Zeit dehnt sich…

Unverhofft und doch vorhersehbar war es wieder soweit. Der kleine Metallzylinder hatte kaum seine Flugbahn zwischen Beinen und Pfoten beendet und würde gleich seinen Inhalt über die Umstehenden verteilen, da dehnten sich die Sekunden, befeuert durch einschießendes Adrenalin und pulsierende neuronale Mensch-Maschine-Verbindungen.

Im Moment des Zurückweichens von der Glastüre fingen sich die Blicke von Positive und Regicide. Die Verständigung in diesen Momenten spiegelte die vielen Jahre, die die SFG 77 Seite an Seite verbracht hatte. Beiden war klar, dass es für den Moment nur eine Richtung gab. Lass dem Gift seine Zeit, dann schlag zu. Die Entscheidung zum Zugriff war getroffen worden, auch wenn die Vorzeichen vielleicht nicht günstig standen. Ork und Gnom würden ihren Teil übernehmen.

Aber im selben Moment war auch klar, dass es hier nicht bis zum Äußersten gehen musste, wenn es die Situation ergab. Lance konnte hier nicht bleiben, der Trupp war also gezwungen, irgendwann das Hotel zu verlassen, wenn nötig mit etwas Nachdruck durch Offizielle.

Aber soweit war es noch nicht. Kaum in Deckung erbat Positive die Unterstützung der Geister…

Répondre à Rikdard

„Rikard, du alter Rentiertreiber, ein verdammtes Ping! Spring bloß nicht über Backbord, das geht fast 30m runter… ins Eiswasser! Wir haben die ganzen alten Freunde eingeladen, und die Bude vom Göttergatten belagert, wäre schön wenn du auch aufschlägst! Leider musst du da hin wo du nie mehr hin wolltest, aber was soll man machen…“

Veronica El-Hamrads Antwort an Zoé

Veronica El-Hamrad

Die private Trix-Verbindung erreicht Veronica El-Hamrad auf dem Weg durch den Londoner Smog und Pendlerverkehr. Sie sitzt in einem geschmeidigen Taxi, das autonom gesteuert durch das geordnete Gridlink-Chaos schwebt. Es regnet gerade in Strömen, als Zoé und Veronica miteinander sprechen.

„Alhamdulillah, Zoé! Das ist ja unglaublich. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich überhaubt nochmal von Dir höre!“

Veronica war schon immer sehr resolut. Es scheint sie gar nicht zu kümmern, dass ihre Freundin grade auf der Fahndungsliste steht und in Attentate verwickelt sein könnte. Denn Veroinca weiß durchaus ein wenig bescheid über die aktuelle Lage:

„Das Londoner Büro ist voll involviert, naja, soweit man das sagen kann. Das Attentat hält einige auf Trab. Das Services Department arbeitet eng mit dem Internal Audit zusammen, um Zeugenaussagen für das Attentat aufzunehmen und Beweise zu ordnen.“

Nachdem sie dann Zoés weiterem Bericht gelauscht hat, platzt es aus Veronica heraus:

„Zoé, die Sachlage ist doch ganz anders, mit Kara Lance! Ich glaube Du bist da nicht auf dem Laufenden! Kara Lance ist die Hauptbelastungszeugin gegen die SFG 77. Seit sie hier in London ist, also seit mehreren Wochen schon, hat sie Stunden mit der Ermittlungsgruppe und Innenrevision zugebracht und Zeugenaussagen zu Protokoll gegeben! Sie hat einen Deal gemacht: Kronzeugin gegen die SFG 77, dafür Abfindung und Ausscheiden aus dem Dienst!“

Es scheint, als tut es Veronica gut, die Sache irgendjemandem mal erzählen zu können. Sie plappert energisch weiter:

„Zuerst kam Kara Lance nach London, damit sie besser beschützt werden kann. Sie war in einem Safe House der AIM. Dann wurde langsam klar, dass sie eine Schlüsselzeugin ist und Lambert und die Innenrevision haben einen Deal mit ihr ausgehandelt. So kommt mir das jedenfalls vor.“

