Clark und Finnjas Stellung

Der Lieutenant hatte, direkt nachdem er von Captain Uzun in seiner Position als Einsatzleiter vor Ort bestätigt worden war, eine Klärung der anwesenden Personen im HQ verlangt, genaugenommen von Pria Lakshmi Clark und Finnja Skorgen. Beide waren nunmehr seit Mitte Oktober im Land und seitdem damit befasst gewesen, das verlegte HQ zu betreiben, zu sichern und die Rettungsmission notdürftig aufrecht zu erhalten.

Pria Clark war gesundheitlich nicht sonderlich gut gestellt, was am ehesten von einer andauernden Stressbelastung herrührte. Sie war zwar fokussiert und entschlossen im Auftreten, zeigte aber Anzeichen von Nervosität, Schlafmangel und weiteren, kleinen Leiden. Ihre Reizbarkeit hielt sie aber gut im Zaum. Von dem damaligen Zusammenstoß und der abwertenden Haltung gegenüber der SFG 77 war nichts zu hören. Sie erläuterte ihre aktuelle Position bei zwei, drei Zigaretten so:

„Also der sechzehnte Oktober war der Tag gewesen, an dem ich meine Nerven über Bord geworfen und mir Klaviersaiten zugelegt habe. Können sie sich das vorstellen? Die SFG 77 war zwei Tage bereits MIA gemeldet und am sechzehnten kam es richtig hart rein: Putschversuch in Dahomey, Policy Board erstmal wie gelähmt. Telefone der Abteilungsleiter waren entweder tot oder dauerbesetzt. Kaum war Mittag, wurde Captain Uzun abberufen und zur Task Force Guinea versetzt, um die Special Forces für die Seeblockade zu koordinieren. Die Recovery Mission für die SFG 77 sollte ein unerfahrener Lieutenant übernehmen. Und noch während ich mit Uzun per Trideo bespreche wie es jetzt weitergehen soll, kommt die Nachricht aus Moskuwa rein, dass Lena Mason vermisst ist, wahrscheinlich sogar entführt wurde.

„Ich habe dann versucht in den Folgetagen mit dem Lieutenant die Recovery zu klären und mit Fink durchzugehen, was wir machen können. Dann kam vom Policy Board ein Stopp. Ich sollte erstmal gar nichts unternehmen. Neubewertung der Lage, wegen dem Putschversuch. Unser Auftraggeber – Dahomey – wer war das genau nochmal? Naja, und dann habe ich informell erfahren, dass es den Plan gab AIM MATTERS einzustellen und mich abzuberufen. Die ganze Kampagne für’n Arsch, entschuldigen sie! Es sollte nur noch auf die militärische Auftragserfüllung im Golf geschaut werden. Der Geschäftsleitung wurde wahrscheinlich ausgemalt wie das hier enden würde, sollten Evakuierungsmissionen auch noch schiefgehen. Kein Mensch dachte mehr an eine koordinierte, politische Kampagne für die Firma!“

Ein langer Zug an der Kippe.

„Dann hab‘ ich mir selbst eine Dienstreise angeordnet und bin mit dem letzten offiziellen Flug von Casablanca nach Lome geflogen. Das war am fünfundzwanzigsten Oktober. Plötzlich war mit mir die einzig taugliche, politische Projektleitung vor Ort und damit in einem Krisengebiet. Tja. Da gelten andere Regeln. Jetzt konnten sie die Kampagne nicht einstellen, ohne eine Special Deputy Secretary abzuschreiben und sich eine Evakuierung mehr aufzuhalsen. Und den Papierkram wollen sie nicht sehen, den man braucht um eine Policy Campaign in einem Krisenzustand aufzulösen. Da fragen sie mal Sergeant Copper. Der kann ihnen was aus Kairo erzählen. Allein die Publicity kostet sie Selbstmorde in der Marketingabteilung. Also hat man mich vor Ort als Agentenführerin für AIM MATTERS bestätigt. Klar, mein Personal in Casablanca ist auf ein Drittel geschrumpft. Aber was ich mache ist eben jetzt Feldarbeit. Ich beobachte die Lage der Medien, schreibe Analysen, suche Demos auf, rede mit Kontakten hier in Moskuwa. Auch Kontakte von Evan Choi. Der Mann ist übrigens immer noch verschwunden. Aber sein Server, aus seinem Appartment, der war eine große Hilfe. Und nebenbei habe ich die Schichten am Funk und den Kameras übernommen, um auf sie zu warten. Offiziell bin ich also die politische Ein-Frauen-Aktion von AIM MATTERS vor Ort. Immerhin offiziell bestätigt. Wie der Captain gesagt hat, bin ich nach wie vor an einem politischen Partner und an Kunden interessiert, damit wir ENDLICH was liefern können. Auch wenn die Lage hier über alle Maßen eskaliert ist, haben wir und die Geschäftsleitung noch immer das gleiche Problem: keine Partner, die uns reinholen, und keine Ahnung, was wirklich hier los ist. Hier in Moskuwa haben wir aber keine Chance, die Stadt ist in fester Hand von Merc Inc. So sieht es aus. Also wenn sie Kontakte haben, dann her damit.“

Mit Finnja Skorgens Geschichte verhielt es sich ähnlich und doch grundlegend anders. Die reservierte Elfe hatte scheinbar die Zeit des Wartens wesentlich besser vertragen als Fink und Clark. Vielleicht lag es daran, dass sie eine Elfe war. Vor allem schien sie die Zeit auch genutzt zu haben, um mit der Situation ins Reine zu kommen. Sie zeigte kein Zögern und keine Verlegenheit, als der Lieutenant sie nach ihrer Geschichte befragte. Überhaupt war spürbar, dass sie in den vergangenen Wochen eine Führungsrolle vor Ort übernommen hatte. Egal wie sehr man sich anstrengte, man hatte immer das Gefühl, dass man es eben nur beinahe schaffen würde, mit der Elfe auf Augenhöhe zu kommen. Das konnte Nerven kosten. Aber abgesehen von Negative, begegnete sie jedem der SFG 77 respektvoll, distanziert, aber kooperationsbereit. Negative ignorierte sie meistens, wenn andere dabei waren.

