Am frühen Morgen des 22. Februar 2073 war die SFG 77 in einen leeren Lear-Cessna Platinum gestiegen und hatte den Weg ins Unbekannte angetreten. Captain Uzun hatte das Nachsehen, als sich die geschickt inszenierte Scharade der Miru erfüllte. Kappa YC war das Ziel gewesen. Dort entfaltete sich die geheime Bestimmung von Operation Kimono und endete in der Zusammenführung der drei Geschwister – Miru, Kiru, Asiru – zur neuen, alten Tochter Yutani.
Die Gegenleistung dafür, benutzt worden zu sein, bestand im Wesentlichen aus geschenkter Zeit und Selbstbestimmung darüber. Hatte Miru alles daran gesetzt, nichts dem Zufall zu überlassen und als „Hand Gottes“ die Weichen zu stellen, dann war man auf dem Suborbital nun plötzlich mit dem genauen Gegenteil konfrontiert. Alle Möglichkeiten schienen offen zu stehen. Man entschied sich für Beijing, um dort Atra Khalipour zu suchen – und letztlich zu finden. Zwar standen zuerst Bricks und Régicides Schicksale im Vordergrund, doch alsbald nahm Beijing auch die anderen in die Umarmung. Spätestens die Bergung der Gallerie des Feuers ließ erahnen, dass die Bande zwischen den Mitgliedern der SFG 77 mittlerweile über einen gemeinsamen Arbeitgeber hinaus gingen.
Um die von Miru inszenierte Scharade zur Deckung weiter zu nutzen, brachte das SFG 77 den altbekannten Frederic Denton als möglichen Verhandlungspartner für Operation Kimono ins Spiel. Daisuke Hiku, der Customer Agent der Yutani Corporation, verantwortlich für die Position seines Konzerns im Pazifikkonflikt, nahm die Anregung dankend auf. Inwieweit dies mit Billigung und Wissen von Miru (oder ihrer neuen Gestalt) geschah, blieb unklar.
In Kapstadt stellte sich letztlich heraus, dass Frederic Denton eine gute Wahl gewesen war. Allerdings waren die Umstände schwierig. Es brauchte gehörigen Druck, gute Angebote und vor allem eine Gruppe fähiger Unterhändler, die alle am gleichen Strang zogen. Insbesondere durch die loyale Unterstützung durch die SFG 77 wurde letzteres erreicht. Frederic Denton und seine Kinder konnten gerettet werden. Sein Geständnis zeigte, dass sich die Beharrlichkeit und die gute Erinnerung an die Hintergründe von Operation Whiplash gelohnt hatten. Die kantonesischen Angreifer hatten diesen komplexen Schachzug verloren. Operation Kimono konnte endlich enden.
In Tokio wartete ein lang ersehntes Wiedersehen, als die SFG 77 am 08. März 2073 – nach 15 Tagen ohne Lebenszeichen – wieder aus den Schatten auftauchte. Captain Uzun hatte bereits einen Graben in die Korridore der AIMS Cassiopeia getigert, wo sich die Operationsleitung für Operation Kimono befunden hatte. Und wieder ging die SFG 77 in die Geschichte von AIM ein: noch nie hatte eine Sondereinsatzgruppe eine Mission mit so wenig Stabsunterstützung absolviert. Im Customer Office der Yutani Corporation in Tokio kam es zu den Nachbesprechungen, die in enger Abstimmungen mit den Unterhändlern und Daisuke Hiku stattfinden sollten.
„Meine Herren, Miss Miller, sie können sich vorstellen, wie glücklich das CCOM und ich waren, als wir von einer erfolgreichen Beendigung von Operation Kimono gehört haben. Das waren wahrscheinlich die längsten zwei Wochen meiner Dienstzeit. Es fällt schwer, gute Leute sich selbst überlassen zu müssen. – Wie mir Daisuke Hiku eben berichtet hat, haben die drei Unterhändler dem Japanischen Consortium berichtet. Es ist noch nicht entschieden, wie viel von den Ergebnissen wir erfahren werden. Aber eines ist schonmal sicher: Frederic Denton war ein Volltreffer. Es gibt bereits Rahmenpläne für eine Folgemission, die der unmittelbaren Gefahrenabwehr dienen wird. Ich denke ich kann soviel sagen: die COC verfolgt einen großangelegten Drei-Stufen-Plan, über den Mister Denton wohl intime Informationen besitzt. Wenn er sie teilt, werden wir schnell handeln müssen. Die Initiative liegt nun bei uns.“
Daisuke Hiku, der ältere Japaner mit wachem Geist und gutmütigem Lächeln nickt und stimmt den Ausführungen von Captain Uzun zu. Die SFG 77 sieht den Customer Agent zum ersten Mal in Person. Er war also wirklich keine bloße Illusion der Miru.
