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Inside Business: Building Better Worlds?

Portfolio

Weyland Industries ist ein vergleichsweise junger britischer Megakonzern, der sich stark auf Spitzentechnologie und Weltraumoperationen konzentriert. Das Unternehmen ist dafür bekannt, dass es Pionierarbeit in neuen Technologiebereichen leistet und die kommende Generation von Forschung und Entwicklung dominieren und leiten will.

So ist Weyland Industries eng mit Spitzenuniversitäten und -zentren wie dem MITM, Silicon Valley und der hauseigenen Weyland International University in Denver verbunden.

Weyland Industries hat den denkbar schlechten Ruf, amoralisch und von der Idee besessen zu sein, dass Technologie die Menschheit endlich auf eine neue Evolutionsstufe heben wird, koste es, was es wolle.

Dies hat zu massiven Protesten und Angriffen von Konkurrenten geführt. Weyland Industries ist dafür bekannt, dass es regelmäßig Sicherheits-, Rechts- und Moralvorschriften missachtet, um Spitzenforschung zu betreiben. Auf der anderen Seite hat Weyland Industries einen Beitrag für die Welt bereits geleistet, wenn man der PR-Abteilung glauben schenkt.

Weyland Industries ist ein führendes Unternehmen in den Bereichen Gesundheitswesen, Cyberware und Mensch-Maschine-Interaktion. Der Gründer von Weyland Industries, Charles Bishop Weyland, schuf Weyland Industries im Jahr 2023 durch den Zusammenschluss von sieben hochrangigen Unternehmen.

Insider berichten

Man hört es beharrlich, dass Weyland Industries eines der schlimmsten Unternehmen in der Geschichte der Menschheit ist, soweit es die soziale Lage der Angestellten betrifft. Weyland Industries betreibe zudem aggressiven Kapitalismus, verdeckte Sklavenarbeit, Ausbeutung öffentlicher Ressourcen und ähnliches. Insbesondere die Ausbeutung der Umwelt hat in den letzten 30 Jahren zu öffentlicher Empörung und langen Debatten und Kämpfen geführt.

Insider berichten, dass es keinen anderen Megakonzern gibt, der mehr Geld und Personal in die Entwicklung von medizinischen Zukunftstechnologien investiert als Weyland Industries. Gesundheitswesen, Medizin, Körpermodifikationen und Raumfahrttechnologie profitieren in hohem Maße von Weyland Industries. Es ist nicht übertrieben, Weyland Industries als das Heilmittel für viele jahrhundertealte Krankheiten und Gebrechen zu bezeichnen.

In letzter Zeit scheint Charles Bishop Weyland die Grenzen für eine weitere Entwicklung und ein Wachstum von Weyland Industries auszuloten. Stellares Engagement rückt in den Fokus. Und hier unten, auf der Erde, spricht Charles Bishop Weyland zunehmend über eine neue Richtung für die gesamte Menschheit. Eine neue Perspektive für die Gestaltung der Zukunft – und so weiter und so fort. Wie gut passt das doch zu den Gerüchten über eine mögliche Zusammenarbeit mit der Yutani Corporation, die sich kürzlich erst zur Galleonsfigur der Weltraumeroberung erklärt hat.

Der Elefant im Raum

In den Hinterzimmern der Konzernwelt knistert es bereits. Die internationale Wirtschaft, die Finanzmärkte und einige Nationalstaaten wissen sehr wohl, dass zwischen Weyland Industries und der Yutani Corporation etwas im Gange ist. Die Medien recherchieren nach Details, finden aber nichts Zuverlässiges. Die Global Player provozieren und sticheln, aber sie erhalten keine belastbaren Aussagen.

So bleibt es bei Gerüchten, dass die Yutani Corporation nach neuen strategischen Allianzen sucht und Weyland Industries dabei sein könnte. Einige runzeln die Stirn sorgenvoll und sehen die gut versteckten Hinweise, die auf einen tatsächlichen Zusammenschluss hindeuten. Und diese wenigen trauen sich nicht, es lautstark auf Channel 9 zu verbreiten. Doch wir bleiben für sie am Ball!

Sonnensturm R8

Channel 9 World News. – 2074-10-14

Vier Tage sind seit dem verheerenden Sonnensturmereignis vergangen. In der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 2074 hatte ein solarer Magnetsturm bisher ungekannter Ausmaße zuerst die tagseitige Erdhalbkugel mit einem geomagnetischem Sturm überzogen, in den Folgetagen wurde deutlich, dass auch die Schattenseite der Erde nicht verschont bleiben würde. Wir ziehen Resümee.

Jenseits der Skala

Die International Oceanic and Atmospheric Administration (IOAA) erfasste Sonnenstürme mit geomagnetischen Auswirkungen auf die Erde bisher auf fünf Skalenstufen, G1 bis G5. Mit G5 wurden dabei geomagnetische Stürme mit „extremen“ Folgen theoretisch und aufgrund von erdgeschichtlichen Befunden beschrieben:

G5: Weitreichender Ausfall der Stromversorgung und des energetischen Schutzsystems. Verbreitete Blackouts und Zusammenbruch überregionaler und trans-nationaler Energieversorgung. Schaden an Umspannwerken und Kraftwerken. Zerstörung von ungeschützten Elektrokleingeräten, Autobatterien und Schaltanlagen. – Stromleiter können kurzzeitig Spitzenströme von mehreren 100 Ampere verzeichnen. Hochfrequente Funksender und -empfänger sind weiträumig für mehrere Tage nicht verwendbar. Niederfrequenzfunk für mehrere Stunden unbrauchbar. Ausfälle von Satellitennavigation und Satellitenfunk für mehrere Stunden. – Sichtbarkeit von Aurora Borealis („Nordlichter“) bis zum 40. Breitengrad (Südspanien, Ankara, Süditalien).

Diese ohnehin bereits eher theoretisch fundierten Schadensmerkmale wurden nun im Laufe der letzten vier Tage revidiert und ausgeweitet, so dass die astronautische und geologische Fachwelt von einem R8-Ereignis spricht. Die Schadensmerkmale werden gegenwärtig noch täglich erweitert und präzisiert.

London, Flugzeugabsturz Downtown und Ausschreitungen

Größtes Unglück der Luftfahrtgeschichte

Die Zahlen der Todesopfer durch Flugzeugabstürze im Frühmorgen des 9. Oktober 2074 (UTC+0) werden beständig nach oben korrigiert. Die Internationale Luftfahrtbehörde hat derzeit 1.302 Unglücke in Folge des R8-Ereignisses registriert. Die Zahl der Vermissten und Todesopfer wird auf über 100.000 Metamenschen geschätzt (ohne bodennahen Flugverkehr).

Betroffen waren vor allem elektrobetriebene Flugzeuge, Helikopter und Vektorschubfahrzeuge sowie kleinere Linienmaschinen, Privatjets und einige der größeren Luftverkehrsflotten für den internationalen Luftverkehr, deren Maschinen nicht mit ausreichenden redundanten Systemen und elektromagnetischen Abschirmungen versehen waren.

Nur in wenigen Fällen gelangen den Pilotinnen und Piloten Notlandungen. Durch den häufigen Totalausfall von Bordelektroniken werden die meisten modernen Fluggeräte nicht mehr manövrierfähig. Dennoch gab es auch Berichte von kleineren und größeren Wundern, wie etwa der Wasserlandung eines Suborbitalflugs, der sich im Landeanflug auf Taipeh befand. Alle 680 Passagiere überlebten unverletzt.

Häuserkampf in Haifa

Urbane Gewalt

In allen Metropolen mit mehr als 5 Millionen Einwohnern kam es zu nachhaltigen Stromausfällen und zum Versagen kritischer Infrastrukturen. Die ohnehin bereits angespannten Lagen in den großen Metroplexen der Welt entlud sich in raschen und massiven Wellen von Plünderungen, Bürgeraufständen und entfesselter Kriminalität.

Die Top 10 der modernsten Metroplexe und Arkologien verkrafteten diese kritischen Stunden erstaunlisch gut. Vielerorts waren Kapazitäten vorhanden, die ausgefallenen Systeme rasch zu ersetzen oder auf Redundanzen auszuweichen. Hierzu zählen unter anderem Mexiko City, Neo-Tokyo, Seattle, Denver und Taipeh. Dennoch werden Wochen, wenn nicht gar Monate, vergehen, den militärischen und zivilen Frieden wieder auf einem Niveau von vor dem R8-Ereignis herzustellen.

Aus abgelegenen Regionen der Welt erreichen uns vielfach noch gar keine verlässlichen Nachrichten, so beispielsweise aus kleineren Arkologien des nördlichen Pazifikraums. Aber auch Städte wie Berlin, Aachen, London oder Washington versinken weiterhin in Anarchie. Alle Großkonzerne mit A+ Einstufung haben den Krisennotstand ausgerufen und ziehen sämtliche konzerneigenen Sicherheitskräfte auf ihr Konzernterritorium zurück. Nur von wenigen Ausnahmen wird berichtet, etwa in Denver oder Neo-Tokyo.

