Back in Black

Drei Tage nach dem SimSense-Vorfall. Sigrid Johannsdottir hatte vor 40 Stunden entscheiden, davon abzusehen, ihren Kollegen einzufliegen; und hatte die Angelegenheit selbst in Händen behalten. Zwischenzeitlich war sie sich ihrer Sache nicht immer sicher, mehrfach griff sie ein in die Gedankenwelten des Elfen, und es gelang ihr, die Gedankenwelt so zu manipulieren, dass die wirren Erinnerungen an drogengeschwängerte Szenen, Elend, roter Sand und Gewalt nicht die Oberhand gewinnen konnten. Mehrfach konnte sie erahnen, was wohl vor sieben Jahren in Namibia vorgefallen war, einen rechten Reim konnte sie sich aber darauf nicht machen. Besonders die offenbar sporadisch auftretenden Aggressionsschübe und die oft vorher und nachher auftretende Verzweiflung machten die Gefühlswelt kaum einzuordnen. Ganz offenbar aber war Negative in einer Spirale von Gewalt gefangen, viele wie übersteuert wirkende Kampfszenen belegten. Die Trollin lies es sich nicht nehmen, alle Eindrücke zu dokumentieren, zum einen aus Sorge, Negative blieb in seinem Gedankengebäude gefangen, zum anderen aus rein wissenschaftlichem Interesse; diese Situation war nun einmal einzigartig. 

Doch jetzt schlug Negative mit einem Mal die Augen auf und unterbrach damit die Gedanken von Johannsdottir. Desorientiert blickt er sich um. „Wie spät ist es? Wie lange war ich weg?“. „41 Stunden und 14 Minuten“ antwortete sie ruhig und setzte sich neben die Krankenliege. „Freut mich, dass Du wieder hier bist! Bleib ruhig liegen, Du bist hier sicher.“ Sie hält ihm einen Becher Wasser hin und beobachtet ihn scharf. „Was ist das letzte, an das Du Dich erinnerst?“. Der Elf hält inne und überlegt: „Es fühlt sich an wie zweigeteilt. Zum einen die Erinnerung an die Situation im Vorschiff mit den anderen, wie Zoe die Maschinerie anwirft. Diese Erinnerung endet abrupt. Dann erinnere ich mich an die Manipulationen per SimSense. Es war, als würde man sich in einem Museum mit einem fremden Führer seine eigene Erinnerungen anschaut. Man öffnet zwar die Türen zu den Räumen, aber was zu erfahren ist, auf das hat man nicht mehr so direkten Zugriff mehr, wie man es gewohnt ist von seinen eigenen Erinnerungen. Im Nachhinein unschön, dieses Gefühl. Aber…“ Er lässt den Blick über die Utensilien in Johannsdottirs Büro schweifen. Seine Augen bleiben an einem offen daliegenden Notizbuch hängen…“ Aber warum bin ich hier? Was hast Du damit überhaupt zu tun? Du warst bei mir, nicht wahr? Was weißt du alles? Vermutlich mehr als ich! Schließlich ist bei mir von den drei Monaten in Gefangenschaft nur noch Fetzen übrig. Steht darin was?“ Er deutet auf das Notizbuch. „Ich möchte das lesen! Später! Jetzt möchte ich mit Zoe reden! Wie geht es ihr? Ist sie bei Bewußtsein? War sie bei der Mission dabei? Wie ging das Ganze aus? Ansonsten sollten wir weiter zusammenarbeiten, denke ich…“ und umarmt gerührt die Trollin.

Norges Rückkehr aus dem Urlaub, mit Six-Pack und guter Laune, schoss genau auf die richtige Welle auf, die Goodfellow gerade ritt. Am Folgetag lud er Norge auf seine Kajüte auf der Cassiopeia. Diese Kajüte war eine Gruppenunterkunft, kein luxuriöses Einzelquartier wie auf der AIMS Juno! Von seinen drei Kameraden aus der A Company, 3rd. Regiment, 1st Battalion Marines, war nur einer anwesend, der gerade ein Trideo-Spiel zockte.

„Yo, Norge! Nimm Dir eine Soda mit Schuss und mach Dir ’nen Sandwich! Ich hab Deine Info besorgt.“

In der Kajüte sah es aus wie Sau. Man durfte sich fragen, wie weit die Korruption hier wohl reichte, um den Schweinestall durchzubekommen. Sollte Uzun zufällig vorbei kommen, wäre er wohl ’not amused‘.

„Hier, zieh Dir das Trideo rein. Ist Denver Style. Cooler Scheiss! Achte auf den Typ mit dem roten Kapuzenpulli und den Gangsta der das Geld zählt.“

Goodfellow gibt Norge ein Kabel um das Simsense-Deck auf den Chipjack aufzuschalten. Er zwinkert dabei und räumt einen Stuhl frei.

In dem chaotischen Video scheint eine Botschaft verborgen. Besser gesagt: Informationen zu angebotenen Produkten. Es ist etwas mühsam für Norge, den Faden nicht zu verlieren, aber wenn man einmal die beiden Gangsta im Blick hat und weiß, wonach man sucht, dann erhält Norge seine gewünschten Informationen zum Erwerb einer falschen Identität. Die Checker laufen dann am Rand des Sichtfeldes mit und rappen die Preisliste mehr oder weniger kreativ runter.

