Alle Beiträge von Webmaster

Die Geschichte von der Eidgöttin und dem Leibgardisten

Es war einmal ein König von Assur, der die gesamte bekannte Welt unterworfen hatte, von Babylon bis zur Taklamatan, bis zum alten Reich der Königin Saba. Um alle an sich zu binden, ließ er aus dem Feuer Eidgötter hervorspringen, die er an die Höfe seiner Vasallen sandte. Dort mussten sie unerschütterliche Treue schwören, mit ihrem Blut besiegelt. Die Eidgötter waren die Zeugen dieser Eide.

Die zahlreichen Eidgötter zogen bald durch alle Königreiche und besiegelten dort Verträge, Ehen und Gelübde. Und sie fanden Gefallen an der Art der Menschen zu leben. Sie fanden Gefallen an der Schaffenskraft und Lebendigkeit der Menschen. Und an ihrem tragischen Werden und Vergehen. Und an der Macht über sie.

Einige der Eidgötter begannen unglücklich zu werden und sich gegen die Fesseln des Königs von Assur zu wenden. Eine der Eidgöttinnen war besonders energisch in diesem Verlangen. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den König zu erweichen und ihm einen Wunsch abzuringen. Von ihm, dem Unbarmherzigen, der nur Befehle gab und seinen Eidgöttern keine Wünsche gewährte. Selbst seine geringsten der menschlichen Untertanen konnten dagegen mehr Hoffnung auf seine Gunst hegen.

Die anderen Eidgötter meinten, es sei die Anstrengung und Qual nicht wert, sich dergestalt in die Angelegenheiten der Menschen einzumischen, aber je mehr die Jahrzehnte verstrichen, desto mehr wuchs in der einen Eidgöttin der Groll gegen Assur, der die Schönheit der Flammen in den Augen seiner Eidgötter nicht sah und sie nur wie ein Werkzeug seiner Schreckensherrschaft benutzte.

Nun hatte der König freilich auch menschliche Diener. Und darunter eine treu ergebene Leibgarde von Kriegern und Magiermogulen. Ein großer Zwist herrschte zwischen den Eidgöttern und diesen Mogulen, denn sie misstrauten einander, beneideten sich, und buhlten um die Gunst des Assur. Der König nahm nur solche Menschen in die Garde auf, die ihren rechten Arm eine Sanduhr lang in glühenden Kohlen vergruben ohne eine Träne zu vergießen oder einen Schrei hören zu lassen. Dies galt ihm als Prüfung und Beweis, dass seine Garde gegen seine Eidgötter sehr wohl gewappnet war und den Bedrohungen des Feuers widerstehen konnten.

Unter der Magiergarde war nun einer, der dem Assur am liebsten war. Er war der tapferste und mutigste und am geschicktesten mit dem Schwert und der magischen Kunst. Aber er verbarg in sich auch etwas sehr Gefährliches. Er sah das Menschliche in allen Dingen, und er hatte einen Sinn für die Ungerechtigkeit des Königs, die er tief in sich versteckte um nicht den Zorn des Königs auf sich zu ziehen.

Die Eidgöttin kam heimlich zu diesem Gardisten und er hatte den Mut ihr zuzuhören. Und er verstand das Unrecht ihrer Knechtschaft. Und er sah ihre Schönheit an Geist und Gestalt. So schlossen sie einen Pakt: Die Eidgöttin würde dem Gardisten helfen in all seinen Kämpfen, bis er der größte und geachtetste in der Garde wäre. Sie würde ihn schützen und lehren. Er sollte der Liebste und Höchste des Assur werden. Um dann, am Ende der Tage, sich die Freiheit der Eidgöttin zu wünschen.

Und nachdem weitere Jahrzehnte vergangen waren, war der Gardist der größte Krieger des Reiches, weithin bekannt und gefürchtet und besungen. Und wie es üblich und besiegelt war, beschenkte er den Gardisten am Ende seiner Laufbahn mit Land und Titeln und, da er mit der heimlichen Hilfe der Eidgöttin der vorzüglichste und bekannteste aller Gardisten geworden war, erhielt er zudem einen Wunsch. Und er wünschte sich die Eidgöttin frei von der Knechtschaft des Assur.

Der Wunsch aber, war verräterisch, denn Assur durchschaute mit seiner Klugheit sofort, dass hier eine der Eidgötter den Leibgardisten verzaubert und gebunden haben musste. Und wie hätte er diesen Wunsch hegen können, wenn es nicht eine verbotene Nähe zwischen beiden gegeben hätte?

Assur, der Mächtige, erhob sich in seiner Rüstung vom Thron, die 400 Steine schwer war, und er nahm zwei Lanzen, jede 16 Fuß lang. Und wie es ihm zu eigen war, zielte er auf beide Verschwörer in einem Zug. Eine Lanze erhob sich gegen den unverschämten Gardisten zum Wurf, die andere gegen die Eidgöttin, die sich unter den Hofbeamten heimlich bewegte und erschrak.

Der Gardist sah das Verhängnis in den Augen des Assur gespiegelt. Mit dem linken Auge zielte er auf die Eidgöttin, mit dem rechten Auge fasste er den Gardisten fest in den Blick. Der zynische Assur brüllte: „Wunsch gewährt!“ und spannte die Arme zum Wurf. Der Gardist hatte nichts als den Tod zu erwarten. All seine Rüstung, seine Zauber und Waffen hatte er bereits abgelegt. Nur eine handvoll Sand und Asche verblieben ihm in der Tasche. Genug um ein Auge des Assur zu blenden. Er blendete das linke, dann durchbohrte ihn des Assurs Speer und schleuderte ihn zu Boden.

Der zweite Speer aber, verfehlte die Eidgöttin, da des Assurs linkes Auge vom Staub und Sand gereizt war. Und der Wimpernschlag genügte, dass der gewährte Wunsch sich erfüllen konnte. Die Eidgöttin verschwand in der Feuerschale, aus der sie einst gesprungen war. Doch bevor sie die Flammen umschloss, zog sie den tötlich verwundeten Gardisten mit hinein. Die Eidgöttin war die erste, die dem Assur entkam und das Feuer aus seiner Gewalt befreite, aber sie sollte nicht die letzte gewesen sein. Und man sagt sich, dass man sie und auch den tapferen Gardisten in einem guten Feuer sehen kann, wie auch sie dann zurückblicken und manchmal sogar heraustreten, um ihre Geschichte denen, die am Feuer sitzen, zu erzählen. Und seitdem opfern die Menschen also Gaben im Feuer, auch ohne des Königs Willen und Wissen. Denn die Kraft der Eide ist nun frei von des Königs Willkür.

