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Rückmeldung

Noch während im Krankenquartier der Siedlung Nakatombe Norge um das Leben der misshandelten Kate kämpfte, verschaffte sich der Rest des Teams Zugang zur Satelittenanlage des Verwaltungsgebäudes. Die mächtige Parabolantenne blinkte stumm dem bedeckten Nachthimmel entgegen und schürte die Hoffnung, dass nicht alle Kanäle nach außen gekappt wurden.

Der ehemalige Siedlungsvorstand Moko Matobou unterstützte Negative dabei, Zugang zum Dach des Verwaltungsgebäudes zu bekommen. Schnell wurde klar, dass die offiziellen Empfangs- und Sendeanlagen im Keller des Gebäudes nicht ohne massive Gewalt zugänglich waren. Daher besorgte sich das Team Lichtleiterkabel und legte vom Dach aus eine direkte Verbindung von der Satellitenantenne zu einer mobilen Transpondereinheit im Keller des Bürogebäudes von DeBeers Omnitech. Die Agrartechnikerin Abita Tómerres hatte ja darauf hingewiesen, dass dieses Equipment vorhanden wäre. Es dauerte gut eine Stunde und brauchte intensive Teamarbeit von Negative und Zoé, bis auf einem flackernden Holo-Bildschirm im düsteren Lagerraum von DeBeers Omnitech eine Liste mit Uplinks und Transponderzustandsmeldungen erschien.

Die Satelittenantenne begann zu surren, als sie den Nachthimmel nach Lebenszeichen absuchte. Die automatischen Suchroutinen erfassten geostationäre Satelliten, deren Transponder entweder mit BLOCKED, OFFLINE oder INSUFFICIENT BANDWITH markiert waren. Private und öffentliche Matrix-Provider waren unerreichbar. Auch reine Simsense- und Trideo-Kanäle schienen nur mit stark reduzierter Bandbreite verfügbar. Doch die SFG 77 suchte ja nach Kommunikationswegen, nicht nach Unterhaltungskanälen.

Negative war sich bewusst, dass AIM im Großraum Westafrika keine dezidierten, eigenen Satellitentransponder unterhielt, weshalb das HQ ja nur über einen stark gesicherten Tunnel durch die Matrix an den Operations Host angebunden war. Ein Tunnel, den man direkt durch das heftig zensierte LTG von Dahomey gegraben hatte. Der SFG 77 lagen keinerlei Informationen vor, ob AIM mittlerweile einen neuen Transponder gemietet hatte oder ob es andere, operative Kommunikationsinstanzen gab. Das mobile Terminal zeigte jedenfalls auch nach ausführlicher Suche keine auf AIM gemeldeten Transponder an. Als jemand den platten Witz machte, dass man ja beim Yutani Customer Support anrufen könnte, fiehl Negative ein, dass es eine öffentliche Trixadresse von AIM für Notfallmeldungen gab. Ein Service, der allen Mitarbeitern in AIM zur Verfügung stand, falls es in Ausübung der Arbeitstätigkeit zu Krisen, gewandelten Sicherheitslagen, Angriffen oder ähnlichem kommen sollte. Jeder Mitarbeiter bekam ja mit dem Arbeitsvertrag so eine Visitenkarte mit der Notfallnummer! Alles was es dafür brauchte, war eine Trideo- oder Audioverbindung in irgendeines der Regional Telecommunication Grids der Welt. Das konnte Negative mit einigen Handgriffen einrichten. Allerdings würde es eine ungesicherte und registrierte Verbindung sein. Eben ein Telefonat wie jedes andere auch. Aber besser als nichts. Die Parabolantenne zeigte knapp über den Horizont, weit nach Osten, wo irgendwo ein Satellit über Zentralafrika das geschwächte Signal gnädig empfing.

Dem Lieutenant kam die Ehre zu, das Gespräch zu führen. Auf dem Trideoschirm erschien das Gesicht eines europäischen AIM-Mitarbeiters:

„AIM Services Employee Support. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Einsatzleiter identifiziert Einheit: 683X8, 907X2, 013Z5, 604X7, 646W4, 546V3, 764Y3, 554Y9, 756V9. Sicherheitslage kritisch. Kontakt zu CCOM verloren. Eine Person KIA. Einheit einsatzbereit. Erbitte weitere Anweisungen.“

Régicide sah in die erwartungsvollen Gesichter der Kameraden während der Mitarbeiter auf dem Trideoschirm mit ernster Miene nickte:

„Bleiben Sie bitte in der Leitung.“

Einige lange Augenblicke vergingen, in denen der AIM-Schmetterling sich unermüdlich im Standby-Kreis drehte und der Mitarbeiter verschwunden war. Dann tauchte das gleiche Gesicht wieder auf.

„Sir, dies ist eine ungesicherte Verbindung aus einer Region, in der AIM Services derzeit keine Notstandsleistungen garantieren kann. Ich habe Ihre Meldung mit Vorrang an CCOM weitergeleitet und bereits Antwort erhalten. Ihre Einsatzleitung ist informiert. Bitte nennen Sie keine weiteren Einzelheiten, die ihr Team, ihre Position oder Zuordnung kompromittieren könnte. Um in Kontakt mit der Einsatzleitung zu treten benötigen sie ein gültiges OHCM, ein Operative Host Cryptographic Module. Für ihr Team ist eines für den Feldeinsatz authorisiert und nach wie vor in Betrieb. Verbinden Sie diese Hardware mit ihrer Fernverbindung und nehmen Sie erneut Kontakt mit einem AIM Host auf. Wenn es ihnen nicht möglich ist, eine gesicherte Verbindung aufzubauen, dann müssen sie sich in ein Gebiet begeben, in dem die Dienstleistungen von AIM Services zur Verfügung stehen. Ich empfehle ihnen Nordafrika oder internationale Gewässer. Kontaktieren sie dann diese Notfalladresse erneut. – Es tut mir Leid, dass ich ihnen unmittelbar nicht weiter helfen kann. Man hat sie auf jeden Fall nicht vergessen und wird auch nicht aufhören auf ihre Rückmeldung zu warten. Ich freue mich, ihre Stimme zu hören und bin mir sicher, dass es ihnen gelingen wird, die missliche Situation zu überwinden. Sie sind also nicht allein. Viel Erfolg, Sir.“

Mehr Informationen waren nicht zu bekommen. Dem Team war klar, wo sich das nächste OHCM befand: im HQ in Moskuwa. Das Stück Hardware dient der Verschlüsselung von Kommunikationswegen nach AIM-Standard. Lena hatte das Gerät in der Nähe der Küche am Matrixterminal angeschraubt, unter einem kleinen Beistelltisch. Immerhin war bestätigt worden, dass die Verschlüsselungseinheit der SFG 77 noch aktiv und authorisiert war. Das machte Hoffnung, dass Lena und Fink im HQ irgendwie die Stellung gehalten hatten.