„Schräg was? Den Tinker-Kram in PR-Trids zu brennen? Keine Ahnung, ob die den Denver Rap lieben oder als Todfeinde kalt stellen wollen. Heh. Jedenfalls ist Denver Deine beste Adresse. Ein alter Freund war cool drauf, wir ham gechattet, bißchen über alte Zeiten gelabert. Du sagst wenn Du weißt wieviel Du ausgeben willst, und dann bring ich das ins Rollen.“

Der Kamerad am Trideo-Game kümmerte sich einen Scheiss um die Geschäfte in zweiter Reihe. Er stand kurz vor dem Top-Score im Ultra Challenge Wrestling Contest: Nude Edition!

Nach dem Urlaub

Zwei Wochen vergehen manchmal viel zu schnell. Im Falle dieses Urlaubs war dies aber nicht der Fall. Zugegeben, die ersten 5 Tage rauschten nur so dahin, aber dann gab es auf der kleinen Insel nichts neues mehr zu sehen. Zumindest nichts was Norge interessiert hätte. Also ließ er die übrigen Tage an sich vorüberziehen und genoß die Ruhe und langeweile. Am Tag der Abreise war er früh auf und meldete sich zum Transport auf die Cassiopaia. Als er dort ankam war es kurz nach 14 Uhr und da er noch Urlaub hatte, dachte er auch nciht daran sich frühzeitig zum Dienst zu melden. Er schaute bei den Leuten dabei die er kannte und natürlich auch bei der SFG77. Bei jedemgab es ein kurzes Gespräch.Kameradschaftlich und aufmunternd. Nichts deutete daraufhin das Norge eine persönliche Krise überwunden hatte. Hatte er sie überhaupt überwunden? Oder nur verdrängt? Als er zu Zoe kam und sie leidlich vergnügt vorfand meldete sich bei ihm wieder ein Nachhall dessen was ihn zum Urlaub trieb. Deshalb blieb er wohl nicht zu lange bei ihr. Dennoch hatte er einige Worte für sie.

Weißt du Zoe, nicht alles läuft immer gut ab. Manchmal geht was schief. Entweder man wird damit fertig oder zerbricht. Weitere Möglichkeiten sind verdrängen oder halt Drogen. Ich kann nur sagen, halte dich dran damit fertig zu werden oder es zu verdrängen. An Drogen egal welcher Art wirst du nämlich genauso kaputt gehen. Wenn es nciht mehr geht, steig aus. Du bist freie Mitarbeiterin. Keiner kanns dir Befehlen und bei der Scheiße die wir erlebt haben, wird es dir keiner im Team übel nehmen. Jeder weiß wie das ist.

Nach dem kurzen Gespräch bei Zoe macht er sich dann auf zu Goodfellow. Nicht ohne einen Umweg über seine Kabine wo er den mitgebrachten Sixpack mitnahm. Bei Goodfellow wollte er ein wenig länger bleiben. Denn in seinemKopf ist im Urlaub ein Plan gereift. Ncihts was übers Knie gebrochen werden sollte, aber es war an der Zeit es anzustoßen. Nach der Begrüßung und ein wenig Smalltalk und der zweiten Flasche bier schnitt Norge dann das Thema an.

Weißt du Wage, manchmal denke ich drann einfach neu anzufangen. Du weißt schon alle Brücken einreißen und unerkannt irgendwo neu anfangen oder seinen Lebensabend ohne Vergangenheit zu genießen. Ist halt heutzutage gar nicht so einfach, oder? Ich meine mit den SIN’s und so weiter. Wie sollte man das anstellen können? Ach ist ja eh nur eine Gedankenspielerei. Aber wüßtest du wie du sowas anstellen müßtest?

So dreht sich das Gespräch noch eine ganze Weile hin und her und Wageslave plaudert munter mit. Ein klein wenig schäbig kommt isch Norge schon vor aber letztlich ist Wage ja der einzige den er kennt wo er sich dachte wenn nciht der, wer soll sich denn sonst damit auskennen? Nachdem das wichtige Thema für Norge auch abgehakt ist und Wage von dem „Zufall“ berichtet dem Regicide und seine Freundin Nancy zum Opfer fielen, haben beide noch herzlich gelacht.

Na was besseres hätte dir ja nicht passieren können. Wird schon nciht zu deinem Nachteil sein was der alte Major da so raus gelassen hat.

Er zwinkert ihm zu und verabschiedet sich dann.

Am nächsten Morgen dann meldet sich Norge zur üblichen Dienstzeit bei Cpt. Uzun einsatzbereit. Das Hawaiihemd ist abgeleg tund die normale Uniform angelegt. Frisch rasiert und die Haare gestutzt steht er da und läßt sich in die Mission einweisen und empfängt die Unterlagen. Schnell formt sich in seinem Kopf ein gedanke welchem er nachgehen möchte. Nach der Entlassung vom Briefing, geht er auch schon an die Arbeit. Er läßt sich Seekarten kommen und andere Unterlagen mit Karten und Kontinentalbewegungen etc.

Mike sitzt wieder in seiner Kajüte, es ist früher Nachmittag. Erneut geht sein Telefon. Nancy!

Oh shit, der letzte Anruf ist viel zu kurz her, als dass sie sich abgeregt haben könnte. Dieser Anruf ist der Gong zur zweiten Runde!