„Ich meine, ich bin nicht Teil der Untersuchung, aber ich habe so einiges aufgeschnappt bei uns im Büro. Genral Lambert war auch einige Male hier und hat Lance persönlich befragt. Der Abschussbefehl gegen euer Flugzeug kam auf die dringliche Aussage von Lance hin, dass sie zur illegalen Erwirkung der Starterlaubnis gezwungen wurde und an Bord des Fluchtfahrzeugs nicht nur die geheime Tarnkappentechnik sei, sondern auch Gefechtsköpfe. Sie hat auch en detail Aussagen zu Protokoll gegeben, die vergangene Einsätze betreffen und die Uzun diskreditieren und die SFG 77 mit illegalem Verhalten in Verbindung bringen sollen!“

Veronica versucht ihre wilde Mähne zu bändigen:

„Zoé, die ist nicht Deine Freundin, es sei denn, ihr habt das so abgesprochen. Was echt bescheuert wäre… Die ist euer Sargnagel! Sie belastet die SFG 77 als Terroristen mit Agenda gegen AIM, die sich zudem nach China und sonstwo hin verkauft haben soll. Und ehrlich, das ist nur die Spitze des Eisbergs, von der ich was mitbekommen habe. So wie ich das sehe, kann General Lambert gar nicht anders, als hart gegen euch vorzugehen. Ich meine, Lance ist nicht die einzige Zeugin, aber sie ist DIE Zeugin. Sie wurde wie eine VIP behandelt, mit Bodyguards, Safe House und allem.“

„Seit zwei Tagen ist Lance jetzt privat untergekommen und hat Sicherheitspersonal von AIM für das Hotel abgelehnt, in das sie umgezogen ist. Sie hat scheinbar eigene Sicherheitsleute engagiert. Das kommt allen etwas komisch vor, aber Lambert und die Innenrevision haben was sie wollten, glaube ich. Lance wartet jetzt nur noch auf die Abwicklung ihrer Abfindung und Grünes Licht vom Internal Audit. Dann wird sie London wahrscheinlich verlassen und untertauchen.“

Dann geht Veronica auch auf die Frage nach General Lambert ein:

„Naja, Zoé, General Lamberts Abschussliste, was soll ich da sagen? Er hat sich im CCOM durchgesetzt, das Attentat gegen Uzun aufzuklären und gleichzeitig die Konsequenzen zu ziehen, damit sowas nicht mehr geschehen kann. Also ist er Teil der Ermittlung, aber eben auch Leiter einer Krisengruppe, die Finistère sicherer machen soll. Es gab auch bereits einige Verhaftungen unter AIM-Personal in Finistère kurz nach dem Attentat. Dieser Schütze aus dem Video, das eure Anwälte geschickt haben, der wurde wohl inhaftiert zum Beispiel.“

„Warum Lambert mit Uzun im Krieg lag? Ihm galt von Anfang an Uzun als zu japanisch in seiner taktischen und strategischen Doktrin für Sondereinsätze. In fast jeder Stufe seines Werdegangs musste sich Uzun gegen Konservative durchsetzen. Lambert war stets der Auffassung, dass AIM sich nicht an klassischen Eingreiftruppen der Konzern- oder Schattenwelt orientieren sollte. Er war strikt gegen eine Rekrutierung zivilen Personals. Seine eigenen Konzepte für AIM sahen eine erneuerte, grundständige Militärausbildung vor. Damit ist Lambert aber im Großen und Ganzen bei den Entscheidern auch gescheitert. Oftmals konkurrierte Lambert direkt mit Uzun um Geldtöpfe im CCOM. Außerdem war Uzun ja nur Captain und Major, hat aber immer sehr viel Freiraum von der Firmenleitung gehabt. Das hat Lambert auch immer als Verstoß gegen die Kommandostruktur kritisiert.“

„Ich meine, dass Lambert Uzun nicht ausstehen konnte ist eine Sache. Aber noch mehr kocht Lambert, weil Uzun sich ‚hat in die Luft sprengen lassen, im Herzen der AIM‘. Für den General passt das alles wie die Faust aufs Auge. Ein logisches Versagen auf ganzer Linie und so. Irgendwie respektlos, wenn man bedenkt, dass Uzun für AIM gelebt hat. Es gab keinen einzigen Verwandten auf der Beerdigung… Aber immerhin lässt Lambert keinen Stein auf dem anderen, um Uzuns Tod aufzuklären, da sind sich alle einig.“

