Nachricht an Zoé wegen Suspendierung

Liebe Frau Zoé Miller,

mit großem Bedauern nehmen wir ihr Ausscheiden aus dem langjährigen aktiven Dienst bei der Association Internationale des Mercenaires zur Kenntnis.

Wir bedanken uns für ihr persönliches Engagement für die AIM-Familie und hoffen, dass sie auf ihre Dienstzeit mit besten Erinnerungen und reich an interessanten Erfahrungen zurückblicken werden.

Die Nachlassverwaltung des Citizen Office hat, verbunden mit ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst, eine notarielle Benachrichtigung aktiviert.

Verfügende Person: Hiller, Collette (ID 0.9.096546V3), verschieden am 2073-10-12; Nachlassöffnung am 2074-01-14.

Begünstigte Person: Miller, Zoé (ID 0.9.057646W4)

Datum der Verfügung: 2072-12-30

Ort der Verfügung: Civic Office; Finistère

Sie können die Nachlassangelegenheiten jederzeit zu unseren Öffnungszeiten im Erbschafts- und Nachlassbüro regeln. Wir stehen Ihnen sehr gerne persönlich zur Verfügung.

Herzliche Grüße,

Ihr Civic Office

Hinweis: Diese Nachricht wurde maschinell erstellt und dient nicht als notrariell beglaubigter Nachweis eines gültigen Erbschaftsanspruchs.

Soirée

Annabelle-Anwesen, Graue Zone, Dahomey

Die Flucht der SFG 77 fand in Dahomeys Grauer Zone, auf dem Anwesen von Annabelle und Positive, ihr vorläufiges Ende – oder besser einen Zwischenhalt. Die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge zu gehen, war die größte Sorge gewesen bisher.

Zuerst hatte man natürlich Norge in die sichere Obhut des Willem van de Flierdt gegeben. Die Funkstille dauerte nun schon in der dritten Woche an – und das war auch so vereinbart gewesen. Dann kam die bestätigte Nachricht über Major Uzuns Tod öffentlich einsehbar über jedes beliebige Trideo-Gerät. Zu dem Zeitpunkt saß die SFG 77 noch in Europa fest. Doch mittlerweile fand man auf dem abgelegenen Landsitz von Prinzessin Annabelle einen vorrübergehenden Hafen.

Mike hatte sich mittlerweile gemeldet und die SFG 77 arbeitete an einer juristischen Strategie, mit der vertrackten Situation umzugehen. Eine aktuelle Kernfrage war nun, wen man wie genau einbinden sollte. In dieser Situation, die von Für und Wider, Hin und Her geprägt war, ergriff überraschenderweise Prinzessin Annabelle die Initiative, als sie Positive und auch andere informierte:

Annabelles Initiative

„Ich habe mir das nun ein paar Tage angehört. Ja, und meine Anwälte ja auch. Wir haben gute Mittelsmänner. Aber es hört sich schlicht und ergreifend nicht richtig an, nun, wenn man wirklich einmal Hilfe braucht, über Dritte und Vierte nach Unterstützung zu buhlen. Ich habe mich daher entschieden, einen Gesellschaftsabend auszurichten. Miss Pria Clark hat bereits zugesagt. Rago und Odam übrigens auch. Und so Andikan will! – werde ich von mir aus auch die Elefantenpriesterin einladen, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass sie aussschlagen wird. Sofern sie nicht ohnehin im Buschland verschollen ist. Auch Sistren und Aidren aus Moskuwa habe ich eine diskrete Einladung geschickt. – Jaja, ich weiß schon.“ Sie winkt ab. „Aber wenn Freundschaftsbande diese Belastung nicht aushalten, dann sind sie es nicht wert. Und eine Gemeinschaft, die nicht den Mut findet, zusammenzukommen, ist keine.“

Einwände gegen eine Einladung von Clark schmettert Annabelle mit einer interessanten Einsicht ab: „Wenn AIM herausfindet, dass sich eine abtrünnige Spezialeinheit hier versteckt, dann werden die diplomatischen Konsequenzen eine Eiszeit einläuten. Glaubt mir, niemand will so eine Eiszeit. Weder ich, noch AIM, am allerwenigsten Miss Clark. Also wenn sie hier ist, euch sieht und alles aus erster Hand hört, dann versteht sie, wie ernst die Lage ist. Sie wird das so delikat behandeln, wie es auch angemessen ist.“

Und so begibt es sich, dass es auf Annabelles Anwesen auf erstaunlich unkomplizierte Weise zu einem diskreten Gesellschaftsabend kommt. Anwesend sind Clark, Sistren & Aidren, Odam und Rago.

Clarks Einsichten

Bewacht durch Annabelles Sicherheitsdienst, Zoés Drohnen und Andikans Schutzgeistern finden die SFG 77 und Pria Clark endlich Zeit für ein vertrauliches Wiedersehen am Kaminfeuer. Der Ausblick über die bewaldeten Hügel der Grauen Zone rufen Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse wach. Doch schlussendlich dominiert ein Thema das Gespräch: die Flucht der SFG 77.

„Ich finde diesen juristischen Schriftsatz gut! Er zeigt immerhin, dass ihr euch ernsthaft Gedanken gemacht habt. Einiges ist sicher ziemlich dreiste Behauptung oder Wunschdenken, aber es ist auf jeden Fall besser, als zu schweigen. Ihr müsst nur vorsichtig sein, dass ihr nicht zu viel auftischt. Wer weiß, wie die Sache ausgeht, und bei Verhandlungen sind zu viele Details manchmal auch hinderlich. Ich kann euch jedenfalls die richtigen Schreibtische nennen, auf denen das landen sollte, über Anwälte.“

Pria ist von der ganzen Entwicklung um die SFG 77 ziemlich aufgekratzt und nervös. Sie scheint die Sorgen der SFG zu teilen und zupft nachdenklich an ihrem Cocktailschirmchen, während sie ins Feuer schaut. Dann lässt sie den Blick über Zoé, Positive, Régicide und Copper schweifen:

„Ich habe Gerüchte gehört, was in Finistère grade los ist. Aber bevor ich damit anfange, folgender Satz: Als die Kampagne AIM Matters so durchgeschlagen hatte, da bekam ich meine fünf Minuten mit Jacqueline Walters. Und sie hat gesagt – und ich zitiere: ‚Captain Uzun hat gezeigt, dass er keine Soldaten geformt, sondern eine Familie gegründet hat. Das sind herausragende Personen, jeder von ihnen. Ich kann nicht sagen, ob das rückblickend der richtige Weg sein wird, aber ich bin mir sicher, dass wenn es schief geht, der Fehler bei uns liegen wird.‘ Den Satz habe ich nie vergessen. Und jetzt habe ich mir ihren Auftritt angesehen, den Nachruf, im Trideo, ihr wisst schon. Ich habe es mir viermal angehört: sie gibt euch Deckung. Aber sie kann im Moment auch nichts machen. Die Sache ist fest in CCOM-Hand. Womit ich jetzt auch bei den Gerüchten angelangt bin…“

Pria kratzt sich im Nacken und fährt sich durch den wilden Haarschopf.