Mike setzt sich sein Headset auf und nimmt den Anruf entgegen. Die Stimme am anderen Ende ist leise, fast flüsternd, zitternd: „Mike?“

„Hallo mein kleiner Jadedrache. Ja, ich bins. Hörs zu…“

„Mike, bitte, ich habe nicht viel Zeit. Bitte hör mir zu. Auf dem Flug ist mir gerade was Irres passiert, ich, ich“ sie schluckt. „Da stand plötzlich dieser Typ vor mir, groß, hager, rote Haare und fragt ob ich die Nancy bin die einen Mike Goodfellow kennt. Der Kerl hat mir wirklich Angst gemacht, nicht weil er bedrohlich oder unfreundlich war,  sondern einfach nur…sein Blick, seine Haltung“ wider ein Schlucken. „Er hat angefangen zu erzählen. Ich hatte Angst und habe meine Handycam eingeschaltet. Ich denke er hat es gesehen, es war ihm aber egal. Habe kein Bild mitgeschnitten aber den Ton…“

Sie schaltet die Aufzeichung ein und Mike hört Régicides Stimme:

„…dir mal von diesem Typ erzählen den ich kenne. So ein Computernerd. Die nimmt keiner Ernst, die sitzen immer nur in ihren klimatisierten Büros, futtern Chips, trinken Cola…während die richtigen Soldaten das Sterben übernehmen… Genau so sein Nerd ist Mike, wir nennen ihn Wage. Der Nerd der, während wir in unserem Schützenpanzer in eine belagerte Stadt eindringen, auf dem Beifahresitz hockt, die Route checkt und das Steuer übernimmt wenn es sein muss. Der uns mit der Bordkanone Deckung gibt, wenn wir ausrücken müssen. Der sein Hirn, seine Kindheitserinnungen, sein Sprachvermögen oder seine Feinmotorik riskiert, wenn er uns Türen öffnet und Kameras abschaltet. Der Nerd, der in einen zugefrorenen See taucht und sich zwischen eine Sekte von irren Kultisten und ein 17 jähriges Mädchen wirft, das sie als Geisel genommen haben. So ein Typ, der auch für seine Kameradin da ist, wenn es ihr richtig dreckig geht und sie mit niemandem reden kann. Den Nerd weiß niemand richtig zu schätzen! Oder wie siehst du das, Nancy? Was ich mich immer Frage ist, warum er damit nicht hausieren geht. Ich meine…so ein Life Action Hero… aber die Profis zeichnen sich halt dadurch aus, dass sie nicht allen Leuten dauern erzählen müssen, dass sie echte Profis sind… real Hero… Na ja, geht mich ja auch nichts an…“

Die Aufnahme wird ausgeschaltet.

„Mike?…Mike, kennst du diesen Mann…stimmt es was er sagt?“

Massives Schlafdefizit, zu viel Input, zu viel Stress und zu viele Gefühlswindungen haben Mike Goodfellow sowohl sein Schlagfertigkeit als
auch seine Verdunkelungstaktiken zerstört:

„Em… ja, em… Ja Nancy, wird wohl stimmen, im Groben…“

In Nancy Hintergrund hört man eine laute Stimme:

„Mike ich muss Schluss machen, melde mich sobald ich länger Zeit habe…Tut mir alles leid, love you!“ Klick.

Man, wie groß ist die Chance, dass kurz nachdem er den Anderen von Zoe erzählt und Régicide nur in eine Video-Konferenz dazu geholt hatte, damit er beschied weiß, wie hoch ist die Chance, dass er dann ein Flugzeug besteigt…und da ist Nancy, und dann…

Da war Karma aber wirklich mal auf Mikes Seite! Die Geschichte musste er gleich Mal den anderen erzählen!

[Bazut hat keine Geheimnisse vor dem Team. Alle folgenden Informationen sind für jeden zu bekommen, je nach dem wie intensive er nachfragt, nichts davon muss im aus der Nase gezogen werden. Wer interessiert ist, kriegt erzählt]

Bazut verabschiedet sich am Flughafen Trondheim von Uzun, versichert das er in wenigen Tagen nach Tokyo nachkommen wird.

Er fliegt nach Hause, besucht seine Tochter und spricht mit seinem Schwager. Der Bruder seiner Frau hat selber vier Kinder unter dehnen Hénora aufwächst. Er wir mit ihnen ein langes Gespräch führen. Über seine Tochter, über den Feuerglauben, er wird zum ersten Mal Fragen stellen deren Antworten er nicht schon zu kennen glaubt, zum ersten Mal bereit wirklich zu zuhören. Er fragt auch wie sie es sehen, was ihre Meinung ist.

Ungefähr ein Jahr nachdem die Tochter dort abgegeben wurde, eröffnete eine zoroastrische Gemeinde quasi im gleichen Gebäudekomplex. Wie in Beijing, ist der Tempel sehr dezent und ohne großen Prunk. Auch kleiner als in Beijing ist er. Er hat sich aber für die lokalen Anwohner eingesetzt, etwa durch Lobbyarbeit bei Konzernen und Quartierverwaltungen. Zu mehreren Gelegenheiten hatten Tochter und Leiheltern Einblicke in die Gemeinde und fanden zunehmend Interesse daran. Der Vater war skeptischer, weil es doch schon etwas sektenhaft daherkommt. Die Mutter beschäftigte sich mehr damit. Auch mit der zoroastrischen Diaspora etc. Die Tochter und auch die eigenen Kinder begann dann irgendwann ernsthaft über die Erwachte Welt nachzudenken und stellten immer mehr Fragen. Das doch sehr technokratische Umfeld lieferte nicht sonderlich viele Antworten für die Familie. Die Mutter entschied sich dann, zu konvertieren und damit dem eigenen Haushalt einen Berührungspunkt zum Spirituellen zu geben. Sie schätzt am Zoroastrismus, dass er zwar nur einen Gott kennt, aber eine Vielzahl dienstbarer und auch hinderlicher Kräfte anerkennt. Das passt für sie intuitiv einfach sehr gut in die moderne erwachte Welt. Der Vater schätzt derweil eher die pragmatische Seite. Der Tempel unterstützt die Familien und macht ein wenig Lokalpolitik.
Er wird auf jeden Fall ansprechen das er mit Hénora einen langen Urlaub machen wird.

