Durchs Gebirge, durch die Steppe zog
unsre kühne Division
| : hin zur Küste, dieser weißen,
heiß umstrittenen Bastion. : |
Rot vom Blut wie unsere Fahne
war das Zeug. Doch treu dem Schwur,
| : stürmten wir, die Eskadronen,
Partisanen vom Amur. : |
Kampf und Ruhm und bittere Jahre!
Ewig bleibt im Ohr der Klang,
| : das Hurra der Partisanen,
als der Sturm auf Spassk gelang. : |
Klingt es auch wie eine Sage,
kann es doch kein Märchen sein:
| : Wolotschajewka genommen!
Rotarmisten zogen ein. : |
Und so jagten wir das Pack zum Teufel,
General und Ataman.
| : Unser Feldzug fand sein Ende
erst am Stillen Ozean. : |
Dankschreiben
An:
0.9.039683X8
0.9.064907X2
0.9.006604X7
0.9.057646W4
0.9.044013Z5
Sehr geehrte Damen und Herren,
für Ihren anhaltenden treuen und engagierten Dienst für die Association Internationale des Mercenaires möchten wir Ihnen sehr herzlich danken.
Sie haben zudem einen erheblichen Beitrag zur Aufklärung und Strafverfolgung der immer noch nachwirkenden Rechtsverletzungen und kriminellen Handlungen der Rechsvorläuferin von AIM beigetragen. Die IMA Transition Task Force hat nach Vorschlag des Board of Directors und Zustimmung des Policy Board eine Sonderzahlung von 260.000 =Y= freigegeben, die von Ihnen gemeinsam abgerufen werden kann.
Mit der Abrufung der Sonderzahlung geht die Verpflichtung einher, die Geldmittel nicht für gegen die Unternehmensziele von AIM gerichtete Aktivitäten einzusetzen.
Herzlichen Dank,
IMA Transition Task Force
Dpt. Secretary General
Neuzuweisung der SFG 77
An:
0.9.039683X8
0.9.064907X2
0.9.006604X7
0.9.057646W4
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Nachrichtlich an:
Central Command
Services Dpt. Section A (London)
Joint Task Force „Tradestop“, Command Authority
Auf Grundlage des CCOM-Beschlusses 7252/74 vom 21. Oktober 2074 wird die Einheit SFG 77 aus der 1. AEF ausgegliedert und ab sofort dem Services Department Section A: Operations, unterstellt. Neuer formaler Dienstort ist London, UK.
Dienstauftrag: Kooperation mit den Vertragspartnern YST – Yutani Space Technologies, Tomorrow Plant Inc. und Asakaturo Research zur Vorbereitung und Durchführung der Expedition Schneeblind.
Als Sicherheitsfreigabe wird im Zusammenhang mit Expedition Schneeblind für das oben adressierte Personal erteilt: B3
Personal: Kommandeur der SFG 77 ist Brigadegeneral Timotheus Master, Services Section A: Operations, London. Ihre Ansprechpartnerin für Personal-, Finanz-, Vertragsfragen und Logistik ist Frau Veronica El-Hamrad. Interessenvertreter der Vertragspartner ist Customer Agent der Yutani Corporation Ako Tameo (YC). Wissenschaftliche Leitung hat Frau Hitashi Sani (YC) inne. Als Demokratische Beobachter sind derzeit nominiert: Hoshin Kenjiro (JIS), Mandala Isemi (AU), Wasili Nowikow (RF). Eine Bestätigung durch den Ausschuss für Demokratische Beobachter in bewaffneten Konflikten der Vereinten Nationen (UNCDOAC) steht aus.
Weitere Details erfolgen mit dem Mobilisierungsbefehl und der Verlegung zum Einsatzort zur Expeditionsvorbereitung.
2074-10-25
Gespräch zwischen Zoe und Régicite über Atra
Zoe nimmt in einem ruhigen Moment Regicite zur Seite und deutet ihm auf einen Sessel auf der begrünten und am Abend langsam kühler werdenden Terrasse der Prinzessin.
