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NTS Special Report 04’2072

Hope in Flames

Die Hope2029 Plattform, die älteste der P.A.S.S (Permanent Above Surface Strukture) erleidete heute ein tragisches Schicksal.

Um 5:40h Ortszeit kam es zu einer Explosion, welche eine der drei primären Strukturen der Anlage einstürzen ließ. Die Evakuierungsmaßnahmen dauern an, ebenso die Löscharbeiten. Auf der Station befanden sich zum Zeitpunkt des Unglück ca. 13.000 Menschen, die Zahl der Opfer ist noch unbekannt.

Strategisch ist die Anlage von geringerer Bedeutung als andere potenzielle Ziele. Bisher sind die Ursachen der Explosion unbekannt. Oceanic-Technologies, der Hauptbetreiber der Hope2029, spricht in seiner offiziellen Pressemitteilung von einem tragischen Unfall. Eine Beteuerung, die in der internationalen Informationswelt mit großer Skepsis aufgenommen wird.

Hope2029 ist die älteste PASS im Pazifik und einer der ersten permanenten Großbauten auf Carbon-Nano Basis. Ihre Konstruktion und die daraus gesammelten Erfahrungen legte die Grundlage für den Bau der großen Arcologies in den fünziger und sechziger Jahren.

Seit der Inbetriebnahme der Anlage 2030 haben sich 17 kleine und große Firmen auf der Plattform angesiedelt. Im laufe der Jahre, nachdem die lokalen Rohstoffe abgebaut waren, haben die Tourismusbranche, die Meeresbiologie und aquatische Forschung, sowie eine kleine Community von Aussteigern die Station für sich erobert.

Der Plattform-Konflikt

Der in den letzten Wochen eskalierende Konflikt im Pazifik wird mit zunehmender Häufigkeit als der Konflikt der Plattformen bezeichnet. Die Zerstörung der Hope 2029, auch wenn dieser Zwischenfall bisher noch als Unfall geführt wird, setzt einen Trend fort der mit dem Anschlag auf die Kappa YC seinen Anfang genommen hat.

Heute morgen steht eine weitere P.A.S.S. im Mittelpunkt des Interesses. HEM (Hight Energie Midway), eine moderne Raffinerie-Anlage, welches in einem unbewohnten Atoll der Midway Inselgruppe eingebettet liegt, wurde durch ein anonymes Luftlandebatalion besetzt.

Der Aufsichtsrat der Plattform versichert, dass es sich hierbei um eine vorbereitete und genehmigte Aktion handelt um: „Die Sicherheit dieser Milliarden teuren Einrichtung zu garantieren“

Gerüchten das es zu Auseinandersetzungen und vereinzelten Schusswechseln gekommen sein soll, wurden nicht kommentiert, ebensowenig die Verhaftungen ganzer Teile der Belegschaft, vor allem mit taiwanesischer und chinesischer Abstammung oder Verbindung.

Es wird spekuliert das es sich bei den Sicherheitskräften um einen Teil der im Pazifik Operierenden Streitkräfte der Association Internationale des Mercenaires handelt könnte. Die AIM scheint ihrer Aktionen im Pazifik, so wie ihrer Mannstärke, weiter auszubauen.

HEM betreibt den fünft größten Teilchenbeschleuniger der Welt und ist der Weltweit führende Hersteller für Anti-Protonen. Ebenso ist es einer der produktivsten Raffinerien für das experimentellen Syntheseelement Etusan III.

Durchbruch in der hermetischen Forschung

Einem internationalem Team von Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen die Existenz von konzeptionellen Geistern nachzuweisen. Diese Wesen sind die Manifestation einzelner Konzepte des Lebens, der Zivilisation und der erwachten Welt. In nahezu allen Kulturen gibt es die Idee der „lebenden Welt“, diese Geister stellen die Verfestigung solcher Traditionen dar.

Dem Team, welches unter der Führung von Forschern der NTNU in Trondheim, dem Hermetischen Konzil von Köln und dem Trinity College of Wizardry in Dublin operierte, konnte sowohl die Existenz eines solchen Geistes astral bestätigt, als auch seine Wirken auf die materielle Welt mit Hilfe von Messinstrumenten nachgewiesen werden.

Bei dem besagten Geist oder Geistern, welche die hohen Berge Norwegens und Schwedens zu durchstreifen scheinen, handelt es sich um einen sogenannten „großen Wanderer“.

In der Welt der magisch Gelehrten löste diese Nachricht nicht nur positive Reaktionen aus. Wenn auch die meisten Arkanen die Arbeit des Forschungsteams lobte, sorgt die Bestätigung, dass ein „Großer Wanderer“ aktiv sei, für gemischte Gefühle.

Pavlof Piontkosky, der Weltbekannte hermetische Theoretiker und Philosoph, veröffentlichte wenige Stunden nach der Nachricht ein Thesenpapier in dem er die Bedeutung dieser Tatsache zusammenfasst.

Die „Großen Wanderer“ sind Vorzeichen eines Umschwungs in der Welt, Omen für die Zyklen die unser Planet durchläuft und deren folgen das Erwachen oder die Goblinisierung sind.

Das Papier von Herrn Piontkosky endet mit: „Die Frage, die nun im Raum steht ist, ob wir am Ende diese Umschwungs angekommen sind, ob wir in der Mitte stehen oder gerade erst begonnen haben?“

Der Nauduang-Bericht

„…und so schließt der Aufklärungsbericht mit der Feststellung durch unsere Operatives, dass ein Angriff auf die Instandsetungsgruppe absolut erwartbar ist. Ein Vorrücken in das Tal würde die Hand mit der Lunte an genug Sprengstoff legen, um die ganze Provinz Pi Taak weiter zu destabilisieren.“

Die Anwesenden des Polizeikommissariat Kalimantan bewegen sich durch die virtuelle Repräsentation einer festlichen Zusammenkunft. Goldene Figuren tanzen um das Idol der Freundlichkeit des Alten Chan. Ringsum scheinen alle Gäste eingefroren. Bauern, Handwerker, Dealer, Mörder, ein oder zwei Gesichter aus den Topp Zwanzig der indonesischen Fahndungsliste, alle verharren sie leblos und doch fast zum greifen lebendig. Die Polizisten wandern in dunkle Schatten der Unaufmerksamkeit, dann wieder in dichte Felder höchster Konzentration. Im Zentrum der virtuellen Illusion: eine kleine Gruppe aus Gnomin, Ork, Troll und Mensch.

„Und Ihre Leute sind einfach in diese Gruppe hineinspaziert und haben diese Aufnahmen gemacht? Das ist ja zum anfassen nah. Man kann die biometrischen Daten von den meisten einfach so auslesen. Man riecht sogar die Zigarre vom Ork!“

„Ja, unser Team hat sich den Gegebenheiten angepasst und die Datengewinnung priorisiert.“

„Also eine Familienfehde der Chans, kein politischer Terror.“

„Sie klingen enttäuscht, Commissioner.“

Der Commissioner tritt vor die drei eingefrorenen Chan-Geschwister. Einer der Brüder zieht grade eine transparente Visitenkarte aus seinem teueren Designeranzug.

