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Nachrichtensperre über Beijing

BEIJING – Was gestern Nachmittag mit vereinzelten Sitzblockaden am Bahnhof Beijing Central Station begonnen hatte, entwickelte sich im Verlauf des Tages zu massiven Demonstrationen und Konfrontationen zwischen Zivilisten und kantonesischen Sicherheitskräften.

Die Lage verschärfte sich nach einem Brandsatz in einer öffentlichen Toilette und einem Abfallcontainer im Beijing Central Business District (CBD). Informanten vor Ort zufolge, entschied sich die Urbane Brigade Beijing kurz vor Sonnenuntergang zur Ausrufung und Durchsetzung einer Sperrmeile über dem CBD, da es immer wieder zu punktuellen Zwischenfällen und Sabotageversuchen am Verkehrssystem kam.

Örtliche Konzerne und private Sicherheitsdienstleister wurden angewisen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht aus den Konzernanwesen zu entlassen, bis man diese geordnet und unter Wachschutz zu den öffentlichen Transporteinrichtungen eskortieren würde.

Die Sperrmeile und das sehr harte Durchgreifen der Urbanen Brigade provozierte bis ca. 22 Uhr Ortzeit zahlreiche unerlaubte Versammlungen und Barrikaden entlang der Nord-Süd Hauptachse durch den CBD bis hinein in die Arbeiterquartiere der nördlichen D-Gebiete. Ein angebliches Selbstmordattentat brachte unmittelbar darauf den öffentlichen Personenverkehr im zentralen Cluster von Beijing zum Erliegen.

Den lokalen Staatsmedien zufolge, richtete sich der Selbstmordangriff gezielt gegen Verkehrsleitknotenpunkte nahe der Central Station. Die Zahl der Opfer ist bisher unbekannt.

Als Reaktion auf den Angriff wurde in zwei Stadtquartieren der Notstand ausgerufen und eine Ausgangssperre über die Arbeiterquartiere verhängt. Gleichzeitig verhängte die COC eine umfassende Nachrichtensperre über das gesamte Stadtgebiet. Die schrecklichen Bilder und Augenzeugenberichte der nun aufziehenden Nacht, waren Ergebnisse der verzweifelten Versuche, einen Einblick in die weiteren Geschehnisse zu erhalten.

  • Kantonesische Sicherheitskräfte

Bis um ca. 24 Uhr Ortszeit konnte die Urbane Brigade die Hauptachse zwischen dem Arbeiterquartier Xsunchan und dem CBD sichern und Durchgangskontrollen einrichten. Währenddessen wurde inoffiziellen Quellen zufolge von einem Großbrand im CBD sowie zwei ungeleiteten, bewaffneten Großgruppen in Xsunchan und Baoche berichtet. Es kam zum Schusswaffeneinsatz. Auf dem künstlichen Kanal des Einkaufszentrums entstand ein Ölbrand, der die gesamte Flaniermeile in schwarzen Rauch tauchen soll. Verstärkungen aus den Polizeikasernen der Stadtränder sollen mit gepanzerten Fahrzeugen und militärischen Drohnen in die Stadt verlegt worden sein.

Aus regimekritischen Kreisen dringen immer wieder Trideos, Bilder, Funk- und Tonmitschnitte aus Beijing heraus. Es muss davon ausgegangen werden, dass sich nach Mitternacht die anfänglichen, ungemeldeten Demonstrationen zu Konfrontationen mit bewaffneten Gruppen gewandelt hatten. Die Stadtregierung Beijing spricht von vorbereiteten Angriffen regierungsfeindlicher Untergrundorganisationen.

Dem gegenüber lassen sich nur wenige Beweise für ein koordiniertes Vorgehen der zahlreichen Angreifergruppen und Brandstiftungen finden. Stimmen von der Straße berichten davon, dass sich viele Straßenzüge und Quartiere mit Barrikaden und spontanen Milizen gegen das Eindringen von Sicherheitskräften und vermummten Gewalttätern gleichermaßen schützen wollen.

Die unübersichtliche Lage wird durch die Stadtregierung und der Urbanen Brigade nun seit mehr als 12 Stunden aktiv aufrecht erhalten. Diese Strategie der Desorientierung soll das koordinierte Vorgehen gegen Demonstranten und Gewalttäter begünstigen. Für Außenstehende ist es dadurch fast unmöglich, die Lage neutral zu beurteilen.

Heute, am frühen Nachmittag, hatten sich Feuer und Angriffe dann gemildert. Trotz Ausgangssperre in zahlreichen Distrikten versammelten sich vielerorts friedliche Demonstranten, die eine Mäßigung der Situation anmahnten. Dazu mischten sich Kriegsgegner, die im Zuge der jüngsten Enthüllungen über einen Kurswechsel der Yutani Corporation einen überfälligen Schritt zum Frieden im Pazifikkonflikt und ein sofortiges Ende jeglicher Gewalt einforderten. Laut Innenministerium handelt es sich dabei jedoch um regierungsfeindliche Propaganda. Die Demonstranten seien als registrierte Kriminelle bekannt.

In dieser Abendstunde des 23. Februar bleibt uns nur ein banges Abwarten. Ob die kommende Nacht und die folgenden Tage eine Entspannung bringen, ist ungewiss. Die Stadtregierung, aber auch die Regierung der COC, sind im Zugzwang. Zahlreiche Mega-Konzerne haben ernste Sorge angemeldet und auf eine rasche Befriedung gedrängt.

Ähnliche, wenn auch wesentlich weniger eskalierte, gewaltsame Ausschreitungen und Friedensdemonstrationen hatten am frühen Morgen des 23. Februar auch weitere Großstädte im Pazifikraum ereilt. So etwa in Tokyo und Java.

Channel 9 Pacific News, 23. Februar 2073

An einem Keuzweg: wohin?

Die Flucht von Kappa YC verlief glimpflich und – man darf es sagen – eigentlich wie geplant. Geplant war so einiges worden. Je länger Operation Kimono dauerte, desto schrecklicher wurde deutlich, welch weitreichende Manipulationen den Weg für eine Zusammenführung der Schwestern möglich gemacht hatten. Norge hatte es schonungslos erkannt: man war benutzt worden. Aber wie so oft, sind die Dinge nicht immer ganz so einfach und wollten aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Es war auch richtig festzustellen, dass die SFG 77 nach Befehl gehandelt und keinen Verrat begangen hatte. Der Beginn der Gewalt lag zudem weder bei der Tochter Yutanis noch bei der Einsatzgruppe. Es war Eric gewesen, der das erste Blut vergossen hatte. Warum? Wollte er euch abhalten, oder wollte er Kiru für sich?

Mirus kalkulierter Plan, der Algorithmus einer perfekten Lösung, war an Eric scheinbar gescheitert. Ihr, Kiru, Miru und Asiru an einem Ort, zusammen mit Mary Beth Owen und dem Schlüssel zu Bricks Heilung: die gehüteten Geheimnisse von Etusan II. Miru hatte letztlich Wort gehalten und den Knoten aufgelöst – und euch dabei zu Variablen in ihrem berechnenden Bewusstsein reduziert. Beinahe wäre der Plan perfekt gewesen.

Das Suborbital der Yametutsu Global Industries trägt die SFG 77 nun auf einem unbekanntem Pfad. Hier gibt es scheinbar keine vorgeplanten Pfade. Ihr seid allein mit euch und eurer Verantwortung. Scheinbar eine Auszeit, eine Pause. Doch es kommt anders. Die versprochenen zwei oder drei Tage werden euch nicht vergönnt.

