Ganze eineinhalb Stunden harrt die SFG 77 in einem kleinen Rettungsboot der ehemaligen CASS Shigeruu aus. Norge hängt am Tropf, ist bewusstlos, sein Arm zerschmettert von der Granatenexplosion auf dem Kommandodeck des Flugzeugträgers. Die Bilder sind noch lebhaft präsent in allen Köpfen.
Schwarz gekleidete Gestalten im vollen ABC-Schutz und der Uniformierung einer veralteten CAS-Marine. Männer und Frauen in schwarzen Trockenanzügen, mit Tauchgerät und Harpunen. Darunter eine wohlbekannte, blauäugige Elfe, jung wie eh und je. Dazwischen die Besatzung von AIM, die SFG 77 und überforderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Trondheim und aller Welt. Dann Feuer, Explosionen und Eis. Positive, der auf seine ehemalige Geliebte zweimal schießt und verfehlt. Régicide im Krisenmodus. Zoés lodernde Augen. Und natürlich ein Gigant aus Stahl, der letztlich flammend im Meer versinkt.

Als ein Rettungshelikopter die Unglücksstelle erreicht, hat sich der Atem der SFG 77 bereits erschöpft. Es wurde so einiges besprochen, verworfen, konspiriert und vereinbart. Doch die Folgen dieser Katastrophe waren zu diesem Zeitpunkt für die fünf Kameradinnen und Kameraden noch nicht absehbar.
Als sich das Bergungsteam einer privaten, norwegischen Küstenwache über dem Rettungsbot der SFG 77 abseilt und ihre Köpfe durch die Einstiegsluke steckt, lautet die erste Frage:
„Svenson? Ist hier Harald Svenson?“
Ja, die Ersthelfer vor Ort sind nur aus einem Grund hier: Norge bergen, dessen technisches Interieur ein Notsignal weit hinauf in die Sphären der Satelitten gesendet hatte, just als er seinen Arm und sein Bewusstsein verlor. Von AIM, der Shigeruu oder der SFG 77 wissen diese Leute nichts. Glücklicherweise wird den unerschrockenen Männern und Frauen der Polarmeerrettung schnell das Ausmaß der Lage vor Ort klar. Norge, der mit am schwersten verletzt ist, wird als erster evakuiert, aber das Bergungsteam lässt sich zuvor auf den anderen Rettungsinseln absetzen, um erste Hilfe zu leisten. Gut 30 Minuten später trifft die norwegische Marine ein und die Evakuierung dieses entlegenen Fleckens Polarmeer nimmt volle Fahrt auf.
Von hoch oben, aus den Sichtfenstern der Schwenkflügler betrachtet, wird das volle Ausmaß klar: die Shigeruu ist nicht mehr. Das Schicksal ist gnädig und schenkt ein spiegelglattes Meer, als wäre nichts geschehen.
Entgegen den Befürchtungen der erschöpften SFG 77 wird man nicht sofort getrennt und verhört, sondern als Schiffbrüchige nach Trondheim gebracht, wo alle eine angemessene Versorgung erhalten. Major Uzun ist alsbald persönlich vor Ort, befragt die SFG 77, sorgt sich um die Einsatzbereitschaft, hat Fragen über Fragen. Dann geht es alsbald für alle weiter nach Finistère, sobald es die Gesundheit zulässt. Raus, aus fremdem Hoheitsgebiet, für alle Fälle.
Noch im Rückflug macht eine Tonaufnahme der Seerettung die Runde, die mit Dronen im Wasser nach Überlebenden sucht. Aus den Tiefen des Ozeans klingt ein schwaches Totenlied herauf, das ein sterbendes Save Our Souls begleitet; der Marsch der Shigeruu, auf ihren letzten 5000 Metern.

02. September 2074