„So oder so, es ist Krieg. Das macht keinen Unterschied.“

„Die Frage ist, gegen wen ihre Polizei und ihr Land einen Krieg zu führen gedenkt. Das macht sehr wohl einen Unterschied. Wenn sie einen Vorwand suchen, um Militär im Inland einzusetzen, dann erwarten sie bitte nicht, dass AIM den Kopf dafür hinhält.“

„Ach hören sie auf, Colonel. Peter Chan hier, ist etablierter Waffenhändler zwischen Asien und UCAS. Und seine Schwester Claire hängt bis zu den Ellenbogen in den Bandenkriegen in Singapur. Und wenn ein Staat oder Unternehmen von innen heraus fault, dann warten die Hunde außerhalb der Grenzen, um darüber herzufallen. Faktisch fördern feindliche Staaten doch mit Genuss das Verbrechen bei den Nachbarn. Jeder Verbrecher im Land ist eine Bedrohung der nationalen Sicherheit und des äußeren Friedens!“

„Wenn das so ist, warum haben sie überhaupt noch eine Polizei, und tauschen nicht gleich alle Streifenwagen gegen Schützenpanzer aus? Ich verstehe sowieso nicht, welchen Vorteil sich bei dem Ganzen für ihr Kommissariat bietet. Für mich sieht das so aus, als verlieren sie auf jeden Fall. Erst eskalieren ihre Leute den Streit mit der Chan-Familie, dann suspendieren sie die eigenen Leute und am Ende wollen sie der Armee platz machen?“

„Das ist jetzt auch egal. Mit den Aufzeichnungen wird es wohl eine Polizeisache bleiben. Weil ihre Leute nicht den Mumm hatten die Lunte auch zu zünden, wird man jetzt mit den Chans verhandeln müssen, wie mit einem eitlen Königreich. Ich hätte ihnen keinen einzigen NuYen gezahlt.“

Der Commissioner wendet sich dem Colonel des AIM Central Command zu. Der antwortet kühl:

„Die Aufklärungsabteilung der Indonesischen Armee sah das etwas anders, nachdem die Observationsdaten ausgewertet waren. Wenn sie ein Trittbrett suchen, dann bitte nicht im Pazifikkonflikt. Ich kann ihnen versichern, dass wir genug Sorgen haben. Suchen sie sich ein paar der kriminellen Gesichter aus, die sie hier um sich sehen, und montieren sie die auf ein paar altmodische Fahndungsfotos. Allein dieses Standbild könnte eine Kriminalabteilung für organisiertes Verbrechen Monate beschäftigen. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, warum sie sich bei uns beschweren.“

„Schicken sie uns die Biometrischen Daten der ganzen Trauerfeier – und sparen sie sich die halbklugen Belehrungsversuche!“

Der Commissioner und sein Team unterbrechen die Matrix-Verbindung und verschwinden wütend aus der Szene. Nur der Colonel und Captain Uzun bleiben zurück, als sich die eingefrorene Simsense-Repräsentation wieder zu bewegen beginnt. Die Visitenkarte wandert in die Hände von Régicide. Die Gruppe verlässt die Feierlichkeit. Dabei blitzt die Szene kurz auf. Ein kurzer Absatz, die Uhren springen kaum merklich 9 Sekunden auf einen Schlag. Der Captain und der Colonel schweigen eine Weile.

„Ihre Einschätzung, Captain?“

„Wir kratzen hier nur an der Oberfläche. Das stinkt nach Korruption, Sir. Wir haben andere Probleme.“

„Ja. Schneiden sie den Indonesischen Verbündeten und dem Commissioner eine handliche Fassung dieser Aufzeichnungen zusammen. Nur die Eckpunkte. Keine Internas, keine sensiblen Daten unsererseits.“

„Verstanden Sir. – Und wie geht es dann weiter, in Pi Taak?“

„Wenn Indonesien seine Truppen enger an die malayische Grenze verlegen will, müssen sie sich wohl selbst mit den Kartellen rumschlagen – oder sich sonstwie einigen. Ich sehe nicht, dass dieses Flugfeld zeitnah erschlossen werden kann. Da wurde uns zu viel versprochen. Ich denke auch nicht, dass das Central Command Interesse daran hat, den Pazifikkonflikt auch noch auf die Innenpolitik Indonesiens auszuweiten.“

„Klingt gut, Sir.“

„Schicken sie ihre Spezialisten eine Weile in den Urlaub. Und dann verlegen sie das Team mitsamt dem experimentellen Kommunikationswesen zur 2. Trägergruppe vor Japan. Dort soll weiter trainiert werden. Wenn es im Sommer zur Bodenoffensive kommen sollte, werden wir das Special Transport Ground in die Landungsspitze legen – wenn sich ihr Team weiter bewährt.“

„Machen sie sich keine Sorgen, Captain. Das Team macht ständig Fortschritte.“

„Legen Sie mir die Evaluationsergebnisse und die weiteren Verwendungsempfehlungen vor, sobald sie soweit sind.“

„Jawohl, Sir.“

Die nebelverhangene Insel in Hutan Dui verblasst langsam. Die Trauerfeier löst sich auf, im digitalen Strom des virtuellen Raumes. Zurück bleibt ein leerer, grauer Raum aus Stahl und kupferdurchwirkten Plastiksegmenten. Captain Uzun und der Colonel nehmen ihre Datenkappen ab und verlassen den Raum durch ein Wandsegment, das lautlos zur Seite gleitet.

Pacific News and Beyond

POLITIK – Oslo, Norwegen – Die Skandinavische Union hat die Präsidentschaft des Krisenpräventionsrates der Vereinten Nationen übernommen. Damit einhergehend werden der Internationale Strafgerichtshof sowie zahlreiche weitere Gremien der Internationalen Gemeinschaft durch Skandinavische Hand verwaltet.

In der aktuellen Pazifikkrise geht damit ein schweres Erbe an die fünf Mitgliedsstaaten und zahlreichen Unternehmen Nordeuropas über. König Carl Toresson von Norwegen gab bekannt, dass er eine hochrangige Gesandtschaft nach Hong Kong entsenden wird, wo man derzeit versucht die Beteilgten am Kampf um Okinawa an einen Tisch zu bekommen.

KULTUR – London, England – Das Metahuman Pride Street Festival kehrt zum achten Mal nach London zurück. Metamenschenaktivisten aus aller Welt werden zur größten Zusammenkunft dieser Art erwartet. Neben Demonstrationen, Vorträgen und kulturellen Beiträgen werden vor allem Ausgelassenheit und Feierlaune geboten.