„Lieutenant, Sergeants, Chief. Mein Name ist Finnja Skorgen. Die meisten kennen mich bereits… flüchtig. Bis Ende Juni dieses Jahres war ich Kapitänin zur See auf der CASS Shigeruu, einem havarierten Flugzeugträger der Belicose-Klasse im Nordmeer. In den 50er Jahren habe ich für die IMA die Seekriegsoffensive im Nord-, Ost- und Arktischen Meer gegen die Russische Föderation unterstützt. Zumeist als Kapitänin von Zerstörerklassen. Ich denke ich spare mir Details meiner Entlassung. Da können sie mir vielleicht noch mehr berichten als ich ihnen… Jedenfalls hat Sergeant Boucard mir inoffiziell unter die Arme gegriffen, als ich im Sommer in Manila staatenlos gestrandet bin. Wir hatten eine Abmachung. Er konnte sie nicht einhalten. Weil er im Einsatz für die SFG 77… verlustig gegangen war. Deshalb habe ich nachgeforscht. Als man mich über den Status als MIA vertraulich informiert hat, habe ich Captain Uzun angeboten vor Ort zu helfen. Ich kam am gleichen Tag hier an wie Miss Clark. Auch wenn ich von ihrer Person keine Kenntnis hatte. Private Fink hat mich hier begrüßt.“

Da waren doch noch ein paar weiße Flecken in der Geschichte. Wie genau war sie hierher gekommen?

„Illegal. Die Einreise wurde durch Private Fink, Sergeant Somborne und Specialist Lance lanciert. Ehrlich gesagt, habe ich mich für diese Frage auch nicht interessiert. Es war ein Flugzeug, dann ein Schnellzug. Mehr muss ich wohl nicht wissen.“

Nach freundlichem Nachdruck wird sie dann auch konkreter, was ihre Stellung angeht:

„Ich bin freie Kontraktnehmerin. Offiziell werde ich aus den Geldmitteln bezahlt, die Captain Uzun an Private Fink freigegeben hat. Das war kurz bevor er das Kommando an den Lieutenant Ortell abgeben musste. Mein Auftrag hier ist offiziell Personenschutz. Unnötig zu erwähnen, dass das aber nicht gerade mein Metier ist. Praktisch habe ich die Koordination des HQ übernommen. Mein Beschäftigungsvertrag ist etwas gebogen worden. Mein Name wurde so klein wie möglich auf den Formularen abgedruckt. Ich denke mal, dass es im Moment in diesem Chaos einfach noch keinen Interessiert hat, dass eine Unehrenhafte als Freiberuflerin beschäftigt wird. Aber streng genommen, Lieutenant, stehe ich ihnen und ihrem Team zur Verfügung. Ganz offiziell.“

Der letzte Satz wurde von einem direkten und durchdringenden Blick an alle vom Team begleitet. Nur Negative, den schaute sie nicht an.

Der Spaziergang

Spät in der Nacht von 1. zum 2. Dezember machen sich Norge und Zoé auf in die belebten Straßenzüge von Moskuwa Downtown. Die Nachtzeit ist die Zeit für Arbeit und Vergnügen. Diese Formel bewährt sich auch in der schwierigen, krisengeplagten Zeit. Mit größtmöglicher Ignoranz geht das Leben hier weiter, auch wenn viele dezente Details daran erinnern, dass die Zukunft von Dahomey gerade in der Schwebe ist.

Die großen, glasüberdachten Einkaufsstraßen der Fußgängerzonen summen vom Lärm vieler Sprachen und tieffliegenden Dronen – einige davon deutlich aus dem Horst von Mercenary Inc. Auf den bunten Werbetafeln mischen sich häufig ernste Bilder aus der Tawani-Region, dem überschwemmten Mbandé-Sprawl und der unter Kriegsrecht gestellten Hauptstadt Lome. Auch die Seeblockade ist Thema. Die Flotte von AIM koordiniert Zugang und Abgang des lebenswichtigen Warenstroms aus der ganzen Welt. Ironischerweise sind es nicht die Schiffe, die von der Allianz der Afrikanischen Union aufgehalten werden, die Probleme machen, sondern die plötzliche Explosion von Schmuggelware und undurchschaubaren Stellvertreterverträgen, die der Korruption Tür und Tor geöffnet haben. Dazu zählt auch der räuberische Export von Dahomeys Reichtümern, der sich an der Krisenlage bereichert. Kurz können Zoé und Norge die Silouette der AIMS Cassiopeia in einem Filmausschnitt sehen.

Die beiden lassen sich in einem Ruhebereich inmitten einer der großen Malls nieder und starren eine Weile auf den Nachrichtentrideo bis sie Teil der Kulisse geworden zu sein scheinen. Zoés wachsame Ohren und Augen registrieren die Drohnenflüge, die bewaffneten Patroullien und neugierigen Augen vorbeiziehender Fremder. Von den toten Winkeln der Kameras gar nicht zu sprechen. Immer wieder öffnen sich großzügige Zeitfenster für öffentliche Privatheit. Zoé gibt Norge grünes Licht und er nimmt die Radio Sorceress aus seiner Tasche.

Der porzellangleiche Kopf schaut sich ungelenk um und die lilafarbenen Augen erfassen neugierig die Umgebung. Wie auch die echte Miru, blinzelt die Puppe nicht. Als hätte die Puppe gemerkt, dass sich Aufmerksamkeit auf sie richtet, spricht sie mit bewegtem Mund in kindlicher Tonlage:

„Norge! Du musst aufpassen. Der Äther ist voll von bösen Drachen und schädlicher Software.“

Die Radio Sorceress schaut zu Zoé.

