Manila 1 – Owens & Skogen

//13. April 2073//

Der Dschungelregen prasselte aufs Dacht. Die Hütte war leer. Irgendwann in den letzten zwei Tagen war die Tochter von Owns hier mit ihrer Delegation untergekommen, aber alles, was übrig war, waren ein paar aufgerissene Soykaf-Becher, Müll und einige verkohlte Holzstücke. Was immer hier auch verbrannte, mehr als feuchte kalte Asche ist nicht übrig. Draußen hatte der Dschungel die Spuren längst zugedeckt. „Nichts mehr zu holen. Alles umsonst!“ zischte die Elfe und wandte sich zum gehen. Negative blickte zu ihr, das Plastikbesteck vom Boden in DNAse freien Beuteln flog achtlos zur Seite; und sprang auf.

„Warte!“ Er blickt ihr tief in die Augen. Minuten verstrichen. Schließlich fragte er „Es wird Zeit. Wer bist Du? Warum die Shigeruu? Was ist passiert?“. Als sie sich abwendet, die Gesichtszüge angespannt und die Haltung gestrafft, springt er zwischen die morschen Türrahmen.

„Hör zu! Die Dinge haben sich geändert! Nichts kann ungeschehen werden, aber ich…“ er stockt und ein kurzes Lächeln blitzt auf“ … aber wir können was daraus machen. Was steht zwischen uns?“ Er geht auf sie zu, und sie lässt die Hand wieder vom Holster sinken.

“ Brick kann nicht mehr zwischen uns stehen. Und Johannsdottir brauche ich. Sie hat mir den verdammten Verstand gerettet!“

„Den scheinst Du aber prompt wieder verloren zu haben!“ Skogen funkelt ihn an. „Was genau machst Du hier?

 

 

 

Abschied mit Ehren

Das untere Hangardeck der AIMS Cassiopeia bot einen Ausblick aus der Liftluke, in dem man sich verlieren konnte. Der heiße, rote Feuerball der untergehenden Sonne tauchte den Pazifik in Blut. Ein Abschied mit Ehren.

Angetreten war Captain Katsuo Uzun mit einer Gruppe von Stabsoffizieren und Soldaten der AIMS Cassiopeia. Insgesamt vierzig Personen. Im Gegensatz zur großen, feierlichen Ehrenformation vor einigen Monaten, war die Stimmung diesmal ernster. Der Kreis der Anwesenden war viel kleiner, die Medien waren ausgesperrt. Keine Kameras, keine ausschweifenden Reden und kein lauter Applaus.

Captain Uzun blickte vom Stehpult auf und sprach zu der versammelten Gruppe von Soldaten.

„Für einige von ihnen ist dies der vorerst letzte Sonnenuntergang im Pazifik. Heute Nacht wird sie die Logistik zu ihren Stammeinheiten ausfliegen und auch die AIMS Cassiopeia wird sich nach Westen, der Sonne folgend, in das Südchinesische Meer verabschieden.

Sie alle haben maßgebliche Beiträge zu dem bestimmenden, militärischen und politischen Konflikt der letzten eineinhalb Jahre geleistet. Als Teilnehmer der Pazifikkampagne im Rahmen der Task Force Blue Shark wird ihnen daher vom Central Command die Kampagnen-Auszeichnung für ihre Dienste verliehen.“

Auf ein Nicken hin trat Specialist Lance in weißer Uniform hervor und begann die zwei Reihen der angetretenen Soldaten abzugehen. In jede Handfläche legte sie das Band der Pazifikkampagne, das alle Teilnehmer der Task Force schmücken durfte.

Pacific Campaign 2071-2073

Katsuo Uzun fuhr fort: „Im Namen des Central Command gratuliere ich ihnen allen für ihren hervorragenden Dienst auf der AIMS Cassiopeia, im Rahmen des Special Operations Command, der See- und Luftaufklärung, des Nachrichtendienstes oder der Waffenleitstände. Ihre Zusammenarbeit hat unsere Erfolge erst möglich gemacht.

Darüberhinaus habe ich die Ehre und auch traurige Pflicht, heute zwei weitere Auszeichnungen zu verleihen.

