Am Mittag des 03. Oktober 2073 berichtet Lena im virtuellen Operations Host knapp, dass eine erste Bestellung vom lokalen Schwarzmarkt eingetroffen sei. Nicht schlecht, mag so mancher denken. Das waren weniger als 24 Stunden Reaktionszeit! Wer sich auskannte mit Hehlern und Fixern, durfte anerkennend nicken. Chief Hiller bemerkte bissig an, dass sie den Kram doch in der Nebenwohnung auf Vorrat gehalten hätte, um zu beeindrucken. Wer schon vor Ort im HQ war, wie etwa Norge und Negative, die konnten direkt beim Auspacken helfen und die schweren Studiokisten in die sicheren Räume rollen. Wie auch immer, es war nicht alles dabei:
„Lieutenant, Kameraden, die erste Lieferung der georderten Bestellungen ist angekommen. Da das Team schnell ins operative Geschäft kommen soll, habe ich Druck gemacht! Die aktuelle Bestandsliste habe ich etwas umgemodelt und bewegt. Sie kann nun mit privaten Dingen ergänzt werden, wenn ihr etwas aus euren persönlichen Beständen für die Allgemeinheit in die Runde werfen wollt. Ihr könnt auch kommentieren wenn es was wichtiges gibt. Aber bitte ändert am Bestand nichts eigenwillig, sonst komme ich total durcheinander!
Also, geliefert wurden lokale Tarnklamotten, Gewehre, Schutzwesten, die Aufklärungsdrone, die Fahrräder, das Gummiboot… em… ‚tschuldigung: das Zodiac C101, wie Chief Hiller betont. Dann auch die Kameras und Munition. Die Munition für das LMG ist auch schon da, aber das LMG selbst noch nicht. Das könnte noch ein paar Tage dauern, sorry! Genauso die schweren Sachen. Der Mörser und die Raketen. Der Mörser! Das ist sowas. Norge, das ist echt ein Ding. Dafür schuldest Du mir einen Drink. Du hättest das Gesicht sehen sollen, als ich von den Mountainbikes direkt zum Mörser übergegangen bin! Das ist auch hier nicht leicht zu kriegen! Aber ich arbeite dran. Eure persönliche Habe ist auch unterwegs. Allerdings verzögert sich das, weil ein Schiff nicht wie geplant einlaufen kann. Ich bin da dran! Zu den Fußbällen sage ich mal besser nichts…
Ach ja, alle bisherigen Bestellungen, auch die noch ausstehenden, haben bisher 125.000 =Y= gekostet. Teuerster Posten waren die Raketenwerfer und der Mörser mit zehn Projektilen. Die kommen auf ungefähr 30.000 =Y=.
Norge landet in den frühen Morgenstunden des 3. Oktober 2073 mit dem Schiff in Dahomey, genauer: an einem Frachtkai in Lome. Am Hafen kam es zu den normalen Kontrollen. Natürlich hatte Norge auf Waffen verzichtet, selbst auf die Pistole, die er normalerweise bei sich trägt. Warum Sachen verkomplizieren, die schon kompliziert genug sind? Schließlich wurde er natürlich zu einer zufälligen, verdachtsunabhängigen Kontrolle heraus gebeten. Natürlich hatte Norge aber auch damit gerechnet und die nötigen Papiere dabei, um diese vorlegen zu können. Doch die brauchte er gar nicht. Ein Angestellter einer Sicherheitsfirma öffnete ihm im Hinterzimmer einfach eine Tür und nach ein paar Gängen stand er im Gebäude einer genossenschaftlichen Fernhandelsgesellschaft. Nach kurzem Halt auf einer Wartebank mit überwiegend afrikanischen Matrosen wurde er von einem unscheinbaren Mann mit legerem Jacket abgeholt und nach draußen begleitet. Die illegale Einreise musste irgendwie über diese private Schifffahrtsgesellschaft eingefädelt worden sein.
