Channel 9 World News. – 2074-10-14
Vier Tage sind seit dem verheerenden Sonnensturmereignis vergangen. In der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 2074 hatte ein solarer Magnetsturm bisher ungekannter Ausmaße zuerst die tagseitige Erdhalbkugel mit einem geomagnetischem Sturm überzogen, in den Folgetagen wurde deutlich, dass auch die Schattenseite der Erde nicht verschont bleiben würde. Wir ziehen Resümee.
Jenseits der Skala
Die International Oceanic and Atmospheric Administration (IOAA) erfasste Sonnenstürme mit geomagnetischen Auswirkungen auf die Erde bisher auf fünf Skalenstufen, G1 bis G5. Mit G5 wurden dabei geomagnetische Stürme mit „extremen“ Folgen theoretisch und aufgrund von erdgeschichtlichen Befunden beschrieben:
G5: Weitreichender Ausfall der Stromversorgung und des energetischen Schutzsystems. Verbreitete Blackouts und Zusammenbruch überregionaler und trans-nationaler Energieversorgung. Schaden an Umspannwerken und Kraftwerken. Zerstörung von ungeschützten Elektrokleingeräten, Autobatterien und Schaltanlagen. – Stromleiter können kurzzeitig Spitzenströme von mehreren 100 Ampere verzeichnen. Hochfrequente Funksender und -empfänger sind weiträumig für mehrere Tage nicht verwendbar. Niederfrequenzfunk für mehrere Stunden unbrauchbar. Ausfälle von Satellitennavigation und Satellitenfunk für mehrere Stunden. – Sichtbarkeit von Aurora Borealis („Nordlichter“) bis zum 40. Breitengrad (Südspanien, Ankara, Süditalien).
Diese ohnehin bereits eher theoretisch fundierten Schadensmerkmale wurden nun im Laufe der letzten vier Tage revidiert und ausgeweitet, so dass die astronautische und geologische Fachwelt von einem R8-Ereignis spricht. Die Schadensmerkmale werden gegenwärtig noch täglich erweitert und präzisiert.

Größtes Unglück der Luftfahrtgeschichte
Die Zahlen der Todesopfer durch Flugzeugabstürze im Frühmorgen des 9. Oktober 2074 (UTC+0) werden beständig nach oben korrigiert. Die Internationale Luftfahrtbehörde hat derzeit 1.302 Unglücke in Folge des R8-Ereignisses registriert. Die Zahl der Vermissten und Todesopfer wird auf über 100.000 Metamenschen geschätzt (ohne bodennahen Flugverkehr).
Betroffen waren vor allem elektrobetriebene Flugzeuge, Helikopter und Vektorschubfahrzeuge sowie kleinere Linienmaschinen, Privatjets und einige der größeren Luftverkehrsflotten für den internationalen Luftverkehr, deren Maschinen nicht mit ausreichenden redundanten Systemen und elektromagnetischen Abschirmungen versehen waren.
Nur in wenigen Fällen gelangen den Pilotinnen und Piloten Notlandungen. Durch den häufigen Totalausfall von Bordelektroniken werden die meisten modernen Fluggeräte nicht mehr manövrierfähig. Dennoch gab es auch Berichte von kleineren und größeren Wundern, wie etwa der Wasserlandung eines Suborbitalflugs, der sich im Landeanflug auf Taipeh befand. Alle 680 Passagiere überlebten unverletzt.

