Mit dem Erreichen der Orakelhalle im Zuge von Operation Primordial Prophet war eine Stunde der Abrechnung gekommen. Am Ende eines Weges, der vor fast zwei Monaten in Afrika begonnen hatte, stand die SFG 77 nun an einer Zäsur, an der die vergangenen Taten gewogen werden sollten.
In der zentralen Kammer des Orakels konnten Zoé, Norge, Copper, Régicide und Negative zur linken wie zur rechten Hand betrachten, welche ihrer Taten in den vergangenen Wochen den dunklen oder den lichten Idola zugespielt hatten. Neben so manch bedrückenden, peinlichen oder auch unverschuldeten Hypotheken zu Gunsten der Schwarzen Idola, erleuchteten am Ende vier Figuren überwiegend in einem warmen, hoffnungsvollen Ton einer orangefarbenen Morgenröte. Von den ersten Tagen in Moskuwa an, waren die Taten der SFG 77 auf ein positives, ein helfendes Wirken hin ausgerichtet gewesen. Fehler wurden begangen, doch auch bereut. Was nicht rückgängig gemacht werden konnte, wurde durch gute Taten aufzuwiegen versucht. Doch wer war hier die urteilende und richtende Instanz gewesen?
Das in der Erwachten Welt, die Welt der Großkonzerne, der optimierten Ausbeutung, relativen Werte und der Aufhebung bisher bekannter Definitionen von Menschsein, ausgerechnet in Afrika eine Instanz existieren sollte, die eine Spur universeller Moral versprach, mochte manche überraschen. Doch lag darin nicht auch ein unerhörtes Versprechen, das nur die „Wiege der Menschheit“ geben konnte? Fast eine Art Offenbarung? Was würde mit der Welt passieren, wenn die Einwohner von Seattle, Denver, Paris oder London das Privileg bekommen könnten, das der SFG 77 mit dem Besuch des Orkales zuteil geworden war?

Die vier Idola der SFG 77 blieben überwiegend stumm, wussten sich aber durchaus mitzuteilen. In der zierlichen Gestalt eines sechsarmigen, asiatischen Mädchens hatte Norge Miru gefunden, und ihr ein Werkzeug universeller Vernetzung und Kommunikation geopfert. Wieder war die Radio Sorceress Zeugin gewesen. Wer wollte behaupten, sie wäre ein schlechterer Fetisch, nur weil sie es verstand, auf andere Weise eine Verbindung herzustellen, als es die Schamanen für gewöhnlich tun?
Copper hatte sich die Aufmerksamkeit einer dunklen Kraft zugezogen, die sich in Gestalt der entarteten Afkarasar zeigte. Vielleicht lag der Grund für die beharrliche Ausdauer, mit der diese Idola der SFG 77 nachstellte, aber nicht nur an ihm. Denn auf dem Weg der Abrechnung, der zu den vier Figuren geführt hatte, war eben auch ein dunkler Ton der Gewalt an allen hängen geblieben. Coppers Opfer wirkte rückblickend vielleicht etwas verzweifelt, denn es war ein Auflehnen gegen Afkarasar – zugleich eine Absage gegen einen Teil seiner Vergangenheit. Aber konnte er darauf hoffen, Afkarasar mit dieser Geste aus dem Kreis einfach auszuschließen? Man kann sich böse Geister ja nicht einfach aussuchen oder wegwünschen. Sie hängen den eigenen Taten nach. So gab Afkarasar Copper das stinkige Versprechen, das man sich wohl wiedersehen würde, so oder so. Gleichzeitig war die blutige Idola des rauchschwangeren Feuers auf ihren Platz verwiesen worden.
Für Zoé und Régicide war es die einer Kolossalstatue nachempfundene Gestalt einer verschleierten Frau mit Feuerhaar, die sofort gewisse Assoziationen weckte. Das Konzept dieser Idola wirkte so vertraut, aber gleichzeitig so formlos und unfassbar. War es die Idola Silah, oder der Gott Mazda, das Rauchlose Feuer oder gar die seltsame Frau Atra? Feuer schien ein verbindendes Element, und so zeigte das gemeinsame Opfer eine Wirkung. Régicides elementarer Funke und die Gabe an Zoé veränderten etwas. Die unmittelbare Wirkung blieb, neben einem Hauch an Zoés Ohr, scheinbar aus. Aber blieb die Gabe wirklich wirkungslos? Zoé sollte darüber alsbald mehr herausfinden…