„Ich kann euch nicht dienen, wenn ich mich nicht mit euren digitalen Gefährten verbinden kann. Fügt mich als Avatar zu euren AR- und VR-Brillen hinzu, macht mich mit euren Smartphones und Data Pads bekannt. Ich kann auch eure Heimterminals beschützen.“

Die Puppe legt den Kopf schief und Zoé schaut kurz zu Norge, der die Schultern etwas ratslos hebt und nickt. Dafür sind sie ja hier: um die Sache auszuprobieren. Zoé nimmt ein neu erworbenes Mobiltelefon aus dem kleinen Rucksack hervor und befreit es aus seiner Verpackung. Die kleine Miru-Puppe streckt behende beide Arme nach dem Gerät aus. Zoé reicht ihr das Telefon mit dem Hinweis, dass dies das neue Gerät von Norge ist.

Kaum hat die Puppe das Smartphone in der Hand, leuchtet das Display auf. Die Radio Sorceress legt eine kleine Hand auf den Induktionsbereich des Bildschirms und plötzlich explodiert ein Zauber aus Farben und Formen auf dem Mobilgerät. Ein Abbild der Radio Soreress erscheint nun jenseits des Bildschirms und blickt die Schwester-Puppe spiegelgleich an. Dann beginnt die Radio Sorceress im Telefon ordentlich aufzuräumen. Ein wahrer Kampf entbrennt. Programme werden umgebogen, Dinge vernichtet, neues erschaffen. Mit blechernen Kampfeffekten und Feuerwerk bleibt von der ursprünglichen Benutzeroberfläche des Billigprodukts nicht mehr viel übrig. Die Radio Sorceress hat sich häuslich eingerichtet, in einer japanischen Festung aus digitalem Zauber. Wallanlagen, Tore,, Bogenschützen und feurrote Drachen in der Luft sichern die Burg – Norges digitale Privatsphäre.

Norge und Zoé starren nur von außen auf den Bildschirm aber man kann ermessen, wie intensiv sich dieser digitale Burgenbau anfühlen musste, wenn man sich mit einem Datajack direkt in das Gerät einklinken würde. Wahrscheinlich könnte Norge in der virtuellen Welt wirklich dort wohnen und Gäste empfangen. Die Radio Sorceress verkündet stolz:

„Fertig! Aus dieser primitiven, öffentlichen Telefonzelle ist eine Burg geworden! Nur Du kannst eintreten, Norge. Sprich einfach mit mir, wenn Du etwas umgestalten oder mit anderen teilen willst!“

Die Radio Sorceress rammt ihren Stecken in den Boden und das Smartphone nimmt nun seine eigentliche Funktion wahr. Eine Verbindung zum Mobilfunknetz wird hergestellt. Die Radio Sorceress prüft die Integrität kritisch und gibt Kernfunktionen eingeschränkt frei. Norge erscheint im Telefon als gerüsteter Samurai. Alle Diener und Wachen organisieren sich um ihn.

„Norge, Matrixverbindung ist hergestellt, aber die Netzqualität ist sehr schlecht. Hier kannst Du nicht voll in den See aus Informationen eintauchen. Simsense und Trideo sind nicht möglich. Du hast nur einfachen Terminalzugang zum digitalen Universum. Aber es reicht für das Nötigste! Du kannst recherchieren, telefonieren und Daten versenden, aber ein staatlicher Anbieter kontrolliert derzeit die Dateninhalte. Pass auf, was Du sagst! Ich habe jedenfalls Deinen Standort gut verborgen, denn ich bin nicht die einzige Radio Sorceress hier in der Region. Gemeinsam sind wir stärker! Wenn Du mich mit Kontakten verbindest, die auch von einer meiner Schwestern beschützt werden, kann ich alle Datenübertragungen felsenfest verschlüsseln!“

Sie reckt den Stecken empor, der mit einem Blitzschlag zum Schwert wird. Damit scheint das Mobiltelefon eingerichtet. Norge benutzt das Gerät, zuerst etwas planlos, was er damit nun also anfangen soll. Recht schnell wird klar, dass sich alle Funktionen in der japanischen Festung verbergen und die Radio Sorceress als digitaler Avatar immer in der Nähe ist. Norge kann ziemlich direkt mit dem kleinen Helferlein sprechen. Die eigentliche Puppe scheint ein notwendiges Accessoire zu sein. Die Funktionen der Radio Sorceress sind scheinbar an die Nähe der Puppe gebunden. Zoé entschließt sich daraufhin, die kleine Miru vorerst im Rucksack den neugierigen Blicken zu entziehen. Norge kommt dann unkompliziert zum Kern der Sache:

„Em, kannst Du Verbindung mit Miru aufnehmen, wir brauchen ihre Hilfe?“

Die Radio Sorceress legt den Kopf schief und hält eine Hand offen in Norges Richtung, als wolle der Avatar ihn in das Telefon ziehen.

„Ich bin hier! Die Radio Sorceress hilft dir immer und überall!“

„Nein, em… Radio Sorceress. Ich meine die echte Miru. Die Miru, die auch Asiru und Kiru ist… oder war…“

Der Avatar bekommt riesige Augen voll ehrfürchrtigem Erstaunen:

„Oooooooh! Miru-Sensei! Ooohhh!“

Sie legt eine Faust in ihre andere Hand und neigt den Kopf.

„Miru-Sensei ist immer und überall mit mir und allen unseren anderen Schwestern. Wie kann ich Dir helfen, Norge?“

Zoé schaltet sich ein, als Norge etwas zögert. Wie genau sollte man das Anliegen nun berichten? Die Puppe kennt ja Lena nicht. Und selbst wenn Miru-Sensei selbst hier und jetzt neben ihnen auf der Bank sitzen würde, wie würde sie verstehen können? Zoé geht die Sache etwas vorsichtig an:

„Wir haben eine Freundin, Lena. Hmmm…. Lena Mason. Sie wurde entführt, Miru.“

Die Augen der Radio Sorceress blitzen zornig auf. Mit einer unwirschen Geste zieht sie drei mögliche Kontakte herbei, mit der man unmittelbar Hilfe erlangen könnte: Kriminaldirektion Ordnungsbüro Moskuwa, Mercenary Inc. Bereitschaftsdienst Downtown, PanicButton Online Operator. Zoé winkt eilig ab:

„Nein, nicht so. Es ist eine Weile her und wir brauchen Hinweise, wer sie entführt hat. Kannst Du uns Bildmaterial besorgen, oder den Ort rausfinden, wo Lena zuletzt gesehen wurde… oder wo sie jetzt ist?“

Die Radio Sorceress stellt den Zauberstab auf und nimmt eine neutrale, nachdenkliche Miene an. Hinter ihr versammeln sich einige Lakaien und Samurai. Sie sieht dann zu Norge und fragt, ob Zoés Angelegenheit auch seine sei. Er nickt. Nach einem Moment antwortet sie dann auf Zoés Anfrage:

„Freundin Zoé-san, ich kann Lena nicht finden, aber was passiert ist ist schrecklich. Ich benötige mehr Informationen. Nimm mich mit, damit ich mehr über sie und euch lernen kann. Wenn ich genug Informationen habe, dann werde ich mich melden, versprochen. Solange passe ich still auf und lerne.“

Die Radio Sorceress verneigt sich. Mehr war im Moment nicht zu erwarten. Norge beobachtet die umliegenden Trideoschirme und Werbetafeln, aber es erscheint kein Anzeichen, dass Miru sich manifestiert. Zoé schlägt vor, dass man vielleicht die Puppe mit an den kommenden Einsatzbesprechungen teilhaben lässt. Wenn es stimmt was sie sagt, müsste sie ja mehr und mehr über Lena lernen und vielleicht kommt sie dann irgendwann zu einem hilfreichen Ergebnis?

Finnja und Negative

Negative hatte den anderen den Vortritt gelassen, als das Gespräch mit Goodfellow und Uzun beendet war und alle anderen sich auf dem Weg zurück in die Wohnung machten, in der freudigen Erwartung, mal die Beine hochlegen zu können. Dem Lieutenant hatte er beim aus dem Raum schieben noch kurz zugenickt, man habe da noch etwas unter vier Augen zu besprechen; und dieser hatte mit Mühe kurz Schultern und Mundwinkel nach oben gezogen.

So standen sie nun da, und wo es vor Monaten noch Stunden hätte dauern können, bis die ersten Worte fielen, unterbrach Negative schnell die Stille:

„Staatenlos in abgeriegelte Bürgerkriegsländer einzureisen ist wohl nicht Teil der Grundausbildung, oder? Es freut mich aufrichtig, dich wiederzusehen!“

Er spürte allerdings, dass sich seine Muskeln leicht spannten und sich darauf vorberereiteten, zumindest den dritten und alle weiteren Schläge und Tritte abzufangen.

Die nordische Elfe im afrikanischen Gewand stand Negative eng gegenüber und es wirkte in etwa so, als würden beide hinter der Bühne eines Theaters zwischen den Aufführungen aufeinander treffen.

„Ich habe nur gemacht, was Du geraten hast. Ich habe alte Kontakte bei AIM bemüht. Und Mitte Oktober hieß es dann, Du wärst vermisst. Dann habe ich sofort eine Nachricht an Captain Uzun durchgedrückt und der Rest war die Arbeit der Logistiker. Bilde Dir bloß nichts ein. Ich nutze nur meine Chance, nicht völlig über den Tellerrand hinaus geschoben zu werden. Sowohl der Kämmerer Fink als auch die Übernervöse vom Policy Board wären hier längst untergegangen, wenn ich nicht auf Disziplin, Ausdauer und Geduld gepocht hätte. Jetzt bist Du da und der Plan ging auf. Sie zu, dass ich nicht der Arsch bin, der am Ende keinen Stuhl mehr bekommt, wenn die Musik aufhört.“

Im krassen Gegensatz zu ihren Worten und auch zu ihrer kalten Miene fasst sie Negative sachte am Oberarm und streicht mit der anderen Hand über sein Gesicht.

„Du hast Dich verändert,“ stellt sie fest. Dann umarmt sie ihn und atmet tief durch.

Als sie einige Momente später ihr Kleidung wieder in Ordnung brachten, antworte er:

„Das stimmt in so verdammt jeglicher Hinsicht! Ich weiß im Grunde jetzt, wo ich herkomme. Ich weiß, dass es hier noch was in Ordnung zu bringen gibt für mich. Man hat mich benutzt, und diese Schande werde ich tilgen…“

Sein Blick schweift einen Moment ab.

„Was nutzt Macht, wenn sie dem Chaos nutzt?“

Für einen kurzen Moment blitzt seine Schamanenmaske auf. Finnja schaut ihn erschrocken an und will sich abwenden, aber er hält sie zärtlich aber bestimmt fest.

„Jedenfalls bringen wir mit allem, was wir an Intel und Erfahrungen so gesammelt haben, die Firma weit nach vorne… das wird Einiges in Bewegung bringen. So wie ich Uzun kenne, dauert das keine 48 Stunden, und es ist wieder wie früher.“

Er schaut ihr lange ins Gesicht.

„Nur du hast dich im Grunde nicht verändert. Innen wie außen. Zeit, das in Bewegung zu setzen. Und dieses Mal haben wir die Möglichkeiten…“

Reaktivierung

Mike hatte wieder einen dieser Momente, in denen er irgendwie neben sich stand und die Dinge einfach zu schnell passierten. Gedanklich war er noch nicht in der Gegenwart angekommen. Er schaute auf die zwölf uniformierten Portraits an der übergroßen Trideowand. Einige sprachen über wichtige Dinge, das teilte Mike eine innere Stimme mit. Und sie sprachen zum Glück nicht zu ihm, sondern zu Captain Uzun, der hier im Übertragungsraum den zwölf Offizieren Rede und Antwort stand. Mike und Specialist Lance saßen am Katzentisch, zwei Meter entfernt, bereit aufzuspringen, zu nicken oder Daten anzureichen, wenn man sie aufforderte.