Konservativen Lobbygruppen haben zahlreiche Blockaden, Hürden und Hindernisse gegen einen reibungslosen Ablauf angekündigt. Allen Widerständen zum Trotz werden über 4 Millionen Metamenschen erwartet. Norms are welcome!

WIRTSCHAFT – Indonesien – Mit Rumadan Inc. meldete gestern einer der seit Jahrzehnten führenden Produzenten der radioaktiven Elemente Promethium und Lutetium Konkurs an. Ein Gesellschafter gab in Jakarta bekannt, dass mit den acht exklusiven Exporteuren und Zwischenhändlern des Unternehmens eine Übereinkunft getroffen wurde, die Produktion vollständig zurückzubauen. Als Gründe wurden die absehbare Erschöpfung der Lagerstätten sowie eine Umorientierung in der Produktionsweise bekannt gegeben.

Die acht exklusiven Exporteure haben sich darauf verständig in enger Zusammenarbeit mit dem Unternehmen High Sea Deep Sea Opening (YC) eine neue Äre der radioaktiven Elementverarbeitung einzuleiten. Dies trifft viele Forschung- und Entwicklungsabteilungen in der Energie- und Umwelttechnik unvorbereitet. Ein Sprecher der High Sea Deep Sea Opening gab bekannt, dass mit einem experimentellen Syntheseelement Etusan III nun eine stabil einsetzbare Alternative zu den radioaktiven und schwer umweltbelastenden Elementen Promethium und Lutetium vorliege.

Man habe sich mit Rumadan Inc. auf eine generöse Abfindung geeinigt und wird nun in den kommenden 10 Jahren den Rückbau der Lagerstätten im indonesischen Raum betreiben. So soll eine rücksichtsvolle Stilllegung dieses Produktionszweiges erfolgen, die sowohl die ökologischen als auch wirtschftlichen Konsequenzen angemessen berücksichtigt.

Ein Bezug zu den neuerlich in der Matrix kursierenden Berichten über Streiks und Unruhen innerhalb der Rumadan Inc. wurde nicht bestätigt. Vielmehr handele es sich um einen lange geplanten Übergang in eine neue Ressourcensparte, von der man sich weltweit positive Effekte für Umwelt und Wirtschaft verspricht.

Für die zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Rumadan Inc. ist eine Ruhestandslösung erarbeitet worden. Die Insel Jaudariruma verbleibt weitere zehn Jahre im Besitz der Rumadan Inc. und wird danach der Indonesischen Regierung übergeben. Zudem ist ein weiteres Bleiberecht für Konzernangehörige auf 25 Jahre festgesetzt.

Erfreulich ist es indessen, dass ein Customer Agent der Yutani Corporation bekannt gab, man werde die weltweiten Bedürfnisse nach Promethium und Lutetium angemessen berücksichtigen. Mit der Freigabe der Lagerbestände und der Aufhebung bisher gültiger Exportbegrenzungen wird daher eine erhebliche Preissenkung in den nächsten Jahren erwartet. Dies soll Unternehmen, die auf Promethium und Lutetium angewiesen sind, die Gelegenheit geben, sich den neuen Technologien anzupassen. High Sea Deep Sea Opening gab weiterhin bekannt, dass die Produktions- und Verarbeitungspatente für Etusan III ab sofort lizensiert werden um eine langsame Anpassung an neue Standards zu ermöglichen.

Diese Ereignisse kommen in einer denkbar ungünstigen Zeit. Experten beurteilen das Timing von Indonesien und der Yutani Corporation als sehr schlecht. Der Preisverfall von Promethium und die Einführung neuer Verarbeitungsprozesse auf dem Weltmarkt, maßgeblich durch die Yutani Corporation kontrolliert, werden den aktuellen Pazifikkonflikt weiter anheizen. Die Cantonese Confederation hatte erst vor drei Tagen angemahnt, dass sie eine kartellartige Ausbreitung neuer, aggressiverer Ressourcengewinnung im Pazifikraum ohne Einbindung chinesischer Interessen nicht tolerieren wird. Unterstrichen wird dies mit einer militärischen Aktion zur Eroberung Okinawas, die derzeit Diplomaten weltweit in Besorgnis stürzt. Insofern erscheint es nicht nachvollziehbar, warum Rumadan Inc. und deren acht exklusiven Exportunternehmen ausgerechnet jetzt den Schritt zu einer Übernahme durch die High Sea Deep Sea Opening gehen.

SPORT – Seattle – Mit dem Finale des Urban Brawl steht DAS Großereignis des panamerikanischen Sports kurz bevor. Vierundzwanzig Teams werden in der Königsdisziplin „Cyborg Battle (no rules)“ gegeneinander Antreten. In der Klasse ohne Begrenzungen für Körpermodifikationen wird der Ausgang hart am Limit erwartet. Favoriten sind das Team „Seattle Troll Stampede“ und die „Mixed Motherfucker League Mexico“. Top-Sponsor ist in diesem Jahr Novatech Inc. mit einem Volumen von 680 Millionen Nuyen für acht Tage Wahnsinn in Seattle. – See you at the Slaughterhouse!

Channel 9 Pacific News, 13. März 2072

Eskalation im Pazifikraum

+++ Channel 9 +++ BREAKING NEWS +++

Schwere militärische Auseinandersetzungen zwischen kantonesischen und japanischen Truppen erschüttern die westliche Pazifikregion. Gewalt bricht unerwartet und heftig los.

Hong Kong, 27. Februar 2072 – Unmittelbar nach einem unerwarteten militärischen Schlagabtausch zwischen Seeverbänden der Canton Confederation (COC) und des Japanese Imperial State (JIS) gaben beide Parteien politische Statements gegenüber der Presse bekannt.

Der Zusammenstoß ereignete sich in den Gewässern um die südlichen Inseln der japanischen Präfektur Okinawa, die auch von der Canton Confederation beansprucht werden. Der Erklärung des Chinesischen Nationalrats zufolge betrachtet die COC das im Januar auf der Konferenz für Rohstoffhandel im Pazifikraum gegründete Consortium zwischen dem JIS und einigen anderen Pazifikstaaten als Angriff auf die Selbstbestimmungsrechte der Cantonese Confederation. Infolge dessen hat die COC einseitig die Anerkennung der 200-Meilenzonen der Inselstaaten im Pazifik aufgekündigt.

Dem nun entflammten Kampf um die Inselgruppe Nohama waren zahlreiche Spannungen voraus gegangen. Zuletzt hatten kantonesische Geleitschiffe eine Anlage der Yutani Corporation im Japanischen Meer bedrängt. Wie bekannt wurde, beabsichtigten die kantonesischen Streitkräfte das Eingreifen in eine Geiselsituation auf der Erdgasanlage um eine Eskalation und Umweltkatastrophe zu verhindern.