Im Westjordanland wurde am Folgetag des Ereignisses mit einer Luft- und Bodenoffensive seitens der arabischen Anrainer begonnen. Isreal befindet sich in einem Verteidigungskrieg. Auch innerhalb des Territoriums Deutscher Staaten gab es Grenzübertritte öffentlicher und privater Sicherheitsdienstleister sowie die einseitige Besetzung kritischer Infrastruktur. Rund um die Vertragsstadt Denver wurden Truppen aller sechs Anrainer zusammengezogen.

Denver Datahaven, Unknown SAN

Ein dritter Crash?

Auch die letzten Beetle-Heads und Matrix-Zombies haben mittlerweile das Ereignis zu spüren bekommen. Während sich die CEO der Yutani Corporation und der CEO von Novatech positiv gestimmt gaben und eine baldige Rekonstruktion aller Host-Strukturen ankündigten (konzernintern natürlich), wurden viele Unternehmen und Staaten, aber auch Privatmenschen, stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Datenverluste sind, trotz häufiger Redundanzen und der Dezentralität des Matrix-Netzes, noch gar nicht abzuschätzen.

Besonders brisant ist die Lage in der Vertragsstadt Denver, CO, wo sich der weltweit größte, illegale Datahaven befindet. Dort wurden über Jahrzehnte illegale Kopien von Datenbeständen aus allen Ecken der Welt und aus allen Lebensbereichen gesammelt, archiviert, und illegal im sogenannten „Shadowland“ vermarktet oder verschlossen gehalten. Autonome Akteure des Datahaven haben nun damit begonnen Unternehmen weltweit mit Erpressungen unter Druck zu setzen – im Datahaven finden sich nun ironischerweise oftmals die noch einzig verbliebenen, unzerstörten Datanbestände vieler Konzerne und staatlichen Einrichtungen.

Für den Normalverbraucher blieb der Jubel jedoch aus. Es ist absehbar, dass sich die Finanzwelt von den Ereignissen erholen wird – abgesehen vom spekulativen Finanzmarkt, dessen Fortgang, wie immer, höchst ungewiss ist.

Trondheim, künstlerische Interpretation eines Ortsansässigen

Arkane Manifestationen

Die Erwachte Welt blieb nicht verschont. Hochmoderne Staaten, wie Japan oder Dahomey, scheinen aus technologischer Sicht das R8-Ereignis gut überstanden zu haben. Grüne Energien, hochmoderne Leitertechnik und Redundanzsysteme ersparten ihnen einen monatelangen Wiederaufbau ihrer Infrastrukturen, doch auf der magischen Seite der Welt, sieht dies womöglich anders aus.

Norwegens NTNMU sowie die Universität von Kairo berichteten als erstes über schwerwiegende Veränderungen. So zerstörten riesenhafte Manifestationen im Hinterland Norwegens offenbar Hochspannungsleitungen und bewegten sich auf die besiedelte Küstenregion zu. Die Meinungen gehen auseinander, ob es sich dabei um aufgeweckte, sogenannte „Große Wanderer“ handeln könne, oder um riesenhafte Troll-Geister. Die NTNMU ermittelt. Auch wird darüber spekuliert, ob das Sinken der CASS Shigeruu als Vorbote des R8-Ereignisses gewertet werden könnte.

Aus Kairo wurde zuerst von schweren Erdbeben berichtet, die große Teile des Stadtgebiets in die Abgründe tiefer Schluchten gerissen hätten. Mittlerweile gilt als gesichert, dass es sich bei den Bruchlinien im Boden um die Verlaufswege alter Gräber- und Palastanlagen handelte; so etwa der Pharaonenweg vom Königspalast der IV. Dynastie zur Grabbaustelle des Cheops und von dort zur 20 Kilometer südlich gelegenen Grabanlage Saqqara. Das R8-Ereignis hat scheinbar antike Ley-Linien und das arkane Potential von Architekturmagie neu belebt. Ähnliche Phänomene werden aus dem Dschungel Zentralamerikas und Beijing berichtet. Das Arkane Labyrinth der Verbotenen Stadt habe „die Grenzen zwischen der arkanen und weltlichen Repräsentation des Kaisertums verwischt.“

Illegale Straßenklinik in Denver

SURGE

Während die Großereignisse die Welt erschüttern und in Atem halten, sickern immer mehr auch Folgen im Kleinen durch. An vielen Orten der Welt werden Metamenschen in Krankenstationen eingewiesen, die körperliche aber auch geistige Veränderungen erfahren haben. Die Biomedizin spricht von „Spontaner rezessiv-genetischer Expression“ (Sudden Recessive Genetic Expression, SURGE). Hörner, Fell, Farben, Klauen, Schwänze – wie weit die Palette der Veränderungen am metamenschlichen Körper reicht, ist noch nicht absehbar. Es kam bereits, wie nach den Goblinisierungswellen, zu Internierungen, Lagerbildung und gezielten Falschinformationen sowie dem „Verschwindenlassen“ von Opfern des SURGE-Effekts.

Bisher gab es jedoch keine Berichte einer tiefergehenden, genetischen Goblinisierungswelle.

Der Blick nach vorn

Die Sonne ist Teil allen Lebens auf unserer Erde. Sie war es von Anfang an. Sie ist die ultimative Bedingung aller lebenden Existenz in unserem Sternensystem. Ihre kulturelle, religiöse, arkane Bedeutung ist enorm und vielleicht viel mächtiger, als wir bisher dachten. Als eine fundamentale Bedingung unserer Existenz kann man sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Das ist in gewisser Hinsicht beruhigend: unsere Möglichkeiten sind trotz aller Errungenschaften begrenzt.

Drei Großkonzerne von Weltrang haben derzeit die Möglichkeiten und den Willen, die technische Sonnenbeobachtung wieder flächendeckend und stabil herzustellen und aufgrund der gemachten Erfahrungen zu verbessern und zu intensivieren. Dies sind Ares Macrotechnologies, Mitsuhama Computer Technologies sowie YSM – Advanced Space Mining, eine Tochter der Yutani Corporation.

Letztere haben angekündigt innerhalb der nächsten zwei Jahre einhundert Sonden auf die Alfvén-Oberfläche um die Sonne zu platzieren, die sich in einer Entfernung von etwa 18 Sonnenradien zum Mittelpunkt der Sonne befindet.

Zum Zeitpunkt des R8-Ereignisses betrug die Frühwarnzeit nach Angaben der großen astronomischen Forschungsinstitute im Idealfall 18 Minuten. Die ersten Warnungen großer Konzerne an ihre Luftflotten auf interkontinentalen Strecken wurden etwa 15 Minuten vor dem Ereignis ausgegeben. Etwa 95% erreichte eine Warnung zu spät.

Was bedeuten diese Zahlen für unsere Zukunft? Haben wir nun wieder 5 Millionen Jahre Zeit, bis zum nächsten R8-Ereignis, wie es uns die Statistiker beschwichtigend erklären wollen?

Nachruf auf Katsuo Uzun

Es ist ein verregneter Septembertag an der Atlantikküste. Weiße Uniformen der Urnenträger und Salutschützen stehen im harten Kontrast zum Grau und Schwarz ringsum. Es ist der Hauptfriedhof der Association Internationale des Mercenaires in Finistère.

Nach japanischer Tradition wird die Urne des Katsuo Uzun in weiß gekleidet in die Steingrube hinabgesenkt. Während der Regen leise auf Schirme und Mützen prasselt hält vor gut zweihundert Anwesenden Jacqueline Walters, CEO der Association, den Nachruf:

„Major Katsuo Uzun hat in nur acht Jahren Dienstzeit an einer Sache niemals einen Zweifel gelassen: an seinem festen Glauben an die Ideale unserer Association. Er hat sie wie kaum ein anderer mit tiefem Ernst und mit Hingabe gelebt.“

Jacqueline Walters hebt den Blick kurz in die Ferne, als suche sie ein Lichtblick am wolkenverhangenen Himmel. Oder einen fernen Gedanken.

„Ich traf Katsuo Uzun das erste mal auf der Shigeruu, 2070. Es war eine zufällige Begegnung. Aber dennoch eine, die uns in Freundschaft rasch verband. Er hatte eine offenherzige Natur, die trotz des ernsten Geschäfts, der Hierarchie und der Professionalität unserer Arbeit doch auch immer die Menschen sah, mit denen er sich umgab.“

Eine Windbö reisst plötzlich am Regenschirm, der von einem General des Central Command über Jacqueline Walters gehalten wird. Der Schirm gibt nach, der General kämpft mit dem störrischen Stecken und winkt nach einem Ersatz. Jacqueline Walters spricht im Regen unbekümmert weiter:

„Es ist wie ein unlösbares Rätsel für uns, weshalb Katsuo Uzun heute zu Grabe getragen wird, wenige Tage, nachdem auch die CASS Shigeruu ihren Frieden fand. Ich sehe darin eine Erinnerung daran, das nichts für Dauer ist.“

„Nur wenige hundert Meter trennten den Ort des Anschlags von meinem eigenen Büro. Viele von euch waren viel näher, als Major Katsuo Uzun starb. Er starb durch einen Akt des Hinterhalts.“

Sie macht eine Pause und sieht über die formlosen Gesichter der Anwesenden sowie auch in die Kamera.