Mike wunderte sich. Sprach man nicht über eine Rettungsmission? Recovery SFG 77? Aber irgendwie hatte sich das Thema plötzlich gewandelt. Er schielte nach rechts, zu Lance. Ihre Augen waren konzentriert auf Uzun und sie nickte. Scheiße. Sie war am Ball. Mike rieb sich mit der Hand das Gesicht und kniff die Augen zusammen. Was war hier gerade los?

Uzun: „Ich habe die Mahnung des Central Command verstanden und ich versichere ihnen, dass es niemanden gibt, der sich den überlangen, unklaren Operationsstatus der SFG 77 mehr zu Herzen nimmt als ich. Ausschlaggebend ist aber an dieser Stelle, dass es dem Team gelang, hochbrisante, politische sowie militärische Informationen im verdeckten Einsatz zu beschaffen. Von Anfang an war die Möglichkeit gesehen worden, unkonventionell und abgeschieden von der Operationsleitung zu operieren. Die spezielle Natur dieser Anforderung spiegelt sich in meiner Einsatzdoktrin wieder. Und die Früchte ernten wir gerade in diesem Moment.“

Mike überlegte: Waren Einsätze ohne Anbindung zur Operationsleitung von Anfang an vorgesehen gewesen? Es hieß immer „unkonventionell“, aber was genau bedeutete das eigentlich?

Uzun: „Es ist sehr glücklich, dass die SFG 77 vor einigen Stunden unverzüglich eine Geheimhaltungseinstufung für Daten und Zeugen mit Priorität verlangt hat und Lieutenant Ortell sofort zur Kooperation bereit war. So konnte die Reaktivierung der Einheit umgehend beantragt werden und wir können die neuen Erkenntnisse sofort operativ nutzen.“

Mike nickte roboterhaft auf einen Seitenwink des Captains hin. Ihm fiel auf, dass Captain Uzun gar nicht erwähnte, dass man Lieutenant Ortell umgangen hatte. Uzun hatte bildlich gesprochen mit einer eilig erwirkten Geheimhaltungsstufe vor dem Gesicht des Lieutenant herumgewedelt und er musste seine Leitung über die Rettungsmission aufgeben. Mike hatte die Logdaten dafür frisiert, so dass Lieutenant Ortell als Schwachkopf dastand, der seine Mailbox nicht richtig bedienen konnte. Aber andererseits, dachte sich Mike, war das vielleicht auch gut so. So wie die SFG 77 im HQ Moskuwa aufgeschlagen war, hatte sie sich direkt und unverzüglich an Uzun wenden können. Das hätte auch anders laufen können. Lieutenant Ortell gehörte zu denen im Stab, die Uzun auf den Tod nicht leiden konnten – also etwa zur einen Hälfte der Offiziere an der Trideowand. So wie es in Moskuwa abgelaufen war, hatte man Ortell schlichtweg direkt umgangen. Das dürfte einigen gar nicht gepasst haben. Aber so wie es gelaufen war, war es wohl auch gut. Die SFG 77 hatte schon genug Probleme. Auf firmeninterne Politik konnte man gut verzichten.

Uzun fuhr fort: „Aus dem, was ich bisher an Daten sichten konnte, habe ich einen eiligen Reaktionsplan erarbeitet. Sie erhalten die Datei soeben digital. Es handel sich um die Komposition einer Task Force Landfall. Aufgrund großflächiger, exterritorialer Gebiete mit prekärer Sicherheits- und Gesundheitslage im Zentrum des Nordostens von Dahomey sehe ich eine massive Luftpräsenz als primäre Notwendigkeit für den Auftakt einer Bodenmission für AIM. Wie sie sehen, gehe ich von einem kleinen Brückenkopf aus, der im Wesentlichen vom Golf von Guinea aus geschlagen wird.“

Mike leitete die Dateien an die Offiziere weiter. Interessant war der Begriff „eiliger Reaktionsplan“. Mike hatte bereits seit Wochen unter der Hand für Uzun an einer Szenariosimulation für diese Task Force Landfall gearbeitet. Jetzt zog er sie einfach aus der Tasche. Die Offiziere nickten beeindruckt, manche hoben die Brauen. Eine Mittfünfzigerin mit Sternen am Kragen blickte über die Brille zu Uzun:

GEN: „Ich bewundere ihren krankhaften Ehrgeiz. Sie schlagen einen Brückenkopf gut 700km von der Küste entfernt vor?“

Uzun: „Richtig. Unseren vorläufigen Aufklärungsinformationen zufolge liegt im Bereich um den Tawani-See der Kern aller relevanten Ereignisse. Dort treffen die Akteure aufeinander, da ist Potential, um in die Neuordnung einzugreifen.“

GEN: „Eine Neuordnung welcher Art? Soweit ich informiert bin, sind die Ergebnisse der Feldaufklärung durch die SFG 77 weder mit unserem Nachrichtendienst noch der politischen Abteilung abgestimmt. Was genau wollen Sie da neu ordnen, Captain?“

Uzun: „Danke, General Falcon, dass Sie auf diesen zentralen Punkt hinweisen. Seit Anfang Oktober steht die Geschäftsleitung unter enormen Druck, einen Vertrag gegenüber einem Land erfüllen zu müssen, ohne dabei fundierte Informationen aus erster Hand über die genauen Hintergründe der aktuellen Krise zu besitzen. Ich denke, wir erinnern uns alle daran, wie die Bloßstellung unserer CEO auch zu uns durchregnete. Die aktuellen Informationen aus Hand der SFG 77 zeigen die Vielschichtigkeit der Krise auf und identifizieren nun ganz klar terroristische Gruppen als Mitverursacher. Wenn wir hier gezielt eingreifen, das sehen sie sicherlich aus den vorläufigen Daten, können wir uns selbstbewusst und mit klarer Strategie als Akteure auf dem Festland ins Spiel bringen. Dann kommen wir endlich aus der rufschädigenden Zwickmühle raus. Und ich möchte betonen, dass wir für eine Task Force Landfall gegenwärtig nicht einmal ein Mandat von Dahomey selbst bräuchten.“