Während Zoé versucht Daisuke Haki, den Customer Agent der Yutani Corporation, an ein Kommunikationsterminal zu bekommen, erreicht der Yametutsu Global die Reisehöhe von 23 Kilometern über dem Wasserspiegel. Bricks Befürchtungen bewahrheiten sich: Etusan III erwacht zum Leben. Es reisst Brick überraschend zu Boden, als er zur Toilette gehen will. Schüttelfrost packt ihn, und sein Lehrer Blick glotzt in ein Jenseits, das nur er sehen kann. Verzweifelt versucht man ihn festzubinden. Negative stürmt mit einem Med-Kit heran, Norge hält ihn fest und Zoé… blickt in seine schwarzen Augen. Was immer Brick auf der anderen Seite sieht, es scheint eine Vision des Horrors zu sein. Seine Cyberware versagt, er spuckt Blut und stammelt, und stammelt: „Zu hoch, zu hoch…!“

Régicide eilt mit langen Schritten heran, will helfen, will das Befürchtete prüfen und gleitet mit dem Auge in den Astralen Raum. Wie ein Sack fällt Régicide neben Brick hin und rührt sich nicht mehr. Zwei Männer der SFG 77 sind am Boden. „Hiller! Sinkflug, Sinkflug!“ gellt der Schrei, aber die Pilotin sagt, dass sie im trägen Suborbit nicht einfach sinken kann! Sie braucht ein Ziel! Hektik bricht aus. Die Verbindung zu Diasuke Hiku ist noch nicht hergestellt, es kann noch Stunden dauern, bis man durch die Warteschleifen der Konzernkommunikation durchgestoßen ist. Was ist da los? Warum meldet sich niemand?

Dann, plötzlich, wacht Régicide auf, aus seinem Koma. Und auch Brick, dessen Gesicht und Brust von eigenem Schleim und Blut bedeckt ist beginnt zu stammeln: „Sie sind hier, sie kommen mich holen! Ich ertrinke, ich ertrinke!“ Er scheint im Delirium, aber Norges medizinische Behandlung scheint ihn zurückzuholen. Oder ist es doch etwas anderes? Collette Hiller gibt über Funk durch: „Wir treten jetzt genau in den Schatten zwischen Erde und Mond ein, für zwölf Minuten. Unsere Höhe beträgt 22600 Meter.“ Bricks Leiden wird gelindert.

Régicide indes, scheint sich als erwachter Magier zu weit von Gaia fort gewagt zu haben. Sein Zustand ist ebenfalls schrecklich, aber besser als Brick. Mit zitternder Stimme berichtet er von weiteren Geheimnissen, die der Anfall aus seinem Unterbewusstsein gerissen hat: er hat den verloren Akt gefunden, der unter den Bergen von Yunnan verloren gegangen war. Fieberhaft betet er die vergessenen Gedanken orgiginalgetreu runter – bis der Yametetsu Global aus dem Schatten zwischen Mond und Erde heraustritt.

Während Régicide an Norge und Negative berichtet, was er nun wieder über Operation Golden Gap erinnern kann, wird Zoé zum Terminal gerufen. Daisuke-dono ist in der Leitung. Oder irgendjemand oder irgendetwas, der behauptet, Daisuke Hiku zu sein. Der Mann wirkt gesetzt, erfahren und strahlt sogar über das Terminal eine gewisse Ruhe aus, während auf dem Suborbital Ausnahmezustand herrscht. Als Zoé die Karten auf den Tisch legt, wirkt Daisuke rational und informiert: „Wenn dies die Dinge sind, die sie erlebt haben, dann haben sie jetzt alles Recht so zu handeln, wie sie es für richtig halten. Die Dinge sind im Moment im Umbruch, aber ich kann ihnen folgendes Angebot hier und jetzt machen: Ich bin gebeten worden ihnen mitzuteilen, dass Mary-Beth Owen in Begleitung von sieben Personen nach Manila gebracht werden wird. Was dort geschehen wird, ist nicht vorherzusehen. Sie haben aber gute Chancen, vor ihr dort zu sein, wenn sie sich für diesen Weg entscheiden. Egal wofür sie sich entscheiden, bietet ihnen die Yutani Corporation eine alternative SIN auf einen Namen und eine Nation oder ein Unternehmen ihrer Wahl an, um sie für die Aufwände auf Kappa YC zu entschädigen. Diese SIN werden ihnen dort bereitgestellt, wo sie es möchten. Mehr, kann ich ihnen nicht anbieten und ich hoffe, dass sie und ihr Team es annehmen können, Zoé-san.“

Nach dem Gespräch sind die Hiobsbotschaften noch nicht vorrüber. Erneut ist es Collette Hiller, die kurz darauf dem Team mitteilt, man solle die Nachrichten anschauen. Scheinbar habe es gravierende Ereignisse in den letzten Stunden gegeben, und sie habe so ein „ganz dummes Gefühl“, wenn sie in den Rückspiegel schaue.

Was bleibt am Kreuzweg? Die SFG 77 muss sich nun entscheiden. Die Fakten liegen auf dem Tisch:

  • Geheime Forschungsdokumente über Etusan III sind im Besitz des Teams. Will man diesen Dingen und damit Bricks Hilfe nachgehen?
  • Mary-Beth Owen ist auf dem Weg nach Manila. Wird dies Priorität genießen?
  • Durch Régicides und Bricks Höhenflug, ist nun der vergessene Akt von Operation Golden Gap aufgeführt. Eine Spur führt nach Beijing – in die Höhle des chinesischen Feindes.
  • Die wieder vereinte Tochter Yutani hat die Kontrolle übernommen. Operation Kimono hat immer noch Bestand. Wird es eine Verhandlung geben? Aber wenn ja, mit wem und wo? Und was hat man in der Hand?

Diese Karten liegen zwar auf dem Tisch. Aber im Stapel stecken noch eine Menge mehr. Denver, Skiurlaub in den französischen Alpen oder ein neues Leben in Berlin? Was wird die SFG 77 entscheiden? Ach ja, da gibt es natürlich auch noch Captain Uzun, der seine besten Männer und Frauen auf entscheidender Mission weiss.

Alle Mitglieder der SFG 77 sind zur Beratschlagung bei Bewusstsein, aber man weiß nicht, wie lange das sein wird. Mehr als eine Stunde will niemand so recht riskieren, dann sollte man sich entschieden haben, damit Hiller absinken und auf einen Landeflughafen zusteuern kann.

Erdbeben erschüttert den weltweiten Aktienmarkt

Yutani Corporation plant Restrukturierung. Geschäftsnachfolge veröffentlicht.

Eine Kette unglaublicher Zwischenfälle hat heute am frühen Morgen (UTC+10) den weltweiten Aktienmarkt und insbesondere die führende Konzernwelt des Pazifikraums erschüttert. Yutani Corporation Headquarter Tokio veröffentlichte zeitgleich mit dem Yutani Corporation Customer Service and Marketing Office in Denver FTZ, UCAS-Sektor, eine Presseerklärung zur Umstrukturierung des Großkonzerns. Unmittelbar davor kam es zu Entlassungen und Personalumbauten in über zweihundert Bereichen des mittleren Managements und der Produktionsleitungen in fast allen Tochterunternehmen und Holdings der Yutani Corporation. Zudem wurden die wichtigsten Kundenportale und Matrixpräsenzen weltweit für 20 Minuten vom Netz genommen und neu organisiert. Der asiatische und nordamerikanische Aktienmarkt ist um 12% gefallen.

In der Presseerklärung heisst es unter anderem zur neu verkündeten Unternehmensphilosophie:

„Der heute in Gang gesetzte Plan zur Restrukturierung der Teilorganisationen und Geschäftspläne der Yutani Corporation verfolgt konsequent den in der letzten Dekade eingeschlagenen Weg. Nach der Entdeckung und Beherrschung immer weitreichenderer, revolutionärer Technologien kann eine nach vorwärts gerichtete Vision nicht mehr im bestehenden status quo operieren.