Dann bucht er einen Flug nach Beijing Hierfür nutzt er die von Yutani erstellet SIN, ihm wird klar das er für sich und Hénora ebenfalls eine neue Identität braucht.
Atra aufzusuchen gestaltet sich diesmal viele einfacher. Die natürliche Vertrautheit zwischen den beiden überrascht zumindest Bazut immer noch, aber er kann mit eine freies und offenes Gespräch führen, scheinbar geht ihr da auch so.
Er hat seit dem letzten erfolglosen Versuchen sie zu Askenen (Das war als wir sie in Beijing wiedergetroffen haben)es kein zweites Mal versucht, hat es gezielt vermieden und sich fest vorgenommen es erst zu tun wenn sie ihn auffordert. Es kommt diesmal aber nicht dazu.
Drei Tage sind die beiden zusammen. Drei Tage voll intensiven Gesprächen, ruhiger Introspektive, Meditation, aber auch mal nur einen Plausch, einen kurzen Spaziergang durch die Stadt oder einem Tee. Es werden tiefe Fragen behandelt…und beantwortet!

Eine Frage die er Stellt ist, ob sie sich an ihrer Geburt und ihrem Schöpfer erinnert? Ob sie bereit ist darüber zu sprechen?

Sie ist! Es war ein Gefühl der eifrigen Ankunft. Eine Stunde Null, voll Energie und Feuer. Der Ort war im Iran, so kann man schließen. Wahrscheinlich um die Zeit der Ifrit-Krise. Sie weist darauf hin, dass sie nicht frei ist, darüber im Detail zu berichten. Ins Leben gerufen, wusste sie zuerst nichts über die Welt, was ihr aber keine Angst machte. Sie schöpft aus einem Fundus unerklärlicher Resterinnerung. So, als hätte sie mal Wikipedia gelesen, aber alles vergessen. Sie kennt also viele Antworten, aber sie kennt die Fragen nicht. Wenn sie eine neue Sprache hört, „erinnert“ sie sich rasch. Nimmt sie ein Buch in die Hand, hat sie eine vage Erinnerung, was darin geschrieben steht. Manche Dinge interessieren sie mehr, manche weniger. Man könnte auch sagen: diese „Wiederentdeckung“ der Welt funktioniert nicht bei allem und bei jedem. Sie weicht dann da ein bisschen aus. – Über den König spricht sie nur sehr indirekt. Sie formuliert Parabeln und schwenkt zu Vergleichen aus der Tagespresse. Régicide wird wohl vermuten, dass sie hier den ein oder anderen okkulten Maulkorb verpasst bekommen hat. Interessanterweise ist herauszuhören, dass sie Le Roi als Kreatur des Feuers zwar sehr achtet, sie ist ihrem Schöpfer aber wohl nicht hoffnungslose verfallen. Da ist kein Schmachten, kein unbedingter Hurra-Patriotismus. Vielmehr scheint sie ein etwas zwiespältiges Verhältnis zu haben. Régicide hat den Eindruck, dass Atra sehr stolz darauf ist, aus rauchlosem Feuer geschaffen zu sein. Vielleicht hört man zwischen den bildhaften Parabeln heraus, dass sie Le Roi nicht für würdig oder berechtigt hält, so über das Feuer zu gebieten?

Er wird ihr kurze sein Nachforschungen erläutern, was er über Sila herausgefunden hat, amüsiert darüber das er das gemacht hat nach dem er sie aus dem Bunker gerettet hat. Will sie dazu etwas sagen?

Régicides Recherchen waren profund und wohl durchaus korrekt. Sie „erinnert“ sich im Gespräch an die Alte Welt. War es die erste, oder die zweite? Ihr Wissen wirkt mehr intuitiv, vage. Aber „Sila“ ist eben auch nur ein menschengemachtes Wort. Ihre Haltung zu dem Ganzen ist im Wesentlichen, dass die Sila einen ganz wichtigen Beitrag geleistet haben. Sie haben Frieden und Wachstum ermöglicht. Haben Bündnisse zementiert und die Strafen der Eidgötter vollstreckt, wenn man so will. Wenn Régicide das Thema antiker Dämonen vertieft kommt ein interessanter Zug zutage. Atra ist sich bewusst, dass ihre Art, ihr Wesen, eigentlich mal verdammt wurde. Mit dem Niedergang Assurs galten die Sila als Dämonen. Es war viele Jahre später der erleuchtete Mazda, der sie als Wesen des göttlichen Feuers der Zoroastrier rehabilitierte. Das scheint eine sehr wichtige Sache für sie zu sein. Es bedient ihren Stolz und erklärt, warum sie sich dem Tempel in Beijing so verbunden fühlt. Von all den verachteten Götzen, Dämonen und Geistern dieser Zeit, wurden die Sila als Diener des rauchlosen Feuers anerkannt. Die Blicke, die Stimme, die Gesten von Atra lassen aber auch vermuten, dass sie sich bewusst ist, dass es eine Zeit davor gab, ohne Schonbezug. Eine Zeit, in der Kreaturen wie sie verbrannt und geherrscht und terrorisiert haben. Gefürchtet, verehrt. Dieser vorsintflutliche Instinkt scheint da irgendwo noch zu sein.

Warum aber gerade Beijing? Was hält sie an diesem Ort?