Veronica wird stiller und muss schwer schlucken, als man dann auf Fink zu sprechen kommt:

„Das, Fink… also, ich kannte ihn ganz gut. Er war Verwaltungsangestellter. Einer der nettesten Kerle bei AIM, die ich kenne… kannte. Ich habe das Video nicht gesehen, aber es soll im Eingang eines AIM-Gebäudes von einer Überwachungskamera aufgenommen worden sein, kaum zwei Stunden nach Uzuns Tod. Sinngeäß hat er wohl gesagt, dass er die Beteiligung an Uzuns Tod bereut, aber von der SFG 77 erpresst wurde. Man sieht wohl Lance, die beschwichtigend auf ihn einwirkt und einredet, bevor er sich mit seiner eigenen Waffe erschießt.“

Veronicas Augen werden glasig und sie ringt ein wenig mit den Tränen. Scheinbar setzt ihr die ganze Situation doch etwas zu, als hätte es sie tiefer erschüttert als man zuerst denkt.

„Zoé, irgendwas sagt mir, dass ihr das nicht gewesen sein könnt, mit dem Attentat. Das ist nicht AIM. Das macht so überhaupt keinen Sinn. Aber ich kenne ja Deine Kameraden nicht wirklich. Sag mir einfach, dass Du an dieser ganzen Sache einfach keinen Anteil hast, ja?“

„Und was Lance angeht: Ich kann mit ihr nicht reden. Sie sitzt in ihrem Hotel aber außer der Chefetage kommt keiner an sie ran. Ich habe keine Kontaktmöglichkeit. Ich will auch gar nicht. Die ganze Sache macht mir ohnehin schon Magenkrämpfe und ich will kein Risiko eingehen. Wenn Du sie sprechen willst, dann kann ich Dir den Namen des Hotels geben, in dem sie nun unterkommt. Aber dann solltest Du Dich jedenfalls beeilen. Das sieht alles so aus, als wenn sie kurz davor ist unterzutauchen und der AIM für alle Zeiten lebewohl zu sagen. Und Du solltest Dir im Klaren darüber sein, dass Lance Dich wahrscheinlich meiden wird wie der Schnee das Feuer.“

Zu Norges Zusatzvertrag Future Soldier 2080 kann Veroinica zuerst nichts sagen. Auch am Folgetag lässt sie Zoé wissen, dass Norge halt einfach unterschrieben hat für das Sonderprogramm. Es gibt bisher nicht viele Probanden, weil es noch in der Entwicklungsphase ist. Scheint alles seine Richtigkeit zu haben.

Kontakt nach London

Zoe wendet sich über den üblichen verschlüsselten Kanal an ihre gute Bekannte Veronica El-Hamrad.

„Veronica, ich brauche deine Hilfe. Du weißt, wie ich zu hinterhältigem Mord stehe. Uzun war für mich mehr als nur ein Vorgesetzter. Er war Teil der Familie, die ich bei AIM gefunden habe. Jemand wollte nicht nur ihn, sondern vermutlich die ganze SFG 77 für immer aus dem Verkehr ziehen. Ich brauche gerade deine Augen und Ohren. Wir stehen auf General Lamberts Abschussliste und wer weiß auf wessen noch. Wir fragen uns, was seine Agenda ist und warum Uzun ihm so ein Dorn im Auge war? Ihm muss klar sein, dass wir das mit dem Anschlag nicht waren. Was kann sein Ziel über die Auflösung der SFG 77 hinaus sein? 