Dies ist der Anfang einer neuen Idee, ein Schritt in eine neue Dimension einer gemeinwohlorientierten Weltgestaltung und eines neu entfachten Aufbruchssinn. Ein Schritt der ethischen Vision, in Zeiten ökonomischer Sinn- wie Finanzkrisen. Gemeinsam eine bessere Welt zu bauen, ist ein zu lange gehegter, aber unvollendeter Plan geblieben. Die Rechte auf Selbstbestimmung der vernunftbegabten, erwachten Welt sind formuliert, aber nicht eingelöst.

Die Yutani Corporation beginnt daher ein Programm zur Überwindung des Menschen durch den Menschen selbst. Als eine Bewegung, die sich ihrer ökonomischen und moralischen Integrität und Stärke bewusst ist, formuliert sie gegen die Missstände der Zeit:

* Der Sinn globaler Wirtschaftsmacht und Prosperität ist die Überwindung der Nationalstaatlichkeit. Die Zeit, in der die liberale Wirtschaftsordnung auf den Schutz und die Zwangsgewalt der Nationalstaaten angewiesen war, muss überwunden werden.
* Ethische Integrität und Identifikation aller Konzernangehörigen mit den Visionen einer gestaltbaren Welt hat Vorrang vor rein ökonomischen Erwägungen.
* Jede Tätigkeit der Yutani Corporation soll ein Beitrag zur wertegeleiteten Gestaltung der Zukunft sein.
* Die Gestaltung einer besseren Welt betrifft das internationale Wirtschaftssystem, es betrifft aber auch die Welt jedes einzelnen Mitarbeiters. Jedes Mitglied der Yutani-Familie ist ein unschätzbarer Teil des Reichtums der Yutani Corporation; auf ihnen gründet die Macht, die Zukunft zu gestalten.
* Die Fähigkeit, sich eines Verstandes bedienen zu können, ist Quell von Würde. Der Mut, sich dessen zu bedienen, ist Quell von Recht auf Mitbestimmung. Die Erwachte Welt und ihre neuen Bewohner haben die letzten Zweifel beseitigt, dass das alte Menschenbild nicht mehr gilt. Die Brücke zwischen dem Geist der Maschine und dem Geist der Natur muss geschlagen werden.
* Nicht das Reden und Politisieren (talk and debate) ist der Leitspruch der Zukunft, sondern die Visionen und das Handeln (visionize and act). Durch das Mitwirken allein, erwerben sich Mensch und Unternehmen das Recht auf Gestaltung der Zukunft.

Zu diesem Zweck hat die Yutani Corporation einen Fond zur Nutzbarmachung des Etusan III eingerichtet. Es wird ein weltweiter Wettbewerb ausgeschrieben, der den Zugang zu Etusan III regulieren soll. Ziel des Wettbewerbs ist die Gründung alternativer und zukunftsfähiger Visionen des Zusammenlebens in Städten auf und jenseits unserer Erde.“

Nähere Details wurden nicht bekannt gemacht. Im Zuge der Presserklärung wurde ebenfalls enthüllt, dass die „Kriegstaube“ Miss Yutani, Konzerneigentümerin und CEO der Yutani Corporation, ihre leibliche Tochter als Rechtsnachfolge eingesetzt hat und diese nun in die Firmengeschäfte einführen wird. Die Tochter, deren Verbleib nach einer schweren Krankheitsdiagnose 2060 unbekannt war, ist Schätzungen zufolge gerade einmal vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Wie bei allen Erben der Yutani Familie, sind Details über die Person streng gehütete Geheimnisse. Kaum etwas dringt nach außen. Nun trat die Tochter von Miss Yutani vor die Kameras in Denver und verkündete, dass sie unter Vormund der Mutter die Leitung der beiden Tochtergesellschaften High Sea Deep Sea Opening und YSM – Advanced Space Mining ab sofort übernehmen wird. Dies sind die zwei bedeutendsten Tochtergesellschaften für Ressourcenabbau der Yutani Corporation. Zusätzlich nimmt sie die Arbeitsgeschäfte als Executive Officer des Tokio Hauptquartiers auf. Begleitet und unterstützt wird sie dabei durch einen eigens zusammengestellten Beraterstab, der die Minderjährige als Quasi-Praktikantin begleitet.

Miss Yutani selbst, trat nicht an die Öffentlichkeit, um sich zu diesen markanten Umbrüchen zu äußern.

Es ist heute nicht absehbar, woher diese Ereignisse rühren, welche Auswirkungen sie auf den Finanz- und Wirtschaftssektor haben werden oder inwieweit dies den Pazifikkonflikt beeinflussen wird.

Verlegung nach Tokio

Am 12. Februar 2073 wird die SFG 77 wie geplant nach Tokio verlegt und verbringt dort neun Tage.

Die Unterkunft der Einsatzgruppe in Tokio ist gelinde gesagt dekadent. Das „Fifth Season“ im Megaplex Tokio liegt in einer AA-Gegend. Die Ausmaße erinnern an ein Fußballstadion olympischer Dimension unter einer einzigen, flachen Glaskuppel. Leider kann auch diese Glaskuppel den ewigen, grauen Smog und die dunklen Wolken Tokios nicht verbergen. Doch der grüne Park mit Bäumen, Blumen und Wasserspielen im Zentrum der Hotelanlage wiegt das zweifelsohne auf. Die Einsatzgruppe bewohnt ein Appartment mit verglaster Dachterasse, dezente 162m², sechs Zimmer. Läppische 4,600 =Y= kostet hier die Tagesmiete, voller Zimmerservice inklusive: Friseur, Massage, eigener Koch. Zwei fortgeschrittene Serviceroboter, die kaum von Menschen zu unterscheiden sind, stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Es besteht das Gerücht, dass sich die beiden Modelle (Mann und Frau) auch als Lovebots verstehen, aber bisher hat keiner die richtigen Kommandos rausgekriegt. Warum auch. Wahrscheinlich würden die Chippendales oder eine Geisha-Kompanie einfach auf der Spesenrechnung untergehen.

Japanische Sprache: Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel trifft ein Sprachlehrer ein. Der zweisprachige Japaner wird von Zoé und einer weiteren Trainerin unterstützt, das Team soweit in das Japanische einzuführen, dass mündliche Alltagssituationen unkompliziert zu lösen sind. Das hat auch ein bißchen was mit Begabung zu tun, aber letztlich geht es um Grundlagen. Und Praxissituationen gibt es genug. Immerhin ist man in Tokio! Neben Alltagssituationen stehen auch einsatzbezogene Phrasen auf dem Lehrplan: „Angriff“, „Rückzug“, „Folgen Sie mir.“, „Sprengstoff“, „Gefahr“, „Befehl“ usw. Der Unterricht wird mit aufwändigen Medien und viel Praxis absolviert und knüpft an Zoés Vorarbeiten an.

Einweisung in die Positionen von AIM: Wie angekündigt, trifft am zweiten Tag der Vertreter der AIM Regions Division Group 6 (Asia) ein, der auch die Verhandlung zwischen Daisuke Hiku und Dr. Williams kommentiert hatte. Der junge Mann tritt professionell und selbstsicher auf. Seine Aufgabe ist es, die Einsatzgruppe auf die Mission noch einmal intensiver inhaltlich vorzubereiten, wie es Régicides Anregung gewesen war. Die Botschaft ist eindeutig: AIM folgt im Wesentlichen der Haltung der Yutani Corporation, wenn es um den Pazifikkonflikt geht. AIMs diplomatisches Engagement betrifft offiziell nur die Art und Weise, wie der Konflikt ausgetragen wird, nicht aber den Gegenstand oder das Ergebnis des Konflikts selbst. Vorrangiges Ziel ist dabei die Abkühlung des Konflikts und seine Verlagerung auf diplomatisches Parkett, fort von direkten Kampfhandlungen und kriminellen Stellvertreterangriffen. Inoffiziell vertritt AIM die Ansicht, dass man Etusan III und dessen technische Nutzung auf längere Sicht nicht der COC (oder dem Rest der Welt) vorenthalten kann. Es muss also zu einem Interessenausgleich kommen. AIM möchte am Ende des Pazifikkonflikts möglichst in der Position sein, eventuelle Vereinbarungen zwischen den Konfliktparteien als neutrale Partei zu überwachen (z.B. im Rahmen eines Mandats der Vereinten Nationen oder des Corporate Court). Das ist aber gegenwärtig noch nicht absehbar. Es hängt sehr viel davon ab, wie der Konflikt beendet wird. Sollte die Einsatzgruppe also in die Lage kommen ihre Meinung oder ein Urteil abzugeben, dann sollte sie sich an diesen genannten Positionen von AIM orientieren.