„General Lambert war schon immer der härsteste Gegenspieler von Uzun. Er hat ihm das Leben so schwer gemacht! Das weiß jeder im CCOM. Jetzt will er alles rückgängig machen, die ganzen Doktrinen über adaptive Spezialkräfte. Uzuns Vermächtnis. Das haben mir einige Freunde in Finistère bestätigt. Er ist der Verantwortliche für die Aufarbeitung des Attentats und der aktuellen Situation um die SFG 77 und ich bin mir absolut sicher: er will euch den Hahn zudrehen, ein für allemal.“

„Dummerweise, und das macht mir wirklich Sorgen, scheint es ernste Beweise zu geben, die euch mit dem Tod von Major Uzun in Verbindung bringen. Kara Lance hat euch mit der Flucht belastet, sie ist derzeit als potentielle Mitverschwörerin inhaftiert und wird durch die Innenrevision in London verhört. Fink soll sich vor einer laufenden Kamera in Finistère selbst gerichtet und die SFG 77 dabei belastet haben. Lance hat noch versucht, ihn aufzuhalten. Das ist alles eine unglaubliche Misère!“

Pria deutet auf den juristischen Schriftsatz der SFG 77.

„Und außerdem, habe ich nichts von solchen Beweisen gehört, wie sie da zitiert werden. Ein Angriff auf Norge? Davon höre ich das erste Mal. Die Linie der Ermittlung ist derzeit, dass die SFG 77 Personen erpresst hat, um Uzuns Tod einzufädeln, zu decken, und sich abzusetzen. Wenn es andere Beweise gibt, sind sie entweder sehr gut unter Verschluss oder sie haben die Verantwortlichen nicht erreicht. – Nun, oder sie werden ignoriert.“

Möglicherweise sorgen Clarks Neuigkeiten und Perspektiven für eine hitzige Entrüstung unter einigen der Anwesenden. Es wird die Frage laut, ob nicht wirklich feindliche Kräfte vom Ausmaß der Agooji oder Yakutiens involviert sein müssen; alles, nur um Initiative Tradestop, AIM und die SFG 77 zu schwächen? Aber wäre das nicht eine wahnwitzige Verschwörungstheorie?? Clark teilt eine Sorge jedenfalls ganz klar:

„Wenn es eine Intrige gegen AIM ist, dann wird euer Schriftsatz das nicht auflösen. Mein Tipp wäre: ihr müsst etwas auftreiben, das euch ungeteiltes Gehör und ungeteilte Glaubwürdigkeit verleiht. Irgendwas, das so gut ist, dass ihr damit direkt an diesem General Lambert vorbei bis zur Chefetage gehen könnt. Jacqueline Walters kann sich nicht in eine laufende Ermittlung einmischen, es sei denn, ihr habt einen Beweis, der die Tragweite der Intrige klar aufzeigt. Ich glaube, dann würde sie und das ganze Internal Audit hart durchregieren. Aber in so eine Schlammschlacht über juristische Positionen innerhalb des CCOM und dieses und jenes Beweisstück, da kann sie euch nicht helfen, auch wenn sie das vielleicht gerne würde. Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr das Schicksal der SFG 77 am Herzen liegt. – Wenn ihr etwas Felsenfestes besorgen könnt, das wirklich aufzeigt, wie weit das alles vielleicht um sich greift, mit den Agooji, der Initiative Tradestop und so weiter, dann bringe ich es vertraulich direkt in Jacqueline Walters Vorzimmer. Das kann ich euch versprechen. Aber mit weniger wird es nicht funktionieren, fürchte ich.“

Lebenszeichen von Mike

Mike lässt Zoé eine verschlüsselte Trideo-Aufzeichnung zukommen, nachdem sie mehrere subtile Wege der Kontaktaufnahme versucht hat. Das Datenpaket erreich Zoés falsche SIN (Alleyne Reinolds). Die Trideo-Aufzeichnung ist konstruiert, also ein Matrix-Konstrukt. Man sieht den Wageslave in einer Hängematte an einem Strand.

„Hey Zoé! Wie die Affen seid ihr auf die Bäume geflohen, oder wie?! Unglaublich. Ich hoffe, es geht euch allen gut. Das wenige, das zu mir durchdringt, klingt jedenfalls ernst.„

„Erstmal danke, dass ihr euch um Nancy gekümmert habt. Uns geht es soweit gut. Wir wohnen übergangsweise in einem Appartment im AIM Township.“

Der Wageslave kratzt sich etwas verlegen am Kopf.

„Es gab eine Menge Befragungen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Die Spionageabwehr hat auch Nancy befragt. Also mir dreht sich irgendwie alles und… also wir haben einfach alles auf den Tisch geworfen und geplaudert, was das Zeug hält. Sorry, falls da jetzt was in die falsche Richtung ging, aber in meinem Kopfsalat kamen immer mehr Widersprüche zusammen, also habe ich Flucht nach vorn gemacht.“

Der Wageslave hebt den Zeigefinger, um eventuelle Einwände abzuzschmettern:

„Ich habe die Voltaire-Karte gespielt! Ja, genau. Der Zwerg von der Shigeruu. Weil, also ich hab mal nachgedacht. Erinnerst Du Dich an OP Schneeland, wegen Johansdottir und so? Die Joiner? Diese Feuerwesen? Und der Angriff? Also ich hab da ganz weit ausgeholt und Voltaire wurde tatsächlich hinzugezogen. Dann ist mir diese alte Dechiffrierung eingefallen, das Datenpaket von Aaron Brown! Die läuft ja seit fast zwei Jahren! Kannst Du Dir das vorstellen?! Die sind schier ausgerastet, als ich diese Box aufgemacht habe!“

„Jetzt ist es so, dass ich täglich mit einer Eskorte in den Bunker gebracht werde. Wir versuchen die Daten der Shigeruu zu retten – oder besser gesagt, ich rekonstruiere, welche Datenflüsse überhaupt stattgefunden haben. Der Vanishing Host der NTSU hatte zum Zeitpunkt der Havarie tatsächlich eine Verbindung, und so wie es aussieht, sind massig Daten an die Norweger geflossen, als die Shigeruu sank. Die haben möglicherweise das komplette Bild. Ob das wirklich Antworten bringt, weiß kein Mensch. AIM und NTSU streiten sich grade richtig heftig um diese Daten, wegen der Schadensersatzfrage. So wie es aussieht, wird es einen Decker-Angriff geben, um Firmeninteressen zu schützen. Die NTSU blockt einfach alles ab, dabei zeigen mir die Telemetriedaten, dass die Daten vom Untergang haben müssen! Die rücken aber nix raus.“