„In der jungen Geschichte von AIM, die Major Katsuo Uzun fast die gesamte Zeit begleitet hat, hat es nicht solch eine Tat auf unserem Staatsgrund oder in Einrichtungen in Übersee gegeben. Und ich werde das nicht hinnehmen.“

Jacqueline Walters Gesichtsausdruck nimmt ungewohnt harte Züge an, bei der Frau, die eigentlich immer ein Lächeln und freundliche Worte findet.

„Eine bedingungslose Aufklärung der Hintergründe, der Schuldfrage und der Konsequenzen wird bereits vorangetrieben während wir heute seiner gedenken und uns verabschieden. Das sind wir Major Katsuo Uzun schuldig. Und wer ihn kannte der weiß, dass die Gründe für seinen Tod nur in seinem Dienst und seiner Arbeit für AIM gefunden werden können.“

Der General bekommt endlich einen neuen Schirm gereicht, ist jedoch geistesgegenwärtig genug den Moment nicht weiter zu stören. Er tritt vom Rednerpodest zurück.

„Major Katsuo Uzun war unter den ersten zehn Abgängern der AIM Senior Offricer School in 2066. Er ist der erste Abgänger dieser Schule überhaupt, den wir zu Grabe tragen müssen. Er hat sich für eine offene Reform vieler Doktrinen eingesetzt. Er hatte eine Vision, die ich mit ihm teile. Sie wird weiterleben. Denn mit Vision, Loyalität und Befehlstreue begleitete er AIM durch drei große Kampagnen und hat hervorragende Soldatinnen und Soldaten ausgebildet.“

Eine erneute Pause.

„Katsuo Uzun verblieb kinderlos und ohne Angehörige und lässt uns heute als seine Familie fassungslos und trauernd zurück.“

Jacqueline Walters tritt vom Rednerpult zurück und reiht sich in die Trauernden in Zivil ein. Salutschüsse hallen über den Strand von Finistère hinaus auf die See, wo die Sonne das Meer in der Ferne endlich küsst.

Bossier Daily: Custers-Morde neu aufgerollt

Ende Januar 2074 war es zu einem grässlichen Dreifachmord im Custers gekommen, unserem stadtbekanntem und beliebten Billiardlokal, das auch außerhalb unserer Stadt große Bekanntheit genießt.

Unvergessen sind die Trauerzüge und die Solidaritätsbekundungen unserer Bürgerinnen und Bürger, die auch von Farbigen und Metamutanten breit getragen wurden.

Die Schuldlage konnte damals zweifelsfrei geklärt werden. Der in Bossier als „Brücken-Troll“ bekannte Henry B., der am verlassenen Autohof zur Interstate seine Höhle in den Schrottbergen bewohnte, gab die Gewalttat zu.

Metamutanten hatten damals zu massiven Protesten gegen Henry B.s Verurteilung und Schuldfähigkeit aufgerufen, trotz klarer und schlüssiger Beweislage. Immer wieder war es zu unerlaubten Aufzügen und auch Anschlägen gegen Polizeibeamte und andere Stadtbedienstete gekommen.

Die Lage spitzte sich bis in den April zu, als unser geehrter Bürgermeister Knight Errant Sonderkräfte mit einem Budget von 2.8 Millionen Nuyen bewilligt, um der anhaltenden Demonstrationen und Gesetzesverstöße in selbstgerechter Standtschaft für den internierten Henry B. entgegenzuwirken.

Es zog wieder Frieden ein in Bossier City.

Heute Morgen haben Mutanten-Reverend Barris und Bürgermeister Whitechapel überraschend bekanntgegeben, dass der Dreifachmord neu aufgerollt wird. Henry B. wurde unverzüglich auf freien Fuß gesetzt und erhielt einen Schadensersatz von 439.200 Nuyen – 2.400 Nuyen für jeden abgeleisteten Hafttag.

Sprecher der Mutantenbewegungen gaben bekannt, dass einer der an den Ermittlungen beteiligten Polizisten eine neue Aussage zu Protokoll gegeben hat. Der schwarze Mann, dessen Namen bisher nicht bekanntgegeben wurde, hat der Staatsanwaltschaft zufolge angegeben, dass er sich im Verlaufe der Ermittlungen gegen Henry B. unter Druck gesetzt fühlte und deshalb Falschaussagen zu Protokoll gab. Die Fehlverurteilung von Henry B. konnte er mit seinem Gewissen jedoch nicht länger vereinbaren.

Weiterhin seien die drei Mordopfer Anstifter eines Streits gewesen, bei dem es um rassistische Beleidigungen gegangen sein soll. Die Todesfolgen seien aus Selbstverteidigung hervorgegangen. Doch wer wurde beleidigt, wer hat sich verteidigt?

Diese überraschende Wendung wirft Fragen auf. Man wird genaustens prüfen müssen, wie wahr die plötzlichen Neuaussagen des schwarzen Polizisten sind. Er wird sich sicherlich wegen Justizbehinderung und Falschaussage disziplinarisch zu verantworten haben. Wenn da etwas dran ist – und immerhin ist Henry B. bereits wieder auf freiem Fuß – wird man auch fragen müssen, wieso es zu solch einem Versagen des Justizapparates kommen konnte. Waren wir zu schnell, zu leichtgläubig?

Troll Henry B. ist nun wieder auf freiem Fuß und hat den Schadensersatz der Mutantenbewegung gespendet. Es soll als Vorfinanzierung für eine unabhängige Untersuchung des Dreifachmordes dienen, geleitet von der Bundesbehörde und einem Ermittlerteam von Knight Errant aus Denver, CO.

Henry B. ist auf den Autohof zurückgekehrt. Schaut vorbei Leute, und legt ein paar Spenden am Tor ab, wenn ihr es entbehren könnt! Er hat es nicht leicht und wir sollten fair sein und anerkennen, dass er auch unschuldig sein kann, obwohl er ein Troll ist!

Schaut zweimal hin, glaubt nicht alles beim ersten hören. Und zeigt unseren Kindern und Gästen, dass wir besser sind als das. Unser Bürgermeister braucht uns jetzt ganz besonders. Wenn die Sonderermittler und Justizaufsicht kommen, sollen sie das saubere und faire Bossier sehen, das wir uns alle so wünschen.

Bossier Daily, 2074-08-28

CASS Shigeruu gesunken

Channel 9 World News. – 2074-09-03

In der vergangenen Nacht ist der seit 2040 im Nordmeer verankerte Flugzeugträger CASS Shigeruu gesunken. Das Kriegsschiff war durch eine unbekannte magische Anomalie an einem festen Punkt unbeweglich gehalten worden.

Der sterbende Gigant, der seit über dreißig Jahren dem Verfall größtenteils anheim gegeben wurde, liegt nun in 5000 Metern Tiefe.

Corre Sverdrup, Projektleiter der Shigeruu Operation für NTNU und AIM in Trondheim:

„Die Gründe für das plötzliche und unvorhersehbare Sinken der Shigeruu sind noch nicht abschließend verstanden. Das hervorragend geschulte, wissenschaftliche und militärische Personal an Bord konnte jedoch die Lage beherrschen und geordnet evakuieren, bevor es zu größeren Velrusten kam. Insgesamt waren wir auf solch eine Situation vorbereitet, denn die Shigeruu war von Anfang an ein großes, undurchschautes Mysterium. Eine große Gelegenheit! Und auch eine riskante Sache. Das war immer klar.“

Ursprünglich zeigte die CASS Shigeruu als ein Kriegsschiff der Confederation of American States Präsenz in den Euro Wars und unterstützte indirekt die russische Position, die auf eine Beendigung der Kriegshandlungen hinstrebte. Auf dem Weg in die Karasee fixierte eine magische Kraft das Schiff auf offener See und raubte den CAS somit einen zentralen geostrategischen Spielstein.

In den Folgejahren nutzten sowohl die Russische Föderation als auch die Skandinavische Union die Shigeruu als Basislager. Dem folgten multinationale Forschungsstationen nach, die dem arkanen Phänomen auf die Spur kommen wollten.

Die Norwegian University of Science and Technology (NTNU) übernahm nach anfänglicher Euphorie über die möglichen, magischen Erkenntnisse, die Langzeitstudien auf der Shigeruu. Gesichert und betrieben wurde die Anlage zuletzt durch die Association Internationale des Mercenaires (AIM).