Irgend jemand bei AIM hat gerade sehr schmutzige Finger und wir brauchen alles, was uns da in eine konkrete Richtung zeigen kann. Weißt du, wer den Befehl gegeben hat, uns zum Abschuss freizugeben? Wir hatten eine offizielle Starterlaubnis und keine gegenteiligen offiziellen Befehle. Was genau ist an dem Tag des Anschlags sonst passiert? Beinahe hätte es nicht nur Uzun erwischt, sondern auch unseren Kameraden Norge, während er sich in der Obhut des Krankenhauses befand. Den Anschlag auf ihn konnten wir gerade noch vereiteln. Sein Zimmer war überwacht, von wem wissen wir nicht und der Angreifer wusste genau, in welchem Winkel er sich bewegen musste. Irgend jemand muss dazu die Befehle gegeben haben. Und unter uns, er ist Teil eines Klon-Programms zur Wiederherstellung von Gliedmaßen, für das er nie unterschrieben hat. Kam irgend etwas aus dem Medicine & Health Department über deinen Tisch, das dir diesbezüglich komisch vorkommt?

Ich habe gehört, dass Fink uns belastet haben soll und sich dann vor laufender Kamera selbst hingerichtet hat. Ist das wirklich passiert, hast du diese Aufnahme jemals gesehen? Wer hat das mit der Aufnahme, so es sie denn gibt, initiiert und wer hat ihn so unter Druck gesetzt, dass er nur noch diesen Ausweg gesehen hat? Lance soll versucht haben, ihn aufzuhalten. Wie geht es ihr? Ich schulde ihr einen großen Gefallen und würde gerne mein Möglichstes tun, sie in der aktuellen Lage zu unterstützen. Sag ihr, dass sie nicht vergessen wurde und wir ihr einen Anwalt zur Seite stellen werden! Sie soll sich darauf berufen, dass sie nach direktem Befehl des Captain gehandelt hat. Und frag sie bitte, wenn es dir irgendwie möglich ist, wem sie unsere Aufnahmen gegeben hat. Wir haben ihr die Beweise für den Anschlag gegenüber des Kameraden überlassen, mit der Bitte das intern publik zu machen.

Ich weiß, das sind viele Fragen und ich brauche alle Antworten, die du nur geben kannst. Erklärungen bekommst du alle von meiner Seite, sobald wir hoffentlich in ruhigeren Zeiten wieder bei einem Cocktail zusammen sitzen.“

Zoe hofft sehr, dass es bald auch ein persönliches Gespräch mit Lance geben wird. Sie will mit ihr mal über ihren Männergeschmack sprechen und fragen, ob sie die letzten Jahre nicht vergessen hat, etwas zu erwähnen…

Hillers Vermächtnis an Zoé

Es dauerte einige Tage, bis die Westhouse-Rechtsanwaltskanzlei für 3.800 Nuyen die Überführung des Nachlasses von Collette Hiller an Zoé Miller sicher bewerkstelligt hatte. Die Verschleierung des Weges nach Dahomey verschlang auch nochmal etwas Zeit. Letztendlich hält Zoé einen schmucklosen Briefumschlag in der Hand, der aus der viel zu großen Dokumentenmappe der Anwaltskanzlei purzelt. Darin befindet sich eine in die Jahre gekommene, abgewetzte Fotografie.

Hillers Nachlass. Auf der Rückseite stehen die handschriftlichen Worte „Semper Fidelis“ mit einem Filzstift geschrieben.

Es handelt sich um die Aufnahme einer militärischen Einheit, offenbar in einer heißen und trockenen Region der Welt. Sie zeigt sieben Soldaten, darunter Collette Hiller. Sie lehnt lässig gegen die Schnauze eines Schwenkflügelflugzeugs, die ins Bild hinein ragt. Die vollverspiegelte Pilotenbrille – Hillers Markenzeichen – lässt keine Zweifel daran, dass sie die Pilotin des Vehikels ist. Ihre Abzeichen weisen sie als Chief Warrant Officer und Heeresfliegerin aus.

Zoé muss vielleicht schmunzeln: Coolness ging Hiller schon über alles, bis zuletzt! Aber Moment, das ist kein Bild von der AIM. Auf dem Dropship steht „3. RGT IMA Army (Airborne) 11. Urban Brigade“. Es ist eine Aufnahme aus Zeiten als AIM noch die IMA war.