Veronica El-Hamrads Antwort an Zoé

Veronica El-Hamrad

Die private Trix-Verbindung erreicht Veronica El-Hamrad auf dem Weg durch den Londoner Smog und Pendlerverkehr. Sie sitzt in einem geschmeidigen Taxi, das autonom gesteuert durch das geordnete Gridlink-Chaos schwebt. Es regnet gerade in Strömen, als Zoé und Veronica miteinander sprechen.

„Alhamdulillah, Zoé! Das ist ja unglaublich. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich überhaubt nochmal von Dir höre!“

Veronica war schon immer sehr resolut. Es scheint sie gar nicht zu kümmern, dass ihre Freundin grade auf der Fahndungsliste steht und in Attentate verwickelt sein könnte. Denn Veroinca weiß durchaus ein wenig bescheid über die aktuelle Lage:

„Das Londoner Büro ist voll involviert, naja, soweit man das sagen kann. Das Attentat hält einige auf Trab. Das Services Department arbeitet eng mit dem Internal Audit zusammen, um Zeugenaussagen für das Attentat aufzunehmen und Beweise zu ordnen.“

Nachdem sie dann Zoés weiterem Bericht gelauscht hat, platzt es aus Veronica heraus:

„Zoé, die Sachlage ist doch ganz anders, mit Kara Lance! Ich glaube Du bist da nicht auf dem Laufenden! Kara Lance ist die Hauptbelastungszeugin gegen die SFG 77. Seit sie hier in London ist, also seit mehreren Wochen schon, hat sie Stunden mit der Ermittlungsgruppe und Innenrevision zugebracht und Zeugenaussagen zu Protokoll gegeben! Sie hat einen Deal gemacht: Kronzeugin gegen die SFG 77, dafür Abfindung und Ausscheiden aus dem Dienst!“

Es scheint, als tut es Veronica gut, die Sache irgendjemandem mal erzählen zu können. Sie plappert energisch weiter:

„Zuerst kam Kara Lance nach London, damit sie besser beschützt werden kann. Sie war in einem Safe House der AIM. Dann wurde langsam klar, dass sie eine Schlüsselzeugin ist und Lambert und die Innenrevision haben einen Deal mit ihr ausgehandelt. So kommt mir das jedenfalls vor.“

„Ich meine, ich bin nicht Teil der Untersuchung, aber ich habe so einiges aufgeschnappt bei uns im Büro. Genral Lambert war auch einige Male hier und hat Lance persönlich befragt. Der Abschussbefehl gegen euer Flugzeug kam auf die dringliche Aussage von Lance hin, dass sie zur illegalen Erwirkung der Starterlaubnis gezwungen wurde und an Bord des Fluchtfahrzeugs nicht nur die geheime Tarnkappentechnik sei, sondern auch Gefechtsköpfe. Sie hat auch en detail Aussagen zu Protokoll gegeben, die vergangene Einsätze betreffen und die Uzun diskreditieren und die SFG 77 mit illegalem Verhalten in Verbindung bringen sollen!“

Veronica versucht ihre wilde Mähne zu bändigen:

„Zoé, die ist nicht Deine Freundin, es sei denn, ihr habt das so abgesprochen. Was echt bescheuert wäre… Die ist euer Sargnagel! Sie belastet die SFG 77 als Terroristen mit Agenda gegen AIM, die sich zudem nach China und sonstwo hin verkauft haben soll. Und ehrlich, das ist nur die Spitze des Eisbergs, von der ich was mitbekommen habe. So wie ich das sehe, kann General Lambert gar nicht anders, als hart gegen euch vorzugehen. Ich meine, Lance ist nicht die einzige Zeugin, aber sie ist DIE Zeugin. Sie wurde wie eine VIP behandelt, mit Bodyguards, Safe House und allem.“

„Seit zwei Tagen ist Lance jetzt privat untergekommen und hat Sicherheitspersonal von AIM für das Hotel abgelehnt, in das sie umgezogen ist. Sie hat scheinbar eigene Sicherheitsleute engagiert. Das kommt allen etwas komisch vor, aber Lambert und die Innenrevision haben was sie wollten, glaube ich. Lance wartet jetzt nur noch auf die Abwicklung ihrer Abfindung und Grünes Licht vom Internal Audit. Dann wird sie London wahrscheinlich verlassen und untertauchen.“

Dann geht Veronica auch auf die Frage nach General Lambert ein:

„Naja, Zoé, General Lamberts Abschussliste, was soll ich da sagen? Er hat sich im CCOM durchgesetzt, das Attentat gegen Uzun aufzuklären und gleichzeitig die Konsequenzen zu ziehen, damit sowas nicht mehr geschehen kann. Also ist er Teil der Ermittlung, aber eben auch Leiter einer Krisengruppe, die Finistère sicherer machen soll. Es gab auch bereits einige Verhaftungen unter AIM-Personal in Finistère kurz nach dem Attentat. Dieser Schütze aus dem Video, das eure Anwälte geschickt haben, der wurde wohl inhaftiert zum Beispiel.“

„Warum Lambert mit Uzun im Krieg lag? Ihm galt von Anfang an Uzun als zu japanisch in seiner taktischen und strategischen Doktrin für Sondereinsätze. In fast jeder Stufe seines Werdegangs musste sich Uzun gegen Konservative durchsetzen. Lambert war stets der Auffassung, dass AIM sich nicht an klassischen Eingreiftruppen der Konzern- oder Schattenwelt orientieren sollte. Er war strikt gegen eine Rekrutierung zivilen Personals. Seine eigenen Konzepte für AIM sahen eine erneuerte, grundständige Militärausbildung vor. Damit ist Lambert aber im Großen und Ganzen bei den Entscheidern auch gescheitert. Oftmals konkurrierte Lambert direkt mit Uzun um Geldtöpfe im CCOM. Außerdem war Uzun ja nur Captain und Major, hat aber immer sehr viel Freiraum von der Firmenleitung gehabt. Das hat Lambert auch immer als Verstoß gegen die Kommandostruktur kritisiert.“