Obgleich verschiedene internationale Medien berichteten, die vermeintliche Rettungsaktion sei lediglich ein Vorwand für eine feindliche Übernahme der Anlage gewesen, sahen die Yutani Corporation und der militärische Dienstleister Association Internationale des Mercenaires (AIM) von Vorwürfen dieser Art bisher ab. Es scheint jedoch eindeutig, dass die Yutani Corporation und AIM ein Eingreifen der Kantonesen letztlich unterbanden. Die von den Chinesen befürchtete Umweltkatastrophe blieb zwar aus, die zahlreichen Toten der Geiselsituation lasten hier jedoch als schwere Hypothek auf der Anlage der Yutani Corporation. Ein Großteil der Toten waren chinesische Angestellte und Gäste.

Inwieweit dieses Ereignis unmittelbar mit der nun erfolgten kantonesischen Aberkennung der 200-Meilenzone in Beziehung steht, kann nur gemutmaßt werden. Der Konflikt ist damit in eine neue Phase eingetreten.

Im Mittelpunkt steht der Zugang und die Abbaukontrolle von Naturschätzen in See- und Landgebieten des westlichen Pazifik. Auf der Ressourcenkonferenz im Januar wurde eine Förder- und Ausfuhrkontrolle durch ein Consortium des Japanese Imperial State (JIS), Indonesien (IDS), den United American States (UCAS), Papua, den Salomon-Inseln sowie der Yutani Corporation (YC) beschlossen. Ziel des Zusammenschlusses ist die Erhaltung der ökologischen Stabilität sowie die Erschließung alternativer Ressourcen in der Tiefsee. Die Canton Confederation (COC) sowie deren Unterstützer Henan, Shaanxi, Sichuan und Taiwan sehen darin jedoch einen handelskriegerischen Akt. Auch die Indische Union und die Mongolei haben eine Beachtung der kantonesischen Rechte angemahnt, verbleiben aber bisher neutral.

Der nun erfolgte militärische Schlagabtausch stellt den Auftakt zu einer lange befürchteten Eskalation um die Ressourcenfrage im Pazifik dar. Experten beurteilen die Situation als verheerend für alle Staaten und Unternehmen der Region.

Während die Yutani Corporation gewohnt wortkarg die Angriffe auf Nohama und die Anlage Kappa YC unkommentiert ließ, hat sich AIM deutlicher Positioniert. CEO Jacqueline Walters teilte den Vereinten Nationen in einer Videobotschaft mit, dass ihr Unternehmen dem Tokyoter Consortium den Schutz ihrer Interessen und ihres Eigentums zugesichert habe. Vorrangiges Ziel sei der Schutz oder die Evakuierung von bewohnten Gebieten, die Ziel der kantonesischen Streitkräfte seien. Insbesondere betonte CEO Walters, dass der zweite Schritt unmittelbar in eine Verhandlung und einen diplomatischen Lösungsprozess münden müsse.

Ähnlich gemäßigt zeigte sich auch der japanische Premier, der zur Besonnenheit im Einsatz schwerer Waffen aufrief und den symbolischen Charakter von Gewalt in der Moderne betonte. Der Japanische Kaiser fand hingegen offenere Worte und bedrohte das Chinesische Volk mit umgehender Vergeltung, sollte die COC Gebrauch von geächteten Waffen machen oder Fuß auf japanischen Grund und Boden setzen.

Ob es sich bei diesen Ereignissen um symbolisches Säbelrasseln oder ein ernstes Manöver zur Grenzverschiebung handelt ist noch nicht klar abzusehen. Dass die Ereignisse folgenschwer für die Region sein werden, ist jedoch unbestritten. JIS, AIM und IDS haben die Canton Confederation zum sofortigen Gewaltverzicht aufgerufen und Hong Kong als Ort für eine Krisendelegation beider Staaten vorgeschlagen.

Derweil dauern schwere Seegefechte vor Nohama an.

Channel 9 – straight to you!

Das Kiru-Protokoll

Central Command
AIMS Cassiopeia, 23. Februar 2072.
Protokoll Anhörung CPT Katsuo Uzun.
Vernehmung zum Verdacht auf Vertragsbruch und Verletzung der Führungspflicht im Rahmen der Operation Blue Shark.
Vertraulich.

Major: Kommen wir zum wesentlichen Punkt der Anhörung. Captain Uzun. Wahrscheinlich werden Sie ohnehin die Absicht verfolgen uns so schnell wie möglich den Erfolg des Einsatzes vorzuhalten, also können wir das genausogut direkt hinter uns bringen. Beurteilen Sie also bitte die Missionserfüllung von Operation Blue Shark aus Ihrer Perspektive.

CPT Uzun: Sicher, Sir. Die Einsatzgruppe hatte drei Ziele zu erfüllen. Die Erkundung der Kailinie für ein Landemanöver. Dieses Primärziel wurde erreicht, nachdem eine Abstimmung mit dem Sicherheitsdienst erfolgt und die Kooperation der Anlagenaufsicht sicher war. Brände, Schäden und die Präsenz möglicher Feindkräfte wurde durch die Einsatzgruppe gemeldet und drei Landungspunkte als Prioritäten festgelegt. Die spätere Landung erfolgte auf Grundlage dieser Aufklärungsdaten.

Major: Ja. Weiter.

CPT Uzun: Die Einrichtung einer Meldestelle erfolgte vorbildlich. Die verschlüsselte Verbindung zum Sicherheitsdienst der Kappa YC wurde 90 Minuten nach Landgang der Einsatzgruppe hergestellt und bildete die Grundlage für die spätere koordinierte Evakuierung. – Das dritte Einsatzziel war die Klärung der Bedrohungslage vor Ort und die Unterstützung der Kameraden von der Security Branch, namentlich Chief of Security Oresson.

Lieutenant Colonel: Bleiben wir mal beim dritten Punkt und kommen zum Wesentlichen. Der Ausgang der Nacht ist ja letztlich erfreulich, angesichts geringer Verlustzahlen und der schnellen Präsenz auf Kappa YC. Das ist hier auch gar kein Thema. Ihnen wird durch die Geschäftsleitung der Yutani Corporation und dem Central Command vorgeworfen, wesentliche Vertragsvereinbarungen zwischen AIM und YC nicht in der Einsatzplanung berücksichtigt zu haben und im Zuge dessen auch der Pflicht der Führungsaufsicht nicht nachgekommen zu sein.

CPT Uzun: Sir…

Lieutenant Colonel: Die strikte Trennung zwischen Sicherheitswesen – repräsentiert durch die AIM Sektion auf der Gasanlage – und der produktiven Anlage war ein Kernelement der Vertragsvereinbarung. Es gibt ganz klare, schriftliche Verpflichtungen über eine Trennung beider Bereiche.