Norge buchte sich dann einen zivilen Inlandsflug nach Moskuwa. Dort angekommen schaute er sich dann nach einem Weg in die Innenstadt um. Er wählte die Straßenbahn und fuhr dort mit vielen Leuten zusammengedrängt los. Sein Plan war es sich erstmal ein wenig zu akklimatisieren. Die Stimmung aufnehmen. Sich ein wenig umsehen. So verließ er dann auch die Bahn ein wenig entfernt vom HQ und lief durch das Viertel in der Unterstadt vonm Stadtteil Valley Reach. Da es immer noch Morgen war, traf er auch einige spielende Kinder in verschiedenem Alter an. Klar, ein Slum war es hier nicht, aber nach nordeuröpäischem Standard doch recht ärmlich. Auch kamen ihm die Leute recht exotisch vor und diese wiederum betrachteten ihn mit großen Augen, teils neugierig, teils wohl auch mit Argwohn. Kein Zweifel, dachte sich da Norge. Hier bin ich wohl der Exot. Er streifte weiter durch die Straßen und besuchte auch mal eine Bar, schon in der Nähe des HQ’s. Er bestellte sich ein lokales Bier und versuchte mit dem Barkeeper ein lockeres Gespräch anzufangen. Das war gar nicht so einfach. Französisch war hier die häufigste Sprache, direkt nach… anderen Mundarten. Englisch ging aber auch ganz gut. Danach zog er weiter und versuchte von einem der Kinder herauszufinden, ob es in dem Viertel so was wie ein Waisenhaus gibt. Ein zwölfjähriger Ork mit tiefschwarzer Haut und wildschweinhaften Hauern hatte Mumm, sich aus seiner Clique zu lösen und versuchte das Gespräch mit Norge. Dicke Lippe und viel heiße Luft, aber der kleine war vorsichtig. Tatsächlich brach nach einer Weile das Eis und die Clique entspannte sich etwas. Als Norge sein Feuerzeug als „Bezahlung“ für den gesuchten Dienst eintauschte, gab der kleine Ork mit festem Schlag auf seine eigene Brust zu verstehen, dass er hier der Macher war und dass er sich schon mit jedem Touristen in Dahomey anlegen würde, wenn ihm einer dumm käme. Aber Norge war ja in Ordnung! So ließ er sich von drei Jugendlichen hinführen und konnte es in Augenschein nehmen. Das Waisenhaus war topmodern. Eine modulare Leichtbauweise. In Seattle würden hippe Elfenstudenten drin wohnen wollen! Tatsächlich waren viele der anderen Gebäude drumherum wesentlich billiger und weniger ästhetisch. Doch es blieb im Kern ein Waisenhaus. Einige ältere Dahomee kümmerten sich um den Betrieb. Norge gewann den Eindruck, dass ältere Jugendliche jüngere oft bei der Hand nahmen und gemeinsam in der Unterstadt Dinge erledigten oder spielten. Das Waisenhaus bot wohl „Ersatzfamilien“, in denen die Jungen recht schnell Verantwortung übernehmen mussten. Schulranzen sah man auch aufblitzen.
Durch die staubigen Straßen merkte Norge auch langsam, wie die Temperaturen stiegen und ihm doch ein wenig zu schaffen machten. Es würde Zeit werden, ins HQ einzurücken. Dennoch verzichtete er auf ein Taxi. Er nahm seinen Seesack wieder auf die Schulter und ging den Weg zurück. Angst hatte er keine. Schließlich war es kein Elendsviertel und selbst ohne Waffe war der Ork ja nun nicht gerade ungefährlich. So ging er sehr selbstbewußt seines Weges und wurde auch nicht eines Besseren belehrt.