„Wir müssen über etwas sprechen, das mir klar wurde, als ich Atra meinen Körper geliehen habe. Ihr beiden seid unfassbar wichtig für einander und vielleicht ist die Geschichte, die deine Tochter dazu erzählt hat, auch ein großer Schlüssel. Mich würden sehr deine Gedanken dazu interessieren. Aber zuerst zu meinem Anliegen. Wie in jeder Beziehung gibt es zwischen euch Missverständnisse. Atra hat mir gegenüber schon ein paar mal abschätzige Gedanken in deine Richtung durchsickern lassen, einmal konnte ich es richtig deutlich spüren. Bisher wollte ich dir das nicht sagen, weil ich es noch nicht verstanden habe und weil ich nicht wollte, dass es dich verletzt. Jetzt weiß ich aber, wo es her rührt. Atra wünscht sich mehr Respekt von dir. Sie ist aber so stolz, dass sie dir das nicht sagen kann und deshalb ihr Gefühl von Respektlosigkeit an dich zurück gibt. Sowohl das Gemälde, dass du dir einmal ausgesucht hast, als auch das Einritzen ihrer Zeichen war für sie eine große Unverschämtheit und Anmaßung. Ich weiß nicht, ob sonst noch etwas zwischen euch vorgefallen ist. Mein Gefühl ist, bitte Sie im Sandorakel um Verzeihung und zeige ihr Achtung und Wertschätzung, dann wirst du genau das auch von ihr zurück bekommen und wieder auf deinen Weg zurück finden.“
Als Zoe redet, hört Bazut ihr aufmerksam zu, zwischenzeitlich lächelt er, als ob er Zoes Worte alte Erinnerungen wachrufen. Dann schüttelt er reumütig den Kopf:
„Ich dachte eigentlich, das wir über diesen Punkt schon hinaus sind…aber scheinbar…
Das Problem, das ich sehe, ist, das Atra sich als die Schicksalslenkerin sieht…oder die sie vielleicht auch ist? Man sie jedoch gezwungen ist, sich selbst ihren Regeln zu unterwerfen oder gar noch schlimmer, wenn jemand ihre eigenen Lektionen gegen sie anwendet…das gefällt ihr nicht.
In unsere Beziehung hat Atra steht versucht, die Oberhand zu behalten, zu lehren, zu Unterrichten, aber niemals zu viel, so das sie immer die Kontrolle hat. Bis zu einem gewissen Punkt wäre das in Ordnung, aber das hat mehrfach dazu geführt, das ich etwas getan habe, das sie, wie du sagt, für respektlos hält. Ich habe aber lediglich so gehandelt, wie sie mir aufgetragen oder mich gelehrt hat. Alle Beleidigung rührt daher, das ich dadurch unwissend immer näher auf die Verbindung zwischen uns beiden gestoßen bin. Und da es keine Zufälle gibt, bedeutet es, dass sie somit eben nicht die Kontrolle hat, sondern genau so in der Pflicht steht.
Aber nach unserem letzten Treffen, das zwischenzeitlich sehr hitzig war, dachte ich, dass wir an einem guten Punkt angekommen sind. Leider hatte ich noch immer das Gefühl, dass sie mir Dinge verheimlicht, die ausgesprochen sein müssen. Offenbar hatte ich recht.
Und hier ist das Problem. Abgesehen davon, dass ich das Sandorakel nicht für den besten Platz halte, gibt es wenig, was ich gerade tun kann. Ich bin ihr immer mit Respekt und Achtung begegnet und habe ihr Freiraum und Privatsphäre eingeräumt, die ich keinem anderen gegeben habe. Ich habe ihre Respektlosigkeit und ihren Mangel an Dankbarkeit mir gegenüber immer entschuldigt, nicht weil ich es musste oder weil ich versucht habe, meinen Ärger deswegen zu unterdrücken. Für mich war es ein Teil ihres Wesen, das Auszuhalten war meinen Entscheidung.
Und ich habe ihr niemals meinen Willen aufgezwungen, trotz der vielen Gelegenheiten, die ich dazu hatte. Ich hatte lediglich die Hoffnung, dass sie eines Tages von selbst entscheiden wird, damit aufzuhören… dass sie akzeptieren kann, das wir uns auf Augenhöhe begegnen.
