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Norges Anfrage

Zwischen Operation Vodka und der Party! hatte Norge eine Anfrage an die Medical & Health Branch der Operations Section von AIM gestellt. Die Antwort kam rasch. Im Prinzip ein Auszug von Norges Patientenakte:

  • Bone Lacing (plastic): Saeder-Krupp; Typ mBL-P2
  • Reflex Booster R1: Shiawase Armaments; Typ REBR1-7766
  • Reflex Trigger: Shiawase Armaments; Typ RET-a11
  • Dermal Plating R2: Yamatetsu MetaErgonomics; Typ D-Power R2-XD
  • Smartlink: Asakaturo Research, YC; Typ ASA-SL2
  • Chipjack: Asakaturo Research, YC; Typ ASA-SSLink 2.3
  • Biodiagnostic Cell: Asakaturo Research; Typ ASA-BDCx
  • Cyperarm R2: Yamatetsu MetaErgonomics; Typ Forklift Y-R2

Für Schnittstellensoftware, Updates und Performance-Optimierung wird auf eine eigene Software zurückgegriffen, die für AIM im Rahmen des R&D Projekts „Integrated Cyber Combat Solutions 2080“ entwickelt wird.

Mike düpiert

Eine Feier! Jaa! Mike war enthusiastisch. Das hatte man sich verdient. Ablenkung und Zerstreuung waren eine gute Idee! Der Schlag vor dem Kopf war dann so hart, dass Mike es erst gar nicht merkte.

„Wir wünsche dir und Nancy alles Gute zur Verlobung, das war ja nun auch Zeit!“

Mike grölte mit, als die Musik losging, und hob den Becher mit einer schäbigen Rum-Soy-Strawberry-Mischung: „Yoohoo!“ Dann dämmerte es ihm.

Die Leichtigkeit, mit der Zoé den Mike dann herumbugsieren und steuern konnte, ließ ja ersteinmal das Schlimmste vermuten. Wenn jemals jemand Mike in eine missliche Lage bringen wollte, um diese Lage dann schamlos auszunutzen, dann wäre wohl alles verloren.

Zoé bietet also vertraulich Hilfe an, während die kleine Party für einige Minuten etwas überzogen ausgelassen eskaliert. Zum Glück muss man sich bei der Flughöhe der TS-One keine Gedanken um die Sensor-Signatur machen.

Der etwas gelähmte Gesichtsausdruck mit offenem Mund zeigt Zoé sofort, dass Mike ganz genau weiß, worum es geht. Und plötzlich durchschaut er wohl auch die Party. Als Zoé dann die Frage präsentiert, ob Mike Hilfe braucht, schaut er ihr in die Augen – und nickt. Anschließend beugt er sich vor und flüstert Zoé ins Ohr: …

„Die, die… haben ihr Angst gemacht, zwölf Stunden lang. Und ihr Bilder gezeigt, von mir und der Iranerin. Die in Beijing, denke ich. Sie haben gesagt, das wäre eine Terroristin. Dann hat man sie vor die Wahl gestellt, entweder das Land zu verlassen und irgendwas zu unterschreiben oder sich einer Gerichtsverhandlung zu stellen. Jetzt sitzt sie in Neo-Tokyo, und sie hat Angst. Ich denke, sie wird verfolgt. Sie ist zur Polizei gegangen.“

Von Naama an Régicite

Naama Malik

Wer hätte es gedacht. Monate war es her, mehr als ein Jahr, dass die SFG 77 die junge Gothic- und Metal-Fan Naama Malik aus den Tiefen des Habitats Umisachihiko gerettet hatte. Sie war damals der unfreiwillige Köder gewesen, um Régicite in eine Falle zu locken. Die Folgen des fast gelungenen Genickschusses spürte Régicite noch ein Jahr später. Es war wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass die alte Wunde sich am Tag von Naamas Anruf bereits am Morgen wieder meldete.

Naama rief aus Seattle an. Sie hatte dort, nach den ganzen Zwischenfällen im Rahmen der Operation Ground Zero, neu Fuß gefasst. Ein neuer Job, neue Freunde, neue Perspektiven. Ihr ging es scheinbar gut. Warum sich Naama gemeldet hatte, blieb nach dem Gespräch irgendwie etwas nebulös. Vielleicht war sie der SFG 77 einfach dankbar und immer noch verbunden. Zumindest blieb nach dem Gespräch das positive Gefühl, dass es Naama soweit gut ging – so gut es einem in Seattle, mit all seinen Schattenseiten und Gefahren, eben gehen konnte.

Die Dreiundzwanzigjährige arbeitete jetzt für ein Seafood Restaurant in Tacoma. Aber eigentlich begeistert sie sich für die Industrial Cyber Cross-Meta Metal Szene der Westküste. Also ein ganz normales Leben im Sprawl, endlich.

Verhöre und Auswertungen

Die beiden Operationen Himba und Sommerregen hatten nicht nur eine Fülle an Daten für die Aufklärungsabteilung der Task Force Tradestop geliefert, sondern auch zwei Gefangene.

Der eine, Esun, hatte sich als Schlangenschamane im Dienst der Agooji entpuppt. Er wurde in Alt-Folonara von Zoés Doberman-Drone niedergeschossen, als er sich mit Positive ein Duell liefern wollte. Der andere, Noyan, wurde in der Villa des Zweigstellenleiters von DeBeers Omnitech Nigeria IV überwältigt. Offenkundig folgt auch er einer schamanistischen Tradition, die insbesondere durch die Vermischung von Eis und Feuer im Feld aufgefallen war.

Die technische Auswertung von Operation Sommerregen hatte einen umfangreichenh Katalog mit Personendaten zutage gebracht. Es war ein Durchlaufregister für mehrere Jage Verschleppung und Sklavenhandel über eine Route, die man in der Task Force Tradestop nun als die Folonara-Volgograd-Route bezeichnet. Hier liegen nun Namen, Bildmaterial und auch manche biometrischen Daten zu den Opfern vor. Darunter auch der Eintrag zu Andrea Purgess (alias Lena Mason). Mike Goodfewllow hatte dieses Detail an Zoé geleakt, zusammen mit dem Hinweis, dass Lena am 1. November 2073 vor Alt-Folonara auf ein Schiff der Greek F-Line namens Epheseus verladen worden war. Zielhafen dieses Schiffes war Volgograd gewesen. Diesen Weg durch den Bosporus hatten viele Verschleppte angetreten.

Die technische Auswertung von Operation Himba war magerer für die Task Force ausgefallen. Zwar reichten die Informationen, um eine Klage und einen Enteignungsprozess gegen DeBeers Omnitech anzustrengen, aber über die Frage des Menschenhandels gab es keine deutlichen Spuren. Hier waren der Gefangene Esun und die befreite Himba Auna wesentlich bessere Quellen.

Zu dem verstorbenen Ethan McFarlow indes, an dem Positive natürlich ein besonderes Interesse hatte, konnte zumindest herausgefunden werden, dass er als Vermittler zwischen DeBeers und dem seltsamen Schamanen Noyan aufgetreten war. Hierbei ging es wohl um einen Abkauf von Himba, doch die Daten sind dünn. Deutlicher wird, dass Ethan McFarlow allerdings nach Negatives Verschwinden nach Afrika 2068 einen Patent-Coup begangen hatte und viele Erkenntnisse aus der gemeinsamen Arbeit mit Negative für eine neue Unternehmensgründung genutzt hatte. Man könnte von Patentraub an Negative sprechen. Das wirft weitere Fragen auf. Doch inwieweit McFarlow in Negatives Schicksal während seiner zwei „dunklen Jahre“ verwickelt gewesen war, hat er mit ins Grab genommen.

Was man Ethan McFarlow mittlerweile jedoch vorhalten kann ist, dass er sowohl Technologie als auch Menschen in das Erwachte Yakut hat schmuggeln lassen (siehe Aussagen von Noyan weiter unten). Die Patente zur Prospektion von erwachtem Mineral (v.a. Orichalkum) hat McFarlow mit Sicherheit in den Minen von Nigeria zu geld gemacht. Möglicherweise aber auch durch einen Verkauf an unbekannte Abnehmer im Gebiet des Erwachten Yakut.

Esun

Esun

Der gefangene Esun aus der Operation Sommerregen ist ein stämmiger Schwarzafrikaner, nach eigenen Auskünften aus Sierra Leone stammend. Er ist ein Schamane eines Schlangen-Totems und er muss als Mitglied der Agooji angesehen werden. Es ist das erste Mal, dass AIM ein Mitglied der Agooji lebend gefangen nehmen konnte.

Esun hat bisher eingestanden, für die Agooji den Schwarzmarkthandel mit der arkanen Droge „Ghost“ zu unterstützen. Hierzu werden Pflanzen aus dem erwachten Dschungel illegal ausgeführt. Er inszeniert sich als kleiner Aufseher für die Interessen der Agooji vor Ort, also in Süditalien. Dort ist ein wesentlicher Umschlagplatz für Drogen nach Europa.