CPT Uzun: Die Vereinbarung erwähnte nicht, dass…

Lieutenant Colonel: Ich bin noch nicht fertig. – Durch die Entkopplung der Anlagensoftware Kiru aus ihrem Habitat haben sie maßgeblich diese Vereinbarung verletzt. Chief Oresson hat zu Protokoll gegeben, dass er über diesen Schritt nicht informiert war und das auch nicht gut geheißen hätte. Nehmen Sie dazu Stellung, Captain.

CPT Uzun: Zuerst möchte ich klarstellen, dass die Präsenz der Person Kiru sowohl Central Command als auch direkt der Einsatzleitung nicht angemessen bekannt gemacht wurde. Der Yutani Customer Agent konnte oder wollte diesen Aspekt der Anlagenarchitektur nicht preisgeben. Insofern konnte es nicht in die Einsatzplanung einbezogen werden.

Major: Ist es korrekt, dass die Teammitglieder, die Sie ausgewählt haben, die Anlagenintelligenz eigenmächtig vom Habitat getrennt haben?

CPT Uzun: Ja.

Major: Würden Sie das als eine Verletzung Ihrer Führungsaufsichtspflicht ansehen?

CPT Uzun: Nein.

Major: Sie sind also der Ansicht, dass sie jederzeit die Befehlskette aufrecht erhalten hatten und über alle Schritte informiert waren?

CPT Uzun: Nein…

Lieutenant Colonel: Dem Briefingprotokoll entnehme ich, dass sie die operative Teamleitung im Feld einem Specialist Milestone übertragen haben. Der Rang des Specialist ist kein Unteroffiziersrang, insofern können Sie hier nicht für sich reklamieren, eine angemessene Befehlskette etabliert zu haben…

CPT Uzun: Sir, die Sondereinsatzgruppe baut auf taktischen Erwägungen, die zivile und militärische Aspekte von Krisenfällen integriert. Der Specialist hatte zwei Empfehlungen zur Beförderung zum Corporal durch direkte Vorgesetzte sowie eine Bewährung im Sondereinsatz vor Norwegen. Als einer der besten Kampfschwimmer der zehnten AEF war die Entscheidung für ihn eine Sachentscheidung. Im Falle besonderer Kompetenz ist Führungsverantwortung zu begrenzten Zwecken auch Rängen ohne Führungsauftrag zu übertragen.

Major: Und die Gnomin aus der Touristikbranche, die einen Sachschaden von einer halben Millionen Nuyen verursacht hat? Ist das auch eine Kompetenzentscheidung?

CPT Uzun: Ich stehe voll und ganz zu unserer Unternehmensphilosophie, externe Kompetenzen in hybriden Krisenszenarien voll auszuschöpfen. Als Fahrzeugspezialistin und vielsprachige Übersetzerin war sie genau die Richtige. Der verlustfreie Einsatzerfolg spricht hier für meine Auswahl des Teams. An der Einbeziehung des Sprengstoffexperten Negative und des kampferfahrenen Sanitäters können Sie ablesen, dass mir der Kern des Bedrohungszenarios durchaus bewusst war.

Major: Zurück zum Thema. Ihr Kompetenzteam hat die Anlagenintelligenz eigenmächtig vom Habitat getrennt.

CPT Uzun: Wie sie dem Protokoll entnehmen können hatte der Specialist – der im Übrigen bereits zum Corporal befördert wurde – keine Chance die Trennung der Kiru vom Habitat zu verhindern. Da die freien Kontraktnehmer eigenmächtig handelten, wurden sie mit Vertragsbruch sanktioniert. Ihnen wurden Ersatzansprüche und die Honorarzahlungen gestrichen.

Major: Das ist mir zu einfach. Sie haben ihre Einsatzrichtlinien nicht durchsetzen können!

CPT Uzun: Major, bei allem Respekt: die Komplexität des Szenarios erlaubt es nicht, nach traditionellen Mustern zu handeln. Sie brauchen flexible Spezialisten mit Spielraum für Selbstverantwortung, um in solchen dynamischen Szenarien reagieren zu können. Wenn Sie den Einsatzverlauf rekonstruieren werden sie sehen, dass Innovation und unkonventionelles Handeln maßgeblich zum Erfolg beigetragen haben. Das sehen sie beispielsweise an der Auswertung der Personaldatenbank oder die Betäubung und Gefangennahme der kantonesischen Angreifer. Und ebenso darf ich darauf hinweisen, dass diese Kiru im Habitat ihre Entkopplung selbst als Wunsch geäußert hat und damit möglicherweise eine Willenserklärung im juristischen Sinne abgab. Diesem Wunsch kam Teammitglied Negative dann nach und zog den Stecker, ohne dass der Specialist hier eingreifen konnte.

Major: Sie winden sich heraus mit Spitzfindigkeiten. Wir haben den Operative 84 auswerten lassen. Er bestätigt Teile der Aussagen und straft andere Lügen. Insbesondere alles was im Habitat geschah ist ziemlich unklar. Es besteht Manipulationsverdacht.

CPT Uzun: Operative 84 wurde durch Kiru manipuliert, das hat sie selbst eingeräumt. Die Softwarestruktur ist beeinträchigt. Die Cybertechniker sagen, Operative 84 hätte parallele Realitäten über die Ereignisse generiert. Der Arbeitsspeicher war mit 99,8% völlig überlastet. Es scheint, als hätte der Operative nicht nur aufgezeichnet was geschehen ist, sondern auch was hätte sein können. Kiru hat die Prozessstruktur des Operative 84 damit völlig demontiert. Er ist für keine Datenauswertung zu gebrauchen.

Major: Was ihnen zufällig sehr gelegen kommt.

CPT Uzun: Sir, diese Anhörung ist eine Farce. Erstens, die Präsenz von Kiru als mögliche Person mit weitreichenden Administratorrechten für die gesamte Anlage war der Einsatzleitung nicht bekannt gemacht worden. Zweitens, die Richtlinien für hybride Kriegsführung und die Arbeit zwischen zivilen und militärischen Szenarien decken meine Teamzusammenstellung und Vorgehensweise. Sie ist effizient und stimmt mit den Werten und Zielen von AIM überein, unkonventionelle Szenarien unkonventionell zu lösen wenn es Gewalt vermindert. Und drittens, haben die drei freien Kontraktnehmer eingeräumt einen Vertragsbruch einseitig verschuldet zu haben. Hieraus wurden bereits vertragsrechtliche Konsequenzen gezogen. Ich erachte das als einen Beweis für deren absloute Professionalität im Umgang mit Erfolgen und Fehlern. Wir verdanken den Dreien vor Ort letztlich auch die Oberhand auf der Anlage und das Überleben aller Gefangenen.

YC Customer Agent: Mir kommt da noch eine Frage, wenn ich darf, Colonel? – Denken Sie, es bestand persönlicher Austausch zwischen Kiru und Ihrem Einsatzteam, Captain Uzun?