Schließlich kam er am Gebäude mit dem HQ an. Einmal drum rum gehen, um ein Gefühl für die Abmaßungen zu bekommen und dann rein und hinauf ins richtige Stockwerk. Dort angekommen, bezog er das Zimmer und stellte fest, dass Bresslin noch nicht eingeräumt hatte. Also suchte er sich das Bett nahe der Tür aus und richtete sich ein. Danach ging er erstmal ausgiebig duschen. Erst nach dem Frisch machen suchte er die Gesellschaft der anderen zur Begrüßung.
Nach eine 2 Std. Arbeitspause meldet sich Régicite wieder. Zu dieser Zeit steigt er selber gerade aus dem Flugzeug und betritt dahomeyisches Staatsgebiet, während Negative durch die Hype-Loop-Röhre Richtung Moskuwa schießt:
Mes camerades
Nach Rücksprache mit dem Team habe ich ein Einsatzkonzept erarbeitet, welche die nächsten Schritte von AIM Matters operative skizziert. Dieses steht nun auf dem Operations Host zur Einsicht und Revision zur Verfügung.
Phase I „Genozid“
Wenn dies noch nicht klar sein sollte, ergeht an dieser Stelle die Anweisung, dass sich das Einsatzteam so schnell wie möglich im Moskuwa HQ einzufinden hat.
visez vrai Régicite
Bazut schaut sich auf dem Flughafen um und versucht in der Menge den blonden Ork zu finden…Sollte vor dem schwarzen Hintergrund ja nicht zu schwer sein!
Erst relativ spät schaltet sich Mike in die emsigen Vorbereitungen ein. Im virtuellen Bereitschaftsraum erscheint er als der Wageslave: eine Manga-Vision eines wütenden Büroangestellten in Schwarz und Weiß.
„Lieutenant, Sergeants!“, der Wageslave salutiert.
„Ich möchte kurz melden welchen Kommunikationsraum wir derzeit beherrschen.“
Sein Icon erstellt ein Schaubild der aktuellen Lage des Operations Host. Irgendwie ist sehr viel Rot um einen zerbrechlichen, grünen Tunnel versammelt. Was nicht ermutigend wirkt.
„Derzeit ist HQ Moskuwa über das LTG an den AIM Operations Host angebunden, das heisst, die Verbindung zum Stab geht über einen gesicherten Tunnel. Meine Hauptaufgabe – und die von zwei Kameraden hier in Finistère – besteht vor allem darin, die Verbindung durch den Matrixraum von Dahomey abzusichern. Das ist ziemlich harte Arbeit, muss ich sagen. Denn Dahomey hat scheinbar tatsächlich eine massive Filterinstanz vor nahezu jeden Datenverkehr gesetzt. Das hat in der Matrix-Szene gerade Wellen der Empörung in Tsunami-Dimension losgetreten. So ziemlich jeder Decker greift gerade den „Government Surveillance Filter“ und den „Censorship Host“ an. Beides sind Netz-Entitäten, die aber noch gar nicht bestätigt sind. Kurz gesagt: hier ist die Hölle los. Das gibt uns einerseits „Deckung“, macht uns andererseits das agieren sehr schwer. Immer wieder haben wir hier Eindringversuche von durchaus auch fähigen Deckern. Die greifen wir dann sofort an, wenn ich sie nicht überreden kann, dass unser Host hier gerade nicht auf der Prioritätenliste stehen sollte. Außerdem hat auch der Cencorship Host etwas gegen uns. Das LTG verfolgt uns immer wieder recht hartnäckig.
Also, em, das war jetzt ziemlich viel Gejammer, ja? Also faktisch bedeutet das, dass ich gerade im LTG von Dahomey nicht viel machen kann. Solange die Funktionsweise der Zensurinstanzen unklar sind, ist klassisches Decking gerade sehr riskant.
Die Nahkommunikation des Teams sollte also über klassischen Funk laufen. Vermeiden Sie unbedingt den dienstlichen Einsatz von Mobilfunktelefonen oder ähnlichen Systemen! Der einzige sichere Kommunikationsweg vom Feld zum Stab ist über Funk in das HQ und von dort in den Operations Host.