Shopping-Tour! An einem der ersten Tage kommt es zu dem vielleicht denkwürdigsten Besuch im Appartment der Einsatzgruppe. Tagati Tiku, ein homosexueller Elf japanischer Abstammung, betritt als Stilberater die Bühne. Und er kommt nicht allein. Begleitet wird er von fünf Mitarbeitern. Für jedes Mitglied der Einsatzgruppe einen. Dann geht es mit trollgerechten Limousinen in die teuerste Einkaufsmeile der Stadt. Es ist ein Spektakel sondergleichen. Die Boutiquen wurden auf die Ankunft der Gesandtschaft scheinbar vorbereitet. Einige schließen extra für den Besuch das Geschäft für andere Kunden. Da kaum jemand aus dem Team in die Konfektionsgröße passt, wird ohnehin alles maßgeschneidert. Man versucht den Anforderungen der Konzernelite und den Vorlieben der Teammitglieder gerecht zu werden. Es wird ein Ringen um Modestandards, Einsatztauglichkeit und bunte Farben (Zoé). Der Stilberater versteht sein Geschäft. Wie ein Despot unterwirft er die Lakaien, die messen, buckeln, gestikulieren und hart arbeiten. Am Ende sind Anzüge, Mäntel, Schuhe, Accessoires und Parfums ausgewählt. Die Maßanfertigungen sehen das Verbergen von Pistolen, Maschinenpistolen und Messern extra vor (Tarnstufe +1). Die ausgewählte Schutzkleidung kann perfekt damit kombiniert werden (Rüstung mit Tarnung 6 oder höher erhält zusätzlich +1 Tarnstufe). Gnädigerweise wird die Rechnung an irgendjemanden geschickt. Dem Einsatzteam bleibt der Schock erspart. Im Geiste sieht man CPT Uzun am Schreibtisch, die Stirn in der Hand vergraben, den Borubon fest umklammert. Am späten Abend darf man die neuen Monturen dann auch gleich in einem Restaurantbesuch ausprobieren, zusammen mit dem Stilberater und einer Etikette-Trainerin der Yutani Corporation…

Einweisung in die japanische Etikette und die Gepflogenheiten der Yutani Corporation: Eine Mitarbeiterin der Yutani Corporation kommt am drittenTag zu Besuch in das „Fifth Season“. Ihr porzellanhaftes Äußeres und die vollendeten Umgangsformen ließen selbst den Elfenhof von Tir Tairngire plump und unbeholfen aussehen. Doch die Frau passt sich an. Fünf Tage führt sie die Einsatzgruppe jeweils einige Stunden in die japanische Gesellschaft ein. Das umfasst überfüllte Straßenrestaurants zur Rush Hour, Pendlerverkehr, Entspannung in künstlichen Parks, traditionelles Abendessen der Oberschicht, eine Begehung eines städtischen Industrieparks (mit Schutzanzügen) und – natürlich – ein Karaoke-Besäufnis bis in den frühen Morgen. Am Ende der Ausflüge hat jeder im Einsatzteam ein gutes Gefühl dafür, wie Japaner verschiedener Schichten auf ihn so im Alltag reagieren. Es lässt sich ungefähr so zusammenfassen, wie Zoé es bereits aus eigener Erfahrung berichtet hatte: niemand, der nicht aus einer japanischen Familie stammt, wird jemals wirklich hier hingehören. Andererseits spielen die Metarassen für Ausländer keine so große Rolle wie befürchtet. Zwar leiden japanische Metas und deren Familien sehr unter Herabwürdigung und Gesichtsverlust, bei Ausländern scheint das aber nicht so zu sein. Da gilt eher, wie gut man sich verhalten kann, ob man sich an die Regeln hält, gepflegt und erfolgreich wirkt, Respekt zollt. In der Unterschicht oder Unterwelt sieht das vielleicht anders aus. Aber das spart die freundliche Mitarbeiterin der Yutani Corporation aus. Am letzten Tag erhält die Einsatzgruppe eine Führung durch eines der produktiven Hauptwerke von YC in Tokio (Hydrotechnik und Leistungshalbleiter). Bei dieser Gelegenheit lernt man einiges über die Geschichte der Firma und die besondere Bedeutung der „Yutani-Familie“, der sich jeder Mitarbeiter zugehörig fühlt. Insgesamt ist YC ein Paradebeispiel für einen weltweiten Kraken, der sich eine Parallelwelt erschaffen hat, in der es die dunklen Seiten der Gesellschaft nicht mehr zu geben scheint. Wessen Herz für die Geknechteten schlägt oder wer etwas gegen Konzerne und ihre aalglatte Art hat, wird nach dieser Besichtigung umgehend die Toilette aufsuchen müssen. Wer allerdings die Leistungsfähigkeit, kulturelle Entwicklung und den Lebensstil der globalen Großkonzerne bewundert, wird sich vielleicht heimlich wünschen, für YC arbeiten zu können. Der Unterschied zu AIM wird jedenfalls physisch greifbar: was die Association in Kriegsgerät, Flugzeugträger, Bunkeranlagen und Divisionen investiert hat, floss bei YC in Zukunftstechnologien, Forschung, Imagekampagnen und Lebensentwürfe für die Welt von morgen.

Impressionen aus dem Wartezimmer

Über die Wochen im Dezember 2072 und Januar 2073 hatte es sich Brick, unterstützt von Norge und Zoé, zur Angelegenheit gemacht, die sich anbietenden Ärzte zu konsultieren. Im Fokus stand natürlich die Diagnose einer extremen, exotischen Strahlenkrankheit, ausgelöst durch Etusan III.