Régicide nahm die Gelegenheit beim Schopfe und tauchte in die Keilschriftschnitzereien der Idola ein. Dort fand sich auf dem Rock dreiunddreißig Mal die gleiche Phrase geschrieben, wenn Régicide sich nicht geirrt hatte. Es war eine markante Kette von Kerben. Sie begann und endete mit einer identischen Form. Régicide ging so weit, sich die Markierungen in seinen eigenen Unterarm zu schneiden. Selbst wenn die Zeichen keine Bedeutung gehabt hatten, so hatten sie jetzt auf jeden Fall eine erhalten. Doch was bedeuteten die Zeichen?

Dann war da natürlich die Stele der Idola Andikan, deren Schild Negative aufgenommen hatte. Und dies bereits sehr viel früher, als zuerst vermutet. Negatives Begegnung mit Andikan war eine unvermeidliche Auflösung gewesen, etwas, das bereits seit vielen Jahren im entstehen gewesen war. Mit einer einfachen Geste war Negative in der Lage gewesen, die Hand seiner Idola zu ergreifen, die in Gestalt seiner jungen Großmutter Kakuve aus dem Götzenbild trat.

Schon seit langer Zeit fließt das Blut Andikans in Negatives Blutlinie, bisher stets von Mutter an Töchter und Enkelinnen vererbt. Und als Kakuve vor einigen Jahrzehnten Afrika verlassen musste, da musste sie zuviel zurücklassen – gleichzeitig nahm sie jedoch zuviel mit. Ein böses Omen begann sich auf die Familie zu legen. Der Beginn einer sich sammelnden Schuld, aufgetürmt von einer Idola im erwachen.
Kakuve schilderte Negative in der Orakelhalle, dass sie immerzu versucht habe, ihn vor der Missgunst Andikans zu bewahren. Doch was immer Kakuve versucht hatte, es endete stets damit, dass sich Kakuve vor Andikan mehr und mehr verschuldete. Kakuve stand für Negative ein, sie schützte ihn und versuchte ihm zu helfen. Doch es war zum scheitern verurteilt. Es waren Dinge wie Negatives Ignoranz gegenüber den eigenen Eltern, die Geringschätzung der Erwachten Welt und die Vorbehalte gegenüber der Magie, seine Abkehr von Frau und Kind, sein Versagen im Versuch sich als Gründer zu betätigen, sein Ausscheiden aus dem Militär … Davon berichtete Kakuve, und sie sagte, mit jedem vermeintlichen Scheitern, habe sich der Groll Andikans gegen sie vermehrt.
Erst später, als Negative das erste Mal nach Afrika ging, hatte Kakuve erkannt, dass sich Andikan entgegen der uralten Tradition durch einen männlichen Nachfahren manifestieren wollte. Und Kakuve hatte es nicht geschafft, dieses Band zu verwirklichen. So stand Negatives Reise unter einem Fluch, gewirkt aus Kakuves Hand. Sie hatte ihn missgünstig entlassen aus ihrer Obhut als Schamanin seines Blutes. Er sollte als Spielball des Schicksals dem Willen der numehr entarteten Andikan in Afrika willfährig sein – und Kakuve endlich Frieden in dieser Sache bringen. Dann kamen Negatives Monate der Dunkelheit als Sklave im Dienste fremder Mächte. Kakuve hatte nicht mehr mit seiner Rückkehr gerechnet.
Seine Rückkehr kam jedoch, und damit auch Reue in Kakuves Herz. Doch es war zu spät. Erst mit ihrem Tod sollte der Weg beginnen, der Negative in das Herz seiner Herkunft und zu Andikan führen konnte.