Um Sergeant Norge also zu antworten: Operation Uplink wäre sehr hilfreich, weil wir uns wahrscheinlich als legitimierte Matrixinstanz registrieren könnten. Wir würden dann den Surveillance Filter umgehen und vom Cencorship Host als staatlich legitimiert anerkannt werden. Da hätten wir ganz andere Möglichkeiten in Dahomeys Matrix-LTG zu agieren! Wir könnten Dronen und Funk über Breitband-Moilfunknetze laufen lassen und hätten damit quasi unbegrenzte Reichweite in der AOI. Außerdem gibt es angeblich einen Filter des landesweiten Überwachungssystems, der registrierte Personen und Fahrzeuge ausfiltert. Das wurde zum Schutz von staatlichen Sicherheitsbehörden eingeführt. Wenn dann Norge in eine Überwachungskamera grinst, würde das verpixelt gespeichert. Seine Identitätserkennung würde auf einen falschen Datenbankeintrag verweisen. Je nachdem wie vorsichtig wir sind, könnte das eine ganze Weile funktionieren.
Dann noch was: wenn wir die Tombu-Villa oder ein anderes vergleichbares Areal sicher hätten, könnten wir den Operations Host über einen leistungsstarken Satellitentransponder mit dem Stab verbinden. Dadurch wären wir nicht mehr den Angriffen aus dem LTG von Dahomey ausgesetzt. Das wäre der erste Schritt, den ich anstreben würde um die Kommunikationssicherheit zu erhöhen, Sir.“
Hiller meldet sich nach intensiver Recherche am Abend des 02. Oktober 2073 wieder bei Régicide.
„Also, Sir. Zusammen mit Lena habe ich die Möglichkeiten eingeschätzt, die wir haben. Erstens: Schwarzmarktkauf. Kein Risiko eingehen. Eine Drone kann leicht mal irgendwo liegen bleiben. Zum Beispiel auf einem Leichenhaufen. Ich würde also abraten auf dem freien Markt zu kaufen.
Zweitens: Ich bin keine Dronenpilotin. Ich kann den Scheiss fliegen, wenn es sein muss. Aber ich hasse dass. Für das was sie brauchen, braucht es eh keinen Rigger. Daher würde ich empfehlen Sensorik und die Piloten-KI einer Zivildrone einem Upgrade zu unterziehen. Lena und ich können das gemeinsam machen. Dann kann auch ein Teammitglied im Feld die Steuerung über das TacCom zuverlässig übernehmen. Die Signalstärke ist ohnehin ein Problem. Genauer gesagt: die Reichweite.
MCT-Nissan Quadcopter
Wir empfehlen also eine modifizierte MCT-Nissan Quadcopter anzuschaffen. Für Aufklärung im Nahbereich ist das optimal. Mit Upgrades würde das 27.562 Nuyen kosten. Damit liegen wir nur 2.000 über dem offiziellen Einkaufspreis. Die Drone selbst könnte Lena schon heute besorgen. Die Sensorik- und KI-Upgrades wären in sieben bis zehn Tagen geliefert, verbaut und einsatzbereit.
Oh, und: jemand sollte ein Remote Control Deck mitbringen, wenn ich doch mal in die Drone springen soll. Ich hab‘ so ein Ding nicht.“
Es war der 2. Oktober 2073, ein Tag nach der „offiziellen“ Regruppierung der SFG 77. Die Magnetbahn donnerte mit wahnwitziger Geschwindigkeit in den Hauptbahnhof von Moskuwa ein. Das sanfte Bremsmanöver wollte Negatives Wahrnehmung mit aller Gewalt übertölpeln. Hatte Dahomey schon den Gravitationsgenerator erfunden, oder warum flogen und purzelten die Menschen im Zug nicht übereinander?