Zoe spürt ihr eigenes Verständnis für Regicits Situation und gleichzeitig etwas wie Atras Wut in ihr auflodern. „Weißt du, dass sie versucht, die Oberhand zu behalten, ist nun einmal auch in der Natur der Sache begründet. Du bist mit ihr einen Bund eingegangen. Doch steht sie auf einer anderen Ebene als wir. Ich glaube, das zeigt die Geschichte, die sie deiner Tochter erzählt hat, ganz gut. Sie ist die Eidgöttin, du der Soldat. Verbunden, sich wertvoll und dennoch gibt es da riesige Unterschiede. Ich denke deshalb erwartet sie auch deutlich mehr Respekt als sie wiederum zurück gibt. Ich will das nicht werten, ich will dir nur mein Gefühl dazu mitteilen.“
Regicite: „Die Eidgöttin und der Leibwächter…aber wer ist hier der die Oberhand hat? Vielleicht ist es eben keiner. Ich fürchte, dass ich Atra nicht helfen kann, wenn sie nicht bereit ist, wenigsten für sich selbst, zuzugeben, dass sie meine Hilfe braucht.“
Zoe: „Regicite, für ein so stolzes Wesen hat sie das bereits. Indem sie deiner Tochter diese Geschichte erzählt hat.“
Sie steht auf, legt ihm die Hand auf die Schulter und geht nach drinnen, um ihm bewusst noch etwas Raum zum Nachdenken zu geben.
Ein kleines Geschenk
Während Zoe am Privatjet schraubt, fragt sie immer wieder Hénora, ob sie ihr Gesellschaft leisten möchte. Es muss hier schon arg langweilig für sie sein und sicher auch beängstigend, immer nur im Versteck oder auf der Flucht zu sein.
„Schau mal, was ich für dich gemacht hab“. Zoe hält ihr eine Drohne hin, die aussieht wie ein kleiner Vogel und bequem in einer Kinderhand Platz hat. „Sie kann Musik spielen, zusammen mit dir singen und dir Geschichten erzählen. Ich hoffe, du hast Freude daran.“ Als Hénora das Geschenk mit leuchtenden Augen in Empfang nimmt, wird sie von dem kleinen Vogel mit einer sehr bekannten Stimme begrüßt, die ganz schön ähnlich, wie die von Zoe klingt.
Sandorakel
Zoe meldet sich sofort, als der Captain einen Ausflug zum Sandorakel vorschlägt. Sie macht sich Gedanken darüber, was sie dort erwarten wird. Und welche Fragen sie mitbringen möchte.
Wenn es ihr gelingt, dort Kontakt mit Atra aufzunehmen, will sie um etwas bitten. Um die Erlaubnis, der SFG – Ihrer Familie – mehr darüber zu erzählen, was Atras Anliegen Zoe gegenüber ist. Es darf keine Geheimnisse geben um Atra und auch die aktuelle Form von Brick retten zu können. Zoe sieht darin auch kein Problem, mit den anderen das zu teilen, was Atra von ihr verlangt hat, weiß aber nicht wie sie das sieht und fürchtet Konsequenzen es ungefragt zu tun.
Sie wünscht sich ein Signal in die richtige Richtung, die es einzuschlagen gilt. Für Zoe ist das ganz klar Jakutien und ein Rettungsversuch. Doch sie braucht Hilfe, damit das die ganze Gruppe auch so sehen kann. Und wenn Zoe das verbindende Element zwischen allem sein soll wie Atra es sieht, dann braucht sie hier etwas Hilfe, wie sie das in die Handlung umsetzen kann. Zumal es da ja auch immer noch Miru gibt…
Szenen einer „Ehe“.
Am Vorabend. Es war spät geworden, endlich hatte man wieder in großer Runde zusammengesessen. Es wurde vereinbart, am nächsten Morgen aufzubrechen, in Richtung Nordwest, zumindest der Captain war wild entschlossen. Schließlich zog sich jeder in seinen Ecke der Villa zurück – nicht ohne den Kameras in Lances Zimmer einen letzten Kontrollblick zu schenken. Doch weiterhin verhielt sich die Gefangene kooperativ.
So erreichte Positive nach seiner Frau den gemeinsamen Bereich. Wie üblich bereitete man sich in getrennten Badezimmern für die Nacht, doch die Betten waren längst ins selbe Zimmer gerückt worden. Es war zur Routine geworden, zusammen im Sinne und unter dem wachen Auge der gemeinsamen Idola im Rahmen einer kleinen Zeremonie die Geschehnisse der vergangenen Tage zu erörtern und einen gemeinsamen Blick in die Zukunft zu werfen. So auch an diesem Abend.