Zoé ist angefixt und nimmt eine Lupe zur Hand (oder direkt Copper als lebendes Vergrößerungsglas?). Sie geht die anderen Personen auf dem Bild durch:

Ein grimmig dreinblickender Amerikaner, wahrscheinlich Südstaatler. Er hält locker ein Scharfschützengewehr auf der Hütze aufgestützt. Auf seiner Brust ist der Name „F. Horrigan“ aufgenäht. Er raucht Zigarre.

Zwischen Horrigan und Hiller steht ein schwarzhaariger Europäer mit einer französischen, roten Baskenmütze. Mit einer Hand auf Hillers Schulter, stemmt er mit der anderen ein Maschinengewehr. Der Soldat heißt „F. Walker“ und bekleidet den Rang eines Specialist (SPC).

Neben dem Franzosen steht ein grobschlächtiger Kerl mit russischem Einschlag, ein Corporal. Er schaut grade zur Seite, als das Bild gemacht wurde, als habe er den Auslöser verpasst. Der Mann heißt laut Aufnäher „N. Terminow“.

Vorne knieht dann ein derber Ork mit ausgefahrenen Cyber-Sporen am Unterarm. Ein Sergeant der Fallschirmjäger mit dem Namen „K. Brauer“. Er streckt die Zunge raus, was eher blutrünstig wirkt.

Somit ist Zoé am anderen Rand des Bildes angekommen. Dort sind zwei Personen, die sehr eng beieinander stehen. Der eine ist ein Lieutenant Colonel (LTC) und damit der einzige Offizier der Gruppe. Er trägt seine schwarzen Haare ordentlich frisiert und hält eng an sich gepresst eine lachende Blondine, die dem LTC scheinbar mit einer Hand grade an das Hinterteil greift. Die andere Hand ruht auf der Schulter des LTC. Sie hat auch ihren Kopf auf der Schulter des Mannes abgelegt. Die beiden scheinen ziemlich zwanglos miteinander zu sein und sehen grinsend in die Kamera.

Die lachende Frau ist unverkennbar SPC Kara Lance – ja, genau die Kara Lance, die die SFG 77 seit vielen Jahren eng begleitet hat. Ihren Abzeichen nach ist sie auf dem Bild Teil der IMA Luftwaffe und passt damit nicht so ganz zum Rest der Truppe, die alle Teil der Infanterie sind. Wenn man sehr genau das Bild studiert, kann man erkennen, dass im Hintergrund Krücken liegen. Kara Lance belastet auch nur eines ihrer Beine.

Der LTC, der hart mit Kara Lance flirtet, trägt als Namensabzeichen „Owen“ auf der Brust. Ein Lieutenant Colonel der 11. Urbanen Brigaden der IMA. Sein Gesicht stimmt unfraglich mit dem Portrait des gesuchten Kriegsverbrechers Richard Owen überein…

Es fällt Zoé nicht schwer herauszufinden, dass das Foto um 2061 entstanden sein muss, kurz vor dem Untergang der IMA. Hiller und Lance stehen auf dem Bild an zwei verschiedenen Ecken, aber beide Frauen scheint doch etwas zu verbinden. Lance trägt das Abzeichen einer Kampfpilotin, was aber bei ihrem Rang als Specialist überhaupt keinen Sinn ergibt. Zudem hat Lance die selbe Pilotenbrille wie Hiller, nur nicht auf der Nase, sondern in der Hand, die Owen auf der Schulter liegt.

Auf der Rückseite der Fotografie hat eine geschwungene Handschrift „Semper Fidelis“ geschrieben – „Für immer treu“. Der Satz ist ebenso schwungvoll unterstrichen.