Über Menschenhandel hat Esun bisher nichts verlauten lassen. Er wies darauf hin, dass „die Italiener und Russen in Alt-Folonara Menschen verschicken“, aber von den genauen Hintergründen, will er nichts wissen.

Befragt auf die Umstände seiner Gefangennahme hat er emotional reagiert. Scheinbar hatte er die Absicht gefasst aus Alt-Folonara zu fliehen, als die SFG 77 die Ortschaft in Begriff war einzunehmen. Dann habe er jedoch die Präsenz eines Andikan-Geistes bemerkt und kurz darauf SSG Boucard erkannt. Das habe ihn dazu veranlasst, ihn zu einem Duell herausfordern zu wollen. Das habe sich als töricht herausgestellt, aber in der Situation erschien es ihm sinnvoll und unumgänglich.

Die Verhöre verliefen sehr zäh. Wir vermuten, dass er viel mehr berichten könnte, doch es fällt schwer die richtigen Fragen zu stellen. Er scheint resistent gegen einfache Verhörtaktiken.

Noyan

Noyan

Noyan ist ein Mann Mitte Dreißig und mit scheinbar asiatischen, chinesischen oder mongolischen, Wurzeln. Er wird als Schamane klassifiziert, wobei sein Totem unklar ist. Aus den Einsatzberichten zu Operation Himba ist anzunehmen, dass er Elemente als Totem verehrt oder aber in der Lage ist, elementare Kräfte ähnlich wie ein Hermetiker zu binden.

Noyan gibt an, ein „Gesandter aus dem Erwachten Großkönigreich Yakut“ zu sein. Diese Behauptung verbindet er mit der Forderung umgehend freigelassen zu werden. Er erkennt seine Lage als Gefangener nicht an und akzeptiert auch niemanden von AIM oder Nigeria als Verhandlungspartner auf Augenhöhe.

Sofern seine Behauptung stimmt, ist davon auszugehen, dass die wirren Reden über ein Königreich in Yakut ihren Ursprung in einer psychischen Störung haben, die immer wieder von Personen aus Yakutien beobachtet wurden. Seine Berichte sind widersprüchlich und gespickt von unzusammenhängenden, mythologischen Bildern.

Als Erklärung für seine Anwesenheit in Nigeria hat er mehrmals in verschiedenen Varianten geschildert, dass er Menschen kaufen will. Der Zweck ist unklar, aber scheinbar wollte er gefangene Himba abkaufen und nach Yakut bringen. Die Aussagen scheinen ins Bild zu passen, irgendwie, aber als Zeuge ist Noyan keinesfalls belastbar. Ethan McFarlow hätte hier sicher bessere Aussagen geben können, denn scheinbar hat dieser die Verbindung und Anreise für Noyan nach Nigeria organisiert. Noyan hat jedenfalls mehrfach erwähnt, dass McFarlow ein verlässlicher Schieber für Menschen in das Erwachte Yakut gewesen sein soll. Zudem habe er „technologische Wunderwerke“ in „unser Land“ gebracht.

Auna

Auna

Die im Zuge der Operation Himba aus der DeBeer-Villa befreite Auna ist genetisch gesehen eine Himba und auch in der erwachten Namib halb-traditionell aufgewachsen. Zum Zeitpunkt ihrer Verschleppung nach Nigeria war sie vierzehn Jahre alt. Sie spricht gutes Englisch sowie einen Dialekt der Himba, der nur noch von kleinen Volksgruppen gesprochen wird. Unter anderem von ihrem Clan der in der Tagebaumine Nigeria IV gefangen gehalten wird.

Auna ist kooperativ und hat in ausführlichen Interviews geschildert, wie die gefangenen Himba „gezwungen“ werden, Rituale zur Besänftigung des Landes durchzuführen. Dabei scheint Auna den „Zwang“ der gefangenschaft zwar zu sehen und zu spüren, aber sie sagt auch, dass ihr Clan bereitwillig in der Mine bleibt und diese Rituale des Landes vollführt. Sie scheinen zu glauben, dass die Tagebaumine sich ansonsten in eine sehr große Gefahr für Land und Leben verwandeln würde. Daher auch Aunas Aussage, dass sie die Misshandlung und Gefangenschaft ihres Clans zwar beendet sehen will, sie wäre aber gleichzeitig auch bereit zurückzukehren und ihr Leben auf dem Felsplateau inmitten der Mine weiter fortzuführen.

Die politische Lage sieht dahingehend erfolgsversprechend aus. Mercenary Inc. wird allem Anschein nach den Auftraggeber schlicht wechseln und die Mine wird nun unter nigerianischer Flagge weiter betrieben werden. Allerdings wird sich die Lage der Himba deutlich verbessern. Insbesondere dann, wenn sie tatsächlich bereit sind, dort weiterhin zu bleiben und das „Land zu besänftigen“. Hier ist noch keine abschließende Entscheidung gefallen.

Initiative Tradestop

Pünktlich zum Stichtag beginnt heute, am 1. Juli 2074, die Initiative Tradestop auf Basis eines multilateralen Vertrags zwischen 121 Staaten und Konzernen, darunter solche Größen wie Ares Macrotechnologies, UCAS, CAS, Japanese Imperial State, Yutani Corporation und zahlreiche weiteren großen wie kleinen Namen.

Am vergangenen Mittwoch war dem Vertragsschluss eine Debatte und ein Aufruf in der Generalversammlung der Vereinten Nationen vorausgegangen. Dem folgten die 121 Erstzeichner nun heute symbolisch zur Vertragszeichnung auf der PASS Coral Ring im Japanischen Meer in einer feierlichen Zeichnung.

Die Initiative Tradestop ist eine politische Konsequenz jahrzehntelanger Kämpfe gegen illegalen Menschenhandel, Sklaverei, organisierte Verschleppung und den kriminellen Abwerbepraktiken von Spitzenkräften durch staatliche oder Konzernakteure.

Betrachtet man sich die Gesamtliste der Erstzeichner dann wird deutlich, dass sich hier viele Konflikt- und Grabenlinien aus dem jüngst beendeten Pazifikkonflikt wiederfinden. Die Russische Föderation sowie die Cantonese Confederation befinden sich nicht unter den Vertragszeichnern, ebenso fehlen wichtige Akteure des mittel- und südamerikanischen Kontinents sowie einige große Namen der Megacorporations.

Während illegaler Menschenhandel und erzwungene Migration seit Jahrzehnten ein leidiges Thema ist, haben die jüngsten Ereignisse im Dahomey-Konflikt zur Initiative Tradestop geführt. Dort war bekannt geworden, dass massive Verschleppung von ganzen Bevölkerungsgruppen aber auch einzelner hochqualifizierter Personen stattgefunden hatte. Im Schutze der erwachten Dschungelgebiete sind die Schmuggel- und Schlepperrouten nach wie vor unklar. Personen aus dem direkten Umfeld der Konfliktparteien in Dahomey sprechen von weitreichenden Verschleppungen auf hohem technisch-logistischem Niveau unter Beihilfe mächtiger politischer Akteure.

Neben der humanitären Dimension haben insbesondere Ares Macrotechnologies und die Yutani Corporation darauf verwiesen, dass staatlich organisiertes Kidnapping und zwangsförmige Abwerbung von Spitzenpersonal aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik einen massiven Umfang angenommen hat, gegen den die Initiative Tradestop vorgehen soll.

Ob die Initiative überhaupt etwas praktisch bewirken kann und ob dies dann eher im Dienst der Humanität oder Spionageabwehr steht, bleibt abzuwarten. Die Association Internationale des Mercenaires (AIM) hat sich ein robustes Mandat der Erstzeichner gesichert, ebenso die Konzerntruppen von Ares Macrotechnologies (inklusive weitreichender Ausstattungsaufträge). Ein Kontingent von Kriminal- und Ermittlungsbeamten aus dem Umfeld von Interpol sowie nationaler Behörden aus über 40 Zeichnerparteien soll die Ermittlungen und Dokumantetionen koordinieren.

Jacqueline Walters, CEO der AIM, gab am Rande einer Pressekonferenz an, dass sich ihre Organisation insbesondere der Verschleppungen im Zusammenhang mit dem Dahomey-Konflikt annehmen wird. Vertreter der Ares Macrotechnologies sprechen von einer massiven Cyberoffensive, die gemeinsam mit Renraku finanziert werden soll. Die Yutani Corporation sieht ihr Hauptinteresse laut einer matrixgenerierten Meme-Botschaft der CEO Miru im Bereich der Arbeitskräftemigration und der Verschleppung von „Verwandten aus der Yutani-Familie“, was auf den Konzernkrieg zwischen japanischen und chinesischen Konzernen verweisen dürfte. Hier war es unlängst zu mehreren aufsehenerregenden Entführungen und Vermisstenmeldungen hochrangiger Konzernmitglieder gekommen.

Channel 9 Singapur, 1. Juli 2074

Feuer über Beijing

Am 28. April 2074 hatte die SFG 77 einen illegalen Einsatz in Beijing gestartet, um der wundersamen Atra Khalipour bei einer dringenden Angelegenheit zu helfen. Eine Angelegenheit, die ihren Worten nach auch den entrückten Franklin „Brick“ Milestone direkt betroffen hatte.

