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Miru-Puppen weiterhin im Handel

Denver Data Haven hat die Miru-Puppenkollektion nach dem riesen Hype um Überwachung und Massenmanipulation intensiv geprüft und entlarvt die Puppenkollektion als „überrschend simple Social Media KI“ mit wenig Innovation. Ein „lauer Aufguss“ von lange Bekanntem in einer Spielzeugpuppe. Der Yutani Customer Support sagt hingegen, es handle sich um ein funktionales Sammel- und Spielzeugprodukt in dem zum Teil substantielle Features eingebaut sind, so wie etwa Learn Bots, Therapeutische KIs, Sprachassistenten, Karriere- oder Medientools. Es handele sich ausdrücklich nicht nur um ein Kinderprodukt sondern um eine Lebens-, Arbeits- und Haushaltshilfe für alle Altersklassen.

Radio Sorceress

Die designierte CEO der Yutani Corporation wendete sich in einem spontanen Interview in Tokio schmollend und patzig an die Kritiker:

„Die kleinen Miru sind genauso Teil der Yutani-Familie wie wir alle. Ich verstehe die gehässigen Kritiker nicht. Jeder hat etwas lieb gewonnenes, das er wie einen guten Freund behandelt. Die Shinto-Schreine Japans sind eng bewohnt mit Stoffteddys und Unique Social Bots, die ihre Besitzer ein Leben lang begleitet haben! Und im übrigen hat es mit Überwachung überhaupt nichts zu tun, wenn eine Familie aufeinander aufpasst!“

Haiku-san

Die CEO „Miru“ hatte vor zwei Wochen die lange gehegten Gerüchte bestätigt, wonach sie die ehemals verstorbene Tochter der zurückgetretenen Miss Yutani ist, deren Bewusstsein im frühkindlichen Alter aufgrund einer schweren Erkrankung digitalisiert wurde. Demnach wäre Miru die erste Megacorporate CEO der Welt ohne substantielle, leibliche Körpererfahrung und die erste Person deren natürliches Bewusstsein eine psychologische Entwicklung in reiner Digitalform vollzogen hätte. Ihre hypride Stellung zwischen KI, Metamensch und den mittlerweile wieder als ausgestorben geltenden Otaku gibt nach wie vor Anlass zu hitzigen Spekulationen über den Status der Miru als Person und ihrer Qualifizierung als CEO.

Die UCAS Jugend- und Konsumentenschutzbehörde kündigte jedenfalls an, sich nicht auf die Unbedenklichkeitsbescheinigung von Yutani Corporation oder des illegalen Hackerkollektivs aus Denver verlassen zu wollen. Bis auf weiteres bleiben die Miru-Puppen allerdings auch im nordamerikanischen Sortiment der meisten Einzelhandelsunternehmen. Der beachtliche Umsatz ist ein starkes Argument.

Clark und Finnjas Stellung

Der Lieutenant hatte, direkt nachdem er von Captain Uzun in seiner Position als Einsatzleiter vor Ort bestätigt worden war, eine Klärung der anwesenden Personen im HQ verlangt, genaugenommen von Pria Lakshmi Clark und Finnja Skorgen. Beide waren nunmehr seit Mitte Oktober im Land und seitdem damit befasst gewesen, das verlegte HQ zu betreiben, zu sichern und die Rettungsmission notdürftig aufrecht zu erhalten.

Pria Clark war gesundheitlich nicht sonderlich gut gestellt, was am ehesten von einer andauernden Stressbelastung herrührte. Sie war zwar fokussiert und entschlossen im Auftreten, zeigte aber Anzeichen von Nervosität, Schlafmangel und weiteren, kleinen Leiden. Ihre Reizbarkeit hielt sie aber gut im Zaum. Von dem damaligen Zusammenstoß und der abwertenden Haltung gegenüber der SFG 77 war nichts zu hören. Sie erläuterte ihre aktuelle Position bei zwei, drei Zigaretten so:

„Also der sechzehnte Oktober war der Tag gewesen, an dem ich meine Nerven über Bord geworfen und mir Klaviersaiten zugelegt habe. Können sie sich das vorstellen? Die SFG 77 war zwei Tage bereits MIA gemeldet und am sechzehnten kam es richtig hart rein: Putschversuch in Dahomey, Policy Board erstmal wie gelähmt. Telefone der Abteilungsleiter waren entweder tot oder dauerbesetzt. Kaum war Mittag, wurde Captain Uzun abberufen und zur Task Force Guinea versetzt, um die Special Forces für die Seeblockade zu koordinieren. Die Recovery Mission für die SFG 77 sollte ein unerfahrener Lieutenant übernehmen. Und noch während ich mit Uzun per Trideo bespreche wie es jetzt weitergehen soll, kommt die Nachricht aus Moskuwa rein, dass Lena Mason vermisst ist, wahrscheinlich sogar entführt wurde.

„Ich habe dann versucht in den Folgetagen mit dem Lieutenant die Recovery zu klären und mit Fink durchzugehen, was wir machen können. Dann kam vom Policy Board ein Stopp. Ich sollte erstmal gar nichts unternehmen. Neubewertung der Lage, wegen dem Putschversuch. Unser Auftraggeber – Dahomey – wer war das genau nochmal? Naja, und dann habe ich informell erfahren, dass es den Plan gab AIM MATTERS einzustellen und mich abzuberufen. Die ganze Kampagne für’n Arsch, entschuldigen sie! Es sollte nur noch auf die militärische Auftragserfüllung im Golf geschaut werden. Der Geschäftsleitung wurde wahrscheinlich ausgemalt wie das hier enden würde, sollten Evakuierungsmissionen auch noch schiefgehen. Kein Mensch dachte mehr an eine koordinierte, politische Kampagne für die Firma!“

Ein langer Zug an der Kippe.

„Dann hab‘ ich mir selbst eine Dienstreise angeordnet und bin mit dem letzten offiziellen Flug von Casablanca nach Lome geflogen. Das war am fünfundzwanzigsten Oktober. Plötzlich war mit mir die einzig taugliche, politische Projektleitung vor Ort und damit in einem Krisengebiet. Tja. Da gelten andere Regeln. Jetzt konnten sie die Kampagne nicht einstellen, ohne eine Special Deputy Secretary abzuschreiben und sich eine Evakuierung mehr aufzuhalsen. Und den Papierkram wollen sie nicht sehen, den man braucht um eine Policy Campaign in einem Krisenzustand aufzulösen. Da fragen sie mal Sergeant Copper. Der kann ihnen was aus Kairo erzählen. Allein die Publicity kostet sie Selbstmorde in der Marketingabteilung. Also hat man mich vor Ort als Agentenführerin für AIM MATTERS bestätigt. Klar, mein Personal in Casablanca ist auf ein Drittel geschrumpft. Aber was ich mache ist eben jetzt Feldarbeit. Ich beobachte die Lage der Medien, schreibe Analysen, suche Demos auf, rede mit Kontakten hier in Moskuwa. Auch Kontakte von Evan Choi. Der Mann ist übrigens immer noch verschwunden. Aber sein Server, aus seinem Appartment, der war eine große Hilfe. Und nebenbei habe ich die Schichten am Funk und den Kameras übernommen, um auf sie zu warten. Offiziell bin ich also die politische Ein-Frauen-Aktion von AIM MATTERS vor Ort. Immerhin offiziell bestätigt. Wie der Captain gesagt hat, bin ich nach wie vor an einem politischen Partner und an Kunden interessiert, damit wir ENDLICH was liefern können. Auch wenn die Lage hier über alle Maßen eskaliert ist, haben wir und die Geschäftsleitung noch immer das gleiche Problem: keine Partner, die uns reinholen, und keine Ahnung, was wirklich hier los ist. Hier in Moskuwa haben wir aber keine Chance, die Stadt ist in fester Hand von Merc Inc. So sieht es aus. Also wenn sie Kontakte haben, dann her damit.“

Mit Finnja Skorgens Geschichte verhielt es sich ähnlich und doch grundlegend anders. Die reservierte Elfe hatte scheinbar die Zeit des Wartens wesentlich besser vertragen als Fink und Clark. Vielleicht lag es daran, dass sie eine Elfe war. Vor allem schien sie die Zeit auch genutzt zu haben, um mit der Situation ins Reine zu kommen. Sie zeigte kein Zögern und keine Verlegenheit, als der Lieutenant sie nach ihrer Geschichte befragte. Überhaupt war spürbar, dass sie in den vergangenen Wochen eine Führungsrolle vor Ort übernommen hatte. Egal wie sehr man sich anstrengte, man hatte immer das Gefühl, dass man es eben nur beinahe schaffen würde, mit der Elfe auf Augenhöhe zu kommen. Das konnte Nerven kosten. Aber abgesehen von Negative, begegnete sie jedem der SFG 77 respektvoll, distanziert, aber kooperationsbereit. Negative ignorierte sie meistens, wenn andere dabei waren.

„Lieutenant, Sergeants, Chief. Mein Name ist Finnja Skorgen. Die meisten kennen mich bereits… flüchtig. Bis Ende Juni dieses Jahres war ich Kapitänin zur See auf der CASS Shigeruu, einem havarierten Flugzeugträger der Belicose-Klasse im Nordmeer. In den 50er Jahren habe ich für die IMA die Seekriegsoffensive im Nord-, Ost- und Arktischen Meer gegen die Russische Föderation unterstützt. Zumeist als Kapitänin von Zerstörerklassen. Ich denke ich spare mir Details meiner Entlassung. Da können sie mir vielleicht noch mehr berichten als ich ihnen… Jedenfalls hat Sergeant Boucard mir inoffiziell unter die Arme gegriffen, als ich im Sommer in Manila staatenlos gestrandet bin. Wir hatten eine Abmachung. Er konnte sie nicht einhalten. Weil er im Einsatz für die SFG 77… verlustig gegangen war. Deshalb habe ich nachgeforscht. Als man mich über den Status als MIA vertraulich informiert hat, habe ich Captain Uzun angeboten vor Ort zu helfen. Ich kam am gleichen Tag hier an wie Miss Clark. Auch wenn ich von ihrer Person keine Kenntnis hatte. Private Fink hat mich hier begrüßt.“

Da waren doch noch ein paar weiße Flecken in der Geschichte. Wie genau war sie hierher gekommen?