Anonyme Augenzeugen berichten von einem Feuer an Bord, das höchstwahrscheinlich auf einen magischen Ursprung zurückzuführen sei und zum Untergang der Shigeruu führte. Hierzu Prof. Dr. Sigrid Johansdottir, wissenschaftliche Leiterin:

„Vierunddreißig Jahre war die arkane Situation auf der Shigeruu stabil und gefahrenfrei. Die technischen Anlagen vor Ort waren nach Versuchen mit einer Erneuerung der Maschinenanlage und der Energiegewinnung extrem klein dimensioniert, um jegliche ungeplante Interaktion mit der arkanen Anomalie zu vermeiden. Insofern schließe ich aus, dass ihr Untergang auf technische Ursachen zurückzuführen ist. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Shigeruu eine arkane Anomalie war. Der Grund für die Stabilisierung des Kriegsschiffes konnte in vierunddreißig Jahren nicht klar entschlüsselt werden. Dennoch waren die Studien ertragreich. Nun hat uns die sechste Welt einmal mehr gezeigt, dass wir nicht alle Vorgänge, die uns umgeben, mit rationalen und technologischen Perspektiven begreifen und durchdringen können. Ich möchte mein tiefes Mitgefühl für die Opfer an Bord zum Ausdruck bringen, und meinen großen Respekt für die mutige und ausdauernde Forschungsarbeit, die auf der CASS Shigeruu geleistet wurde.“

Die Forschungen auf der CASS Shigeruu hatten insbesondere zu Erkenntnissen der Metamagie elementarer Ebenen beigetragen. Bis zuletzt war die hermetische oder spirituelle Natur der Anomalie aber umstritten geblieben. Versuche zur Interaktion von beiden großen arkanen Traditionen an Bord der Shigeruu hatten weltweit für Anerkennung gesorgt.

Laut der Seefahrtbehörde der Skandinavischen Union und AIM wird eine Bergung der CASS Shigeruu derzeit als nicht wirtschaftlich erachtet. Von privaten Initiativen zur Bergung wird aus Sicherheitsgründen stark abgeraten. Kleinere, spezialisierte Unternehmen haben jedoch ein Interesse an einer kommerziellen Bergung von Schrottwerten und der Vermarktung des denkwürdigen Ereignisses angekündigt. Der Erwerb von Filmrechten wird unbestätigten Meldungen zu Folge bereits verhandelt.

Technologieskeptische Gruppierungen sehen den Untergang der Shigeruu als eine positive Wendung und sprechen von einem Sieg des Unverstandenen über den Beherrschungsfetisch der Konzernwelt.

Die Internationale Schifffahrtsorganisation (IMO) hat eine Untersuchungskommission zu den Ereignissen eingefordert, um eventuelles Fehlverhalten der Betreiber sowie umweltschädliche Folgen zu untersuchen. Dies wurde seitens der NTNU und AIM abgelehnt. Weiterhin wird kritisiert, dass unabhängigen Medien kein Zugang zu Überlebenden der Havarie gewährt wird und deren Verbleib sowie gesundheitlicher Zustand unklar ist.

Initiative Tradestop

Pünktlich zum Stichtag beginnt heute, am 1. Juli 2074, die Initiative Tradestop auf Basis eines multilateralen Vertrags zwischen 121 Staaten und Konzernen, darunter solche Größen wie Ares Macrotechnologies, UCAS, CAS, Japanese Imperial State, Yutani Corporation und zahlreiche weiteren großen wie kleinen Namen.

Am vergangenen Mittwoch war dem Vertragsschluss eine Debatte und ein Aufruf in der Generalversammlung der Vereinten Nationen vorausgegangen. Dem folgten die 121 Erstzeichner nun heute symbolisch zur Vertragszeichnung auf der PASS Coral Ring im Japanischen Meer in einer feierlichen Zeichnung.

Die Initiative Tradestop ist eine politische Konsequenz jahrzehntelanger Kämpfe gegen illegalen Menschenhandel, Sklaverei, organisierte Verschleppung und den kriminellen Abwerbepraktiken von Spitzenkräften durch staatliche oder Konzernakteure.

Betrachtet man sich die Gesamtliste der Erstzeichner dann wird deutlich, dass sich hier viele Konflikt- und Grabenlinien aus dem jüngst beendeten Pazifikkonflikt wiederfinden. Die Russische Föderation sowie die Cantonese Confederation befinden sich nicht unter den Vertragszeichnern, ebenso fehlen wichtige Akteure des mittel- und südamerikanischen Kontinents sowie einige große Namen der Megacorporations.

Während illegaler Menschenhandel und erzwungene Migration seit Jahrzehnten ein leidiges Thema ist, haben die jüngsten Ereignisse im Dahomey-Konflikt zur Initiative Tradestop geführt. Dort war bekannt geworden, dass massive Verschleppung von ganzen Bevölkerungsgruppen aber auch einzelner hochqualifizierter Personen stattgefunden hatte. Im Schutze der erwachten Dschungelgebiete sind die Schmuggel- und Schlepperrouten nach wie vor unklar. Personen aus dem direkten Umfeld der Konfliktparteien in Dahomey sprechen von weitreichenden Verschleppungen auf hohem technisch-logistischem Niveau unter Beihilfe mächtiger politischer Akteure.

Neben der humanitären Dimension haben insbesondere Ares Macrotechnologies und die Yutani Corporation darauf verwiesen, dass staatlich organisiertes Kidnapping und zwangsförmige Abwerbung von Spitzenpersonal aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik einen massiven Umfang angenommen hat, gegen den die Initiative Tradestop vorgehen soll.

Ob die Initiative überhaupt etwas praktisch bewirken kann und ob dies dann eher im Dienst der Humanität oder Spionageabwehr steht, bleibt abzuwarten. Die Association Internationale des Mercenaires (AIM) hat sich ein robustes Mandat der Erstzeichner gesichert, ebenso die Konzerntruppen von Ares Macrotechnologies (inklusive weitreichender Ausstattungsaufträge). Ein Kontingent von Kriminal- und Ermittlungsbeamten aus dem Umfeld von Interpol sowie nationaler Behörden aus über 40 Zeichnerparteien soll die Ermittlungen und Dokumantetionen koordinieren.

Jacqueline Walters, CEO der AIM, gab am Rande einer Pressekonferenz an, dass sich ihre Organisation insbesondere der Verschleppungen im Zusammenhang mit dem Dahomey-Konflikt annehmen wird. Vertreter der Ares Macrotechnologies sprechen von einer massiven Cyberoffensive, die gemeinsam mit Renraku finanziert werden soll. Die Yutani Corporation sieht ihr Hauptinteresse laut einer matrixgenerierten Meme-Botschaft der CEO Miru im Bereich der Arbeitskräftemigration und der Verschleppung von „Verwandten aus der Yutani-Familie“, was auf den Konzernkrieg zwischen japanischen und chinesischen Konzernen verweisen dürfte. Hier war es unlängst zu mehreren aufsehenerregenden Entführungen und Vermisstenmeldungen hochrangiger Konzernmitglieder gekommen.

Channel 9 Singapur, 1. Juli 2074

Dahomeys zweites Erwachen

Der Ausklang dieses Jahres wird auch für das westafrikanische Dahomey ein Neubeginn sondergleichen sein, oder was davon übrig geblieben ist.

Wir erinnern uns: am 20. September 2073 wurde der Bura-Staudamm durch Terroristen besetzt, die mittlerweile der terroristischen Vereinigung der „Agooji“ zugerechnet werden. Es war der erste, aggressive Auftritt dieser Gruppe die, wie wir heute wissen, sich seit vielen Jahren in die politische und ökonomische Elite der Region eingeschlichen und ihren staatszersetzenden Einfluss ausgeübt hat.

Wer sind die Agooji? Nach allem was die vergangenen Monate enthüllt haben, handelt es sich um westafrikanische Splittergruppen, die sich hinter einer wiederbelebten Idee des Königreichs Agooji aus dem 19. Jahrhundert zusammengeschlossen haben. Als Stammsitz scheint der erwachte Dschungel im Nordwesten Dahomeys zu dienen. Ein unzugängliches Gebiet und seit dem Erwachen 2011 ein weißer Fleck auf den Landkarten, undurchdringlich für die modernen Satelliten und Aufklärungsdrohnen. Auch dem arkanen Auge fest verschlossen. Die wenigen, organisierten Erkundungen der frühen Zwanziger ließen es als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen, im erwachten Dschungel von Dahomey irgendetwas von Dauer zu errichten. Die Wege hinein glichen eher einem Abstieg in die Vorzeit. Wer würde dort ein Königreich errichten können? Und dann noch eines, das aus dem Dschungel politische Intrigen und modernste Technik in die zivilisierte Welt führt?

Doch man läge falsch, wollte man all das, was kommen sollte, allein dieser Terrorgruppe zuschreiben. Königreich oder nicht. Eine Woche nach der Besetzung des Bura-Staudamms brach in ganz Dahomey, aber besonders im Norden und in der Hauptstadt, ethnische Gewalt ungekannter Ausmaße aus, zumindest nach Dahomeys Maßstab. Die Siedlung Ihuma gilt mittlerweile als Ground Zero und Stunde Null. Alles habe mit einer eher beiläufigen Verhaftung eines Fon begonnen, der im Gewahrsam der Ordnungskräfte die Schwarze Idola Afkarasar manifestierte. Von dort zog sich ein Teppich aus Feuer und Blut bis in die Graue Zone. Es kam zu Vertreibungen, Greueltaten gegen Nachbarn und am Ende mobilisierten Dahomey und Nigeria ihre Sicherheitsdienstleister und Armeen, die Kanonen und Drohnen starr aufeinander gerichtet.