„Ich habe mich noch gar nicht für deine Initiative bedankt, Clark und die anderen einzuladen. Es ist im Sinne Andikans, sich in solcher Runde zu treffen und die Optionen zu diskutieren. Meine Zweifel dazu waren unbegründet. Ich fühle, dass das die Gemeinschaft stärkt, denn die Karten liegen auf dem Tisch… ich denke, sobald morgen alle zurückkehren, werden wir entscheiden, was unsere nächsten Schritte sind.“ Die Prinzessin erwiederte in ruhigen Worten ihre Zustimmung und nam auch den nächsten Gesprächsfaden auf: „Um die Sicherheit von Lance solltest Du Dir einstweilen keine Sorgen machen. Sollten sich Anzeichen ergeben, dass die Villa angegriffen wird, habe ich Möglichkeiten, mich mit ihr an andere Orte zurückzuziehen.“
Positives letzte Frage im Rahmen der nächtlichen Unterredung war: „Was denkst Du: ist es Zeit für uns beide, zusammen das Sandorakel zu besuchen? Bist Du überhaupt je dort gewesen?“
Doch mit dieser leise gestellten, letzten Frage lies sie ihn alleine, hatte längst ihre Augen geschlossen und war wohl eingeschlafen…
Chemin vers l’oracle
„Die Lawine ist fast zum stehen gekommen, wollen wir also sehen, wie sich die neue Lage darstellt?“
Während er die Kaffeemaschine befüllt, führt Régicide ein Gespräch weiter, das er mit seinem Team vor nun schon mehreren Wochen begonnen hat, gerade so, als wäre zwischenzeitlich keine Sonnensturm passiert oder man wäre nie in London gewesen! Oder vielleicht gerades deswegen?
Anstatt zum Erliegen zu kommen, hatte die metaphorische Lawine noch viel mehr Fahrt aufgenommene, viel mehr Material ins Rutschen gebracht und noch weitreichendere Folgen gehabt, als man sich damals hätte vorstellen können:
„Ich hatte ja schon gesagt, dass ich zum Sandorakel reisen will, einigen von euch werden mich doch sicherlich begleiten, oder? Ich persönlich erhoffe mir davon eine ähnlich Erfahrung wie beim letzten Mal. Das Orakel hat uns vor Augen geführt, was wir getan haben, wie wir uns entschieden haben und welche Folgen sich daraus ergeben haben. Damals hat es mir gezeigt, dass wir, bei aller Unsicherheit, einem Pfad gefolgt sind, der vielleicht nicht der Klügste, Beste oder Einfachste war… aber der Richtige.
Und es hat uns einen Hinweis darauf gegeben, was wir tun sollen, auch wenn der Pfotenabdruck im Sand nichts anderes war als die Bestätigung einer Entscheidung, die ich sowieso schon getroffen hatte. Seid dem wir erfahren hatten, das die Sprengung des Staudammes nur dem Zweck diente, Löwe zu töten, war ich sicher, dass wir ihn suchen müssen.
Ich bin mir diesmal auch sicher, wen ich suche, wen ich finden will und finden muss, aber was ich nicht weiß, welcher Pfad der Richtige für mich ist. Das Orakel hat mir schon einmal geholfen, meinen Pfad auszuwählen, ich hoffe darauf, dass es mir nun eine weiteres Mal helfen kann!“
Er füllt den frisch aufgebrühten Kaffee in die verbeulte Thermoskanne und verschließt den Deckel. Dabei streicht er über die immer noch gut sichtbare Blutspur, die Hillers Hand hinterlassen hat. Dann wandert die Kanne in seinen mittlerweile sehr abgewetzte Ausrüstungstasche. Hénora imitiert ihren Vater, FrizziDizzy Limoflasche und Hello Kitty Rucksack, ihrer Haare in den selben Zöpfen wie Zoe, inklusive Pilotenbrille. Mit Tasche in der Hand und Tochter auf dem Arm wendet sich der Cpt. zum gehen:
„LT-1 hebt in 15min ab, wer also mitkommen will…“
Sonnensturm R8
Channel 9 World News. – 2074-10-14
Vier Tage sind seit dem verheerenden Sonnensturmereignis vergangen. In der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 2074 hatte ein solarer Magnetsturm bisher ungekannter Ausmaße zuerst die tagseitige Erdhalbkugel mit einem geomagnetischem Sturm überzogen, in den Folgetagen wurde deutlich, dass auch die Schattenseite der Erde nicht verschont bleiben würde. Wir ziehen Resümee.