Mit dem Fetisch seiner Großmutter und ihren sterblichen Überresten im Gepäck, nahm Negative das Ritual des Übergangs auf, ohne es ahnen zu können. Und doch hatte es ihn schon lange vorher, auf der Shigeruu und in Manila, dazu unausweichlich gedrängt. Die ersten Begegnungen mit Andikan waren rauh, verwaschen und gewaltsam gewesen. Der kleine Diener am versunkenen Panzer hatte ihm zuerst die Hand gereicht. Doch Negatives unbedachter Griff zu einem BTL-Chip der Afkarasar veranlasste, dass sich eine Schwarze Idola vor eine andere schob. Der Berg mit der Göttin auf der Spitze war nicht der Ruf nach willkürlicher Gewalt, sondern nach Ordnung und Unterwerfung um jeden Preis. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, wie sich ganz am Ende zeigen sollte.

Die komplizierte, widersprüchliche und vielleicht sogar bedauernswerte Natur der Andikan enthüllte sich Negative deutlicher im Tal der bunten Steine. Die Kraft der Ordnung als Sinnstiftung einer Gemeinschaft, die sich beschützt und sich eine Geschichte gibt, wurde deutlich. Und im Tal der bunten Steine war Negative diesmal Meister und Herr gewesen, nicht willenloser Sklave, wie bei seinem ersten Besuch in Afrika. Das Ergebnis war drastisch und traumatisch für die meisten Beteiligten gewesen. Es zeigte die Natur der Dunklen Idola in ihrer Reinform – und Negatives Gefallen an Macht. Doch auch hier gab es einen Lichtblick. Denn mit Tukka und Rafik zogen zwei Personen aus dem Tal aus, die Negative aus tiefstem, inneren Antrieb heraus zu folgen bereit waren. Trotz alledem.

Als Negative nach vielen Wochen dann sein Schicksal endlich reizen wollte und alles auf eine Entscheidung hintrieb, da lagen dann die Dinge auch viel klarer als zu Beginn. Der kleine Diener der Andikan war ein wichtiger Mittler, der Negative am Wasserfall, gemeinsam mit Tukka und Rafik, hatte wissen lassen, dass Andikan zwei Gesichter trägt. Das eine, das lichte, verabscheuht sie jedoch, aber sie kann es sich nicht herunterreißen. Auch wenn Andikan als entartet galt, konnte sie nicht darüber gebieten, ob Negative sein Erbe in guter oder böser Absicht antreten würde.

Diese Botschaft war vielleicht die bedeutsamste. Und es dauerte weitere Zeit, bis Negative endlich in dieser Orakelhalle stehen konnte, Kakuve ins Gesicht sah und seine Wahl traf. Auf einem erwachten Kontinent mit unermeßlicher Geschichte, mit hunderten von Idola und Tiertotems und Volkgruppen, Familien und Blutsbanden, konnte ein Band zwischen Mann und höheren Mächten nur intim, einzigartig und zutiefst persönlich sein. Und so entschied sich Negative gegen den Willen Andikans dazu, ihre lichte Seite zu umarmen.
Mit der Wahl ihrer versöhnlichen Seite hatte die letzte Etappe begonnen. Die Herausforderung der nigerianischen Prinzessin würde nun Negatives Wahl in die Welt der Sterblichen Übersetzen. Nur der rituelle Kampf kann im Diesseits besiegeln, was in der Welt der Geister bereits entschieden wurde. Dann kann Negative seine neue Maske aufsetzen und die alte abnehmen. Eine Maske der Andikan. Eine Maske im Kontrast.