Es liegt in der Natur der Sache, dass sie nichts dazu enthüllen kann, was nicht bereits offenkundig ist. Sie hat sich eine seltsame Stellung zwischen den drei Triaden erarbeitet. Eine Stellung, die Régicide zunehmend als kaum durchschaubar und höchst komplex erscheint. Sie ist zweier Gruppen Geisel, Unterpfand, Verbündete und Geheimwaffe. Régicide glaubt nicht, dass er – oder vielleicht auch die betroiffenen Triadenbosse – das wirklich durchdringen können. Was ihre Agenda in Beijing ist, könnte sie Régicide nur enthüllen, wenn er sich dieser Agenda vorher verschreibt. Das käme dem berühmten Sprung vom Kopf des Löwen gleich.

Danach kommt die Frage warum er seine Tochter hierher bringen soll. Diese Frage klingt nicht als ob er unwillig ist, sondern verstehen will.

Der Versuch sie zu verstecken, ist ohnehin gescheitert. Das Schicksal hat es vielmehr nun gefügt, dass sich die Chance bietet, die Tochter aus der Gleichung herauszunehmen. Sie könnte gar Schutz und Unterstützung durch den Tempel erfahren. Atra führt aus, dass der Hass des Le Roi auf seinen sterblichen Peiniger eine Hetzjagd ausgelöst hat. Atra glaubt, dass es nicht der richtige Weg ist, den verstorbenen Soldaten und seine Familie auzszumerzen, sondern dem in ihm gefangenen Wesen zur Befreiung zu verhelfen. Insofern sieht sich Atra als die einzige im Gefolge des Le Roi, die diesen versöhnlichen Weg ernsthaft erwägt. – Weiter wird sie deutlich: Régicide wird zur Werdung dessen, was er ist, nicht umhin kommen, von der Tochter loszulassen. Sie hatte ja bereits geschildert, dass die Verwickung zwischen dem Soldaten Morellè und der erwachten Kreatur, die er wurde, das Problem ist. Seine Frau ist verstorben. Seine Tochter könnte umkommen. Das wäre auch eine Lösung. Aber es gibt auch eine sanfte Lösung. Die Tochter behütet aufwachsen zu wissen, beschützt. Das Wissen, dass sie ihr eigenes Leben leben wird und versteht, dass der Vater ein schweres Schicksal trägt. Für diesen Weg rät sie die Tochter nach Beijing zu holen. – Darüberhinaus könnte die Tochter im Falle eines weiterführenden Handels (siehe unten) mit Atra auch ganz klar als Pofiteurin berücksichtigt werden. Etwa durch die Zusicherung von Unversehrtheit.

Letztlich wir er gestehen das er immer noch nicht weiß was sie meint, wenn sie sagt, er soll werden was zu was er bestimmt ist. Er braucht hierbei Hilfe?

Wenn Atra Régicide ansieht, so spricht sie in einer sehr ernsten Stunde, dann sieht sie eine Kreatur des Feuers, einen Vertrauten. Doch er ist in diesem Treibsand der Lebensreste des Soldaten Morellè gefangen. Das schmerzt sie. Sein arkanes Potential ist nur ein verstümmelter Arm, im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenden Sinn. Sie würde gerne sehen, dass Régicide sich aus diesem Sumpf befreit, seine Bestimmung findet, sich als Kind des rauchlosen Feuers wiederfindet, wieder die klare Flamme wird, die damals in den Soldaten eingefahren ist. Sie hat dafür kein Rezept. Der Boden zeigt sich, während man läuft. Sie sieht jedoch drei Dinge am Horizont: 1) Régicide sollte sich von seinen weltlichen Bezügen und der Geschichte des toten Soldaten zu lösen beginnen. 2) Er sollte die Augen nach seiner Berufung weit geöffnet halten. Atras Ansicht ist, dass Régicide erkennen wird, was seine Bestimmung ist. Diese Gelegenheit sollte nicht verpasst werden. 3) Atra schlägt weiters vor, einen strategischen Pakt zu schließen. Sie könnte die Schlagkraft von Régicide und seinem Team für ihre Agenda gebrauchen. Das sagt sie ganz offen. Wenn Régicide es möglich machen würde, Aufträge an das SFG 77 zu lancieren und Erkenntnisse zu teilen, dann würde das Régicide einen Einblick in die Agenda des rauchlosen Feuers gestatten. Interessanterweise spricht sie hier nicht von der Agenda Le Rois. Als Gegenleistung wäre Atra bereit, als Lehrerin für arkane Dinge des Feuers bereitzustehen. Zauber, okkultes Wissen, Geschichte.

Noch ein Wort zu Atras „Hellsichtfähigkeit“: Während des Besuchs in Beijing fällt es Régicide immer wieder auf, dass Atra nahezu hellseherische Fähigkeiten hat. Da kommt ein betrunkener mit einer Waffe die Tür rein, als sie gerade aus dem Café geht und sie hält dem Mann die Tür auf, ohne das Gespräch mit Régicide zu unterbrechen. Ein Autounfall lässt sie nichtmal zusammenzucken. Es dauert eine ganze Weile bis Régicide versteht, dass sie nicht wirklich in die Zukunft sieht, sondern sie kennt schlichtweg keinerlei Überraschung, keinen Zweifel und keine Ratlosigkeit. Wenn etwas überraschendes passiert, akzeptiert sie die Situation sofort. Das Zögern und Hadern von Menschen ist ihr absolut fremd. Man könnte sagen, neben Kants transzendentalen Erkenntniskategorien „Raum“, „Zeit“ und „Kausalität“ verfügt sie noch über „Akzeptanz“.