Später nahm der Lieutenant erneut Kontakt auf und ließ der AIM Services Hotline noch folgende, kryptische Botschaft zukommen:

„Einsatzleiter identifiziert Einheit: 683X8, 907X2, 013Z5, 604X7, 646W4, 546V3, 764Y3, 554Y9, 756V9. Nachricht verbatim für CO. Nachricht beginnt: ‚Sagt dem Chief, von dem Zeug was er und seine Kollegin wollte haben wir das meiste zusammen! Und sagt ihm, die Lady mit der Sonnenbrille hat ihre letzte Lieferung gemacht. Wir machen noch einen Abstecher in Richtung „Heck des Flugdecks“ oder schauen vielleicht beim Anwesen unseres Freundes vorbei. Dass wäre eine gute Gelegenheit, um ein wenig Tee und Gebäck vom Schiff einzufliegen. Wenn das nichts wird, hört ihr von uns wenn wir wieder in der Wohnung sind. Sagt also dort bescheid, dass sie das Licht anlassen sollen. Buffalo forward!‘ Nachricht endet.“

Exodus 199,8

Negtives Scanner fängt am 31. Oktober 2073 bei 199,8 MHz eine Endlosschleife in Englisch, Französisch und Hausa ab. Sie ist unverschlüsselt und schwach. Gerade so dringt sie zum Vorhof des Tals der bunten Steine vor. Die Stimme des männlichen Sprechers wirkt alarmiert und eilig. Die Aufnahme muss im Freien stattgefunden haben. Wie lange sie bereits gesendet wird, ist unklar.

„Dahomee, Landsleute, jeder, der das hören kann. Das ist eine Dauerübertragung auf 199,8 MHz, nachdem die drei Transponder davor abgeschaltet wurden.

Die Regierung von Dahomey hat sich am 16. Oktober 2073 aufgelöst, nach einer Reihe von Todesfällen im Parlament und auch innerhalb der Regierung selber. Es ist zu Unruhen gekommen und man geht davon aus, dass es böse Geister waren, die sich einiger Politiker und Personen mit hohem Ansehen bemächtigt haben. Es ist zu einem Putschversuch gekommen – oder vielleicht war er auch erfolgreich.

Die Regierung hat gesagt, dass uns unsere Vergangenheit eingeholt hat und die bösen Geister unserer eigenen Geschichte manifeste Gestalt angenommen haben. Überall kommt es zu Gewalt und Korruption. Politik, Militär, Medien und auch zwischen den Familien. Niemand weiß genau, was der Auslöser war, es gibt viele Gerüchte. Einige sagen, es wäre der Preis für unsere Einheit und unseren Fortschritt, den wir letzt zahlen würden. Ihr habt vielleicht davon bereits gehört, im kleinen. Jetzt ist das Chaos vollends ausgebrochen. Der Ursprung soll am Tawani-See und in der Grauen Zone liegen, aber es hat jetzt alles erfasst.

Man hat die öffentlichen Infrastrukturen, Geld-, Waren- und Personenverkehr und jegliche Art von Medien und Kommunikationswegen abgeschaltet, damit sich das Land regenieren kann. Damit wir uns regenerieren können. Jeder ist aufgerufen die Städte zu verlassen und zu Familien und Sippen auf dem Land zurückzukehren. In der natürlichen Lebensweise soll Dahomey Kraft finden sich von dem Übel zu befreien. Die Verwaltung wurde größtenteils in den Ausstand geschickt und nur internationale Konzerne versuchen noch den Betrieb aufrecht zu erhalten. Lokale Produktionsstätten und Gewächshäuser werden in Eigenregie betrieben, wenn sie nicht bösen Geistern anheim gefallen sind.

Die Regierung hat die Kontrolle über das Territorium Dahomey aufgegeben und die Bannzonen zu den erwachten Dschungelgebieten aufgehoben. Das Volk von Dahomey ist sich selbst überantwortet. Berichte sagen, dass der Regierungsapparat und das Militär nur noch dazu da ist, Dahomey gegen Nachbarländer und die gierigen Konzernmächte zu verteidigen. Es konzentriert sich auf Städte und industrielle Konzernkomplexe. Ausländer fliehen auf externe Betriebsgelände, die jetzt unter militärischer Aufsicht stehen. In der Grauen Zone gibt es andauernde Berichte von Konflikten und Gewalt, aber es gib keine Nachrichtensender mehr, keine Telefone und keine Matrix. Auf den Landstraße und im Niemandsland zwischen den Siedlungen sollen Banden rauben und plündern. Man soll alleine reisen, oder in großer Zahl. Benutzt nur Wege, die ihr gut kennt.

Der Geist- und Ethikrat der Regierung hat die Beschwörung der Weißen Idola Massuutu bekannt gegeben. Alle Dahomee sind aufgerufen ihre Häuser, Siedlungen und Schreine der Massuutu zu öffnen. Unsere Politiker haben unser Land ihrer heilenden und friedensbringenden Kraft übergeben – und uns. Wir müssen jetzt zurückfinden zu uns selbst. Bildet Gemeinschaften, meidet die Städte und zerstört alle Medien. Sie sind der Träger des Virus, der uns befallen hat. Die Geisterseher sprechen von den Schwarzen Idola, die uns zu dem machen wollen, was wir schon immer erleiden mussten. Sie sind Fleisch gewordene Abgründe und sie tragen tarnende Masken. Meidet die Gewalt, werft euer Geld fort, verlasst die Städte, zerstört Funk- und Matrixanlagen und traut keinen Dingen, die nicht wirklich sind. Versucht die moderne Lebensweise, den Konsum und die Entfremdung abzulegen. Ihr müsst zu euch selbst finden, das stärkt die Weißen Idola und ruft sie herbei. Pflegt eure Schreine und gebt Opfer an die Ahnen.