Die erste Visite erfolgte zügig nach dem Ende der Geiselsituation. Begleitet und gedeckt durch Dr. Sigrid Johannsdottir reisten Zoé, Brick und Norge nach Köln, Allianz Deutscher Länder. In den schier endlosen Labyrinthen des Rheinischen Industriekomplexes tauchten die Gefährten gemeinsam in die Schatten ein. Nicht unbedingt wortwörtlich, aber gefühlt. Johannsdottir arrangiert zwei Treffen. Das eine findet in einem Repräsentationsbau des Arkanen Konzils zu Köln statt. Es ist mehr ein kurzes Vorstellen unter Kollegen. Die eigentliche Untersuchung wird in einer lichtlosen Exklave durchgeführt, nahe der Saar-Lorraine-Luxembourg Special Administrative Zone (SAZ). Weder auf Karten noch auf Straßenschildern findet sich das Arkane Labor in der faktisch gesetzlosen F-Gegend. Doch die Kontakte von Johannsdottir halten Wort. Die SAZ, ein massives, radioaktiv verstrahltes Gebiet zwischen Deutschland und Frankreich, ist schon seit Jahrzehnten Forschungsgegenstand vieler Parteien. Bricks Problem wird zwei Tage lang in einem heruntergekommenen Bunkerkomplex beratschlagt und untersucht. Insbesondere aus arkaner Perspektive. Das Ergebnis ist recht eindeutig. Die Arkanuntersuchung ergibt, dass Brick bereits an Strahlenschäden leidet und dass die radioaktive Verseuchung mit Etusan III auch auf seine arkane Aura einwirkt. Die Verstrahlung irritiert und zerrüttet seine Verbindung zur erwachten Welt, was wohl durch seine massiven Körpermodifikationen nur noch verstärkt wird. Die Experten können Brick ein in der SAZ erprobtes Medikament vorstellen, dass die mutagenen Folgen der Verseuchung verzögert. Dadurch könnten sich massive Schädigungen des Körpers über Monate verzögern. Das Medikament verliert jedoch nach einiger Zeit seine Effektstärke. Mehr als ein Jahr rechnen die Hermetiker nicht drauf.
Eindeutig zu beobachten ist das sich zwischen Frau Professor und dem Chief etwas mehr befindet, als professionelle Höflichkeit oder das dankbare Verhalten für einen geleisteten Dienst. Zu viele kleine Gesten, zu viele vertraute Momente, zu viel Vibration in der Stimme wenn der einen des anderen Namen ausspricht.Fast schon schmerzhaft hingegen ist dabei zu zu shene, wie beide versuchen Abstand zu waren. Fast schon verkrampfe wird darauf geachtet nicht zu nahe zu rücken, es misslingt, dann wird zurückgerudert. Beide führen diese Posse auf, beiden scheint es schwer zu fallen, beide halten fest daran. Sigrid Johannsdottier leidet unter der schlimmen Diagnose von Brick mehr, als er es tut, zumindest ist es bei ihr Offensichtlicher.
Der Besuch in Deutschland dauert drei Tage. Den Rückflug tritt die Gruppe mit einem Medikamentenvorrat und einem Optostick voller Daten an. Es kommt zu keinen Zwischenfällen.

Als zweites kam es zum Treffen zwischen Brick und der Ärztin von Voltair auf der Shigeruu. Voltair hatte Wort gehalten und die Untersuchung wurde diskret behandelt. Ohnehin wollte man die Ärztin nur soweit einweihen wie nötig. Sie setzt einen Fitnesstest und eine Belastungsdiagnose an. Es ist nicht leicht, Brick an seine Belastungsgrenzen zu bringen, doch die Ärztin schafft es durchaus. Elektrische Muskelstimulation, Sauerstoffentzug und schweres Körpertraining führen zu einigen Erkenntnissen. Schwindel, Orientierungslosigkeit und Halluzination setzen ein, als Brick beim Gewichtstemmen unter Sauerstoffentzug an seine Grenzen kommt. Der Strahlungsmesser schlägt Alarm. Eine kurze Ohnmacht erfolgt. Im Ergebnis zeigt sich an den Messergebnissen, dass Brick im oberen Leistungsbereich deutlich an Konstitution eingebüßt hat. Beim Überschreiten der Belastungsgrenze droht ein rasanter Schneeballeffekt. – Nach einer Dekontaminationsdusche und einer Viertelstunde Ruhe hat sich Brick regeneriert und die Strahlung scheint verschwunden. Alsbald bemerkt er jedoch eine Versteifung seines Genicks und fehlende Artikulationsfähigkeit der Finger. Es sollte vier Tage dauern, bis sich diese Versteifungen wieder lösen. Alsbald ist auch die verstörte Ärztin verschwunden und lässt Brick mit seinem Problem allein. Er bekommt jedoch die Messergebnisse auf einem Optostick.

Der fingierte Ausflug nach London führt Brick, gedeckt von Zoé und Norge, zuerst in das King’s Hospital in einer guten A-Gegend von London. Alles passiert genau so, wie es die Einladung des World Health Refund glauben lassen wollte: der vereinbarte Termin findet in einem unspektakulären Teil der Klinik statt. Man nimmt Blut und etwas Speichel von Brick, dazu ein paar schrecklich unerortische Nacktbilder und Hautscans. Dann heisst es warten. Alsbald erlebt Brick dann etwas ähnliches wie damals im California Free State. Der verantwortliche Laborassistent ist kreidebleich und kommt mit schlechter Kunde. Scheinbar war er nicht darauf vorbereitet Brick darüber zu informieren, dass er an einer Degeneration seiner Erbanlagen leidet. Eine Art genetischer Zerfallsprozess, der begonnen hat manche Stellen seines Gewebes nicht mehr so zu erneuern, wie sie sollten. Ob es an Erbanlagen liegt, kann der Assistent nicht sagen. Etwas ratlos wischt er über das Datentableau mit den Ergebnissen und stammelt so dahin. Da die Daten streng vertraulich sind, empfiehlt er Brick unbedingt klinische Hilfe aufzusuchen. Man könne nicht sagen, ob dieser genetische Defekt rasant oder sprunghaft verlaufen wird. Insgesamt wirkt der Mann überfordert. Er kopiert jedoch bereitwillig die Ergebnisse der Genuntersuchung auf Bricks Optostick. Als Brick, von Norge gedeckt, das Hospital verlässt, bleibt Zoé noch etwas zurück und kann herausfinden, dass die Laborabteilung durch einen Datenfehler scheinbar Bricks Ergebnisse verloren hat. Man rennt noch Brick hinterher und sucht ihn, doch zu spät. Scheinbar hat jemand vergessen die Akte vor dem Schließen zu speichern…oder so.

Die letzte Station führt zum King’s Ward Medical Service, eine offene Krankenstation in Londons abgewrackter D-Gegend. Interessanterweise wird Bricks Mobiltelefon von selbst aktiv, als Zoé sich am Steuer ihres Mietwagens der Krankenstation nähert. Der Favorit auf der Navigationskarte ergänzt, dass ein Trevor Endrews gleich einen Termin hat. Und tatsächlich, als Brick durch die Tür der Krankenstation tritt, erwartet man ihn fast schon. Ein digitales Krankenblatt mit Bricks Portrait ist auf Trevor Endrews vorbereitet. Hier und da eine falsche Unterschrift, dann offenbart sich der Grund von Bricks – Trevors – Besuch. Der Trollarbeiter Trevor Endrews wurde einer schweren Strahlendosis ausgesetzt, als es bei seinem Arbeitgeber mal wieder zu einem Zwischenfall kam. Ein scheinbar bekanntes Problem im Viertel. Zahlreiche Arbeiter der Unterschicht leiden an arbeitsbedingten Gesundheitsschäden. Die Krankenstation dokumentiert derzeit hunderte von Fällen, die einmal zu einer Klage gegen die Konzerne führen sollen. So führt der Arzt an Brick eine Strahlendiagnose und einen Test auf Belastung mit Umweltstoffen und Chemikalien durch. Die Ergebnisse erhält Brick auf Wunsch, aber es kommt zu keinen unmittelbaren Ergebnissen. Im Fazit legt die Untersuchung jedoch nahe, dass Brick als „leicht geschädigt“ gilt und „Anzeichen körperlicher Einschränkungen durch Kontakt mit schädlichen Stoffen“ zeigt. Der Bericht ist ingesamt aber ziemlich umfangreich. Beim Verlassen der Anstalt passiert ein seltsames Detail. Die Verwaltungsangestellte, die Bricks Ergebnisse zusammenstellte und die Akte bearbeitete, schaut mit einem leeren Blick über den Tresen hinweg. Aus ihrem halb geöffneten Mund zieht sich ein Speichelfaden. Als Brick näherkommt händigt sie einfach das ganze Datentableau wortlos an ihn aus. Im Hintergrund sieht Brick, wie auf einem Monitor in rascher Folge Fenster geschlossen und Dateien gelöscht werden. Ein Glasfaserkabel pulsiert. Es endet im Hinterkopf der Angestellten…

Abgesehen von den erwähnten Seltsamheiten in London kommt es zu keinen Zwischenfällen. Norges und Zoés aufmerksame Begleitung lassen alle drei ziemlich sicher sein, dass sie keine  großen Wellen geschlagen haben und nicht verfolgt wurden. Im Ergebnis besitzt Brick nun eine ganz stattliche Sammlung von medizinischen Daten und Protokollen zu seiner Person. Dutzende Male sieht er sich die Inhalte an, versucht Querverbindungen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Brick ist sich zumindest in einem sicher: das ist eine hervorragende Grundlage für eine weiterführende Behandlung. Solange bleibt ihm nur das Medikament des Kölner Konzils, auf das er seine Hoffnung vorerst setzen muss.