GEN: „Das zu entscheiden, übersteigt ihren Horizont, will ich meinen.“

Uzun: „Sie haben recht General. Ich bitte sie daher, dass mein Team unverzüglich damit beginnen kann, einen Brückenkopf im Krisengebiet vorzubereiten. Ich schlage die Formierung der Task Force Landfall als Vorbereitung einer Landstrategie vor. Sobald CCOM und das Policy Board dann ihre Gesamtstrategie mit den neuen Aufklärungsdaten ergänzt haben, können wir uns vor Ort ins Spiel bringen und dort intervenieren, wo es mit der Firmenpolitik im Einklang steht. Denn eines ist klar: Seit Wochen blockiert uns die fehlende Landstrategie und diese blinde Vertragserfüllung im Rahmen der Seeblockade kostet uns täglich Aktienwert und Reputation. So kann es doch nicht weitergehen.“

Mike stimmte dem Captain zu. Es war nicht schön für ein Land, den Warenstrom militärisch durchzusetzen, während man nicht wusste, ob der Kunde im Inland seine eigene Bevölkerung absichtsvoll verhungern lässt. Und mit dem Reputations-Argument hatte Uzun nun auch die Trumpfkarte gespielt. Die zwölf Offiziere des CCOM blätterten durch die digitalen Berichtsseiten, einige murrten, manche rieben sich die Augen, andere nickten. Dann schauten elf der zwölf zu General Falcon. Für kurze Zeit wurde der Audiokanal blockiert und der Stab besprach sich intern. Als der Kanal wieder offen war, sagte General Falcon:

GEN: „Konsolidieren Sie ihre Einheit vor Ort und warten Sie ab, bis das Policy Board gemeinsam mit dem CCOM eine Strategieentscheidung getroffen hat. Wir werden ihrem Vorschlag folgen und Task Force Landfall in Dienst stellen, vorerst jedoch auf das Kommando- und Luftwaffenelement begrenzt. Colonel Kalika wird das Kommando über die Task Force übernehmen. Sie, Captain, übernehmen die Koordination der Spezialeinsätze. Der Großteil der von ihnen vorgeschlagenen Lufteinheiten muss von Task Force Guinea abgezweigt werden. Koordinieren sie das, damit es kein Chaos gibt. Wir haben nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung. Es ist ihnen vorerst untersagt, Bodentruppen abzusetzen oder Luftraum zu durchqueren, der von Mercenary Incorporated oder Nigeria militärisch kontrolliert wird.“

Uzun nickte bestimmt.

GEN: „Und, Captain, ohne einen Partner vor Ort wird sich dieser Plan, den sie angeregt haben, nicht verwirklichen lassen. Die Übergangsregierung in Lome blockiert jeglichen Vorstoß unsererseits, im Norden des Landes einzugreifen. Selbst wenn wir mit völkerrechtlichem Mandat einseitig in das Szenario eingreifen, haben wir damit zwar eine Menge zu tun, aber keinen Kunden, nach dem die Geschäftsführung verlangt. AIM MATTERS hatte die Aufgabe, einen Partner zu gewinnen, der uns ins Land holt und Dahomey davon überzeugt, dass wir zumindest in einem begrenzten Umfang Partner am Boden sein sollen.“

Uzun presste die Lippen etwas aufeinander und nickte erneut, diesmal etwas weniger bestimmt.

GEN: „Sehen sie also zu, dass alle Informationen, Beweise und Zeugen so schnell wie möglich in unsere sicheren Hände gelangen und potentielle Partner vor Ort identifiziert werden. Miss Clark hat sich ja eigenwillig ins Land geflüchtet und ist immer noch in Moskuwa. Sie hat Instruktionen, wie mit solchen Partnern umzugehen ist. Binden sie sie ein. Wenn sie sich dort schon an ihrem Strohhalm festklammert, kann sie sich auch nützlich machen. Das ist alles. Sie können wegtreten, Captain.“

Ein kurzer Austausch von Saluts und die Verbindung war getrennt. Mike schaute zu Lance und flüsterte:

„Geht’s jetzt los?“

Die Specialist hob nur eine Augenbraue und machte sich mit Unterlagen unterm Arm auf den Weg um Uzun zu folgen. Mike blieb etwas ratlos zurück, nachdem er den virtuellen Besprechungsraum geschlossen und abgewickelt hatte. Was bedeutete das jetzt für ihn eigentlich? Er beschloss, ersteinmal direkt zum Host-Terminal zurückzukehren, Zoé oder jemand anderen ans Terminal zu bekommen und den neuesten Tratsch ins Feld zu bringen!

Coppers Worte

Ein paar Stunden nach dem Gespräch mit Cpt. Uzun per Trideochat wacht Lt. Morelle aus einem kurzen Schlaf auf, den er sich hatte gönnen wollen. Copper sitzt auf einer Kiste in der Ecke des Raumes und schaut ihn nachdenklich an…

‚Lassen Sie mich bitte ausreden Sir‘ sagt er völlig unvermittelt. Er steht auf, geht zur Zimmertür und schließt diese. Dann geht er zurück zu der Kiste, setzt sich und sieht den LT. einige Sekunden an.

‚Ich muss mich entschuldigen Sir, und ich muss mich bedanken.‘ Er kämpft sichtlich mit sich, seine Hände zittern.

