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Uzun bei Zoé auf der Krankenstation

Ein vorsichtiges Klopfen an Zoés Krankenstation auf der Cassiopeia. Es ist CPT Katsuo Uzun, der mit gezogener Dienstmütze eintritt.

„Oh, ich sehe, sie haben geschlafen. Nun, ich mache es kurz.“

Er schließt die Tür. und tritt neben ihr Bett. Sein Blick wirkt aufmunternd, er lächelt etwas.

„Sie haben sich mit einem Chrom-Wyvern angelegt, oder soetwas der Art. Ein arkanes Konstrukt. Dafür machen sie einen wirklich sehr guten Eindruck, Miss Miller.“

Er legt die Mütze auf einen Beistelltisch und setzt sich auf einen Stuhl direkt neben Zoé.

„Sergeant Milestone und sie standen sich nahe. Sein Verlust bedaure ich sehr. Ich wollte ihnen mein Mitgefühl ausdrücken.“

Er blickt kurz über das Zimmer und vermeidet einen zu langen Blick in Zoés Gesicht. Was sollte er mehr noch sagen? Dann fährt er fort.

„Ich habe nicht viel Zeit und sie sollten sich besser auch ausruhen. Aber zwei Dinge wollte ich loswerden. Ich denke es ist besser, wenn sie als freiberufliche Operative für die SFG 77 eine Weile aussetzen. Sie sollten eine Auszeit nehmen und Abstand gewinnen. Und kommen sie nur wieder, wenn sie sich ernsthaft und rückhaltslos für eine militärische Laufbahn in Sondereinsätzen geeignet sehen. Ihre Fähigkeiten und ihren … unmilitärischen Gerechtigkeitssinn habe ich immer geschätzt. Ich bin deshalb auch ganz ehrlich in dieser Sache. Wir sind alle ziemlich an die Grenzen gegangen. Damit meine ich insbesondere auch die Grundsätze von AIM. An der ein oder anderen Stelle sind wir vielleicht gestolpert. Erfolgreich zwar, aber mit einem Beigeschmack. Was jetzt aus der SFG 77 wird, weiß ich übrigens nicht. Ich weiß nur, dass es Restrukturierungen geben wird. Wahrscheinlich wird sich was ändern, in den kommenden Monaten. Das ist also ein guter Zeitpunkt für eine Auszeit.“

Er nimmt seine Mütze wieder auf und dreht sie zwischen den beiden Händen dreimal.

„Ja, und Zobitzsch, Miss Miller. Also Zobitzsch lebt. Er hat sich nach Petersburg durchgeschlagen. Die Informationen besagen, er hätte ein Konto angetastet, auf dem das Bestechungsgeld von Albertsson lag. Sein Fluch ist wohl gebrochen. Die COC hat versucht ihn in die Finger zu bekommen, aber er ist in Russland untergetaucht. Die Yutani Corporation lässt die Sache ruhen. Wenn er vorsichtig ist, wird er wohl jetzt frei leben können. … Ich, em, dachte, das wollten sie vielleicht wissen.“

Er steht auf, rückt die Mütze zurecht und salutiert ihr zum Abschied zu.

„Viel Erfolg und gute Besserung, Miss Miller.“

[Rückmeldung aus Beijing an Zoé]

Zoés Nachricht an den Feuertempel in Beijing wird schnell beantwortet. Man habe eine Kerze am Tempelfeuer für „Helena“ entzündet. Außerdem richte man gerne von Frau Khalipour aus, dass Entfernung keine Rolle spiele und ein Feuer zu entzünden immer eine gute Tat sei. Die Flamme bei Zoé sei daher wichtiger als die im Tempel. Und wenn sie sich unsicher ist, sie zu entzünden, so habe sie ja einen Freund, der dazu durchaus berufen ist, Feuer zu entfachen.

Kantinengespräch

AIMS Juno, Freie Kantine

Die Freie Kantine auf der AIMS Juno, der einzige Ort des Schiffes, an dem sich zu Friedenszeiten die Besatzung frei von Rang und Position begegnen kann, um gemeinsam dem schweren, und oft auch eintönigen, Dienst zu entfliehen. Trideos, runde Gruppentische, eine ordentliche Bar, das alles wurde traditionell von der Crew der Maschinenbediener mit einer geopferten Freischicht betrieben und am Laufen gehalten. Schummrig genug, um den grellen Neonlichtern der Arbeitsbereiche zu entfliehen. Hell genug, um nicht den Eindruck von Gefechtsbeleuchtung zu erwecken. Und vor allem: bunt.

Captain Uzun ließ, wie üblich, seine weiße Dienstmütze am Eingang zur Freien Kantine zrück, als er drei Tage nach Operation Ancient Mariner endlich eine kleine Auszeit nehmen konnte. Männer und Frauen unter seinem Kommando hatten allerdings noch hektischere Tage und Wochen hinter sich als ihr Captain.

Die Besatzung der Juno schielte dem jungen Captain über ihren Bier- und Cockailgläsern hinterher. Auf seiner Navy-Uniform prangte das goldene Abzeichen des Special Operations Command. Es war nicht verborgen geblieben, dass eine verdeckte Operation stattgefunden hatte. Captain Uzun nickte einigen bekannten Gesichtern mit einem müden Lächeln zu und setzte sich mit seinem gesalzenen Gin an einen leeren Tisch.

Zoé war auch in der Kantine. Natürlich überwiegend unbemerkt. Auch von Captain Uzun. Sie erwog für einen Moment, sich an den Tisch des Captains zu setzen. Irgendetwas sagte ihr, dass er Gesellschaft nicht abgeneigt war. Doch bevor sie sich entschließen konnte, kam ihr jemand zuvor. So konnte Zoé, mehr oder weniger freiwillig, das folgende Gespräch mithören, das sie später auch den Kameraden berichten würde.