Jenseits der Skala
Die International Oceanic and Atmospheric Administration (IOAA) erfasste Sonnenstürme mit geomagnetischen Auswirkungen auf die Erde bisher auf fünf Skalenstufen, G1 bis G5. Mit G5 wurden dabei geomagnetische Stürme mit „extremen“ Folgen theoretisch und aufgrund von erdgeschichtlichen Befunden beschrieben:
G5: Weitreichender Ausfall der Stromversorgung und des energetischen Schutzsystems. Verbreitete Blackouts und Zusammenbruch überregionaler und trans-nationaler Energieversorgung. Schaden an Umspannwerken und Kraftwerken. Zerstörung von ungeschützten Elektrokleingeräten, Autobatterien und Schaltanlagen. – Stromleiter können kurzzeitig Spitzenströme von mehreren 100 Ampere verzeichnen. Hochfrequente Funksender und -empfänger sind weiträumig für mehrere Tage nicht verwendbar. Niederfrequenzfunk für mehrere Stunden unbrauchbar. Ausfälle von Satellitennavigation und Satellitenfunk für mehrere Stunden. – Sichtbarkeit von Aurora Borealis („Nordlichter“) bis zum 40. Breitengrad (Südspanien, Ankara, Süditalien).
Diese ohnehin bereits eher theoretisch fundierten Schadensmerkmale wurden nun im Laufe der letzten vier Tage revidiert und ausgeweitet, so dass die astronautische und geologische Fachwelt von einem R8-Ereignis spricht. Die Schadensmerkmale werden gegenwärtig noch täglich erweitert und präzisiert.

Größtes Unglück der Luftfahrtgeschichte
Die Zahlen der Todesopfer durch Flugzeugabstürze im Frühmorgen des 9. Oktober 2074 (UTC+0) werden beständig nach oben korrigiert. Die Internationale Luftfahrtbehörde hat derzeit 1.302 Unglücke in Folge des R8-Ereignisses registriert. Die Zahl der Vermissten und Todesopfer wird auf über 100.000 Metamenschen geschätzt (ohne bodennahen Flugverkehr).
Betroffen waren vor allem elektrobetriebene Flugzeuge, Helikopter und Vektorschubfahrzeuge sowie kleinere Linienmaschinen, Privatjets und einige der größeren Luftverkehrsflotten für den internationalen Luftverkehr, deren Maschinen nicht mit ausreichenden redundanten Systemen und elektromagnetischen Abschirmungen versehen waren.
Nur in wenigen Fällen gelangen den Pilotinnen und Piloten Notlandungen. Durch den häufigen Totalausfall von Bordelektroniken werden die meisten modernen Fluggeräte nicht mehr manövrierfähig. Dennoch gab es auch Berichte von kleineren und größeren Wundern, wie etwa der Wasserlandung eines Suborbitalflugs, der sich im Landeanflug auf Taipeh befand. Alle 680 Passagiere überlebten unverletzt.

Urbane Gewalt
In allen Metropolen mit mehr als 5 Millionen Einwohnern kam es zu nachhaltigen Stromausfällen und zum Versagen kritischer Infrastrukturen. Die ohnehin bereits angespannten Lagen in den großen Metroplexen der Welt entlud sich in raschen und massiven Wellen von Plünderungen, Bürgeraufständen und entfesselter Kriminalität.
Die Top 10 der modernsten Metroplexe und Arkologien verkrafteten diese kritischen Stunden erstaunlisch gut. Vielerorts waren Kapazitäten vorhanden, die ausgefallenen Systeme rasch zu ersetzen oder auf Redundanzen auszuweichen. Hierzu zählen unter anderem Mexiko City, Neo-Tokyo, Seattle, Denver und Taipeh. Dennoch werden Wochen, wenn nicht gar Monate, vergehen, den militärischen und zivilen Frieden wieder auf einem Niveau von vor dem R8-Ereignis herzustellen.
Aus abgelegenen Regionen der Welt erreichen uns vielfach noch gar keine verlässlichen Nachrichten, so beispielsweise aus kleineren Arkologien des nördlichen Pazifikraums. Aber auch Städte wie Berlin, Aachen, London oder Washington versinken weiterhin in Anarchie. Alle Großkonzerne mit A+ Einstufung haben den Krisennotstand ausgerufen und ziehen sämtliche konzerneigenen Sicherheitskräfte auf ihr Konzernterritorium zurück. Nur von wenigen Ausnahmen wird berichtet, etwa in Denver oder Neo-Tokyo.