Nähert euch nicht den Konzernanlagen, sie sind im Krieg mit der Bevölkerung, egal von wem sie verteidigt werden. Wir haben sie an die Schwarzen Idola verloren. Meidet die Überlandlinien der Magnetbahnen und die großen Gridlink-Trassen. Söldner und Drohnen bewachen sie und haben Feuerbefehl auf alles und jeden. Betretet nur Siedlungen, von denen ihr wisst, wer dort lebt und welchen Geistern man huldigt. Traut keinen Ausländern, wenn sie euch nicht kennen. Versteckt euch am Tag vor den Söldnern und versteckt euch vor den Geistern in der Nacht. Verlasst das Land nicht über das Meer. Dort herrscht ein Krieg. Eine Seeblockade verhindert die Flucht. Viele landen in Gefangenenlagern. Und vor allem: bleibt fern vom Gürtel! Der Reichtum des Orichalkum korrumpiert sie alle. Lasst die Konzerne sich selbst zerfleischen. Sie fressen nur ihre eigenen Eingeweide. Bleibt fern von den Berbaugebieten. Und wollt ihr die erwachten Wälder und Wüsten betreten, dann vergewissert euch, welche Geister dort wohnen und welcher Gesinnung sie sind.

Verlasst euch nur auf Menschen, denen ihr die Hand geben könnt. Vertraut auf echte Gemeinschaft, arbeitet mit euren Händen. Traut nicht mehr dem Virtuellen, sondern traut der Berührung. Kauft nichts mehr, sondern tauscht. Trennt euch von allem, was bedeutungslos ist. Und lasst euch nicht zu dem hinreißen, was unsere Vorfahren selbst durch andere erdulden mussten: tötet nicht, versklavt nicht, raubt nicht, erhebt euch nicht über andere. Die Schwarzen Geister haben vielfache Gestalt und Namen. Lernt die Namen. Lernt gutes von schlechtem zu unterscheiden. Bleibt zusammen unter Freunden und Familien. Versteckt euch vor Fremden und vor dem Schlechten. Und vor allen Dingen: umgebt euch mit Tieren, sie sind die heilsame Kraft, haben aber ihre Stimme an die Schwarzen Idola verloren. Wir müssen den Totems ihre Stimme zurückgeben. Sie können verwirrt oder besessen sein, aber kein Tier ist im Herzen böse, niemals. Denkt daran.

Mehr kann ich euch nicht sagen. Ich gehe nach Norden, mit Freunden. Dort soll eine große Zusammenkunft stattfinden. Eine Zusammenkunft nach alter Art. Wer den Weg finden kann, ist willkommen. Zerstört euren Funkempfänger und geht euren eigenen Weg. Seid ihr Dahomee, dann wisst ihr wohin ihr müsst. Seid ihr westliche Konzernangestellte, dann geht zu den bewachten Betriebsgeländen. Wenn ihr Glück habt ist es friedlich und ihr kommt raus. Seid ihr hier als Ausländer oder Touristen einfach reingeraten, dann versucht nach Westen zu gehen. Meidet Osten, Süden und Norden. Wenn ihr verfolgt werdet, sucht nach guten Menschen die euch Gastfreundschaft gewähren.

Ende der Durchsage.“

Die Observation der Informantenwohnung

Es war bereits beginnende Nacht des 07. Oktober 2073 gewesen, als Copper und Norge ihre Observation, wie vom Lieutenant gewünscht, mit dem Appartment des verschwundenen Informanten Evan Choi fortsetzten. Möglicherweise hatten sie sich auch etwas mehr Zeit gelassen, die aufziehende Dämmerung und Kühle genossen, eines der unzähligen Restaurants besucht oder gar beim HQ vorbeigeschaut um eine Dusche zu nehmen. Jedenfalls war nun Nacht. Die wesentlich angenehmere Tageshälfte in Moskuwa.

Quartier Néo, Moskuwa

Die Wohnung des verlustig gegangenen Informanten lag im Stadtquartier „Néo“, am Ostende der Stadt. Ein sehr modernes und junges Viertel, das sich ungefähr zu gleichen Teilen auf Konzerne, Kultur und Nachtleben verteilte. Insgesamt war es das jüngste und am dichtesten (dauerhaft) besiedelte Stadtgebiet von Moskuwa. Wie auch im Valley Reach, gab es neben topmodernen Glas- und Stahlpalästen auch Gebäude, die der traditionellen Lebensweise in moderner Form verpflichtet geblieben waren. Allerdings trugen insbesondere das Vergnügungsviertel und die zweitklassigen Konzernbauten dazu bei, dass Quartier Néo noch ein Stück mehr den klassischen Großstädten, wie Seattle oder Denver, nachahmte.

Die Wohnung von Evan Choi befand sich im „Gebäude 25538“, zwischen den Schatten von Konzernhochhäusern und dem Vergnügungsviertel gelegen. Der Weg von der GridLink Station oder Tunnelbahn führte Norge und Copper aber zuerst über den Nachtmarkt Moska. In bunten Farben mischte sich hier ein lokaler Markt mit Schaustellerei, Livemusik und kommerziellen Verkaufsständen, viele davon mobil. Das Stadtquartier zelebrierte hier sich selbst unter freiem Himmel. Keine Sicherheitskräfte, keine Kameras, keine Patroullien. Dafür öffentliche (echte) Grünanlagen unter schützenden Klimadächern, Grillfeiern und sogar eine Kunstausstellung für Wandmalerei.

Dem Nachtmarkt schloss sich unvermittelt das Vergnügungsviertel an. Schrill und laut wankten hier Konzernbeamte im Anzug, Neo-Tribals in Körperbemalung und ausländische Gäste Arm in Arm von Cocktailbar zu Striptease-Shows. Dazu gab es Trideo-Center, Spielhallen, Schnappskeller, Fitnessclubs, Geschäfte für Luxuswaren und Importprodkute aus aller Welt. Arm war das Viertel jedenfalls nicht. Als die Lichter weniger wurden befand man sich dann im Schatten der Konzernbauten, den „Power Banks“. Und an der dünnen Linie des Zwielichts lag Gebäude 25538.

Gebäude 25538, Quartier Néo, Moskuwa

Der nicht ungewöhnliche, warme regen, der überraschend einsetzte, hielt die Metas nicht davon ab, auf der Straße zu bleiben. Gebäude 25538 lag an einem beliebten Pendelweg zwischen Power Banks und Moska. Der Betrieb war daher rege. Das erleichterte die Observation. Mal aus einem Café, dann einmal direkt zum Haus ran, mit einem Drohnen-Taxi vorbei – ja, sogar kurz darüber hinweg. Nach gut zwei Stunden hatte man das Gefühl, alles gesehen zu haben.