CPT Katsuo Uzun
SPC Kara Lance

 „Captain, schön sie hier zu sehen.“

Uzun sah auf, rückte die Brille zurecht und lächelte matt: „Specialist Lance. Wie ich sehe, ohne Datentableau sondern mit einem russischen Starkbier.“

„Darf ich?“

„Sicher, bitte. Setzen sie sich frei.“

„Danke, Sir.“

Die heute gar nicht mehr so jung erscheinende Blondine setzte sich. Und das fiehl ihr gar nicht so leicht. Ihre Bewegungsfreiheit am rechten Oberschenkel oder der rechten Hüfte war sehr eingeschränkt. Fast wirkte es, als habe sie ein steifes Hüftgelenk. Beim gehen oder stehen blieb es jedoch unbemerkt. Ihr Umgang damit war routiniert. Es plagte sie wohl nicht erst seit vorgestern. Als sie saß, blickte sie sich ein wenig in der Lounge um, dann beäugte sie ihren Captain genauer. Der starrte auf einen Trideo mit Sportnachrichten aus dem Kaukasus, sichtlich gedankenverloren.

„Waren ein paar harte Tage, “ sprach Lance und warf vorsichtig einen Köder ins Wasser. Der Captain riss sich los vom Trideo und gab sich einen Ruck zur Konversation.

„Für manche mehr, für manche weniger. Sie haben wieder gute Arbeit geleistet, Specialist. Sie haben mir den Kopf vom Kleinkram freigehalten, bei dieser ganzen Hau-Ruck-Operation. Wie immer.“ Ein herzlicheres Lächeln von ihm folgte, wenn auch nur kurz.

„Danke Sir,“ Lance rutschte etwas legerer in den Sessel hinein und trank recht zwanglos am Starkbier. Scheinbar hatte sie deutlich weniger Probleme formlos zu sprechen als der Captain. Das machte ihm aber offenbar nichts aus.

„Da lässt sie was nicht los, hm? Oder sind sie schon bei Operation Follow-Up?“, falls Lance damit auflockern wollte, gelang es ihr nicht wirklich.

„Es ist diese Helena, Lance,“ ein tiefes Durchatmen von Uzun, „ich kriege sie nicht aus dem Kopf. Ich glaube, das war der größte Fehler, den ich jemals in meiner Dienstzeit gemacht habe.“

Lance starrte ihn einen Moment an. Dann begriff sie, dass das vielleicht ernster war, als sie zuerst gedacht hatte. „Die Freundin von der Zielperson?“

„Ja.“

„Sie war ein drastischer Risikoposten, vielleicht noch mehr als die gesamte P-Gruppe,“ gab Lance zu bedenken.

„Nicht nachdem wir die Zielperson einfach so zurückgelassen haben. Das macht den Vermisstenstatus der Frau so sinnlos. Nicht nur ein Verbrechen, sondern auch sinnlos.“

„Warum haben sie den Befehl dann gegeben?“

Captain Uzun schwenkte den Gin abwesend und horchte tief in sich hinein bevor er antwortete.

„Man kann einer Einsatzgruppe nicht alles aufbüren. Meine Einschätzung war, dass die Gefahrenabwehr und Sicherheit der Mission diesen Schritt nötig machen würde. Und ich denke, der Sergeant wäre auch zu dem Schluss gekommen. Schließlich verlange ich vom Team, dass sie Entscheidungen zu treffen bereit sind. … Deshalb wollte ich das auf meine Rechnung nehmen. Aber jetzt… Wenn ich die Uhr zurück drehen könnte, würde ich es tun.“

„Denken sie, es gibt ein Disziplinarverfahren?“

Captain Uzun schüttelte den Kopf und sprach weiter: „Die Sache ist zu groß, der Tod zu unbedeutend, die Umstände zu dunkel.“

Lance schnaubte kurz mit einem halben Grinsen: „Hrm, willkommen in einer Welt aus Scheiße.“

„Gott, ja. Ich komm schon damit klar, Lance. Kommt gerade nur,… hart rein.“

„Das Team hat den Befehl doch ohne zu zögern ausgeführt. Haben sie nicht selbst gesagt, mit Operative Z gibt es ein gutes Korrektiv im Team? Und mit Operative R eine professionelle Meinung mit Offizierserfahrung vor Ort?“

„In einer Führungsposition können sie den Ball nicht einfach so zurückspielen, Lance. Die Operative ist nicht mehr die, die sie bei Knock and Talk oder davor war. Wir verlangen Anpassung und Engagement, das weit über das übliche hinaus geht. Auch für militärisches Personal und erst recht für halb-ziviles. – Egal, es ändert nichts. Eine Fehlentscheidung, mit der ich klarkommen muss. Und je schwerer es mir fällt, desto leichter fällt es hoffenlich dem Team.“

„Ich glaube, die Sache ist es wert gewesen, Sir. Ich habe keinen Zweifel an ihrer Führungskraft.“

Captain Uzun nickte knapp.

„Wie geht es jetzt weiter, Captain?“

„Drei Einsatzkräfte begleiten mich nach Tokio. Operative R wird die Adjutanz von der Landevorbereitung in Kiruna wieder aufnehmen. Das ist sehr gut. Ich nehme an, das Central Command wird mich weiter als Liaison für den Kunden behalten wollen. Was immer passiert, es muss in das Pazifikszenario eingepasst werden. Wir können ja nicht alles auf einen Joker setzen, den wir gezogen haben. Die Japanische Allianz braucht Reaktionspläne für alle möglichen Ausgänge. Das muss mit CCOM und den Partnern entwickelt werden. Ich möchte, dass sie, Lance, sich soweit möglich den Schreibtisch frei halten für taktische Planung und nachrichtendienstliche Verwertung, sobald wir wissen wohin wir uns entwickeln wollen. Patrickson habe ich zugesagt, dass wir die zehnte AEF nicht außen vor lassen wenn es heiß wird. Sobald wir die Freigabe für einen Planungsstab für den Folgeeinsatz der SFG 77 haben, richten sie die Einsatzzentrale auf der Cassiopeia ein. In meiner Stellvertretung, wenn ich noch in Tokio gebunden sein sollte.“

„Danke Sir. Selbstverständlich. Was ist eigentlich mit Operative N?“

„Unklar. Diese Simsense-Technologie ist ein Teufelszeug. Wir können froh sein, dass wir Operative Z nicht in diesem nicht genehmigten ‚Brain Dive‘ verloren haben. Ich hoffe mal, Operative N landet schneller wieder auf den Füßen als sie. Auf seine Kompetenz können wir nur schwer verzichten. Das haben wir gerade eben wieder erlebt. Elektronische Kriegsführung und intime Kenntnisse von Sicherheitstechnik hätte noch weitere Optionen eröffnet.“

„Und der Corporal?“

Uzun seufzte und hob die Augenbrauen: „Sankta Dominga.“

„Die Fake-Inseln für Superreiche?“

Der Captain schwenkt das Glas zu einer leeren Geste: „Manche brauchen einen Psychiater, andere eine Mini-Bar. Wie er seinen Urlaub nimmt, geht mich nichts an, solange er die Einsatzbereitschaft erhält.“

Lance schüttelt mit einem fetten Grinsen den Kopf: „Sankta Dominga. Die geleckten Sternchen werden ja jubeln, wenn er sein Handtuch am Strand ausrollt.“

Der Captain brachte nur ein schwaches Nicken zustande.

