Die Observation der Informantenwohnung

Es war bereits beginnende Nacht des 07. Oktober 2073 gewesen, als Copper und Norge ihre Observation, wie vom Lieutenant gewünscht, mit dem Appartment des verschwundenen Informanten Evan Choi fortsetzten. Möglicherweise hatten sie sich auch etwas mehr Zeit gelassen, die aufziehende Dämmerung und Kühle genossen, eines der unzähligen Restaurants besucht oder gar beim HQ vorbeigeschaut um eine Dusche zu nehmen. Jedenfalls war nun Nacht. Die wesentlich angenehmere Tageshälfte in Moskuwa.

Quartier Néo, Moskuwa

Die Wohnung des verlustig gegangenen Informanten lag im Stadtquartier „Néo“, am Ostende der Stadt. Ein sehr modernes und junges Viertel, das sich ungefähr zu gleichen Teilen auf Konzerne, Kultur und Nachtleben verteilte. Insgesamt war es das jüngste und am dichtesten (dauerhaft) besiedelte Stadtgebiet von Moskuwa. Wie auch im Valley Reach, gab es neben topmodernen Glas- und Stahlpalästen auch Gebäude, die der traditionellen Lebensweise in moderner Form verpflichtet geblieben waren. Allerdings trugen insbesondere das Vergnügungsviertel und die zweitklassigen Konzernbauten dazu bei, dass Quartier Néo noch ein Stück mehr den klassischen Großstädten, wie Seattle oder Denver, nachahmte.

Die Wohnung von Evan Choi befand sich im „Gebäude 25538“, zwischen den Schatten von Konzernhochhäusern und dem Vergnügungsviertel gelegen. Der Weg von der GridLink Station oder Tunnelbahn führte Norge und Copper aber zuerst über den Nachtmarkt Moska. In bunten Farben mischte sich hier ein lokaler Markt mit Schaustellerei, Livemusik und kommerziellen Verkaufsständen, viele davon mobil. Das Stadtquartier zelebrierte hier sich selbst unter freiem Himmel. Keine Sicherheitskräfte, keine Kameras, keine Patroullien. Dafür öffentliche (echte) Grünanlagen unter schützenden Klimadächern, Grillfeiern und sogar eine Kunstausstellung für Wandmalerei.

Dem Nachtmarkt schloss sich unvermittelt das Vergnügungsviertel an. Schrill und laut wankten hier Konzernbeamte im Anzug, Neo-Tribals in Körperbemalung und ausländische Gäste Arm in Arm von Cocktailbar zu Striptease-Shows. Dazu gab es Trideo-Center, Spielhallen, Schnappskeller, Fitnessclubs, Geschäfte für Luxuswaren und Importprodkute aus aller Welt. Arm war das Viertel jedenfalls nicht. Als die Lichter weniger wurden befand man sich dann im Schatten der Konzernbauten, den „Power Banks“. Und an der dünnen Linie des Zwielichts lag Gebäude 25538.

Gebäude 25538, Quartier Néo, Moskuwa

Der nicht ungewöhnliche, warme regen, der überraschend einsetzte, hielt die Metas nicht davon ab, auf der Straße zu bleiben. Gebäude 25538 lag an einem beliebten Pendelweg zwischen Power Banks und Moska. Der Betrieb war daher rege. Das erleichterte die Observation. Mal aus einem Café, dann einmal direkt zum Haus ran, mit einem Drohnen-Taxi vorbei – ja, sogar kurz darüber hinweg. Nach gut zwei Stunden hatte man das Gefühl, alles gesehen zu haben.

Evan Chois Wohung lag im Obergeschoss an einer Straßenecke. Unter seiner Wohnung gab es eine Implantatpraxis sowie ein kleines Kaufhaus für Kleinwaren aus dem Haushaltsbereich. Im Souterrain hatte sich ein nobles, persisches Restaurant breit gemacht. Ansonsten bot die weitere Nachbarschaft auch so einiges. Eine Automatenfiliale der Afrikanischen Bankenallianz, Cafés, Shops, einen großen Kindergarten und zahlreiche kleine und mittelgroße Wohnungen, die wahrscheinlich em ehesten die Lohnsklaven mit mittlerem Gehaltsscheck von den Power Banks anzogen. Immer wieder fielen gut platzierte Kameras auf. So richtig ungesehen konnte man sich hier wohl nur bewegen, wenn man sich sehr gut auskannte.

Evan Chois Wohnung konnte man auf zwei Wegen erreichen. Ein Fahrstuhl, der von der Straße in das Kaufhaus führte, hatte mit Schlüsselkarte und Fingerabdruck einen Vorrang für das Appartment im Obergeschoss. Copper und Norge wollten nicht riskieren, den Fahrstuhl zur Rush Hour zu manipulieren. Vielleicht wäre das auch gar nicht so einfach. Der Standard hier schien hoch.

Der zweite Eingang lag in der hinteren Häuserfront, etwas zurückgesetzt. Dort war es dunkler, Müll wurde gelagert und deutlich weniger gut Betuchte wanderten auf den parallelen Pfaden zum Licht der Einkaufsmeile. Nur wer die Abkürzungen kannte, ging hier entlang. Ein Fingerabdruckscan war notwendig, um in das Treppenhaus zu gelangen. Durch die Glasfassade konnte man erahnen, dass die Treppe bis auf das Niveau von Evan Chois Wohnung führte. Zwei Kameras hatten den Eingang zum Treppenhaus fest im Blick. Gut sichtbare Schilder wiesen dankenswerterweise darauf hin, dass das Gebäude von EncoTech überwacht wurde. Ein Eindringen schien hier zumindest für die Spezialisten im Team kein großes Ding.

Copper und Norge konnten zwar das treppenhaus nicht betreten, setzten die Beobachtung der Wohnung aber für ein paar Stunden von außen fort. Es passierte nichts. Die Wohnung war dunkel, die Glasfronten hatten die Jalousien entweder offen oder auf Halbmast, wahrscheinlich im Rhythmus von Wetter und Sonne gesteuert. Gegen drei Uhr morgens, am 08. Oktober 2073, kehrten sie zum HQ zurück – es sei denn, sie hatten noch andere Pläne.

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