Heute muss es uns klar erscheinen, wie naiv wir waren. Immer wieder übersehen wir die Anzeichen. Das Wirken der Idola – bis dahin eher ein Bestandteil der esoterischen und säkularisierten Privatreligion Dahomeys, lag Ende September bereits offen zutage. Man hätte nur den wenigen Stimmen glauben schenken müssen, die darauf hinwiesen.

Am 29. September 2073 berichtete dann sogar Channel 9 das erste Mal über Unruhen bei anstehenden Lokalwahlen im Norden Dahomeys und gab am 6. Oktober Raum für Schwerpunktberichterstattung. Es wurde außerdem bekannt, dass Dahomeys Regierung die schwelenden und eskalierenden Konflikte schon eine ganze Weile durch massive Matrixzensur zu verbergen suchte. Heute hören wir von den Verantwortlichen, sie hätten dazu die Pflicht gehabt, um die schädliche Wirkung der Schwarzen Idola einzudämmen, für welche die Matrix, die allzeitige Erreichbarkeit und ungehinderte Ausbreitung von Angst und Misinformation ein Quell ständigen Machtzuwachs gewesen sei. Die Corporate Court Matrix Authority handelte natürlich nach anderen Grundsätzen. Am 2. Oktober erfolgte die Androhung von Sanktionen aufgrund der aktiven Censor Hosts. Eine partielle Matrixsperre folgte dann zehn Tage später.

Ungefähr zeitgleich unternahm auch die Afrikanische Union erste Bemühungen für eine einseitige Sanktion und verhängte eine Seeblockade gegen Dahomey. Dies brachte den Militärdienstleister Association International des Mercenaires (AIM) in eine unangenehme Zwickmühle, da sich die Verteidigungsklausel aktivierte. Doch nun stand das besungene und gefeierte Dahomey als beginnender Schurkenstaat da. In einem Interview der CEO Jacqueline Walters am 9. Oktober konnte man die unangenehme Spannung heraushören. AIM entschied sich zur Vertragserfüllung. Ein Blockadekrieg im Golf von Guinea begann.

Zeitgleich startete Nigeria eine Offensive in die Graue Zone, um in die Wahlkampflage einzugreifen. Mercenary Inc., der Dienstleister für Dahomeys Landstreitkräfte, vermied eine harte Antwort und zog sich darauf zurück, Verkehrswege und Infrastruktur in den Ballungszentren zu schützen. Die Anarchie des Nordens begann.

Der Zusammenbruch des republikanischen Staates Dahomey folgte kurz darauf. Am 14. Oktober wurde der Bura-Staudamm durch die Agooji gesprengt und am 16. Oktober kam es zu einem Putschversuch in Lome. Doch entgegen den ersten Vermutungen, handelte es sich um einen Putsch der Guten gegen die Bösen. Die Agooji hatten sich so tief in die politische Elie eingeschlichen und dort ihre subversiven Verlockungen ihrer Schwarzen Idola verbreitet, dass die positiven Kräfte der Regierung und des Parlaments, als sie das Ausmaß erkannten, nur noch eine Aufhebung der staatlichen Ordnung als Lösung sahen. Die Infrastruktur, insbesondere die Kommunikationswege, wurden weitestgehend abgeschaltet. Das Schicksal des Landes wurde an die Menschen vor Ort weitergereicht. Die religiösen Kräfte, bis dahin eher in der Politik abstinent, beschwörten eine Weiße Idola des Ausharrens und Durchhaltens, Massuutu. Dann ging das Licht aus, in Dahomey.

Was genau geschah, verbleibt über weite Strecken im Dunkel. Nur langsam beginnen wir, die Ausmaße zu begreifen. Wer mit welchen Taten welche Folgen verursachte, wird wohl kaum nachzuvollziehen sein. Klar ist, dass sich gegen Ende Oktober im Norden Dahomeys, nahe der Wüstenrandgebiete, eine ethnisch und religiös besonnene Zusammenkunft einfand, von der aus die Impulse eines neuen Dahomey ausgehen sollten. Unter Ablehnung der technisierten Moderne, der weltumspannenden Kommunikation und Ökonomie, berief man sich auf lokales Handeln, auf Weiße Idola und die Kraft von Tier, Land und Mensch. Während südlich der Zusammenkunft die Graue Zone in die Gewaltherrschaft der Warlords fiel, Mercenary Inc. in den befestigten Städten unter Kriegsrecht ein normales Leben zu simulieren versuchte und im Norden, im Orichalkumgürtel, anarchische Ressourcenkämpfe zwischen internationalen Konzernen entbrannten, war die Große Zusammenkunft die vernünftige und einzige Alternative für jeden, der Frieden und Orientierung suchte.

Überraschenderweise mischte sich der im Golf von Guinea schwer unter Druck geratene Militärdienstleister AIM ab Mitte November plötzlich in genau dieser Region ein und füllte ein Machtvakuum in einem weitestgehend entvölkerten und unkontrollierten Gebiet. Von Nakatombe aus etablierte AIM eine humanitäre Unterstützung für die alleingelassenen Opfer der Staudammkatastrophe im Bura-Schwemmland. Doch es blieb freilich nicht bei blauen und weißen Helmen. Eine militärische Luftbrücke zwischen dem Golf und der Region um Nakatombe machte bald deutlich, was die „Task Force Landfall“ von AIM beabsichtigte. Mit militärischer Härte wurden Schläge gegen militärische Anlagen der Agooji im Randgebiet des erwachten Dschungels durchgeführt. Aber es soll auch zu Aktionen in Moskuwa gekommen sein. Als Auftraggeber nannten die Offiziellen von AIM zu diesem Zeitpunkt eine „verfassungsgebende Nachfolgeregierung“ aus der Großen Zusammenkunft, hunderte Kilometer von der Hauptstadt Lome entfernt, abgeschnitten von jeder Matrix-Verbindung und jedem Übertragungswagen.

Während das eigenwillige und riskante Militärmanöver zu Lande von vielen als politischer Selbstmord verlacht wurde, waren es jedoch nicht die politischen Fragen, die im Dezember die dringlichsten waren. Auf der mystischen Ebene, so weiß man nun, wurde der Kampf mindestens eben so hart geführt, wie auf der militärischen. Auf der Großen Zusammenkunft wurden Bündnisse mit und zwischen der Geisterwelt geschmiedet und die Kräfte der Tiertotems näherten sich den sogenannten Weißen Idola an. Ein Zug der Tiere wurde verkündet, er soll eine Steinsetzung monumentaler Ausmaße begleiten, die von der Wüste bis zum Atlantik führen soll. Ein Unterfangen, das Jahre dauern wird, allein von Muskelkraft vorangetrieben. Die wenigen Bilder in den internationalen Nachrichten erinnern an biblische Szenen.

Der Grund und Widersacher für all diese Anstrengungen schien nun klar zu sein: die Terrorgruppe der Agooji hatte die Schwarzen Idola und ihre perfiden, schädlichen Kräfte geschürt und für ihre zersetzenden Zwecke eingespannt. Der Kampf konnte und musste also auf mystischer Ebene mindestens so erfolgreich ausfallen, wie auf politischer und militärischer.

Es bleibt unbestätigt doch wird es allgemein akzeptiert, dass AIM und Mercenary Inc. zuerst in einen militärischen Konflikt miteinander gerieten, als man einen religiösen Pilgerort, das sogenannte Sandorakel, befreite und den lokalen Volksgruppen übergab. Dem folgte ein mittlerweile gut dokumentierter Gegenschlag gegen ein sogenanntes „Grenztor“ der Agooji in den erwachten Dschungel. Eine Art ritueller Übergang in ihr „Königreich“. Die Forschungen und militärischen Erkundungen dauern an.

Den Höhepunkt jedoch, sahen wir alle vor unseren Trideoschirmen am Abend des 27. Dezember 2073. Nichts geringeres als eine Inkarnation des Löwentotems selbst, manifestierte sich im Schwemmland des Bura-Staudamms und betrat festen Grund auf afrikanischer Erde. Ein Ereignis, das innerhalb von Stunden ausgedehnte Regionen und Landstriche einer Umwälzung unterzog, die man vielleicht kataklysmisch nennen würde, hätte sie nicht genau das Gegenteil bewirkt. Wo Löwe in Avatargestalt seine Tatzen auf die Erde setzte, wich das verunreinigte Flutwasser zurück. Straßen, Gebäude, Industrieanlagen und Fahrzeuge verschwanden in der schwarzen Erde Afrikas. Steppengras und Bäume sprossen aus der entfesselten Urgewalt und zurück blieb nichts als geheilter Grund.