Als der schwarze Elf aus dem Zug trat und die Arcology des Stadtzentrums in Richtung der Regionalverbindungen verließ, blies ihm der Mittagswind des heißen Inlandes wie ein Fön in das Gesicht. Das hier war nicht die milde Küstenregion von Lome. Die Thermometer zeigten 43° C im Schatten für das Innenstadtgebiet. Die Luft flimmerte wie ein offenes Fass Benzin auf einem Elektroherd. Sofort explodierte der Schweiss aus allen Pooren.
Moskuwa, Stadtteil Valley Reach
Im Stadtteil Valley Reach waren die Temperaturverhältnisse etwas erträglicher. Es schien Negative, als gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Grad urbaner Verbauung und der Erträglichkeit am Tage. Als hätte die Sonne einen ganz persönlichen Brass auf die emporstrebenden Zeugen von Dahomeys wirtschaftlicher Macht. Wenn die städtische Zukunft der Sechsten Welt irgendwo in Afrika einen Brückenkopf hatte, dann hier.
Doch das beschauliche Moskuwa war anders als die gigantischen Metropolen der westlichen Welt. Als Negative aus der Tunnelbahn stieg, befand er sich zuerst auf dem Bodenniveau des Stadtteils. Die „Unterstadt“ war geprägt von einfachen, wenngleich nicht unbedingt ärmlichen, Behausungen. Ein Gewusel von Menschen, die es scheinbar vorzogen bodennah und in Anlehnung an traditionelle, afrikanische Bauweisen zu leben. Die auf Trassen und Plateaus erbaute Oberstadt spendete ein diffuses Spiel von Licht und Schatten, was zusätzlich zu halbwegs erträglichen Temperaturen beitrug.
Nicht unweit des „Hauptquartiers“ der SFG 77 lag die Tunnelbahnstation. Und wie Negative bemerkte, handelte es sich hier auch um eine Art lokales Marktzentrum. Ein Güterzug von der Küstenregion war gerade eben auf einem Abstellgleis eingefahren. Die speziellen Güterwagons öffneten die weißen und sandfarbenen Seitenwände wie ein Lamborghini: sie verwandelten sich in schattenspendende „Markisen“ und die Güterwagons damit in mobile Basarstände. Auf einer Länge von gut 100 Meter begann zu beiden Seiten des Zuges ein Handeln, Tauschen und Versteigern unerschiedlichster Waren des täglichen Bedarfs, insbesondere frischer Lebensmittel. Wie Negative feststellen konnte, kursierte hier Papiergeld, das auf Nachfrage nur in den Unterstädten und lokalen Märkten von Dahomey einen Kaufwert besaß. Dabei bestand ein Rückkaufverbot für diese Devise. Man konnte mit einem Credstick relativ leicht an dieses fast antike Papiergeld kommen, doch in umgekehrter Richtung war es scheinbar verboten.
Der Weg zum HQ war fußläufig im fünften Stock eines der fassartigen Büro- und Wohntürme untergebracht. Negative nahm sich Zeit den Weg etwas genauer zu studieren. Man konnte den Wohnturm entweder von der Unterstadt oder von der Oberstadt her betreten. Auf beiden Ebenen war ein Zugang mit einem Fahrzeug möglich. Eine Hebebühne nahm Fahrzeuge auf und zirkelte damit in die Höhe, um die Garagen der Bewohner anzusteuern. Eine Art Hochregallager, was ein verdecktes betreten und verlassen der eigenen Garage vor neugierigen Augen gut verstecken half. Aus jeder Garage führte ein eigener Personenaufgang zu einem Personenliftsystem. Wie genau das funktionierte, war Negative nicht ersichtlich. Das raffinierte System konnte anscheinend jede Mietgarage getrennt ansteuern.