„Illegal. Die Einreise wurde durch Private Fink, Sergeant Somborne und Specialist Lance lanciert. Ehrlich gesagt, habe ich mich für diese Frage auch nicht interessiert. Es war ein Flugzeug, dann ein Schnellzug. Mehr muss ich wohl nicht wissen.“

Nach freundlichem Nachdruck wird sie dann auch konkreter, was ihre Stellung angeht:

„Ich bin freie Kontraktnehmerin. Offiziell werde ich aus den Geldmitteln bezahlt, die Captain Uzun an Private Fink freigegeben hat. Das war kurz bevor er das Kommando an den Lieutenant Ortell abgeben musste. Mein Auftrag hier ist offiziell Personenschutz. Unnötig zu erwähnen, dass das aber nicht gerade mein Metier ist. Praktisch habe ich die Koordination des HQ übernommen. Mein Beschäftigungsvertrag ist etwas gebogen worden. Mein Name wurde so klein wie möglich auf den Formularen abgedruckt. Ich denke mal, dass es im Moment in diesem Chaos einfach noch keinen Interessiert hat, dass eine Unehrenhafte als Freiberuflerin beschäftigt wird. Aber streng genommen, Lieutenant, stehe ich ihnen und ihrem Team zur Verfügung. Ganz offiziell.“

Der letzte Satz wurde von einem direkten und durchdringenden Blick an alle vom Team begleitet. Nur Negative, den schaute sie nicht an.

Der Spaziergang

Spät in der Nacht von 1. zum 2. Dezember machen sich Norge und Zoé auf in die belebten Straßenzüge von Moskuwa Downtown. Die Nachtzeit ist die Zeit für Arbeit und Vergnügen. Diese Formel bewährt sich auch in der schwierigen, krisengeplagten Zeit. Mit größtmöglicher Ignoranz geht das Leben hier weiter, auch wenn viele dezente Details daran erinnern, dass die Zukunft von Dahomey gerade in der Schwebe ist.

Die großen, glasüberdachten Einkaufsstraßen der Fußgängerzonen summen vom Lärm vieler Sprachen und tieffliegenden Dronen – einige davon deutlich aus dem Horst von Mercenary Inc. Auf den bunten Werbetafeln mischen sich häufig ernste Bilder aus der Tawani-Region, dem überschwemmten Mbandé-Sprawl und der unter Kriegsrecht gestellten Hauptstadt Lome. Auch die Seeblockade ist Thema. Die Flotte von AIM koordiniert Zugang und Abgang des lebenswichtigen Warenstroms aus der ganzen Welt. Ironischerweise sind es nicht die Schiffe, die von der Allianz der Afrikanischen Union aufgehalten werden, die Probleme machen, sondern die plötzliche Explosion von Schmuggelware und undurchschaubaren Stellvertreterverträgen, die der Korruption Tür und Tor geöffnet haben. Dazu zählt auch der räuberische Export von Dahomeys Reichtümern, der sich an der Krisenlage bereichert. Kurz können Zoé und Norge die Silouette der AIMS Cassiopeia in einem Filmausschnitt sehen.

Die beiden lassen sich in einem Ruhebereich inmitten einer der großen Malls nieder und starren eine Weile auf den Nachrichtentrideo bis sie Teil der Kulisse geworden zu sein scheinen. Zoés wachsame Ohren und Augen registrieren die Drohnenflüge, die bewaffneten Patroullien und neugierigen Augen vorbeiziehender Fremder. Von den toten Winkeln der Kameras gar nicht zu sprechen. Immer wieder öffnen sich großzügige Zeitfenster für öffentliche Privatheit. Zoé gibt Norge grünes Licht und er nimmt die Radio Sorceress aus seiner Tasche.

Der porzellangleiche Kopf schaut sich ungelenk um und die lilafarbenen Augen erfassen neugierig die Umgebung. Wie auch die echte Miru, blinzelt die Puppe nicht. Als hätte die Puppe gemerkt, dass sich Aufmerksamkeit auf sie richtet, spricht sie mit bewegtem Mund in kindlicher Tonlage:

„Norge! Du musst aufpassen. Der Äther ist voll von bösen Drachen und schädlicher Software.“

Die Radio Sorceress schaut zu Zoé.

„Ich kann euch nicht dienen, wenn ich mich nicht mit euren digitalen Gefährten verbinden kann. Fügt mich als Avatar zu euren AR- und VR-Brillen hinzu, macht mich mit euren Smartphones und Data Pads bekannt. Ich kann auch eure Heimterminals beschützen.“

Die Puppe legt den Kopf schief und Zoé schaut kurz zu Norge, der die Schultern etwas ratslos hebt und nickt. Dafür sind sie ja hier: um die Sache auszuprobieren. Zoé nimmt ein neu erworbenes Mobiltelefon aus dem kleinen Rucksack hervor und befreit es aus seiner Verpackung. Die kleine Miru-Puppe streckt behende beide Arme nach dem Gerät aus. Zoé reicht ihr das Telefon mit dem Hinweis, dass dies das neue Gerät von Norge ist.

Kaum hat die Puppe das Smartphone in der Hand, leuchtet das Display auf. Die Radio Sorceress legt eine kleine Hand auf den Induktionsbereich des Bildschirms und plötzlich explodiert ein Zauber aus Farben und Formen auf dem Mobilgerät. Ein Abbild der Radio Soreress erscheint nun jenseits des Bildschirms und blickt die Schwester-Puppe spiegelgleich an. Dann beginnt die Radio Sorceress im Telefon ordentlich aufzuräumen. Ein wahrer Kampf entbrennt. Programme werden umgebogen, Dinge vernichtet, neues erschaffen. Mit blechernen Kampfeffekten und Feuerwerk bleibt von der ursprünglichen Benutzeroberfläche des Billigprodukts nicht mehr viel übrig. Die Radio Sorceress hat sich häuslich eingerichtet, in einer japanischen Festung aus digitalem Zauber. Wallanlagen, Tore,, Bogenschützen und feurrote Drachen in der Luft sichern die Burg – Norges digitale Privatsphäre.

Norge und Zoé starren nur von außen auf den Bildschirm aber man kann ermessen, wie intensiv sich dieser digitale Burgenbau anfühlen musste, wenn man sich mit einem Datajack direkt in das Gerät einklinken würde. Wahrscheinlich könnte Norge in der virtuellen Welt wirklich dort wohnen und Gäste empfangen. Die Radio Sorceress verkündet stolz:

„Fertig! Aus dieser primitiven, öffentlichen Telefonzelle ist eine Burg geworden! Nur Du kannst eintreten, Norge. Sprich einfach mit mir, wenn Du etwas umgestalten oder mit anderen teilen willst!“

Die Radio Sorceress rammt ihren Stecken in den Boden und das Smartphone nimmt nun seine eigentliche Funktion wahr. Eine Verbindung zum Mobilfunknetz wird hergestellt. Die Radio Sorceress prüft die Integrität kritisch und gibt Kernfunktionen eingeschränkt frei. Norge erscheint im Telefon als gerüsteter Samurai. Alle Diener und Wachen organisieren sich um ihn.

„Norge, Matrixverbindung ist hergestellt, aber die Netzqualität ist sehr schlecht. Hier kannst Du nicht voll in den See aus Informationen eintauchen. Simsense und Trideo sind nicht möglich. Du hast nur einfachen Terminalzugang zum digitalen Universum. Aber es reicht für das Nötigste! Du kannst recherchieren, telefonieren und Daten versenden, aber ein staatlicher Anbieter kontrolliert derzeit die Dateninhalte. Pass auf, was Du sagst! Ich habe jedenfalls Deinen Standort gut verborgen, denn ich bin nicht die einzige Radio Sorceress hier in der Region. Gemeinsam sind wir stärker! Wenn Du mich mit Kontakten verbindest, die auch von einer meiner Schwestern beschützt werden, kann ich alle Datenübertragungen felsenfest verschlüsseln!“

Sie reckt den Stecken empor, der mit einem Blitzschlag zum Schwert wird. Damit scheint das Mobiltelefon eingerichtet. Norge benutzt das Gerät, zuerst etwas planlos, was er damit nun also anfangen soll. Recht schnell wird klar, dass sich alle Funktionen in der japanischen Festung verbergen und die Radio Sorceress als digitaler Avatar immer in der Nähe ist. Norge kann ziemlich direkt mit dem kleinen Helferlein sprechen. Die eigentliche Puppe scheint ein notwendiges Accessoire zu sein. Die Funktionen der Radio Sorceress sind scheinbar an die Nähe der Puppe gebunden. Zoé entschließt sich daraufhin, die kleine Miru vorerst im Rucksack den neugierigen Blicken zu entziehen. Norge kommt dann unkompliziert zum Kern der Sache:

„Em, kannst Du Verbindung mit Miru aufnehmen, wir brauchen ihre Hilfe?“

Die Radio Sorceress legt den Kopf schief und hält eine Hand offen in Norges Richtung, als wolle der Avatar ihn in das Telefon ziehen.

„Ich bin hier! Die Radio Sorceress hilft dir immer und überall!“

„Nein, em… Radio Sorceress. Ich meine die echte Miru. Die Miru, die auch Asiru und Kiru ist… oder war…“

Der Avatar bekommt riesige Augen voll ehrfürchrtigem Erstaunen:

„Oooooooh! Miru-Sensei! Ooohhh!“

Sie legt eine Faust in ihre andere Hand und neigt den Kopf.