Evan Chois Wohung lag im Obergeschoss an einer Straßenecke. Unter seiner Wohnung gab es eine Implantatpraxis sowie ein kleines Kaufhaus für Kleinwaren aus dem Haushaltsbereich. Im Souterrain hatte sich ein nobles, persisches Restaurant breit gemacht. Ansonsten bot die weitere Nachbarschaft auch so einiges. Eine Automatenfiliale der Afrikanischen Bankenallianz, Cafés, Shops, einen großen Kindergarten und zahlreiche kleine und mittelgroße Wohnungen, die wahrscheinlich em ehesten die Lohnsklaven mit mittlerem Gehaltsscheck von den Power Banks anzogen. Immer wieder fielen gut platzierte Kameras auf. So richtig ungesehen konnte man sich hier wohl nur bewegen, wenn man sich sehr gut auskannte.

Evan Chois Wohnung konnte man auf zwei Wegen erreichen. Ein Fahrstuhl, der von der Straße in das Kaufhaus führte, hatte mit Schlüsselkarte und Fingerabdruck einen Vorrang für das Appartment im Obergeschoss. Copper und Norge wollten nicht riskieren, den Fahrstuhl zur Rush Hour zu manipulieren. Vielleicht wäre das auch gar nicht so einfach. Der Standard hier schien hoch.

Der zweite Eingang lag in der hinteren Häuserfront, etwas zurückgesetzt. Dort war es dunkler, Müll wurde gelagert und deutlich weniger gut Betuchte wanderten auf den parallelen Pfaden zum Licht der Einkaufsmeile. Nur wer die Abkürzungen kannte, ging hier entlang. Ein Fingerabdruckscan war notwendig, um in das Treppenhaus zu gelangen. Durch die Glasfassade konnte man erahnen, dass die Treppe bis auf das Niveau von Evan Chois Wohnung führte. Zwei Kameras hatten den Eingang zum Treppenhaus fest im Blick. Gut sichtbare Schilder wiesen dankenswerterweise darauf hin, dass das Gebäude von EncoTech überwacht wurde. Ein Eindringen schien hier zumindest für die Spezialisten im Team kein großes Ding.

Copper und Norge konnten zwar das treppenhaus nicht betreten, setzten die Beobachtung der Wohnung aber für ein paar Stunden von außen fort. Es passierte nichts. Die Wohnung war dunkel, die Glasfronten hatten die Jalousien entweder offen oder auf Halbmast, wahrscheinlich im Rhythmus von Wetter und Sonne gesteuert. Gegen drei Uhr morgens, am 08. Oktober 2073, kehrten sie zum HQ zurück – es sei denn, sie hatten noch andere Pläne.

Ergebnisse



Die Observation des Matrix Providers

Als am 07. Oktober 2073 Negative und Régicide zu einem Roadtrip ins Umland aufbrachen, machten sich Copper und Norge daran zwei potentielle Missionsziele zu observieren. In der Mittagshitze des Tages begannen sie mit dem Matrix Provider in Moskuwa.

Am südwestlichen Ende von Moskuwa befand sich der Dahomey LTG Matrix Provider. Ein massives Gebäude in einer AA-Gegend, schon aus einigen Kilometern aufgrund der markanten, rot-weißen Antennen auf dem Dach erkennbar. Praktisch der gesamte Matrix-Verkehr von Dahomey wurde von dort aus überwacht oder lief ohnehin durch die trolldicken Glasfaserbündel. Einiges pulsierte auch über Mikrowellen- oder Laserbrücken weit ins Umland hinein. Die Masse der Erdkabel konnte man nur erahnen. Das Gebäude selbst war sicher 50 Jahre alt und entsprechend gewachsen und modernisiert worden.

Dahomey LTG Matrix Provider

Eine Observation aus dem Nahbereich war zu Fuß möglich. Für Fahrzeuge am Boden und in der Luft war die unmittelbare Umgebung des Matrix Providers gesperrt. Der Konkurrent Mercenary Inc. hatte die Verantwortung und patroullierte im, auf, an und neben dem Gebäude. Anlass dazu gab es auch durchaus. An zwei Seiten des Gebäudes hatte sich ein kompaktes und verschanztes Protestcamp gebildet. Angehörige aller Metatypen, Nationen und Hautfarben prangerten dort den unerhörten Fall von Matrixzensur an, der noch immer andauerte. Die Lage war angespannt, es gab öffentliche Reden. Presse war vor Ort und die Sicherheitsleute hielten sich zurück – im Moment. Copper dürfte aus seiner Zeit in Kairo einen Vergleich ziehen können. Danach war es beeindruckend, dass Dahomey dieses Protestcamp mit mindestens 800 bis 1000 Personen duldete. Bis in die Seitenstraßen wucherte die Zeltstadt hinein. Bei knapp über 50 °C über dem flimmernden Asphalt war es für die Metamenschen eine Tortur. Alle warteten auf die Nacht.

Hauptpforte Westeingang

Das Gebäude selber war nach dem klassischen Vorbild der Fortress Economy (ein Begriff der in Seattle erfunden worden war) ausgebaut. Ein paar Schlaglichter: Die Hauptforte an der Westseite glich einem Grenzübergang zwischen UCAS und COC, wenn man sich einen vorstellen wollte. Reiner Personaleinlass, Cyberware-Scanner, Metalldetektoren, Hunde, schwere Waffen, Walker-Dronen in Orkgröße (die neuen Modelle, mit der Wendigkeit eines elfischen Basketballspielers), Sicherheitsdrohnen im Außenbereich, vollautomatische Flugabwehgeschütze auf dem Dach (davon konnte man nur im Gespräch mit den Demonstranten erfahren; gestern waren vier unerlaubte Drohnen abgeschossen worden).

Alles war dazu da, die absolute Unangreifbarkeit zu suggerieren und Null-Toleranz zur Schau zu stellen. Soweit erwartbar. Wie sah es wirklich aus? Laut Mike Goodfellow wäre es notwendig, eine Glasfaserleitung, einen Host, Slave oder einen Datenserver direkt anzuzapfen, welche direkt mit dem Cencorship Host oder der Matrix Filter Authority verbunden sein müsste. Als mögliche Angriffspunkte sah er die Serverfarm, die Administratorenbereiche oder möglicherweise die Technikwarte auf dem Dach. Die einzige Schwachstelle, die Copper und Norge finden konnten, waren Hinweise auf ausgedehnte Kelleranlagen. Es war ja zu erwarten, dass die Matrix-Server tief verbaut worden waren. Um das Gebäude herum gab es interessante Lüftungsgitter und Gittertore in der Nordwand, die Rampen nach unten versperrten. Die unterirdische Ausdehnung war möglicherweise immens. Nicht auszuschließen, dass es hier potentielle Angriffswege gab. Vielleicht von Nachbargebäuden aus? Die Option über das Dach leuchtete im Moment nicht ein, hatte aber generell auch seinen Charme. Es war auf jeden Fall leichter zugänglich als die Eingeweide im Keller.