Anstatt direkt zum HQ im fünften Stock zu fahren, entschied sich Negative, zuerst einen Zwischenhalt in Ebene 1 zu machen, einem Lobybereich mit wenigen Geschäften, der seine lichte Fensterfront auf die moderner anmutende Oberstadt öffnete. Einige Bewohner der Unterstadt erholten sich in einem Café von der Hitze des Tages. Unverschwitzte Anzugträger machten hingegen sofort deutlich, wer oben und wer unten lebte. Doch der Umgang war ungezwungen. Egal ob gewickelte Tücher mit Flip-Flops oder Stoffhose mit Manschetten: die Leute hier waren wohl alle irgendwie Teil ihres Viertels. Modisch zur Schau getragene Cyberware oder extravagante Kleidung der Oberschicht war kein Teil dieses Stadtviertels. Solide B-Gegend eben.
Am auffälligsten in der Lobby war ein „Schönheitsstudio“. Das erweckte Negatives Interesse. Scheinbar handelte es sich dabei um ein Modelstudio, das sich als Sprungbrett für Mädchen und Jungs aus dem Stadtteil verstand. Ein Sprungbrett in die schillernde Welt der Mode, Marken, Magazine. Negative konnte einen Blick auf eine Gruppe Mädchen zwischen circa dreizehn und achtzehn Jahren erheischen, die in einem offenen Seminarbereich hinter einer Glasscheibe das Gehen auf dem Laufsteg übten. Eine scheinbar vergnügliche Angelegenheit mit viel Gelächter. Ein Mann mit weiblichen Gesichtszügen blättert am Tresen in einem Fotoalbum. Man kann nicht umhin ihn eingehend studieren zu wollen. Der erste Eindruck von Negative ist: es gibt schöne Metamenschen hier. Und nicht nur Spapiens Sapiens. Ungefähr die Hälfte der Mädchengruppe scheint Elfin oder gar Orkin zu sein. Doch das sind nicht die grobschlächtigen Brecher aus den Warrens in Denver. Diese unvermittelte Schönheit imponiert unversehens. Ob Negative darüber gutmütig staunt oder sich gehässig der Selbstverliebtheit hingibt, weiß nur er allein.
HQ Moskuwa Foyer
Als Lena die Tür zum HQ öffnet, hat es Negative endlich geschafft. Seine Reisetaschen fallen auf den weißen Linoleumboden und Lena begrüßt ihn fröhlich kurzerhand mit einem ebenso weißen Cocktail in der Hand.
„Willkommen Negative! Kommen Sie, ‚Sergeant‘. Hereinspaziert. Das ist ein Kokosnuss-Cocktail mit ohne Alkohol. Ich habe aber auch Rum dar. Jetzt sind wir zu viert. Der ‚Private‘ ist im Büro unseres Bühnenverleihs und Chief Hiller chattet gerade mit einem örtlichen Drohnenverkäufer.“
Negative hat zuerst die Chance, das falsche Büro, die „Front“, zu begutachten. Christoph Fink arbeitet hier scheinbar regulär im Achtstundentag. Schon im Flur stapeln sich Kisten für Bühnenequipment und Kabeltrommeln. Schwer zu sagen, ob dort Scheinwerfer oder ein Mörser drinn sind. Auch wenn alles aufgeräumt und sauber wirkt, kann man aber erkennen, dass eben noch eingezogen wird. Lena ist wohl gerade vor allem damit beschäftigt die Sicherheitstechnik zu verbauen und zu tarnen.
Dann geht es in das lange, offene Großraumbüro und es wird deutlich, wie ausgefeilt die Klimatechnik dieses Gebäudes ist. Wie auch vorher in der Lobby und im Aufzugbereich sind auch die Wände der Wohnung an vielen Stellen großflächig mit Pflanzen bedeckt. Gemeinsam mit versteckten Wasserbestäubern und Luftschächten sorgt die Thermik des Gebäudes für ein angenehmes Klima, fast ohne technische Klimasteuerungen. Markant ist auch ein ganzer Gummibaum, der den Bürobereich zum Teil in eine Gartenlaube verwandelt. Darunter sitzt Hiller. Sie nickt Negative nur knapp zu und spricht weiter mit einem Mann auf dem Trideoschirm vor ihr.