„Miru-Sensei ist immer und überall mit mir und allen unseren anderen Schwestern. Wie kann ich Dir helfen, Norge?“

Zoé schaltet sich ein, als Norge etwas zögert. Wie genau sollte man das Anliegen nun berichten? Die Puppe kennt ja Lena nicht. Und selbst wenn Miru-Sensei selbst hier und jetzt neben ihnen auf der Bank sitzen würde, wie würde sie verstehen können? Zoé geht die Sache etwas vorsichtig an:

„Wir haben eine Freundin, Lena. Hmmm…. Lena Mason. Sie wurde entführt, Miru.“

Die Augen der Radio Sorceress blitzen zornig auf. Mit einer unwirschen Geste zieht sie drei mögliche Kontakte herbei, mit der man unmittelbar Hilfe erlangen könnte: Kriminaldirektion Ordnungsbüro Moskuwa, Mercenary Inc. Bereitschaftsdienst Downtown, PanicButton Online Operator. Zoé winkt eilig ab:

„Nein, nicht so. Es ist eine Weile her und wir brauchen Hinweise, wer sie entführt hat. Kannst Du uns Bildmaterial besorgen, oder den Ort rausfinden, wo Lena zuletzt gesehen wurde… oder wo sie jetzt ist?“

Die Radio Sorceress stellt den Zauberstab auf und nimmt eine neutrale, nachdenkliche Miene an. Hinter ihr versammeln sich einige Lakaien und Samurai. Sie sieht dann zu Norge und fragt, ob Zoés Angelegenheit auch seine sei. Er nickt. Nach einem Moment antwortet sie dann auf Zoés Anfrage:

„Freundin Zoé-san, ich kann Lena nicht finden, aber was passiert ist ist schrecklich. Ich benötige mehr Informationen. Nimm mich mit, damit ich mehr über sie und euch lernen kann. Wenn ich genug Informationen habe, dann werde ich mich melden, versprochen. Solange passe ich still auf und lerne.“

Die Radio Sorceress verneigt sich. Mehr war im Moment nicht zu erwarten. Norge beobachtet die umliegenden Trideoschirme und Werbetafeln, aber es erscheint kein Anzeichen, dass Miru sich manifestiert. Zoé schlägt vor, dass man vielleicht die Puppe mit an den kommenden Einsatzbesprechungen teilhaben lässt. Wenn es stimmt was sie sagt, müsste sie ja mehr und mehr über Lena lernen und vielleicht kommt sie dann irgendwann zu einem hilfreichen Ergebnis?

Reaktivierung

Mike hatte wieder einen dieser Momente, in denen er irgendwie neben sich stand und die Dinge einfach zu schnell passierten. Gedanklich war er noch nicht in der Gegenwart angekommen. Er schaute auf die zwölf uniformierten Portraits an der übergroßen Trideowand. Einige sprachen über wichtige Dinge, das teilte Mike eine innere Stimme mit. Und sie sprachen zum Glück nicht zu ihm, sondern zu Captain Uzun, der hier im Übertragungsraum den zwölf Offizieren Rede und Antwort stand. Mike und Specialist Lance saßen am Katzentisch, zwei Meter entfernt, bereit aufzuspringen, zu nicken oder Daten anzureichen, wenn man sie aufforderte.

Mike wunderte sich. Sprach man nicht über eine Rettungsmission? Recovery SFG 77? Aber irgendwie hatte sich das Thema plötzlich gewandelt. Er schielte nach rechts, zu Lance. Ihre Augen waren konzentriert auf Uzun und sie nickte. Scheiße. Sie war am Ball. Mike rieb sich mit der Hand das Gesicht und kniff die Augen zusammen. Was war hier gerade los?

Uzun: „Ich habe die Mahnung des Central Command verstanden und ich versichere ihnen, dass es niemanden gibt, der sich den überlangen, unklaren Operationsstatus der SFG 77 mehr zu Herzen nimmt als ich. Ausschlaggebend ist aber an dieser Stelle, dass es dem Team gelang, hochbrisante, politische sowie militärische Informationen im verdeckten Einsatz zu beschaffen. Von Anfang an war die Möglichkeit gesehen worden, unkonventionell und abgeschieden von der Operationsleitung zu operieren. Die spezielle Natur dieser Anforderung spiegelt sich in meiner Einsatzdoktrin wieder. Und die Früchte ernten wir gerade in diesem Moment.“

Mike überlegte: Waren Einsätze ohne Anbindung zur Operationsleitung von Anfang an vorgesehen gewesen? Es hieß immer „unkonventionell“, aber was genau bedeutete das eigentlich?

Uzun: „Es ist sehr glücklich, dass die SFG 77 vor einigen Stunden unverzüglich eine Geheimhaltungseinstufung für Daten und Zeugen mit Priorität verlangt hat und Lieutenant Ortell sofort zur Kooperation bereit war. So konnte die Reaktivierung der Einheit umgehend beantragt werden und wir können die neuen Erkenntnisse sofort operativ nutzen.“

Mike nickte roboterhaft auf einen Seitenwink des Captains hin. Ihm fiel auf, dass Captain Uzun gar nicht erwähnte, dass man Lieutenant Ortell umgangen hatte. Uzun hatte bildlich gesprochen mit einer eilig erwirkten Geheimhaltungsstufe vor dem Gesicht des Lieutenant herumgewedelt und er musste seine Leitung über die Rettungsmission aufgeben. Mike hatte die Logdaten dafür frisiert, so dass Lieutenant Ortell als Schwachkopf dastand, der seine Mailbox nicht richtig bedienen konnte. Aber andererseits, dachte sich Mike, war das vielleicht auch gut so. So wie die SFG 77 im HQ Moskuwa aufgeschlagen war, hatte sie sich direkt und unverzüglich an Uzun wenden können. Das hätte auch anders laufen können. Lieutenant Ortell gehörte zu denen im Stab, die Uzun auf den Tod nicht leiden konnten – also etwa zur einen Hälfte der Offiziere an der Trideowand. So wie es in Moskuwa abgelaufen war, hatte man Ortell schlichtweg direkt umgangen. Das dürfte einigen gar nicht gepasst haben. Aber so wie es gelaufen war, war es wohl auch gut. Die SFG 77 hatte schon genug Probleme. Auf firmeninterne Politik konnte man gut verzichten.

Uzun fuhr fort: „Aus dem, was ich bisher an Daten sichten konnte, habe ich einen eiligen Reaktionsplan erarbeitet. Sie erhalten die Datei soeben digital. Es handel sich um die Komposition einer Task Force Landfall. Aufgrund großflächiger, exterritorialer Gebiete mit prekärer Sicherheits- und Gesundheitslage im Zentrum des Nordostens von Dahomey sehe ich eine massive Luftpräsenz als primäre Notwendigkeit für den Auftakt einer Bodenmission für AIM. Wie sie sehen, gehe ich von einem kleinen Brückenkopf aus, der im Wesentlichen vom Golf von Guinea aus geschlagen wird.“

Mike leitete die Dateien an die Offiziere weiter. Interessant war der Begriff „eiliger Reaktionsplan“. Mike hatte bereits seit Wochen unter der Hand für Uzun an einer Szenariosimulation für diese Task Force Landfall gearbeitet. Jetzt zog er sie einfach aus der Tasche. Die Offiziere nickten beeindruckt, manche hoben die Brauen. Eine Mittfünfzigerin mit Sternen am Kragen blickte über die Brille zu Uzun:

GEN: „Ich bewundere ihren krankhaften Ehrgeiz. Sie schlagen einen Brückenkopf gut 700km von der Küste entfernt vor?“

Uzun: „Richtig. Unseren vorläufigen Aufklärungsinformationen zufolge liegt im Bereich um den Tawani-See der Kern aller relevanten Ereignisse. Dort treffen die Akteure aufeinander, da ist Potential, um in die Neuordnung einzugreifen.“

GEN: „Eine Neuordnung welcher Art? Soweit ich informiert bin, sind die Ergebnisse der Feldaufklärung durch die SFG 77 weder mit unserem Nachrichtendienst noch der politischen Abteilung abgestimmt. Was genau wollen Sie da neu ordnen, Captain?“

Uzun: „Danke, General Falcon, dass Sie auf diesen zentralen Punkt hinweisen. Seit Anfang Oktober steht die Geschäftsleitung unter enormen Druck, einen Vertrag gegenüber einem Land erfüllen zu müssen, ohne dabei fundierte Informationen aus erster Hand über die genauen Hintergründe der aktuellen Krise zu besitzen. Ich denke, wir erinnern uns alle daran, wie die Bloßstellung unserer CEO auch zu uns durchregnete. Die aktuellen Informationen aus Hand der SFG 77 zeigen die Vielschichtigkeit der Krise auf und identifizieren nun ganz klar terroristische Gruppen als Mitverursacher. Wenn wir hier gezielt eingreifen, das sehen sie sicherlich aus den vorläufigen Daten, können wir uns selbstbewusst und mit klarer Strategie als Akteure auf dem Festland ins Spiel bringen. Dann kommen wir endlich aus der rufschädigenden Zwickmühle raus. Und ich möchte betonen, dass wir für eine Task Force Landfall gegenwärtig nicht einmal ein Mandat von Dahomey selbst bräuchten.“

GEN: „Das zu entscheiden, übersteigt ihren Horizont, will ich meinen.“

Uzun: „Sie haben recht General. Ich bitte sie daher, dass mein Team unverzüglich damit beginnen kann, einen Brückenkopf im Krisengebiet vorzubereiten. Ich schlage die Formierung der Task Force Landfall als Vorbereitung einer Landstrategie vor. Sobald CCOM und das Policy Board dann ihre Gesamtstrategie mit den neuen Aufklärungsdaten ergänzt haben, können wir uns vor Ort ins Spiel bringen und dort intervenieren, wo es mit der Firmenpolitik im Einklang steht. Denn eines ist klar: Seit Wochen blockiert uns die fehlende Landstrategie und diese blinde Vertragserfüllung im Rahmen der Seeblockade kostet uns täglich Aktienwert und Reputation. So kann es doch nicht weitergehen.“

Mike stimmte dem Captain zu. Es war nicht schön für ein Land, den Warenstrom militärisch durchzusetzen, während man nicht wusste, ob der Kunde im Inland seine eigene Bevölkerung absichtsvoll verhungern lässt. Und mit dem Reputations-Argument hatte Uzun nun auch die Trumpfkarte gespielt. Die zwölf Offiziere des CCOM blätterten durch die digitalen Berichtsseiten, einige murrten, manche rieben sich die Augen, andere nickten. Dann schauten elf der zwölf zu General Falcon. Für kurze Zeit wurde der Audiokanal blockiert und der Stab besprach sich intern. Als der Kanal wieder offen war, sagte General Falcon:

GEN: „Konsolidieren Sie ihre Einheit vor Ort und warten Sie ab, bis das Policy Board gemeinsam mit dem CCOM eine Strategieentscheidung getroffen hat. Wir werden ihrem Vorschlag folgen und Task Force Landfall in Dienst stellen, vorerst jedoch auf das Kommando- und Luftwaffenelement begrenzt. Colonel Kalika wird das Kommando über die Task Force übernehmen. Sie, Captain, übernehmen die Koordination der Spezialeinsätze. Der Großteil der von ihnen vorgeschlagenen Lufteinheiten muss von Task Force Guinea abgezweigt werden. Koordinieren sie das, damit es kein Chaos gibt. Wir haben nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung. Es ist ihnen vorerst untersagt, Bodentruppen abzusetzen oder Luftraum zu durchqueren, der von Mercenary Incorporated oder Nigeria militärisch kontrolliert wird.“

Uzun nickte bestimmt.

