Norges Lauschangriff

Wie?

Diese Frage stellt sich Norge häufig in der letzten Zeit.

Wie kann ich das zur Sprache bringen. Einfach so beim Abendessen geht das ja nun nicht.

Also wälzte er seine Gedanken.

Scheiße, dass Copper nicht da ist. Der ist gut mit Ideen. Oder Régicide, der war schonmal verheiratet und Positive hat es ja irgendwie geschafft, den Eisberg anzutauen. Zoé wäre wohl auch eine Hilfe. Ist immerhin eine Frau.

Aber so blieb es halt komplett an ihm hängen, denn es war zu früh, die anderen einzuweihen. Aber wenn er lange genug überlegt, kommt auch Norge ab und zu mal ein Geistesblitz.

Dann kam der Tag, da die Wunde am Arm weit genug verheilt war, um sich einen neuen aussuchen zu können. Norge nahm Sani mit zum Krankenhaus, welches AIM in Trondheim ausgesucht hat. Natürlich die Universitätsklinik. Sani sollte da schon mitentscheiden und es zeigte sich schnell, dass Norge sehr angetan war von den stärksten Modellen. Hätte Sani da nicht eingegriffen, wäre der rechte Arm wohl sehr mächtig geworden, mit den stärksten Servos, die es momentan dafür am Markt gibt. So konnte sie Norge runterhandeln auf ein Modell mit mittleren Servos, welche ihm im Einsatz sicher einen Vorteil bringen, mit denen der Arm aber noch aussieht wie ein normaler Arm am Körper. Man sieht es halt nicht auf den ersten Blick und selbst beim zweiten muß man wissen, worauf man achten muß.

Ausgesucht war er und nun würde er angepasst werden. Das dauert nochmal ein paar Tage. Bis zu zwei Wochen, aber darauf kam es ja nun nicht an. Abends saßen Norge und Sani bei einem neuen Film beisammen. Norge gab sich schweigsam. Das war sein Plan. Er wußte, dass Sani dann früher oder später die Frage stellen würde, und so kam es dann auch.

Sani: „Woran denkst du?“

Norge schreckt auf, als wäre er in Gedanken gewesen, und nicht als ob er genau auf diese Frage gewartet hätte.

Norge: „Hm, an eine Kameradin, die wir beim letzten Einsatz verloren haben. Wir haben versucht, sie zurückzuholen, aber das hat nicht geklappt. Sie wurde wohl verschleppt, wer weiß, ob sie überhaupt noch lebt. War eine engagierte Mitarbeiterin. Lena Mason. Ich schätze, den Namen werde ich nie vergessen. Hat zu viel riskiert, nur um uns den Einsatz ein wenig einfacher zu machen.“

Das war Norges Antwort. Nun schielt er rüber zu Sani und wartet auf ihre Reaktion. Wie tief sitzt sie da drin? Wie kam sie da rein und wie bekommt man sie da wieder raus?

Verdammt. Wieder zu viele „Wie“. Alle wird er nicht alleine beantworten können.

Sani hört sich die Sorgen von Norge aufmerksam und mitfühlend an und reagiert nachdenklich. Sie fragt nicht weiter nach. Der Rest des Films spielt sich vor schweigenden Zuschauern ab. Norge muss seine Willenskraft strapazieren, um die betretene Stille auszuhalten, doch er hält durch. Dankenswerterweise ist der Film ein ordentlicher Actionstreifen mit deutlicher Bekenntnis zur Komödie. Eine Football-Mannschaft voller Mutanten, Metas und Menschmaschinen, die die Welt vor sich selbst rettet. Hat schon stellenweise etwas von der SFG 77. Am Ende gibt es ein Happy End und der Film wird lustig aufgelöst. Das Thema Lena Mason verschwindet langsam aus dem Wohnzimmer. Den Rest des Abends verbringt Sani damit, für Zerstreuung zu sorgen und umschifft weiträumig jedes Thema, das mit Verschleppung oder Krieg assoziiert werden könnte.

Später in der Nacht liegt Norge im Gästezimmer. Wie er schnell gelernt hat, bevorzugt es Sani, irgendwann in der Nacht alleine zu sein, auch wenn sie Norges Nähe schätzt. Vielleicht auch ein respektvolles Zugeständnis an die Sorgen des Vaters.

Es ist jetzt 5:33 und Norge wird von Gedanken wachgehalten. Hat Sani den Namen nicht erkannt? Vielleicht war er ihr gar nicht so geläufig oder gar wichtig, wie Norge. „Lena Mason“, kein Name, den man sich merken muss. Insbesondere nicht als Japanerin, oder? Wenn Sani ihn nicht erkannt hat, dann ist das erstmal eine gute Nachricht, denn dann kann sie wohl kaum mit der Entführung zusammenhängen. Aber wie kommt Norge dann an weitere Informationen? Sollte er seine kleine Spionage zugeben? Aber was ist, wenn Sani den Namen doch erkannt hat?