Als Régicide ins Flugzeug nach Tokyo steigt, ist er beinahe entspannt. Er lächelt als der Norges Nachricht sieht. Der einen braucht einen Strand, der andere eine Spectra des rauchlosen Feuers! Er ist besorgt um Zoe, den selben Kampf den sie grade mit sich austrägt, hat er vor vielen Jahren gekämpft…und verloren. Er hofft das sie es schafft, sie sich diesen besonderen Schimmer von Menschlichkeit erhalten kann. Vielleicht kann er ihr helfen, wenn sie ihn läßt.
„Schönen guten Abend Sir, kann ich ihnen etwas bringen“, die Stewardess schaut mit einem entzückenden Lächeln auf ihn herunter.
„Perno, mit Eiswasser bitte…und die Tokyo Times“ sein Lächeln ist eher müde, sie scheint verständig und ist kurz darauf mit dem Gewünschten zurück.
„Viele Dank…“ er blickt auf ihr Namensschild „…Nancy“
„Sehr gerne, Sir“
Nancy? Nancy…, wo hatte er den Namen schon mal gehört….

Grüße aus Sankta Dominga

Nachdem Norge etwa eine Woche im Urlaub ist, erscheint folgendes im internen Chat.

Hallo Leute. Schöne Grüße aus Sankta Dominga. Ich hoffe ihr nutzt eure Zeit
auch ein wenig zur Erholung. Habe hier eine tolle Strandbar ausgemacht.
Schön ruhig und endloser Nachschub an Cocktails.

Bis nächste Woche

Die Sache kam ungefähr so:
Mike Goodfellow sitzt in seiner Kajüte auf der Matratze. Es ist spät in der Nacht. Er hat zuviele bescheuerte Foren und Newsgroups in der Trix gecheckt, jetzt ist er völlig übermüdet. Da kommt ein eingehender Anruf auf sein Mobiltelefon. Im Flüsterton nimmt er den Anruf entgegen:
„Hey! Nancy, wie geht’s dir Liebes? Welche Uhrzeit ist gerade bei dir? – Ah, cool. – Tja, du klingst auch wie frisch geboren. Ich häng hier ab, kurz vor Drei local time. Wollte gerade das Deck zuklappen und habe an dich gedacht. – Hm. – Was? Warum ich flüster?“
Goodfellow wird es klamm, die Hände werden kalt. Er schielt zu Zoé rüber, die nach unruhigem Hin und Her endlich eingeschlafen war.
„Nun… weil.. also es ist Nacht hier. Die Leute schlafen, yo?“
Denk nach, Goodfellow! Pass auf und denk nach! Das ist nicht gut so!
„Em.. ja, ich hab die Einzelkabine noch. Aber man nennt das Kajüte auf nem Schiff… Hm, ok…“
Anlügen konnte er Nancy einfach nicht.
„Es ist,… da ist jemand vom Team heute hier noch eingekehrt und dann weggesackt.“
Diesmal hätte man Nancys Stimme bereits durch das Mobiltelefon hören können, wenn man im selben Raum gewesen wäre:
„Du bist auf einem Kriegsschiff im Eismeer und da sackt jemand nachts um Drei bei dir in der Kabine weg?!“
Mit der messerscharfen Präzision einer eifersüchtigen Frau wechselte Nancy in ihre Muttersprache um die Unschärfen des Englischen auszuschalten. Auf Mandarin setzte sie die entscheidende Frage in Dolchform auf Mikes Brust:
„Nanrien haishi nürien?“
„Äh, äh… also ich glaube sie ist doch eher ’ne Frau, ja…“
Kurz presste er das Mobiltelefon gegen die Brust um Zoé nicht durch das zornige Gezeter zu wecken. Ein leises ‚fuck‘ und ein genervtes Durchatmen, dann auf den richtigen Zeitpunkt warten.
„Nancy, hör mal. Das ist alles ganz locker hier. Sie hat Probleme, ihr geht’s nicht gut. Sie wusste nicht wohin!“
Dumme Wortwahl, Goodfellow. Dumme Wortwahl.
„Esss sa.. BTL-Problem. … Oh Gott, nicht ich, nein! Oh Gott, Nancy, hör auf, komm… Sie ist ’ne Gnomin, Nancy! Du weisst, ich steh nur auf dich, ok? Was heisst denn…? Was? Ich äh, ich kümmer mich doch um dich…!“
Hin- und hergerissen zwischen dem eigenen Seelenfrieden einerseits und dem erholsamen Schlaf von Zoé andererseits blieb Goodfellow nur ein geflüsterter Gracefull Logoff:
„Nancy, ich liebe dich, ok. Die Frau hier ist krank. Ich rufe an wenn dein Kopf kühl ist und ich keine Zimmervisite vom Wachabenden riskiere, ok?“
Aufgelegt.

Am nächsten Morgen traf Goodfellow Brick und Negative in der Kantine, Régicide hatte er in einer Vid-Konferenz zugeschaltet. Er sah übernächtigt und genervt aus. Genervt vor allem auf sich selbst. Während Zoé noch nicht da war, gab er den Dreien grob das Geschehene wieder: Zoé, schwer getroffen, Absteigen in seiner Kajüte, runterkommen (jedoch kein Wort über Moodchips und BTL), Nancys Anruf. So ein bißchen mit einem Zaunpfahl gab Goodfellow zu verstehen, dass er Zoé nicht helfen kann, wenn er selbst einen Psychiater braucht. Er würde ihr die Tür auch in Zukunft natürlich offen halten, aber die andern vom SFG 77 sollten sich mal um sie kümmern, riet er. Bezüglich der Nancy-Geschichte und des gerade geschehenen Gesprächs bat er um Verschwiegenheit. Es wäre Zoé sicherlich unangenehm. Und Unangenehmes hatte sie ja genug erfahren.