Überraschender Besuch am Morgen

Am frühen Morgen des 23. Januar 2073 erreicht die Shigeruu eine Nachricht. Ein ziviles Charter-Flugzeug wurde beim Air Traffic Control angemeldet. Die kleine Maschine gelangte kurzfristig in den Flugplan der Shigeruu, als VIP-Flug des Central Command.

Die Landung erfolgt dann gegen 10:00 Uhr am Morgen. Der verschlafene, nebelige Tag beginnt für die meisten an Bord mit Routinearbeiten. Draußen ist es noch stockdunkel. Kaum jemand nimmt Notiz davon. Außer natürlich Negative. Der wachsame Elf, der Geist der Shigeruu, informierte freilich schon frühzeitig die Kameraden von der SFG 77, dass da etwas Unerwartetes auf die Shigeruu zuflog. Als die Maschine in den Bauch der Shigeruu verbracht worden war (der reparierte Außenlift funktionierte hervorragend), standen dann doch einige mit Interesse vor der kleinen Charter-Maschine, als selbige die Klapptreppe absenkte. Mit diesem Flug wollte es die Flugsicherheit dann doch ganz genau nehmen.

Hinaus traten: Captain Katuso Uzun, gefolgt von Bazut „Régicide“ Morellè. Beide mit mehr oder weniger fröhlichem Lächeln auf den Lippen. Bemerkenswert war nicht nur, dass Régicides Lächeln eher gequält wirkte, sondern auch, dass der Captain zum ersten Mal in zivil zu sehen war: der eher schmächtige Mann trug einen grauen PVC-Mantel und seine schwarze Brille, das Haupt unbedeckt. Eher erinnerte er so an einen Sachbearbeiter der Steuerbehörde oder vielleicht an einen Ornithologen – nur ohne Kamera. Schwer zu glauben, dass es sich hier um den Offizier einer Spezialeinheit handelte. Doch der akurate Salut beim berühren des Decks zeugte vom Uzun den man kannte. Einige waren darüber vielleicht erleichtert. Zuerst reichte der Captain dem Kommandanten der Shigeruu die Hand und bat um die Erlaubnis an Bord kommen zu dürfen. Erteilt. Dann galt der Gruß der SFG 77. Knapp, sachlich, durchaus zufrieden, dass alle „angetreten“ waren (Zoé reichte er die Hand, einen Salut brachte er doch nie so recht über das Herz bei ihr). Seine Worte nach der Begrüßung waren gradlinig:

„Wir müssen reden, am besten in einem Lageraum. Es gibt Neuigkeiten.“


Kurze Zeit später war klar, dass die SFG 77 einen neuen Auftrag erhalten hatte. Einen ganz besonderen, der scheinbar eine geheime Reise in Zivil erforderlich machte. Als man sich zur Besprechung traf, trug der Captain aber wieder seine gewohnte, weiße Uniform. Am Besatz war neu zu entdecken: die Einheitsauszeichnung der SFG 77.

„Meine Herren, Frau Miller. Wie sie am besten WIssen war ja, wie ich gehört habe, die Zeit auf der Shigeruu durchaus nicht immer unproblematisch. Ich möchte dazu eigentlich nicht viele Worte verlieren, da sie gezeigt haben, dass sie für sich selbst sorgen können. Wie ich Mr. Boucard bereits sagte, schätze ich das sehr. Und sie haben mir mit dieser Entscheidung die Dinge sehr erleichtert. Ich hoffe, dass sie mir mein Schweigen in der Sache nicht übel nehmen. Ich habe mich natürlich für sie eingesetzt, soweit ich das eben konnte. Alles weitere dazu, gehört nicht wirklich hier in diesen Raum. Aber eine Sache muss gesagt werden: Mit sofortiger Wirkung ist Sergeant Milestone wieder voll im Dienst aktiviert. Das haben die Umstände so ergeben. Und warum, das wird ihnen gleich klar werden. Also lassen sie sich gesagt sein, dass diese Untersuchungskommission für sie vorbei ist. Der Kopf von Captain Skorgen ist gerollt. Damit ist die Sache erledigt. Und das auch aus folgendem Grund…“

Der Captain öffnet seinen Laptop und überwindet ein Passwort sowie einen Retina-Scan. Dann projiziert er die Aufnahme eines Gesprächs auf den Tisch und leitet dies nur kurz ein:

„Das ist die Aufnahme eines Gesprächs zweier Konzernvertreter. Sie werden gleich sehen welche. Das Gespräch ist von einem AIM-Mitarbeiter, Jason Nisoke, für uns kommentiert.“

Dann schweigt er, und lässt das kommentierte Protokoll des Gesprächs verstreichen.

„Wie sie sich denken können, bin ich gekommen, um über den nächsten Einsatz zu sprechen.“

Mail vom World Health Refund an Brick

An einem Morgen findet Brick eine Mail in seiner Trix-Mailbox. Darin befindet sich ein Dokument der Metatype World Register Organization (MWRO), eine Teilorganisation des World Health Refund (WHR). Darin wird Brick bescheinigt, dass er als einer von über 12,000 männlichen homo sapiens ingentis in einem Losverfahren zufällig ausgewählt wurde, um zu einer Großstudie des Metagenoms beizutragen. Die Untersuchung soll nur wenige Stunden in Anspruch nehmen, ist nicht invasiv und kann in einer beliebigen Arztpraxis oder Klinik mit den nötigen Standards durchgeführt werden. Dem Schreiben liegt eine empfohlene Klinikadresse in London bei. Dafür wird eine kleine Aufwandsentschädigung gezahlt und es hat den positiven Nebeneffekt, dass Brick die Ergebnisse bei Interesse zugeschickt bekommen kann. So werden zum Beispiel Erbanlagen, Meta-Stamm und allerlei lustige Dinge mitgeteilt, die man so gerne über sich mal erfahren möchte. Das Schreiben ist förmlich und dient wohl auch zur Vorlage beim Arbeitgeber.

Das ganze wäre Brick vielleicht durch die Hände gerutscht, wenn er nicht eine gewisse Hellhörigkeit in diesem Bereich entwickelt hätte. Die Sache verdichtet sich, als Bricks Mobiltelefon am Nachmittag zwei neue Ortsfavoriten auf der Kartenfunktion anzeigt. Das eine ist die besagte Klinik. Das andere ist ebenfalls in London, allerdings in einer D-Gegend. Es handelt sich um eine Klinik für Metamenschen ohne Versicherungsschutz. Eine anonyme Anlaufstelle für Obdachlose und die Ärmsten der Stadt. Lustigerweise haben beide Kliniken einen sehr ähnlichen Namen. Vielleicht hat Brick einfach beim setzen des Favoriten einen kleinen Fehler gemacht? Aber Moment, er hat die ja gar nicht gesetzt…

Was für eine komische Sache! Besteht da etwa ein Zusammenhang? Wird Brick darauf reagieren?

Der Weihnachtsurlaub in Trondheim

Wie feiert sich Weihnachten auf der Shigeruu? In den meisten Metroplexen und Großstädten bekommt man (künstliche) Weihnachtsbäume nebst Dekoration das ganze Jahr. Aber natürlich ist Weihnachten noch immer ein Umsatzmotor für die beliebte Mittelschicht. Das gilt auch auf entlegenen Forschungsstationen und erst recht beim Militär.