Das Ende von Kimono

Am frühen Morgen des 22. Februar 2073 war die SFG 77 in einen leeren Lear-Cessna Platinum gestiegen und hatte den Weg ins Unbekannte angetreten. Captain Uzun hatte das Nachsehen, als sich die geschickt inszenierte Scharade der Miru erfüllte. Kappa YC war das Ziel gewesen. Dort entfaltete sich die geheime Bestimmung von Operation Kimono und endete in der Zusammenführung der drei Geschwister – Miru, Kiru, Asiru – zur neuen, alten Tochter Yutani.

Die Gegenleistung dafür, benutzt worden zu sein, bestand im Wesentlichen aus geschenkter Zeit und Selbstbestimmung darüber. Hatte Miru alles daran gesetzt, nichts dem Zufall zu überlassen und als „Hand Gottes“ die Weichen zu stellen, dann war man auf dem Suborbital nun plötzlich mit dem genauen Gegenteil konfrontiert. Alle Möglichkeiten schienen offen zu stehen. Man entschied sich für Beijing, um dort Atra Khalipour zu suchen – und letztlich zu finden. Zwar standen zuerst Bricks und Régicides Schicksale im Vordergrund, doch alsbald nahm Beijing auch die anderen in die Umarmung. Spätestens die Bergung der Gallerie des Feuers ließ erahnen, dass die Bande zwischen den Mitgliedern der SFG 77 mittlerweile über einen gemeinsamen Arbeitgeber hinaus gingen.

Um die von Miru inszenierte Scharade zur Deckung weiter zu nutzen, brachte das SFG 77 den altbekannten Frederic Denton als möglichen Verhandlungspartner für Operation Kimono ins Spiel. Daisuke Hiku, der Customer Agent der Yutani Corporation, verantwortlich für die Position seines Konzerns im Pazifikkonflikt, nahm die Anregung dankend auf. Inwieweit dies mit Billigung und Wissen von Miru (oder ihrer neuen Gestalt) geschah, blieb unklar.

In Kapstadt stellte sich letztlich heraus, dass Frederic Denton eine gute Wahl gewesen war. Allerdings waren die Umstände schwierig. Es brauchte gehörigen Druck, gute Angebote und vor allem eine Gruppe fähiger Unterhändler, die alle am gleichen Strang zogen. Insbesondere durch die loyale Unterstützung durch die SFG 77 wurde letzteres erreicht. Frederic Denton und seine Kinder konnten gerettet werden. Sein Geständnis zeigte, dass sich die Beharrlichkeit und die gute Erinnerung an die Hintergründe von Operation Whiplash gelohnt hatten. Die kantonesischen Angreifer hatten diesen komplexen Schachzug verloren. Operation Kimono konnte endlich enden.


In Tokio wartete ein lang ersehntes Wiedersehen, als die SFG 77 am 08. März 2073 – nach 15 Tagen ohne Lebenszeichen – wieder aus den Schatten auftauchte. Captain Uzun hatte bereits einen Graben in die Korridore der AIMS Cassiopeia getigert, wo sich die Operationsleitung für Operation Kimono befunden hatte. Und wieder ging die SFG 77 in die Geschichte von AIM ein: noch nie hatte eine Sondereinsatzgruppe eine Mission mit so wenig Stabsunterstützung absolviert. Im Customer Office der Yutani Corporation in Tokio kam es zu den Nachbesprechungen, die in enger Abstimmungen mit den Unterhändlern und Daisuke Hiku stattfinden sollten.

„Meine Herren, Miss Miller, sie können sich vorstellen, wie glücklich das CCOM und ich waren, als wir von einer erfolgreichen Beendigung von Operation Kimono gehört haben. Das waren wahrscheinlich die längsten zwei Wochen meiner Dienstzeit. Es fällt schwer, gute Leute sich selbst überlassen zu müssen. – Wie mir Daisuke Hiku eben berichtet hat, haben die drei Unterhändler dem Japanischen Consortium berichtet. Es ist noch nicht entschieden, wie viel von den Ergebnissen wir erfahren werden. Aber eines ist schonmal sicher: Frederic Denton war ein Volltreffer. Es gibt bereits Rahmenpläne für eine Folgemission, die der unmittelbaren Gefahrenabwehr dienen wird. Ich denke ich kann soviel sagen: die COC verfolgt einen großangelegten Drei-Stufen-Plan, über den Mister Denton wohl intime Informationen besitzt. Wenn er sie teilt, werden wir schnell handeln müssen. Die Initiative liegt nun bei uns.“

Daisuke Hiku, der ältere Japaner mit wachem Geist und gutmütigem Lächeln nickt und stimmt den Ausführungen von Captain Uzun zu. Die SFG 77 sieht den Customer Agent zum ersten Mal in Person. Er war also wirklich keine bloße Illusion der Miru.