CPT Uzun: Nein, ich denke, das kann man aufgrund der Umstände ausschließen. Die Situation war hektisch, stressig und die KI scheinbar sehr orientierungslos. Sie schaltete das Licht an und aus, war aber weiter nicht zu gebrauchen.

YC Customer Agent: [nickt]

Lieutenant Colonel: Das war ihr achter Sondereinsatz in weniger als zwei Jahren, Captain. Ihnen ist schon klar, dass sie mit ihrer Auffassung von militärischer Führung und dem Zirkus, mit dem Sie in das Gefecht gehen, früher oder später vor einem Gericht landen, nicht nur in einer Anhörung?

CPT Uzun: Vielleicht ändert sich ja auch die gängige Auffassung, bevor das passiert, Sir.

Lieutenant Colonel: Ist das ein persönlicher Angriff, Captain?

Operation Ursus beendet

Heute Morgen erklärten das Sameting und das Innenministerium der Skandinavischen Union den Polizeieinsatz der Association Internationale des Mercenaires (AIM) für beendet. Vier Tage zuvor war es zu einem gewaltsamen und dreisten Diebstahl wertvoller kontrollierter Naturgüter aus Belljenborg gekommen. Russischsprachige Kriminelle hatten einen Road Train entführt und sich auf den Weg zur Russischen Föderation begeben. Das Sameting hatte in einer Eilentscheidung den Einsatz eines privaten Sicherheitsdienstleisters verfügt. Die Entscheidung war von der Skandinavischen Union bewilligt, aber auch scharf verurteilt worden. Der Sameting begründete die Entscheidung damit, dass „ein privater Dienstleister den besonderen Bedürfnissen und Vorstellungen der Sami besser entsprechen kann und den Betroffenen selbst mehr Mitsprache in der Durchsetzung ihrer Rechte bietet.“

Lange Zeit hatte sich der gestohlene Konvoi unbehelligt durch die nördlichen Regionen Norwegens, Schwedens und Finnlands bewegen können. In den Medien wurde dies zuerst mit großer Verwunderung und Empörung zur Kenntnis genommen. Das Sameting und auch das Innenministerium der Skandinavischen Union lobten heute Morgen aber die Besonnenheit und Geduld von AIM. Eine kleine Polizeieinheit wurde mit der Sicherung des Eigentums betraut. Ein Pressesprecher für AIM, Christoph Fink, betont: „Da die Kriminellen bewaffnet waren und eine ständige Überwachung durchgeführt wurde, war es unser wichtigstes Anliegen keine Bürgerinnen und Bürger zu gefährden. Sie sollten in vermeintlicher Sicherheit und unbehelligt von Polizeipräsenz einen Weg in abgelegenere Regionen finden.“

In der Gemarkung Björnsholm fand dann gestern Morgen der Zugriff statt. Die Polizeikräfte von AIM konnten den gestohlenen Konvoi verlangsamen, ohne dass es zuerst von den Kriminellen bemerkt wurde. Ein Bewohner aus Gundstöre berichtet: „Der Helikopter landete auf unserem Weidegrund, gleich hier hinterm Haus. Mein Nachbar und ich sind hin, dann stand da ein riesiger Troll, der hat den Helikopter bewacht. Er hat gesagt, das wäre hier ein Polizeieinsatz und dass wir einfach so tun sollten, als wäre alles normal. Wir hatten zuerst richtig schiss, als wir den sahen. Aber eigentlich war er total ruhig.“ In Gundstöre konnte ein Elektrofahrzeug der Kriminellen durch AIM unbemerkt außer Kraft gesetzt werden, wodurch der Konvoi verlangsamt wurde. Ein weiterer Anwohner erinnert sich: „Ich habe gesehen, wie sie die Batteristation geplündert haben – also die von AIM. ich dachte zuerst, das wären Einbrecher. Und dann tauchte ein Ork von der Polizei auf, mit Warnweste, und hat uns wieder rein geschickt. Der war Norweger, da bin ich sicher! Dann haben wir’s von drinnen gesehen: der Konvoi ist durchgerauscht und musste zehn Russen aufladen, die nun keinen Bus mehr hatten!“

Einige Meilen hinter Gundstöre erfolgte dann der finale Zugriff. Durch hohe Präzision und gute Planung konnten über zwanzig Bandenmitglieder entwaffnet werden. Die erstaunliche Gegenwehr der Diebe und Schmuggler machte den Einsatz tödlicher Gewalt nötig. Es kam zu mindestens zehn Todesfällen. Zahlreiche Kriminelle konnten verhaftet werden, einige befinden sich zu Fuß auf der Flucht durch den Björnsholmer Fjell. Man rechnet mit einer baldigen Ergreifung.

Dass die Kriminellen zum Teil Kriegswaffen und verbotene Elektronik mit sich führten bestätigt die Entscheidung der taktischen Leitung von AIM. Captain Katsuo Uzun, verantwortlich für die Operation, gab ein kurzes Statement aus Ivalvo: „Der Diebstahl warf viele Fragezeichen auf, die uns misstrauisch machten, deshalb haben wir abgewartet und die Lage eingeschätzt. Der Zugriff musste kurz und hart erfolgen, da bandenmäßige Kriminalität ein hohes Risiko zur Eskalation birgt. Das bestätigte sich, als die Kriminellen versuchten mit heraneilenden Helikoptern in die Russische Föderation zu fliehen. Die Norwegische Luftraumkontrolle und das Energieministerium haben hier hervorragend reagiert: für kurze Zeit wurden die Fernkommunikation und Luftraumkontrolle in Björnsholm abgeschaltet. Die Desorientierung haben wir genutzt.“ Zwei illegale, zum Teil schwer bewaffnete Helikopter wurden abgeschossen.

Die Bergungsarbeiten in Björnsholm dauern gegenwärtig noch an. Es wurde jedoch bestätigt, dass alle gestohlenen Güter gesichert werden konnten. Zivile Verluste gab es keine, allerdings Sachbeschädigungen im Wert von ca. 200.000 =Y=. Harald Karlsund aus Ivalvo verlor etwa seinen Miethelikopter, den er den Polizeikräften von AIM zur Verfügung gestellt hatte. Er zieht Resüme: „Der Helikopter ist völlig zerstört, ich habe die Reste in einer Halle eben gesehen. Wahnsinn, aber die Pilotin kam raus. Es war eine Gnomin! Die Polizei hat gesagt, sie hätte mit dem Helikopter einen Troll-Magier angegriffen, der schädliche Geister aus der Erde beschwört hat! Unglaublich! Ich werde eine Weile auf den Ersatz warten müssen, aber das ist schon in Ordnung. Ich bin selbst Same. Und jetzt auch AIM-Partner hier an der Grenze. Ich helfe als Pilot aus und wir suchen die Flüchtenden.“

Insbesondere wird derzeit nach dem Hintermann und Anführer gefandet, Dimitri Poitriov. Aus Sicherheitskreisen heisst es, es handele sich hierbei um einen international gesuchten Straftäter.