Die sensiblen HQ-Bereiche sind noch nahezu leer. Betten sind sorgsam vorbereitet und warten auf das Team. Die Kettensäge hat noch ein eigenes Regalfach für sich und hinter einem dicken Plastikvorhang wurde der „Chemibaukasten“ säuberlich ausgepackt. Daneben auch elektronische Werkzeugkästen und eine kleine Büchsenmacherwerkstatt. Gut das obere Drittel des Bereitschaftsraums ist faktisch eine Werkstatt. Noch ist sie aufgeräumt, aber Negative wird schnell klar, dass das HQ rasch an die Grenzen kommen wird, wenn ersteinmal die Operation aufgenommen wird.
Nach einer kurzen Erfrischung im Bad und dem Verstauen der persönlichen Habe schleicht es sich langsam in das Bewusstsein: jetzt geht es los. Das hier is die Ruhe vor dem Sturm. Von den zwei Freiterassen (natürlich üppig begrünt) hat man einen wunderbaren Ausblick über den aufziehenden Abend von Moskuwa. Die Stadt beginnt zeitgleich zu erwachen und hebt ein ständiges Murmeln an, das erst im Morgengrauen wieder ersterben wird. Eine Frage kommt dann zuletzt in den Sinn: wohin mit der Urne?
Auch wenn ich hiermit vorausgreife: sollten wir als eins der ersten Ziele den See aussuchen, ist eine unserer Hauptaufgaben die Dokumentation der Geschehnisse. Dafür sehe ich folgende Notwendigkeiten:
– @Lena: bitte besorg uns über das schon vorhandene Equipment hinaus zwei oder drei robuste Hand-kameras, damit wir nen Grundstock haben in Sachen Aufzeichnungsmöglichkeiten.
Meine Microtransciever habe ich eingeführt und stelle sie dem Team zur Verfügung.
Wie ist generell deine Situation? Ich werde nämlich die nächsten Tage zu dir stoßen.
– @Hiller: ich freue mich auf die Zusammenarbeit!
In Sachen Drohnen, wie sind sie da aufgestellt? Für Aufklärung sollten wir bei allen Missionen sorgen.
– @Goodfellow: wie stehen wir da, was die Verbindung zwischen AIM und HQ angeht?
Wie ist die Matrix-Situation in Dahomey denn generell? Ich hatte die letzten Tage keine Gelegenheit, mich damit zu befassen.
Und wie schätzt du den Vorteil des als Missionsziel angegebenen Uplink ein?
Ich weiß gerade nicht, wer hierfür genau zuständig ist, aber Lena kommt da wohl am besten ran. Ich würde mich freuen, wenn du ein paar Netze mit Basketbällen und Fußbällen organisieren könntest. Gerne mit Aufdrucken wie „AIM Schützt dein Haus und Leben“ oder so was in die Richtung. Dazu noch Schokolade in größeren Mengen. Da wir ja in der Gegend auch ein Bein auf den Boden bekommen wollen und vielleicht ein Informationsnetz auf der Straße aufbauen sollten, finde ich es eine gute Idee, 2-3 Waisenhäuser auf diese finanziell doch günstige Art zu unterstützen und sich bei den Kindern ein wenig beliebt zu machen. Kann mal nützlich sein. Die Bälger hören auf der Straße im allgemeinen recht viel. Könnte mir in dem Zusammenhang auch vorstellen, beizeiten dort mal Selbstverteidigungskurse zu geben. Ich denke, das fördert den Ruf von AIM da reichlich.
Wenn die Idee blöd ist, dann streicht sie einfach.