„Die Yutani Corporation hat Klugheit und Weitsicht bewiesen, dem Hinweis nach Frederic Denton nachzugehen. Die Ergebnisse übertreffen die Hoffnungen.“ Daisuke Hiku lächelt der SFG 77 schelmisch zu. Auch wenn wohl bisher noch immer nicht bekannt gemacht wurde, wer Denton als Ziel ausgewählt hatte, so scheint es wenigstens Daisuke Hiku nicht vergessen zu haben. „Sie haben erheblichen Anteil daran. Tameo-san war sehr zufrieden mit der Loyalität und entschlossenen Handlungskraft ihrer Leute. Und sogar der übereifrige Kenjiro-san, der seiner inneren Jugend gemäß viel zu viel Ideale und Hoffnungen in die Sache legte, kann nun darauf hoffen, dass mit Frederic Denton ein Rechtsverfahren von Relevanz in greifbare Nähe rückt. Nicht zuletzt wird auch Susila Tambusai mit einem beachtlichen Erfolg zurück nach Jakarta kehren. Soweit ich infomiert bin, wird das ihre Oberen eher überraschen. Sie soll sich sehr gut eingebracht haben. In der Zeit zwischen der „Eskalation“ und der Befreiung der beiden Kinder gelang es ihr, Frederic Denton sicher auf unsere Seite zu manövrieren. Das wäre wahrscheinlich weder Tameo-san noch Kenjiro-san gelungen. – Wie wird es nun weiter gehen? Ich möchte etwas mehr enthüllen und ergänzen, dass die COC plante, Frederic Denton als Agenten weiter zu führen und in den Medienkrieg um den Pazifikkonflikt schadbringend einzusetzen. Diese Rolle sollte er wohl in diesem Drei-Stufen-Plan zu späterer Zeit wieder aufgreifen. In diesem Zusammenhang hätte er auch seine alten Kollegen der Xunxao Gongsi ins Verderben stürzen sollen. Doch nun sieht es anders aus. Er hat bereits angekündigt, die anderen drei verdächtigten Executive Officers zu entlasten. Claudine Montbruillard wird nach seiner Aufforderung aus dem Untergrund auftauchen und für Befragungen zur Verfügung stehen. Letztlich…“ Daisuke Hiku räuspert sich mit einem schalkhaften Lachen, das jedoch eine wölfische Note nicht vermissen lässt, „…haben sie wohl damit auch die Missionsziele von Operation Whiplash erfolgreich vervollständigt. Alle vier XO sind in den Schoß Japans zurückgekehrt. Katsuo-san darf sich glücklich schätzen, solche Samurai in seiner Armee zu wissen!“

„Zu freundlich, Daisuke-dono,“ der Captain rückt die Brille etwas irritiert zurecht und wendet sich wieder an das Team. „Sie haben es losgetreten. Jetzt müssen sie das Endspiel auch beherrschen, meine Herren. Sie haben fünf Tage Freistellung, dann möchte ich sie gerne auf der Shigeruu wissen, für  Vorbereitungen auf Operation Ancient Mariner. Alles muss schnell gehen, unser Zeitfenster ist klein. Aber es wird eine Operation aus dem Lehrbuch für Sondereinsatzkräfte. Wichtig ist, dass wir den Speer jetzt weiter in die Flanke des kranken Tieres treiben.“ Unklar, ob der Captain die bildhafte Sprache gewählt hate, um Daisuke zu beeindrucken, aber der nickt jedenfalls verzückt. „Specialist Goodfellow ist bereits mit der Trainingsvorbereitung instruiert. Er wird ihnen diesmal zur Unterstützung im rückwärtigen Raum zugeteilt. Weitere Dinge klären wir dann bei der Einsatzvorbereitung. Sie können wegtreten.“

Als sich Daisuke Hiku und der Captain anschicken abzugehen, wendet sich der Captain nocheinmal außerhalb des Protokolls leiser an Norge:

„Mister Svenson. Hören sie… Frederic Denton und seine beiden Kinder verdanken ihnen scheinbar das Leben. Ich weiß nicht, ob ihnen das klar ist. Der Einsatz war ja wohl ziemlich rauh und unter Zeitdruck. Bisher ist ja nicht klar, ob der Einsatz zur Gänze freigegeben wird. Ich habe also nur oberflächliche Eindrücke davon, was genau passiert ist. Mister Denton hat jedenfalls gegenüber dem CCOM gebeten, dass man Ihnen seinen aufrichtigen Dank ausrichtet.“

Für Zoé hat CPT Uzun dann das letzte Wort übrig:

„Sehr schöne Haarfarbe übrigens, Miss Miller. Schön, dass sie sich langsam mit der Rasurordnung des AIM-Personals arrangieren können. Das steht ihnen wirklich gut!“

Mujajis Reise

Meine Damen und Herren,

es berichtet für Sie Patricia Miles für Channel 9 aus Kapstadt.

Nach zähen Stunden der Ungewissheit wurde nun vom südafrikanischen Ministerium für das Erwachen (MfdE) bestätigt, dass sich am 6. März 2073, 12:00 Uhr Ortszeit, die gefiederte Schlange Mujaji vom Tafelberg erhoben hat und sich auf eine unbekannte Reise begab.

Die mystische Kreatur, die den Beinamen „Regenkönigin“ trägt, gilt als gutmütige Patronin des südlichen Teils des schwarzen Kontinents, stets bemüht um Einklang zwischen Metamenschen und Natur. Zuletzt hatte Mujaji 2050 den Tafelberg verlassen. Kundige Beobachter der afrikanischen Politik berichten, dass Mujaji in diesen dreiundzwanzig Jahren zunehmend durch internationale Konzerne, rivalisierende Extremistengruppen und politische Fraktionen unter Druck geriet. Wie lange wird Mujajis Reise dauern? Wohin wird es sie führen?

Unmittelbar nach ihrer Abreise machte sich ihre fehlende Präsenz im arkanen Raum bemerkbar. Niedere Schutzgeister aber auch höhere Geister von Heim, Herd, Hof und Land, gerieten in Aufruhr. Zahlreich brachen sie aus Pakten und Bannen aus und überwanden viele der lokalen, privaten wie staatlichen Schutzkreise. Es wurde berichtet, dass sich viel Unmut und Aggression entlud, vor allem gegen technische Anlagen und Orte jüngst vergangener Gewalttaten. Das lokale Mobilfunknetz und Satellitentransponder brachen zusammen und beeinträchtigten somit auch die Matrixpräsenz in vielen Bereichen der Stadt. Mehrere Pendelflüge wurden zur Landung gezwungen. Von drei abgestürzten Passagiermaschinen wird berichtet.

Die Regierung von Kapstadt entschied sich nach einer Krisenbeurteilung rasch dazu, die magischen Ressourcen zur Verteidigung der städtischen Sicherheit und Ordnung vor allem auf Castlen und Buisenkant, die beiden reichsten Gebiete der Stadt, zu konzentrieren. Da die Geisterwesen offenbar sehr aggressiv im Umfeld elektrischer Felder auftraten, schaltete man bis zum Abend einen Großteil der armen Randbezirke vom Stromnetz ab. Der Schritt wurde damit begründet, die Sicherheit der Bürger gegen geisterhafte Übergriffe zu verteidigen. Dennoch brachte die Stromabschaltung eine Welle lokaler Unruhen, Gewalt und Plünderungen mit sich. Die Polizeikräfte beschränkten sich auf die Sicherung von Schlüsselpositionen, an denen sie bedrohten Bürgern Schutz garantieren konnte.