„Ich meine, dass Lambert Uzun nicht ausstehen konnte ist eine Sache. Aber noch mehr kocht Lambert, weil Uzun sich ‚hat in die Luft sprengen lassen, im Herzen der AIM‘. Für den General passt das alles wie die Faust aufs Auge. Ein logisches Versagen auf ganzer Linie und so. Irgendwie respektlos, wenn man bedenkt, dass Uzun für AIM gelebt hat. Es gab keinen einzigen Verwandten auf der Beerdigung… Aber immerhin lässt Lambert keinen Stein auf dem anderen, um Uzuns Tod aufzuklären, da sind sich alle einig.“

Veronica wird stiller und muss schwer schlucken, als man dann auf Fink zu sprechen kommt:

„Das, Fink… also, ich kannte ihn ganz gut. Er war Verwaltungsangestellter. Einer der nettesten Kerle bei AIM, die ich kenne… kannte. Ich habe das Video nicht gesehen, aber es soll im Eingang eines AIM-Gebäudes von einer Überwachungskamera aufgenommen worden sein, kaum zwei Stunden nach Uzuns Tod. Sinngeäß hat er wohl gesagt, dass er die Beteiligung an Uzuns Tod bereut, aber von der SFG 77 erpresst wurde. Man sieht wohl Lance, die beschwichtigend auf ihn einwirkt und einredet, bevor er sich mit seiner eigenen Waffe erschießt.“

Veronicas Augen werden glasig und sie ringt ein wenig mit den Tränen. Scheinbar setzt ihr die ganze Situation doch etwas zu, als hätte es sie tiefer erschüttert als man zuerst denkt.

„Zoé, irgendwas sagt mir, dass ihr das nicht gewesen sein könnt, mit dem Attentat. Das ist nicht AIM. Das macht so überhaupt keinen Sinn. Aber ich kenne ja Deine Kameraden nicht wirklich. Sag mir einfach, dass Du an dieser ganzen Sache einfach keinen Anteil hast, ja?“

„Und was Lance angeht: Ich kann mit ihr nicht reden. Sie sitzt in ihrem Hotel aber außer der Chefetage kommt keiner an sie ran. Ich habe keine Kontaktmöglichkeit. Ich will auch gar nicht. Die ganze Sache macht mir ohnehin schon Magenkrämpfe und ich will kein Risiko eingehen. Wenn Du sie sprechen willst, dann kann ich Dir den Namen des Hotels geben, in dem sie nun unterkommt. Aber dann solltest Du Dich jedenfalls beeilen. Das sieht alles so aus, als wenn sie kurz davor ist unterzutauchen und der AIM für alle Zeiten lebewohl zu sagen. Und Du solltest Dir im Klaren darüber sein, dass Lance Dich wahrscheinlich meiden wird wie der Schnee das Feuer.“

Zu Norges Zusatzvertrag Future Soldier 2080 kann Veroinica zuerst nichts sagen. Auch am Folgetag lässt sie Zoé wissen, dass Norge halt einfach unterschrieben hat für das Sonderprogramm. Es gibt bisher nicht viele Probanden, weil es noch in der Entwicklungsphase ist. Scheint alles seine Richtigkeit zu haben.

Hillers Vermächtnis an Zoé

Es dauerte einige Tage, bis die Westhouse-Rechtsanwaltskanzlei für 3.800 Nuyen die Überführung des Nachlasses von Collette Hiller an Zoé Miller sicher bewerkstelligt hatte. Die Verschleierung des Weges nach Dahomey verschlang auch nochmal etwas Zeit. Letztendlich hält Zoé einen schmucklosen Briefumschlag in der Hand, der aus der viel zu großen Dokumentenmappe der Anwaltskanzlei purzelt. Darin befindet sich eine in die Jahre gekommene, abgewetzte Fotografie.

Hillers Nachlass. Auf der Rückseite stehen die handschriftlichen Worte „Semper Fidelis“ mit einem Filzstift geschrieben.

Es handelt sich um die Aufnahme einer militärischen Einheit, offenbar in einer heißen und trockenen Region der Welt. Sie zeigt sieben Soldaten, darunter Collette Hiller. Sie lehnt lässig gegen die Schnauze eines Schwenkflügelflugzeugs, die ins Bild hinein ragt. Die vollverspiegelte Pilotenbrille – Hillers Markenzeichen – lässt keine Zweifel daran, dass sie die Pilotin des Vehikels ist. Ihre Abzeichen weisen sie als Chief Warrant Officer und Heeresfliegerin aus.

Zoé muss vielleicht schmunzeln: Coolness ging Hiller schon über alles, bis zuletzt! Aber Moment, das ist kein Bild von der AIM. Auf dem Dropship steht „3. RGT IMA Army (Airborne) 11. Urban Brigade“. Es ist eine Aufnahme aus Zeiten als AIM noch die IMA war.

Zoé ist angefixt und nimmt eine Lupe zur Hand (oder direkt Copper als lebendes Vergrößerungsglas?). Sie geht die anderen Personen auf dem Bild durch:

Ein grimmig dreinblickender Amerikaner, wahrscheinlich Südstaatler. Er hält locker ein Scharfschützengewehr auf der Hütze aufgestützt. Auf seiner Brust ist der Name „F. Horrigan“ aufgenäht. Er raucht Zigarre.

Zwischen Horrigan und Hiller steht ein schwarzhaariger Europäer mit einer französischen, roten Baskenmütze. Mit einer Hand auf Hillers Schulter, stemmt er mit der anderen ein Maschinengewehr. Der Soldat heißt „F. Walker“ und bekleidet den Rang eines Specialist (SPC).

Neben dem Franzosen steht ein grobschlächtiger Kerl mit russischem Einschlag, ein Corporal. Er schaut grade zur Seite, als das Bild gemacht wurde, als habe er den Auslöser verpasst. Der Mann heißt laut Aufnäher „N. Terminow“.

Vorne knieht dann ein derber Ork mit ausgefahrenen Cyber-Sporen am Unterarm. Ein Sergeant der Fallschirmjäger mit dem Namen „K. Brauer“. Er streckt die Zunge raus, was eher blutrünstig wirkt.

Somit ist Zoé am anderen Rand des Bildes angekommen. Dort sind zwei Personen, die sehr eng beieinander stehen. Der eine ist ein Lieutenant Colonel (LTC) und damit der einzige Offizier der Gruppe. Er trägt seine schwarzen Haare ordentlich frisiert und hält eng an sich gepresst eine lachende Blondine, die dem LTC scheinbar mit einer Hand grade an das Hinterteil greift. Die andere Hand ruht auf der Schulter des LTC. Sie hat auch ihren Kopf auf der Schulter des Mannes abgelegt. Die beiden scheinen ziemlich zwanglos miteinander zu sein und sehen grinsend in die Kamera.