Zoé versucht sich zu erinnern. Es gab einmal ein kurzes aber seltsames Gespräch, dass sie mit Hiller geführt hatte. Es ging um die Jagd nach Richard Owen, die von der SFG 77 damals vorangetrieben wurde. Hiller, die damals, es muss Anfang oder Mitte 2072 gewesen sein, noch im Bereitschaftspool bei AIM gewesen war, und nicht unter regulärem Vertrag stand, hatte abfällig vom dreckigen Ende der IMA erzählt und schien mit diesem Teil ihres Lebens abgeschlossenen zu haben. Von Richard Owen wusste sie nichts – sagte sie damals. Sie hatte aber auch irgendetwas Kryptisches gesagt, das Zoé damals nicht so recht verstanden hatte. In etwa: „Am Ende ist eh alles scheissegal gewesen. Ränge, Vorgesetzte, Aufträge… Und ehrlich, nur Rigger verstehen Rigger. Kameradschaft kann man sich nicht aussuchen.“

Nachricht von Hiller

Als Zoe ihr Postfach öffnet, starrt sie die Nachricht zum Nachlass von Hiller an. Direkt hat sie die schrecklichen Bilder im Kopf, wie sie gefunden wurde. Doch warum steht sie in ihrem Nachlass? Warum muss sie dafür aus dem aktiven Dienst bei der AIM ausgetreten sein? Viele Fragen gesellen sich zu einem flauen Gefühl im Magen. Irgendwas ist hier ganz merkwürdig. Sie erzählt den anderen von dieser Nachricht und bittet den Rechtsbeistand darum, sich der Sache anzunehmen, damit der das Vermächtnis mit ihrer Vollmacht abzuholen kann.

Die Ereignisse überschlagen sich. Lawine ist der richtige Ausdruck, denkt Zoe sich, als alle um Régicide zusammen sitzen. Doch ob diese bald zum Stillstand kommt? Sie hat dabei einen gewaltigen Feuerball im Kopf, der sich von allem, was er mitreißt, nährt und immer gewaltiger wird. Im Gegensatz zu Régicide fühlt sie sich unruhig, getrieben und mit Ziel vor Augen. Yakutien! Atra! Brick! Sie weiß nur nicht mehr, wie sie das ohne die AIM angehen soll. Sie versucht sich zu besinnen und ihre innere Ruhe wieder zu finden und macht sich so gemeinsam mit Régicide zu den bisherigen Schauplätzen in Afrika auf. Sie hat nun oft genug gespürt, dass sie mehr Kraft in sich trägt und tragen kann, als man von außen meinen würde. Und daran kann sie sich hier besinnen. Was sind da schon ein paar Hindernisse – und loderndes Feuer kann man in Bahnen lenken… Es geht weiter. Immer weiter. Denn anhalten kann Zoe nicht mehr. Die letzten Tage hat sie immer wieder daran gedacht zu verschwinden und irgendwo im hintersten Eck der Welt wieder ein paar Touristen durch die Gegend zu fliegen. Aber von manchen Erlebnissen gibt es kein Zurück mehr. 

Quatre semaines plus tard

Der Ankunft in der grauen Zone und der Einberufung des Treffens in Anabelles Haus, ändert sich Régicide verhalten und Stimmung sehr stark. Zwei Wochen lang war die SFG-77 unterwegs, all ihrer Fähigkeiten und Kontakte ausnutzend, um Verfolger abzuschütteln, Spuren zu verwischen und schließlich unbemerkt in der grauen Zone anzukommen. In dieser Zeit hat der Cpt. nie aufgehört zu arbeiten und zu organisieren, sei es aktiv das Ausweichmanöver (niemand spricht von Flucht) durchzuführen, den Bericht an die AIM zu verfassen oder generell das zu tun, was ein Offizier eben so zu tun hat. Etwa sein Team daran zu erinnern, dass sie die Besten der Besten der Besten sind und ihnen dann aus dem Weg zu gehen, während sie ihrer Arbeit tun.