Die unangekündigte Reise von Mujaji hat viele Metamenschen schwer erschüttert. Der Ältestenrat der Volksgruppe der Xhosa sprach davon, dass es Anzeichen gegeben hätte, die mit dem anhaltenden, rechten Terror der Zulu-Elfen zu tun haben. Andere Quellen berichten, Mujaji wolle eine Heilung der jüngsten, toxischen Verunreinigung im Gebiet der Großen Seen entgegen treten.

Vorerst bleibt die Losung: Wer hat Mujaji gesehen?

Patricia Miles für Channel 9

Eine Klärung der wichtigsten Rahmendaten zeigt, dass Zoé recht na dran war, am aktuellen Stand der Dinge. Als sich Zoé positiv zurückmeldet und weitere Details fordert, wird Customer Agent Daisuke Hiku dem Team zugeteilt. Das Ganze bekommt sofort einen viel offizielleren Charakter. Man kann förmlich merken, wie die SFG 77 aus den Schatten wieder ans Licht gleitet – sofern man Licht als schäbiges Grau definiert. Jedenfalls scheint sich niemand daran zu erinnern, dass bei Operation Kimono so ca. eine Woche Zeit verschwunden ist. Details werden über Trideo-Chat mit Daisuke Hiku persönlich besprochen. Kein Wort über die Kappa YC, ein Suborbital oder Beijing.

Dem SFG 77 ist es an den groben Eckpfeilern gelegen, das merkt der gealterte aber geistesscharfe Customer Agent recht schnell. Entsprechend liefert er Antworten auf die dringendsten Fragen. Er wirkt dabei souverän und entscheidungsbefugt. Ein beruhigendes Gefühl, nach den ganzen Alleingängen?.

Schon vor dem Auftakt von Operation Kimono hatte CPT Uzun mitgeteilt, dass es Berichte über Unterhändler anderer Staaten gebe, die man ähnlich nebulös kontaktiert hatte wie AIM. Das scheint sich zu bewahrheiten. Drei Unterhändler für Japan Imperial State (JIS), Indonesien (IDS) und die Yutani Corporation (YC) stehen in Hong Kong seit einigen Tagen bereit.

Frederic Denton gelang nach Operation Whiplash die Flucht aus Kinto. Man versuchte ihn in Manila festzunehmen, doch das gelang nicht, weil die Behörden nicht kooperierten. Nach kurzem Transit floh er nach Abu Dhabi, wo man ihm jedoch die Einreise nicht gewährte. Das Reich Azania war weniger wählerisch und so endete er in Kapstadt. Daisuke Hiku betont, dass Mr. Denton Kapstadt scheinbar als Notlösung gesehen hat und Fluchtorte im Einfluss der Cantonese Confederation (COC) gar nicht erst in Erwägung zog.

Im Moment gilt Frederic Denton für JIS, IDS und ein paar andere Staaten als dringend Tatverdächtiger. Ein internationaler Haftbefehl liegt aber nicht vor. Der Mann ist also im Großen und Ganzen juristisch nicht verfolgt, wird aber von einer kleinen Gruppe von Staaten gesucht. Außer durch milden politischen Druck auf Kapstadt, ist bisher weiter nichts versucht worden. Es gab einen kurzen Trideo-Chat, in dem Denton erklärt wurde, was man ihm vorwirft und er bestritten hat, die Tatbestände zu erfüllen. Das war letztlich eine Formalität für beide Seiten. Ein Verlesen von Statements mit einem Anwalt daneben. Eine Kontaktaufnahme ist jederzeit möglich. Es ist bekannt, wo er sich aufhält und wie man ihn erreichen kann. Bisher wusste man jedoch noch nichts mit Frederic Denton weiter anzufangen. Die Aufarbeitung von Kinto (Operation Whiplash) wird absehbar noch Monate dauern.

Daisuke Hiku berichtet, dass man Frederic Denton auf den Vorschlag von Zoé Miller beziehungsweise Bazut Morellè hin bereits kontaktiert hat und sich eine geeignete Option abzeichnet. Die Unterhändler suchen Frederic Denton in Kapstadt auf. Der Customer Agent bemerkt hier scharfsinnig, dass Denton sich mutmaßlich bereits am für ihn bestmöglichen Ort aufhält, was das Thema eines neutralen Ortes gar nicht wirklich aufkommen ließ. Da es hier um Vorverhandlungen geht und niemand einen Koffer voll Gold bei sich trägt, haben die Unterhändler auch keine Bedenken dem Wunschort Kapstadt nachzukommen.

In diesem Sinne aktualisiert Daisuke Hiku die Missionsparameter für Operation Kimono: die drei Unterhändler in Hong Kong einsammeln und dann nach Kapstadt fliegen, um Frederic Denton zu treffen.

Eine Zusammenführung etwaiger „versprengter Ausrüstung“ sowie der weitere Transport wird natürlich übernommen. Da es sich bei Kapstadt um eine zivilisierte, moderne Metropole handelt, wird ein Treffpunkt wahrscheinlich in einem Hotel oder in einem öffentlichen Gebäude stattfinden können (wenn Azania hier eine offizielle Rolle spielen möchte).

Nachtrag: von den damaligen vier Zielpersonen aus Operation Whiplash befinden sich Mesuko Tari und Helen Brightwater in einer Haftanstalt in Tokyo. Claudine Montbruillards Aufenthalt ist seit Abu Dhabi unbekannt. Frederic Denton ist – natürlich – in Kapstadt.

Terminal Shrine

Ein verregneter Tag in Beijing. Die Zahnräder der Welt drehen sich weiter. Die Urbane Brigade patroulliert in manchen Straßen. Die Prostituierten patroullieren  wieder in anderen. Der Nudelverkäufer auf dem alten Elektromobil trägt bunte Sandalen, die wie ein Regenbogen auf den öligen Pfützen zu schwimmen scheinen. Die Gesichter sind nach unten gerichtet, die Krägen steil aufgestellt, wie die Häuserfronten ringsum. Auf der Grauen Achse liegen unzählige Kunstblumen von namenlosen Händen sorgsam auf dem Gehsteig aufgereiht. Ein Dutzend für jeden Verletzten, einhundert für jeden Toten. Wie ein Wunder, bleiben sie von Stiefeln und Rädern unversehrt.