Die lachende Frau ist unverkennbar SPC Kara Lance – ja, genau die Kara Lance, die die SFG 77 seit vielen Jahren eng begleitet hat. Ihren Abzeichen nach ist sie auf dem Bild Teil der IMA Luftwaffe und passt damit nicht so ganz zum Rest der Truppe, die alle Teil der Infanterie sind. Wenn man sehr genau das Bild studiert, kann man erkennen, dass im Hintergrund Krücken liegen. Kara Lance belastet auch nur eines ihrer Beine.

Der LTC, der hart mit Kara Lance flirtet, trägt als Namensabzeichen „Owen“ auf der Brust. Ein Lieutenant Colonel der 11. Urbanen Brigaden der IMA. Sein Gesicht stimmt unfraglich mit dem Portrait des gesuchten Kriegsverbrechers Richard Owen überein…

Es fällt Zoé nicht schwer herauszufinden, dass das Foto um 2061 entstanden sein muss, kurz vor dem Untergang der IMA. Hiller und Lance stehen auf dem Bild an zwei verschiedenen Ecken, aber beide Frauen scheint doch etwas zu verbinden. Lance trägt das Abzeichen einer Kampfpilotin, was aber bei ihrem Rang als Specialist überhaupt keinen Sinn ergibt. Zudem hat Lance die selbe Pilotenbrille wie Hiller, nur nicht auf der Nase, sondern in der Hand, die Owen auf der Schulter liegt.

Auf der Rückseite der Fotografie hat eine geschwungene Handschrift „Semper Fidelis“ geschrieben – „Für immer treu“. Der Satz ist ebenso schwungvoll unterstrichen.

Zoé versucht sich zu erinnern. Es gab einmal ein kurzes aber seltsames Gespräch, dass sie mit Hiller geführt hatte. Es ging um die Jagd nach Richard Owen, die von der SFG 77 damals vorangetrieben wurde. Hiller, die damals, es muss Anfang oder Mitte 2072 gewesen sein, noch im Bereitschaftspool bei AIM gewesen war, und nicht unter regulärem Vertrag stand, hatte abfällig vom dreckigen Ende der IMA erzählt und schien mit diesem Teil ihres Lebens abgeschlossenen zu haben. Von Richard Owen wusste sie nichts – sagte sie damals. Sie hatte aber auch irgendetwas Kryptisches gesagt, das Zoé damals nicht so recht verstanden hatte. In etwa: „Am Ende ist eh alles scheissegal gewesen. Ränge, Vorgesetzte, Aufträge… Und ehrlich, nur Rigger verstehen Rigger. Kameradschaft kann man sich nicht aussuchen.“

Die offizielle Antwort von AIM

Es dauert gut eine Woche, bis über die Anwaltskanzlei eine Note als Antwort auf die eingegebenen Einsatzberichte, Forderungen und Stellungnahmen an die SFG 77 ergeht:

An: Westhouse Legal Services, NY, UCAS

in juristischer Standschaft und Vertretung für

Bazut Morellè sowie Zoé Miller, Harald Svenson, Philippe Boucard, Compton Breslin in der Rechtssache AIM #9822 (fahrlässige Tötung, Erpressung, Verletzung der Dienstaufsichtspflicht, Geheimnisverrat, ungerechtfertigter Einsatz tödlicher Gewalt, unerlaubtes Entfernen von der Truppe, u.a.) .

Die Association Internationale des Mercenaires (AIM) begrüßt die Bereitschaft der vertretenen Personen zur Aufklärung anhängiger Ermittlungsfälle und Sicherheitsverstöße auf dem Territorium der Exklave 1192-2070 (Finistère) vollumfänglich beizutragen.

Der Einheitsverband SFG 77 ist aufgelöst. Die vertretenen Personen sind der 214th Marine Battalion der 1st AIM AEF „Empower“ als Stammeinheit zugeordnet. Die Rückmeldefrist für das Battalionsbüro Finistère, Komplex Hafen, Gebäude A, Zimmer 12094, beträgt sieben Kalendertage ohne disziplinarische Konsequenzen.

Mit sofortiger Wirkung sind die vertretenen Personen aus jeglichen laufenden Einsatzverpflichtungen entbunden und suspendiert, da sie Beteiligte an laufenden strafrechtlichen und disziplinarrechtlichen Ermittlungen sind. Bezüge und Privatvermögen sind bis zur ordentlichen Rückmeldung beim Battalionshauptquartier Finistère sowie der Rückführung aller noch im Feld mitgeführten Sachposten eingefroren.

Verpflichtungen der vertretenen Personen aus Vertragsvereinbarungen über die Tätigkeit als Spezialkräfte für AIM bleiben unbetroffen. Hierzu zählen insbesondere Vereinbarungen über Interessenschutz, Geheimhaltung, Eigentumsschutz, Geheimnisverrat, unerlaubte Nebentätigkeiten sowie Erklärungen zur Verfassungstreue.

AIM bekräftigt ihr Verständnis für das sensible und schutzbedürftige Arbeitsverhältnis ihres Personals in Sondereinsatzbereichen und sichert vollen physischen und Identitätsschutz der vertretenen Personen und deren persönlichen Umfelder für die Dauer der Ermittlungen zu.

Ein Rechtsbeistand wird den vertretenen Personen auf Wunsch bereitgestellt.

gez. Francis, Law Division, Administration Department

gez. GEN Lambert, CCOM, 1st AEF HQ

Nachricht an Zoé wegen Suspendierung

Liebe Frau Zoé Miller,

mit großem Bedauern nehmen wir ihr Ausscheiden aus dem langjährigen aktiven Dienst bei der Association Internationale des Mercenaires zur Kenntnis.

Wir bedanken uns für ihr persönliches Engagement für die AIM-Familie und hoffen, dass sie auf ihre Dienstzeit mit besten Erinnerungen und reich an interessanten Erfahrungen zurückblicken werden.

Die Nachlassverwaltung des Citizen Office hat, verbunden mit ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst, eine notarielle Benachrichtigung aktiviert.

Verfügende Person: Hiller, Collette (ID 0.9.096546V3), verschieden am 2073-10-12; Nachlassöffnung am 2074-01-14.