Hotel Xiāngzōng am 12. Oktober 2073

Die Helden führte es auf die Spitze des vom Feuer verwüsteten Hotels Xiāngzōng im Stadtbezirk Xīn Píndào. Ein Feuer, das, wie sich später herausstellen sollte, durch Wut und Scham der Atra Khalipour ausgebrochen war. Aber sie war nicht die einzige, die dieses Feuer geschürt hatte. Die SGF 77 drang zum schicksalhaften Hotelzimmer 6301 vor und entdeckte nicht nur seltsame Keilschriftzeichen in den Wänden eingebrannt, wie sie Brick einst auf sich trug. Man fand auch ein hinterbliebenes Glühen, ein Stück Kohle, ein Überbleibsel des ersten Funkens, der das Feuer entzündet hatte. Zoé gelang es, diesen Funken, den sie als Träne Atras interpretierte, zur Besitzerin heil zu überführen. Régicide und Copper konnten indes die dritte Kraft am Ort enthüllen, die unfraglich als Brandbeschleuniger des Infernos gedient haben mochte. Ein „Residuum“ einer Schlange aus Feuer, die Atra später mit dem Drachen Lung in Verbindung bringen sollte.

Die Hotelruine hatte den Forschenden rasch preisgegeben, dass hier ein Feuer am Gange gewesen war, das nicht allen Regeln der Physik gehorsam folgen wollte. Das hatten auch andere bemerkt. Denn das Hotelzimmer 6301 wurde bewacht. Zwar konnte die SFG 77 die Annäherung an diesen „Lost Place“ erstaunlich lange geheim halten, doch irgendwann kam es anderen zur Kenntnis, dass man herumschnüffelte. War es der Bewegungsmelder oder hatte sich ein Luftelementar nicht fristgerecht gemeldet? Man würde es wohl nie erfahren.

Projizierender Magier des Kantonesischen Innenministeriums.

Positive hatte die deutlichste Begegnung mit dieser Partei. Er wurde von einem projizierenden Magier in kantonesischer Beamtenkleidung gestellt und befragt. Später würde Atra erhellen, dass es sich um einen Arkaner Ermittler des Cantonese Ministry for the Interior gehandelt haben musste. Genauergenommen um ein Mitglied einer Sonderkommission, deren Aufgabe darin besteht das Wirken und die Berührungen des Drachen Lung zu suchen, zu sichern und zu verstehen.

Als Norge eine goldene Feuerschlange auf 64. Stockwerk der Hotelruine in den Himmel gleiten sah, da war spätestens klar, dass die SFG 77 hier mächtig dazwischen gepfuscht hatte. Leider blieb das Residuum des Lung nicht auf den Kameraufnahmen erhalten, doch die Erinnerung an diese Feuerschlange sollte sich bestens einprägen.

Flucht war dann geboten, denn die seltsame Materialkiste mit der Aufschrift 人03自单9109 entpuppte sich als Kampfroboter, Cyborg oder Kampfdroide. Was genau es denn nun war, blieb unklar. Die Kampfmaschine starrte in den diesigen Nachthimmel hinter Régicide her, der sich einmal mehr als ein kommandierender Offizier inszenierte, der die erste Reihe nicht scheuhte.

人03自单9109

Die Episode in Beijing endete letztlich mit einigen Antworten. Atra war sich nun, nachdem Zoé die „Träne“ zurückgebracht hatte und das Team Bericht erstatten konnte, sehr sicher, dass das, was einmal Brick war, vom Roten Lung entführt worden war. Brick war etwas einzigartiges geworden. Was Etusan III aus ihm gemacht hatte, konnte keiner sagen. Doch es war eng mit dem Element Feuer verbunden. Atra hatte großes Interesse daran gezeigt, Brick festzuhalten, ihn zu verstehen. Und nun war er in den Klauen einer größeren Macht, die sich jeden direkten Zugriffs entzog. Vorerst.

Auf weltlicherer Ebene hatte nun die SFG 77 auch das erstemal vereint und offen mit Atra gesprochen. Geleistete Eide der Verschwiegenheit waren (zum Teil) aufgelöst worden. Atra war sehr eng mit Régicides Schicksal verbunden und auch Zoé hatte ein herzliches Band zu ihr geknüpft, wie es schien. Aber es gab auch Grund für Zweifel und Sorge. Anderen Mitgliedern der SFG 77 war nicht verborgen geblieben, dass Atra trotz ihres feurigen Wesens auch eine kühle Seite hatte, der ein Menschenleben wenig wert sein konnte.

Als die SFG 77 Beijing verließ hatte Atra ihnen mitgeteilt, dass sie ihre Verstrickungen mit den Triaden nun zu einem Höhepunkt treiben wolle. Sie wusste nun, was zu tun sei. Seit Jahren hatte sie sich zwischen dem Weißen Lotus und der Schwarzen Gruppe fest verschweißt und in ein Netzwerk aus Eiden und Pakten hineingegraben. Nun wollte sie den Vorstoß zur dritten großen Triade wagen, dem Roten Drachen. Was für ein Zufall… Atra hatte nun also ein klares Ziel vor Augen: Warum hatte der Rote Lung seine Klauen nach Brick ausgestreckt? Wohin war er verschleppt worden und was hatte er mit diesem Wesen vor?

Die SFG 77 sollte erfahren, wenn Atra Fortschritte machen würde.

Feuerschlange

Himba-Frage und Safehouse

Positive und Régicite hatten sich zügig Gedanken über die Zukunft in Dahomey gemacht. Ein Aspekt war die Himba-Frage, eine anderer die Sammlung von militärischem und arkanem Equipment unter dem Radar von AIM.

Die für Positive so bedeutsame Himba-Frage bestand vor allem darin, dass er eine vermeintliche Schuld zu begleichen hatte. In den Jahren 2068 bis 2070 war er dort die Marionette Dunkler Idola gewesen. Das Nigerianische Prinzenpaar war an diesem Missbrauch seiner Person maßgeblich beteiligt gewesen. Doch so ganz passiv und unbeteiligt war „Negative“ seiner Zeit eben auch nicht gewesen. Nun hatte Prinzessin Annabelle Positive ein geleutertes Geschenk gemacht: vermuteter Aufenthaltsort der entführten Himba und Hintergründe der ganzen Angelegenheit.

Zusätzlich war bereits kurz nach Ende der Mission Untamed Pride zu vernehmen, dass AIM auf internationaler Ebene die Einrichtung einer robusten Task Force Human Trafficking anstreben will. Der SFG 77 wurde hier eine besondere Rolle zugedacht. Details sind noch unklar, zahlreiche politischen Abstimmungen laufen im Hintergrund. Wichtige Beteiligte, wie etwa Lia Clark und MAJ Uzun haben jedoch durchscheinen lassen, dass man die Himba-Frage als ein Paradebeispiel für die Art von Verschleppung und Menschenhandel ansehen würde, der sich die Task Force widmen soll. Insofern ist absehbar, dass Positives Anliegen eine gute Chance hat, offizielles Missionsziel zu werden.

Hinsichtlich der Einrichtung eines unregistrierten Safehouses und Ausrüstungsdepots in Dahomey boten sich der SFG 77 einige günstige Optionen. Insbesondere Sistren und Aidren, das Geschwisterpaar aus Nakatombe, erklärten sich bereit, Positive bei solch einer Sache zu unterstützen. Marun und die Scrapper waren gegen Bezahlung bereit erbeutetes oder verwaistes Material aus abgelegenen Gebieten nach Nakatombe zu schaffen. Über die zeit von zwei Monaten entstand so eine Lagerhalle voll Versastzstücke, Ersatzteile, Munition, Waffen und bunte Ausrüstung aller Art. Auch LT-1 konnte nahe Nakatombe verbracht werden.

Die arkane Beute aus dem Unterwasserdom im Schwemmland konnte nur teilweise geborgen werden. Dinge waren scheinbar sehr kurze Zeit nach dem Kampf dort bereits entfernt oder geplündert worden. Eine schwarze Statue der Andikan war noch da, sowie zahlreiches, arkanes Zubehör zur Ausgestaltung von schamanistischen und arkanen Rufkreisen. Zwei Zauberfoki waren ebenfalls erhalten geblieben. Einen für die Zauberkategorie Wasser (Spell Category Focus, Force 3) und einen Zauberfokus zur einmaligen Anwendung (Expendable Spell Focus, Transmutation, Force 4).

Dahomeys zweites Erwachen

Der Ausklang dieses Jahres wird auch für das westafrikanische Dahomey ein Neubeginn sondergleichen sein, oder was davon übrig geblieben ist.

Wir erinnern uns: am 20. September 2073 wurde der Bura-Staudamm durch Terroristen besetzt, die mittlerweile der terroristischen Vereinigung der „Agooji“ zugerechnet werden. Es war der erste, aggressive Auftritt dieser Gruppe die, wie wir heute wissen, sich seit vielen Jahren in die politische und ökonomische Elite der Region eingeschlichen und ihren staatszersetzenden Einfluss ausgeübt hat.