Im warmen Keller eines der Wohnhäuser des Weißen Lotus gibt es einen langen Gang, von dem aus die Türen in Regallager, Schlafräume und Heizungsbunker führen. Am Ende des Ganges ist ein großer Tisch mit einem Terminal aus der Blüte der 2030er. Unzählige Hände haben hier Tasten geschunden, Kabel verdrahtet Platinen gelötet. So alt es ist, so anonym ist es auch. Zahlreiche Merkzettel verraten Passwörter zu illegalen Datenparadiesen, Simsense-Kanälen und dem Shadownet. Ein idealer Ort, um an diesem verregneten Tag die nächsten Schritte zu planen, zu recherchieren, ungefährdet die Mailbox zu sichten oder den ein oder anderen Kontakt herzustellen.

Als sich die SFG 77 nach einer ruppigen Diskussion mit Zuhältern, leichten Damen, Dealern und Anarchisten endlich eine volle Stunde am Terminal erobert hat, sitzt und steht man im Kreis beisammen und glotzt auf den Trideoschirm. Gerade als die kritischen Daten über den Bildschirm flattern, die offenen Fenster mit Tagesberichten, Informationen aus Kapstadt, Flugpläne nach Jakarta, der geheimen Mailbox, da tritt ein älterer Mann neben die SFG 77. Wie konnte der sich so leise anschleichen!?

Kurz bevor der sprungbereite Negative in den Monitor – oder den Mann – schießen kann, entspannt sich die Lage. Der Alte ignoriert die Gruppe völlig und knieht sich direkt neben Brick vor dem Terminal auf ein Kissen am Boden. Dort entzündet er mit einem Benzinfeuerzeug drei Räucherkegel und platziert sie in einen alten, verrosteten Aschenbecher, der vor einer goldenen Statue des Buddha Siddhartha steht. Eine schmucklose, kalte LED grellt auf und erhellt die kindsgroße Figur. Wo kommt die Statue plötzlich her? Stand die tatsächlich die ganze Zeit im Schatten des Terminals? Niemand hatte sie bis eben bemerkt.

Der alte Mann senkt dreimal den Kopf auf den Boden, dann platziert er ein eingeschweißtes Sandwich und eine Dose Soja-Kaffee zwischen unzähligen anderen Kleinigkeiten, die sich zu Füßen der Statue stapeln. Behutsam rückt er ein paar Sachen zurecht und berührt kurz die Füße des Buddha, bevor er wieder im dunklen Kellergang verschwindet. Zehn Augen schauen dem Mann hinterher.

Atra steht einige Meter hinten im Gang und beobachtet die Szene. Als der Mann vorrüber gegangen ist, spricht sie etwas amüsiert aber auch flapsig zu den fünf Gesichtern, die sie mit Fragezeichen über den Köpfen etwas irritiert ansehen:

Was? Beides gibt Hoffnung. Beides bestimmt das Schicksal. Der Unterschied ist nur, dass der User am rechten Terminal weiss, dass er einer höheren Macht gegenübertritt. Der User am linken Terminal schaut nur auf den Bildschirm, nicht dahinter. Er glaubt bloß, er wäre der große Manipulator. Am Ende des Tages, sind beide nur Spielbälle auf einem großen Meer.

Als sie realisiert, dass die Gruppe sie immer noch anglotzt und gerade eigentlich wichtige Dinge tun wollte, schnaufft sie kurz verächtlich, wirft ihre Zigarette auf den Boden und folgt dem alten Mann zurück ins Dunkel.

Stille Tage in Beijing

Nach dem erfolgreichen Paukenschlag in Beijing schiehn es mehr als angeraten, den Kopf tief zu halten. Sieben Tage Auszeit und abtauchen unter das Radar waren mehr als eine gute Idee. In den Tagen nach dem Anschlag waren ganze Straßenzüge wie verlassen. Geisterhafte Ruinen. Nur wer wirklich einen Grund hatte oder Sicherheitsbeamter war, ging in die Straßen von Boyang hinaus.

Auch im Vergnügungsviertel Goldenes Xsunchan und in den ruhigeren Quartieren am Feuertempel der Zoroastrier machte sich das spürbar. Die Gewalt hatte hell, rot und schnell gebrannt. Jetzt wehte viel Asche und Rauch durch die Gassen.

Bricks Wunsch nach einer internen Bildergallerie wurde im Tempel der Zoroastrier nachgekommen. Zoé, Régicide, Norge, Negative und Brick hatten Zeit, sich mit diesen Bildern auseinanderzusetzen. Scheinbar war das Brick wichtiger als manch anderem der SFG 77 selbst. Atra Khalipour blieb stets am Rand in Reichweite, beobachtete im Türrahmen, ermutigte, ergründete und gab auf so manche Fragen auch Antworten. Nicht selten öffneten sie damit aber neue Fragen. Es sollte nach einigen Tagen kein Geheimnis sein, dass sie sich insbesondere zu Régicide hingezogen fühlte und sich schwer damit tat, Abstand zu halten. Sein Bild, La Proximité, hatte vielleicht mehr Anteil daran, als man glauben mochte.

Die Zeit im Feuertempel ließ also Gelegenheit, sich mit den Bildern, mit den Kameraden, der Religion oder mit den Geschehnissen in Beijing in Ruhe zu beschäftigen. Privatsphäre gab es genug. Auch fand sich Raum, um über die nächsten Schritte zu beratschlagen. Eine Beratschlagung, die auch Atra scheinbar aufmerksam erwartete. Fast konnte man nach ein, zwei Tagen vergessen, dass es mal ein Leben auf der Shigeruu gab und irgendwo jemand von der AIM an eine Operation Kimono glaubte. Vielleicht spürte es der ein oder andere von der SFG 77: Beijing, der Feuertempel, war eine Türschwelle in die Welt der Schatten. Die SFG 77 könnte hier und jetzt für sich entscheiden, für immer von der Bildfläche zu verschwinden und das alte Leben zurückzulassen. Fast konnte man meinen, Atra beobachtete die Gruppe deshalb so fieberhaft und aufmerksam. Sie sprach es nicht aus, aber ihre Blicke verrieten, dass sie darauf hoffte, Brick, Régicide, Zoé, Negative und Norge würden sich hier vielleicht ein neues Leben geben.