Angestiftet von Norge, angetrieben von Bricks ernster Erkrankung und begleitet von Zoé und Negative machten sich die genannten auf den Weg zu einem Weihnachtsausflug nach Trondheim. Eine ideale Tarnung für ein geheimes Vorhaben. Wahrscheinlich hatte Norge auch gut daran getan, das Vorhaben nach Trondheim zu verlegen. Denn es häte auf der Shigeruu vielleicht für Aufsehen gesorgt.

Erinnerungen an den Ausflug nach Trondheim.

Gewitter im Schneeland

Zwölf Stunden nach der Rückkehr auf die Shigeruu hatte Voltaire Fuß an Deck gesetzt und kurz darauf gab es die große Besprechung mit der SFG 77. Die eigentümlichen Ereignisse um Aaron Brown und Dr. Sigrid Johannsdottir spukten in den Köpfen aller Beteiligten umher, wie der Wind in den Gängen der Shigeruu.

Die SFG 77 hatte sich beratschlagt und entschieden, dass man am ursprünglich gefassten Plan festhalten wolle: Die vertrauensvolle Annäherung der Johannsdottir und die raschen Enthüllungen danach legten den berechtigten Verdacht nahe, dass es Verräter an Bord geben könnte. So hatte Chief Milestone einen geheimen Bericht vorab erfasst, der nach dem Einsatz ergänzt und dann im internen Netzwerk von AIM veröffentlicht worden war. Der Einsatz geschah somit den Akten nach auf eigene Faust. Weder sollte Voltair seine Schirmherrschaft über den Einsatz ausüben, noch sollte CPT Uzun in die Plficht genommen werden. Man spielte nach den Regeln – nachdem man sie gehörig gedehnt hatte.

Bevor der Einsatzbericht veröffentlich wurde, war es an Philippe Boucard, der eiskalten Flamme Finnja Skorgen eine Beichte abzulegen. Nur die Geister an Bord wissen, wie dieses Gespräch begann und endete. Am Ende war jedenfalls klar, für wen der Stuhl fehlte, als die Musik aufhörte zu spielen. Doch nicht zu schnell damit.

Die Dinge nahmen ihren Lauf. Der Bericht wurde öffentlich gesetzt und Voltair scharrte bereits mit den Hufen, seine Autorität und seine Missionsparameter zu nutzen, um die ganze Sache zügig an sich zu ziehen. Bis dahin blieb jedoch Zeit. Viele, lange Stunden. Zeit, die SFG 77 und Voltaire in Ruhe nutzen konnten, um sich mit den Beweisen auseinanderzusetzen – und auch mit der Gerüchteküche an Bord. Doch davon wird hier nicht zu reden sein. Die Zeit wurde jedenfalls nicht verschenkt.

Die erste Explosion ereignete sich, als Finnja Skorgen einige Stunden nach der Enthüllung durch Negative den Security Chief Milestone zu sich zitierte. Sie legte ihm einen Strick um den Hals, warf das Seil über den Antennenmast der Shigeruu und wartete dann auf die Ankunft des AIM Services Department, um den Chief daran zu erhängen. Es war klar, dass die Captain weder von spektakulären Sondereinsätzen noch von ihrer Unterminierung begeistert war. Als Kommandantin der Shigeruu hatte man sie als potentielle Verräterin übergangen. Die Fronten lagen klar. Aber die Geschütze ruhten noch. Über Brick brauten sich Gewitterwolken zusammen.

Erst 78 Stunden nach dem Einsatz erging eine Weisung durch das Büro des Deputy Chief Officer der AIM Services Branch, GEN Lambert, dass CPT Finnja Skorgen und Security Chief Milestone einstweilen ihrer Verpflichtungen entbunden sind und eine Untersuchung eingeleitet wird. Daniel Roskowitzt übernahm als Erster Offizier das Kommando über die Shigeruu. Gleichzeitig kam die Anweisung, alle geborgenen Beweismittel in einen Raum zu packen und zu versiegeln. Darin war man geübt.

Voltaire ließ sogleich seine Muskeln hinter den Kulissen spielen und erhielt den Zuschlag für die Beweismittelsicherung und weitere Aufklärung der seltsamen Sachverhalte um die Viren und den Entführungsversuch. Gleichzeitig war AIM jedoch genötigt, der Skandinavischen Union Zugeständnisse zu machen. Ein Demokratischer Beobachter wurde auf die Shigeruu entsandt, zusammen mit einem Ermittlungsteam der Bundespolizei der Skandinavischen Union. Kein einziges Mitglied der SFG 77 bittet man zu einer persönlichen Befragung. Es ist vor allem Voltaire, der sich mit diesen Leuten auseinandersetzt.

Wie Norge gelegentlich behauptet hatte, ist es den Skandinaviern an Schönwetter gelegen, sie reagierten jedoch empfindlich auf die Unterlassene Warnung und das Fehlen einer jeglichen Form von Erlaubnisanfrage oder wenigstens Inkenntnissetzung vor der Geiselbefreiung. Schüchterne Fingerzeige in Richtung Johannsdottirs Tochter und die Erpressung ändern wenig. So ist schnell klar, dass ein Kopf rollen wird.

Eine Woche nach dem Einsatz erreicht eine Untersuchungskommission von AIM die Shigeruu. Sie wird durch den Demokratischen Beobachter unterstützt. Es zeichnet sich schnell ab, dass Finnja Skorgen einen sehr hübschen Kopf hat, der hervorragend zu rollen scheint. Als „Altbestand“ der Shigeruu bietet sich für AIM das praktische Argument an, hier bisher keine angemessene Personalerneuerung vorgenommen zu haben. Die Tatsache, dass Finnja Skorgen a) ihr Personal scheinbar nachlässig führte, b) einen illegalen Einsatz ihrer eigenen Leute nicht verhindern, ja, nichteinmal bemerken konnte und c) rundheraus von allen Mitwissern als mögliche Verräterin angesehen wurde, macht den Weg für disziplinarische Maßnahmen frei. Ein Austausch der Kommandierenden Offizierin scheint sowohl dem Büro von GEN Lambert als auch der Skandinavischen Union ein angemessener Schritt.

Voltaire berichtet weiter an die SFG 77, dass die Skandinavische Union Strafanzeige gegen alle Beteiligten an der Geiselbefreiung gestellt hat. Die Politik von AIM sieht jedoch in solchen Fällen vor, dass aktive Einsatzkräfte nicht namentlich bekannt gemacht werden, um die Sicherheit aller Beteiligten nicht zu gefährden. Da diese Regel für AIM ein hohes Gut ist, eröffnet die Staatsanwaltschaft der Skandinavischen Union auf Drängen des Demokratischen Beobachters ein Verfahren gegen Unbekannt. Anklagepunkte sind Verletzung der Hoheitsrechte, Verstoß gegen vertragliche Vereinbarungen zu Sicherheitsoperationen, illegaler Schusswaffeneinsatz, illegale Einfuhr und illegaler Einsatz von Kriegswaffen. Dieser Kampf wird zwischen der Skandinavischen Union und der Law Division von AIM gefochten werden.

Kurzum: Die SFG 77 und Voltaire hatten 66 Stunden, um die Beweismittel zu sichten. Danach war die Skandinavische Bundespolizei mit an Bord. Da der Ort der Geiselnahme und all die damit verbundenen Beweise auf norwegischem Grund herumlagen sowie die Opfer selbst Skandinavier waren, kann Voltaire nicht umhin, den Fall früher oder später aus der Hand zu geben. Ob und wieweit Voltaire die Skandinavier tatsächlich in die terroristischen Details eingeweiht hatte, bleibt Gegenstand von Spekulationen.