Überflutetes Stadtgebiet vor der Umwälzung
Selbes Stadtgebiet nach dem Streifzug von Löwe

Dieser „Streifzug des Löwen“ war die Folge, so hören wir, eines gescheiterten Versuchs der Agooji, die Ikone des Schwarzen Kontinents in eine toxische Entartung zu locken oder zu vernichten. Das Gefängnis wurde jedoch gesprengt und Löwe befreit. Die „Schwarze Hexe“ der Agooji, eine politische und religiöse Führerin namens Enomi, wurde durch Löwe selbst Berichten zufolge vernichtet. Wie dreist das Agieren der Agooji war kann man auch daran ermessen, dass viele von uns die Mode- und Beauty-Line Égalitérnité daheim im Schrank stehen haben. Eine Produktreihe, die sich im Besitz dieser Agooji befand.

Doch auch weltliche Kontrahenten lieferten sich eine erbitterte Schlacht. Mercenary Inc. und AIM lagen über dem umkämpften Gebiet in einem Luft- und Bodenkampf, auch lokale Milizen der vereinten Volksgruppen waren involviert. Auch wenn die genauen Umstände nach wie vor Fragen aufwerfen, am Morgen des 28. Dezember war eines klar: die Geschichte Afrikas hatte vielleicht ihre größte Zäsur erfahren. Viele vergleichen das Ereignis mit dem Großen Geistertanz und es ist bereits absehbar, dass Löwes Erscheinen und Wirken ein Feuer in zahlreichen Staaten südlich der Sahara bedeuten wird. Der Leiter der Afrika-Abteilung von DeBeers Omnitech formulierte es so: „Es wird Jahre oder Jahrzehnte dauern, und ich zwar allein bis man ausgerechnet haben wird, welchen ökonomischen Verlust der 27. Dezember 2073 der Weltwirtschaft wirklich beigebracht hat.“

Was wird nun werden?

Der Verbleib von Löwe ist unbekannt. Einige Stimmen aus eingeweihten Kreisen sagen, er hätte sich an die Spitze des gigantischen Tierzuges gesetzt, der sich immer noch formiert und gen Süden zieht. Andere weisen darauf hin, dass es Anzeichen dafür gibt, dass Löwe Dahomey bereits verlassen hat und andere Länder durchstreifen wird.

In Dahomey ist es nun einmal mehr an den Menschen sich neu zu besinnen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Die Große Zusammenkunft wurde zum vorübergehenden Sitz der Übergangsregierung und verfassungsgebenden Versammlung gewählt. Ein Verfassungsentwurf ist bereits veröffentlicht. Die Association Internationale des Mercenaires hat im Bura-Schwemmland eine vorgeschobene Operationsbasis errichtet und ihren Dienst der Übergangsregierung als einstweilige Exekutive angeboten.

AIM Forward Operating Base

Politisch haben sich Vertreter der Hausa, Bariba, Igbo und Fulbe bisher stark profiliert und man versucht Diversität, Toleranz und Demokratie aus dem alten Dahomey in das neue zu retten. Leider ist schon jetzt absehbar, dass die marginalisierten Fon erneut den Kürzeren ziehen könnten. Doch was wird überhaupt anders sein? Sicherlich wird der Ausgleich zwischen Moderne und religiös-mystischer Verbundenheit zum Land neu ausgerichtet werden. Das ist aus dem Verfassungsentwurf ersichtlich. Die sogenannten Idola, so hört man, müssen aus ihren entarteten Formen zurück in eine positive Ausrichtung geholt werden. Und wo dies nicht möglich scheint, soll die Bevölkerung Afrikas lernen, die unheilvollen Wirkkräfte des Miteinander im 21. Jahrhundert besser erkennen und begrenzen zu können. In diesem Zusammenhang hat sich eine einflussreiche „Prinzessin“ aus Nigeria auf dynastische Ansprüche berufen und behauptet, der Wandel der schädlichen Idola Andikan zu einer Idola des gütigen und solidarischen Zusammenlebens habe bereits stattgefunden. Ob dieses neue Experiment zwischen erwachtem Land, monarchischen Prinzessinen, demokratischem Gedankengut, Volksglaube, Idola und einer modernen, technisierten Gesellschaft gelingen kann darf weiter fraglich scheinen.

Und welche Rolle wird Löwe weiter spielen?

African Colors Trideo Broadcast, Moskuwa, 31. Dezember 2073

Das neue Orakel

Nach dem Ende von Operation Primordial Prophet am 24. November 2073 war das Sandorakel, wie man es bisher gekannt hatte, verschwunden. Der felsige Halbmond hatte zwar noch bestand, doch wo ehemals sanfte Dünen den zentralen Orakelfelsen gebettet hatten, klafften nun Dutzende, teils hunderte Meter tiefe, Spalten und Schluchten. Das Gelände war zu einem Labyrinth geworden, sowohl an der Oberfläche, als auch darunter. Tausende Tonnen Wüstensand hatten viele Verwerfungen aufgefüllt und natürliche Rampen und tiefe Becken aus Treibsand geschaffen. An anderen Stellen führten die Schluchten in enge Klamms, in denen sich sogar Wasser sammelte. Niemand hatte bisher einen Überblick über das unterirdische Ausmaß des Naturphänomens. Zahlreiche Höhleneingänge und Schächte ließen vermuten, dass das Orakel, wie die Inkarnation der Andikan es vorausgesagt hatte, sein Gesicht nur gewandelt hatte.

Soldaten der Fulbe

Insgesamt hatte die SFG 77einunddreißig Personen zur Befreiung des Sandorakels angeführt. Die Fulbe hatten fünf Tote zu beklagen, darunter der Anführer Nahama. Der Schamane Yakuba war an seine Stelle getreten. Weitere zehn Fulbe waren verletzt worden. Die vier Gardisten des Prinzenpaares waren größtenteils unverletzt aus den Kämpfen hervorgegangen. Der angeschossene Troll Dillan und der Norm Noran waren bereits auf dem Weg zurück zur Großen Versammlung, um dort von der Befreiung zu verkünden – von dem Versuch der Rückeroberung und den Landveränderungen wussten sie natürlich noch nichts.

Kämpfer der Tuareg

Im Zuge des Rückeroberungsversuchs, als die SFG 77 sich einen Weg aus dem Labyrinth suchen musste, hatte eine unerwartete Hilfe bei der Verteidigung beigestanden. Zweiundzwanzig Tuareg-Krieger aus der inneren Sahara gelangten an die Oberfläche, als die Landschaft aufbrach und die Schluchten einen Weg freigaben. Ob die Tuareg zufällig dort waren, wie weit die Tunnel vom Sandorakel wegführten und ob sie von der Belagerung durch Mercenary Inc. und die Agooji überhaupt gewusst hatten, blieb vorerst unklar. Möglicherweise wären die tiefen Tunnel unter der Wüste ein alternativer Weg in das Sandorakel gewesen, wenn der Weg der SFG 77 in der Vergangenheit ein anderer gewesen wäre? Tukka und Rafik hatten sich den Tuareg jedenfalls in den Tunneln spontan angeschlossen und ihren bescheidenen Beitrag im Kampf geleistet. Fünf Wüstenkrieger waren verletz, zwei getötet worden.

Auf Seiten des Gegners war die Verteidigung und der Versuch der Rückeroberung des Sandorakels katastrophal gescheitert. Mercenary Inc. hatte vom ersten Gefecht sechs Tote zu beklagen, fünf waren sehr schwer verwundet worden. Weitere fünf waren leicht bis schwer verletzt, darunter auch der Offizier der Besatzungseinheit, LT Westerson. Elf Soldaten hatten sich in der Endphase der Eroberung ergeben, so dass von den ursprünglich 23 Soldaten vor Ort 16 gefangen genommen wurden. Ein Soldat war mit einem Agooji in die Tunnel geflohen und dort verschollen.

Der eilige Versuch einer Rückeroberung wurde durch die Fulbe und Tuareg, sowie die SFG 77 in der Endphase des Kampfes, vereitelt. Zwei Flugzeuge hatten 24 Fallschirmjäger abgesetzt, die sich plötzlich einer sich verändernden Landschaft ausgesetzt sahen. Von den vier abgeworfenen leichten Kampfpanzern gelten zwei als verschollen, einer wurde durch Zoé vernichtet und einer durch Copper erobert. Ein Kampfbomber fiehl einer Luftwabwehrrakete der Fulbe zum Opfer. Den zweiten hatte Zoé von ihrem eroberten Panzer aus vom Himmel gepflückt. Einer der Piloten überlebte leicht verletzt und konnte gefangen genommen werden.

Hughes M-3 „Boar“

Sehr zum Gefallen des Lieutenant hatten Lomo und Wasotu vor Beginn der Gegenoffensive den erbeuteten Helikopter in Sicherheit gebracht. Lomo hatte kurzerhand dem Piloten von Mercenary Inc. eine Schrotflinte an den Kopf gehalten und ihn dazu gezwungen, das Vehikel einige Kilometer südlich in den Hügeln zu verstecken. So waren die beiden Scrapper dem heißen Kampfgeschehen entkommen und der Helikopter war unbeschädigt geblieben. So manch einer – vielleicht auch die beiden Scrapper selbst – waren über den Grad erwiesener Loyalität überrascht. Nachdem der Helikopter zum Sandorakel zurückgeführt worden war bemerkte Zoé alsbald, dass ein Scherzkeks auf die Flanken des Fahrzeugs die schwarzen Kennzeichen „LT-1“ in fetten Druckbuchstaben gemalt hatte.