Wie üblich gibt AIM keine Informationen über die Polizeieinsatzkräfte vor Ort bekannt. Beobachtungen zufolge waren es mindestens vier Personen, darunter ein Troll, ein Ork, ein Mensch und eine Gnomin. Eine wahrhaft bunte Truppe! Auf Nachfrage bezüglich arkaner Ereignisse wurde bestätigt, dass sich ein hermetischer Magier im Polizeiteam befand und die schädlichen Geister gebannt werden konnten. Das Sameting wird einen Schamanen entsenden, um die Unversehrtheit des Landes um Gundstöre sicherzustellen.

Die Sami richten ihren Dank an das Sameting, AIM und jeden der mitgeholfen hat. Insbesondere auch an die Familien in Belljenborg, die sich zuerst den russischen Dieben in den Weg stellten. Ein starkes Signal, dass wir Sami durchaus in der Lage sind souverän für unsere Rechte einzutreten und keinen Vormund brauchen.

Oddasat News – Ivalvo

28. November 2071

Der Krieg der anderen

Anlässlich der grade in Tokyo stattfindenden Konferenz für Rohstoffhandel im Pazifikraum hatte Perry Anderson (Washington Post) Gelegenheit zu einem persönlichen Interview mit Ms. Jacqueline Walters, CEO der Association Internationale des Mercenaires. Mit freundlicher Genehmigung dürfen wir Ausschnitte daraus an dieser Stelle bereits veröffentlichen.

Perry Anderson (PA): Miss Walters, vielen Dank für das spontane Gespräch. Die Konferenz erleben Sie als fordernd?

Jacqueline Walters (JW): Sehr gerne. – Die Konferenz ist groß und stellt wichtige Weichen, ja, aber eine kleine Auszeit für ein Gespräch ohne Trubel ist eine Erholung.

PA: Schön. Dann komme ich auch gleich mit den großen Geschützen: Ihre Anwesenheit wird von vielen nach wie vor mit Krieg und Konflikt in Verbindung gebracht. AIM steht wie kaum jemand sonst für die Privatisierung von Krieg. Was sagen Sie den Konferenzteilnehmern hier, wenn man Ihnen erklärt, dass man AIMs Dienste hier ganz und gar nicht braucht?

JQ: (lacht) Ja, also das sagt so eigentlich niemand. Aber ich greife Ihren Richtungswink gerne auf. Ich denke den meisten hier ist sehr wohl bewusst, dass sich die Aufgaben und Arbeitsweisen privater Sicherheits- und Militärdienstleister gewandelt haben und das unsere Anwesenheit hier keine Drohung ist, sondern eine Stütze für die komplexen Verhandlungen zwischen so vielen Parteien.

PA: Wie stützen Sie da?

JW: Sehen Sie, moderne Sicherheits- und Militärunternehmen werden durch den Begriff „Söldner“ nicht mehr hinreichend beschrieben. Das Motiv individuell orientierter, persönlicher Bereicherung durch unmittelbare Beteiligung an Kriegshandlungen wurde schon vor fast 70 Jahren durch zunehmend unternehmerische Strukturen ersetzt.Unser typischer Mitarbeiter ist kein geldgieriger Gewaltmensch mehr. Er ist Teil eines Unternehmens, Teil einer Organisation die ihn stützt, und Teil einer klaren Verpflichtung auf konstruktive Konfliktlösung. Wenn Sie mich also fragen, was AIM hier auf der Ressourcenkonferenz stützt, dann ist es die Aussicht mit den Konflikten die kommen werden, gut und produktiv umzugehen. Das private Sicherheitswesen hat sich letztlich auch nur als Reaktion auf gewandelte Sicherheitsbedürfnisse verändert.

PA: Was hat sich da Ihrer Ansicht nach geändert?

JW: Ich bleibe, wenn Sie erlauben, lieber in der aktuellen Zeit und spare mir historische Rückgriffe. Das ist vorbei. Was sehen Sie heute, wenn es irgendwo zu Krisenherden kommt? Ein völliges durcheinander. Kaum jemand kann klare Grenzen ziehen oder Parteien definieren. Zivilisten und Kombatanten wechseln ihre Rollen nach Tageszeit, nach Blickwinkel oder Notlagen. Verantwortliche verstecken sich hinter schwer zu erkennenden, subtilen Angriffsakten und so weiter. – Der letzte große Krieg der Nationen ist dreißig Jahre her. Und auch damals waren die Euro-Wars schon nicht mehr eindeutig klar strukturiert. Ich erinnere an den Nightwraith-Zwischenfall 2033 oder an die merkwürdigen Ereignisse um die CASS Shigeruu im Jahr 2040. Massive Vorfälle, ohne klares Gesicht.

Genausowenig können Sie heute unterscheiden, ob ein Sicherheitsunternehmen zivil oder militärisch arbeitet. Denn das weiß man erst, wenn man sich den Aufgaben stellt und sich ein Szenario entwickelt. Und das liegt nicht an schlechter Planung, sondern an der Natur gegenwärtiger Konflikte und Krisen. Nehmen Sie zum Beispiel einen einfachen Wachschutzdienst, zum Beispiel ein Geleit für einen Konvoi durch ein Kriegsgebiet. Unser Personal trägt Waffen, das parlamentarische Mandat verpflichtet sie aber dazu, diese Waffen nur zum Selbstschutz einzusetzen. Als Kommandat der Klientennation sind sie also vorsichtig und setzen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur für risikogeringe Konvois ein. Nun kann es jederzeit aus der lokalen Bevölkerung heraus zu massiven Angriffen kommen. Wir haben das zuletzt auf Sumatra gesehen. Plötzlich ist die zivile Wachschutzabteilung direkt mit entschlossenen, lokal verwurzelten Kombatanten konfrontiert. Sie ist gezwungen militärisch vorzugehen. Es gab Fälle, in denen hat man solche Konvois absichtlich durch Hochrisikogebiete gelenkt, damit die Selbstschutzklausel unwirksam wurde. Diese Einfalltore für Korruption und Mandatsbruch sind schrecklich. Die Philosophie von AIM ist es, dieser Realität ins Auge zu sehen. Man kann Verantwortung übernehmen, mit sanfter Ruhe und notwendiger Härte zugleich durchgreifen. Die Grundlage dafür ist ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen den Sicherheitsdienstleistern, den Unternehmen und Nationen und der Bevölkerung. Auf dieses Vertrauensverhältnis baut AIM ihre Dienstleistungen auf.