Zum nunmehr zweiten Mal hat sich Operative Bazut Morellè durch persönlichen Einsatz und durch persönliche Opfer an Leib und Leben ausgezeichnet. Im Nahkampf sowie im arkanen Gefecht trug er Verwundungen davon, die Zeugen seines unbeugsamen Siegeswillens sind. Auch schwere Verwundungen konnten seinen Kampfeswillen und sein inneres Feuer nicht ersticken. Hierfür erkennt die Association Monsieur Morellè als Träger der Opfermedaillie zweiten Grades an.“

Die Medaille wurde den Anwesenden von Specialist Lance präsentiert.

Sacrifice Medal II

Mit Blick auf die untergehende Sonne bereitete sich Katsuo Uzun auf die letzte Verleihung vor, die er dann auch mit klaren und sachlichen Worten vollzog.

„Die zweite Verdienstmedaille wird an Sergeant Franklin Milestone heute posthum verliehen. Er empfängt aus unseren Händen die Medaille der Legio Lepidoptera, den Schmetterlingsorden. Er wird verliehen für herausragende Tapferkeit und Furchtlosigkeit unter hohem Risiko des eigenen Lebens und weit jenseits der dienstlichen Pflichten.“

Auch diese seltene Auszeichnung wurde den Anwesenden präsentiert und anschließend auf einen weißen Marmorblock gelegt, auf dem Name, Rang und Lebenszeit von Brick eingraviert worden waren.

Legio Lepidoptera

„Sergeant Milestone ließ sein Leben in den Tiefen des Pazifiks um seinen Kameraden und Freunden eine Rückkehr an die Oberfläche zu ermöglichen – und das Missionsziel zu erreichen. Sie alle kannten den Sergeant. Er war selten zu übersehen auf diesem Schiff! Einige von ihnen gehören zu denen, die ihm viel zu verdanken haben. Er wird heute mit allen militärischen Ehren in den Kreis der verstorbenen Veteranen aufgenommen. Sein Gedenkstein wird in die Grabhalle in Finistère verbracht werden, wo er zur letzten Ruhe einkehrt.

Meine Damen und Herren, lassen sie uns dem Sergeant die letzte Ehre erweisen.“

Der Captain trat neben den Stehpult und wendete sich, wie alle Anwesenden, der weißen Gedenkplatte für Brick zu. Die Sonne verbrannte im Westen den Horizont, begleitet von einer einzelnen Trompete und dem Salut der Kameraden. Dann war die Sonne hinter dem Pazifik erloschen. Bricks Feuer aber, brannte irgendwo weiter, wie einige wussten.

Verleihungsurkunden: Brick, Norge, Negative, Régicide, Wageslave, Zoé

„Natürlich bleiben wir in Kontakt Negative. Ich brauche dringend eine Pause von dem allem hier. Aber nicht von euch. Wenn ich Dir irgendwie behilflich sein kann, ob in Manila oder sonst wo, dann lass es mich wissen!“

Als Negative den Raum verlassen hat, blickt sie auf die Blumen von Norge und lächelt. Eine schräge neue Familie hat sie hier gefunden. Sofort geht ihr Gedanke wieder zu Brick und eine Träne kullert ihr über die vom lächeln noch angespannte Wange. Sie schluckt, atmet tief ein und beschließt, dass Negative recht hat; es ist Zeit zu gehen.

Beim Packen fällt Ihr Blick fällt auf die beiden Kerzen, die sie für Zobitsch und Helena jeden Abend an dem es möglich war heimlich angezündet hat – ungeachtet aller Vorschriften. „Ich weiß nicht, ob du damit etwas zu tun hast Atra, aber danke.“ sagt sie leise vor sich hin. Dass Zobitzsch die Chance auf einen Neuanfang hat, hellt ihr Gemüt deutlich auf.