Wer sind die Agooji? Nach allem was die vergangenen Monate enthüllt haben, handelt es sich um westafrikanische Splittergruppen, die sich hinter einer wiederbelebten Idee des Königreichs Agooji aus dem 19. Jahrhundert zusammengeschlossen haben. Als Stammsitz scheint der erwachte Dschungel im Nordwesten Dahomeys zu dienen. Ein unzugängliches Gebiet und seit dem Erwachen 2011 ein weißer Fleck auf den Landkarten, undurchdringlich für die modernen Satelliten und Aufklärungsdrohnen. Auch dem arkanen Auge fest verschlossen. Die wenigen, organisierten Erkundungen der frühen Zwanziger ließen es als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen, im erwachten Dschungel von Dahomey irgendetwas von Dauer zu errichten. Die Wege hinein glichen eher einem Abstieg in die Vorzeit. Wer würde dort ein Königreich errichten können? Und dann noch eines, das aus dem Dschungel politische Intrigen und modernste Technik in die zivilisierte Welt führt?

Doch man läge falsch, wollte man all das, was kommen sollte, allein dieser Terrorgruppe zuschreiben. Königreich oder nicht. Eine Woche nach der Besetzung des Bura-Staudamms brach in ganz Dahomey, aber besonders im Norden und in der Hauptstadt, ethnische Gewalt ungekannter Ausmaße aus, zumindest nach Dahomeys Maßstab. Die Siedlung Ihuma gilt mittlerweile als Ground Zero und Stunde Null. Alles habe mit einer eher beiläufigen Verhaftung eines Fon begonnen, der im Gewahrsam der Ordnungskräfte die Schwarze Idola Afkarasar manifestierte. Von dort zog sich ein Teppich aus Feuer und Blut bis in die Graue Zone. Es kam zu Vertreibungen, Greueltaten gegen Nachbarn und am Ende mobilisierten Dahomey und Nigeria ihre Sicherheitsdienstleister und Armeen, die Kanonen und Drohnen starr aufeinander gerichtet.

Heute muss es uns klar erscheinen, wie naiv wir waren. Immer wieder übersehen wir die Anzeichen. Das Wirken der Idola – bis dahin eher ein Bestandteil der esoterischen und säkularisierten Privatreligion Dahomeys, lag Ende September bereits offen zutage. Man hätte nur den wenigen Stimmen glauben schenken müssen, die darauf hinwiesen.

Am 29. September 2073 berichtete dann sogar Channel 9 das erste Mal über Unruhen bei anstehenden Lokalwahlen im Norden Dahomeys und gab am 6. Oktober Raum für Schwerpunktberichterstattung. Es wurde außerdem bekannt, dass Dahomeys Regierung die schwelenden und eskalierenden Konflikte schon eine ganze Weile durch massive Matrixzensur zu verbergen suchte. Heute hören wir von den Verantwortlichen, sie hätten dazu die Pflicht gehabt, um die schädliche Wirkung der Schwarzen Idola einzudämmen, für welche die Matrix, die allzeitige Erreichbarkeit und ungehinderte Ausbreitung von Angst und Misinformation ein Quell ständigen Machtzuwachs gewesen sei. Die Corporate Court Matrix Authority handelte natürlich nach anderen Grundsätzen. Am 2. Oktober erfolgte die Androhung von Sanktionen aufgrund der aktiven Censor Hosts. Eine partielle Matrixsperre folgte dann zehn Tage später.

Ungefähr zeitgleich unternahm auch die Afrikanische Union erste Bemühungen für eine einseitige Sanktion und verhängte eine Seeblockade gegen Dahomey. Dies brachte den Militärdienstleister Association International des Mercenaires (AIM) in eine unangenehme Zwickmühle, da sich die Verteidigungsklausel aktivierte. Doch nun stand das besungene und gefeierte Dahomey als beginnender Schurkenstaat da. In einem Interview der CEO Jacqueline Walters am 9. Oktober konnte man die unangenehme Spannung heraushören. AIM entschied sich zur Vertragserfüllung. Ein Blockadekrieg im Golf von Guinea begann.

Zeitgleich startete Nigeria eine Offensive in die Graue Zone, um in die Wahlkampflage einzugreifen. Mercenary Inc., der Dienstleister für Dahomeys Landstreitkräfte, vermied eine harte Antwort und zog sich darauf zurück, Verkehrswege und Infrastruktur in den Ballungszentren zu schützen. Die Anarchie des Nordens begann.

Der Zusammenbruch des republikanischen Staates Dahomey folgte kurz darauf. Am 14. Oktober wurde der Bura-Staudamm durch die Agooji gesprengt und am 16. Oktober kam es zu einem Putschversuch in Lome. Doch entgegen den ersten Vermutungen, handelte es sich um einen Putsch der Guten gegen die Bösen. Die Agooji hatten sich so tief in die politische Elie eingeschlichen und dort ihre subversiven Verlockungen ihrer Schwarzen Idola verbreitet, dass die positiven Kräfte der Regierung und des Parlaments, als sie das Ausmaß erkannten, nur noch eine Aufhebung der staatlichen Ordnung als Lösung sahen. Die Infrastruktur, insbesondere die Kommunikationswege, wurden weitestgehend abgeschaltet. Das Schicksal des Landes wurde an die Menschen vor Ort weitergereicht. Die religiösen Kräfte, bis dahin eher in der Politik abstinent, beschwörten eine Weiße Idola des Ausharrens und Durchhaltens, Massuutu. Dann ging das Licht aus, in Dahomey.

Was genau geschah, verbleibt über weite Strecken im Dunkel. Nur langsam beginnen wir, die Ausmaße zu begreifen. Wer mit welchen Taten welche Folgen verursachte, wird wohl kaum nachzuvollziehen sein. Klar ist, dass sich gegen Ende Oktober im Norden Dahomeys, nahe der Wüstenrandgebiete, eine ethnisch und religiös besonnene Zusammenkunft einfand, von der aus die Impulse eines neuen Dahomey ausgehen sollten. Unter Ablehnung der technisierten Moderne, der weltumspannenden Kommunikation und Ökonomie, berief man sich auf lokales Handeln, auf Weiße Idola und die Kraft von Tier, Land und Mensch. Während südlich der Zusammenkunft die Graue Zone in die Gewaltherrschaft der Warlords fiel, Mercenary Inc. in den befestigten Städten unter Kriegsrecht ein normales Leben zu simulieren versuchte und im Norden, im Orichalkumgürtel, anarchische Ressourcenkämpfe zwischen internationalen Konzernen entbrannten, war die Große Zusammenkunft die vernünftige und einzige Alternative für jeden, der Frieden und Orientierung suchte.

Überraschenderweise mischte sich der im Golf von Guinea schwer unter Druck geratene Militärdienstleister AIM ab Mitte November plötzlich in genau dieser Region ein und füllte ein Machtvakuum in einem weitestgehend entvölkerten und unkontrollierten Gebiet. Von Nakatombe aus etablierte AIM eine humanitäre Unterstützung für die alleingelassenen Opfer der Staudammkatastrophe im Bura-Schwemmland. Doch es blieb freilich nicht bei blauen und weißen Helmen. Eine militärische Luftbrücke zwischen dem Golf und der Region um Nakatombe machte bald deutlich, was die „Task Force Landfall“ von AIM beabsichtigte. Mit militärischer Härte wurden Schläge gegen militärische Anlagen der Agooji im Randgebiet des erwachten Dschungels durchgeführt. Aber es soll auch zu Aktionen in Moskuwa gekommen sein. Als Auftraggeber nannten die Offiziellen von AIM zu diesem Zeitpunkt eine „verfassungsgebende Nachfolgeregierung“ aus der Großen Zusammenkunft, hunderte Kilometer von der Hauptstadt Lome entfernt, abgeschnitten von jeder Matrix-Verbindung und jedem Übertragungswagen.

Während das eigenwillige und riskante Militärmanöver zu Lande von vielen als politischer Selbstmord verlacht wurde, waren es jedoch nicht die politischen Fragen, die im Dezember die dringlichsten waren. Auf der mystischen Ebene, so weiß man nun, wurde der Kampf mindestens eben so hart geführt, wie auf der militärischen. Auf der Großen Zusammenkunft wurden Bündnisse mit und zwischen der Geisterwelt geschmiedet und die Kräfte der Tiertotems näherten sich den sogenannten Weißen Idola an. Ein Zug der Tiere wurde verkündet, er soll eine Steinsetzung monumentaler Ausmaße begleiten, die von der Wüste bis zum Atlantik führen soll. Ein Unterfangen, das Jahre dauern wird, allein von Muskelkraft vorangetrieben. Die wenigen Bilder in den internationalen Nachrichten erinnern an biblische Szenen.