In der Gesamtbewertung für eine mögliche Operation Uplink kamen Copper und Norge zu dem Schluss, dass es eine brilliante und minutiöse Operation sein müsste. Eine Mission Impossible im engeren Sinn. Ohne Insiderwissen in der ein oder anderen Form war hier nichts zu gewinnen im Moment.  Andererseits, … da war dieses stetig wachsende Protestcamp vor der Tür. Würde sich hier vielleicht bald ein Fenster öffnen, das entschlossene Einsatzkräfte für sich zu nutzen wüssten?

Ergebnisse der Observation

Was geht vor in Dahomey?

06. Oktober 2073

Dahomey kommt nicht zur Ruhe.

Was vor gut zehn Tagen mit Gerüchten über gewaltsame Auseinandersetzungen am Tawani-See begonnen hatte, entwickelte sich seitdem zu einer ausgewachsenen Krise in dem sonst so vorbildlichen Staat in Westafrika. Miles Kane berichtet direkt aus Moskuwa.

„Trotz Nachrichtensperre und Matrixzensur ist es uns gelungen eine stabile Verbindung zu unseren Zuschauerinnen und Zuschauern in aller Welt aufzubauen. Wir berichten hier unter einer schweren Arbeitsbedingung. Wie lange die Verbindung toleriert wird ist ungewiss. Sicher ist, dass die Berichte von gewaltsamen Übergriffen am Tawani-See nicht abreißen. Augenzeugen wollen Vertreibungen, Flüchtlingszüge und verwaiste Dörfer entlang der Ostseite des Sees gesehen haben. Ganze Familien und Siedlungen hatten sich nach Osten aufgemacht, in die sogenannte „Graue Zone“, einem völkerrechtlich umstrittenen Gebiet zwischen Nigeria und Dahomey.

Mittlerweile wird aber auch von ersten Rückkehrern berichtet, die ihre Häuser wieder beziehen. Mutmaßlich um Plünderungen vorzubeugen oder der kriminellen Gewalt nigerianischer Banden zu entgehen. Berichte von Massenmorden konnten bisher nicht bestätigt werden. Bilder von zahlreichen Leichenfunden wurden durch Nigeria lanciert, eine Überprüfung ist aber auch hier unmöglich.

Klar ist: es treffen zwei harte Gegenpositionen aufeinander. Nigeria führt weiterhin Berichte über Angriffe offizieller Kräfte aus Dahomey gegen Minderheiten in der Grenzregion an sowie eine wohl als gesichert geltende Tötung von Mitarbeitern einer nigerianischen Wahlkampagne. Dahomey beruft sich hingegen auf ein illegales Vordringen nigerianischer Truppen in die eigentlich entmilitarisierte Graue Zone und wirft dem Nachbarstaat gezielte Destabilisierung durch kriminelle Banden vor. Denen sagt man enge Verbindungen zur politischen Elite in Nigeria nach. Dahomey befürchtet hier eine bewusste Gefährdung der anstehenden Wahlen im Seegebiet. Trotz Drängen der Afrikanischen Union und Weltgemeinschaft wurde bisher keine unabhängige Autorität im Krisengebiet zugelassen.

Staatliche Berichterstatter aus Dahomey teilen indes mit, dass man am Tawani-See mehr als einhundert Ermittlungsverfahren eingeleitet hat, um örtliche Gewaltakte zu verfolgen und aufzuklären. Gesucht wird nach kriminellen Gewalttätern, die an den örtlichen Vertreibungen und Plünderung beteiligte gewesen sein sollen. Einblicke in Fahndungsmaterial belegen dies scheinbar.

Jedoch, problematisch ist und bleibt, dass Dahomey an der massiven Matrixzensur festhält. Dafür erntet das Land derzeit schärfste Kritik. Heute wurde bekannt, dass die Corporate Court Matrix Authority (CCMA) bereits am 02. Oktober eine geheime Mahnung und Sanktionsandrohung an Dahomey übermitteln ließ. Darin wird Dahomey bis zum 08. Oktober eine Frist gesetzt, die Matrixzensur aufzuheben, unabhängigen internationalen Beobachtern der CCMA Zugang zu den Datenzentren des Landes zu gewähren und die Aufklärung der Genozidvorwürfe uneingeschränkt zu unterstützen. Andernfalls drohen Dahomey Sanktionen in Form einer Abschaltung von Matrixverbindungen in sensiblen Bereichen aus Wirtschaft, Industrie und öffentlicher Infrastruktur. Ein Vorgehen, das von der Weltmatrixbehörde CCMA seit den Euro Wars nicht mehr durchgesetzt wurde. Aktienkurse von in Dahomey stark engagierten Unternehmen reagierten bereits empfindlich.

Miles Kane aus Moskuwa. Ich gebe zurück ins Studio.“

Erster Apell, Offizier an Deck

Dass sich Régicide Zeit nimmt, die drei Unterstützungsmitglieder der SFG 77 persönlich und herzlich zu begrüßen, kommt gut an. In dem nun langsam doch etwas explodierendem Chaos der eiligen Einsatzvorbereitung hatte damit wohl keiner so recht gerechnet. Lena ist fast etwas beschämt und wird leicht rot bei dem förmlichen Lob. Die Wangen bleiben rot, nach dem ersten Glas Wein. Fink einmal persönlich kennenzulernen ist ebenfalls interessant. Er könnte vom Auftreten Butler gewesen sein. Ein leiser Typ, sehr höflich und unaufdringlich, bedankt er sich für den „Vorschuss an Anerkennung“, wie er sich ausdrückt. Die etwas unterkühlte Pilotin scheint durchaus überrascht von Régicides Geste. Vielleicht sogar angenehm! Wie Rigger, vor allem Piloten, halt manchmal so sind, ist der Grad ihrer Coolness ab und an schwer erträglich. Aber die kleine Aufmerksamkeit kommt gut an. Von den Dreien ist Chief Hiller auch diejenige, die am meisten militärische Routine verinnerlicht hat. So bedankt sie sich dann auch leise beim Händedruck, für den Sie Haltung annimmt: „Danke, Lieutenant.“

Negatives Ankunft im HQ Moskuwa

Es war der 2. Oktober 2073, ein Tag nach der „offiziellen“ Regruppierung der SFG 77. Die Magnetbahn donnerte mit wahnwitziger Geschwindigkeit in den Hauptbahnhof von Moskuwa ein. Das sanfte Bremsmanöver wollte Negatives Wahrnehmung mit aller Gewalt übertölpeln. Hatte Dahomey schon den Gravitationsgenerator erfunden, oder warum flogen und purzelten die Menschen im Zug nicht übereinander?