Auf dem Gang trifft sie Goodfellow. „Hey Mike, zu Dir wollte ich gerade. Wie geht es Dir?“ Sie klettert auf ihre Gepäckdrohne um halbwegs auf Augenhöhe zu sein. In dem Moment fällt ihr auf, dass sie eigentlich gar nicht weiß, was sie noch sagen soll… Sie fällt ihm um den Hals und drückt ihn vermutlich ein bisschen länger, als ihm lieb ist. „Kommst Du mit zurück zur Shigeruu? Ich mache dort nur einen kleinen Zwischenstopp, Dingo und mein Motorrad warten dort auf mich und ich will mich noch einmal persönlich von Norge verabschieden.“

Mike begrüßt sie ebenfalls herzlich. „Ach, Du bist wieder on top? Sehr gut! – Ja, mir geht es soweit gut. War eine knappe Sache, ich erinnere mich nur noch verschwommen an das ganze Chaos… hey,“ die herzliche Umarmung erwiedert er etwas ungelenk. „Ich soll auf die Shigeruu zurückkehren, aye. Dort wartet die Weiterbildung zum Warrant Officer und das ganze Gedöns mit dem Host dort. Aber ich werde erst in einem Monat zurückkehren können. Ich soll hier noch was für das Battalionskommando abwickeln. Technikkram. Für zwei Wochen geht es auf die AIMS Hedgehog vor Avar. Also, Zoé, grüß‘ mir Norge und die andern auch von mir. Ich schließ bald auf die Shigeruu auf. Und… hab gehört Du hast eine Auszeit verordnet bekommen. Du hast ein Glück!“, lacht er. „Komm bloß zurück. Wir sind ein gutes Team. Ich hab zwei, drei Jahre gebraucht um mich an das Militär zu gewöhnen. Aber wenn erstmal alles klar ist, ist alles klar. Also, lass es Dir gutgehen. Das wird schon alles! Aim true.“

„Mike, Du wirst auf jeden Fall von mir hören. Ob ich zu AIM zurückkehre weiß ich im Moment noch nicht. Aber das will ich die nächste Zeit herausfinden. Pass auf Dich auf!“

Bevor sie von Board geht, sucht sie ein letztes Mal Regicide auf, erkundigt sich wie es ihm geht und wie Naama all das verkraftet hat. Und sie bedankt sich dafür, dass sie kein Schlangenfutter wurde und dass er Naama mitgenommen hat, als sie nicht mehr in der Lage war sich dahingehend durchzusetzen.

to be continued…

TRF – MNL

Der ausführliche Besuch bei Zoe war beendet. Den halben Tag hatten sie über alles geredet, was die letzten Wochen passiert war, und ihr unwillkürliches Verkrampfen bei den Gedanken an manche Szenen zeigte, wie lange das wohl noch dauern würde. „Zoe, auch Du solltest bald runter von dieser Kiste hier! Ich glaube, ein Platz mit entspannten Menschen und mehr Grün wird dir guttun. Einen anderen Rat kann ich dir nicht geben, denke ich. Genau das werde ich jetzt auch machen: weg von hier. Das ist aber keine Flucht, auch wenn es den Anschein hat. Das versprech ich Dir… ich kümmer mich um mich, wie Du es jetzt um Dich tun solltest. Und versprich mir, dass wir in Kontakt bleiben. Ich schreib Dir ne Karte aus Manila…“. Mit einem Kuss auf die Stirn verabschiedete er sich.

Auf dem Weg zum Flugdeck führte sein Weg an der Kabine von Johannsdottir vorbei. Sein Gang wurde langsamer… „Keine Flucht“ murmelte er und betrat ohne zu klopfen und ganz in Gedanken ihre Kajüte. Die Trollin blickte mehr erstaunt als überrascht oder erschrocken von dem Buch auf, dass sie vor sich auf dem Trollsize-Bett liegen hatte. „Entschuldigung! Ich wollte nur kurz… Damit kein falscher Eindruck entsteht. Also ich werde eine Zeit das Schiff verlassen. Aber eine Flucht soll das nicht sein! Nur das Ende eines Kapitels, und der Beginn von gleich zwei neuen. Das eine hat mit einem tiefen Bedürfnis zu tun, und das andere mit ihnen! Ich weiß nicht, was sie gemacht haben, und warum, habe Angst davor zu erfahren, wie, aber ich bin sicher, dass ich ohne sie nicht hier wäre. Deshalb kann ich nur nochmal Danke sagen. Ich bin einige Wochen weg. Ich melde mich regelmäßig. Passen sie in der Zeit auf ihr Notizbuch auf!“ Ohne ihre Antwort anzuwarten wandte er sich um und verließ die Unterdecks. Neben dem Flugboot stehend drückte der einige Tasten an seinem PDA und verließ das Schiff.