Der Grund und Widersacher für all diese Anstrengungen schien nun klar zu sein: die Terrorgruppe der Agooji hatte die Schwarzen Idola und ihre perfiden, schädlichen Kräfte geschürt und für ihre zersetzenden Zwecke eingespannt. Der Kampf konnte und musste also auf mystischer Ebene mindestens so erfolgreich ausfallen, wie auf politischer und militärischer.

Es bleibt unbestätigt doch wird es allgemein akzeptiert, dass AIM und Mercenary Inc. zuerst in einen militärischen Konflikt miteinander gerieten, als man einen religiösen Pilgerort, das sogenannte Sandorakel, befreite und den lokalen Volksgruppen übergab. Dem folgte ein mittlerweile gut dokumentierter Gegenschlag gegen ein sogenanntes „Grenztor“ der Agooji in den erwachten Dschungel. Eine Art ritueller Übergang in ihr „Königreich“. Die Forschungen und militärischen Erkundungen dauern an.

Den Höhepunkt jedoch, sahen wir alle vor unseren Trideoschirmen am Abend des 27. Dezember 2073. Nichts geringeres als eine Inkarnation des Löwentotems selbst, manifestierte sich im Schwemmland des Bura-Staudamms und betrat festen Grund auf afrikanischer Erde. Ein Ereignis, das innerhalb von Stunden ausgedehnte Regionen und Landstriche einer Umwälzung unterzog, die man vielleicht kataklysmisch nennen würde, hätte sie nicht genau das Gegenteil bewirkt. Wo Löwe in Avatargestalt seine Tatzen auf die Erde setzte, wich das verunreinigte Flutwasser zurück. Straßen, Gebäude, Industrieanlagen und Fahrzeuge verschwanden in der schwarzen Erde Afrikas. Steppengras und Bäume sprossen aus der entfesselten Urgewalt und zurück blieb nichts als geheilter Grund.

Überflutetes Stadtgebiet vor der Umwälzung
Selbes Stadtgebiet nach dem Streifzug von Löwe

Dieser „Streifzug des Löwen“ war die Folge, so hören wir, eines gescheiterten Versuchs der Agooji, die Ikone des Schwarzen Kontinents in eine toxische Entartung zu locken oder zu vernichten. Das Gefängnis wurde jedoch gesprengt und Löwe befreit. Die „Schwarze Hexe“ der Agooji, eine politische und religiöse Führerin namens Enomi, wurde durch Löwe selbst Berichten zufolge vernichtet. Wie dreist das Agieren der Agooji war kann man auch daran ermessen, dass viele von uns die Mode- und Beauty-Line Égalitérnité daheim im Schrank stehen haben. Eine Produktreihe, die sich im Besitz dieser Agooji befand.

Doch auch weltliche Kontrahenten lieferten sich eine erbitterte Schlacht. Mercenary Inc. und AIM lagen über dem umkämpften Gebiet in einem Luft- und Bodenkampf, auch lokale Milizen der vereinten Volksgruppen waren involviert. Auch wenn die genauen Umstände nach wie vor Fragen aufwerfen, am Morgen des 28. Dezember war eines klar: die Geschichte Afrikas hatte vielleicht ihre größte Zäsur erfahren. Viele vergleichen das Ereignis mit dem Großen Geistertanz und es ist bereits absehbar, dass Löwes Erscheinen und Wirken ein Feuer in zahlreichen Staaten südlich der Sahara bedeuten wird. Der Leiter der Afrika-Abteilung von DeBeers Omnitech formulierte es so: „Es wird Jahre oder Jahrzehnte dauern, und ich zwar allein bis man ausgerechnet haben wird, welchen ökonomischen Verlust der 27. Dezember 2073 der Weltwirtschaft wirklich beigebracht hat.“

Was wird nun werden?

Der Verbleib von Löwe ist unbekannt. Einige Stimmen aus eingeweihten Kreisen sagen, er hätte sich an die Spitze des gigantischen Tierzuges gesetzt, der sich immer noch formiert und gen Süden zieht. Andere weisen darauf hin, dass es Anzeichen dafür gibt, dass Löwe Dahomey bereits verlassen hat und andere Länder durchstreifen wird.

In Dahomey ist es nun einmal mehr an den Menschen sich neu zu besinnen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Die Große Zusammenkunft wurde zum vorübergehenden Sitz der Übergangsregierung und verfassungsgebenden Versammlung gewählt. Ein Verfassungsentwurf ist bereits veröffentlicht. Die Association Internationale des Mercenaires hat im Bura-Schwemmland eine vorgeschobene Operationsbasis errichtet und ihren Dienst der Übergangsregierung als einstweilige Exekutive angeboten.

AIM Forward Operating Base

Politisch haben sich Vertreter der Hausa, Bariba, Igbo und Fulbe bisher stark profiliert und man versucht Diversität, Toleranz und Demokratie aus dem alten Dahomey in das neue zu retten. Leider ist schon jetzt absehbar, dass die marginalisierten Fon erneut den Kürzeren ziehen könnten. Doch was wird überhaupt anders sein? Sicherlich wird der Ausgleich zwischen Moderne und religiös-mystischer Verbundenheit zum Land neu ausgerichtet werden. Das ist aus dem Verfassungsentwurf ersichtlich. Die sogenannten Idola, so hört man, müssen aus ihren entarteten Formen zurück in eine positive Ausrichtung geholt werden. Und wo dies nicht möglich scheint, soll die Bevölkerung Afrikas lernen, die unheilvollen Wirkkräfte des Miteinander im 21. Jahrhundert besser erkennen und begrenzen zu können. In diesem Zusammenhang hat sich eine einflussreiche „Prinzessin“ aus Nigeria auf dynastische Ansprüche berufen und behauptet, der Wandel der schädlichen Idola Andikan zu einer Idola des gütigen und solidarischen Zusammenlebens habe bereits stattgefunden. Ob dieses neue Experiment zwischen erwachtem Land, monarchischen Prinzessinen, demokratischem Gedankengut, Volksglaube, Idola und einer modernen, technisierten Gesellschaft gelingen kann darf weiter fraglich scheinen.

Und welche Rolle wird Löwe weiter spielen?

African Colors Trideo Broadcast, Moskuwa, 31. Dezember 2073

Auswertung Wüstenduft

Gesamtlage

OP Wüstenduft – Taktische Karte

Im Morgengrauen des 14. Dezember 2073 ist die SFG 77 nach Nakatombe zurückgekehrt, nachdem Operation Wüstenduft mit Teilerfolgen beendet wurde. Im Laufe der nächsten drei Tage drängte die Task Force Landfall den Großteil der gegnerischen Verbände aus dem Gebiet Nkambo zurück. Während Teile der Agooji-Verbände entweder geordnet oder flüchtend das Heil im erwachten Dschungel suchten, wurde der Hauptteil der Milizen und Terroristen entweder nach Norden vertrieben oder festgesetzt. Dies bedeutet praktisch, dass der akute Gefahrenherd am Westrand der Stammesgebiete am Tawani-See beseitigt ist. Derzeit wird die Sicherheitslage an lokale und legitimierte Milizen oder auch Mercenary Inc. übergeben, damit kein Vakuum verbleibt, wenn AIM seine Kräfte zurück nach Nakatombe konsolidiert.

Aufklärung am Äußeren Randposten

Die Eroberung des Äußeren Randpostens lieferte zentrale Hinweise gegen die feindliche Gruppierung der Agooji. Zum einen wurde der Gegner in ein massives Rückzugsgefecht um die ausgedehnten Minenanlagen verwickelt. Die dort versteckten Panzerfahrzeuge (12 Kampfpanzer, 20 Truppentransporter, sechs Transporthelikopter) konnten aufgrund der fehlenden Lufthoheit des Gegners nicht effektiv ins Feld geführt werden. Derzeit arbeiten wir uns systematisch durch die Tunnelsysteme durch. Wir gehen davon aus, dass dieses schwere Material zur Vorbereitung einer späteren Offensive gesammelt wurde. Woher der Gegner eine zukünftige Luftunterstützung (jenseits der örtlichen Elektronischen Kriegsführung und Raketenabwehr) heranzuführen gedachte, ist noch unklar.

Das arkane Tor wurde gesichert und wird derzeit untersucht. Befragungsergebnisse ergaben, dass es sich um einen „alten Zugang“ zum Köngreich Agooji handelt. Personen und Geister, die mit dem erwachten Dschungel oder diesem Königreich in einer besonderen Beziehung stehen, haben dieses Portal für sich zu nutzen gewusst. Ein praktischer Versuch zeigte, dass sich die Wahrnehmung des Dschungels und die Responsivität für arkane Kräfte durch das Durchschreiten des Portals steigern. Wir haben die Versuche abgebrochen, um kein weiteres Risiko einzugehen.

Wir konnten die Identität von Senator Mun Kapadin bestätigen und seinen Tod feststellen. Dieser Kollateralschaden ist ärgerlich und wurde durch einen Fehlbeschuss verursacht. Ob der Tod durch eine Luft-Boden-Rakete von AIM oder durch eine Boden-Boden-Rakete der Feindkräfte verursacht wurde, ist Gegenstand einer Untersuchung.