Im Westjordanland wurde am Folgetag des Ereignisses mit einer Luft- und Bodenoffensive seitens der arabischen Anrainer begonnen. Isreal befindet sich in einem Verteidigungskrieg. Auch innerhalb des Territoriums Deutscher Staaten gab es Grenzübertritte öffentlicher und privater Sicherheitsdienstleister sowie die einseitige Besetzung kritischer Infrastruktur. Rund um die Vertragsstadt Denver wurden Truppen aller sechs Anrainer zusammengezogen.

Ein dritter Crash?
Auch die letzten Beetle-Heads und Matrix-Zombies haben mittlerweile das Ereignis zu spüren bekommen. Während sich die CEO der Yutani Corporation und der CEO von Novatech positiv gestimmt gaben und eine baldige Rekonstruktion aller Host-Strukturen ankündigten (konzernintern natürlich), wurden viele Unternehmen und Staaten, aber auch Privatmenschen, stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Datenverluste sind, trotz häufiger Redundanzen und der Dezentralität des Matrix-Netzes, noch gar nicht abzuschätzen.
Besonders brisant ist die Lage in der Vertragsstadt Denver, CO, wo sich der weltweit größte, illegale Datahaven befindet. Dort wurden über Jahrzehnte illegale Kopien von Datenbeständen aus allen Ecken der Welt und aus allen Lebensbereichen gesammelt, archiviert, und illegal im sogenannten „Shadowland“ vermarktet oder verschlossen gehalten. Autonome Akteure des Datahaven haben nun damit begonnen Unternehmen weltweit mit Erpressungen unter Druck zu setzen – im Datahaven finden sich nun ironischerweise oftmals die noch einzig verbliebenen, unzerstörten Datanbestände vieler Konzerne und staatlichen Einrichtungen.
Für den Normalverbraucher blieb der Jubel jedoch aus. Es ist absehbar, dass sich die Finanzwelt von den Ereignissen erholen wird – abgesehen vom spekulativen Finanzmarkt, dessen Fortgang, wie immer, höchst ungewiss ist.

Arkane Manifestationen
Die Erwachte Welt blieb nicht verschont. Hochmoderne Staaten, wie Japan oder Dahomey, scheinen aus technologischer Sicht das R8-Ereignis gut überstanden zu haben. Grüne Energien, hochmoderne Leitertechnik und Redundanzsysteme ersparten ihnen einen monatelangen Wiederaufbau ihrer Infrastrukturen, doch auf der magischen Seite der Welt, sieht dies womöglich anders aus.
Norwegens NTNMU sowie die Universität von Kairo berichteten als erstes über schwerwiegende Veränderungen. So zerstörten riesenhafte Manifestationen im Hinterland Norwegens offenbar Hochspannungsleitungen und bewegten sich auf die besiedelte Küstenregion zu. Die Meinungen gehen auseinander, ob es sich dabei um aufgeweckte, sogenannte „Große Wanderer“ handeln könne, oder um riesenhafte Troll-Geister. Die NTNMU ermittelt. Auch wird darüber spekuliert, ob das Sinken der CASS Shigeruu als Vorbote des R8-Ereignisses gewertet werden könnte.
Aus Kairo wurde zuerst von schweren Erdbeben berichtet, die große Teile des Stadtgebiets in die Abgründe tiefer Schluchten gerissen hätten. Mittlerweile gilt als gesichert, dass es sich bei den Bruchlinien im Boden um die Verlaufswege alter Gräber- und Palastanlagen handelte; so etwa der Pharaonenweg vom Königspalast der IV. Dynastie zur Grabbaustelle des Cheops und von dort zur 20 Kilometer südlich gelegenen Grabanlage Saqqara. Das R8-Ereignis hat scheinbar antike Ley-Linien und das arkane Potential von Architekturmagie neu belebt. Ähnliche Phänomene werden aus dem Dschungel Zentralamerikas und Beijing berichtet. Das Arkane Labyrinth der Verbotenen Stadt habe „die Grenzen zwischen der arkanen und weltlichen Repräsentation des Kaisertums verwischt.“

SURGE
Während die Großereignisse die Welt erschüttern und in Atem halten, sickern immer mehr auch Folgen im Kleinen durch. An vielen Orten der Welt werden Metamenschen in Krankenstationen eingewiesen, die körperliche aber auch geistige Veränderungen erfahren haben. Die Biomedizin spricht von „Spontaner rezessiv-genetischer Expression“ (Sudden Recessive Genetic Expression, SURGE). Hörner, Fell, Farben, Klauen, Schwänze – wie weit die Palette der Veränderungen am metamenschlichen Körper reicht, ist noch nicht absehbar. Es kam bereits, wie nach den Goblinisierungswellen, zu Internierungen, Lagerbildung und gezielten Falschinformationen sowie dem „Verschwindenlassen“ von Opfern des SURGE-Effekts.