Nachricht an Norge, Goodfellow und Regicide:

Ich werd ein paar Tage Urlaub machen. Ihr erreicht mich, aber ich werde meine Zeit in Manila auch nutzen, um persönliche Dinge zu klären. Wenn ihr euch dann langweilt: Owen läuft da irgendwo noch frei rum und wartet auf einen Besuch. Oder auch nicht. Jedenfalls lass ich euch wissen, wenn sich Näheres ergibt. Bis bald!

 

Das Schicksal der Sophia Lun

Es ist der Tag der Entscheidung über das Schicksal von Sophia Lun. An Bord der Cassiopeia wurde die Elfe viele Tage lang intensiv verhört. Régicide hatte aus dem Hintergrund heraus die Sache aufmerksam und ungesehen beobachtet. Anfangs im Rollstuhl, dann auf Krücken. Das tat er aus gutem Grund. Denn diese Frau hatte ihn kaltblütig ermorden wollen – und er hatte sie dafür leben lassen.

Auch Naama Malik war Gegenstand von Verhören geworden. Doch dort war Régicide präsenter gewesen. Dort stand er nicht hinter Glasscheiben und in den schattigen Winkeln der Verhörzimmer. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die entwurzelte Frau zumindest durch die Zeit der Befragungen auf der Cassiopeia zu begleiten. Denn hier gab es weder Richter noch Staatsanwälte. Nur zwei Konzerne, die Antworten und Entscheidungen nach ihrem Sinne haben wollten. Und Sophia Lun war es wesentlich schlechter ergangen, als Naama Malik. Beide, Régicide und Naama, saßen also hinter der Glasscheibe im Dunkel und beobachteten die „letzte Sitzung“.

„Sophia Lun. Ich denke, sie werden das Schicksal von Finu Onbekend und Jijun nicht teilen. Sie werden leben. Wenn sie sich klug verhalten,“ begann der Customer Agent der Yutani Corporation.

Sophia schluchzte und lachte zugleich, als eine große Spannung von ihr abfiehl. Die Tage auf der Cassiopeia waren hart gewesen und hatten ihr zugesetzt. Sie schüttelte den Kopf ungläubig: „Schon wieder.“ Unwillkürlich rieb sie sich den Hals.

Der Customer Agent präzisierte: „Ja, schon wieder. Sie werden das Habitat Umiko für die nächsten dreißig Jahre nicht verlassen. Sie werden mit dem weitermachen, mit dem sie auch durch die COC gekauft wurden. Sie erforschen den Raucher, Etusan, die ganze Sache, von vorne bis hinten. Ihr Name wird auf den Zeitschriftenartikeln, den Veröffentlichungen, den Vorträgen stehen, wenn sie gute Arbeit machen.“

Naama Malik sprang auf und schlug wütend mit der Faust gegen die Glasscheibe. Keine Wirkung.

Der Agent sprach auf der anderen Seite ungestört weiter: „Dafür werden wir allerdings Sorge tragen, dass sie die Yutani-Familie nicht noch einmal verraten. Ihre Expertise gehört uns! Sie werden kontrolliert, überwacht, bevormundet werden. Kein Kontakt zur Außenwelt, es sei denn über die Forschungsabteilung in Tokyo. Sie bekommen die neue Milestone-Gruppe zugeteilt und werden genau so weitermachen wie bisher. Nur mit einer Waffe in ihrem Genick und der Loyalität bei der Yutani Corporation. Sie wollten uns benutzen? Jetzt werden wir ihren guten Namen benutzen. Wenn wir zufrieden sind, bleibt ihnen am Ende noch genug Lebenszeit, um den Ruhm und die Ehre lange Jahre zu genießen und ihr bodenloses Ego zu beweihräuchern.“

Naamas zweiter Schlag gegen die Trennscheibe war wesentlich schwächer als der erste. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Scheibe, um das reuhmütige Schluchzen der Sophia Lun nicht ertragen zu müssen. Ihr Blick fiehl auf Régicide, der ungerührt geblieben war. Mit welchem Recht konnte sich Naama hier mehr aufspielen als Régicide? Sophia Lun hatte Régicide fast getötet. Naama war nur von ihr als Köder benutzt worden. Mit einem Kopfschütteln schob sie den ganzen Scheiß trotzig beiseite. Fuck Sophia. Naama verließ das Verhörzimmer ohne über die Schulter zu blicken. Ihr Blick machte aber eines klar: Naama würde nie wieder in das Habitat zurückkehren.