Es gab jedoch auch Neuigkeiten aus dem „alten“ Leben in den sieben Tagen. Zum einen ging eine Nachricht von Collette Hiller ein, dass die zurückgelassene Ausrüstung in Denver sicher eingelagert worden war. Ein Weitertransport zur Shigeruu – oder einem anderen Ort der Welt – konnte arrangiert werden. Sollte der Zielort nicht die Shigeruu oder Territorium von AIM sein, müsste man Nuyen springen lassen um einen Schmuggel einzurichten.

Negative kontaktiert am 01. März 2073 seinen heimlich beauftragten Kontakt und erfährt, dass Mary-Beth Owen am Morgen des Tages in einen Charterflug nach Manila gestiegen ist. Dieser Charterflug hat jedoch in der Luft seinen Zielort kurz nach dem Start umgemeldet. Zielflughafen ist Jakarta (CGK), Java, über Taipei in Taiwan. Die erwartete Ankunft in Jakarta ist der 02. März 2073, 00:15 Uhr UTC+9.

Etwa zur gleichen Zeit erhält Zoé Rückmeldung vom Yutani Customer Support. Der Vorschlag, Frederic Denton als Unterhandlungspartner zu acquirieren stieß scheinbar bei der Yutani Corporation auf Resonanz. Die digitale Kundenauskunft teilt Zoé mit, dass Frederic Denton derzeit bei -34.027088 LAT, 18.462046 LON zu finden ist. Das ist der letzte bekannte Aufenthaltsort, festgestellt am Vortag. Weitere Details gibt es derzeit nicht. Sollte sich die SFG 77 einsatzbereit erklären, wäre das Missionsziel Frederic Denton mit einer Gruppe von Unterhändlern aus Japan und anderen Staaten zusammenzubringen, die sich bereits verfügbar hält. Primäres Ziel wäre die Sicherheit des Treffens sowie die Unversehrtheit aller Beteiligten zu garantieren.

Beijing Internal Affairs

Zahlreiche Meldungen, Trideos und Bilder umgehen derzeit die Nachrichtensperre über Beijing. Sie enthüllen eine beispiellose Eskalation von Gewalt.

Am 26. Februar 2073, 13:30 Uhr Ortszeit, erschütterte ein Sprengstoffanschlag den belebten Stadtteil Boyang. Unbekannte Attentäter brachten ein Parkdeck einer Tochterfirma von Novatech Inc. gezielt und professionell zum Einsturz. Der gesamte Verkehr auf der zentralen Verkehrsachse sowie den öffentlichen Bodenverkehrssystemen kam dadurch zum erliegen. Zeitgleich brach eine Orgie der Gewalt gegen Polizeikräfte entlang der gesamten Stadtteilgrenze zwischen Boyang und Xsunchan los.

Glaubhafte Zeugenberichte belegen, dass sich Angreifer zum Teil schwerer Waffen bedienten, gut organisiert waren und im allgemeinen Chaos ziviler Unruhen, Panik und anarchistischer und staatsfeindlicher Gewalttaten scheinbar ungehindert agieren konnten. Die Polizeikräfte griffen hart durch und mussten Stellungen in vormals „befriedeten“ Straßenzügen aufgeben. Ein Oberst der Urbanen Brigade Beijing trat vor laufenden Kameras zurück. Dies hing auch damit zusammen, dass im Zuge der Straßenschlachten die bereits zuvor scharf kritisierte schwere Infanterie der Urbanen Brigade gegen Zivilisten eingesetzt wurde. Trideoaufnahmen belegen, dass sich kleine Einheiten mit militärischer Ausrüstung und kaltblütigem Vorgehen durch öffentliche Straßen und Gebäude bewegten.

Während die Schuldzuweisungen für das Desaster vielseitig und zahlreich sind, scheint der Auslöser für die Gewalt diesmal vordergründig nicht bei den Sicherheitskräften gelegen zu haben. Erst mit dem Sprengstoffanschlag auf das Parkhaus, in dem sich zu diesem Zeitpunkt ein Einsatzposten der Urbanen Brigade befand, erfolgten die zahlreichen Angriffe. Insbesondere auf der Grauen Achse waren die Sicherheitskräfte zuerst deutlich unterlegen. Über dreißig Geschäfte wurden geplündert und achtzig Bodenfahrzeuge durch Randalierer und deren Brandsätze zerstört. Die Urbane Brigade bündelte die Einsatzkräfte an strategischen Rückfallpositionen und befriedete dann weite Teile des in Bürgerkrieg verfallenen Stadtteils. Über zweitausend Metamenschen wurden festgenommen. Die Zahl der Verletzten und Toten wird auf mehrere Hundert geschätzt. Allein zwanzig Menschen verbrannten in Fahrzeugen auf der Grauen Achse. Die Explosion des Parkhauses forderte siebzehn Metamenschenleben.

Aufgrund der Ausrüstung, Präzision und dem hohen Anteil von verhafteten Straftätern aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität wird eine maßgebliche Beteiligung der Triaden nicht ausgeschlossen. Während intime Kenner der hiesigen Kriminalität einen Territorialkampf nicht ausschließen, geht man derzeit nicht davon aus, dass es sich um klassische Rivalitäten zwischen Triaden und der Polizei handelte. Vielmehr scheint sich die Empörung und Wut über das Willkürhandeln der Polizeikräfte explosiv entladen zu haben.