Die Agooji waren bedauerlicherweise wieder einmal sehr flüchtig und schwer greifbar gewesen. Den ausgelobten Ehrenpreis eines Gefangenen konnte keiner entgegen nehmen. Drei konnten zwar beim Versuch, an die Oberfläche zu gelangen, getötet werden und auch drei mindere Sendgeister waren aufgehalten worden, doch damit sind wahrscheinlich drei weitere – und vielleicht auch ein Söldner der Mercenary Inc. – vorerst entkommen. Dennoch gab es einige Erfolge mit Blick auf geborgene Informationen und Beweismittel. Ein Datenkristall und mehrere BTL- oder Datenchips stammen unmittelbar aus der Hand der getöteten Agooji-Schamanen.

Schlussendlich darf man das strategische Fazit ziehen, dass das neue Sandorakel nun zu einem major hotspot geworden sein dürfte. Mercenary Inc. dreht vermutlich am Rad und auch die Agooji mussten erneut eine Niederlage ihrer Agenda hinnehmen, ohne dass sich die SFG 77 allzu deutlich ins Rampenlicht gestellt hätte. Mit den Tuareg sind zudem weitere, schwer einzuschätzende und unerwartete, Akteure auf das Feld getreten. Damit dürfte sich die Sache letztlich auf zwei Extreme hin zuspitzen: Entweder das Sandorakel wird aus der Agenda gestrichen und der Landstrich bleibt nun von Kämpfen verschont – oder es werden weitere Gruppierungen zum Sandorakel reisen, um die Sache unter Augenschein zu nehmen und friedlich oder gewaltsam in die Situation einzugreifen. Wenn die Agooji und Mercenary Inc. weiterhin pressieren, wird wohl auch eine massivere Vergeltung ausstehen. Dem hätte die SFG 77 wohl nur eine Chance zu begegnen, wenn sie massive Unterstützung ins Feld führen kann. Insbesondere eine Lufthoheit wäre absolut notwendig, um den erwachten Ort zu schützen. In der aktuellen Gesamtlage könnte diese Aufgabe nur durch eine Präsenz weiterer AIM-Truppen bewerkstelligt werden.

Exodus 199,8

Negtives Scanner fängt am 31. Oktober 2073 bei 199,8 MHz eine Endlosschleife in Englisch, Französisch und Hausa ab. Sie ist unverschlüsselt und schwach. Gerade so dringt sie zum Vorhof des Tals der bunten Steine vor. Die Stimme des männlichen Sprechers wirkt alarmiert und eilig. Die Aufnahme muss im Freien stattgefunden haben. Wie lange sie bereits gesendet wird, ist unklar.

„Dahomee, Landsleute, jeder, der das hören kann. Das ist eine Dauerübertragung auf 199,8 MHz, nachdem die drei Transponder davor abgeschaltet wurden.

Die Regierung von Dahomey hat sich am 16. Oktober 2073 aufgelöst, nach einer Reihe von Todesfällen im Parlament und auch innerhalb der Regierung selber. Es ist zu Unruhen gekommen und man geht davon aus, dass es böse Geister waren, die sich einiger Politiker und Personen mit hohem Ansehen bemächtigt haben. Es ist zu einem Putschversuch gekommen – oder vielleicht war er auch erfolgreich.

Die Regierung hat gesagt, dass uns unsere Vergangenheit eingeholt hat und die bösen Geister unserer eigenen Geschichte manifeste Gestalt angenommen haben. Überall kommt es zu Gewalt und Korruption. Politik, Militär, Medien und auch zwischen den Familien. Niemand weiß genau, was der Auslöser war, es gibt viele Gerüchte. Einige sagen, es wäre der Preis für unsere Einheit und unseren Fortschritt, den wir letzt zahlen würden. Ihr habt vielleicht davon bereits gehört, im kleinen. Jetzt ist das Chaos vollends ausgebrochen. Der Ursprung soll am Tawani-See und in der Grauen Zone liegen, aber es hat jetzt alles erfasst.

Man hat die öffentlichen Infrastrukturen, Geld-, Waren- und Personenverkehr und jegliche Art von Medien und Kommunikationswegen abgeschaltet, damit sich das Land regenieren kann. Damit wir uns regenerieren können. Jeder ist aufgerufen die Städte zu verlassen und zu Familien und Sippen auf dem Land zurückzukehren. In der natürlichen Lebensweise soll Dahomey Kraft finden sich von dem Übel zu befreien. Die Verwaltung wurde größtenteils in den Ausstand geschickt und nur internationale Konzerne versuchen noch den Betrieb aufrecht zu erhalten. Lokale Produktionsstätten und Gewächshäuser werden in Eigenregie betrieben, wenn sie nicht bösen Geistern anheim gefallen sind.

Die Regierung hat die Kontrolle über das Territorium Dahomey aufgegeben und die Bannzonen zu den erwachten Dschungelgebieten aufgehoben. Das Volk von Dahomey ist sich selbst überantwortet. Berichte sagen, dass der Regierungsapparat und das Militär nur noch dazu da ist, Dahomey gegen Nachbarländer und die gierigen Konzernmächte zu verteidigen. Es konzentriert sich auf Städte und industrielle Konzernkomplexe. Ausländer fliehen auf externe Betriebsgelände, die jetzt unter militärischer Aufsicht stehen. In der Grauen Zone gibt es andauernde Berichte von Konflikten und Gewalt, aber es gib keine Nachrichtensender mehr, keine Telefone und keine Matrix. Auf den Landstraße und im Niemandsland zwischen den Siedlungen sollen Banden rauben und plündern. Man soll alleine reisen, oder in großer Zahl. Benutzt nur Wege, die ihr gut kennt.

Der Geist- und Ethikrat der Regierung hat die Beschwörung der Weißen Idola Massuutu bekannt gegeben. Alle Dahomee sind aufgerufen ihre Häuser, Siedlungen und Schreine der Massuutu zu öffnen. Unsere Politiker haben unser Land ihrer heilenden und friedensbringenden Kraft übergeben – und uns. Wir müssen jetzt zurückfinden zu uns selbst. Bildet Gemeinschaften, meidet die Städte und zerstört alle Medien. Sie sind der Träger des Virus, der uns befallen hat. Die Geisterseher sprechen von den Schwarzen Idola, die uns zu dem machen wollen, was wir schon immer erleiden mussten. Sie sind Fleisch gewordene Abgründe und sie tragen tarnende Masken. Meidet die Gewalt, werft euer Geld fort, verlasst die Städte, zerstört Funk- und Matrixanlagen und traut keinen Dingen, die nicht wirklich sind. Versucht die moderne Lebensweise, den Konsum und die Entfremdung abzulegen. Ihr müsst zu euch selbst finden, das stärkt die Weißen Idola und ruft sie herbei. Pflegt eure Schreine und gebt Opfer an die Ahnen.

Nähert euch nicht den Konzernanlagen, sie sind im Krieg mit der Bevölkerung, egal von wem sie verteidigt werden. Wir haben sie an die Schwarzen Idola verloren. Meidet die Überlandlinien der Magnetbahnen und die großen Gridlink-Trassen. Söldner und Drohnen bewachen sie und haben Feuerbefehl auf alles und jeden. Betretet nur Siedlungen, von denen ihr wisst, wer dort lebt und welchen Geistern man huldigt. Traut keinen Ausländern, wenn sie euch nicht kennen. Versteckt euch am Tag vor den Söldnern und versteckt euch vor den Geistern in der Nacht. Verlasst das Land nicht über das Meer. Dort herrscht ein Krieg. Eine Seeblockade verhindert die Flucht. Viele landen in Gefangenenlagern. Und vor allem: bleibt fern vom Gürtel! Der Reichtum des Orichalkum korrumpiert sie alle. Lasst die Konzerne sich selbst zerfleischen. Sie fressen nur ihre eigenen Eingeweide. Bleibt fern von den Berbaugebieten. Und wollt ihr die erwachten Wälder und Wüsten betreten, dann vergewissert euch, welche Geister dort wohnen und welcher Gesinnung sie sind.

Verlasst euch nur auf Menschen, denen ihr die Hand geben könnt. Vertraut auf echte Gemeinschaft, arbeitet mit euren Händen. Traut nicht mehr dem Virtuellen, sondern traut der Berührung. Kauft nichts mehr, sondern tauscht. Trennt euch von allem, was bedeutungslos ist. Und lasst euch nicht zu dem hinreißen, was unsere Vorfahren selbst durch andere erdulden mussten: tötet nicht, versklavt nicht, raubt nicht, erhebt euch nicht über andere. Die Schwarzen Geister haben vielfache Gestalt und Namen. Lernt die Namen. Lernt gutes von schlechtem zu unterscheiden. Bleibt zusammen unter Freunden und Familien. Versteckt euch vor Fremden und vor dem Schlechten. Und vor allen Dingen: umgebt euch mit Tieren, sie sind die heilsame Kraft, haben aber ihre Stimme an die Schwarzen Idola verloren. Wir müssen den Totems ihre Stimme zurückgeben. Sie können verwirrt oder besessen sein, aber kein Tier ist im Herzen böse, niemals. Denkt daran.