Dann ist man angekommen, die Prinzessin erweist sich als gute Gastgeberin und die Lage in Dahomey scheint auf den ersten Blick stetig bergauf zu gehen. Dann wurde der Bericht an die AIM den Anwälte übergeben… und dann heißt es innehalten. Damit setzt die Notwenigkeit der Cpt. zu sein aus. Auch er muss innehalten.
Doch wer innehält, wird mit sich selbst konfrontiert und seid langer Zeit findet Régicide keine Problem in sich selbst. Sein ganzes Leben lang hat er sich angetrieben und gleichzeitig der Willkür andere ausgesetzt gefühlt.
Diesmal nicht…
Ebenso fehlt im eine Idee für den nächsten Schritt oder eine Richtung, die er einschlagen kann…
Und zum ersten Mal im seinem Leben ist er nicht besorgt. Wenn man akzeptiert, dass es keine Zufälle gibt, erlaubt es einem manchmal den Luxus, sich nicht von der Lawine mitreißen zu lassen, sondern über sie hinweg zu gleiten, sich keine Gedanken um Trümmer und Geröll zu machen, da in diesem Moment alles in Bewegung ist. Wenn alles wieder zur Ruhe gekommen ist, sieht alles neu und anders aus. Egal, was die Lawine mitreißt, den Berg wird sie nicht beschädigen.
Selbst wenn jemand in der Lawine untergegangen ist, kann man erst dann versuchen, ihn zu retten. Wenn er diesen Vergleich in der gemeinsamen Runde zur Sprache bringt, muss er über die Analogie von Feuer und Eis selber schmunzeln. Fast so wie in seiner ersten Vision von Atra…
Wenn die Lawine aufgehört hat zu rollen, wird er sie suchen gehen, bis dahin heißt es, sich auf diesen Moment vorzubereiten.

In den 10 Tagen, die zwischen er der Ankunft in Dahomey und der Antwort der AIM sowie dem Treffen vergehen, wird Régicide sehr viel Zeit mit seiner Tochter verbringen. Besonders wird er mit ihr durch das Land reisen und viele der Plätze besuchen, die für ihn an diesem Ort so bedeutungsvoll waren. Jeder, der ihn begleiten will, ist dabei willkommen. Der Ort des Löwen und der große Baum, das Tal der bunten Steine, der Steinwald. Er wird ein Treffen mit Marun und den Scrapper vereinbaren, nur um ein oder zwei Tage die Gemeinschaft zu genießen. Familie mit Familie. Wenn das Sandorakel zur Sprache kommt, wird er wissend mit dem Kopf nicken:
„Ja, auch ein Platz, den wir aufsuche sollten, aber erst, wenn die Lawine vorbei ist. Wenn wir wissen, wie alles liegt, kann uns dann eine gezielte Frage vielleicht eine gute Richtung vorgeben.“

4 Wochen nach der Flucht

4 Wochen sind vorbei – und Norge fühlt sich wohl. Die Abschlussuntersuchung im Krankenhaus war positiv; und so nimmt Norge es auf sich, mal wieder mit dem altem Leben Kontakt aufzunehmen, auch wenn das Neue als Willem doch sehr ruhig und beschaulich ist.
Er hat sich eine SIN besorgt, die immerhin gut genug ist, sich Tickets für den Nahverkehr kaufen zu können. So reist er nach Hamburg und ruft dort von einem öffentlichem Café aus seinen Account auf, um Nachrichten von Harald Svensson zu lesen. Da stößt er dann auch auf das Schreiben von AIM und rechnet kurz nach. Nun, die 7 Tage wird er wohl kaum einhalten können, wenn er auf Kontakt zu den anderen Wert legt. Aber es gibt ihm immerhin ein wenig Klarheit, wo er bei der AIM nun steht. Es entlockt ihm erstmal nur ein schwaches Grinsen. Ist ja nicht das erste Mal, dass er unehrenhaft entlassen würde. Gut, Anklagen wegen Mord etc., das ist immerhin neu.

Als nächstes schreibt er einige Nachrichten. Erst eine an Sani, um ihr mitzuteilen, dass er wieder wohlauf ist, aber das es wohl zu gefährlich wäre, intensiveren Kontakt aufzunehmen. Auch das diese Nachricht wohl abgefangen wird. Deshalb nur so viel, das es ihm gut geht und sie sich keine Sorgen machen muß.
Als nächstes schreibt er Clark an, bedankt sich für die Blumen am Krankenbett und die Genesungswünsche. Es gehe ihm gut und er hofft, alles wird sich klären.