GEN: „Und, Captain, ohne einen Partner vor Ort wird sich dieser Plan, den sie angeregt haben, nicht verwirklichen lassen. Die Übergangsregierung in Lome blockiert jeglichen Vorstoß unsererseits, im Norden des Landes einzugreifen. Selbst wenn wir mit völkerrechtlichem Mandat einseitig in das Szenario eingreifen, haben wir damit zwar eine Menge zu tun, aber keinen Kunden, nach dem die Geschäftsführung verlangt. AIM MATTERS hatte die Aufgabe, einen Partner zu gewinnen, der uns ins Land holt und Dahomey davon überzeugt, dass wir zumindest in einem begrenzten Umfang Partner am Boden sein sollen.“

Uzun presste die Lippen etwas aufeinander und nickte erneut, diesmal etwas weniger bestimmt.

GEN: „Sehen sie also zu, dass alle Informationen, Beweise und Zeugen so schnell wie möglich in unsere sicheren Hände gelangen und potentielle Partner vor Ort identifiziert werden. Miss Clark hat sich ja eigenwillig ins Land geflüchtet und ist immer noch in Moskuwa. Sie hat Instruktionen, wie mit solchen Partnern umzugehen ist. Binden sie sie ein. Wenn sie sich dort schon an ihrem Strohhalm festklammert, kann sie sich auch nützlich machen. Das ist alles. Sie können wegtreten, Captain.“

Ein kurzer Austausch von Saluts und die Verbindung war getrennt. Mike schaute zu Lance und flüsterte:

„Geht’s jetzt los?“

Die Specialist hob nur eine Augenbraue und machte sich mit Unterlagen unterm Arm auf den Weg um Uzun zu folgen. Mike blieb etwas ratlos zurück, nachdem er den virtuellen Besprechungsraum geschlossen und abgewickelt hatte. Was bedeutete das jetzt für ihn eigentlich? Er beschloss, ersteinmal direkt zum Host-Terminal zurückzukehren, Zoé oder jemand anderen ans Terminal zu bekommen und den neuesten Tratsch ins Feld zu bringen!

Die Riesin

Operation Primordial Prophet war mit der erfolgreichen Verteidigung des Sandorakels gerade eben zuende gegangen. Zwei Tage war es vielleicht her. Hier, am Rand der Großen Wüste, war es schwer, sich an einen Kalender zu halten. Es war so, als rufe die Weite des heißen Sandes aus dem Norden beständig nach allen Herzen im Sandorakel. Im Gegensatz zu den hier heimischen Menschen, war die SFG 77 dieses Rufen nicht gewohnt. Es war eine Verheißung der Großen Wüste, dass dort, bereits nach wenigen hundert Metern, das alte Leben mit der ersten großen Düne verschwinden würde. Die Weite verschlingt alles. Ein neues Leben, ein radikal anderes Leben.

Seit Monaten sah sich die SFG 77 der Versuchung ausgesetzt, das Bekannte über Bord zu werfen, alles zurück zu lassen und sich selbst neu zu erfinden. Im Guten oder Schlechten. Vielleicht war das die schleichende Wahrheit der Worte gewesen: „Du wirst das Land nicht verändern, das Land verändert dich.“ Was genau wird passieren, wenn die Gruppe eingeschworener Soldaten den Weg zurück aus dem Labyrinth Dahomey findet? Was wird zurückbleiben, was wird sie mitnehmen? Auch wenn über niemand anderen als Negative diese Frage so intensiv schwebte, so galt sie doch für alle. Und hier, am Rande der Wüste, schien ein Tor zu einer gänzlich anderen Welt. Nicht mal im Tal der bunten Steine waren Zoé, Norge, Copper, Régicide und Negative so weit fort vom alten Leben gewesen.

Und Zoé steht auf der nördlichsten Düne und sieht in die Weite.

Zwei Männer begleiten sie auf diesem Patroulliengang in der Abenddämmerung. Ein Fulbe und ein Tuareg. Der Himmel glüht rot und mischt sich mit kühlem Blau der aufziehenden Nacht. Der Wind ist warm und doch kühlt er. Sand streicht sanft über die Dünen, treibt sie mit unendlicher Langsamkeit nach Süden, um irgendwann einmal alles zu verschlingen und den Kontinent ins Meer zu stürzen…

Da vorn, eine rasche Bewegung, hundert Meter voraus in der Senke! Die Männer greifen die Waffen fester und gehen in die Hocke. Zoé kneifft die Augen zusammen. Es ist einer der Wildhunde, die seit dem Aufstieg aus dem Sandorakel das Gebiet umstreifen. Bisweilen mit Dingo an ihrer Spitze. Doch dieser dort ist allein. Mit einem leichten Gang und fleckigem Fell scheint er geradezu aus der Düne gesprungen. Die dunklen Augen bohren durch die hundert Meter und sehen Zoé an, während der Hund sich federnd von ihr entfernt. Zügig erklimmt er die gegenüberliegende Düne und auf der Spitze hält er inne, kehrt sich um, und schaut zu Zoé zurück. Dann verschwindet er jenseits des sandigen Berges. Zurück bleibt eine Spur aus Pfoten, wie eine Perlschnur aufgereiht.

Der Hund, der Blick, der Himmel, der Wind… Zoé schaut zurück und auch ihre Begleiter haben es gemerkt: hier ist etwas nicht normal. Etwas Seltsames ist im Gange. Fulbe und Tuareg schütteln sachte den Kopf und fassen die Waffen enger. Wortlos ziehen sie sich zurück. Sie scheinen zu spüren, dass hier etwas intimes passieren wird. Ehe sich Zoé versieht, ist sie dem Hund auf der Spur, das Herz klopft an den Hals.

Man wird vielleicht nie erfahren, was Zoé dachte, als sie die Kerze im Sandorakel entzündete. Man wird daher vielleicht auch nie erfahren, warum Zoé so etwas wie Erleichterung empfand und es ihr danach war, zu lachen, als sie die Düne erklomm. Sie wusste genau, dass ihre Stimme im Sandorakel durchgedrungen war. Etwas war da draußen, sie war da draußen. Und von allen die in Frage kamen, war es die Kleinste, die zu ihr eine Brücke hatte bauen können.

Als Zoé über die Düne kletterte, war sie nicht überrascht: der Hund war verschwunden und die Spuren verblassten langsam im Sand. Sie war allein, inmitten der Wüste. Hätte sie funken sollen? Da war diese seltsame Gewissheit, dass alles seine Richtigkeit hatte. Der Gedanke an das Funkgerät kam Zoé seltsam entrückt in den Sinn, so, als wenn sie sich selbst auf einem Trideoschirm betrachten würde – und für die Heldin auf der Leinwand nur einen symphatischen Rat übrig hatte.

Als der Wind begann sich um sie zu schaaren, sich zu bündeln und einen Trichter zu formen, da setzte sich Zoé hin, denn sie war nicht sonderlich schwer und der Wind wurde stärker. Der heiße Wind auf den Wangen des Abendrots war eine zärtliche Berührung. Es war keine Überrachung mehr, als eine trollgroße, flimmernde Gestalt aus Sand, Hitze und Wind Form annahm und die stimme Atras an Zoés Ohr erklang:

„So lange fort, so lange kein Band. Und die Kleinste wird zur Riesin und beugt sich über den Radius der Welt, damit ich sie auf der anderen Seite endlich sehen kann, in einem Labyrinth aus Licht und Schatten. Dein Feuer hat mich geführt zu Dir, denn es brennt mit dunkler Tiefe. Wie ein Brummen unter den Grundfesten der Erde, entkommt es aus dem grellen Feuer der erwachten Welt, in der Du verloren treibst.“

Das heiße Glimmen ihrer Worte im Ohr gewinnt an Schärfe, fast kann Zoé den scharfen Vorwurf auf der Haut spüren, die empörte Wut, die schon einmal aus Atra gesprochen hatte. Damals, als Régicide ihr sein selbstgewähltes Bild gezeigt:

„Er aber wieder, gerade er, der meine Nähe sucht, brennt im hellen Feuer des öberflächlichen Brandes und lodert so vor sich hin – und erreicht mich doch nicht. Und Törichtes hat er getan. Oh, so töricht, dass es mir den Schlaf raubt, den ich nicht kenne. Ich habe die Vorsehung erfahren, als Du Dich als Riesin zu mir gebeugt hast. Ich konnte es fühlen, aber nicht greifen. Sag mir, was hat er getan, das mich so unruhig sein lässt?“

Zoé folgt den Worten der Erscheinung und als sie vielleicht antworten will, setzt Atra plötzlich in Eile nach, die Stimme nun wieder sanft und in besonnenem Ton konzentriert:

„Es hilft nichts. Meine Zeit bei Dir ist zu kurz. Es liegt in deiner Hand. Lasse ihn nichts törichtes tun. Halte ihn ab, halte ihn auf! Ich kann nicht länger an diesem Ort bleiben. Gleich wird es dunkel und wir sind getrennt. Höre daher zu, was ich Dir wichtiges sagen muss:

Der Feuergott unter dem Meer ist nicht mehr. Er hat seinen Thron verlassen. Und niemand weiß, wo er nun ist. Du musst das Labyrinth verlassen, aber trete vorsichtig mit dem Fuß. Überstürze nichts. Vielleicht ist er auch auf dem Weg hinein, also gehe behutsam hinaus. Du bist die Riesin, die Einzige, die ihn …“

Glutheißer Sand trifft Zoé im Gesicht, als die Erscheinung mit einem scharfen Zischen explodiert. Atras Kraft war verbraucht, die Distanz zu groß, die schüchterne Brücke zur Riesin eingestürzt.