Bisher gab es jedoch keine Berichte einer tiefergehenden, genetischen Goblinisierungswelle.
Der Blick nach vorn
Die Sonne ist Teil allen Lebens auf unserer Erde. Sie war es von Anfang an. Sie ist die ultimative Bedingung aller lebenden Existenz in unserem Sternensystem. Ihre kulturelle, religiöse, arkane Bedeutung ist enorm und vielleicht viel mächtiger, als wir bisher dachten. Als eine fundamentale Bedingung unserer Existenz kann man sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Das ist in gewisser Hinsicht beruhigend: unsere Möglichkeiten sind trotz aller Errungenschaften begrenzt.
Drei Großkonzerne von Weltrang haben derzeit die Möglichkeiten und den Willen, die technische Sonnenbeobachtung wieder flächendeckend und stabil herzustellen und aufgrund der gemachten Erfahrungen zu verbessern und zu intensivieren. Dies sind Ares Macrotechnologies, Mitsuhama Computer Technologies sowie YSM – Advanced Space Mining, eine Tochter der Yutani Corporation.
Letztere haben angekündigt innerhalb der nächsten zwei Jahre einhundert Sonden auf die Alfvén-Oberfläche um die Sonne zu platzieren, die sich in einer Entfernung von etwa 18 Sonnenradien zum Mittelpunkt der Sonne befindet.
Zum Zeitpunkt des R8-Ereignisses betrug die Frühwarnzeit nach Angaben der großen astronomischen Forschungsinstitute im Idealfall 18 Minuten. Die ersten Warnungen großer Konzerne an ihre Luftflotten auf interkontinentalen Strecken wurden etwa 15 Minuten vor dem Ereignis ausgegeben. Etwa 95% erreichte eine Warnung zu spät.
Was bedeuten diese Zahlen für unsere Zukunft? Haben wir nun wieder 5 Millionen Jahre Zeit, bis zum nächsten R8-Ereignis, wie es uns die Statistiker beschwichtigend erklären wollen?
Die Geschichte von der Eidgöttin und dem Leibgardisten
Es war einmal ein König von Assur, der die gesamte bekannte Welt unterworfen hatte, von Babylon bis zur Taklamatan, bis zum alten Reich der Königin Saba. Um alle an sich zu binden, ließ er aus dem Feuer Eidgötter hervorspringen, die er an die Höfe seiner Vasallen sandte. Dort mussten sie unerschütterliche Treue schwören, mit ihrem Blut besiegelt. Die Eidgötter waren die Zeugen dieser Eide.
Die zahlreichen Eidgötter zogen bald durch alle Königreiche und besiegelten dort Verträge, Ehen und Gelübde. Und sie fanden Gefallen an der Art der Menschen zu leben. Sie fanden Gefallen an der Schaffenskraft und Lebendigkeit der Menschen. Und an ihrem tragischen Werden und Vergehen. Und an der Macht über sie.
Einige der Eidgötter begannen unglücklich zu werden und sich gegen die Fesseln des Königs von Assur zu wenden. Eine der Eidgöttinnen war besonders energisch in diesem Verlangen. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den König zu erweichen und ihm einen Wunsch abzuringen. Von ihm, dem Unbarmherzigen, der nur Befehle gab und seinen Eidgöttern keine Wünsche gewährte. Selbst seine geringsten der menschlichen Untertanen konnten dagegen mehr Hoffnung auf seine Gunst hegen.
Die anderen Eidgötter meinten, es sei die Anstrengung und Qual nicht wert, sich dergestalt in die Angelegenheiten der Menschen einzumischen, aber je mehr die Jahrzehnte verstrichen, desto mehr wuchs in der einen Eidgöttin der Groll gegen Assur, der die Schönheit der Flammen in den Augen seiner Eidgötter nicht sah und sie nur wie ein Werkzeug seiner Schreckensherrschaft benutzte.