Norge hebt den Kopf aus dem Kissen. Da flüstert doch jemand. Noch bevor Norge klar nachgedacht hat, ist er schon lautlos wie ein Schatten in den Flur vorgerückt. Die Wohnung ist still, nur ein Metallpendel auf dem Trideoschirm tickt im Sekundentakt. Sani scheint sich in ihrem Zimmer leise zu unterhalten, sie führt ein Telefongespräch.

Es ist eine moralische Frage. Soll Norge lauschen oder nicht?

Viel Zeit bleibt ihm nicht. Will er lauschen, muß es schnell gehen, sonst verpasst er vielleicht was. Will er nicht lauschen, könnte er schon so im Flur recht ertappt werden, was zu Fragen führen würde. Aber es steht soviel auf dem Spiel. Noch während er überlegend auf der Lippe kaut, stellt er sich so vor die Tür, dass er den Flur im Auge hat, und legt den Kopf sachte an die Tür. Dabei denkt er noch:

Wäre nur Zoe da, die hätte ich mit ihren Superohren einfach an die Zimmerwand gehalten und sie hätte alles gehört.

So konzentriert er sich, möglichst viel mitzuhören; seine übrigen Sinne sind angespannt und achten auf die Umgebung im Haus, um bei dem Lauschangriff nicht überrascht zu werden:

„…dachte nur, dass es vielleicht nicht sehr klug ist. Er hat einen Arm verloren. Ich denke, er ist ja in einem Krieg gewesen, oder sowas in der Art. Ich will nicht, dass er da in ein Trauma fällt oder sich das verschlimmert. … Ja, eigentlich schon. Ich meine, er wirkt schon gefasst, so äußerlich. … Nein, hat er nicht. … Ich denke schon, dass sie noch lebt. Ich meine, ich weiß es nicht. Aber die Information habe ich vielleicht einfach auch nicht gesehen. … Ok. Du bist der Psychologe. … Nein, natürlich darf ich das nicht. … Ich weiß es nicht. Wenn er die Hintergründe kennt, wäre das schon, – also das wäre unglaublich. Das wäre der größte Zufall den ich je erlebt hätte. … Ok. Hab ich kapiert. Du weißt doch genau, wie es um mich bestellt ist. Sowas kümmert mich einfach nicht. Nicht mehr. Das ist mir einfach egal. … Ok. Ja, mach ich. Danke. … Ja, bis bald. Mach ich. Ciao.“

Schritte zur Tür. Ein Rascheln, ein Kimono. Norge ist bereits zurück in seinem Zimmer, als Sani die Tür zum Flur öffnet und kurz darauf bei Norge klopft. Als er öffnet, dreht sie ein leuchtendes Tablet um, so dass Norge in dem blassen Lichtkegel aufleuchtet. Sein wacher Blick fällt auf Lena Masons Portrait nebst Lebenslauf.

„Ist das die Frau, die Du suchst?“

Etwas später sitzen Norge und Sani vor einem virtuellen Kaminfeuer. Die Sonne ist in Trondheim noch nicht zu sehen, aber es ist Morgen. Eine Aussprache, die beide zum Staunen gebracht hat, geht dem Ende zu. Sani fasst die Sache zusammen:

„Sie ist ein Opfer einer Entführung, und wir haben uns diese Beispielfälle ansehen müssen, damit wir die Natur der Lage besser verstehen. Es ist eine gefährliche Sache, eine Expedition. Ehrlich, eigentlich ohne Wiederkehr. Niemand weiß, was einen da erwartet. Aber diesmal soll es eben Erfolge geben. Die Yutani Corporation hat es zu einem geheimen Spitzenprojekt erklärt. Der weiße Fleck auf unserem Globus muss verschwinden. Wir wollen, nein müssen wissen, was da wirklich los ist. Ich meine, wir fliegen zum Mond, zum Mars, und jenseits! Aber wir können doch nicht ignorieren, dass unser Ende, oder unsere Erlösung, direkt vor unserer Haustür liegt, versteckt unter einem Mantel aus Angst, Gerüchten, Magnetfeldern und arkanen Mauern?! Deine Freundin ist jedenfalls nicht die einzige, die hinter den Schleier verschleppt wurde. Und mein Vater, die ganze Forschungsgruppe, wir werden da reingehen, wenn wir soweit sind. Vielleicht in zwei Monaten, oder in zwei Jahren. Es hängt von sehr vielen Faktoren ab. Das meiste ist streng geheim. Aber ehrlich gesagt, wir gehen da nicht hin, um den Opfern zu helfen. Das reinkommen ist das Problem, über das Rauskommen macht man sich erstmal gar nicht so viele Gedanken. Wenn Radiowellen rauskommen, sind wir schon mehr als glücklich. Und das wäre ein riesen Erfolg.“

Sie schüttelt müde den Kopf.

„Tut mir wirklich leid. Ich wollte es Dir erst nicht sagen, aber es ist vielleicht besser so. Die Chance, lebend aus Sibirien herauszukommen, vor allem wenn man hineinverkauft wurde, ist sehr gering. Das Erwachte Yakut ist jenseits unserer Reichweite.“