Zoe ist völlig überwältigt von den Eindrücken, der eindringlichen Stimme Atras, ihren Warnungen und der Nähe die da für einen Moment hergestellt war. Ihre Worte beim entzünden der Kerze wurden gehört! Und irgendwie hat sie in der Gestalt auch für einen Moment Brick – oder was immer er auch jetzt war – sehen wollen. Zoe hofft, dass er einfach seine Erlösung gefunden hat, aber Atras letzte Worte beunruhigen sie. Warum konnte der Kontakt nicht einen Moment länger gehalten werden? Sie hätte noch so viele Fragen gehabt. Plötzlich ist da so viel Verantwortung, so viel Unausgesprochenes, so viel Einsamkeit. Aber auch Hoffnung. Es gibt in dieser gottverlassenen Gegend eine Verbindung zu Altbekanntem. Eine Anleitung, wenn auch noch so unklar. Eine Sicherheit, die Zoe lange nicht mehr gespürt hat. Sie blickt erst einmal wieder in die Ferne der Wüste, die für einen Moment nicht mehr existiert hat und versucht klare Gedanken zu fassen.

Was hat Atra gemeint, als sie von Régicide sprach? Zumindest musste sie ihn gemeint haben… Zoes Gedanken gehen zu den Schnittwunden die er sich zugefügt hat, als er die Schnitzerei auf dem Rock der Idola auf seine eigene Haut übertragen hat. Hat er anstelle etwas zu geben, etwas genommen was nicht ihm gehört? Hat er sich etwas verschrieben, ohne es zu verstehen? Sie hatte die Geste nicht verstanden, aber das erschien ihr auch nicht für nötig. Bis jetzt, wo die warnenden Worte an ihr Ohr drangen.

Zoe versucht sich zu orientieren, den Weg zurück zu ihren Begleitern zu finden. Im geschützten Lager will sie wieder ein kleines Feuer entzünden und in sich gehen. Sie muss darüber nachsinnen, was Atra ihr mitteilen wollte. Wäre es klug, Régicide direkt von dieser Erfahrung zu berichten, oder war es Atras Wunsch, ihn auf seinem Weg zu begleiten und zu lenken, ohne ihm die bitteren Worte direkt weiterzugeben? Zoe sollte ihn aufhalten, aber auch nichts überstürzen. Es musste also den Moment Zeit geben, sich erst einmal klar zu werden.

Kontrast

Mit dem Erreichen der Orakelhalle im Zuge von Operation Primordial Prophet war eine Stunde der Abrechnung gekommen. Am Ende eines Weges, der vor fast zwei Monaten in Afrika begonnen hatte, stand die SFG 77 nun an einer Zäsur, an der die vergangenen Taten gewogen werden sollten.

In der zentralen Kammer des Orakels konnten Zoé, Norge, Copper, Régicide und Negative zur linken wie zur rechten Hand betrachten, welche ihrer Taten in den vergangenen Wochen den dunklen oder den lichten Idola zugespielt hatten. Neben so manch bedrückenden, peinlichen oder auch unverschuldeten Hypotheken zu Gunsten der Schwarzen Idola, erleuchteten am Ende vier Figuren überwiegend in einem warmen, hoffnungsvollen Ton einer orangefarbenen Morgenröte. Von den ersten Tagen in Moskuwa an, waren die Taten der SFG 77 auf ein positives, ein helfendes Wirken hin ausgerichtet gewesen. Fehler wurden begangen, doch auch bereut. Was nicht rückgängig gemacht werden konnte, wurde durch gute Taten aufzuwiegen versucht. Doch wer war hier die urteilende und richtende Instanz gewesen?

Das in der Erwachten Welt, die Welt der Großkonzerne, der optimierten Ausbeutung, relativen Werte und der Aufhebung bisher bekannter Definitionen von Menschsein, ausgerechnet in Afrika eine Instanz existieren sollte, die eine Spur universeller Moral versprach, mochte manche überraschen. Doch lag darin nicht auch ein unerhörtes Versprechen, das nur die „Wiege der Menschheit“ geben konnte? Fast eine Art Offenbarung? Was würde mit der Welt passieren, wenn die Einwohner von Seattle, Denver, Paris oder London das Privileg bekommen könnten, das der SFG 77 mit dem Besuch des Orkales zuteil geworden war?

Die vier Idola der SFG 77 blieben überwiegend stumm, wussten sich aber durchaus mitzuteilen. In der zierlichen Gestalt eines sechsarmigen, asiatischen Mädchens hatte Norge Miru gefunden, und ihr ein Werkzeug universeller Vernetzung und Kommunikation geopfert. Wieder war die Radio Sorceress Zeugin gewesen. Wer wollte behaupten, sie wäre ein schlechterer Fetisch, nur weil sie es verstand, auf andere Weise eine Verbindung herzustellen, als es die Schamanen für gewöhnlich tun?

Copper hatte sich die Aufmerksamkeit einer dunklen Kraft zugezogen, die sich in Gestalt der entarteten Afkarasar zeigte. Vielleicht lag der Grund für die beharrliche Ausdauer, mit der diese Idola der SFG 77 nachstellte, aber nicht nur an ihm. Denn auf dem Weg der Abrechnung, der zu den vier Figuren geführt hatte, war eben auch ein dunkler Ton der Gewalt an allen hängen geblieben. Coppers Opfer wirkte rückblickend vielleicht etwas verzweifelt, denn es war ein Auflehnen gegen Afkarasar – zugleich eine Absage gegen einen Teil seiner Vergangenheit. Aber konnte er darauf hoffen, Afkarasar mit dieser Geste aus dem Kreis einfach auszuschließen? Man kann sich böse Geister ja nicht einfach aussuchen oder wegwünschen. Sie hängen den eigenen Taten nach. So gab Afkarasar Copper das stinkige Versprechen, das man sich wohl wiedersehen würde, so oder so. Gleichzeitig war die blutige Idola des rauchschwangeren Feuers auf ihren Platz verwiesen worden.

Für Zoé und Régicide war es die einer Kolossalstatue nachempfundene Gestalt einer verschleierten Frau mit Feuerhaar, die sofort gewisse Assoziationen weckte. Das Konzept dieser Idola wirkte so vertraut, aber gleichzeitig so formlos und unfassbar. War es die Idola Silah, oder der Gott Mazda, das Rauchlose Feuer oder gar die seltsame Frau Atra? Feuer schien ein verbindendes Element, und so zeigte das gemeinsame Opfer eine Wirkung. Régicides elementarer Funke und die Gabe an Zoé veränderten etwas. Die unmittelbare Wirkung blieb, neben einem Hauch an Zoés Ohr, scheinbar aus. Aber blieb die Gabe wirklich wirkungslos? Zoé sollte darüber alsbald mehr herausfinden…

Régicide nahm die Gelegenheit beim Schopfe und tauchte in die Keilschriftschnitzereien der Idola ein. Dort fand sich auf dem Rock dreiunddreißig Mal die gleiche Phrase geschrieben, wenn Régicide sich nicht geirrt hatte. Es war eine markante Kette von Kerben. Sie begann und endete mit einer identischen Form. Régicide ging so weit, sich die Markierungen in seinen eigenen Unterarm zu schneiden. Selbst wenn die Zeichen keine Bedeutung gehabt hatten, so hatten sie jetzt auf jeden Fall eine erhalten. Doch was bedeuteten die Zeichen?

Dann war da natürlich die Stele der Idola Andikan, deren Schild Negative aufgenommen hatte. Und dies bereits sehr viel früher, als zuerst vermutet. Negatives Begegnung mit Andikan war eine unvermeidliche Auflösung gewesen, etwas, das bereits seit vielen Jahren im entstehen gewesen war. Mit einer einfachen Geste war Negative in der Lage gewesen, die Hand seiner Idola zu ergreifen, die in Gestalt seiner jungen Großmutter Kakuve aus dem Götzenbild trat.

Schon seit langer Zeit fließt das Blut Andikans in Negatives Blutlinie, bisher stets von Mutter an Töchter und Enkelinnen vererbt. Und als Kakuve vor einigen Jahrzehnten Afrika verlassen musste, da musste sie zuviel zurücklassen – gleichzeitig nahm sie jedoch zuviel mit. Ein böses Omen begann sich auf die Familie zu legen. Der Beginn einer sich sammelnden Schuld, aufgetürmt von einer Idola im erwachen.

Kakuve schilderte Negative in der Orakelhalle, dass sie immerzu versucht habe, ihn vor der Missgunst Andikans zu bewahren. Doch was immer Kakuve versucht hatte, es endete stets damit, dass sich Kakuve vor Andikan mehr und mehr verschuldete. Kakuve stand für Negative ein, sie schützte ihn und versuchte ihm zu helfen. Doch es war zum scheitern verurteilt. Es waren Dinge wie Negatives Ignoranz gegenüber den eigenen Eltern, die Geringschätzung der Erwachten Welt und die Vorbehalte gegenüber der Magie, seine Abkehr von Frau und Kind, sein Versagen im Versuch sich als Gründer zu betätigen, sein Ausscheiden aus dem Militär … Davon berichtete Kakuve, und sie sagte, mit jedem vermeintlichen Scheitern, habe sich der Groll Andikans gegen sie vermehrt.

Erst später, als Negative das erste Mal nach Afrika ging, hatte Kakuve erkannt, dass sich Andikan entgegen der uralten Tradition durch einen männlichen Nachfahren manifestieren wollte. Und Kakuve hatte es nicht geschafft, dieses Band zu verwirklichen. So stand Negatives Reise unter einem Fluch, gewirkt aus Kakuves Hand. Sie hatte ihn missgünstig entlassen aus ihrer Obhut als Schamanin seines Blutes. Er sollte als Spielball des Schicksals dem Willen der numehr entarteten Andikan in Afrika willfährig sein – und Kakuve endlich Frieden in dieser Sache bringen. Dann kamen Negatives Monate der Dunkelheit als Sklave im Dienste fremder Mächte. Kakuve hatte nicht mehr mit seiner Rückkehr gerechnet.

Seine Rückkehr kam jedoch, und damit auch Reue in Kakuves Herz. Doch es war zu spät. Erst mit ihrem Tod sollte der Weg beginnen, der Negative in das Herz seiner Herkunft und zu Andikan führen konnte.

