wie ausgefeilt die Klimatechnik dieses Gebäudes ist. Wie auch vorher in der Lobby und im Aufzugbereich sind auch die Wände der Wohnung an vielen Stellen großflächig mit Pflanzen bedeckt. Gemeinsam mit versteckten Wasserbestäubern und Luftschächten sorgt die Thermik des Gebäudes für ein angenehmes Klima, fast ohne technische Klimasteuerungen. Markant ist auch ein ganzer Gummibaum, der den Bürobereich zum Teil in eine Gartenlaube verwandelt. Darunter sitzt Hiller. Sie nickt Negative nur knapp zu und spricht weiter mit einem Mann auf dem Trideoschirm vor ihr.
Die sensiblen HQ-Bereiche sind noch nahezu leer. Betten sind sorgsam vorbereitet und warten auf das Team. Die Kettensäge hat noch ein eigenes Regalfach für sich und hinter einem dicken Plastikvorhang wurde der „Chemibaukasten“ säuberlich ausgepackt. Daneben auch elektronische Werkzeugkästen und eine kleine Büchsenmacherwerkstatt. Gut das obere Drittel des Bereitschaftsraums ist faktisch eine Werkstatt. Noch ist sie aufgeräumt, aber Negative wird schnell klar, dass das HQ rasch an die Grenzen kommen wird, wenn ersteinmal die Operation aufgenommen wird.
Nach einer kurzen Erfrischung im Bad und dem Verstauen der persönlichen Habe schleicht es sich langsam in das Bewusstsein: jetzt geht es los. Das hier is die Ruhe vor dem Sturm. Von den zwei Freiterassen (natürlich üppig begrünt) hat man einen wunderbaren Ausblick über den aufziehenden Abend von Moskuwa. Die Stadt beginnt zeitgleich zu erwachen und hebt ein ständiges Murmeln an, das erst im Morgengrauen wieder ersterben wird. Eine Frage kommt dann zuletzt in den Sinn: wohin mit der Urne?