[Rückmeldung aus Beijing an Zoé]

Zoés Nachricht an den Feuertempel in Beijing wird schnell beantwortet. Man habe eine Kerze am Tempelfeuer für „Helena“ entzündet. Außerdem richte man gerne von Frau Khalipour aus, dass Entfernung keine Rolle spiele und ein Feuer zu entzünden immer eine gute Tat sei. Die Flamme bei Zoé sei daher wichtiger als die im Tempel. Und wenn sie sich unsicher ist, sie zu entzünden, so habe sie ja einen Freund, der dazu durchaus berufen ist, Feuer zu entfachen.

[Zoé und Mike Goodfellow im persönlichen Gespräch.]

Mike ist geknickt, als er Zoé so darnieder sieht. Er lässt sie natürlich rein und bietet ihr einen Kaffee mit etwas Likör an.

„Oh, oh je. Also das tut mir ja wirklich voll leid. Also, das wollt ich natürlich nicht!“, stammelte er zuerst und hörte sich dann an, was Zoé im Detail zu berichten bereit war.

„Das mit dem Nervenkitzel kenn ich nur zu gut. Manche Dinge sind zu heiß, um sie anzupacken, aber dann will man sich dennoch verbrennen. Mit dem, was du jetzt durchmachst, bist du jedenfalls nicht allein, Zoé. Auch ein mieser BTL-Chip kann dich einhundert Prozent glauben machen, dass du den armen Kerl schon ewig kennst. Aber klar, ich mein, ihr habt das ja quasi zwangsweise an einem anderen Kerl gemacht. Mit dieser Yutani-Technik. Das ist schon krass,“ er reibt sich über das Gesicht, „In meiner Zeit im Studium, in Denver, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass die Technik schon so… ‚feldtauglich‘ ist. Da gab es immer nur ein paar Gerüchte. Etwa der Renraku Lockdown 2059, ein riesen Ding in den Medien, zwei Jahre lang. Oder das Anime-Kindermädchen von 2068, ein Horror-Simsensemitschnitt in der Decker-Szene. Das Ding ist, am Ende des Tages, dass die Identität den Bach runter geht. Die Leute denken, man kann mit der Technik so dies und das machen, aber wenn du es zu Ende denkst, dann kannst Du in Kategorien wie Ich und Du, Person oder Intelligenz nicht mehr denken!“

Mike fängt an in einer Tech-Kiste nach Chips zu graben, während er weiter plaudert. Scheinbar wird ihm erst beim sprechen klar, wie unerhört die Simsense-Aktion für Operation Ancient Mariner eigentlich war:

„Weißt du, die Customer Agents von Yutani sind angeblich zum Großteil aus Erinnerungsstücken älterer Agents zusammengeflickt. Damit man nie weiß, mit wem man es zu tun hat, Risiko streuen kann und nur ganz wenige am Ende des Hebels den Durchblick haben. Die pfuschen seit Jahren in den Köpfen ihrer Mitarbeitern rum, wenn man den Gerüchten so glaubt. Das ist ja so ein klein wenig dein Problem: ist da jetzt was von jemand Fremdem in mir? Also theoretisch kann man nur mit totaler Reprogrammierung solche fremden Erfahrungen so einbauen, dass sie nicht mehr anecken. Alles was passiert, passiert in einem Bewusstseinsstrom, ok? Und wenn da Erfahrungen sind, die nicht dir gehören, dann passen die nicht in deinen Bewusstseinsstrom rein. So als… erinnerst du dich an einen Flugzeugabsturz, bist dir aber sicher, niemals geflogen zu sein. Also die Fälle von BTL-Zombies, die wieder in den Alltag zurückkamen, die haben es geschafft die falschen Erfahrungen in eine Schublade zu stecken. Die sind zwar noch da, aber die haben mit abgeschlossen.“

Mit einem Ruck fördert er einen Chip zutage, den er wohl gesucht hatte. Mike macht sein Cyberdeck bereit und gibt Zoé das Lichtleiterkabel.

„So, das ist ein gediegener Gaumenschmeichler für das Stammhirn. Nix Wildes, aber gönnt dir eine Auszeit.“

Rasch baut er Zoé, vielleicht in Anlehnung an ihr „Biwak“ auf der Shigeruu, ein Körbchen aus einer großen Sporttasche unter dem Kabinentisch und klebt ihr die Magnetlampe an die Unterseite der Tischplatte.

„Eh, ok… bin nicht gerade der erste Innenausstatter an Deck. Aber besser, als wenn sie dich suchen und auf meiner Matratze finden, was?“

Er grinst breit.

„Ach noch was… Also, ich sag mal ‚in der Szene‘ gibt es so zwei Lager oder Fronten mit diesem Brain Dive und Simsense-Gedöns. Die einen sagen: ‚ey, Freiheit und Würde der Person und so! In den Kopf schauen und zwingen geht gar nicht!‘, die anderen sind eher so: ‚die Zukunft ist Realität, man kann das nicht aufhalten. Der See der Informationen ist nicht nur der ein oder andere Host, sondern dazu gehören alle Gehirne, alle Bewusstseine die in ihm schwimmen und so. Die Menschheit muss nach vorne Blicken, auf eine andere Stufe kommen.‘ – Also was ich sagen will, also… em… also Ethik und so… ich mein, letztlich kann man nicht zurückrudern. Die Technik. Du kannst es umarmen, oder verfluchen. Will sagen: die Welt geht voran. Du kannst nach vorne gucken oder dich nach hinten wenden. Aber die Richtung ist immer die gleiche. Was sich richtig oder falsch anfühlt, musst du entscheiden. Davon mal abgesehen, du warst als Soldatin im Einsatz, ok? Frag mal Régicide, Brick, Norge oder Mr. Boucard – em.. neh, den vielleicht besser nicht. Jedenfalls, die haben eine Menge Kampferfahrung. Vielleicht hat von denen auch mal jemand aus Versehen dem Falschen den Kopf abgerissen. Du bist bei sowas eben die ausführende Hand. Wer ist da denn der Schuldige? Du? Uzun? CCOM? Yutani?“

Zoes Tage auf der AIMS Juno

[Es folgen Introspektionen von Zoe und Dinge die nicht jeder mitbekommt. Goodfellow darf sich im ersten Teil angesprochen fühlen. Have fun, Zoe hat es grade nicht 😉 ]

Am Abend nach der Mission steht Zoe vor Goodfellows Kajütentüre auf der AIMS Juno. Er kennt den Anblick von der Shigeruu. Doch dieses Mal will sie einfach nur reden. Über die Erfahrung mit der Simsense-Technik, den Brain Dive und was es mit ihr gemacht hat. 