Begünstigte Person: Miller, Zoé (ID 0.9.057646W4)

Datum der Verfügung: 2072-12-30

Ort der Verfügung: Civic Office; Finistère

Sie können die Nachlassangelegenheiten jederzeit zu unseren Öffnungszeiten im Erbschafts- und Nachlassbüro regeln. Wir stehen Ihnen sehr gerne persönlich zur Verfügung.

Herzliche Grüße,

Ihr Civic Office

Hinweis: Diese Nachricht wurde maschinell erstellt und dient nicht als notrariell beglaubigter Nachweis eines gültigen Erbschaftsanspruchs.

Soirée

Annabelle-Anwesen, Graue Zone, Dahomey

Die Flucht der SFG 77 fand in Dahomeys Grauer Zone, auf dem Anwesen von Annabelle und Positive, ihr vorläufiges Ende – oder besser einen Zwischenhalt. Die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge zu gehen, war die größte Sorge gewesen bisher.

Zuerst hatte man natürlich Norge in die sichere Obhut des Willem van de Flierdt gegeben. Die Funkstille dauerte nun schon in der dritten Woche an – und das war auch so vereinbart gewesen. Dann kam die bestätigte Nachricht über Major Uzuns Tod öffentlich einsehbar über jedes beliebige Trideo-Gerät. Zu dem Zeitpunkt saß die SFG 77 noch in Europa fest. Doch mittlerweile fand man auf dem abgelegenen Landsitz von Prinzessin Annabelle einen vorrübergehenden Hafen.

Mike hatte sich mittlerweile gemeldet und die SFG 77 arbeitete an einer juristischen Strategie, mit der vertrackten Situation umzugehen. Eine aktuelle Kernfrage war nun, wen man wie genau einbinden sollte. In dieser Situation, die von Für und Wider, Hin und Her geprägt war, ergriff überraschenderweise Prinzessin Annabelle die Initiative, als sie Positive und auch andere informierte:

Annabelles Initiative

„Ich habe mir das nun ein paar Tage angehört. Ja, und meine Anwälte ja auch. Wir haben gute Mittelsmänner. Aber es hört sich schlicht und ergreifend nicht richtig an, nun, wenn man wirklich einmal Hilfe braucht, über Dritte und Vierte nach Unterstützung zu buhlen. Ich habe mich daher entschieden, einen Gesellschaftsabend auszurichten. Miss Pria Clark hat bereits zugesagt. Rago und Odam übrigens auch. Und so Andikan will! – werde ich von mir aus auch die Elefantenpriesterin einladen, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass sie aussschlagen wird. Sofern sie nicht ohnehin im Buschland verschollen ist. Auch Sistren und Aidren aus Moskuwa habe ich eine diskrete Einladung geschickt. – Jaja, ich weiß schon.“ Sie winkt ab. „Aber wenn Freundschaftsbande diese Belastung nicht aushalten, dann sind sie es nicht wert. Und eine Gemeinschaft, die nicht den Mut findet, zusammenzukommen, ist keine.“

Einwände gegen eine Einladung von Clark schmettert Annabelle mit einer interessanten Einsicht ab: „Wenn AIM herausfindet, dass sich eine abtrünnige Spezialeinheit hier versteckt, dann werden die diplomatischen Konsequenzen eine Eiszeit einläuten. Glaubt mir, niemand will so eine Eiszeit. Weder ich, noch AIM, am allerwenigsten Miss Clark. Also wenn sie hier ist, euch sieht und alles aus erster Hand hört, dann versteht sie, wie ernst die Lage ist. Sie wird das so delikat behandeln, wie es auch angemessen ist.“

Und so begibt es sich, dass es auf Annabelles Anwesen auf erstaunlich unkomplizierte Weise zu einem diskreten Gesellschaftsabend kommt. Anwesend sind Clark, Sistren & Aidren, Odam und Rago.

Clarks Einsichten

Bewacht durch Annabelles Sicherheitsdienst, Zoés Drohnen und Andikans Schutzgeistern finden die SFG 77 und Pria Clark endlich Zeit für ein vertrauliches Wiedersehen am Kaminfeuer. Der Ausblick über die bewaldeten Hügel der Grauen Zone rufen Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse wach. Doch schlussendlich dominiert ein Thema das Gespräch: die Flucht der SFG 77.

„Ich finde diesen juristischen Schriftsatz gut! Er zeigt immerhin, dass ihr euch ernsthaft Gedanken gemacht habt. Einiges ist sicher ziemlich dreiste Behauptung oder Wunschdenken, aber es ist auf jeden Fall besser, als zu schweigen. Ihr müsst nur vorsichtig sein, dass ihr nicht zu viel auftischt. Wer weiß, wie die Sache ausgeht, und bei Verhandlungen sind zu viele Details manchmal auch hinderlich. Ich kann euch jedenfalls die richtigen Schreibtische nennen, auf denen das landen sollte, über Anwälte.“

Pria ist von der ganzen Entwicklung um die SFG 77 ziemlich aufgekratzt und nervös. Sie scheint die Sorgen der SFG zu teilen und zupft nachdenklich an ihrem Cocktailschirmchen, während sie ins Feuer schaut. Dann lässt sie den Blick über Zoé, Positive, Régicide und Copper schweifen:

„Ich habe Gerüchte gehört, was in Finistère grade los ist. Aber bevor ich damit anfange, folgender Satz: Als die Kampagne AIM Matters so durchgeschlagen hatte, da bekam ich meine fünf Minuten mit Jacqueline Walters. Und sie hat gesagt – und ich zitiere: ‚Captain Uzun hat gezeigt, dass er keine Soldaten geformt, sondern eine Familie gegründet hat. Das sind herausragende Personen, jeder von ihnen. Ich kann nicht sagen, ob das rückblickend der richtige Weg sein wird, aber ich bin mir sicher, dass wenn es schief geht, der Fehler bei uns liegen wird.‘ Den Satz habe ich nie vergessen. Und jetzt habe ich mir ihren Auftritt angesehen, den Nachruf, im Trideo, ihr wisst schon. Ich habe es mir viermal angehört: sie gibt euch Deckung. Aber sie kann im Moment auch nichts machen. Die Sache ist fest in CCOM-Hand. Womit ich jetzt auch bei den Gerüchten angelangt bin…“

Pria kratzt sich im Nacken und fährt sich durch den wilden Haarschopf.

