Norge und Hitashi Sani

Direkt am ersten Tag nach der Ehrung der SFG77 nimmt Norge Abschied vom Team. Sein Antrag auf Reha in der Heimat wurde bewilligt und so machte er sich flugs auf den Weg zurück nach Norwegen. Genauer Trondheim. Er wollte die Auszeit auch dazu nutzen, mal wieder ein wenig Heimatluft zu schnuppern und nicht zuletzt war ja Hitashi Sani in Trondheim. Auch sie wollte er endlich mal kennen lernen und reinen Wein einschenken. Er hat ihr ja nie direkt die Unwahrheit gesagt mit dem, was er tat, aber doch einiges zurückgehalten. Da er schon das Interesse hat, dass da was draus wird, wollte er ihr bei mehreren Gesprächen erklären, was er so genau macht. Zumindest soweit es nicht unter Verschluss gelandet ist.

Ein erstes Treffen wurde schon über Trideo ausgemacht, auch wenn es wohl im Beisein ihres Vaters stattfinden würde. Ohne dessen Einwilligung würde es wohl auch keine weiteren realen Treffen geben. Zumindest nicht offiziell. Ob er Sani dann dennoch weiter sehen würde, hing wohl hauptsächlich von ihr selbst ab.

An dem Abend dann zog er seinen feinsten Anzug an. Das Hemd mit dem Blutspritzer am Kragen hatte er schon vor längerer Zeit ausgetauscht. Ja, es war der Anzug aus Südafrika, der irgendwie seinen Weg in die private Garderobe von Norge gefunden hatte. Immerhin sein feinstes Stück Stoff. Aber wie sich herausstellen sollte, hatte sich Norge zu viele Sorgen gemacht.

Der alte Hitashi-san hatte Norge zuerst in der geräumigen Mietwohnung begrüßt, in dem Sani und er zur Zeit lebten. Eine gut möblierte aber zweckmäßige Übergangslösung ohne viel persönlichen Schmuck. Es war eine Übergangslösung für den dienstlichen Aufenthalt von Vater und Tochter, wie Norge bereits wusste. Überhaupt kannte er sich durch die virtuellen Treffen mit Sani schon ziemlich gut in der Wohnung aus. Sie war tadellos aufgeräumt und sauber.

Der Vater war von Norge zuerst eingeschüchtert und überrascht zugleich. Seine zierliche Tochter, der muskulöse Krieger, beide orkischen Blutes. Man sah ihm an, dass er überrascht war. Über Norge, über seine Tochter und vielleicht auch sich selbst. Da Norge so gut gekleidet war, lud der Vater spontan alle zum auswärtigen Essen ein. Das war Sani erst nicht so recht, wollte sie die Begegnung doch so kurz wie möglich halten.

Das Fischrestaurant mit Blick über den Hafen war Oberklasse. Vielleicht wollte der Vater Norge auf die Probe stellen, doch der schlug sich wacker. Er hatte ja nicht nur Heimvorteil, sondern beharrte auch stets auf die japanische Etikette, vom Platznehmen über die Bestellung bis zum Anstoßen. So verlief der Abend ganz angenehm, auch wenn Sani immer etwas angespannt blieb.

Norge konnte etwas zu seiner Arbeit sagen und er erfuhr im Gegenzug, dass Vater und Tochter beide für die gleiche Firma arbeiteten: Tomorrow Plant Inc., ein Tochterunternehmen der Yutani-Familie. Was für ein Zufall… Der Vater war Geo-Ingenieur und die Tochter eine junge Meteorologin. Sie arbeiteten zur Zeit eng mit der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) zusammen.

Der Vater schien die gemeinsame Zeit mit der Tochter und Norge durchaus zu genießen. Etwas, das wohl nicht häufig außerhalb von Arbeitstreffen vorkam. Zwei Dinge fielen Norge im Nachinein auf. Über die Mutter von Sani wurde kein Wort verloren und der Vater hatte mehrmals am Rande bemerkt, dass Sani „sowieso nicht allzuviel Zeit habe“ und dass sie diese Zeit auch mit Freunden verbringen sollte.

So konnte Norge mit seiner Etikette den Vater doch so sehr beeindrucken, dass er nichts dagegen hatte, dass die beiden sich weiter treffen. Sie lernen sich immer besser kennen. Auch der Kontakt über Trideo wird immer häufiger. Bei einem dieser „Telefonate“ ging Sani kurz hinaus und Norge konnte auf den Bildschirm von Sanis Rechner sehen und erkannte da den Namen und das Bild einer ihm doch sehr wichtigen Person. Lena Mason. Norge schaltet schnell und macht eine Aufnahme von dem Bild und nimmt sich vor, Sani persönlich in einer ruhigen Stunde darauf anzusprechen. Immerhin geht es in dem Artikel um Menschenhandel und so weiter.

Wie immer Sani da auch reingeschliddert war, Norge wollte sie zuerst damit konfrontieren und schauen, wie und vor allem wie tief sie da drinnen steckte, bevor er irgendwas weiterleiten würde. So verabredete er sich dann auch zu einem weiteren Treffen mit ihr, die Datei gut abgespeichert und gesichert auf mehreren Datenspeichern. Das Bild durfte so oder so erstmal nicht verloren gehen.