„Tja, also ein riesiger Haufen Scheiße, aber immerhin lassen sie mich wühlen. – Die zweite große Baustelle war Beijing, da haben Nancy und ich einfach berichtet, was wir eben konnten. Das ihr mal zu Besuch wart. Von dieser Atra, von der Ausweisung, und die Aktion mit Mijuni, wie ihr Nancy geholfen habt. Major Uzun ist ja jetzt tot, vielleicht hagelt es also nicht direkt auf den Captain durch… aber insgesamt scheint die interne Ermittlung grade auch andere Sorgen zu haben als Beijing. Da stehen aber noch Befragungstermine aus für Nancy und mich. Aber ich glaube nicht, dass das momentan gegen die Shigeruu und den dritten Punkt ankommt…“

Wageslave schaukelt nervöser in der virtuellen Hängematte.

„Der dritte Punkt… Der Major soll tot sein. Also er wurde beerdigt. Ich nehme mal an, dass es also stimmt. Und… also es sieht so aus, als wenn ihr damit was zu tun habt? So zumindest das Wort auf der Straße. General Lambert – ja, der gleiche wie damals auf der Shigeruu – ist mit der Aufklärung der ganzen Anschlag-Sache betraut. Ja, das ist der Idiot auf der Beerdigungsaufzeichnung, der den Schirm nicht aufkriegt. Der hat mich sowas von in die Mangel genommen. Der lässt kein gutes Haar an uns… Zum Glück war ich zum Zeitpunkt der Ereignisse in den Shigeruu-Befragungen, aber ich glaube nicht, dass ich da so ganz unbeschadet rauskomme aus der Sache. Dieser Lambert will die SFG 77 demontieren, von unten bis oben. Der geht alles durch, jedes kleine Fehlverhalten, alles will er wissen. Ich versuche es so wie Copper zu machen: nah an der Wirklichkeit, nicht mehr Lügen als nötig. Aber ich frag mich, ob nah an der Wirklichkeit nicht schon zu nah ist.“

„Wenn Voltaire und diese Ermittlungsgruppe für die Shigeruu mich nicht als Operations Host Admin bräuchten, hätte General Lambert mich wahrscheinlich schon in ein tiefes Loch gesperrt. Vor dem müsst ihr euch in Acht nehmen. Dem kam Uzuns Tod grade recht, um loszuwettern gegen uns.“

Wageslave atmet durch und überlegt.

„Mir steht das Wasser ziemlich bis zum Hals. Ich bekomm‘ kaum Infos über die ganze Sache um Uzun. Die haben mir sogar mein Deck weggenommen! Aber da haben sie mich etwas unterschätzt, hähä. Ansonsten können Nancy und ich uns wenigstens frei bewegen hier in der Basis. Nur ausreisen dürfen wir im Moment nicht, solange das alles läuft. Ich habe außerdem gehört, Fink hätte sich selbst erschossen und Lance sei inhaftiert worden, weil sie euch gedeckt hat. Vielleicht wisst ihr da mehr?“

Der Bericht läuft ins Leere. Wageslave weiß nicht mehr, was er weiter berichten soll.

„Naja, also jetzt hoffe ich mal, dass diese Nachricht Dich erreicht, Zoé. Wenn Du Kontakt aufnehmen willst, dann besorg eine saubere Verbindung und wähle die Trix-Adresse NA-29993076523. Das landet über Umwege bei uns im Appartment auf der Soda-Maschine. Wenn ich da bin, kann ich rangehen.“

„Gruß an die andern… AIM true.“

Contempler

Nach dem der Bericht auf den Weg gebracht wurde, ist es Zeit die Lage neu zu überdenken:
Im Moment ist die Situation mit AIM komplett ungeklärt, der Rest des Team ist geistig schon an einem Punkt, an dem Régicide noch lange nicht angekommen ist. Die Antwort der Firma ist entscheidend für alles! Die AIM muss zunächst mal einen Status für die SFG-77 festlegen, also entweder Régicides Meldung bestätigen, neue Befehle erteilen oder eine Anklage erheben… all das ist möglich und wird die Weichen für die Zukunft unweigerlich verstellen. Was auch immer passiert, es wird Kommunikation mit der Rechtsabteilung bedeuten, so wie mit der Internen Ermittlung. Erst, nachdem wir gesehen haben, wie sich das alles gestaltet, erst dann können wir entscheiden wie es weiter geht.
Wenn wir Pria Clark erreichen könnten, wäre das sicherlich auch von Vorteil; die Frage ist, ob wir sie damit nicht in Gefahr bringen… Andererseits ist es zunächst nicht illegitim, mit anderen AIM Mitarbeitern zu kommunizieren, bis sich die Firma zur Lage geäußert hat. Und auf der Abschussliste der Agooshi ist sie auch schon, wenn auch nicht so weit oben wie wir.

Das bringt uns direkt zu einem anderes Problem, mit dem wir uns nun auseinander setzten müssen: Das wir zurück in Afrika sind…wir haben Feinde hier. Die Agooshi sind immer noch aktiv, die Grenzgänger sind immer noch im Dschungel verborgen, und ich weiß nicht, wie die Sache zwischen den Geschwistern aussieht, die Prinzessin und ihr Bruder haben sich ja nicht unter den besten Bedingungen getrennt.

Wir sollten in Bewegung bleiben, den wir haben auch Freunde hier, Zeit, ein wenig die Runde zu machen und alte Bekanntschaften aufzusuchen. Das wird die Lage klarer machen, Informationen sammeln…die Stammesführer, Sakuna Giwa, Sistren und Aidran…und die Scrapper.
Und ich werde mich weiterhin der Aufgabe widmen, ein Vater zu sein. Für den Moment ist Hénora hier und bei mir, das bedeutet, dass ich diese Zeit so gut es geht ausnutzen muss. Vielleicht ist das meine letzte Chance, so soll es sich zumindest Lohnen. Mal sehen wie gut meiner Kleinen Afrika gefällt.

rapport de bataille

Régicide verfasst einen ausführlichen Bericht für AIM. Dieser soll wie besprochen an das Special Operations Command, das Policy Board, das Direktorat, Human Ressource und an die Interne Ermittlungsabteilung gehen. Der Bericht besteht im wesentlichen aus drei Teilen.