Als der schwarze Elf aus dem Zug trat und die Arcology des Stadtzentrums in Richtung der Regionalverbindungen verließ, blies ihm der Mittagswind des heißen Inlandes wie ein Fön in das Gesicht. Das hier war nicht die milde Küstenregion von Lome. Die Thermometer zeigten 43° C im Schatten für das Innenstadtgebiet. Die Luft flimmerte wie ein offenes Fass Benzin auf einem Elektroherd. Sofort explodierte der Schweiss aus allen Pooren. 

Moskuwa, Stadtteil Valley Reach

Im Stadtteil Valley Reach waren die Temperaturverhältnisse etwas erträglicher. Es schien Negative, als gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Grad urbaner Verbauung und der Erträglichkeit am Tage. Als hätte die Sonne einen ganz persönlichen Brass auf die emporstrebenden Zeugen von Dahomeys wirtschaftlicher Macht. Wenn die städtische Zukunft der Sechsten Welt irgendwo in Afrika einen Brückenkopf hatte, dann hier. 

Doch das beschauliche Moskuwa war anders als die gigantischen Metropolen der westlichen Welt. Als Negative aus der Tunnelbahn stieg, befand er sich zuerst auf dem Bodenniveau des Stadtteils. Die „Unterstadt“ war geprägt von einfachen, wenngleich nicht unbedingt ärmlichen, Behausungen. Ein Gewusel von Menschen, die es scheinbar vorzogen bodennah und in Anlehnung an traditionelle, afrikanische Bauweisen zu leben. Die auf Trassen und Plateaus erbaute Oberstadt spendete ein diffuses Spiel von Licht und Schatten, was zusätzlich zu halbwegs erträglichen Temperaturen beitrug.

Nicht unweit des „Hauptquartiers“ der SFG 77 lag die Tunnelbahnstation. Und wie Negative bemerkte, handelte es sich hier auch um eine Art lokales Marktzentrum. Ein Güterzug von der Küstenregion war gerade eben auf einem Abstellgleis eingefahren. Die speziellen Güterwagons öffneten die  weißen und sandfarbenen  Seitenwände wie ein Lamborghini: sie verwandelten sich in schattenspendende „Markisen“ und die Güterwagons damit in mobile Basarstände. Auf einer Länge von gut 100 Meter begann zu beiden Seiten des Zuges ein Handeln, Tauschen und Versteigern unerschiedlichster Waren des täglichen Bedarfs, insbesondere frischer Lebensmittel. Wie Negative feststellen konnte, kursierte hier Papiergeld, das auf Nachfrage nur in den Unterstädten und lokalen Märkten von Dahomey einen Kaufwert besaß. Dabei bestand ein Rückkaufverbot für diese Devise. Man konnte mit einem Credstick relativ leicht an dieses fast antike Papiergeld kommen, doch in umgekehrter Richtung war es scheinbar verboten.

Der Weg zum HQ war fußläufig im fünften Stock eines der fassartigen Büro- und Wohntürme untergebracht. Negative nahm sich Zeit den Weg etwas genauer zu studieren. Man konnte den Wohnturm entweder von der Unterstadt oder von der Oberstadt her betreten. Auf beiden Ebenen war ein Zugang mit einem Fahrzeug möglich. Eine Hebebühne nahm Fahrzeuge auf und zirkelte damit in die Höhe, um die Garagen der Bewohner anzusteuern. Eine Art Hochregallager, was ein verdecktes betreten und verlassen der eigenen Garage vor neugierigen Augen gut verstecken half. Aus jeder Garage führte ein eigener Personenaufgang zu einem Personenliftsystem. Wie genau das funktionierte, war Negative nicht ersichtlich. Das raffinierte System konnte anscheinend jede Mietgarage getrennt ansteuern.

Anstatt direkt zum HQ im fünften Stock zu fahren, entschied sich Negative, zuerst einen Zwischenhalt in Ebene 1 zu machen, einem Lobybereich mit wenigen Geschäften, der seine lichte Fensterfront auf die moderner anmutende Oberstadt öffnete. Einige Bewohner der Unterstadt erholten sich in einem Café von der Hitze des Tages. Unverschwitzte Anzugträger machten hingegen sofort deutlich, wer oben und wer unten lebte. Doch der Umgang war ungezwungen. Egal ob gewickelte Tücher mit Flip-Flops oder Stoffhose mit Manschetten: die Leute hier waren wohl alle irgendwie Teil ihres Viertels. Modisch zur Schau getragene Cyberware oder extravagante Kleidung der Oberschicht war kein Teil dieses Stadtviertels. Solide B-Gegend eben.

Am auffälligsten in der Lobby war ein „Schönheitsstudio“. Das erweckte Negatives Interesse. Scheinbar handelte es sich dabei um ein Modelstudio, das sich als Sprungbrett für Mädchen und Jungs aus dem Stadtteil verstand. Ein Sprungbrett in die schillernde Welt der Mode, Marken, Magazine. Negative konnte einen Blick auf eine Gruppe Mädchen zwischen circa dreizehn und achtzehn Jahren erheischen, die in einem offenen Seminarbereich hinter einer Glasscheibe das Gehen auf dem Laufsteg übten. Eine scheinbar vergnügliche Angelegenheit mit viel Gelächter. Ein Mann mit weiblichen Gesichtszügen blättert am Tresen in einem Fotoalbum. Man kann nicht umhin ihn eingehend studieren zu wollen. Der erste Eindruck von Negative ist: es gibt schöne Metamenschen hier. Und nicht nur Spapiens Sapiens. Ungefähr die Hälfte der Mädchengruppe scheint Elfin oder gar Orkin zu sein. Doch das sind nicht die grobschlächtigen Brecher aus den Warrens in Denver. Diese unvermittelte Schönheit imponiert unversehens. Ob Negative darüber gutmütig staunt oder sich gehässig der Selbstverliebtheit hingibt, weiß nur er allein.

HQ Moskuwa Foyer

Als Lena die Tür zum HQ öffnet, hat es Negative endlich geschafft. Seine Reisetaschen fallen auf den weißen Linoleumboden und Lena begrüßt ihn fröhlich kurzerhand mit einem ebenso weißen Cocktail in der Hand.