Mit dem Fetisch seiner Großmutter und ihren sterblichen Überresten im Gepäck, nahm Negative das Ritual des Übergangs auf, ohne es ahnen zu können. Und doch hatte es ihn schon lange vorher, auf der Shigeruu und in Manila, dazu unausweichlich gedrängt. Die ersten Begegnungen mit Andikan waren rauh, verwaschen und gewaltsam gewesen. Der kleine Diener am versunkenen Panzer hatte ihm zuerst die Hand gereicht. Doch Negatives unbedachter Griff zu einem BTL-Chip der Afkarasar veranlasste, dass sich eine Schwarze Idola vor eine andere schob. Der Berg mit der Göttin auf der Spitze war nicht der Ruf nach willkürlicher Gewalt, sondern nach Ordnung und Unterwerfung um jeden Preis. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, wie sich ganz am Ende zeigen sollte.

Die komplizierte, widersprüchliche und vielleicht sogar bedauernswerte Natur der Andikan enthüllte sich Negative deutlicher im Tal der bunten Steine. Die Kraft der Ordnung als Sinnstiftung einer Gemeinschaft, die sich beschützt und sich eine Geschichte gibt, wurde deutlich. Und im Tal der bunten Steine war Negative diesmal Meister und Herr gewesen, nicht willenloser Sklave, wie bei seinem ersten Besuch in Afrika. Das Ergebnis war drastisch und traumatisch für die meisten Beteiligten gewesen. Es zeigte die Natur der Dunklen Idola in ihrer Reinform – und Negatives Gefallen an Macht. Doch auch hier gab es einen Lichtblick. Denn mit Tukka und Rafik zogen zwei Personen aus dem Tal aus, die Negative aus tiefstem, inneren Antrieb heraus zu folgen bereit waren. Trotz alledem.

Als Negative nach vielen Wochen dann sein Schicksal endlich reizen wollte und alles auf eine Entscheidung hintrieb, da lagen dann die Dinge auch viel klarer als zu Beginn. Der kleine Diener der Andikan war ein wichtiger Mittler, der Negative am Wasserfall, gemeinsam mit Tukka und Rafik, hatte wissen lassen, dass Andikan zwei Gesichter trägt. Das eine, das lichte, verabscheuht sie jedoch, aber sie kann es sich nicht herunterreißen. Auch wenn Andikan als entartet galt, konnte sie nicht darüber gebieten, ob Negative sein Erbe in guter oder böser Absicht antreten würde.

Diese Botschaft war vielleicht die bedeutsamste. Und es dauerte weitere Zeit, bis Negative endlich in dieser Orakelhalle stehen konnte, Kakuve ins Gesicht sah und seine Wahl traf. Auf einem erwachten Kontinent mit unermeßlicher Geschichte, mit hunderten von Idola und Tiertotems und Volkgruppen, Familien und Blutsbanden, konnte ein Band zwischen Mann und höheren Mächten nur intim, einzigartig und zutiefst persönlich sein. Und so entschied sich Negative gegen den Willen Andikans dazu, ihre lichte Seite zu umarmen.

Mit der Wahl ihrer versöhnlichen Seite hatte die letzte Etappe begonnen. Die Herausforderung der nigerianischen Prinzessin würde nun Negatives Wahl in die Welt der Sterblichen Übersetzen. Nur der rituelle Kampf kann im Diesseits besiegeln, was in der Welt der Geister bereits entschieden wurde. Dann kann Negative seine neue Maske aufsetzen und die alte abnehmen. Eine Maske der Andikan. Eine Maske im Kontrast.

Das neue Orakel

Nach dem Ende von Operation Primordial Prophet am 24. November 2073 war das Sandorakel, wie man es bisher gekannt hatte, verschwunden. Der felsige Halbmond hatte zwar noch bestand, doch wo ehemals sanfte Dünen den zentralen Orakelfelsen gebettet hatten, klafften nun Dutzende, teils hunderte Meter tiefe, Spalten und Schluchten. Das Gelände war zu einem Labyrinth geworden, sowohl an der Oberfläche, als auch darunter. Tausende Tonnen Wüstensand hatten viele Verwerfungen aufgefüllt und natürliche Rampen und tiefe Becken aus Treibsand geschaffen. An anderen Stellen führten die Schluchten in enge Klamms, in denen sich sogar Wasser sammelte. Niemand hatte bisher einen Überblick über das unterirdische Ausmaß des Naturphänomens. Zahlreiche Höhleneingänge und Schächte ließen vermuten, dass das Orakel, wie die Inkarnation der Andikan es vorausgesagt hatte, sein Gesicht nur gewandelt hatte.

Soldaten der Fulbe

Insgesamt hatte die SFG 77einunddreißig Personen zur Befreiung des Sandorakels angeführt. Die Fulbe hatten fünf Tote zu beklagen, darunter der Anführer Nahama. Der Schamane Yakuba war an seine Stelle getreten. Weitere zehn Fulbe waren verletzt worden. Die vier Gardisten des Prinzenpaares waren größtenteils unverletzt aus den Kämpfen hervorgegangen. Der angeschossene Troll Dillan und der Norm Noran waren bereits auf dem Weg zurück zur Großen Versammlung, um dort von der Befreiung zu verkünden – von dem Versuch der Rückeroberung und den Landveränderungen wussten sie natürlich noch nichts.

Kämpfer der Tuareg

Im Zuge des Rückeroberungsversuchs, als die SFG 77 sich einen Weg aus dem Labyrinth suchen musste, hatte eine unerwartete Hilfe bei der Verteidigung beigestanden. Zweiundzwanzig Tuareg-Krieger aus der inneren Sahara gelangten an die Oberfläche, als die Landschaft aufbrach und die Schluchten einen Weg freigaben. Ob die Tuareg zufällig dort waren, wie weit die Tunnel vom Sandorakel wegführten und ob sie von der Belagerung durch Mercenary Inc. und die Agooji überhaupt gewusst hatten, blieb vorerst unklar. Möglicherweise wären die tiefen Tunnel unter der Wüste ein alternativer Weg in das Sandorakel gewesen, wenn der Weg der SFG 77 in der Vergangenheit ein anderer gewesen wäre? Tukka und Rafik hatten sich den Tuareg jedenfalls in den Tunneln spontan angeschlossen und ihren bescheidenen Beitrag im Kampf geleistet. Fünf Wüstenkrieger waren verletz, zwei getötet worden.

Auf Seiten des Gegners war die Verteidigung und der Versuch der Rückeroberung des Sandorakels katastrophal gescheitert. Mercenary Inc. hatte vom ersten Gefecht sechs Tote zu beklagen, fünf waren sehr schwer verwundet worden. Weitere fünf waren leicht bis schwer verletzt, darunter auch der Offizier der Besatzungseinheit, LT Westerson. Elf Soldaten hatten sich in der Endphase der Eroberung ergeben, so dass von den ursprünglich 23 Soldaten vor Ort 16 gefangen genommen wurden. Ein Soldat war mit einem Agooji in die Tunnel geflohen und dort verschollen.

Der eilige Versuch einer Rückeroberung wurde durch die Fulbe und Tuareg, sowie die SFG 77 in der Endphase des Kampfes, vereitelt. Zwei Flugzeuge hatten 24 Fallschirmjäger abgesetzt, die sich plötzlich einer sich verändernden Landschaft ausgesetzt sahen. Von den vier abgeworfenen leichten Kampfpanzern gelten zwei als verschollen, einer wurde durch Zoé vernichtet und einer durch Copper erobert. Ein Kampfbomber fiehl einer Luftwabwehrrakete der Fulbe zum Opfer. Den zweiten hatte Zoé von ihrem eroberten Panzer aus vom Himmel gepflückt. Einer der Piloten überlebte leicht verletzt und konnte gefangen genommen werden.

Hughes M-3 „Boar“

Sehr zum Gefallen des Lieutenant hatten Lomo und Wasotu vor Beginn der Gegenoffensive den erbeuteten Helikopter in Sicherheit gebracht. Lomo hatte kurzerhand dem Piloten von Mercenary Inc. eine Schrotflinte an den Kopf gehalten und ihn dazu gezwungen, das Vehikel einige Kilometer südlich in den Hügeln zu verstecken. So waren die beiden Scrapper dem heißen Kampfgeschehen entkommen und der Helikopter war unbeschädigt geblieben. So manch einer – vielleicht auch die beiden Scrapper selbst – waren über den Grad erwiesener Loyalität überrascht. Nachdem der Helikopter zum Sandorakel zurückgeführt worden war bemerkte Zoé alsbald, dass ein Scherzkeks auf die Flanken des Fahrzeugs die schwarzen Kennzeichen „LT-1“ in fetten Druckbuchstaben gemalt hatte.

Die Agooji waren bedauerlicherweise wieder einmal sehr flüchtig und schwer greifbar gewesen. Den ausgelobten Ehrenpreis eines Gefangenen konnte keiner entgegen nehmen. Drei konnten zwar beim Versuch, an die Oberfläche zu gelangen, getötet werden und auch drei mindere Sendgeister waren aufgehalten worden, doch damit sind wahrscheinlich drei weitere – und vielleicht auch ein Söldner der Mercenary Inc. – vorerst entkommen. Dennoch gab es einige Erfolge mit Blick auf geborgene Informationen und Beweismittel. Ein Datenkristall und mehrere BTL- oder Datenchips stammen unmittelbar aus der Hand der getöteten Agooji-Schamanen.

Schlussendlich darf man das strategische Fazit ziehen, dass das neue Sandorakel nun zu einem major hotspot geworden sein dürfte. Mercenary Inc. dreht vermutlich am Rad und auch die Agooji mussten erneut eine Niederlage ihrer Agenda hinnehmen, ohne dass sich die SFG 77 allzu deutlich ins Rampenlicht gestellt hätte. Mit den Tuareg sind zudem weitere, schwer einzuschätzende und unerwartete, Akteure auf das Feld getreten. Damit dürfte sich die Sache letztlich auf zwei Extreme hin zuspitzen: Entweder das Sandorakel wird aus der Agenda gestrichen und der Landstrich bleibt nun von Kämpfen verschont – oder es werden weitere Gruppierungen zum Sandorakel reisen, um die Sache unter Augenschein zu nehmen und friedlich oder gewaltsam in die Situation einzugreifen. Wenn die Agooji und Mercenary Inc. weiterhin pressieren, wird wohl auch eine massivere Vergeltung ausstehen. Dem hätte die SFG 77 wohl nur eine Chance zu begegnen, wenn sie massive Unterstützung ins Feld führen kann. Insbesondere eine Lufthoheit wäre absolut notwendig, um den erwachten Ort zu schützen. In der aktuellen Gesamtlage könnte diese Aufgabe nur durch eine Präsenz weiterer AIM-Truppen bewerkstelligt werden.