Urbane Gewalt
In allen Metropolen mit mehr als 5 Millionen Einwohnern kam es zu nachhaltigen Stromausfällen und zum Versagen kritischer Infrastrukturen. Die ohnehin bereits angespannten Lagen in den großen Metroplexen der Welt entlud sich in raschen und massiven Wellen von Plünderungen, Bürgeraufständen und entfesselter Kriminalität.
Die Top 10 der modernsten Metroplexe und Arkologien verkrafteten diese kritischen Stunden erstaunlisch gut. Vielerorts waren Kapazitäten vorhanden, die ausgefallenen Systeme rasch zu ersetzen oder auf Redundanzen auszuweichen. Hierzu zählen unter anderem Mexiko City, Neo-Tokyo, Seattle, Denver und Taipeh. Dennoch werden Wochen, wenn nicht gar Monate, vergehen, den militärischen und zivilen Frieden wieder auf einem Niveau von vor dem R8-Ereignis herzustellen.
Aus abgelegenen Regionen der Welt erreichen uns vielfach noch gar keine verlässlichen Nachrichten, so beispielsweise aus kleineren Arkologien des nördlichen Pazifikraums. Aber auch Städte wie Berlin, Aachen, London oder Washington versinken weiterhin in Anarchie. Alle Großkonzerne mit A+ Einstufung haben den Krisennotstand ausgerufen und ziehen sämtliche konzerneigenen Sicherheitskräfte auf ihr Konzernterritorium zurück. Nur von wenigen Ausnahmen wird berichtet, etwa in Denver oder Neo-Tokyo.
Im Westjordanland wurde am Folgetag des Ereignisses mit einer Luft- und Bodenoffensive seitens der arabischen Anrainer begonnen. Isreal befindet sich in einem Verteidigungskrieg. Auch innerhalb des Territoriums Deutscher Staaten gab es Grenzübertritte öffentlicher und privater Sicherheitsdienstleister sowie die einseitige Besetzung kritischer Infrastruktur. Rund um die Vertragsstadt Denver wurden Truppen aller sechs Anrainer zusammengezogen.

Ein dritter Crash?
Auch die letzten Beetle-Heads und Matrix-Zombies haben mittlerweile das Ereignis zu spüren bekommen. Während sich die CEO der Yutani Corporation und der CEO von Novatech positiv gestimmt gaben und eine baldige Rekonstruktion aller Host-Strukturen ankündigten (konzernintern natürlich), wurden viele Unternehmen und Staaten, aber auch Privatmenschen, stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Datenverluste sind, trotz häufiger Redundanzen und der Dezentralität des Matrix-Netzes, noch gar nicht abzuschätzen.
Besonders brisant ist die Lage in der Vertragsstadt Denver, CO, wo sich der weltweit größte, illegale Datahaven befindet. Dort wurden über Jahrzehnte illegale Kopien von Datenbeständen aus allen Ecken der Welt und aus allen Lebensbereichen gesammelt, archiviert, und illegal im sogenannten „Shadowland“ vermarktet oder verschlossen gehalten. Autonome Akteure des Datahaven haben nun damit begonnen Unternehmen weltweit mit Erpressungen unter Druck zu setzen – im Datahaven finden sich nun ironischerweise oftmals die noch einzig verbliebenen, unzerstörten Datanbestände vieler Konzerne und staatlichen Einrichtungen.
Für den Normalverbraucher blieb der Jubel jedoch aus. Es ist absehbar, dass sich die Finanzwelt von den Ereignissen erholen wird – abgesehen vom spekulativen Finanzmarkt, dessen Fortgang, wie immer, höchst ungewiss ist.