Der erste Teil wird nur an SOC gesendet und besteht aus dem vom Copper zusammengestellten Bericht zu den Vorfällen auf der Shigeruu. Er beinhaltet alle Details zu den Vorgängen auf dem Schiff, wie sie bereits mit Major Uzun besprochen wurden. Abgesehen von Norge gibt es die angeforderten Viedo-Interviews, alle direkten und auch spekulativen Berichte. Lediglich die direkte Ursache bleibt unbeantwortet.

Als Zweites folgt eine genauer und ins letzte Detail ausgeführter Bericht zu den akuten Vorfällen. Alle unternommen Schritte und Entscheidungen, die getroffen wurden, werden erläutert, Régicide lässt keinen Zweifel daran, dass er sich absolut im Recht sieht, er erläutert alle Entscheidungen, die er getroffen hat, zitierten den Dienstweg und begründet die Moment, an denen er die Standartprozeduren verlassen hat. Zusammengefasst ist die Argumentation folgende:

Nach dem Attentat auf den direkten Vorgesetzten hat die SFG-77 sich gesammelt, um weiter Befehle abzuwarten. Im Zuge dieser Sammlung kam es zu einem weiteren Attentatsversuch auf ein Mitglied der SFG-77 durch einen legitimen Mitarbeiter des Sicherheitsapparates der AIM. Zu diesem Zeitpunkt hat der CO SFG-77, Cpt. Bazut Morrel die Einheit in vollen Alarmzustand versetzt und eine Prozess des Ausweichen und Entfernen angeordnet. Mit seiner Autorität hat er eine Fluggerät bereitmachen lassen und Starterlaubnis erwirkt (Hiermit stellt sich Régicide zwischen alle Vorwürfe die man Lance oder Alcolumbre machen kann, da beide nominell seinem Kommando unterliegen)

Im dritten Teil dann folgt der Report seines aktuelle Status und eine Reihe von Vorwürfen, die er seitens der AIM erhebt.

1. Die Umstände um Major Uzuns Tod, die Tatsache, dass das Attentat von langer Seite her vorbereitet wurde, der Zusammenhang zwischen den Nachforschungen des Majors zu Svensons Implantaten und möglicher Verwicklungen der Agooshi (oder andere äußeren Einflüsse) mit Kontakten und Vorfällen innerhalb der AIM.

2. Er protestiert gegen den Angriff auf sein Team. Mitarbeiter der AIM haben mehrfach tödliche Gewalt gegen die SFG-77 angewendet. Abgesehen von den Attentaten verurteile er den Angriff auf das Dropship. Es gab und gibt für einen solches Vorgehen keine legitime Erklärung, im besten Fall handelt sich um katastrophales Versagen seitens des Krisenkommandos von Finestére, im schlimmsten Fall für einen Beweis von Korruption an höchster Stelle.
Der Abflug des Dropships war legitim, die Befehle der Umkehr nicht. Hier wurde weder die Befehlskette eingehalten noch angemessen reagiert. Die Umstände und der Einsatzmodus, unter dem die SGF-77 zu diesem Zeitpunkt operierte, machte eine direkte Rückkehr in ein offensichtlich feindlich unterwandertes Zielgebiet unmöglich. Der direkte Vorgesetzte der SFG-77, in Nachfolge für Major Uzun hat zu keinen Zeitpunkt Kontakt mit Cpt. Morell aufgenommen, seine Befehle widerrufen oder andere Befehle erteilt. Dann kam es zu einem weiteren Attentatsversuch, als das Feuer auf die SFG-77 eröffnet wurde. Kein Handlung rechtfertigt dieses Vorgehen. Selbst wenn man der SFG-77 unerlaubtes Entfernen von der Truppe vorwirft, ist ein Beschuss über französischem Hoheitsgebiet, welcher direkt das Leben von Zivilisten, sowohl an Bord als auch im Zielgebiet gefährdet, unentschuldbar.
Der SFG-77 hätten Befehle in direkter Befehlskette erteilt werden müssen. Gleichzeitig hatten man Garantie erschaffen können, z.B. die Umleitung des Dropships zu einem neutralen Landplatz, um den von Cpt. Morell angeordneten Einsatzstatus aufheben zu können.
Die Beweise zu diesem Vorfall, besonders die Videoaufnahmen des Angriffs auf Norge, stellen eine wichtige Grundlage der Argumentation da.

3. Cpt. Morell protestiert den Umgang mit Mike Goodfellow. Als Goodfellows kommandierender Offizier hätte man ihn über jedwede Situation, Ermittlung oder Lageänderung informieren müssen. Selbst wenn man ihn seinem Kommando entzogen und ein Ermittlung eingeleitet hat, hätte das zuvor kommuniziert werden müssen, außer die Interne Abteilung hat eine Untersuchung der SFG-77 eingeleitet. In jedem Fall verlangt er eine Erklärung und Rechtfertigung für diese Vorgehen. Nicht zuletzt würde Nancy Choi von uns nach Finestére überführt. Als Zivilistin ohne Verbindung zur AIM ist es höchst suspekt und vermutlich nicht legal, sowohl ihre Kommunikationswege zu beschneiden als auch ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken. Auch hierzu verlangt er Aufklärung

Der aktuelle Status der SFG-77 wird als: Im Einsatz, Modus Unabhängig/Geheim angegeben (Hier benutzt Régicide die selben Parameter und Vorschriften, die auch in der Extremsituation in Dahomey angewendet wurden).
Cpt. Morell macht kategorisch klar, das er 100% im Recht ist (Von diesem Standpunkt aus wird er eine zünftiges Disziplinarverfahren gegen ihn beginnen) und stellt dann die nötigen Voraussetzungen für eine Rückkehr der SFG-77:
1. Ein lückenlose Aufklärung um das Attentat auf Major Uzun
2. Ein lückenlose Aufklärung um das versuchte Attentat auf Sgt. Svenson
3. Eine disziplinarische Nachverfolgung der Beschusses seines Teams, im besonderen die Nachverfolgung des Befehls so wie die Anklage gegen sowohl den Sicherheitsbeamten, der einen klaren Mordversuch unternommen hat, als auch die Piloten, welche einem offensichtlich illegalen Befehl Folge geleistet haben.
4. Eine Einberufung einer unabhängigen Untersuchungskommission, durchgeführt durch die Interne Ermittlungsabteilung der AIM, ebenfalls das Zuweisen eines internen Rechtsbeistandes für die SFG-77.
5. Eine Einberufung einer unabhängigen Untersuchungskommission, getragen von den Mitglieder der Trade Stop Initiative unter voller Kooperation der AIM. Eine rein interne Untersuchung erscheint unter diesen Umständen allein nicht ausreichend.