„General Lambert war schon immer der härsteste Gegenspieler von Uzun. Er hat ihm das Leben so schwer gemacht! Das weiß jeder im CCOM. Jetzt will er alles rückgängig machen, die ganzen Doktrinen über adaptive Spezialkräfte. Uzuns Vermächtnis. Das haben mir einige Freunde in Finistère bestätigt. Er ist der Verantwortliche für die Aufarbeitung des Attentats und der aktuellen Situation um die SFG 77 und ich bin mir absolut sicher: er will euch den Hahn zudrehen, ein für allemal.“

„Dummerweise, und das macht mir wirklich Sorgen, scheint es ernste Beweise zu geben, die euch mit dem Tod von Major Uzun in Verbindung bringen. Kara Lance hat euch mit der Flucht belastet, sie ist derzeit als potentielle Mitverschwörerin inhaftiert und wird durch die Innenrevision in London verhört. Fink soll sich vor einer laufenden Kamera in Finistère selbst gerichtet und die SFG 77 dabei belastet haben. Lance hat noch versucht, ihn aufzuhalten. Das ist alles eine unglaubliche Misère!“

Pria deutet auf den juristischen Schriftsatz der SFG 77.

„Und außerdem, habe ich nichts von solchen Beweisen gehört, wie sie da zitiert werden. Ein Angriff auf Norge? Davon höre ich das erste Mal. Die Linie der Ermittlung ist derzeit, dass die SFG 77 Personen erpresst hat, um Uzuns Tod einzufädeln, zu decken, und sich abzusetzen. Wenn es andere Beweise gibt, sind sie entweder sehr gut unter Verschluss oder sie haben die Verantwortlichen nicht erreicht. – Nun, oder sie werden ignoriert.“

Möglicherweise sorgen Clarks Neuigkeiten und Perspektiven für eine hitzige Entrüstung unter einigen der Anwesenden. Es wird die Frage laut, ob nicht wirklich feindliche Kräfte vom Ausmaß der Agooji oder Yakutiens involviert sein müssen; alles, nur um Initiative Tradestop, AIM und die SFG 77 zu schwächen? Aber wäre das nicht eine wahnwitzige Verschwörungstheorie?? Clark teilt eine Sorge jedenfalls ganz klar:

„Wenn es eine Intrige gegen AIM ist, dann wird euer Schriftsatz das nicht auflösen. Mein Tipp wäre: ihr müsst etwas auftreiben, das euch ungeteiltes Gehör und ungeteilte Glaubwürdigkeit verleiht. Irgendwas, das so gut ist, dass ihr damit direkt an diesem General Lambert vorbei bis zur Chefetage gehen könnt. Jacqueline Walters kann sich nicht in eine laufende Ermittlung einmischen, es sei denn, ihr habt einen Beweis, der die Tragweite der Intrige klar aufzeigt. Ich glaube, dann würde sie und das ganze Internal Audit hart durchregieren. Aber in so eine Schlammschlacht über juristische Positionen innerhalb des CCOM und dieses und jenes Beweisstück, da kann sie euch nicht helfen, auch wenn sie das vielleicht gerne würde. Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr das Schicksal der SFG 77 am Herzen liegt. – Wenn ihr etwas Felsenfestes besorgen könnt, das wirklich aufzeigt, wie weit das alles vielleicht um sich greift, mit den Agooji, der Initiative Tradestop und so weiter, dann bringe ich es vertraulich direkt in Jacqueline Walters Vorzimmer. Das kann ich euch versprechen. Aber mit weniger wird es nicht funktionieren, fürchte ich.“

Bossier Daily: Custers-Morde neu aufgerollt

Ende Januar 2074 war es zu einem grässlichen Dreifachmord im Custers gekommen, unserem stadtbekanntem und beliebten Billiardlokal, das auch außerhalb unserer Stadt große Bekanntheit genießt.

Unvergessen sind die Trauerzüge und die Solidaritätsbekundungen unserer Bürgerinnen und Bürger, die auch von Farbigen und Metamutanten breit getragen wurden.

Die Schuldlage konnte damals zweifelsfrei geklärt werden. Der in Bossier als „Brücken-Troll“ bekannte Henry B., der am verlassenen Autohof zur Interstate seine Höhle in den Schrottbergen bewohnte, gab die Gewalttat zu.

Metamutanten hatten damals zu massiven Protesten gegen Henry B.s Verurteilung und Schuldfähigkeit aufgerufen, trotz klarer und schlüssiger Beweislage. Immer wieder war es zu unerlaubten Aufzügen und auch Anschlägen gegen Polizeibeamte und andere Stadtbedienstete gekommen.

Die Lage spitzte sich bis in den April zu, als unser geehrter Bürgermeister Knight Errant Sonderkräfte mit einem Budget von 2.8 Millionen Nuyen bewilligt, um der anhaltenden Demonstrationen und Gesetzesverstöße in selbstgerechter Standtschaft für den internierten Henry B. entgegenzuwirken.

Es zog wieder Frieden ein in Bossier City.

Heute Morgen haben Mutanten-Reverend Barris und Bürgermeister Whitechapel überraschend bekanntgegeben, dass der Dreifachmord neu aufgerollt wird. Henry B. wurde unverzüglich auf freien Fuß gesetzt und erhielt einen Schadensersatz von 439.200 Nuyen – 2.400 Nuyen für jeden abgeleisteten Hafttag.

Sprecher der Mutantenbewegungen gaben bekannt, dass einer der an den Ermittlungen beteiligten Polizisten eine neue Aussage zu Protokoll gegeben hat. Der schwarze Mann, dessen Namen bisher nicht bekanntgegeben wurde, hat der Staatsanwaltschaft zufolge angegeben, dass er sich im Verlaufe der Ermittlungen gegen Henry B. unter Druck gesetzt fühlte und deshalb Falschaussagen zu Protokoll gab. Die Fehlverurteilung von Henry B. konnte er mit seinem Gewissen jedoch nicht länger vereinbaren.

Weiterhin seien die drei Mordopfer Anstifter eines Streits gewesen, bei dem es um rassistische Beleidigungen gegangen sein soll. Die Todesfolgen seien aus Selbstverteidigung hervorgegangen. Doch wer wurde beleidigt, wer hat sich verteidigt?