Eine Nachricht an Negative

Lieber Philippe,

gerade sitze ich in einer Bar in Manila. So wie jeden Tag. Der Trideo über dem Thresen sagt mir drei Tage hintereinander, dass der Pazifikkonflikt vorbei ist. Soviel Zeit habe ich mir, der Bar und den Politkern gegeben. Ich weiß noch nicht genau, was das bedeutet – ob es überhaupt etwas bedeutet. Aber ich merke, dass ich die drei Tage eigentlich Dir gegeben habe. Während ich hier auf meine bevorstehende Abschiebung trinke, muss ich allerdings eingestehen, dass es vielleicht nicht ganz fair ist, sich über ein abgelaufenes Ultimatum aufzuregen, das man noch nicht mal gestellt hat. Das hole ich hiermit nach.

Also, wenn die Expedition wirklich vorbei ist und Du nicht am Grund des Pazifiks als Korallenfarm dienst, gebe ich Dir nochmal drei Tage um Dich endlich zu melden. Ansonsten werde ich diese Flasche Rum hier in poetischer Reinheit durch meinen Geist destilieren und mir eingestehen, dass Du mehr Schuld an meiner misslichen Lage hast als ich annehme – und Dich einen Scheiß darum kümmerst.

Finnja

*Nochmal überarbeitet, falls es schon jemand gelesen hat ;-)*

Norge steht am Schießstand der Shigeruu und macht sich mit Paula vertraut. Sie ist natürlich in gutem Zustand. Anders hätte man es auch gar nciht erwarten können. Trotzdem reibt er das Öl ab und kontrolliert alles. Nachdem er fertig ist, ölt er die Teile wieder mti neuem Öl und setzt die Waffe wieder zusammen. Dann legt er einen recht langen Gurt ein. Dabei schweifen seine Gedanken ab. Ein paar Tage zuvor….

Nachdem er die verräterische Elfe aus dem U-Boot geworfen hatte, funktionierte Norge einfach nur noch. Er erinnerte sich wie sehr Regicide mitgenommen war und mehr wie einmal am Tod vorbeigeschrammt war. Zoe, die körperlich nicht sehr schwer verletzt war im vergleich, war aber seelisch komplett am Ende. Hoffentlich würde sich die Kleine wieder fangen. Bei allem Tod den sie miterlebt hatte, war es ihr anscheinend bis zum Schluß nicht in den Sinn gekommen das es mal einen von ihnen erwischen konnte. Und dann Negative… wie auch immer er es angestellt hatte, er kam ohne einen Kratzer aus dem Einsatz zurück. Hatte wohl die Glücksau hergenommen vor der Sache hier. Wageslave bekam ein paar aufmunternde Worte. Tatsächlich wußte Norge nicht genug über den blassen Jungen. Aber er sagte ihm das er einen guten Job gemacht hat und zurecht zur SFG 77 gehört. Er selbst hatte eine leichte Bißwunde am Bein. Alleine das es eine Bißwunde war brachte Norge zum lachen.

Nachdem sie an Bord der Cassiopaia gebracht wurden und zur Bordklinik überführt wurden, ließ sich Norge dort erstmal versorgen und schaute dann kurz nach den übriggebliebenen Mitgliedern der SFG 77. Er orderte Blumen für Zoes Bett und Rum für Regicide. Sollten beide was zum erfreuen haben wenn sie wieder wach wurden. Negative schlug er auf die Schulter und nickte ihm zu.  Was sollte man auch noch groß sagen. Sie hatten es ja alle gesehen.

Danach ging er in sein Quartier und zog seine Paradeuniform an. So zurecht gemacht, aber noch mit allem Schmutz der Mission an sich ging er zu Cpt. Uzun und meldete die SFG 77 aus dem Einsatz zurück. Klar wußte er das, ebenso wie die wichtigsten Einzelheiten. Aber es gehört nunmal dazu. Inklusive der Verlustmeldungen. Die Routine dieses Vorgangs half Norge schon über diese Stunden hinweg. „Sergant Milestone ist im Kampf gefallen und hat damit die Mission und das Team gerettet.“ Das waren seine Worte gewesen. Er salutierte und bat um ein offizielles Begräbnis mit allen militärischen Ehren. Das hat er sich mehr als verdient. Nach dieser offizielen Meldung sagte er Uzun auch noch das es wohl durchaus Mitglieder der SFG 77 geben könnten welche das anders auslegen könnten. Das Brick lebt in anderer Form usw. Aber für Norge war Brick da unten den verdammten Heldentod gestorben.