Régicide legt den Bericht dem Team vor und während Copper noch am Fehlerlesen ist, stellt er die Frage: „Wie senden mir das ganze Zeug nun an die AIM. Mit wem nehmen wir zusätzlich Kontakt auf? Und wie holen wir Mike aus der Sache heraus?
Ich hoffe, das es Norge gut geht, mal sehen, wann er was von sich hören läßt.“

Nach dem er sich mit dem Team beraten hat, sind er und Positive damit beschäftigt eine sichere Möglichkeit zu finden seine vielen Berichte abzugeben. Mit der Hilfe von Prinzessin Anabelle ist es die Hoffnung, über eine große Anwaltskanzlei, welche auch als Front für andere Personen und Gruppen dient, die nicht gefunden werden wollen, das Infobündel weiter zu reichen. Informationen die die AIM dringend brauchen wird um das eigene Haus aufzuräumen.

Nachruf auf Katsuo Uzun

Es ist ein verregneter Septembertag an der Atlantikküste. Weiße Uniformen der Urnenträger und Salutschützen stehen im harten Kontrast zum Grau und Schwarz ringsum. Es ist der Hauptfriedhof der Association Internationale des Mercenaires in Finistère.

Nach japanischer Tradition wird die Urne des Katsuo Uzun in weiß gekleidet in die Steingrube hinabgesenkt. Während der Regen leise auf Schirme und Mützen prasselt hält vor gut zweihundert Anwesenden Jacqueline Walters, CEO der Association, den Nachruf:

„Major Katsuo Uzun hat in nur acht Jahren Dienstzeit an einer Sache niemals einen Zweifel gelassen: an seinem festen Glauben an die Ideale unserer Association. Er hat sie wie kaum ein anderer mit tiefem Ernst und mit Hingabe gelebt.“

Jacqueline Walters hebt den Blick kurz in die Ferne, als suche sie ein Lichtblick am wolkenverhangenen Himmel. Oder einen fernen Gedanken.

„Ich traf Katsuo Uzun das erste mal auf der Shigeruu, 2070. Es war eine zufällige Begegnung. Aber dennoch eine, die uns in Freundschaft rasch verband. Er hatte eine offenherzige Natur, die trotz des ernsten Geschäfts, der Hierarchie und der Professionalität unserer Arbeit doch auch immer die Menschen sah, mit denen er sich umgab.“

Eine Windbö reisst plötzlich am Regenschirm, der von einem General des Central Command über Jacqueline Walters gehalten wird. Der Schirm gibt nach, der General kämpft mit dem störrischen Stecken und winkt nach einem Ersatz. Jacqueline Walters spricht im Regen unbekümmert weiter:

„Es ist wie ein unlösbares Rätsel für uns, weshalb Katsuo Uzun heute zu Grabe getragen wird, wenige Tage, nachdem auch die CASS Shigeruu ihren Frieden fand. Ich sehe darin eine Erinnerung daran, das nichts für Dauer ist.“

„Nur wenige hundert Meter trennten den Ort des Anschlags von meinem eigenen Büro. Viele von euch waren viel näher, als Major Katsuo Uzun starb. Er starb durch einen Akt des Hinterhalts.“

Sie macht eine Pause und sieht über die formlosen Gesichter der Anwesenden sowie auch in die Kamera.

„In der jungen Geschichte von AIM, die Major Katsuo Uzun fast die gesamte Zeit begleitet hat, hat es nicht solch eine Tat auf unserem Staatsgrund oder in Einrichtungen in Übersee gegeben. Und ich werde das nicht hinnehmen.“

Jacqueline Walters Gesichtsausdruck nimmt ungewohnt harte Züge an, bei der Frau, die eigentlich immer ein Lächeln und freundliche Worte findet.

„Eine bedingungslose Aufklärung der Hintergründe, der Schuldfrage und der Konsequenzen wird bereits vorangetrieben während wir heute seiner gedenken und uns verabschieden. Das sind wir Major Katsuo Uzun schuldig. Und wer ihn kannte der weiß, dass die Gründe für seinen Tod nur in seinem Dienst und seiner Arbeit für AIM gefunden werden können.“

Der General bekommt endlich einen neuen Schirm gereicht, ist jedoch geistesgegenwärtig genug den Moment nicht weiter zu stören. Er tritt vom Rednerpodest zurück.

„Major Katsuo Uzun war unter den ersten zehn Abgängern der AIM Senior Offricer School in 2066. Er ist der erste Abgänger dieser Schule überhaupt, den wir zu Grabe tragen müssen. Er hat sich für eine offene Reform vieler Doktrinen eingesetzt. Er hatte eine Vision, die ich mit ihm teile. Sie wird weiterleben. Denn mit Vision, Loyalität und Befehlstreue begleitete er AIM durch drei große Kampagnen und hat hervorragende Soldatinnen und Soldaten ausgebildet.“

Eine erneute Pause.

„Katsuo Uzun verblieb kinderlos und ohne Angehörige und lässt uns heute als seine Familie fassungslos und trauernd zurück.“

Jacqueline Walters tritt vom Rednerpult zurück und reiht sich in die Trauernden in Zivil ein. Salutschüsse hallen über den Strand von Finistère hinaus auf die See, wo die Sonne das Meer in der Ferne endlich küsst.

Willem van de Flierdt

Norge hat sich von der SFG 77 getrennt und sucht die Wohnung seines „zweiten Lebens“ in Aachen auf. Dort angekommen, in Willem van de Flierdts Alltag, ist Norges erste Sorge ein Biomonitor in seiner Brust, der seine Geoposition regelmäßig in den Äther sendet. Noch bevor er sich wegen seines Armes ins Krankenhaus begibt, kauft er daher zwei Mirui-Puppen. Eine Haiku-san für Willem und eine Radio Sorceress für Norge, in der Hoffnung, dass er Kontakt zu Miru findet.