Diese überraschende Wendung wirft Fragen auf. Man wird genaustens prüfen müssen, wie wahr die plötzlichen Neuaussagen des schwarzen Polizisten sind. Er wird sich sicherlich wegen Justizbehinderung und Falschaussage disziplinarisch zu verantworten haben. Wenn da etwas dran ist – und immerhin ist Henry B. bereits wieder auf freiem Fuß – wird man auch fragen müssen, wieso es zu solch einem Versagen des Justizapparates kommen konnte. Waren wir zu schnell, zu leichtgläubig?

Troll Henry B. ist nun wieder auf freiem Fuß und hat den Schadensersatz der Mutantenbewegung gespendet. Es soll als Vorfinanzierung für eine unabhängige Untersuchung des Dreifachmordes dienen, geleitet von der Bundesbehörde und einem Ermittlerteam von Knight Errant aus Denver, CO.

Henry B. ist auf den Autohof zurückgekehrt. Schaut vorbei Leute, und legt ein paar Spenden am Tor ab, wenn ihr es entbehren könnt! Er hat es nicht leicht und wir sollten fair sein und anerkennen, dass er auch unschuldig sein kann, obwohl er ein Troll ist!

Schaut zweimal hin, glaubt nicht alles beim ersten hören. Und zeigt unseren Kindern und Gästen, dass wir besser sind als das. Unser Bürgermeister braucht uns jetzt ganz besonders. Wenn die Sonderermittler und Justizaufsicht kommen, sollen sie das saubere und faire Bossier sehen, das wir uns alle so wünschen.

Bossier Daily, 2074-08-28

CASS Shigeruu gesunken

Channel 9 World News. – 2074-09-03

In der vergangenen Nacht ist der seit 2040 im Nordmeer verankerte Flugzeugträger CASS Shigeruu gesunken. Das Kriegsschiff war durch eine unbekannte magische Anomalie an einem festen Punkt unbeweglich gehalten worden.

Der sterbende Gigant, der seit über dreißig Jahren dem Verfall größtenteils anheim gegeben wurde, liegt nun in 5000 Metern Tiefe.

Corre Sverdrup, Projektleiter der Shigeruu Operation für NTNU und AIM in Trondheim:

„Die Gründe für das plötzliche und unvorhersehbare Sinken der Shigeruu sind noch nicht abschließend verstanden. Das hervorragend geschulte, wissenschaftliche und militärische Personal an Bord konnte jedoch die Lage beherrschen und geordnet evakuieren, bevor es zu größeren Velrusten kam. Insgesamt waren wir auf solch eine Situation vorbereitet, denn die Shigeruu war von Anfang an ein großes, undurchschautes Mysterium. Eine große Gelegenheit! Und auch eine riskante Sache. Das war immer klar.“

Ursprünglich zeigte die CASS Shigeruu als ein Kriegsschiff der Confederation of American States Präsenz in den Euro Wars und unterstützte indirekt die russische Position, die auf eine Beendigung der Kriegshandlungen hinstrebte. Auf dem Weg in die Karasee fixierte eine magische Kraft das Schiff auf offener See und raubte den CAS somit einen zentralen geostrategischen Spielstein.

In den Folgejahren nutzten sowohl die Russische Föderation als auch die Skandinavische Union die Shigeruu als Basislager. Dem folgten multinationale Forschungsstationen nach, die dem arkanen Phänomen auf die Spur kommen wollten.

Die Norwegian University of Science and Technology (NTNU) übernahm nach anfänglicher Euphorie über die möglichen, magischen Erkenntnisse, die Langzeitstudien auf der Shigeruu. Gesichert und betrieben wurde die Anlage zuletzt durch die Association Internationale des Mercenaires (AIM).

Anonyme Augenzeugen berichten von einem Feuer an Bord, das höchstwahrscheinlich auf einen magischen Ursprung zurückzuführen sei und zum Untergang der Shigeruu führte. Hierzu Prof. Dr. Sigrid Johansdottir, wissenschaftliche Leiterin:

„Vierunddreißig Jahre war die arkane Situation auf der Shigeruu stabil und gefahrenfrei. Die technischen Anlagen vor Ort waren nach Versuchen mit einer Erneuerung der Maschinenanlage und der Energiegewinnung extrem klein dimensioniert, um jegliche ungeplante Interaktion mit der arkanen Anomalie zu vermeiden. Insofern schließe ich aus, dass ihr Untergang auf technische Ursachen zurückzuführen ist. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Shigeruu eine arkane Anomalie war. Der Grund für die Stabilisierung des Kriegsschiffes konnte in vierunddreißig Jahren nicht klar entschlüsselt werden. Dennoch waren die Studien ertragreich. Nun hat uns die sechste Welt einmal mehr gezeigt, dass wir nicht alle Vorgänge, die uns umgeben, mit rationalen und technologischen Perspektiven begreifen und durchdringen können. Ich möchte mein tiefes Mitgefühl für die Opfer an Bord zum Ausdruck bringen, und meinen großen Respekt für die mutige und ausdauernde Forschungsarbeit, die auf der CASS Shigeruu geleistet wurde.“

Die Forschungen auf der CASS Shigeruu hatten insbesondere zu Erkenntnissen der Metamagie elementarer Ebenen beigetragen. Bis zuletzt war die hermetische oder spirituelle Natur der Anomalie aber umstritten geblieben. Versuche zur Interaktion von beiden großen arkanen Traditionen an Bord der Shigeruu hatten weltweit für Anerkennung gesorgt.

Laut der Seefahrtbehörde der Skandinavischen Union und AIM wird eine Bergung der CASS Shigeruu derzeit als nicht wirtschaftlich erachtet. Von privaten Initiativen zur Bergung wird aus Sicherheitsgründen stark abgeraten. Kleinere, spezialisierte Unternehmen haben jedoch ein Interesse an einer kommerziellen Bergung von Schrottwerten und der Vermarktung des denkwürdigen Ereignisses angekündigt. Der Erwerb von Filmrechten wird unbestätigten Meldungen zu Folge bereits verhandelt.

Technologieskeptische Gruppierungen sehen den Untergang der Shigeruu als eine positive Wendung und sprechen von einem Sieg des Unverstandenen über den Beherrschungsfetisch der Konzernwelt.

Die Internationale Schifffahrtsorganisation (IMO) hat eine Untersuchungskommission zu den Ereignissen eingefordert, um eventuelles Fehlverhalten der Betreiber sowie umweltschädliche Folgen zu untersuchen. Dies wurde seitens der NTNU und AIM abgelehnt. Weiterhin wird kritisiert, dass unabhängigen Medien kein Zugang zu Überlebenden der Havarie gewährt wird und deren Verbleib sowie gesundheitlicher Zustand unklar ist.