„Die Yutani Corporation hat Klugheit und Weitsicht bewiesen, dem Hinweis nach Frederic Denton nachzugehen. Die Ergebnisse übertreffen die Hoffnungen.“ Daisuke Hiku lächelt der SFG 77 schelmisch zu. Auch wenn wohl bisher noch immer nicht bekannt gemacht wurde, wer Denton als Ziel ausgewählt hatte, so scheint es wenigstens Daisuke Hiku nicht vergessen zu haben. „Sie haben erheblichen Anteil daran. Tameo-san war sehr zufrieden mit der Loyalität und entschlossenen Handlungskraft ihrer Leute. Und sogar der übereifrige Kenjiro-san, der seiner inneren Jugend gemäß viel zu viel Ideale und Hoffnungen in die Sache legte, kann nun darauf hoffen, dass mit Frederic Denton ein Rechtsverfahren von Relevanz in greifbare Nähe rückt. Nicht zuletzt wird auch Susila Tambusai mit einem beachtlichen Erfolg zurück nach Jakarta kehren. Soweit ich infomiert bin, wird das ihre Oberen eher überraschen. Sie soll sich sehr gut eingebracht haben. In der Zeit zwischen der „Eskalation“ und der Befreiung der beiden Kinder gelang es ihr, Frederic Denton sicher auf unsere Seite zu manövrieren. Das wäre wahrscheinlich weder Tameo-san noch Kenjiro-san gelungen. – Wie wird es nun weiter gehen? Ich möchte etwas mehr enthüllen und ergänzen, dass die COC plante, Frederic Denton als Agenten weiter zu führen und in den Medienkrieg um den Pazifikkonflikt schadbringend einzusetzen. Diese Rolle sollte er wohl in diesem Drei-Stufen-Plan zu späterer Zeit wieder aufgreifen. In diesem Zusammenhang hätte er auch seine alten Kollegen der Xunxao Gongsi ins Verderben stürzen sollen. Doch nun sieht es anders aus. Er hat bereits angekündigt, die anderen drei verdächtigten Executive Officers zu entlasten. Claudine Montbruillard wird nach seiner Aufforderung aus dem Untergrund auftauchen und für Befragungen zur Verfügung stehen. Letztlich…“ Daisuke Hiku räuspert sich mit einem schalkhaften Lachen, das jedoch eine wölfische Note nicht vermissen lässt, „…haben sie wohl damit auch die Missionsziele von Operation Whiplash erfolgreich vervollständigt. Alle vier XO sind in den Schoß Japans zurückgekehrt. Katsuo-san darf sich glücklich schätzen, solche Samurai in seiner Armee zu wissen!“
„Zu freundlich, Daisuke-dono,“ der Captain rückt die Brille etwas irritiert zurecht und wendet sich wieder an das Team. „Sie haben es losgetreten. Jetzt müssen sie das Endspiel auch beherrschen, meine Herren. Sie haben fünf Tage Freistellung, dann möchte ich sie gerne auf der Shigeruu wissen, für Vorbereitungen auf Operation Ancient Mariner. Alles muss schnell gehen, unser Zeitfenster ist klein. Aber es wird eine Operation aus dem Lehrbuch für Sondereinsatzkräfte. Wichtig ist, dass wir den Speer jetzt weiter in die Flanke des kranken Tieres treiben.“ Unklar, ob der Captain die bildhafte Sprache gewählt hate, um Daisuke zu beeindrucken, aber der nickt jedenfalls verzückt. „Specialist Goodfellow ist bereits mit der Trainingsvorbereitung instruiert. Er wird ihnen diesmal zur Unterstützung im rückwärtigen Raum zugeteilt. Weitere Dinge klären wir dann bei der Einsatzvorbereitung. Sie können wegtreten.“
Als sich Daisuke Hiku und der Captain anschicken abzugehen, wendet sich der Captain nocheinmal außerhalb des Protokolls leiser an Norge:
„Mister Svenson. Hören sie… Frederic Denton und seine beiden Kinder verdanken ihnen scheinbar das Leben. Ich weiß nicht, ob ihnen das klar ist. Der Einsatz war ja wohl ziemlich rauh und unter Zeitdruck. Bisher ist ja nicht klar, ob der Einsatz zur Gänze freigegeben wird. Ich habe also nur oberflächliche Eindrücke davon, was genau passiert ist. Mister Denton hat jedenfalls gegenüber dem CCOM gebeten, dass man Ihnen seinen aufrichtigen Dank ausrichtet.“
Für Zoé hat CPT Uzun dann das letzte Wort übrig:
„Sehr schöne Haarfarbe übrigens, Miss Miller. Schön, dass sie sich langsam mit der Rasurordnung des AIM-Personals arrangieren können. Das steht ihnen wirklich gut!“