Mit CPT Finnja Skorgen hat die SFG 77 sich eine neue Feindin gemacht. Negative hält sich bedeckt bisher, falls er mehr weiß. Sie verschwindet von der Shigeruu mit unbekanntem Ziel. Brick wird als Sergeant für lange Wochen vom Dienst befreit. Er muss zusehen, wie seine Arbeit mit der Sicherheitsabteilung in fremde Hände fällt. Es dringen keine Worte zur SFG 77 darüber durch, was ihrem Sergeanten bevorsteht. Dass Finnja Skorgen ihn schwer belastet hat, ist kein Geheimnis. Und so manchem ist die SFG 77 ein Dorn im Auge. Voltaire wird zunehmend skeptischer. Es scheint so, als würde Katsuo Uzun, der bisher in dieser Angelegenheit kein einziges Mal in Erscheinung getreten war, seinen Sergeanten nicht halten können. Die Entscheidung darüber kommt dann an einem vernebelten Nachmittag im Januar. Doch das ist eine andere Geschichte. Und bis dahin passierten noch andere Dinge…

Ehrenformation auf der AIMS Cassiopeia

AIM Forces Daily News

Zweihundert Kameradinnen und Kameraden der Amphibious Squadron 11 kamen heute auf dem Flugdeck der AIMS Cassiopeia zusammen, wo LTG Sharmer im Zusammenhang mit einer Jahresansprache eine Reihe von Dekorationen vornahm.

Der Kommandant der 10th AIM Expeditionary Force überreichte eine Reihe von Auszeichnungen an CPT Katsuo Uzun, mit der die Special Forces Group 77 geehrt wurde. Unsere Truppenreporterin Nathanial berichtet:

Nathanial: Der Captain hat nun die Ehrung seiner Special Forces Group 77 vom General entgegen genommen. Die „Unit Citation Award for Exceptional Merits and Valor“ wird an alle Mitglieder der Einheit verliehen: Miss Miller, Corporal Milestone, Corporal Svenson, Operative „Negative“ – er ist wirklich eine herausstechende Erscheinung – und Operative Morellè. Zudem hat der General die Pflicht, einige persönliche Verdienstmedaillien anzuheften. – Jetzt bewegt sich aber zuerst der Captain zu den angetretenen vier Männern und der Gnomin, die auf einem ordentlichen Podest thront! Während CPT Uzun nun die Einheitsauszeichnung ansteckt und den fünf Geehrten die Hand reicht, wird der General einige Worte zu der Einheitsehrung verlieren.

General: Die Einheitsauszeichnung für Special Forces Group 77 wird für herausragende Verdienste und Heldenmut ihrer Mitglieder verliehen. Die hohe Hürde dieser Auszeichnung besteht in einem gefechtsentscheidenden Beitrag unter Kampfbedingungen, in dessen Verlauf Vorgesetzte, Mannschaften, Unteroffiziere und auch externe Kontraktoren gemeinschaftlich Außerordentliches vollbracht haben. Aus ersichtlichen Umständen muss über die Details der gefechtsentscheidenden Beiträge an dieser Stelle geschwiegen werden. Ich möchte jedoch einige Worte zu den herausragenden Heldentaten verlieren.

General: Die Soldaten und Operatives von Special Forces Group 77 haben wiederholt unter Gefechtsbedingungen mit hohem Risiko autark und ohne Nachschub die Ziele der Task Force Blue Shark sowie die Unternehmensziele von AIM vertreten und unbeirrt vorangetrieben. Sie haben nicht davor zurückgeschreckt, feindliche Panzerfahrzeuge im Nahkampf mit primitiven Sprengmitteln anzugreifen. Sie haben Nahkampfmanöver mit zivilen Luftfahrzeugen zur Rettung eingekesselter Kameraden geflogen. Sie haben schwer verletzte Kameradinnen und Kameraden unter widrigen Umständen aus feindlichen Bunkeranlagen geborgen. Hunderte von Zivilisten befreundeter Unternehmen konnten durch ihr beherztes Eingreifen vor einem Sprengstoffanschlag bewahrt werden. Nicht zuletzt waren sie maßgeblich an der Verhaftung verantwortlicher Krimineller bei der Befreiung der Stadt Kinto beteiligt. Dabei gelang es ihnen, hinter den feindlichen Panzerstellungen erfolgreich im Häuserkampf zu operieren.

Mit Fug und Recht sage ich also, dass jedes Mitglied der SFG 77 diese Einheitsauszeichnung redlich verdient hat. Das ist eine Besonderheit. Gleichzeitig ist es natürlich auch eine Hypothek. Sowohl für zukünftige Einsätze als auch von zukünftigen Mitgliedern der SFG 77 wird man nichts Geringeres als das Bestmögliche erwarten dürfen. – Und ein bißchen mehr. Das gilt natürlich auch für den Kommandierenden Offizier der Gruppe.

Der General verlor noch weitere Worte zur Besonderheit der gemischten Zusammensetzung der SFG 77, bevor er die drei persönlichen Verdienstmedaillien für Verwundungen im Gefechtseinsatz anheftete. Zuerst dem schwer verwundeten Corporal Svenson, der trotz Gehhilfe die Auszeichnung aufrecht entgegen nahm.

General: Corporal Svenson. In Verachtung ihres eigenen Lebens haben Sie das ihrer Kameraden weit über sich gestellt und waren bereit, den höchsten Preis zu zahlen. Ich weiß, dass die Umstände ihrer Verwundung schwierig waren und dass wir alle glücklich sein dürfen, dass Sie heute diese Verdienstmedaillie vom „Blutenden Herz“ persönlich entgegen nehmen können. – Corporal, ich danke Ihnen im Namen des Central Command und AIM.

General: Miss Zoé Miller. Als Operative und treue Kontraktorin zeugt der Preis des eigenen Blutes von einer Sache ganz besonders: dem Willen zur unbedingten Kameradschaft. Als externe Spezialistin im Vertragsverhältnis mit AIM erhalten Sie für ihr Opfer und persönlichen Einsatz die „Opfermedaillie“, die an zivile und externe Mitarbeiterinnen für Verwundung im Dienst verliehen wird. Ich danke Ihnen im Namen der Association.

Monsieur Morellè. Auch Sie haben als externer Operative Verwundung erdulden müssen. Die „Opfermedaillie“ soll nicht vergessen lassen, dass im Gefecht die Frage des Dienstverhältnisses keine Bedeutung hat. Wir verdanken Ihnen sehr viel. Ich danke Ihnen im Namen der Association.

Abschließend trat der General zurück zum Stab. Für den letzten Teil der Ehrung von SFG 77 trat CPT Uzun an den trollischen CPL Milestone heran, der sich gehörig nach vorne zu beugen hatte.

Corporal Frank Milestone. Nach mehr als 36 Monaten engagierten und tadellosen Dienstes bei der Marineinfanterie werden Sie hiermit in den Rang eines Sergeanten befördert. Ich wünsche Ihnen alles Gute als Unteroffizier.

Mit den etwas knappen aber herzlichen Worten salutierte der Captain und ließ den offenbar etwas überraschten Sergeanten bei seinen Kameraden zurück. Die fünf Geehrten – Svenson, Milestone, Boucard, Miller, Morellè – badeten zum Abschluss im Beifall und Jubel der Kameraden und präsentierten ihre Urkunden den Kameras.

Die Ehrenformation schloss dann mit einem Gesangsteil des Amphibious Squadron 11 Choir. Damit endete die Jahresansprache von LTG Sharmer enthusiastisch und mit positivem Richtungswink: Über Wochen und Monate leisten unsere Truppen Herausragendes! Wir warten gespannt, ob die laut Gerüchten ausstehende Ehrung der Flugstaffeln wirklich im kommenden August stattfinden wird. Die aktuellen Feuerpausen wären die richtige Zeit für eine zünftige Kunstflugformation!

Es berichtete AIM Forces Daily News, 28. Juli 2072