Nun hatte der König freilich auch menschliche Diener. Und darunter eine treu ergebene Leibgarde von Kriegern und Magiermogulen. Ein großer Zwist herrschte zwischen den Eidgöttern und diesen Mogulen, denn sie misstrauten einander, beneideten sich, und buhlten um die Gunst des Assur. Der König nahm nur solche Menschen in die Garde auf, die ihren rechten Arm eine Sanduhr lang in glühenden Kohlen vergruben ohne eine Träne zu vergießen oder einen Schrei hören zu lassen. Dies galt ihm als Prüfung und Beweis, dass seine Garde gegen seine Eidgötter sehr wohl gewappnet war und den Bedrohungen des Feuers widerstehen konnten.
Unter der Magiergarde war nun einer, der dem Assur am liebsten war. Er war der tapferste und mutigste und am geschicktesten mit dem Schwert und der magischen Kunst. Aber er verbarg in sich auch etwas sehr Gefährliches. Er sah das Menschliche in allen Dingen, und er hatte einen Sinn für die Ungerechtigkeit des Königs, die er tief in sich versteckte um nicht den Zorn des Königs auf sich zu ziehen.
Die Eidgöttin kam heimlich zu diesem Gardisten und er hatte den Mut ihr zuzuhören. Und er verstand das Unrecht ihrer Knechtschaft. Und er sah ihre Schönheit an Geist und Gestalt. So schlossen sie einen Pakt: Die Eidgöttin würde dem Gardisten helfen in all seinen Kämpfen, bis er der größte und geachtetste in der Garde wäre. Sie würde ihn schützen und lehren. Er sollte der Liebste und Höchste des Assur werden. Um dann, am Ende der Tage, sich die Freiheit der Eidgöttin zu wünschen.
Und nachdem weitere Jahrzehnte vergangen waren, war der Gardist der größte Krieger des Reiches, weithin bekannt und gefürchtet und besungen. Und wie es üblich und besiegelt war, beschenkte er den Gardisten am Ende seiner Laufbahn mit Land und Titeln und, da er mit der heimlichen Hilfe der Eidgöttin der vorzüglichste und bekannteste aller Gardisten geworden war, erhielt er zudem einen Wunsch. Und er wünschte sich die Eidgöttin frei von der Knechtschaft des Assur.
Der Wunsch aber, war verräterisch, denn Assur durchschaute mit seiner Klugheit sofort, dass hier eine der Eidgötter den Leibgardisten verzaubert und gebunden haben musste. Und wie hätte er diesen Wunsch hegen können, wenn es nicht eine verbotene Nähe zwischen beiden gegeben hätte?
Assur, der Mächtige, erhob sich in seiner Rüstung vom Thron, die 400 Steine schwer war, und er nahm zwei Lanzen, jede 16 Fuß lang. Und wie es ihm zu eigen war, zielte er auf beide Verschwörer in einem Zug. Eine Lanze erhob sich gegen den unverschämten Gardisten zum Wurf, die andere gegen die Eidgöttin, die sich unter den Hofbeamten heimlich bewegte und erschrak.
Der Gardist sah das Verhängnis in den Augen des Assur gespiegelt. Mit dem linken Auge zielte er auf die Eidgöttin, mit dem rechten Auge fasste er den Gardisten fest in den Blick. Der zynische Assur brüllte: „Wunsch gewährt!“ und spannte die Arme zum Wurf. Der Gardist hatte nichts als den Tod zu erwarten. All seine Rüstung, seine Zauber und Waffen hatte er bereits abgelegt. Nur eine handvoll Sand und Asche verblieben ihm in der Tasche. Genug um ein Auge des Assur zu blenden. Er blendete das linke, dann durchbohrte ihn des Assurs Speer und schleuderte ihn zu Boden.
Der zweite Speer aber, verfehlte die Eidgöttin, da des Assurs linkes Auge vom Staub und Sand gereizt war. Und der Wimpernschlag genügte, dass der gewährte Wunsch sich erfüllen konnte. Die Eidgöttin verschwand in der Feuerschale, aus der sie einst gesprungen war. Doch bevor sie die Flammen umschloss, zog sie den tötlich verwundeten Gardisten mit hinein. Die Eidgöttin war die erste, die dem Assur entkam und das Feuer aus seiner Gewalt befreite, aber sie sollte nicht die letzte gewesen sein. Und man sagt sich, dass man sie und auch den tapferen Gardisten in einem guten Feuer sehen kann, wie auch sie dann zurückblicken und manchmal sogar heraustreten, um ihre Geschichte denen, die am Feuer sitzen, zu erzählen. Und seitdem opfern die Menschen also Gaben im Feuer, auch ohne des Königs Willen und Wissen. Denn die Kraft der Eide ist nun frei von des Königs Willkür.