Mehr kann ich euch nicht sagen. Ich gehe nach Norden, mit Freunden. Dort soll eine große Zusammenkunft stattfinden. Eine Zusammenkunft nach alter Art. Wer den Weg finden kann, ist willkommen. Zerstört euren Funkempfänger und geht euren eigenen Weg. Seid ihr Dahomee, dann wisst ihr wohin ihr müsst. Seid ihr westliche Konzernangestellte, dann geht zu den bewachten Betriebsgeländen. Wenn ihr Glück habt ist es friedlich und ihr kommt raus. Seid ihr hier als Ausländer oder Touristen einfach reingeraten, dann versucht nach Westen zu gehen. Meidet Osten, Süden und Norden. Wenn ihr verfolgt werdet, sucht nach guten Menschen die euch Gastfreundschaft gewähren.

Ende der Durchsage.“

Seeblockade vor Dahomey

Dies ist ein Exklusivbeitrag aus der Corporate Court Embassy Teheran. Heute, am späten Nachmittag des 09. Oktober 2073, gab die Corporate Court Matrix Authority (CCMA) bekannt, dass man Sanktionen gegen das westafrikanische Dahomey anstrengen werde. Erwartet werden Blockaden ausgewählter Bereiche der Matrix sowie empfindliche Strafzahlungen für eine Verletzung der Zensurregularien des CCMA. Darüber hinaus hat sich aus dem Kreis der Afrikanische Union (AU) eine Allianz von Staaten zusammengefunden, die Dahomey eine Seeblockade angekündigt hat. Wir sprechen nun mit Jacqueline Walters, CEO der Association Internationale des Mercenaires (AIM). Ihr Unternehmen betreibt seit 2069 die maritimen Streitkräfte für Dahomey.

Alana Mourad: Miss Walters, sie haben heute Abend den Außenminister von Dahomey zu einer Anhörung hier in den CC Matrix Towers Teheran begleitet. Was können Sie uns sagen?

Jacqueline Walters: Die CCMA hat deutlich gemacht, dass sie die Einschränkungen des Seehandels an den afrikanischen Küsten nicht unterstützt und Seeblockaden als keine adäquate Reaktion auf Fristversäumnisse in Dahomey einschätzt.

AM: Dieses „Fristversäumnis“, wie sie es nennen, bezieht sich auf einen Verstoß gegen die internationalen Vereinbarungen gegen Matrixzensur. Demnach hat Dahomey nachweislich seit spätestens dem 27. September dieses Jahres in der Region um den Tawani-See, und später auch im ganzen Land, einen sogenannten Matrix Cencorship Host aktiviert. Ein unerhörtes Vorgehen, das streng geahndet wird und die Welt in Empörung versetzt. Immer mehr Hinweise verdichten sich, dass damit staatliche Gewaltakte gegen die Bevölkerung verschleiert werden sollen.

JW: Der Vorwurf der Verletzung von Völkerrecht ist von Seiten Nigerias und unbestätigten Quellen erhoben worden. Eindeutige Beweise liegen nicht vor. Insofern können die „Hinweise“ nicht adäquat eingeordnet werden. AIM steht zu seinen Kunden und geht hier ganz klar von der Unschuldsvermutung aus. Nichtsdestotrotz drängen wir unseren Partner Dahomey zu einer umfangreichen und schnellen Aufklärung der Sachlage um den Tawani-See.

AM: Die Unschuldsvermutung mag zwar ein edler Grundsatz sein, aber warum verweigert sich Dahomey entgegen jeder ersichtlichen Vernunft einer Kooperation und lässt internationale Inspektoren nicht ins Land? Und das in Zeiten kommunaler Wahlen!? Warum wird ohne Sachbgeründung an der Matrixzensur festgehalten? Haben sie dem Außenminister diese Fragen nicht gestellt?

JW: Wir sehen hier als Sicherheitsdienstleister mit klar umgrenzten Ressort davon ab, uns in die Angelegenheiten des Landes einzumischen, bei denen wir keine Verantwortung übertragen bekommen haben. Die innere Sicherheit und der Grenzschutz sind nicht das Aufgabengebiet von AIM in Dahomey. Wir haben derzeit keinerlei Personal auf dem Festland im Einsatz und sind in keinster Weise in die Vorgänge am Tawani-See eingebunden.

AM: Denken sie nicht, dass…

JW: Wofür wir jedoch die volle Verantwortung übernehmen, ist die Sicherheit der Handelsströme entlang der Küstenlinien und in den Häfen Dahomeys. Die maritime Sicherheit betrifft Import- und Exportströme von globalen Ausmaßen und die wirtschaftlichen Interessen weltweit wären betroffen, wollte man eine militärische Isolierung der Seewege von und nach Dahomey ernstlich erwägen. Die Forderung eines Teils der Afrikanischen Union kann daher nur als eine opportunistische Provokation verstanden werden. Insbesondere, wenn man sich die Liste der Mitgliedsstaaten anschaut, die sich dieser Initiative angeschlossen haben. Wir sehen hier einen unverholenen Versuch, die Aktienstärke und die Attraktivität Dahomeys am Weltmarkt mit relativ plumper Methode zu schwächen – zum eigenen, vermeintlichen Wirtschaftsvorteil.

AM: Das heißt also, sie stehen für Dahomey im Falle einer Seeblockade ein, trotz eventueller innenpolitischer Desaster – bis hin zu Greueltaten? Wie können sie das mit dem hohen Anspruch, den ihr Unternehmen vorgibt, vereinbaren?

JW: Es wurden keine Greueltaten nachgewiesen und die Begründung der innenpolitischen – wie ich natürlich gesetehen muss: drastischen – Maßnahmen, stehen noch aus. Ich werde also unsere Partner in Dahomey nicht verurteilen. Vielmehr habe ich dem Außenminister gesagt, dass wir unsere volle Unterstützung anbieten, wenn es eine innenpolitische Lage gibt, derer Dahomey nicht Herr wird…

AM: Das bedeutet letztendlich doch, Miss Walters, dass sie nicht eingebunden sind, in das, was wirklich vorgeht, oder nicht? Sie haben keine Ahnung?

JW: Wie ich sagte, schützen wir den weltweiten Handelsstrom auf dem Seeweg von und zu Dahomey. Dies ist unsere operative Priorität. Wir können nicht in staatliche Angelegenheiten eingreifen, für die wir kein Mandat besitzen…

AM: Vierzehnhundert Verletzte, Miss Walters. Bei einer friedlichen Protestkundgebung vor der Matrix Authority in Moskuwa, benötigten vierzehnhundert Metamenschen ärztliche Hilfe, nachdem sie unter sengender Hitze in einer „Stummen Wacht“ bis in die Bewusstlosigkeit ausgeharrt hatten. Sie forderten eine Stellungnahme ihrer Regierung, doch Parlament und Regierung in Lome schwiegen. Die politische Opposition prangert an und fordert Aufklärung, doch konnte keinerlei demokratische Rechtsmittel zur Anwendung gebracht werden. Wie können sie das mit der Unschuldsvermutung vereinbaren?

JW: Ich habe dem Außenminister unsere Betroffenheit bezüglich dieses Vorfalls zum Ausdruck gebracht. Persönlich hat mich diese „Stumme Wacht“ sehr betroffen gemacht und ich empfinde größtes Mitgefühl für die Betroffenen. Dass der Protest friedlich verlief, dass er in den öffentlichen Medien berichtet wurde und es solide und schnelle, ärztliche Hilfe für alle Betroffenen gab, spricht für mich dafür, dass Dahomey an einer Lösung seiner Probleme arbeitet.

AM: Sie fürchten also nicht einen Rufverlust? AIM als Schutzmacht eines Unrechtstaates? Sehen sie nicht die Gefahr, dass es sich so entwickeln könnte?

JW: Die jüngere Geschichte Dahomeys ist für mich ein sehr starker Beleg dafür, dass dieses Land, ihre Bevökerung und ihre Politik einen Vertrauensvorschuss verdienen. Wir sprechen über eines der fortschrittlichsten und demokratischsten Länder der Welt. Ich bin überzeugt, dass sich diese Krise überwinden lassen wird.

AM: Wo wäre für sie der Punkt, an dem sie sich von Dahomey abwenden würden? Würden sie die Sicherheitsdienstleistungen beenden, wenn es in Dahomey zu Gewaltakten gegen die eigene Bevölkerung gekommen ist?

JW: Auf diese hypothetische Frage werde ich nicht antworten. Wir haben unseren Partnern unsere Hilfe angeboten und stehen loyal in Sachen Handelsfreiheit zur Seite.

Alana Mourad für den Pan-Asian Observer, Corporate Court Embassy Teheran