„Willkommen Negative! Kommen Sie, ‚Sergeant‘. Hereinspaziert. Das ist ein Kokosnuss-Cocktail mit ohne Alkohol. Ich habe aber auch Rum dar. Jetzt sind wir zu viert. Der ‚Private‘ ist im Büro unseres Bühnenverleihs und Chief Hiller chattet gerade mit einem örtlichen Drohnenverkäufer.“

Negative hat zuerst die Chance, das falsche Büro, die „Front“, zu begutachten. Christoph Fink arbeitet hier scheinbar regulär im Achtstundentag. Schon im Flur stapeln sich Kisten für Bühnenequipment und Kabeltrommeln. Schwer zu sagen, ob dort Scheinwerfer oder ein Mörser drinn sind. Auch wenn alles aufgeräumt und sauber wirkt, kann man aber erkennen, dass eben noch eingezogen wird. Lena ist wohl gerade vor allem damit beschäftigt die Sicherheitstechnik zu verbauen und zu tarnen.

Dann geht es in das lange, offene Großraumbüro und es wird deutlich, wie ausgefeilt die Klimatechnik dieses Gebäudes ist. Wie auch vorher in der Lobby und im Aufzugbereich sind auch die Wände der Wohnung an vielen Stellen großflächig mit Pflanzen bedeckt. Gemeinsam mit versteckten Wasserbestäubern und Luftschächten sorgt die Thermik des Gebäudes für ein angenehmes Klima, fast ohne technische Klimasteuerungen. Markant ist auch ein ganzer Gummibaum, der den Bürobereich zum Teil in eine Gartenlaube verwandelt. Darunter sitzt Hiller. Sie nickt Negative nur knapp zu und spricht weiter mit einem Mann auf dem Trideoschirm vor ihr.

Die sensiblen HQ-Bereiche sind noch nahezu leer. Betten sind sorgsam vorbereitet und warten auf das Team. Die Kettensäge hat noch ein eigenes Regalfach für sich und hinter einem dicken Plastikvorhang wurde der „Chemibaukasten“ säuberlich ausgepackt. Daneben auch elektronische Werkzeugkästen und eine kleine Büchsenmacherwerkstatt. Gut das obere Drittel des Bereitschaftsraums ist faktisch eine Werkstatt. Noch ist sie aufgeräumt, aber Negative wird schnell klar, dass das HQ rasch an die Grenzen kommen wird, wenn ersteinmal die Operation aufgenommen wird.

Nach einer kurzen Erfrischung im Bad und dem Verstauen der persönlichen Habe schleicht es sich langsam in das Bewusstsein: jetzt geht es los. Das hier is die Ruhe vor dem Sturm. Von den zwei Freiterassen (natürlich üppig begrünt) hat man einen wunderbaren Ausblick über den aufziehenden Abend von Moskuwa. Die Stadt beginnt zeitgleich zu erwachen und hebt ein ständiges Murmeln an, das erst im Morgengrauen wieder ersterben wird. Eine Frage kommt dann zuletzt in den Sinn: wohin mit der Urne?

Abschied mit Ehren

Das untere Hangardeck der AIMS Cassiopeia bot einen Ausblick aus der Liftluke, in dem man sich verlieren konnte. Der heiße, rote Feuerball der untergehenden Sonne tauchte den Pazifik in Blut. Ein Abschied mit Ehren.

Angetreten war Captain Katsuo Uzun mit einer Gruppe von Stabsoffizieren und Soldaten der AIMS Cassiopeia. Insgesamt vierzig Personen. Im Gegensatz zur großen, feierlichen Ehrenformation vor einigen Monaten, war die Stimmung diesmal ernster. Der Kreis der Anwesenden war viel kleiner, die Medien waren ausgesperrt. Keine Kameras, keine ausschweifenden Reden und kein lauter Applaus.

Captain Uzun blickte vom Stehpult auf und sprach zu der versammelten Gruppe von Soldaten.

„Für einige von ihnen ist dies der vorerst letzte Sonnenuntergang im Pazifik. Heute Nacht wird sie die Logistik zu ihren Stammeinheiten ausfliegen und auch die AIMS Cassiopeia wird sich nach Westen, der Sonne folgend, in das Südchinesische Meer verabschieden.

Sie alle haben maßgebliche Beiträge zu dem bestimmenden, militärischen und politischen Konflikt der letzten eineinhalb Jahre geleistet. Als Teilnehmer der Pazifikkampagne im Rahmen der Task Force Blue Shark wird ihnen daher vom Central Command die Kampagnen-Auszeichnung für ihre Dienste verliehen.“

Auf ein Nicken hin trat Specialist Lance in weißer Uniform hervor und begann die zwei Reihen der angetretenen Soldaten abzugehen. In jede Handfläche legte sie das Band der Pazifikkampagne, das alle Teilnehmer der Task Force schmücken durfte.

Pacific Campaign 2071-2073

Katsuo Uzun fuhr fort: „Im Namen des Central Command gratuliere ich ihnen allen für ihren hervorragenden Dienst auf der AIMS Cassiopeia, im Rahmen des Special Operations Command, der See- und Luftaufklärung, des Nachrichtendienstes oder der Waffenleitstände. Ihre Zusammenarbeit hat unsere Erfolge erst möglich gemacht.

Darüberhinaus habe ich die Ehre und auch traurige Pflicht, heute zwei weitere Auszeichnungen zu verleihen.

Zum nunmehr zweiten Mal hat sich Operative Bazut Morellè durch persönlichen Einsatz und durch persönliche Opfer an Leib und Leben ausgezeichnet. Im Nahkampf sowie im arkanen Gefecht trug er Verwundungen davon, die Zeugen seines unbeugsamen Siegeswillens sind. Auch schwere Verwundungen konnten seinen Kampfeswillen und sein inneres Feuer nicht ersticken. Hierfür erkennt die Association Monsieur Morellè als Träger der Opfermedaillie zweiten Grades an.“

Die Medaille wurde den Anwesenden von Specialist Lance präsentiert.

Sacrifice Medal II

Mit Blick auf die untergehende Sonne bereitete sich Katsuo Uzun auf die letzte Verleihung vor, die er dann auch mit klaren und sachlichen Worten vollzog.

„Die zweite Verdienstmedaille wird an Sergeant Franklin Milestone heute posthum verliehen. Er empfängt aus unseren Händen die Medaille der Legio Lepidoptera, den Schmetterlingsorden. Er wird verliehen für herausragende Tapferkeit und Furchtlosigkeit unter hohem Risiko des eigenen Lebens und weit jenseits der dienstlichen Pflichten.“

Auch diese seltene Auszeichnung wurde den Anwesenden präsentiert und anschließend auf einen weißen Marmorblock gelegt, auf dem Name, Rang und Lebenszeit von Brick eingraviert worden waren.