„BTL ist krass genug. Aber das ist schön anonym. Hier weißt du ganz genau in wessen Kopf du gerade bist und dass derjenige nie wollte, dass du darin rumgräbst. Ich darf dir ja nix inhaltliches erzählen, aber ich hab einem Menschen von dem ich jetzt weiß, dass er nur Gutes wollte, seine schlimmsten Ängste wieder aufgezwungen und damit vielleicht sogar sein Todesurteil gesprochen.
So cool das alles von der technischen Seite her ist, so groß der Nervenkitzel, es hat einen hohen Preis. Ich meine, schau Dir Negative an, das hab wohl auch ich verbockt. Und dieses mal hätte ich mich da fast drin verloren. Jetzt werde ich das Gefühl nicht los, dass der arme Kerl den wir gegen seinen Willen befragt haben, weiter ein Teil von mir ist. Ich würde ja sagen; eine gerechte Strafe, aber Mike, für das was ich da gemacht habe, ist es das nicht mal…
– Ich hoffe man hat Dir wegen des Brain Dive keinen unangenehmen Fragen gestellt? Ich glaube Uzun war fast froh, dass wir das riskiert haben um Ergebnisse zu bekommen.“

Sie zögert das Gespräch in die Länge und sagt irgendwann mit zitternder Stimme „Kann ich noch ne Weile hier bleiben? Ich hab schon tagsüber Albträume, ich weiß nicht wie ich einschlafen soll. Hast Du was zur Entspannung? BTL ist mir gerade ein zu heißes Eisen, aber einen Moodchip zum Einschlafen vielleicht und ein kleines Eckchen?“

Die weiteren Tage hört und sieht man trotz des beschränken Raums auf der Juno nicht viel von Zoe. Als sie der SFG 77 dann von dem mitgehörten Gespräch erzählt, wird klar, dass sie von Helenas Schicksal bisher nichts wusste. Zoe hat nicht nachgefragt als sie wieder aufgewacht war und ging wohl davon aus, dass Helenas Erinnerung gelöscht wurde und sie einfach in ihrer Kajüte wieder aufgewacht ist. Ein naiver Gedanke den sie nicht weiter hinterfragen wollte. Sie macht aber niemand einen Vorwurf – außer sich selbst… 

Darüber, dass sie auch in Uzuns Augen nicht mehr die Gleiche ist, als es um ihre Rolle als Korrektiv geht wirkt sie ziemlich geknickt. Das ist für sie nichts Neues, sie musste sich ändern, sie ist teilweise abgestumpft, sie versucht bewusst auszuführen was notwendig erscheint. Und dennoch… Dass sie sich von ihren eigenen moralischen Grundsätzen inzwischen so weit entfernt hat, möchte sie ungern so vor Augen geführt bekommen. 

Als Zoe wieder alleine ist, kommen ihre – nein Zobitzschs – Gefühle für Helena wieder hoch. Sie greift nach einem kleinen Strohhalm um sich besser zu fühlen und bittet den Tempel in Bejing, für Helena eine Kerze anzuzünden und für Zobitzsch und seine ungewisse Zukunft zu beten. So kann sie zumindest ein kleinen Teil der Last abgeben.

Auf der Cassiopeia erhält Zoe dann auch die psychologische Betreuung die gerade dringend nötig ist. CPT Uzun bittet SPC Lance einen Therapeuten zu finden, der seit vielen Jahren für die AIM arbeitet und von dem man weiß, dass er den über die Verschwiegenheitspflicht hinausgehenden Geheimhaltungsvertrag über sensible Inhalte sehr ernst nimmt. Die Wahl fällt auf Dr. Paul Weston, der sie zunächst persönlich, später dann über Trideo betreuen soll.

Zoe wird bereits beim ersten Gespräch empfohlen, eine längere Auszeit zu nehmen. Als sie klar macht, dass das frühestens nach der follow up Mission möglich sein wird, verschreibt Dr. Weston ihr mit resigniertem Kopfschütteln angstlösende Antidepressiva und besteht darauf, sie in der kommenden Zeit täglich zu sehen.
Als Zoe ihm bei der dritten Sitzung offenbart, dass sie über eine weitere Cybermodifikation nachdenkt um damit ungewollte Gefühle abzutöten, schweigt er sie eine Weile an.
„Sie wissen sicher, was ich dazu sage oder? Wollen Sie wirklich die innere Stimme stumm schalten, die Sie moralische Erwägungen einbringen lässt? Es macht Ihren Job sicher um vieles einfacher, aber gerade haben Sie mir noch von der Enttäuschung über sich selbst erzählt. Hören Sie auf, zu viel von sich zu verlangen, in die eine oder in die andere Richtung. Und tun Sie sich den Gefallen und schieben Sie diese Entscheidung nach hinten, wenn es Ihnen wieder besser geht.“

Worldwide Security Solutions