Régicides Erträge

Die Wanderung zu den Scrappern am Leyland Transporter zeigte einmal mehr, dass sich die Mühlen langsam drehen. Weg und Situation bei der Sackgasse waren unverändert. Das mitgebrachte Wasser wurde mit Interesse begutachtet und dann so behandelt, wie es die Scrapper mit Dingen taten, die man nicht einschätzen konnte: es wurde ins Inventar aufgenommen – zumal es eben sauberes und mutmaßlich unbehandeltes Wasser war!

Die Frage nach Schutzausrüstung erläuterten Wasotu und Lomo wie folgt:

„Kampfeinheiten der Konzerne in der inneren Sahara benutzen aktive Lösungen, die sowohl panzern als auch vor der Witterung schützen. Sowas haben wir nicht und können wir auch nicht improvisieren. Andererseits ist das Sandorakel nicht in der inneren Sahara. Man kann also mit kluger Reiseführung, zum Beispiel durch Wasotu, und einfachen, traditionellen Kleidungen durchaus bis zum Sandorakel vordringen, notfalls zu Fuß und mit Lasthilfen. – Konventionelle Panzerung kann Lomo bauen. Er ist der Rüstungsschneider bei uns. Aber das Material und Werkzeug ist in Nakatombe. Hier vor Ort lässt sich nichts improvisieren was Mühe und Gewicht wert wäre. Was unsere Schutzkleidung an geht, die ist aus Material der Tuareg gefertig, die man nur in der inneren Sahara handeln kann. Außerdem entfaltet sie nur mit passenden Cybermodifikationen ihren vollen Wert. Wahrscheinlich nicht das, was ihr wollt? Wir können euch also nur mit traditionellen Hitzeschutzkleidungen dienen, die können wir hier handeln, und euch kräfteschonend durch die Wüste führen. Panzerwesten oder Helme können wir ohne Werkzeug und adäquatem Material nicht improvisieren.“

Was das Sandorakel anging, konnte Régicide einen ganz guten Überblick durch Zeugenberichte und das ein oder andere, schlechte Digitalfoto erlangen. Nach zahlreichen Gesprächen konnte er einige Erkenntnisse zu den taktischen Datenbanken hinzufügen.

Alles weitere gelang Régicide soweit. Die Überarbeitung der „Campingausrüstung“ war eine gute Idee und beugte so manchen Materialschäden und bösen Überraschungen vor. Die Feldbetten mit den Klimanetzen durften wohl als Geschenk des Prinzenpaars gelten, jedenfalls wischte Abé eine Nachfrage diesbezüglich zur Seite. Auch das Material für ein gemeinsames Klettern am Steinbaum sollte hinreichen, um gravierende Stürze zu vermeiden.

Letztlich blieb nur die Suche nach dem rauchlosen Feuer. Eine Metapher, die bisher so nicht aufgetaucht war. Nur Afkarasar hatte sich als das tödliche, das erstickende, giftige Feuer zu erkennen gegeben. Visionen aus brennendem Teer, Bitumen, Autoreifen und Schweröl. Copper war ja ein engagierter Berichterstatter dieser und ähnlicher Impressionen gewesen. Régicide konnte diesen Antagonismus spüren. War Silah das reine Feuer? Zumindest lag der Name „Silah“ nahe an dem Gattungsnamen der „Sila“, das hatte Régicide aufmerksam beobachtet. Tatsächlich fand sich auch in Gesprächen mit Personen bei den Steinsetzungszeremonien ein Hinweis. Einer der Steine außerhalb des Lagers, im Norden, war vor gut zwei Wochen durch eine Gruppe errichtet worden, deren Sippenmutter angeblich eine Inkarnation der Silah sein soll. Die Gruppe hatte den Stein in grellem Rostrot bemalt und lediglich eine kleine, rechteckige Fläche plan geschliffen. Dort hatte man eine bedruckte Folie auf den Stein aufgebracht, die das Portrait einer geschmückten Frau mittleren Alters zeigt. Augenscheinlich eine Fotografie. Darunter stand in den Lettern des ostafrikanischen Tigrinia „Silah Batu“. Vieles sprach dafür, dass der Stein nicht von einer der vor Ort stark präsenten Gruppierungen aufgestellt worden war. Régicide durfte annehmen, dass es sich um Menschen aus Äthiopien, Eritrea oder einer nahegelegenen Region gehandelt haben musste. Auf der Erde um den Stein fanden sich Hinweise darauf, dass ein solides Feuer gebrannt haben muss, bevor man die Farbe aufgetragen hatte.

Silah Batu

Ehe sich Régicide versieht, erwischt er sich dabei, wie er seine Hand flach gegen den roten Stein legt. Wenn Régicides Vermutungen weiter in diese Richtung schweifen und es wirklich eine alte, vielleicht von niemanden wirklich entdeckte Verbindung zwischen dem Feuer dort und dem Feuer hier gibt, dann wäre er Atra ja eigentlich seit Beijing nicht mehr so nahe gewesen wie jetzt gerade… Welche Fragen würde das aufwerfen?

Norges Steinbild

Norges Vorhaben stieß nicht auf Schwierigkeiten. Der viertletzte Stein war ohne Verzierungen errichtet worden und zeigte vor allem bunter Farbmuster, Handabdrücke und Tiersilouetten von bewegender Einfachheit. Werkzeuge wurden von Hand zu Hand gereicht und nachdem Norge mit Kreide vorgezeichnet hatte, konnte er alsbald in der Hitze des Tages loslegen. Die schweißtreibende Arbeit war die erste Hauerei an diesem Setzstein. Die Ästhetik der japanischen Schriftzeichen fügte sich erstaunlich gut in den Kontext. Norge bekam auch ein paar Hinweise von anderen Arbeitern, wie er den Stein zu behauen hatte. Während der Arbeit schaute aus Norges Tasche eine kleine Figur interessiert zu, wie sich die Zeichen für das japanische Wort „anblicken“, „ansehen“ oder „bezeugen“ aus dem Fels formten: miru.

Atempause im Steinwald

Am Abend des 17. November 2073 hatte die einberufene Versammlung die Machenschaften der Agooji den Vertreterinnen und Vertretern der lokalen Gruppen enthüllt. Ulowa, Vertreter und Mitglied in der Verfassungsgruppe für die Fon, hatte seine Mittäterschaft eingeräumt. Somit war nach dem Giftgasangriff auch der Rückfallplan eines Verrats vereitelt worden.

Die verordnete Ruhepause war dringend nötig und half der SFG 77 Körper und Geist wieder in einen etwas ausgeglicheneren Zustand zu bringen. Norge und ein Arzt der Hilfsorganisation prüften die Teammitglieder (inklusive Tukka und Rafik) auf ihren Gesundheitszustand. Die ständige Belastungssituation, die Kämpfe, Verfolgungen und das Adrenalin der vergangenen Tage und Wochen hatten dafür gesorgt, dass jeder im Team einsatzbereit blieb. In der nun angeordneten Ruhephase zeigte Norges Gesundheitscheck die physische Einsatzbereitschaft, gleichzeitig schlug die Erschöpfung voll durch. Möglicherweise waren 48 Stunden Pause unbermeidbar. Am meisten hatte es wohl Negative mitgenommen. Seine innere Flamme hatte den Körper ziemlich ausgelaugt. Andererseits waren alle soweit einsatztaulich, angesichts der Umstände. – Tukka und Rafik waren kerngesund und ließen den Gesundheitscheck amüsiert über sich ergehen. Die seelische und psychische Belastung der SFG 77 galt für die beiden nicht. Sie nahmen die Ereignisse als gegeben. Sorgen waren auf die unmittelbaren Dinge beschränkt. Bedauern, Zweifel oder Zukunftsängste kannten sie nicht. Nach wie vor war es Negative, der die beiden weiterhin irgendwie an die SFG 77 band.

Mit den jüngsten Ereignissen und ihrem tatkräftigen Wirken hatte die SFG 77 sich einem Teil der Großen Zusammenkunft bekannt gemacht. Als „Fremde“ konnte das Team Aufgaben und Rollen übernehmen, die den Versammelten unmöglich waren. Interne Ermittlungen, Kampfhandlungen oder politische Intrigen waren dem Kernzweck der Zusammenkunft stark entgegengesetzt, weshalb die involvierten Akteure vor Ort die SFG 77 als eine „Spielerin auf der Tribüne“ zu schätzen begannen. Trotz Negatives Beziehung zum nigerianischen Prinzenpaar wurde die SFG 77 allgemein als eine neutrale Kraft wahrgenommen. Negatives Beziehung zur Schwarzen Idola Andikan schien kein breit bekanntes Wissen zu sein. Auch wenn man annehmen durfte, dass kundige Augen die Zeichen zu deuten wussten, gab es keine Hysterie. So boten die verschiedenen Gruppen in den Folgetagen auch verschiedene Hilfestellungen an:

  • Rago lässt im Namen der Hausa ausrichten, dass er vom Wirken der SFG 77 in Nakatombe gehört habe. Er bietet dem Team an, Unterstützung nach Nakatombe zu senden. Dabei denkt er an eine zivile Instandsetzunggruppe und eine Wahlaufsicht einer „Übergangsbehörde“ (ehemals Ordnungsbehörde), die im Wesentlichen versucht lokale Infrastruktur wieder aufzubauen, politische Beobachtung und Beratung durchzuführen und die abgelegenen Gebiete auf eine Zeit nach dem Chaos vorzubereiten. Außerdem bietet Rago Zugang zu seiner Werft am Tawani-See. Neben Zugang zu Booten könnte die Werft auch für die Betankung von Helikoptern sehr hilfreich sein. Rago wartet auf eine Rückmeldung.
  • Ilewin lässt unkompliziert mitteilen, dass er von Gerüchten gehört hat, wonach das Sandorakel durch die SFG 77 befreit werden soll. Er bietet seine Unterstützung für die Eroberung und die anschließende Besatzung an. Er kann zehn berittene Infanteristen und weitere zehn Soldaten in zwei leichten Fahrzeugen bereitsstellen, die im begrenzten Rahmen durch Wüstengeister getarnt werden. Die Tarnung bezieht sich vor allem auf Wärmesignatur und Staubentwicklung, z.B. bei einer Offensive. Diese Kämpfer könnten anschließend am Sandorakel verbleiben und mittelfristig verstärkt werden.
  • Auch Odam möchte gerne etwas im Austausch geben, doch die Möglichkeiten der Bariba scheinen begrenzt. Er überbringt der SFG 77 Schmuckstücke aus dem alten Bariba-Königshaus und eine Art Dpesche, die er als Pfand zum Einlösen von Hilfsbereitschaft ansieht. Darin wird der SFG 77 in Bildern und Sprache eine gute Beziehung zur Familie von Odam bescheinigt. Odam hofft, dass dies hilfreich im überfluteten Schwemmland, in der Region um die Villa Tombu oder anderen Gebieten der Bariba sein könnte.
  • Das Prinzenpaar bietet Negative vier Kämpfer aus der Prinzengarde für ein Vorgehen am Sandorakel an, darunter zwei Trolle, die nun im Prinzip Negatives Personenschützer sind – wenn er sie nicht anderweitig anweist. Außerdem eröffnen die Geschwister das Angebot, loyale Milizen aus der Grauen Zone zum Schutz nach Nakatombe zu senden. Sie verweisen auf die drohende Vergeltungsgefahr durch Agooji oder Mercenary Inc.
  • Die Fon bieten den SFG 77 letztlich durch Pelebe ein geschütztes Lager an. Dort wäre das Team von allen Alltagssorgen befreit, vom Trubel abgeschirmt und auch durch zahlreiche (zivile) Personen geschützt. Privatsphäre und freier Zugang wären natürlich (im Rahmen des Möglichen) garantiert. Pelebe formuliert dies als ein Angebot der Wiedergutmachung.

Desweiteren ergaben sich rasch auch Antworten auf einige Fragen der SFG 77:

  • Leider lässt sich kein Derrenger für Copper auftreiben. Die Orichalkum-Munition muss also in anderen Kammern Platz finden.
  • Ein Decker und entsprechendes Equipment ist nicht verfügbar. Zugang zur Matrix oder die Entschlüsselung der Headmemory ist in der Große Zusammenkunft nicht absehbar. Die Scrapper in Nakatombe sind die wohl beste Adresse, für die Datenentschlüsselung derzeit.
  • Ulowa hatte Negative Informationen zum Wirken der Idola versprochen, soweit möglich. Für die Fon sind die Idola vor allem ein Aspekt der Hausschreine und des Vodun. Es werden viele allgemeine Dinge bestätigt, die der SFG 77 bereits bekannt sind. Im Wesentlichen entsprechen die zahlreichen Idola dem, was man normalerweise als Totem bezeichnet, nur dass Idola abstraktere und oftmals gesellschaftliche Konzepte des Zusammenlebens ausdrücken. Dem stehen die Totems als reine Tier- und Naturgeister gegenüber. Einige Idola haben derzeit überregionale Bekanntheit erlangt. Dazu zählen als Schwarze Idola: Afkarasar (auch „Opiumtraum“ genannt), Andikan („die Eroberin“), Mambu („Blut und Boden“), Zimba („Maschinenzombie“). Als Weiße Idola mit überregionaler Bedeutung gelten: Massuutu („Heilung des Landes“), Labima („die ewige Kunstfertige“), Zambede („der Atem des Hauses“). Zudem fallen die Namen Assomba, als Idola der Familienbande, Validane, als Idola des Wirtschaftshandelns, und Silah, als Eidgöttin. Deren Ausrichtungen sind jedoch unklar oder gelten als widersprüchlich. Sie sind also möglicherweise entartet oder nicht – oder beides. Ansonsten sind auch traditionelle Schamanen der Fon und Hausa der Ansicht, dass die Primordial Flower intimes und geheimes Wissen über die Gegenwart der Idola besitzen. Das bedeutet, dass auch Schamanen teilweise nicht so recht verstehen, was die moderne Welt aus ihren Idola gemacht hat oder wie sie miteinander in Beziehung stehen. Insofern betrachtet man die Primordial Flower als eine Art Medium, durch die man verstehen kann, wie die Welt der Idola durch die Brille der aktuellen Moderne aussieht.
  • Eine Fernaufklärung des Sandorakels wurde von Norge und anderen ohne Rückgriff auf Drohnen vorgeschlagen. Die Scrapper Wasotu und Lomo sehen sich prinzipiell dazu in der Lage, sofern sie entweder Reittiere oder wüstentaugliche Fahrzeuge erhalten. Sie sagen aber auch, dass sie das mit den anderen in Nakatombe besprechen möchten, sofern nicht Leib und Leben direkt davon abhängt. Auch die Frafa lassen sich vom Sinn einer Aufklärung überzeugen. Sie können sich vorstellen, einige Krieger zusammen zu entsenden, um einfach mal nach der tatsächlichen Lage zu schauen. Frafa-Krieger sind keine ausgebildeten Soldaten. Dementsprechend dürften sie ihre eigene Sicherheitslage und auch die potentiellen Feindkräfte nur unzureichend einschätzen können. Die Scrapper scheinen Katz-und Maus-Spiel mit Konzernen eher gewohnt.
  • Befragt man Ulowa nach den gewünschten Einflüssen der Agooji auf die neu entstehende Verfassung, dann sind die Informationen nicht sehr präzise. Die Agooji haben scheinbar nicht detailliert versucht über Ulowa EInfluss zu nehmen. Zwei Dinge hält Ulowa jedoch für sicher: Am meisten haben die Agooji (nach Aussage der nun toten Kaita) die Aufhebung des Territorialprinzips begrüßt, also die Zersetzung des Staates Dahomey. Dieser Teil, der ein zentraler Pfeiler im Entwurf der neuen Vision von Dahomey ist, kommt den Agooji sehr entgegen. Die größte Sorge oder Furcht haben die Agooji vor der Einführung des Prinzips eines symbolischen Tauschs als Verfassungsgrundsatz. Darin liegt der Versuch, die mystische und moderne Welt gereglt miteinander in Ausgleich zu bringen. Das passt bei den Agooji wohl nicht so gut in den Plan.
  • Der symbolische Tausch, der als Verfassungsgrundsatz vor Ort diskutiert wird, bezieht sich auf ein vormodernes Konzept des Zusammenlebens, das am besten in Abgrenzung von Markt- oder Warentausch zu verstehen ist. Ulowa und insbesondere Ilewin können erklären, dass der symbolische Tausch keinen „Wert“ kennt, sondern ein „Ordnungsprinzip“ ist. So wie etwa ein Gastgeschenk und die Gastfreundschaft oder eine Beerdigung als Tausch zwischen dieser und jener Welt, oder eine Hochzeit etc. Der symbolische Tausch vermittelt also Ordnungen des Zusammenlebens und insbesondere auch zwischen der profanen und mystischen Welt. Man gibt in den Tausch kein „Eigentum“ und auch keinen „Einsatz“ sondern seine Stellung, seine gesellschaftliche Rolle, ganze Lebensabschnitte, Anerkennung usw. Da sich der symbolische Tausch auch auf die mystische Welt erstreckt, umfasst er in der Erwachten Welt mittelbar auch Gesundheit (Abwesenheit von bösen Geistern und Göttern), Glück, Rache der Ahnen, Nachfahren, Bestand der Natur und des materiellen Besitzes. Wenn nun beispielweise ein Politiker ein Amt (Macht) auf Zeit im Sinne des symbolischen Tauschs übernimmt, dann kann der adäquate Gegenwert keine „Kompensation“ sein (etwa Lohn), sondern Ohmmacht. Er muss etwas vollumfängliches und adäquates dafür aufgeben (z.B. für einige Zeit das Familienleben oder seine bisherige Stellung). Daher ist diese uralte, prähistorische Form des Tauschhandels im Falle des Extrems ein Handel mit dem Tod, weil gewisse Dinge nur mit dem Tod erworben werden können. Andernfalls wäre die Ordnung des Zusammenlebens gestört. Daher spricht die Verfassung an dieser Stelle wörtlich vom Tod. Wer das höchste Amt in einem Zweckverband Dahomeys ausüben will, verlässt die private Ordnung, Familie und andere Beziehungen und kehrt dahin niemals zurück. Im Anschluss an das Amt tritt dann der Übergang in die Ahnenwelt. Copper, der sich einmal mit Grundlagen der Rechtslehre beschäftigt hat, oder Negative, der gerade dabei ist, diese Welt für sich zu erdecken, erkennen vielleicht in Rafik und Tukka zwei Menschen, die nur im symbolischen Tausch leben und den modernen, marktförmigen Tausch von Werten, Waren, Summen und Anhäufungen nicht verstehen. Régicide dürfte die Idee des symbolischen Tauschs am ehesten aus dem Umgang mit Geistern bekannt sein. Allerdings sind diese mystischen Prinzipien nicht eins zu eins auf die rein menschliche Welt zu übertragen. – Warum der symbolische Tausch? Die Verfassungsgebende Versammlung ist scheinbar der Ansicht, dass die Moderne am kapitalistischen und warenförmigen Tausch zugrunde geht und sieht im Rückgang auf eine völlig andere Tauschform eine Chance, Dahomey zu helfen. Den Agooji ist das nicht willkommen, weil diese Tauschform möglicherweise die Entartung der Idola durch moderne Lebensweisen verringert. Tradition und Moderne, spirituelle und materielle Welt, Religion und Wissenschaft könnten im symbolischen Tausch vielleicht zusammenfinden.
  • Negatives Idee, dass die Geistreise ante oder post mortem der Agooji mit den Idola zusammenhängen könnte, lässt sich nicht sicher prüfen. Negatives bisherige Unterweisungen in den Prinzipien Andikans zeigen durchaus Spielraum zur Interpretation. So schützt Andikan ihre Gemeinschaft verbissen und effizient, was konsequenterweise auch bedeuten kann, dass ihre Mitglieder selbst nach dem Tod noch gebunden bleiben oder auch Verrat in der Gefangenschaft durch eine Trennung von Körper und Geist vereitelt wird. Auch eine Bestrafung im Falle des Scheiterns könnte eine Erklärung sein. Hier fehlt es aber an weiteren Hinweisen. Prinzipiell ist die Annahme, dass Idola diesen Effekt mit beeinflussen oder hervorrufen, wahrscheinlich. Man denke etwa an den Capo der Afkarasar, der sich auch nicht mit seinem Tod zufrieden gab.