‚Als ich zur SFG77 versetzt wurde kam das für mich sehr überraschend. Ich hatte nicht mit so etwas gerechnet. Manches haben sie sich sicher schon zusammen gereimt, anderes habe ich angedeutet… Ich bin Ermittler, vorwiegend war ich für die Interne tätig, minimale Felderfahrung, nicht der Typ für eine SFG, schon gar nicht die 77… *Er schaut beinahe flehentlich zu Morelle* Kaffee und Donuts, nicht Giftgas und Monster! Aber ich bekam eine Empfehlung, einen Stapel Personalakten und eine inoffizielle Anweisung einen internen Bericht zu verfassen… über die SFG, die Mitglieder, über… Uzun. *er schluckt* Da hatte ich noch nicht mal mit Uzun gesprochen, von der SFG nur Gerüchte gehört. Einen, das war unmissverständlich, einen dreckigen Bericht. Etwas zum Abservieren. *Copper knetet sich so hart die Hände, dass man meint seine Finger müssten gleich brechen* Ich habe vorhin dem Cpt. in der Matrix unter der Hand den Namen und den Auftrag genannt. Ich werde nicht der Dolch in seinem Rücken. War ja nichts Offizielles. Sollte karrierefördernd sein. *Er ringt nach Luft* Und mal im Ernst… wär die SFG eine normale Einheit, der Gestank der Leichen über dem Sprawl wäre Blumenduft gegen die Kacke, die ich nur in den ersten 48 Stunden von Ihnen gesehen und gehört habe… *er schwitzt und wischt sich mit der Hand über das Gesicht* und es wurde nicht besser… Dienstvorschriften, Landesrecht, Kriegsrecht, Völkerrecht… gegen alles wurde verstoßen. Von jedem! *jetzt wirkt Copper, als stände er kurz vor einem Nervenzusammenbruch* Sie als Offizier? Ich meine was soll das? Ich komme aus der Airforce! DER AIRFORCE! Da sind Offiziere… Offiziere! *er scheint sich zu besinnen, weshalb er da ist, und beruhigt sich etwas* Entschuldigung Sir! Ich muss mich bei ihnen entschuldigen! Uzun, Sie, die anderen. Das ist genau die Einheit, die eine Scheiße wie diese braucht. Denn gegen eins haben sie nicht verstoßen. Anstand, Moral, Ehre, wenn auch manchmal reichlich gedehnt wurde. Abstrakt… kein Handbuch… in einer Welt ohne Regeln… *er wirkt für eine Sekunde verstört, überfordert, nachdenklich, dann erhebt er sich abrupt und salutiert* Danke Sir, für die Erfahrung, die Ehre dabei sein zu dürfen, und für das Gewehr. *dann setzt er seine Melone auf, und verlässt den Raum*

Und wieder 48 Stunden

48 Stunden leichter Dienst. Pha, was hatte das schon zu bedeuten hier draußen. Leichter Dienst. Nachdem Norge alle durchgechekt hatte und danach alle Waffen des Teams soweit gereinigt und auf Vordermann gebracht hatte, dazu die Munitionsbestände erfasst und die erbeuteten Waffensysteme auf einen einigermaßen vernünftigen Stand gerbacht hatte hieß es nur noch die Medizinischen Vorräte der SFG aufzufrischen und es nicht so aussehen zu lassen als würde er die Sanistation von Nakatombe plündern.

48 Stunden leichter Dienst. Das hieß zumindest nicht das man durch die Mittagshitze marschieren mußte mit voller Ausrüstung. Es sei denn man wollte halt einen Raketenwerfer zu LT1 bringen und ihn verstauen. Der Gedanke dabei war einfach. Wenn bei der Hitze normal niemand unterwegs ist, so werden auch eventuelle Drohnen oder andere Beobachtungsversuche eher auf die Morgen und Abendstunden gelegt sein.

Aber irgendwann war auch Norge fertig mit allen Pflichten. Er steht im Raum vor dem Waschbecken und schaut in den Spiegel an der Wand. Verdammt! Er sah aus wie ein Waldschrat. Militärischer Kurzhaarschnitt? Längst vergangen. Seine Haare sind seit langer Zeit nicht mehr geschnitten worden. Und sein Gesicht? Geradezu zugewuchert. Klar kam die Veränderung schleichend. Jeden Tag vielleicht nur ein Milimeter, aber wenn man da nun so in den Spiegel schaut…. verdammt!

Norge geht also los und erkundigt sich bei den Flüchtlingen welche Nakatombe nun bewohnen und tatsächlich gibt es unter ihnen einen der sich auskennt. Einen echten Friseur. Er hat sogar ein wenig was dabei was er retten konnte. Schere, Kamm und sogar ein Rasiermesser und Seife. Handtücher und warmes Wasser sind hier ja zum Glück kein Problem. Und siehe da, nach ca. einer halben Stunde sieht Norge wieder so aus wie am Anfang der Mission. Dolph Lundgren Gedächtnis Haarschnitt und glatt rasiert. Nur seine Haut. Die hat sich doch tatsächlich verändert. Wochenlang mühte sich die Sonne Afrikas ab und hat es doch tatsächlich hinbekommen die ewig blasse Haut von Norge einen halben wenn nicht sogar einen dreiviertel Farbton zu bräunen.

So erfrischt macht er sich auf zu Copper und biete ihm eine Zigarre an und steckt sich selbst auch eine an.
Weißt du Copper, so eine Rasur, die tut schon gut. Solltest du auch mal ausprobieren.
Grinst ihn an und zwinkert ihm zu. Klar war das nur ein Scherz.