Weiter benutzt er die SIN und den Account nicht mehr. Meldet sich ab und verpackt die SIN gut. Als nächstes kommt dann sie SIN von Rikard Agmundson heraus, und er überlegt was, er tun soll. Irgendwie muß er ja die anderen kontaktieren, aber einfach so anschreiben, das geht wohl nicht. Nicht mal mit dieser eher unbekannteren SIN aus dem Südafrika Einsatz. Immerhin wurde die ja nie aktiviert. Es besteht die Gefahr, dass man auch diese überwacht, aber ganz risikolos wird es eh kaum gehen, zumindest nicht ohne seine jetzige SIN zu belasten.
So schreibt er unter dem Namen Agmundson die Frau von Positive an. „Skandinavien sendet ein PING. Sag das mal deinem Göttergatten. Kontaktaufnahme erwünscht. Kontrolliere den Account in 3 Tagen.“

Bleibt zu hoffen, dass die beiden sich über solche Merkwürdigkeiten doch mal unterhalten und es auf diesem Weg mon Capitain erfährt, denkt er sich dabei.
Dann kauft er sich wieder mit der Schrott-SIN eine Karte zurück nach Aachen und wartet die drei Tage ab, ehe er sich eine Karte nach Stuttgart kauft. Dort will er dann nachschauen, ob es eine Nachricht gibt. Wenn nicht, wird er wohl offensichtlicher mit Zaunpfählen winken müssen.

Die offizielle Antwort von AIM

Es dauert gut eine Woche, bis über die Anwaltskanzlei eine Note als Antwort auf die eingegebenen Einsatzberichte, Forderungen und Stellungnahmen an die SFG 77 ergeht:

An: Westhouse Legal Services, NY, UCAS

in juristischer Standschaft und Vertretung für

Bazut Morellè sowie Zoé Miller, Harald Svenson, Philippe Boucard, Compton Breslin in der Rechtssache AIM #9822 (fahrlässige Tötung, Erpressung, Verletzung der Dienstaufsichtspflicht, Geheimnisverrat, ungerechtfertigter Einsatz tödlicher Gewalt, unerlaubtes Entfernen von der Truppe, u.a.) .

Die Association Internationale des Mercenaires (AIM) begrüßt die Bereitschaft der vertretenen Personen zur Aufklärung anhängiger Ermittlungsfälle und Sicherheitsverstöße auf dem Territorium der Exklave 1192-2070 (Finistère) vollumfänglich beizutragen.

Der Einheitsverband SFG 77 ist aufgelöst. Die vertretenen Personen sind der 214th Marine Battalion der 1st AIM AEF „Empower“ als Stammeinheit zugeordnet. Die Rückmeldefrist für das Battalionsbüro Finistère, Komplex Hafen, Gebäude A, Zimmer 12094, beträgt sieben Kalendertage ohne disziplinarische Konsequenzen.

Mit sofortiger Wirkung sind die vertretenen Personen aus jeglichen laufenden Einsatzverpflichtungen entbunden und suspendiert, da sie Beteiligte an laufenden strafrechtlichen und disziplinarrechtlichen Ermittlungen sind. Bezüge und Privatvermögen sind bis zur ordentlichen Rückmeldung beim Battalionshauptquartier Finistère sowie der Rückführung aller noch im Feld mitgeführten Sachposten eingefroren.

Verpflichtungen der vertretenen Personen aus Vertragsvereinbarungen über die Tätigkeit als Spezialkräfte für AIM bleiben unbetroffen. Hierzu zählen insbesondere Vereinbarungen über Interessenschutz, Geheimhaltung, Eigentumsschutz, Geheimnisverrat, unerlaubte Nebentätigkeiten sowie Erklärungen zur Verfassungstreue.

AIM bekräftigt ihr Verständnis für das sensible und schutzbedürftige Arbeitsverhältnis ihres Personals in Sondereinsatzbereichen und sichert vollen physischen und Identitätsschutz der vertretenen Personen und deren persönlichen Umfelder für die Dauer der Ermittlungen zu.

Ein Rechtsbeistand wird den vertretenen Personen auf Wunsch bereitgestellt.

gez. Francis, Law Division, Administration Department

gez. GEN Lambert, CCOM, 1st AEF HQ

Worldwide Security Solutions