Langsam kehrt Norge wieder in die Gegenwart. Er hat den gesamten Gurt aus Paula rausgejagt. Entsprechend sah nun auch der Schießstand aus. War wohl das ein oder andere Explosivgeschoß im Gurt. Andere Anwesende sind in Deckung gegangen und schauen leicht verwirrt zu Norge. Er hat es wohl ganz schön laufen lassen. Er zündet sich eine Zigarre an und tätschelt Paulas Lauf. Das er sich dabei die Finger leicht ansengt juckt ihn gar nicht. Er gibt Paula Zeit zum abkühlen und beginnt mit der Prozedur von vorne.

Zoe hört Uzuns Worte wie durch einen Schleier. Sie ist froh, dass er die Auszeit anspricht, diese wollte sie ohnehin erbitten. Die Neuigkeiten zu Zobitzsch muss sie erst einmal sacken lassen, für den Moment weiß sie nicht was sie fühlt. 

„Danke Captain! Für alles!“ ruft sie Uzun schwach hinterher. Sie ist sich nicht sicher ob er sie gehört hat. Aber das ist im Moment nicht wichtig. Sie fühlt sich so unerträglich müde und schlummert sofort wieder weg, mit den Gedanken bei Dingo, ihrem Motorrad und einer langen Fahrt ohne konkretes Ziel. Ob sie jemals den Weg zu AIM zurückfinden wird, ist noch ungewiss…

Uzun bei Zoé auf der Krankenstation

Ein vorsichtiges Klopfen an Zoés Krankenstation auf der Cassiopeia. Es ist CPT Katsuo Uzun, der mit gezogener Dienstmütze eintritt.

„Oh, ich sehe, sie haben geschlafen. Nun, ich mache es kurz.“

Er schließt die Tür. und tritt neben ihr Bett. Sein Blick wirkt aufmunternd, er lächelt etwas.

„Sie haben sich mit einem Chrom-Wyvern angelegt, oder soetwas der Art. Ein arkanes Konstrukt. Dafür machen sie einen wirklich sehr guten Eindruck, Miss Miller.“

Er legt die Mütze auf einen Beistelltisch und setzt sich auf einen Stuhl direkt neben Zoé.

„Sergeant Milestone und sie standen sich nahe. Sein Verlust bedaure ich sehr. Ich wollte ihnen mein Mitgefühl ausdrücken.“

Er blickt kurz über das Zimmer und vermeidet einen zu langen Blick in Zoés Gesicht. Was sollte er mehr noch sagen? Dann fährt er fort.

„Ich habe nicht viel Zeit und sie sollten sich besser auch ausruhen. Aber zwei Dinge wollte ich loswerden. Ich denke es ist besser, wenn sie als freiberufliche Operative für die SFG 77 eine Weile aussetzen. Sie sollten eine Auszeit nehmen und Abstand gewinnen. Und kommen sie nur wieder, wenn sie sich ernsthaft und rückhaltslos für eine militärische Laufbahn in Sondereinsätzen geeignet sehen. Ihre Fähigkeiten und ihren … unmilitärischen Gerechtigkeitssinn habe ich immer geschätzt. Ich bin deshalb auch ganz ehrlich in dieser Sache. Wir sind alle ziemlich an die Grenzen gegangen. Damit meine ich insbesondere auch die Grundsätze von AIM. An der ein oder anderen Stelle sind wir vielleicht gestolpert. Erfolgreich zwar, aber mit einem Beigeschmack. Was jetzt aus der SFG 77 wird, weiß ich übrigens nicht. Ich weiß nur, dass es Restrukturierungen geben wird. Wahrscheinlich wird sich was ändern, in den kommenden Monaten. Das ist also ein guter Zeitpunkt für eine Auszeit.“

Er nimmt seine Mütze wieder auf und dreht sie zwischen den beiden Händen dreimal.