Wie es die Eigenart der Miru-Puppen ist, brauchen sie eine gewisse gemeinsame Zeit mit ihren Besitzern, um Vertrauen aufzubauen und zu lernen. Daher ist die neue Radio Sorceress zu Beginn entsprechend reserviert. Doch es scheint, als „erinnere“ sie sich an Teile seines vergangenen Lebens, nachdem er seine Notlage berichtet hat. Natürlich ist die Radio Sorceress eben genau das: eine Hüterin und Zauberin der persönlichen Kommunikation und der Social Media! Entsprechend unbeholfen sind die Versuche, Flucht, verlorenen Arm oder die Trennung von seinen Freunden zu vermitteln. Doch nach einem Tag intensiver Beschäftigung gibt es Lichtblicke: Die Radio Sorceress versteht, dass er sich verfolgt fühlt. Sie beginnt damit, sich mit allen Geräten in seinem Umfeld zu vernetzen und Tipps zu Sicherheitseinstellungen zu geben (oder einfach selbst zu verwalten). Und dann kommt plötzlich der Moment, an dem Norge lächeln muss: die Radio Sorceress bemerkt, dass Norge einen Biomonitor in sich trägt. Einen, der sie neugierig macht. Es dauert eine viertel Stunde des neugierigen Fragens, dann schaltet die Radio Sorceress den GPS-Tracker einfach ab. Möglicherweise konnten Norge und Radio Sorceress an den Rand von Mirus Bewusstsein herankommen. Eindeutig zeigt sich Mirus Einfluss jedoch erst einmal nicht.

Dann geht es endlich ins Krankenhaus! Seinen Kameraden – und insbesondere Zoés Flugkünsten – sei Dank, konnte Norge Finistère ohne Folgeverletzung verlassen. Und abgesehen vom Stress der Flucht war das frisch transplantierte Körperteil unbeschadet geblieben. Zunehmende Schmerzen im Arm während der Flucht und dann in Aachen konnte Norge selbst medikamentieren. Dann wurde es Zeit für die stationäre Versorgung.

Nach einer Woche im Krankenbett wird Willem van de Flierdt entlassen und beginnt sein Leben. Er beginnt die Kontakte zu Orkgruppierungen in Aachen zu erneuern und neue zu knüpfen. Immerhin verbrachte er schon einige Zeit hier in seinen Urlauben und kann die hiesige Sprache doch sehr gut. Er beginnt als Rettungssanitäter zu arbeiten. In Amerika würde man wohl Streetdoc sagen. Tatsächlich versucht er auch zur Straßengang, die bei ihm in der Gegend das Sagen hat, Verbindungen zu knüpfen und bietet günstige Behandlungen ohne Fragen an als Gegenleistung für den üblichen Schutz.

In so einer schlechten Gegend lebt er ja nun auch nicht, aber nur auf die örtlichen Sicherheitsdienste mag er sich lieber nicht verlassen. Zusätzlich kauft er sich eine billige Straßen-SIN mit anderem Namen. Nichts aufwendiges, aber eine, mit der er anonym einkaufen und die Transportmittel benutzen kann.

Dazu bietet er seine Dienste natürlich auch der Bevölkerung an und verdient sich so seinen Lebensunterhalt. Für den Übergang wird er aber wohl an seine Reserven müssen, die er auf dieser SIN geparkt hatte, was ja immerhin ein stolzes Sümmchen ist. Das wenige, was er als Harald Svenson in den Diensten der AIM brauchte, ließ ja genügend an Gehalt und Prämien als Sparvermögen offen und das floß hier her.

So lebt Willem dann wohl die nächsten Wochen, geht in die Ambulante Behandlung und führt Reha-Maßnahmen durch, um seinen Arm zu stärken und versucht, sich aus allem Ärger raus zu halten. Bis zum Ablauf der vier Wochen wird er versuchen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Erst danach macht er sich wieder Gedanken, wie es den anderen wohl gehen mag, vorausgesetzt, diese würden sich nicht früher melden.

aller et retour (there and back again)

Cpt. Bazut Morelle…
Ex-Legionär, Ex-GIGN….
erwachter Magie-Adept, Königsmörder…
Combat-Mage, AIM-Offizier…
Ex-Killer, Ex-Sniper…
Witwer…
Vater…
Bei den vielen Rollen, die Régicide ausfüllen musste oder muss, ist die Letzte eine der Rollen, die für ihn am schwersten zu tragen ist, vor der er sich aber niemals versteckt hat oder versucht, sich aus ihr zurück zu ziehen.
Nach der Rettung von der Shigeruu ist es die Rolle, die für diesen Moment sein ganzen Wesen bestimmt. In Finistère angekommen wird er sich nicht aufhalten lassen, es gibt etwas, was er tun muss und man wird ihn nicht aufhalten. Es ist ihm anzusehen, dass er hoch angespannt, fast schon manisch ist und nur eine Akt extremster Willensanstrengung dafür sorgt, dass er seine Fassung bewahrt.
Bei der ersten Gelegenheit, noch auf dem Flug, hat er zwei kurze, digitale Nachrichten über die Matrix versendet, in Finestère angekommen sucht er ein Schließfach auf und aktiviert das bis dahin ungenutzte Burner-Telefon. Das folgende Telefongespräch wird alles entscheiden. Wenn die Vorkehrungen, die er mit seiner Tochter eingeübt hat, erfolgreich waren, wird sich das nun zeigen. Wer wählt und legt das Handy ans Ohr, diverse Codewörter gehen ihm durch den Kopf, was wird er hören…wird er überhaupt etwas hören?
„Mon petit ange, m’entends-tu?“

Es dauert eine Weile, bis sich tatsächlich jemand am anderen Ende des Telefons meldet. Die Stimme wirkt entfernt und immer wieder rauscht und hakt es, als sei die Verbindung sehr brüchig:
„Bale?“ – „Ja?“
Eine hohe Stimme, aber eher von einem Mann, nimmt den Anruf entgegen. Sie spricht Farsi. Das war möglicherweise unerwartet. Ein langer Moment der Stille. Was tun? Was jetzt? Grade als Régicide seine Gedanken gesammelt hat, spricht die Stimme weiter auf Farsi:
„Sie ist in Sicherheit, in einem Versteck. Es geht ihr gut, sie ist unverletzt. Wir sind in Ankara. Wo soll ich sie hinbringen?“
Die Stimme wirkt ruhig, fast unbeteiligt. Als erinnere sie sich an etwas, fügt sie noch an: „Sie möchte Eis essen gehen.“
Das ist ein Code, wie Régicide weiß. Es geht ihr gut, aber sie möchte Papa schnell sehen. Hätte sie Pizza gewollt, wäre das schlecht gewesen. Hénora hasst Pizza, wegen dem Käse.
Régicide überlegt nicht lange, sein Farsi ist ein wenig eingerostet, aber es genügt für eine einfache Antwort: „Marseille ist schön um diese Jahreszeit, macht euch direkt auf den Weg! Sie kann mich wie abgesprochen erreichen, sobald ihr da seid“