Der Schamane Logotai wurde als bestätigter Abschuss verbucht. Seine genaue Herkunft oder sein Hintergrund ist unklar. Zeugenaussagen der Gefangenen bestätigen die Vermutung der SFG 77, er sollte im Schwemmland die Verfolgung des Löwen-Totems anleiten und die Hilfsbemühungen im Katastrophengebiet angreifen.

Erfreulich ist, dass abgesehen von Senator Kapadin keine zivilen Verluste beklagt wurden. Die wenigen Zivilisten konnten in den Dschungel oder in Schutzräume fliehen. Die Bevölkerung des von ihnen entdeckten, traditionellen Dorfes wurde vorerst zur Befraung deportiert.

Die „Stille Kompanie„, die von ihnen aufgespürt und begrenzt dokumentiert wurde, ist verschwunden. Wir sind alarmiert und arbeiten mit einer Gruppe aus Sonderermittlern daran, dieses Detail nicht aus den Augen zu verlieren und die Hinweise die wir haben, umfassender auszuwerten.

Befragungen der Gefangenen

Okobe Ambéto

Nachfolgend finden sie die wichtigsten Ergebnisse der Gefangenenbefragungen in gekürzter Form.

Okobe Ambéto: „Enomi hat meine Macht über mich und mein Schicksal von ihrer ‚Mutter‘ geerbt. Sie wusste, dass sich die Totemkräfte dieses Landes von mir fernhalten, weil die Hexe einen Fluch in mich gebannt hat, als Mensch und Nashorn ein gemeinsames Schicksal teilten.“

„Enomi ist eine Tochter des Königs der Agooji. Sie ist nicht die einzige. Ich glaube nicht, dass der alte König noch lebt. Sein Ahnengeist spricht durch seine Nachfahren. Sie haben es geschafft die erwachten Idola für sich zu bändigen. In geheimen Tälern haben sie Wege in die Vergangenheit geschlagen. Die Idola werden dort angelockt, gefangen, getäuscht und eingesperrt. Die Agooji wissen meisterhaft, wie man das Böse in ihnen nährt. Für jede Idola haben sie ein Tal. Dort schwelgt alles und jeder in den Prinzipien der Idola, die dort herrscht. Es sind rauhe Orte, in die Vergangenheit gestürzt. Wie ein Albtraum. Nur die Anführer der Agooji gehen dort ein und dann gestärkt wieder hinaus. Alle anderen verzweifeln als Sklaven und Gefangene.“

„Was ich glaube? Ich glaube, Enomi wird sich verantworten müssen. Ich zähle mal auf: Erstens, der vereitelte Giftgasangriff auf die Versammlung. Zweitens, die beendete Besatzung des Sandorakels. Drittens, die gescheiterte Beschwörung in Moskuwa. Und jetzt auch noch der Velust des Äußersten Randpostens. Ich weiß nicht, wieviele Tore es noch gibt, aber das war sicher wichtig. Sie selbst wäre mit ihren eigenen Untertanen niemals so nachsichtig gewesen.“

„Ich habe keine Meinung zu alledem! Enomi hat getan, was sie konnte – weil sie es konnte. Ihr könnt mich nicht einsperren. Und ich bin nicht frei. Die Welt dreht sich weiter, nur ich bin immer noch ein verstoßener Junge am Rande eines Dorfes. Ich schaue verstohlen zu den Lichtern in der Nacht. Aber zurück kann ich nicht.“

Kwame (Visagistin)

Kwame: „Enomi dient vielen Idola! Aber ihr stärkster Fetisch ist die dunkle Seite der Labima. Kunst und Täuschung ist ihr Handwerk. Sie durchschreitet das erwachte Land wie ein Künstler die Farben auf einer alten Leinwand abkratzt. Es war klug, ihr nicht durch das Portal zu folgen. Sie verändert die Spielregeln in ihrem Land wie es ihr beliebt! Ich weiß es, weil ich ausgewählt wurde sie zu schminken und auf ihren Reisen zu begleiten, Ich bin keine Visagistin, ich bin Priesterin. Sie wird kommen und mich zurückholen!!“

„Nehmt die Opalwurzel von mir fort! Bitte, ich sage alles, aber dann lasst mich endlich sterben! Ich muss zu ihr, sie ruft mich!“

„Ich kenne dieses Bild, ja. Das ist ein Journalist, Evan Choi. Er wurde in der deutschen Stadt Bellin mit einer Dienerin des Königs zusammengebracht. Dieser weiße Narr fiel auf eine Heiratsagentur rein. Er wollte sich eine Frau kaufen, wie eine Sklavin. Die Herrin Enomi hat ihn selbst befragt und dann in das Tal des Leidens geschickt. Geister schlüpfen aus ihm, wie Maden im Fleisch. Er ist tot.“

„Ja, ich habe Enomis Maske getragen, bevor das Haus zusammengestürzt ist und der Soldat mich niedergeschossen hat. Ich bin ihr wie eine Schwester [weint]! Ich habe ihre Füße gewaschen und ihre Hände verziert. Ich habe ihre Schönheit zum Vorschein gebracht, und dann hat sie mir diese wieder ausgeliehen, damit ich sie schütze und die Feinde verwirre. Das war wahre Liebe, und jetzt bin ich verstoßen! Ich möchte hier raus, lasst mich gehen!!“

„Nein, in Nakatombe war ich nie. Dort war ein anderer Spion von uns. Er hat die beiden Archaischen fortgelockt und dann später das Vertrauen von eurem ‚Weißen Diener Andikans‘ erschlichen. Ich glaube, ihr habt ihn gefangen. Aber das ist egal. Er hat seinen Teil geleistet. Ihr glaubt, ihr seid einen Schritt voraus? Ihr folgt wie Ameisen einer Zuckerspur in eine Grube aus Benzin.“

Barima (Hermetikerin)

Barima: „Irgendwann wird jemand kommen, der mächtiger ist als ihr, und dann wird meine Seele aus diesem Kreis gerissen, ob ihr es wollt oder nicht. Die Opalwurzel ist ein schlauer Zug, aber es ändert wenig. Ich bin nur eine Leibwächterin.“

„Das Tor? Der Weg durch die Unterwelt und das Wasser führt in das alte Königreich. Dort gibt es eine Welt hinter der Welt, und Wunder aus Magie und Technik, die ihr nicht zu glauben wagt! Wer hindurch geht, wird sachte entwurzelt aus der Welt, und sieht zwischen Farbe und Leinwand. Es ist ein Labyrinth, nur die Kinder des Königs können es verstehen. Wir Diener folgen nur ihrem königlichen Duft und lassen uns von den Ahnengeistern führen.“

„Die ‚Grenzgänger‘ sind lautlose Wanderer in der erwachten Welt. Sie werden Enomi beschützen, und sie wird die Grenzgänger beschützen. Was ihr ‚Stille Kompanie‘ nennt, ist die Verbndenheit des Landes und die Kraft der Idola! Sie folgen den ungesehenen Pfaden, wie sie kein Schmuggler sich erträumen könnte. Die Waffen, die ihr gesehen habt, sind nicht nur aus euren Schmieden. Die erwachte Welt holt sich zurück, was ihr schadet, und dann erschafft sie sich neu und mächtiger als zuvor. Es ist hier wie anderswo: Die Idola haben den Weg in die Zukunft entdeckt und sich von der Vergangenheit losgemacht. Ihr nennt sie ‚dunkel‘, doch sie sind der Morgenstern der Siebten Welt!“

„Lokotai? Ich hasse den Vielfraß, er ekelt mich an. Seine Verwendung war jedoch klug von der Herrin durchdacht. Er hätte den Löwenkönig finden und verschlingen können. Jetzt ist er auch gefangen, nehme ich an?“

„Ha! Allerdings kenne ich diese Frau. Ihr Name ist Lena Mason. Sie ist eine von euch [spuckt gehässig]! Sie hat großes Leid durchstanden, aber ihr könnt euch glücklich schätzen. Sie war zu wertvoll um zu sterben. Sie wurde auf die ungesehenen Pfade geschickt und arbeitet als Sklavin in irgendeinem Winkel der Welt bis sie stirbt. Das ist der Lohn für ihren Verrat an euch.“

„Herrin Enomi war zuerst belustigt, als sie vom Fall des Prinzenpaares hörte. Aber jetzt kennt sie keine größere Quelle ihres Zorns als diesen Jérome, den Schamane der Weißen Andikan. Sie hat Bilder gemalt, die sein Schicksal zeigen, und sie wurde von einem Diener der Dunklen zu einem geheimen Ort geführt, wo alles mit ihm begann. In übermenschlicher Rage habe ich sie gesehen. Und dann kam der Narr zu einem der unsrigen und hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Da lachte sie, so herzlich wie ein Kind. Ich glaube, Jérome wird untergehen, wenn er diesen Weg weiter geht. Ich hätte ihn gerne getroffen… Pech für ihn, dass die Bilder der Herrin in den Flammen eurer Raketen verbrannt sind.“

Kambo (Gruppenführer)