„Ja, und Zobitzsch, Miss Miller. Also Zobitzsch lebt. Er hat sich nach Petersburg durchgeschlagen. Die Informationen besagen, er hätte ein Konto angetastet, auf dem das Bestechungsgeld von Albertsson lag. Sein Fluch ist wohl gebrochen. Die COC hat versucht ihn in die Finger zu bekommen, aber er ist in Russland untergetaucht. Die Yutani Corporation lässt die Sache ruhen. Wenn er vorsichtig ist, wird er wohl jetzt frei leben können. … Ich, em, dachte, das wollten sie vielleicht wissen.“

Er steht auf, rückt die Mütze zurecht und salutiert ihr zum Abschied zu.

„Viel Erfolg und gute Besserung, Miss Miller.“

Pazifikkonflikt beendet

Wir berichten life aus Hong Kong. Vor nicht ganz zwei Stunden traten Vertreter aller Parteien im Pazifikkonflikt gemeinsam vor laufende Kameras und haben überraschend einen Durchbruch in den Friedensverhandlungen verkündet. Ab Mitternacht werden alle kriegerischen Handlungen sowie Reisebeschränkungen, Sanktionen und Strafzölle zwischen dem Japanischen Consortium und der Cantonesischen Allianz aufgehoben. Dieser verblüffende Schritt macht seitdem die Runde um die Welt. Die Blockade der Schiffahrtswege am Chinesischen Meer, die großzügigen Flugverbotszonen über den Arcologies der Yutani Corporation und die Ausreisesperre für japanische Konzernangehörige in Beijing wurden bereits aufgehoben. Wir sprachen eben mit Jacqueline Walters, CEO der Association Internationale des Mercenaires, die eine der Konfliktparteien in der Verkündung vertrat.

Perry Anderson (PA): Miss Walters, vielen Dank für die Gelegenheit zu einem exklusiven Gespräch.

Jacqueline Walters (JW): Sehr gerne.

PA: Es ist unglaublich. Vor etwa 18 Monaten hatten wir Gelegenheit anlässlich der Konferenz für Rohstoffhandel im Pazifikraum zu sprechen. Damals haben sie von der Piorität der Friedenssicherung bei Ressourcenkonflikten gesprochen und ihr Unternehmen in den Dienst der Ansprüche Japans gestellt. Haben sie damals geahnt, dass es zu einem militärischen Schlagabtausch diesen Ausmaßes kommen würde?

JW: Die militärische Führung von AIM, der wir viele vorausschauende Manöver und einen kühlen Kopf in diesem Konflikt verdanken, hat mit diesem Szenario kalkuliert. Ich persönlich habe damals nicht an eine solche Eskalation glauben wollen, nein.

PA: War es die Sache wert?

JW: Ich glaube, es wäre viel Leid vermeidbar gewesen, aber die politische und historische Situation hat uns die militärische Eskalation leider nicht erspart.

PA: Hat AIM also in ihrem Anspruch auf Friedenssicherung versagt?

JW: Nein. Wir haben stets die Minimierung von Verlusten verfolgt und unablässlich auf einen raschen Friedensschluss gedrängt. Die Tatsache, dass die Welt heute vom Ende des Pazifikkonflikts überrascht worden ist zeigt ja, dass wir entgegen pessimistischen Prophezeihungen hart und sehr diskret verhandelt haben.

PA: Welche Rolle spielt AIM bei diesem Friedensschluss also?

JW: Wir haben der chinesischen Aggression militärischen Ausgleich entgegengehalten und eine faire Verhandlungsführung ersteinmal sinnvoll und möglich gemacht. Unsere Partner haben uns außerdem in politischen Belangen allzeit konsultiert und wir haben durch unsere spezielle Expertise Schlüsselerfolge gesichert.

PA: Sie sprechen von der Befreiung von Frederic Denton aus chinesischer Gefangenschaft in Kapstadt?

JW: Das war sicherlich ein wichtiger Beitrag, ja. Letztlich war es aber die Beharrlichkeit der Verhandlungen, die uns zum Erfolg brachten.

PA: Können sie etwas mehr dazu sagen, worin der politische Sinneswandel der COC begründet liegt? Ein militärischer Sieg war es ja nicht!