Arkane Manifestationen
Die Erwachte Welt blieb nicht verschont. Hochmoderne Staaten, wie Japan oder Dahomey, scheinen aus technologischer Sicht das R8-Ereignis gut überstanden zu haben. Grüne Energien, hochmoderne Leitertechnik und Redundanzsysteme ersparten ihnen einen monatelangen Wiederaufbau ihrer Infrastrukturen, doch auf der magischen Seite der Welt, sieht dies womöglich anders aus.
Norwegens NTNMU sowie die Universität von Kairo berichteten als erstes über schwerwiegende Veränderungen. So zerstörten riesenhafte Manifestationen im Hinterland Norwegens offenbar Hochspannungsleitungen und bewegten sich auf die besiedelte Küstenregion zu. Die Meinungen gehen auseinander, ob es sich dabei um aufgeweckte, sogenannte „Große Wanderer“ handeln könne, oder um riesenhafte Troll-Geister. Die NTNMU ermittelt. Auch wird darüber spekuliert, ob das Sinken der CASS Shigeruu als Vorbote des R8-Ereignisses gewertet werden könnte.
Aus Kairo wurde zuerst von schweren Erdbeben berichtet, die große Teile des Stadtgebiets in die Abgründe tiefer Schluchten gerissen hätten. Mittlerweile gilt als gesichert, dass es sich bei den Bruchlinien im Boden um die Verlaufswege alter Gräber- und Palastanlagen handelte; so etwa der Pharaonenweg vom Königspalast der IV. Dynastie zur Grabbaustelle des Cheops und von dort zur 20 Kilometer südlich gelegenen Grabanlage Saqqara. Das R8-Ereignis hat scheinbar antike Ley-Linien und das arkane Potential von Architekturmagie neu belebt. Ähnliche Phänomene werden aus dem Dschungel Zentralamerikas und Beijing berichtet. Das Arkane Labyrinth der Verbotenen Stadt habe „die Grenzen zwischen der arkanen und weltlichen Repräsentation des Kaisertums verwischt.“

SURGE
Während die Großereignisse die Welt erschüttern und in Atem halten, sickern immer mehr auch Folgen im Kleinen durch. An vielen Orten der Welt werden Metamenschen in Krankenstationen eingewiesen, die körperliche aber auch geistige Veränderungen erfahren haben. Die Biomedizin spricht von „Spontaner rezessiv-genetischer Expression“ (Sudden Recessive Genetic Expression, SURGE). Hörner, Fell, Farben, Klauen, Schwänze – wie weit die Palette der Veränderungen am metamenschlichen Körper reicht, ist noch nicht absehbar. Es kam bereits, wie nach den Goblinisierungswellen, zu Internierungen, Lagerbildung und gezielten Falschinformationen sowie dem „Verschwindenlassen“ von Opfern des SURGE-Effekts.
Bisher gab es jedoch keine Berichte einer tiefergehenden, genetischen Goblinisierungswelle.
Der Blick nach vorn
Die Sonne ist Teil allen Lebens auf unserer Erde. Sie war es von Anfang an. Sie ist die ultimative Bedingung aller lebenden Existenz in unserem Sternensystem. Ihre kulturelle, religiöse, arkane Bedeutung ist enorm und vielleicht viel mächtiger, als wir bisher dachten. Als eine fundamentale Bedingung unserer Existenz kann man sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Das ist in gewisser Hinsicht beruhigend: unsere Möglichkeiten sind trotz aller Errungenschaften begrenzt.
Drei Großkonzerne von Weltrang haben derzeit die Möglichkeiten und den Willen, die technische Sonnenbeobachtung wieder flächendeckend und stabil herzustellen und aufgrund der gemachten Erfahrungen zu verbessern und zu intensivieren. Dies sind Ares Macrotechnologies, Mitsuhama Computer Technologies sowie YSM – Advanced Space Mining, eine Tochter der Yutani Corporation.
Letztere haben angekündigt innerhalb der nächsten zwei Jahre einhundert Sonden auf die Alfvén-Oberfläche um die Sonne zu platzieren, die sich in einer Entfernung von etwa 18 Sonnenradien zum Mittelpunkt der Sonne befindet.
Zum Zeitpunkt des R8-Ereignisses betrug die Frühwarnzeit nach Angaben der großen astronomischen Forschungsinstitute im Idealfall 18 Minuten. Die ersten Warnungen großer Konzerne an ihre Luftflotten auf interkontinentalen Strecken wurden etwa 15 Minuten vor dem Ereignis ausgegeben. Etwa 95% erreichte eine Warnung zu spät.
Was bedeuten diese Zahlen für unsere Zukunft? Haben wir nun wieder 5 Millionen Jahre Zeit, bis zum nächsten R8-Ereignis, wie es uns die Statistiker beschwichtigend erklären wollen?