„Es geht alles um Gefangene. Nur ein kleiner Teil bleibt im Königreich. Er wird in die Täler geschickt, wo die Idola absolut herrschen und sich weiden. Der größte Teil geht auf die Schmuggelrouten. Ich weiß keine genauen Zahlen, aber es müssen Zehntausende gewesen sein. Ich habe Listen gesehen, länger als ein Troll. – Wohin? [lacht] Ich habe keine Ahnung. Viele wurden an Konzerne verkauft, oder an nahegelegene Länder. Ich weiß von Bergbauarbeiten. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs, ehrlich. Ich habe die Besessenheit der Enomi und ihrer Familie nie verstanden. Am Ende geht es ums Geschäft, das ist meine Meinung. Und am Tawani-See um Eroberung, ganz klar. Aber was die Sklaven betrifft, das war ein Geschäftsmodell. Die haben Spezialisten gesucht, Hunderte. Fachkräfte aus allen Bereichen. Es muss eine gigantische Maschinerie der Verschleppung geben, die seit Jahrzehnten Menschen aus Dahomey in alle Welt exportiert.“

„Ich weiß es doch nicht! Meine Aufgabe war der Konvoi- und Anlagenschutz dort. Die Panzer und all das hochmoderne Gerät kamen aus dem Dschungel. Das waren geheime Schmuggelwege, vorbei an jeder Kontrolle. Da waren chinesische Waren, sehr viel aus China. Aber auch Russland und Aztlan. Sachen aus Europa hatten wir nur selten. Wofür die Kavallerie in den Minen gedacht war, wussten wir nicht. Einige haben spekuliert, dass es gegen Moskuwa eingesetzt werden sollte. Aber das hätte wohl keinen Sinn gemacht, solange Mercenary Inc. dort die Stadt befestigt hält. Ich glaube, es sollte nach Norden gehen, gegen diese Versammlung und die fremden Konzerne am Orichalkum-Gürtel. Was auch immer stimmt, der Plan wurde vereitelt.“

„Ich war immer frei, so frei wie man als Soldat eben sein kann. Ich weiß aber, dass der Kreis der ‚echten‘ Anführer im Bann der Familie stand. Die Agooji haben ihnen mit Seelenfolter gedroht. Ich habe es gesehen, wie ein Mann zu einem Zombie wurde. Es war Vodun aus der dunklen Erde des Landes! Ich habe nur als Soldat gedient. Und Herrin Enomi hat mich immer respektvoll und wie einen Leibwächter behandelt. Man musste nur wissen, dass sie eben exzentrisch ist, dass man sie als Herrin ansprechen muss. Wenn ich alleine mit ihrem Fahrer und ihr und ihren Handmaiden im Auto saß, hat sie manchmal Scherze gemacht und wir haben zusammen gelacht. Aber das war auch immer unheimlich. Ich hab den Blick der anderen im Nacken gespürt…“

Yanu (Aufklärer)

„Über Funk kam der Befehl, dass wir Kameo, also Herrin Enomi, mit Logotai und anderen von der Gruppe Echo am Tor treffen sollten. Enomi tauchte auch auf, aber Logotai hat es nicht geschafft. Enomis Leibwächter folgten ihr durch das Portal und ich habe den Rückzug gedeckt, mit den anderen. Der Plan war eigentlich, dass uns die Herrin alle durch die geheimen Wege führt, zu den Grenzgängern. Und dass wir dann evakuiert werden. Ich nehme an, Enomi ist es gelungen. Für alle anderen hat es nicht gereicht. Auch Okobe musste sie zurücklassen. Ich glaube, er war bewusstlos.“

„Die ‚Grenzgänger‘ sind eine Elitetruppe. Mechanisierte Infanterie, würde ich sagen. Ich bin auch einmal mitgereist. Der Wald öffnet sich, um sie zu empfangen oder frei zu geben. Es ist unglaublich. Und im Verborgenen gibt es mobile Einsatzzentren, wie von einem anderen Stern. Aus Glas gebaut, so glatt wie ein Spiegel. Mein GPS war einen Scheiß wert. Dann haben wir Waffen bekommen, absolut lautlos. Die waren aus Amerika. So haben wir Anfang Oktober Stammeskolonnen überfallen und Reporter festgesetzt. Einige wurden ausgetauscht und dann haben wir die ganze Ladung Reporter gefesselt auf einem LKW wieder auf einer Straße abgesetzt. Ich hab keine Ahnung was das sollte. Ich glaube, es war eine Art Geschenk, für die Hausa, oder Mercenary Inc.“

„Am Äußeren Randposten haben wir uns immer sicher gefühlt. Ich wäre früher keinen Meter in den erwachten Dschungel gegangen, aber die Agooji leben dort seit Generationen. Ich habe gedacht: ‚Selbst wenn sie Marschflugkörper gegen unsere Stellung hier einsetzen, du musst nur in den Wald und den Fluß rauf und das wars.‘ Ehrlich, irgendwann habe ich immer die Grenzpatroullien übernommen, die am tiefsten drin waren. Ich hab mich gefühlt, wie was Besonderes. Nichts in diesem Dschungel hätte mir was anhaben können! Scheiße man, ich war Aufklärer in der Leibgarde des Königshauses der Agooji!“

Luftholen

Andikan vs. Afkarasar

Im Morgengrauen des 3. Dezember war die schwarze Rauchsäule aus der Unterstadt von Moskuwa Downtown bereits zu leichtem Smog zerblasen. Die SFG 77 hatte sich ins HQ zurückgezogen, teilweise deutlich verletzt und erschöpft, nachdem Beweismittel so gut wie möglich gesichert worden waren. Nur Negative war am Ort des Grauens zurückgeblieben, hatte sich der Gruppe angeschlossen, die all die Gefangenen und Leichen aus dem Wasserreservoir geborgen hatte. Unter der Gruppe der herbeigeeilten Demonstranten und Aktivisten waren auch Sistren und Aidren sowie Clark gewesen.

Die Inkarnation der Andikan war nicht leicht zu entschlüsseln, doch als Journalisten und letztlich auch die Ordnungsbehörde eintraf, dauerte es nicht lange, bis die unerhörten Vorgänge der Nacht die Nachrichten dominierten. Negative und Clark waren zu dem Zeitpunkt bereits wieder untergetaucht, konnten sie es doch nicht riskieren der Ordnungsbehörde Rede und Antwort stehen zu müssen.

Negative sollte jedoch an den Ort zurückkehren. Bereits am nächsten Sonnenuntergang war er erneut dort. Das ganze Gelände war abgesperrt, weiße Zelte aufgebaut, doch zahlreiche Demonstranten lagerten davor. Manche kamen und hofften auf Informationen zu den geborgenen Leichen oder geretteten Personen. Fast alle kamen um das übergroße Gesicht der Idola Andikan zu sehen. Es war eine Mischung aus urbanem Material, Schrott und übernatürlichem Lichterglanz. Am Tag hatte das gütige und regungslose Gesicht an Substanz verloren und war durchscheinender geworden. Wie Negative wusste, würde es nicht ewig verweilen. Doch für den Augenblick war Andikan für alle sichtbar und niemand hatte es gewagt, einen Sichtschutz vor die gut vier Meter hohe Erscheinung zu stellen. Es war letztlich ein Denkmal für die Abwendung einer schrecklichen Katastrophe, deren mutmaßliches Ausmaß in den Medien stündlich nach oben revidiert wurde.

Andikans Präsenz am Ort nahm dem Grauen im Wasserreservoir seinen Schrecken. Statt Furch und Verzweiflung sah man Ruhe und Entschlossenheit auf den Gesichtern der Ordnungshüter und Helfer. Auch die Personen, die zuerst mit der SFG 77 die Gefangenen und Leichen geborgen hatten, zeigten in der psychologischen Betreuung keine Anzeichen von Schock oder Traumata. Niemand der Überlebenden starb auf dem Vorplatz.

Negative war dazu verdammt, am Rand des Geländes zu stehen. Aber das machte keinen großen Unterschied. Im Gespräch mit neuen und alten Bekannten konnte er sicher stellen, dass die Botschaft richtig ankam. Und so wurde bereits am 4. Dezember in den Medien davon berichtet, dass in Downtown Low eine weiße Manifestation der Idola Andikan gesichtet worden war. Afkarasar hatte verloren.

Die Dandys

Nicht nur dem Lieutenant war es ein Anliegen gewesen, die schändliche Kollaboration der sogenannten „Dandys“ ans Licht zu bringen. Fink, Clar, Mike Goodfellow, Negative und auch viele der Überlebenden aus dem Wasserreservoir sorgten dafür, dass die Gesichter der Dandys als Agooji gebrandmarkt wurden. Die SFG 77 wusste, dass die Dinge nicht so einfach lagen, aber der Sache war es allemal zuträglich.