„Und sag ihr, dass es hier das beste Eis gibt (Ich komme und hole dich)“
Er informiert den Rest des Team, zumindest den Teil, der ansprechbar ist. Vieleiche würde einer der Freunde ihn begleiten.
Er miete sich ein Auto, Finestère-Marseille, das ist eine Strecke von wenigen Stunden.
Am Flughafen von Marseille kommt es dann zu einer denkwürdigen Begegnung. Régicide trifft auf einen großgewachsenen Ork mit dunkler Haut und Glatze, gekleidet in einem feinen, grauen Nadelstreifen. Seine Stimme aber ist kindlich hell und klingend. Régicide hat sofort das seltsame Gefühl, das erste Mal in seinem Leben einem echten Eunuchen gegenüber zu stehen.
Aus einem Metallkoffer überreicht er Régicide eine handgroße Messingflasche, die von bunten Glaseinlagen schimmert, durch die das Licht hindurch seinen Weg findet. Chinesisches Kunsthandwerk, wie es scheint. Verschlossen ist die Flasche mit einem verschmolzenem Propf aus Plastik. Überhaupt sind einige Gebrauchsspuren zu erkennen, auch Flecken von Feuer. Respektvoll überreicht er die Flasche mitten im belebten Terminal an Régicide. Die ankommenden Gäste strömen noch aus der Gepäckkontrolle. Die Flasche ist leicht und offenkundig leer. Oder vielleicht auch nicht.

Der Eunuch neigt den Kopf:
„Kinder müssen beschützt werden.“
Mehr weiß er nicht zu sagen. Vielleicht wird Régicide unmittelbar im Terminal die Flasche öffnen. Vielleicht wird er sie arkan betrachten und sehen, dass die Flasche sich dem arkanen Blick entziehen will. Sie erscheint profan, wenn man nicht bereits eine Ahnung hätte… Vielleicht wird Régicide den Eunuchen mitnehmen auf die Toilette oder in einen der Ruheräume am Flughafen, um sie gemeinsam zu öffnen.

Früher oder später öffnet sich der Korken mit einem lauten „plopp“ und hervor springt ein Nebel aus bunten Farben, als würden eine handvoll Kinder in Indien zum Holi-Fest mit dem bunten Pulver mächtigen Schabernack treiben. Der Nebel legt sich auf Oberflächen ringsum, lebendig formt er Gestalten. Einem Kinderzimmer gleich tauchen große Stofftiere auf, eine Eisenbahn, ein Raumschiff, Fabelwesen, Manga-Figuren (ironischerweise auch eine kleine Miru), Tiere und Puppen. Was auch immer Hénora ins Herz geschlossen hatte und mitnehmen wollte – und noch einiges mehr! Rasch zerfällt das wundersame Kinderzimmer wieder zu Staub und zurück bleibt Régicides Tochter, die ihm sofort um Hüfte und Hals fällt:

„Papa, papa! Tu ne vas pas le croire! Der Tempel wurde überfallen und Mama hat mich in eine echte Dschinn-Flasche verzaubert! Ämm… Atra, meine ich! Und in der Flasche waren Geschichtenerzähler! Papa, ich habe Dich vermisst!“

Gekleidet ist Hénora in einem chinesischen, traditionellem Cheongsam, schön bunt, für Kinder gemacht. Sie hat wenig Habe dabei. Ein Stofftier, einen Kinderrucksack, aber nicht viel mehr. Hunger musste sie wohl nicht leiden und langweilig war ihr auch nicht gewesen. Sie wirkt lebendig. Höchstwahrscheinlich wurde sie in der Flasche vor allzu verstörenden Erlebnissen verschont.
Der Eunuch, der scheinbar eine Schuld zu begleichen hatte, geht alsdann unbeeindruckt seiner Wege. Mehr hatte er nicht zu überbringen.

Mit seiner Tochter auf den Arm verlässt Bazut den Flughafen. In seinem Kopf hat sich, für ihn überraschend, einiges sortiert.
Es gibt keine Zufälle….
Schicksal bedeutet nichts anderes als die Entscheidungen zu akzeptieren, die man getroffen hat…
Niemand wird für ihn entscheiden, was das Richtige ist…

Hénora erklärt ihn die vielen, interessanten Dinge, die sie in ihrer Flasche erlebt hat, während er sie in ihren Kindersitz schnallt. Dann meldet sein Telefon, eine Nachricht von Copper.
1700?…ist das Machbar…?
Er tippt eine Antwort: „Vielleicht verspäte ich mich ein wenig“
Dann blickt er zur Seite: „Schaffen wir das?“

Gespräch noch im Rettungsboot

Bazut und Zoe kauern wie die anderen auf der Rettungsinsel, mit Blick auf der Stelle, an der vorher noch ein Stahlkoloss das Meer beherrschte. Sie sind alleine und ungestört. Er spricht sie an:

„Ich würde gerne versuchen, dir meine Problem zu erklären, vielleicht kannst du mir dabei helfen, meine Entscheidung abzuwägen.

Ich haben das Gefühl, in einen Zustand zurück zu rutschen, aus dem ich mich herausgehoben hatte. Ich habe dir mal erklärt, dass ich vor nichts Angst habe. Ich war mir sicher, dass ich auf eine Konfrontation mit einer Wesenheit zusteure, die ein Teil der 4. Welt war und sich nun gewaltsam in die 6. Welt geschoben hat, zumindest so lange, bis ich ihm ein Auge ausgeschossen habe. Ich wollte nur dafür sorgen, dass meiner Tochter nichts geschieht, wenn ich diese Konfrontation eingehe. Deshalb habe ich es vermieden, dass sie dort ist oder lebt, wo ich bin. Ich war ein Soldat auf einer Mission und nichts würde mich aufhalten.

Adra war andere Meinung. Durch sie habe ich verstanden, dass es zwar keine Zufälle gibt und auch kein Schicksal, dem man sich fügen muss. Es sind Entscheidungen, die man trifft und deren Konsequenzen, die man trägt; Pakte, Schwüre und Verpflichtungen, die man eingeht und die bestimmen, wer man ist.

Ich sehe mich nicht länger als Soldat, aber zweifelsohne bin ich ein Kämpfer, ein Krieger – und wenn man die Konflikte ansieht, zu denen ich mich verpflichtet habe, kann man zu dem Schluss kommen ,dass ich mich als ein Helfershelfer solcher Kräfte verstehe, die mehr nach Einklang und Harmonie streben. Und immer wieder hat Adra angedeutet, dass es etwas gibt, was ich tun, oder besser, was ich werden soll.