PA: Was bedeutet das für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

JW: Es ist eine Herausforderung, die durch Aufklärung, Ausbildung und Koordination aber zu bewältigen ist. Überwiegend haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen zivilen Status, dürfen sich also nur selbst verteidigen. Sie sind zudem an das Völkerrecht und Interventionsrecht gebunden. Im Falle manifester Gewaltkonflikte die auf AIMs militärischen Arm als regulierende Machtinstanz angewiesen sind ist die Sachlage etwas anders gelagert, aber das Grundproblem bleibt: Sie können zivile und militärische Handlungsfelder heute nicht mehr trennen.

PA: Warum dann AIM? Könnten nicht die Pazifikpartner hier auf der Konferenz selbst für das Problem sorgen?

JW: Sie können! Und sie wollen es auch. Aber es gibt erdrückende Gründe für unsere Unentbehrlichkeit. Wir füllen gezielt die Kapazitätslücken staatlicher Militärapparate, wir gleichen Personalmangel aus, in Zeiten fast verschwundener stehender Heere, und durch die Technisierung der Kriegsführung brauchen Sie heute bei plötzlichem Bedarf sofort Spezialistinnen vor Ort – seien es Magier, Matrix-Operatoren oder Datenanalysten. Außerdem, das kann ich um diese Uhrzeit wohl anfügen, reduziert der Einsatz eines privaten Sicherheitsdienstleisters die „politischen Kosten“ im eigenen Land. Es ist etwas bitter, aber niemand möchte heute eine Gesellschaft militarisieren und niemand möchte seine Bürger mit Ehren begraben müssen. Es gibt niemanden der in dieser Hinsicht effizienter ist als AIM. Keine Armee und kein anderer Sicherheitsdienstleister weltweit schützt seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einsatz besser.

PA: Also AIM als rationale Alternative?

JW: Leider ja. Denn ich wiederhole nochmal, – es wird nämlich immer wieder gerne vergessen – dass unsere erste Agenda lautet, Konflikte konstruktiv zu lösen. Wir distanzieren uns ganz klar von Kriegstreiberei, kriegsverlängernden Maßnahmen oder Seilschaften mit der Rüstungsindustrie. Sie werden die großen Rüstungskonzerne bei uns nur als Kunden finden, nicht als Stakeholder.

[…]

 

PA: Was geben Sie den asiatischen und amerikanischen Konferenzteilnehmer hier also mit?

JW: Ressourcenkonflikte der Kragenweite, wie man sie hier verhandelt, sind extrem folgenschwer und es wird nicht ohne Reibereien gehen,  innerstaatliche und zwischenstaatliche. Wenn AIM effektiv helfen können soll, dann müssen die Akteure eine demokratische Kontrolle ihres Konfliktverhaltens sicherstellen. Wir öffnen uns dem, aber jeder Kunde muss einen ehrlichen und offenen Weg finden den gewählten Weg in der politischen Öffentlichkeit seines Unternehmens oder Landes abzustimmen. Korruption, Gewaltexzesse, Menschenrechtsverstöße und unehrliche, kurzsichtige Lösungen sind tödlich für jeden Mediations- oder Friedensprozess. Wir zeigen hier unseren Kunden Wege auf, aber wir können den Exekutivverantwortlichen die eigenen Entscheidungen nicht abnehmen.

PA: Sagen Sie dies den Partnern hier vor Ort dann auch so? (lacht)

JW: Ich versuche es! Auch wenn es oft verlockend ist in Detailfragen zu flüchten. Ich wünsche mir manchmal, dass mehr Partner so unverschämt den Finger auf wunde Punkte legen würden wie Sie, Mr. Anderson. Die großen Fragen da oben spüren die Menschen ganz unten am heftigsten.

PA: Oh, dann bin ich ja froh, dass Sie milde mit mir ins Gericht gehen! Ich bedanke mich jedenfalls sehr herzlich für das Gespräch, Ms. Walters, und wünsche Ihnen eine angenehme Nacht und eine erfolgreiche Konferenz.

JW: Ich habe zu danken.

 

Die ungekürzte Fassung wird am 27. November 2071 in den Medien der Washington Post veröffentlicht.

25. November 2071

Umstrukturierung abgeschlossen

Nach zähen Monaten ist es gelungen! Die Association Internationale des Mercenaires (AIM) hat erfolgreich ihre neue Hauptniederlassung an der Atlantikküste Frankreichs bezogen und das operative Geschäft wieder voll aufgenommen. AIM ist wieder bereit ihr Gewicht in die Waagschalen auf dem Kontinent und Übersee zu werfen.

Die französische Regierungsverfügung 1192-2070 trat am 1. Januar 2071 in Kraft. Der 10 km lange Küstenstreifen in der Provinz Finistère ist damit offiziell ein exterritoriales, autonomes Gebiet nach Internationalem Unternehmensrecht. Alle Hoheitsrechte liegen bei AIM. Dies ging am Neujahrstag mit der feierlichen Verleihung der AIM-SIN an alle vollwertigen Beschäftigten und deren Familien einher.

Zu diesem Anlass waren Würdenträger, Politiker und ranghohe Vertreter verlässlicher Partner aus der ganzen Welt angereist. Zahlreiche Medien berichteten und auch die Matrix-Präsenz wurde offiziell freigegeben. Entlang des Küstenstreifens ankerten die Fregatten AIMS Cassiopeia, AIMS Deterrance und der Hubschrauberträger AIMS Bee Hive. Die Zuschauer konnten der Demonstration von Seenotrettung, Landemanöver und Verletztenbergung im Rahmen einer Katastrophenübung beiwohnen.

Ms. Jacqueline Walters empfing als Chief Executive Officer zur Eröffnungsrede den vollständigen Aufsichtsrat der mit einem VTOL Schwenkflügler und einer Eskorte aus vier Kampfflugzeugen eingeflogen wurde. Die radikalen Neuerungen der Unternehmensstruktur, operativen Richtlinien und humnaitären Selbstverpflichtungen von AIM wurden ausführlich im Rahmen der Feierlichkeit dargelegt. Der angereiste Präsident der Französischen Republik, Aurélie de Paladines, lobte den verantwortungsvollen und wertvollen Aufbau der Exklave 1192-2070. Er betonte ebenso die engen Bande zwischen seiner Administration und AIM in Fragen der Interventionspolitik und sah in AIM einen wichtigen Partner für internationale Unternehmen und Interessengruppen die sich in zunehmend bedrohlichen Szenarien in ihren Zielen oder gar ihrer schieren Existenz bedroht sähen. AIM sei hier ein starker Arm und eine starke Stimme für Minderheiteninteressen und globale Aufgaben. Auch hob er AIMs Engagement im Bereich des Klima- und Umweltschutzes hervor. Ein Bucho (部長) der Yutani Corporation erläuterte Pläne für gemeinsame Material- und Umweltforschung im zentralen Pazifik, bei denen AIM als strategischer Partner die Risikoabschätzung und Krisenprävention verantwortet.

Die Feierlichkeiten endeten mit einer Überleitung in eine Karrieremesse die sich an Interessierte aus der ganzen Welt richtete.

5. Januar 2071