Jeder Versuch, sich auf die Fersen der Gruppe zu setzen, scheiterte schon im Ansatz. Es brauchte kaum zwei Tage, dann war klar, dass die Überlebenden untergetaucht waren. Zu Persona Non Grata in der Unterwelt verkommen und in allen Medien präsent, konnten sie auf wenig mehr hoffen, als ihre verbliebenen Kontakte zu nutzen um sich abzusetzen. Die Dandys hatten das Kräftemessen mit der SFG 77, das in Evan Chois Appartment begonnen hatte, letztlich verloren. Die letzten Informationen zu den Dandys kam von Sistren und Aidren. Angeblich hatten sich die Dandys schnell und professionell über Nigeria aus dem westafrikanischen Raum abgesetzt. Das Kopfgeld kam zu spät. Vielleicht war es eine falsche Fährte. Aber vielleicht sagte es auch etwas über die Einschätzung der Gesamtlage aus, zu der diese Profis aus der Unterwelt letztlich gekommen waren. Es wäre für die SFG 77 sicherlich von Vorteil, wenn diese gefährlichen Spielfiguren damit vom Spielfeld genommen worden waren. Lenas Schicksal war damit jedoch auch weiter verfinstert worden.

Krankenhausreif

Nach dem Ende der Operation Steinmetz hatte Captain Uzun noch am Mittag des 3. Dezember einen deutlichen Befehl an Lieutenant Morèlle gerichtet: Alle Operationen in Moskuwa seien einzustellen. Régicide und Negative sollten sich gemäß der Einschätzung von Norge einem Krankenhausaufenthalt unterziehen. Hierzu wurde nun die Erlaubnis erteilt, die offiziellen SIN als Angestellte von AIM einzusetzen. Es hatte sich scheinbar etwas getan, hinter den Kulissen. Captain Uzun war überrasch, dass sich Régicide mehr oder weniger bereits selbst eingewiesen hatte.

Das Kommando vor Ort habe Norge zu übernehmen, bis die exakten Anweisungen für eine Operation Good Neighbour ausgegeben würden. Faktisch sah das dann so aus, dass Negative und Régicide diskret in das Krankenhaus in Moskuwa Downtown eingeliefert wurden. Régicide sollte vier Tage Zwangspause verordnet bekommen, in dieser Zeit konnte sich sein Körper halbwegs erholen und auch seine diagnostizierte Erkrankung konnte spezifiziert und behandelt werden. Negative gestattete man regelmäßige Ausflüge, in denen er sich wieder den Vorgängen am Wasserreservoir widmete. Beide wurden auch intensiv durch schamanistische Heiler überwacht und in der Erholung begleitet. Das hielt Régicide aber nicht davon ab sein Augenmerk ab und an auf die erbeutete Orichalkum-Opal-Wurzel zu werfen und einige interessante Einsichten zu gewinnen. Doch davon an anderer Stelle mehr.

Währenddessen bekamen Norge, Zoé, Copper und Clark neue Befehle. Offiziell waren Negative und Régicide außer Dienst gestellt und Finnja Skorgen merkte zynisch an, dass es wahrscheinlich kein Zufall sei, dass man ausgerechnet die beiden arkan erwachten Teammitglieder schachmatt gesetzt hatte, während die Operation Good Neighbour ihre Fahrt aufnahm. Sie vermutete, dass die extremen arkanen Vorfälle und die Einbindung der eigenen Arkanen das Motiv sein könnte. Wäre Norge nicht so groß und undulsam gewesen, hätte sich Finnja Skorgen wahrscheinlich über die ironie lustig gemacht, dass nun Norge das Kommando hatte. Doch sie sparte sich diese Bemerkungen.

Neue Lage, neue Befehle

Am 4. Dezember 2073 lag die SFG 77 ruhend im HQ, nur Negative und Régicide waren noch im Krankenhaus, wo auch Finnja Skorgen oft verweilte um die beiden über Neuigkeiten zu unterrichten und Wache zu halten (sie traute der Security natürlich nicht). Dann bekam Norge über das Terminal die Information von Uzun, dass es eine Grundsatzentscheidung über den weiteren Fortgang in Dahomey gegeben habe. Operation Good Neighbour und die Aktivierung der Task Force Landfall waren bewilligt worden.

Operation Good Neighbour sollte im wesentlichen daraus bestehen, das unkontrollierte Territorium zwischen Großer Zusammenkunft, Nigeria, Mbandé-Sprawl und Tawani-See unter die Lufthoheit und Gebietskontrolle von AIM zu bringen um die weitere Politik durchzusetzen. Die Operation begann sofort – unverzüglich.

Das HQ in Moskuwa sollte in zwei Schritten geräumt werden. Am 5. Dezember wurden Norge, Zoé, Copper und Clark nach Nakatombe gesendet. Dort war der Brückenkopf für die Task Force Landfall einzurichten. Drei Tage später, am 8. Dezember, würden Régicide und Negative mit Finnja Skorgen nachrücken und die SFG 77 wieder den regulären Dienst antreten, mit Régicide im Kommando.

Bis zum 8. Dezember hatte der vorauseilende Teil der SFG 77 klar umrissene Befehle. Etwas, das mancher schon gar nicht mehr gewohnt war:

  • Norge war verantwortlich für die Koordination der Einrichtung des Bückenkopfes für die Luftbrücke aus dem Golf von Guinea in Nakatombe. Anschließend sollte er die Einrichtung eines größeren Lazaretts unterstützen.
  • Zoé fiel die Aufgabe zu, Nakatombe für Landemanöver der Luftbrücke vorzubereiten. Das bedeutete im Wesentlichen die Einrichtung einer Landebahn von mindestens 1500 Meter für Starrflügler, eine Koordination der An- und Abflugwege, Betriebssicherheit und Logistik. Sobald die Luftbrücke stand, konnte Zoé diese Dinge übergeben.
  • Coppers prioritäre Aufgabe bestand darin alle Beweise und Zeugen in den ersten gesicherten Transportflug zu packen, den AIM in Nakatombe auf den Boden brachte. Außerdem sollte Copper die Kooperation mit den Menschen vor Ort sicherstellen und Clark unterstützen.
  • Miss Pria Lakshmi Clark hatte die Aufgabe in Nakatombe nach verlässlichen Partnern zu suchen, Kooperation sicherzustellen und Unterhandel aufzunehmen. Diese Aktionen sollten sobald möglich auf die Große Zusammenkunft ausgedehnt werden, ganz so, wie es die SFG 77 ursprünglich geraten hatte.

Diese Dinge wurden bereits am 4. Dezember mit der Abreise eines Teils des Teams nach Nakatombe begonnen. In den vier folgenden Tagen, bis Régicide und Negative nacheilen konnten, geschah sehr viel. In Nakatombe wurde eine Landepiste eingerichtet und bereits am 6. Dezember landeten die ersten Tarnkappentransporter von AIM. An Bord ein kleines Kontingent Marineinfanterie, Militärpolizei und einige besondere Gäste. Captain Uzun, Specialist Kara Lance und Chief Mike Goodfellow betraten das erste Mal in diesem Konflikt afrikanischen Boden. Der Lieutenant hatte endlich seinen Matrix Man zurück! Mit dabei waren zudem zwei Demokratische Beobachter aus der Afrikanischen Union und Lome.

Was in den nächsten 24 Stunden folgte, war die Ankunft von über 1000 Soldatinnen und Soldaten mit dem Schmetterling auf der Uniform.

Als Régicide und Negative zusammen mit Finnja Skorgen am 8. Dezember in Nakatombe eintrafen, war die Siedlung zu einem Militärlager geworden. Hier lag nun der Brückenkopf der Task Force Landfall sowie das Hauptquartier der SFG 77. Das Command Element der Task Force war in doppelter Kompaniestärke aufgestellt. Das Ground Combat Element war mit fast 500 Personen im Einsatz und hatte den Ort bereits großräumig abgesperrt, Zufahrtswege besetzt. Alle kämpfenden Einheiten waren Luftlandetruppen, darunter eine Schwere Luftlandekompanie aus Trollen sowie zehn Spider Tanks für den Höhenabwurf – mobile Gefechtsstationen für den Abwurf über Kampfgebiete. Die Lufteinheiten der Task Force blieben aus Sicherheitsgründen zum größten Teil auf den Verbandsschiffen im Golf oder in der Luft, aber einige Flugzeuge des 10th Ground Support Wing waren für Alarmstarts in Nakatombe am Boden. Darunter schwere Erdkampfbomber und VTOL-Jets für den Luftkampf und zur Aufklärung. Die 10th Marine Logistics Group hatte die Vorarbeiten von Zoé übernommen und war dabei Nakatombe weiter ausubauen, Wald zu roden, Landepisten auszudehnen, Befestigung und Tarnung herzustellen.

Operation Good Neighbour war bereits im vollen Gange und wartete nun auf ihren Abschluss.

Außerdem waren dem aufmerksamen Auge von Zoé in dem Gewusel zwei Dinge nicht entgangen: AIM hatte eine zweite Sondereinheit herangeführt, die SFG 43. Zudem gab es im Headquarters HQ einen zivilen Berater den Zoé schon einmal gesehen hatte: Ako Tameo, Customer Agent der Yutani Corporation.