Aber in ihren Erklärungen hat sie es immer vermieden, mit mir echtes Wissen oder Verständnis zu teilen und das bringt mich nun wieder an einen Entscheidungspunkt. Wenn ich akzeptiere, dass ihre Vernichtung bereits unabwendbar oder vollzogen ist, dann sehe ich mich zurückkehren zu alten Mustern. Komme was wolle, ich muss mich nach Bejing schleichen und Henora holen. Ich muss eine Platz finden, an dem sie sicher und gut behütet ist und dann muss ich die Dinge zu Ende bringen, die noch offen sind. Lena befreien ist der erste Schritt, doch dann folgt Lung aufhalten und Miru vernichten. Diese beiden stehen im direkten Gegensatz zu den Dingen, die wir versucht haben in Dahome in Ordnung zu bringen. Beiden geht es um Kontrolle und eine Welt, die so ist, wie sie sie sich vorstellen.

Oder ich versuche Adra zu befreien und zur gleichen Zeit Brick zu finden, ich denke nämlich, dass die beiden am gleichen Platz gefangen gehalten werden. Möglich, dass ihnen das gleiche Schicksal bevorsteht. Keine dieser Optionen scheint auch nur annähernd durchführbar, schon gar nicht für mich alleine, andererseits habe ich Skrupel, mehr Leute damit hinein zu ziehen. Und damit komme ich jetzt zu dir, wie denkst du über die ganze Sache….was wirst du tun?“

—

Zoe nickt und denkt einen Moment nach. 

„Ich bin froh, dass du das Gespräch suchst, Regicite. Du musst nichts mehr alleine durchziehen, die Gruppe ist so zusammengewachsen, dass es nicht mehr die Probleme eines Einzelnen gibt.“ 

Sie macht einen Pause und zündet sich eine Zigarette an. Komisch, seit wann raucht Zoe eigentlich, denkt sich Regicite. Zoes Handbewegung kommt ihm bekannt vor und das Feuerzeug muss sie sehr unauffällig wieder verschwinden lassen haben. Es beruhigt ihn, dass das Ding ganz normal vor sich hin qualmt, er ist sicher nur zu sehr in Gedanken…

„Atra ist noch nicht verloren. Ich kann sie spüren.“ 

Sie blickt Regicite direkt an. „Ich spüre mehr als sie. Das rauchlose Feuer ist noch nicht erloschen und ich weiß, dass wir noch hoffen können. Ob es etwas wie Schicksal gibt? Es fühlt sich zumindest gerade so an. Ob uns jemals jemand unsere Fragen beantworten wird? Ich weiß es nicht. Vielleicht sieht Atra echtes Wissen nur als solches an, das du selbst erlangt hast.

Aber alles ist irgendwie verbunden. Atra, Brick, wir, das ganze Team… Ich glaube, wir müssen sie und ihn finden, Regicite! Es ist unser beider Weg und auch der Weg der Gruppe. Wir haben das gemeinsam begonnen, wir können es nur gemeinsam beenden, die Entscheidung ist schon vor langer Zeit gefallen. 

Es liegen viele Wege vor uns und wir müssen uns für einen entscheiden. Aber jeder davon führt uns nach Yakut. Ich kann dir nicht sagen, ob deine Tochter sicher ist und ich kann mir vorstellen, wie sehr dich das belastet. Aber wir haben keine Zeit zu verlieren. 

Was deine Gedanken zu Miru und Lung angeht, ich weiß nicht, was ich dazu denken soll. Lung gehört nicht mehr in diese Welt. Miru ist die Zukunft. Können wir es uns anmaßen, ihre Ordnung zu zerstören. Was folgt dann? Oder wer folgt? Welche Verantwortung übernehmen wir dabei? Das ist etwas, das ich gar nicht entscheiden möchte.“

Zoe wendet ihren Blick ab und starrt in die Ferne.

—

Bazut folgt ihrem Blick….und nickt:

„Du hast recht, dass das keine Entscheidung ist, die man treffen sollte…ich denke nicht mal, dass es jemandem zusteht zu entscheiden, wer wo hingehört!
Aber es sollte auch niemanden geben, der für alle Anderen entscheidet!“

Er sieht wieder zu Zoe herüber und wartet, bis sie mit ihren Gedanken wieder im Hier und Jetzt ist:
„Ich fliege nach Bejing und zwar gleich! Das heißt, sobald wir irgendwo angekommen sind, mache ich mich auf den Weg, egal was die AIM oder wer auch immer will. Im besten Fall bin ich in zwei Tagen zurück. Ich habe in den letzten 18 Monaten mehr Zeit mit meiner Tochter verbracht als die Jahre zuvor und auch wenn sie noch sehr jung ist, ist ein ziemlich kluges Kind, kommt wohl nach ihrer Mutter, gleichzeitig ist sie vorsichtig und misstrauisch gegenüber unerwarteten Situationen, kommt halt auch nach ihrem Vater. Ich habe mit ihr viel von Bejing erkundet und oft darüber gesprochen, was sie tun kann oder soll, wenn Dinge passieren, die ihr nicht gefallen. Wie gesagt, wenn alles gut läuft, finden ich sie an einem der ausgemachten Plätze oder Personen und komme mit ihr zurück.
Da ich denke, dass der Angriff nicht mir oder ihr gegolten hat, hoffe ich dass das der Fall ist. Ich weiß immer noch nicht genau, wie Atras Schöpfer und mein, ja was ist der – einäugige Drache – eigentlich für mich… Gegenspieler, Nemesis, unfreiwilliger Schöpfer? Wie auch immer, ich glaube nicht, dass er mit dieser Sache etwas zu tun hat. Für mich ist es unmöglich, nicht zu gehen…

Er hält einen Augenblick inne…:

„Wenn ich sie finde, brauche ich aber eine Platz, an dem sie für einen Moment sicher ist… könnte ich sie vielleicht bei deinen Leuten unterbringen. Als wir euch im letzten Jahr besucht haben, hat sie sich sehr wohl gefüllt, sie ist sowieso dein größter Fan!“

Dann fällt sein Blick auf Norge und dann auch die anderen:
„Ich möchte keinen im Unklaren darüber lassen, was passiert ist, auch Norge nicht. Alle sollen alles erfahren und dann die Chance haben, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Ich werde auch nicht für andere entscheiden, was sie zu denken haben. Entweder du macht das, während ich weg bin, oder wir machen es alle zusammen, sobald ich wieder zurück bin… Ich denke, dass wir mit Positive und Copper gleich jetzt anfangen sollten!

—

„Ich wollte meine Familie immer raushalten und nicht in Gefahr bringen. Aber du bist inzwischen eben auch Familie. Wie kann ich da nein sagen? Ich spreche mit meinen Leuten, die beschweren sich ohnehin dauernd, dass mein altes Zimmer leer ist. Was das Gespräch mit den anderen angeht …“ Zoe unterbricht sich und sieht in den Himmel. Eine Minute später hört auch Regicite den nahenden Helikopter.

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