Shadangshaihaishuang

Einer linksorientierten Künstler- und Transhumanismusbewegung aus dem Shadang-Zentrum, Xsunchang, gelang es als erstes, Bilder und Berichte aus der Matrixsperre Beijing hinaus zu schmuggeln. Demnach war es am Vorabend der Eskalation zu einem brutalen Polizistenmord gekommen, dem eine grundlose Hinrichtung eines jugendlichen Zivilisten durch die Beamten voraus gegangen sein soll. Beamte der Stadtpolizei sollen vier Mitglieder einer beliebten Jugendband, Shadangshaihaishuang, in eine Seitenstraße gepresst, geschlagen und einen von ihnen durch einen Kopfschuss hingerichtet haben. Eine Tonbandaufnahme wurde veröffentlicht, die den Hergang bis zum tötlichen Schuss darstellen soll. Wie es anschließend dazu kam, dass die Polizeibeamten selbst durch Schüsse, Schläge und Bisse überwältigt werden konnten, geht aus dem Tondokument nicht hervor. Die Polizei dementiert entschieden die Darstellung und liefert eine alternative Version, wonach die Jugendlichen die Beamten in eine Falle gelockt hätten. Wie dem auch wirklich sei, Tatsache ist, dass das Portrait des getöteten Jugendlichen von zahlreichen Demonstranten und Aufständischen als Banner getragen wurde. Öffentliche Gebäude in Boyang sind mit Graffitis des Jungen übersäht.

SUN² Suburban Uncomfortable News Network – cf, 2073/02/26

Der Flug nach Beijing

Beijing. Kaiserstadt. Goldene Stadt. Stadt der Goldenen Drachen. Die Ewige. Dies sind nur ein paar der Beinahmen, die man mit dem heutigen Metroplex Beijing in Verbindung bringt. Als Hauptstadt der Cantonese Confederation (COC) ist Beijing Zentrum einer der größten Weltmächte der 2070er. Unter dem Banner der COC vereinen sich dutzende lokaler Mächte und Stadtstaaten, die sich über das gigantische Reich des ehemaligen China erstrecken. Die eiserne Faust der COC hat sie alle an den Haaren gepackt und der Knoten bindet sie in Beijing.

Zoé bringt der Pilotin Collette Hiller (aka Nora Parker) die eilige Nachricht eines neuen Ziels. Es scheint machbar. Doch einfach sollte es nicht werden.

Hiller macht sich sofort daran, eine Landung des Suborbitals in Beijing vorzubereiten. Zoé hat dabei die Chance, ein wenig mehr in die Eingeweide modernster Luftfahrt hineinzuschnuppern. Der Anflugvektor für Beijing läuft über eine Erdumrundung, für die das Suborbital vier bis acht Stunden brauchen würde. Man war ziellos und mit ungünstigem Flugvektor von Kappa YC aufgestiegen, weshalb es also ein paar Stunden länger als geplant brauchen würde.

Vielleicht war das aber gar nicht so schlecht. Während Norge in den Luxuskabinen des „Yametutsu Global“ Régicide und Brick über die gesundheitliche Krise begleitete, konnte Zoé mitbekommen, was Hillers eigentliche Arbeit ausmachte. Sie hatte nur verdammt wenig Zeit, eine Landung in Beijing zu inszenieren, die so glaubhaft war, dass nicht sofort ein Polizeikommando am Flugfeld warten würde. Und dabei ging es nicht um das Landemanöver, sondern eine glaubhafte Fassade und die Fälschung der notwendigen Protokolle. Die Abwicklung des Air Traffic Control war dabei nur ein kleines Beiwerk.

Hiller bemühte Kontakte in Denver und prüfte die Lage des Internationalen Flugrechts bzw. den Status verschiedener Airlines und ihrer eigenen aktuellen Lizenz für Nora Parker in Beijing. Die Lizenz war zum Glück sauber und freigegeben. Irgendwie musste es jetzt gelingen, dem Suborbital einen fraglosen Grund zu geben, warum es nach Beijing wollte. Ein Grund, der Nora Parker nicht kompromittierte, die SFG 77 nicht auslieferte und einen Abflug nicht unmöglich machen würde. Der Grund wurde geliefert, als man in den Nachrichten von den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Beijing erfuhr.

Hiller suchte vier lange Stunden nach einer Möglichkeit. Dann ergab sich eine, die klappen konnte: Im Zuge der aktuellen Unruhen hatte ihr Kontakt in Denver sechs ausländische Firmen in Beijing kontaktiert und einen exklusiven Evakuierungsflug vermitteln können. Nora Parker war damit nicht mehr unterwegs um die SFG 77 abzusetzen, sondern um sechzig nordamerikanische Geschäftsleute auszufliegen. Das war genau der Wink des Schicksals, auf den Hiller verbissen gehofft und geflucht hatte.

Nach der Abwicklung des Flugstatus mit der kantonesischen Luftraumkontrolle wurde der Yametutsu für eine Landung um 1900 Uhr Ortzeit zugelassen. Dort würde der SFG 77 ein wahrscheinlich vierzigstündiger Aufenthalt im Transitbereich bevorstehen. So lange würde es dauern, bis ein Customer Agent der Yutani Corporation Einreisepapiere übergeben könnte. Dann stünde es dem Team frei, in die COC einzureisen, ohne die AIM-SIN zu belasten.

Hiller brachte es letztlich auf den Punkt:

„Ich habe keine Ahnung, was ihr hier vorhabt, aber ich muss bald weg. Und bis dahin, und bis eure SIN kommen, solltet ihr für euch klar haben, wer euch helfen kann in dem Chaos da draußen.“

Glücklicherweise hatte das Team mit Negative einen Spezialisten besonderer Art dabei. Negative traute sich als Experte für Flughafensicherheit zu, das mitgebrachte Equipment aus dem Transitbereich zu bekommen – wenn das Glück etwas hold war. Vielleicht hatte er ja auch einen Geistesblitz, wie er das möglichst sicher und verlustfrei hinbekommen konnte?

Nach der Landung in Beijing gab es eine Kontrolle des Suborbital durch Sicherheitskräfte. Dank Zoé, Hiller und Negative (und Dingo), überstand das Team die Kontrolle glimpflich und konnte in den Transitbereich einrücken. Obwohl derzeit weite Teile der Innenstadt von Beijing im Ausnahmezustand waren, war der Transitbereich nicht so stark gesichert wie vermutet. Viel schärfer richtete sich das Auge der Polizeikräfte und Staatssicherheit auf reguläre Fluggäste und insbesondere jeden, der ausreisen wollte. Die sechzig Geschäftsleute für Hillers Abflug würden es also viel schwerer haben rauszukommen, als das SFG 77 rein. Aber wer wollte derzeit schon wirklich nach Beijing rein? Am Tage verhüllten Rauchwände die Sonne. In der Nacht sorgten Sirenen und endlose Blaulichtketten für Party-Stimmung in der Stadt.

Jetzt brauchte es nur noch einen Plan.