Die Antwort von Nancy Szabo aus dem Bereitschaftspool auf Régicides Anfrage erfolgt per Trideoaufzeichnung aus einer genormten Bürokabine, wie man sie häufig auf Baustellen oder in mobilen Installationen findet. Sie trägt zivile Kleidung und wirkt nicht sonderlich militärisch. Ihr Französisch ist schnell, verschliffen aber freundlich.
Lieutenant Morellè,
es freut mich, dass Sie an meinen Diensten interessiert sind. Auf ihre grundsätzliche Frage hin: Ja, theoretisch bin ich verfügbar, auf Grundlage der vagen Anfrage, die ich habe. Um fundierte Auskunft über Preis und Möglichkeiten zu geben brauche ich folgende Angaben: Ort des Einsatzes, Beginn des Einsatzes, Dauer des Einsatzes, Anzahl der Personen für die eine medizinische Versorgung vorgehalten werden soll. Erwarteter Gesundheitszustand und besondere Umstände der Patienten. Gefahrenlage.
Ich verbleibe herzlichst und erwarte freudig Ihre Auskunft, Lieutenant.
Regicite hört die Nachricht zwei Mal ab, macht sich ein paar Notizen und Antwortet direkt. Er öffnet einen Viedomessenger und nimmt eine kurze Nachricht auf:
Salut Nanny
Un: Der Ort des Einsatzes ist geheim. Ich lasse ihnen im Anhang einen Datalink zukommen, Sgt. Somborne ist logistsich zuständig und kann im Rahmen ihrer Sicherheitsfreigabe Auskunft geben.
Deux: Beginn des Einsatzes: 36-62 Std. Trois: Dauer des Einsatzes: 2-7 Tag
Quatre: Anzahl & erwarteter Zustand: Eine überschaubare Anzahl schwere Traumafälle, durch Schuss oder Schlagwaffen so wie eine große Anzahl leichter Verletzungen. Wir sprechen von medizinischer Hilfe für Zivilisten in einem bewaffneten Konflikt.
Cinq: Gefahrenlage: Generell Niedrig, wenn es zum Aufbau des Lazeretts kommt wird es in gesichertem Gebiet stattfinden, ideal unterstütz durch örtliche Behörden. Allerdings ist eine Konfliktsituation nicht aus zu schließen.
Morelle fini
Bazut, du hast mich nach meiner Priorisierung gefragt bzgl. der möglichen Ziele. Meine sieht so aus:
1. Durchsuchung (Moskuwa) – Ich rechne hier nicht mit großem Aufwand; es bietet aber die gute Möglichkeit, sich zu akklimatisieren und Erkenntnisse zu sammeln.
2. Tawani See – es muß klar sein, dass wir es hier ziemlich sicher mit einem Kampfeinsatz zu tun haben. Meine hohe Priorität speist sich einzig aus der Dringlichkeit. Die Frage ist natürlich, ob wir dafür gut genug ausgerüstet sind – und hier sollten wir nicht vergessen, dass es auch darum geht, die Geschehnisse zu dokumentieren!
2. Tombu Villa – eine Basis in der Nähe ist gemessen an der vermutlich längeren Aufenthaltsdauer im Gebiet wichtig; insbesondere für Hiller.
3. Uplink
4. Nkambo
5. Wadi – wenn ich das recht lese, kann man hier von einer Vielzahl an Kräften ausgehen; ich weiß nicht, inwieweit wir dort zu viert etwas bewegen – auch wenn ich weiß, dass wir einiges bewegen können.
Berlin: zu weit. Deligieren??? Gibt es da jemand im Pool, der vielleicht auch noch in der Gegend ist?
Konkurrenz/Damm: im Moment zu gefährlich – nicht lohnend
Generell denkst Du über eine Aufklärung nach, Bazut. Soll diese tatsächlich bodengestütz erfolgen? Vielleicht lässt sich sowas auch via Drohnen klären!??