Legio Lepidoptera

„Sergeant Milestone ließ sein Leben in den Tiefen des Pazifiks um seinen Kameraden und Freunden eine Rückkehr an die Oberfläche zu ermöglichen – und das Missionsziel zu erreichen. Sie alle kannten den Sergeant. Er war selten zu übersehen auf diesem Schiff! Einige von ihnen gehören zu denen, die ihm viel zu verdanken haben. Er wird heute mit allen militärischen Ehren in den Kreis der verstorbenen Veteranen aufgenommen. Sein Gedenkstein wird in die Grabhalle in Finistère verbracht werden, wo er zur letzten Ruhe einkehrt.

Meine Damen und Herren, lassen sie uns dem Sergeant die letzte Ehre erweisen.“

Der Captain trat neben den Stehpult und wendete sich, wie alle Anwesenden, der weißen Gedenkplatte für Brick zu. Die Sonne verbrannte im Westen den Horizont, begleitet von einer einzelnen Trompete und dem Salut der Kameraden. Dann war die Sonne hinter dem Pazifik erloschen. Bricks Feuer aber, brannte irgendwo weiter, wie einige wussten.

Verleihungsurkunden: Brick, Norge, Negative, Régicide, Wageslave, Zoé

Das Schicksal der Sophia Lun

Es ist der Tag der Entscheidung über das Schicksal von Sophia Lun. An Bord der Cassiopeia wurde die Elfe viele Tage lang intensiv verhört. Régicide hatte aus dem Hintergrund heraus die Sache aufmerksam und ungesehen beobachtet. Anfangs im Rollstuhl, dann auf Krücken. Das tat er aus gutem Grund. Denn diese Frau hatte ihn kaltblütig ermorden wollen – und er hatte sie dafür leben lassen.

Auch Naama Malik war Gegenstand von Verhören geworden. Doch dort war Régicide präsenter gewesen. Dort stand er nicht hinter Glasscheiben und in den schattigen Winkeln der Verhörzimmer. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die entwurzelte Frau zumindest durch die Zeit der Befragungen auf der Cassiopeia zu begleiten. Denn hier gab es weder Richter noch Staatsanwälte. Nur zwei Konzerne, die Antworten und Entscheidungen nach ihrem Sinne haben wollten. Und Sophia Lun war es wesentlich schlechter ergangen, als Naama Malik. Beide, Régicide und Naama, saßen also hinter der Glasscheibe im Dunkel und beobachteten die „letzte Sitzung“.

„Sophia Lun. Ich denke, sie werden das Schicksal von Finu Onbekend und Jijun nicht teilen. Sie werden leben. Wenn sie sich klug verhalten,“ begann der Customer Agent der Yutani Corporation.

Sophia schluchzte und lachte zugleich, als eine große Spannung von ihr abfiehl. Die Tage auf der Cassiopeia waren hart gewesen und hatten ihr zugesetzt. Sie schüttelte den Kopf ungläubig: „Schon wieder.“ Unwillkürlich rieb sie sich den Hals.

Der Customer Agent präzisierte: „Ja, schon wieder. Sie werden das Habitat Umiko für die nächsten dreißig Jahre nicht verlassen. Sie werden mit dem weitermachen, mit dem sie auch durch die COC gekauft wurden. Sie erforschen den Raucher, Etusan, die ganze Sache, von vorne bis hinten. Ihr Name wird auf den Zeitschriftenartikeln, den Veröffentlichungen, den Vorträgen stehen, wenn sie gute Arbeit machen.“

Naama Malik sprang auf und schlug wütend mit der Faust gegen die Glasscheibe. Keine Wirkung.

Der Agent sprach auf der anderen Seite ungestört weiter: „Dafür werden wir allerdings Sorge tragen, dass sie die Yutani-Familie nicht noch einmal verraten. Ihre Expertise gehört uns! Sie werden kontrolliert, überwacht, bevormundet werden. Kein Kontakt zur Außenwelt, es sei denn über die Forschungsabteilung in Tokyo. Sie bekommen die neue Milestone-Gruppe zugeteilt und werden genau so weitermachen wie bisher. Nur mit einer Waffe in ihrem Genick und der Loyalität bei der Yutani Corporation. Sie wollten uns benutzen? Jetzt werden wir ihren guten Namen benutzen. Wenn wir zufrieden sind, bleibt ihnen am Ende noch genug Lebenszeit, um den Ruhm und die Ehre lange Jahre zu genießen und ihr bodenloses Ego zu beweihräuchern.“

Naamas zweiter Schlag gegen die Trennscheibe war wesentlich schwächer als der erste. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Scheibe, um das reuhmütige Schluchzen der Sophia Lun nicht ertragen zu müssen. Ihr Blick fiehl auf Régicide, der ungerührt geblieben war. Mit welchem Recht konnte sich Naama hier mehr aufspielen als Régicide? Sophia Lun hatte Régicide fast getötet. Naama war nur von ihr als Köder benutzt worden. Mit einem Kopfschütteln schob sie den ganzen Scheiß trotzig beiseite. Fuck Sophia. Naama verließ das Verhörzimmer ohne über die Schulter zu blicken. Ihr Blick machte aber eines klar: Naama würde nie wieder in das Habitat zurückkehren.

Eine Nachricht an Negative

Lieber Philippe,

gerade sitze ich in einer Bar in Manila. So wie jeden Tag. Der Trideo über dem Thresen sagt mir drei Tage hintereinander, dass der Pazifikkonflikt vorbei ist. Soviel Zeit habe ich mir, der Bar und den Politkern gegeben. Ich weiß noch nicht genau, was das bedeutet – ob es überhaupt etwas bedeutet. Aber ich merke, dass ich die drei Tage eigentlich Dir gegeben habe. Während ich hier auf meine bevorstehende Abschiebung trinke, muss ich allerdings eingestehen, dass es vielleicht nicht ganz fair ist, sich über ein abgelaufenes Ultimatum aufzuregen, das man noch nicht mal gestellt hat. Das hole ich hiermit nach.

Also, wenn die Expedition wirklich vorbei ist und Du nicht am Grund des Pazifiks als Korallenfarm dienst, gebe ich Dir nochmal drei Tage um Dich endlich zu melden. Ansonsten werde ich diese Flasche Rum hier in poetischer Reinheit durch meinen Geist destilieren und mir eingestehen, dass Du mehr Schuld an meiner misslichen Lage hast als ich annehme – und Dich einen Scheiß darum kümmerst.

Finnja