JW: Frederic Denton hat uns mit seinen Zeugenaussagen dabei geholfen, die Sorgen der kantonesischen Partner besser zu verstehen. Das indonesische Außenministerium hat daraufhin einen klugen und fairen 5-Jahresplan vorgelegt, der es allen Pazifikstaaten erlaubt, von den Entdeckungen und Forschungserträgen der Yutani Corporation zu profitieren. Der Corporate Court hat ja angemahnt, dass ein globaler Interessenausgleich in Bezug auf natürliche Ressourcen wichtig ist, man dabei das Vorrecht der Entdeckung, des Patents und der Urheberschaft nicht ignorieren darf. Und das liegt bei der Yutani Corporation. Daher hat auch deren Politikwandel und die damit einhergehende Öffnung des Zugangs zu Etusan III und dessen Forschungserträgen dazu beigetragen, dass die COC neues Vertrauen schöpfen konnte. Uns alle eint letztlich der Wunsch nach Wachstum, Frieden und eine gemeinsam gestaltete Zukunft. Schlussendlich sind wir daher auch zuversichtlich, dass der Corporate Court der regionalen Unternehmensvereinbarungen nach Vorlage Indonesiens zustimmen wird.

PA: Wie wird es für AIM nun weitergehen?

JW: Wir haben ausgeharrt, an die Diplomatie geglaubt, militärisch entschlossen reagiert und auch Verluste erlitten. Wir werden unsere Bewegungen im Pazifikraum nun mit den chinesischen Partnern abstimmen und die Mobilisierung zurückfahren. Das gilt insbesondere für Mikronesien und Avar, für die AIM maßgeblich die militärische Logistik verwaltet hat. Die Task Force Blue Shark wird voraussichtlich im Juli aufgelöst werden.

PA: Sie machen also ernst mit dem Frieden.

JW: Selbstverständlich. Im weiteren Verlauf haben wir mit der Yutani Corporation vereinbart, dass wir die Anlagensicherheit für Etusan III weltweit prüfen und in Zukunft nach unseren Kapazitäten übernehmen werden. Das betrifft alle klassischen Servicebereiche: Betriebssicherheit, Sabotage- und Spionageabwehr sowie Arbeitsschutz.

PA: Eine Art Belohnung für gute Dienste?

JW: Eher nüchterne Sachgründe und ganzheitliches Denken. Im Zuge des Pazifikkonflikts hat AIM sich intensiv mit Etusan III, dessen Risiken und den Herausforderungen eines angemessenen Risikomanagements beschäftigen müssen. Zentrale Anlagen wurden durch unser Personal besichtigt und auf Sicherheitsdefizite hin untersucht. Wir wollen das sehr gute Vertrauensverhältnis zwischen AIM und der Yutani Corporation auch in Zukunft ausbauen.

PA: Ich verstehe. Es ist wohl nachvollziehbar, dass die Pazifikkrise zusammengeschweißt hat. Man wird abwarten müssen, ob es bei der Yutani Corporation weiterhin bei einer stabilen und konsistenten Politik bleibt, immerhin steht mit der jungen Miss Yutani Veränderung ins Haus. – Viele internationale Unternehmen werden AIM nach dieser schlagkräftigen Zurschaustellung militärischer Gewalt in den nächsten Monaten sehr genau beobachten. Wo wendet sich AIM, wo wenden sie sich als nächstes hin? Wird dort dann der nächste Brand ausbrechen?

JW: (lacht) Meine Dienstreisen sind zu 99% Vorboten von Friedensbemühungen und Rechtsschutz. Ich denke nicht, dass man aus meinem Arbeitskalender auf globale Krisen schließen sollte, nein. Der Pazifikkonflikt war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme. Das Regelgeschäft von AIM findet weltweit, jeden einzelnen Tag statt. Jenseits der schillernden Schiffe der AIM Flotte tragen tausende von Metamenschen den Schmetterling mit Stolz auf der Arbeit in Büros, Fabriken und öffentlichen Einrichtungen. Sie gehören ebenso zum Rückgrat unseres Unternehmens.

PA: Dann bedanke ich mich für das interessante Gespräch und ihre wertvolle Zeit. Ich wünsche ihnen viel Erfolg bei der Abwicklung des anbrechenden Friedens im Pazifik.

JW: Ich danke ihnen sehr herzlich. Danke.

Washington Post, 07. April 2073

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