Norge, arm dran, Arm ab

Weißes Licht, Meerblick, verschwommene Erinnerungen und ein Trollkrankenpfleger. Ab und an Schmerzen, dann eine Hand an einem Tropf. Für einige Zeit bestimmen diese Eindrücke Norges Weg zurück aus dem erlittenen Trauma.

Bereits einen Tag nach der Havarie der Shigeruu wurde Norge als erster der SFG 77 nach Finistère geflogen. Sein verletzter Arm blieb jedoch zurück. Kurz darauf hatte sich der Robustus soweit erholt, dass er wieder sprechen und klar denken konnte. Man erklärte ihm seine Lage.

Der zweite Arm war zerstört und amputiert worden. Alles was Norge blieb, war sein guter Cyberarm. Doch es gab einen Lichtblick in dieser Misere. Ein Oberarzt kam eines Tages zu Norge und gratulierte ihm, dass er sich am Anfang des Jahres dazu bereit erklärt hatte, an dem experimentellen Programm Future Soldier 2080 teilzunehmen. Organe und Gliedmaßen mit Norges genetischem Abdruck wurden seit dem 17 Januar 2074 in den Laboratorien von Asakaturo Research nachgezüchtet, und das mit einigem Erfolg! Natürlich konnte sich Norge nicht daran erinnern, dazu seine Zustimmung gegeben zu haben. Aber es war nicht schwer zu begreifen, dass das eng mit seinem unbekannten Biomonitor nahe am Herzen zu tun haben musste.

Die Tatsache, dass ein Arm mit genetischer Passung bereits auf Norge wartete, nahm einigen Druck aus der Situation. Aber da gab es natürlich noch ein paar andere Themen zu verdauen: Was war auf der Shigeruu passiert? Was hatte das zu bedeuten? Was war mit Yui passiert? Was fürde das alles für die SFG 77 bedeuten und – vor allem: Was würde Norge erzählen, wenn der Major ihn nach den Geschehnissen befragen würde?

Auch wenn offiziell ein Besuchsverbot für Norge bestand, konnte die SFG 77 aufgrund ihrer Beziehungen und Bekanntheit durchaus zu Norge gelangen und mit ihm sprechen, auch solange er noch auf der sicherheitsbeschränkten Krankenstation lag. Bisher hatte niemand Norge besucht. Weder phyisch, noch über die Matrix. Keine Miru, keine Yui, keine Hitashi Sani, keine SFG 77, keine Stabsoffiziere und auch keine Kara Lance. Dafür hatte er einen wundervollen Ausblick über die Küstenbefestigung des AIM-Hauptquartiers und Zeit zum Nachdenken.

Save our Souls

Ganze eineinhalb Stunden harrt die SFG 77 in einem kleinen Rettungsboot der ehemaligen CASS Shigeruu aus. Norge hängt am Tropf, ist bewusstlos, sein Arm zerschmettert von der Granatenexplosion auf dem Kommandodeck des Flugzeugträgers. Die Bilder sind noch lebhaft präsent in allen Köpfen.

Schwarz gekleidete Gestalten im vollen ABC-Schutz und der Uniformierung einer veralteten CAS-Marine. Männer und Frauen in schwarzen Trockenanzügen, mit Tauchgerät und Harpunen. Darunter eine wohlbekannte, blauäugige Elfe, jung wie eh und je. Dazwischen die Besatzung von AIM, die SFG 77 und überforderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Trondheim und aller Welt. Dann Feuer, Explosionen und Eis. Positive, der auf seine ehemalige Geliebte zweimal schießt und verfehlt. Régicide im Krisenmodus. Zoés lodernde Augen. Und natürlich ein Gigant aus Stahl, der letztlich flammend im Meer versinkt.

Als ein Rettungshelikopter die Unglücksstelle erreicht, hat sich der Atem der SFG 77 bereits erschöpft. Es wurde so einiges besprochen, verworfen, konspiriert und vereinbart. Doch die Folgen dieser Katastrophe waren zu diesem Zeitpunkt für die fünf Kameradinnen und Kameraden noch nicht absehbar.

Als sich das Bergungsteam einer privaten, norwegischen Küstenwache über dem Rettungsbot der SFG 77 abseilt und ihre Köpfe durch die Einstiegsluke steckt, lautet die erste Frage:

„Svenson? Ist hier Harald Svenson?“

Ja, die Ersthelfer vor Ort sind nur aus einem Grund hier: Norge bergen, dessen technisches Interieur ein Notsignal weit hinauf in die Sphären der Satelitten gesendet hatte, just als er seinen Arm und sein Bewusstsein verlor. Von AIM, der Shigeruu oder der SFG 77 wissen diese Leute nichts. Glücklicherweise wird den unerschrockenen Männern und Frauen der Polarmeerrettung schnell das Ausmaß der Lage vor Ort klar. Norge, der mit am schwersten verletzt ist, wird als erster evakuiert, aber das Bergungsteam lässt sich zuvor auf den anderen Rettungsinseln absetzen, um erste Hilfe zu leisten. Gut 30 Minuten später trifft die norwegische Marine ein und die Evakuierung dieses entlegenen Fleckens Polarmeer nimmt volle Fahrt auf.

Von hoch oben, aus den Sichtfenstern der Schwenkflügler betrachtet, wird das volle Ausmaß klar: die Shigeruu ist nicht mehr. Das Schicksal ist gnädig und schenkt ein spiegelglattes Meer, als wäre nichts geschehen.

Entgegen den Befürchtungen der erschöpften SFG 77 wird man nicht sofort getrennt und verhört, sondern als Schiffbrüchige nach Trondheim gebracht, wo alle eine angemessene Versorgung erhalten. Major Uzun ist alsbald persönlich vor Ort, befragt die SFG 77, sorgt sich um die Einsatzbereitschaft, hat Fragen über Fragen. Dann geht es alsbald für alle weiter nach Finistère, sobald es die Gesundheit zulässt. Raus, aus fremdem Hoheitsgebiet, für alle Fälle.

Noch im Rückflug macht eine Tonaufnahme der Seerettung die Runde, die mit Dronen im Wasser nach Überlebenden sucht. Aus den Tiefen des Ozeans klingt ein schwaches Totenlied herauf, das ein sterbendes Save Our Souls begleitet; der Marsch der Shigeruu, auf ihren letzten 5000 Metern.

Partisanen von Armur

02. September 2074