Coppers Gedanken

Copper sitzt ein paar hundert Meter abseits des Steinrings im noch viel zu warmen Sand der untergehenden Wüstensonne. Gedankenverloren bürstet er den Sand von seiner Melone, ein viel zu modernes Scharfschützengewehr vor sich auf einer Tasche liegend…
Das Einzige, das ihm eingefallen war, als der Lt. ihm die Waffe geschenkt hatte, war ein ‚Hm… Danke Sir!‘ Dann war er mit hochgezogener Augenbraue gegangen, an den Punkt in der Wüste wo er jetzt saß…
Was stimmte nur nicht mit diesen Spinnern von der SFG? Die hatten doch alle ein Rad ab. Keiner von denen hatte wahrscheinlich je die Dienstverschriften gelesen, oder auch nur ein Gesetzbuch in der Hand gehabt. Eine Bande von Kriminellen in einem Land voller Primitiver. Dieser Franzmann-Leutnant war ein Witz als Offizier, diese Gnomin ein Scheiß Straßenpunk, der schwarze Elf ein rückgratloser Psycho, und der Ork, naja, eben einer dieser primitiven Europäer. Ein Haufen Störfaktoren, die unbedingt aus der AIM getilgt werden müssten. Es gab nicht eine Vorschrift, gegen die sie nicht verstoßen hatten in den letzten Monaten. Nicht eine! Und dann musste er auch noch mit dieser Straßengang bei irgendeinem Fliegendreck auf der Generalstabskarte ein gottverlassenes Geisterdisneyland befreien. Was sollte das überhaupt mit diesen ganzen Idola und dem Land, warum musste ausgerechnet er da rein geraten? Sowas war was für Nigger und Rothäute. Und dann schenkt ihm dieser Abziehbildkommandant auch noch eine Tuntenwaffe, das Zielfernrohr größer als die Knarre, das Gewicht eher für nen Rückenkranken 13-jährigen und ein Kaliber, das nur jemandem einfallen konnte, der einen zu kleinen Penis hatte…
Sein Leben war so schön einfach gewesen, als er noch in Texas war. Er lässt sich den Sand zwischen den Fingern hindurch rieseln. Eigentlich, dachte er sich, war der Sand fast wie in Texas. Eigentlich brannte die Sonne fast wie dort. Dann fällt sein Blick wieder auf das Gewehr. Eigentlich war das Gewehr gar nicht so übel, Immerhin konnte man damit bei nem Rodeo auf 2000 Yards dem Hengst die Eier abschießen. Und diese Spinner von der SFG waren ein Haufen, auf den man sich echt verlassen konnte. Und sie machten ihr Ding, die Aufträge liefen… irgendwie, das musste man ihnen lassen. Und das Land hier? Diese Schwarzen hatten Stil. Eine Kultur, die tief ging, anders eben, aber vielleicht sogar besser als daheim, älter auf jeden Fall. Das machte schon Eindruck. Und so wie der Sand anders aussah als daheim, so wie die Sonne anders schien als daheim, waren irgendwie auch die Vorschriften anders als daheim. Sogar die Schwarzen waren anders als daheim…
Dann sah er plötzlich Zoe mit zwei Schwarzen auf Patrouille aufbrechen, er kannte die Namen von beiden, nette Kerle. Besonders der Touareg. Es war einer von denen gewesen, die oben auf dem Orakel gelegen hatten, als Späher. Dann lachte er schief auf…
Eigentlich war nur er anders als daheim.
…
Aber Uzun, den hasste er immer noch!

Der neue Negative

Copper verschwand gerade mit der neu erlangten Gewehrtasche aus seinem Blickfeld, da kam dem Lt. ein Elf entgegen, der die sich vor einigen Stunden verflüchtigenden Gedanken über die eigene Endlichkeit im Allgemeinen und der persönlichen Erschöpfung im Besonderen wieder wachrief. Mit geradzu ekelhaft beschwingten Schritten und einer überbordenden Ausstrahlung kam Negative auf ihn zu – und fiel ihm zu seiner Verwunderung gleich um den Hals.

„Ich habe gerade mit den Fulbe und Tuareg die Wachpläne durchgesprochen – und habe dafür einen Geist beschworen!!! War ganz einfach! Ich hätte nie gedacht, dass man so direkt Zugriff und Einfluß auf die Welt haben kann. Man, das ist echt unbeschreiblich!“ Mit Blick auf das müde Gesicht des Lt. verfliegt ein Teil von Negatives Euphorie. „Ich schätze mal, wenn man gerade einen Teil seiner Vergangenheit wiederentdeckt hat, dazu noch eine längst verstorbene und geliebte Ahnin getroffen und sie einen den richtigen Weg gewiesen hat und in den Kreis der Zauberkundigen aufgestiegen ist, hat man alles Recht, sich so aufzuführen“ gibt der Lt. zurück.

„Noch vor Wochen hätte ich mich dafür georfeigt, wenn ich sowas von mir gegeben hätte: aber der Geist Andikans in seiner reinen, ursprünglichen Form ist in mir! Nicht einmal der Gedanke daran, dass ich mich bald einem Duell werde stellen müssen, in dem ich hoffnungslos unterlegen bin, lässt mich zweifeln, dass ich den richtigen Weg gewählt habe! Allerdings habe ich keine Vorstellung, wie das Duell vonstatten gehen wird. Und hier wirst Du mir keine große Hilfe sein, nehme ich an, nicht wahr?! Ich wünschte, jetzt könnte ich mit Johansdottir reden… zu Themen, von denen ich vorher nur lahme Trid-Diskussionsrunden gucken konnte. Leider wird das erst nach dem Duell was.“ Er hält kurz inne: „Wenn ich das Duell überstanden habe: wie lauten deine Pläne für danach? Ich frage Dich direkt, denn auch ich habe eine Angelegenheit zu klären, über die noch nicht alles bekannt ist, aber die mit dem großen Ganzen hier zusammenhängt. Denn ich war Teil der Versklavung eines Volkes, und ich werde diese Schmach tilgen!“ Wieder bemerkt er die tiefen Falten in Bazuts Gesicht. „Ok, ein Schritt nach dem anderen. Ich geh zurück und entdecke mich weiter!“

So schnell er aufgetaucht war, verschwindet Negative wieder in Richtung der übrigen Besatzung des Orakels. Der Lt. schaut ihm lange nach. Seine Finger haben unbewußt ein weiteres MREs geöffnet. Die drückende Süße des Keks holt ihn zurück in die Wirklichkeit. „Der neue Negative“ denkt er…

Die Riesin

Operation Primordial Prophet war mit der erfolgreichen Verteidigung des Sandorakels gerade eben zuende gegangen. Zwei Tage war es vielleicht her. Hier, am Rand der Großen Wüste, war es schwer, sich an einen Kalender zu halten. Es war so, als rufe die Weite des heißen Sandes aus dem Norden beständig nach allen Herzen im Sandorakel. Im Gegensatz zu den hier heimischen Menschen, war die SFG 77 dieses Rufen nicht gewohnt. Es war eine Verheißung der Großen Wüste, dass dort, bereits nach wenigen hundert Metern, das alte Leben mit der ersten großen Düne verschwinden würde. Die Weite verschlingt alles. Ein neues Leben, ein radikal anderes Leben.

Seit Monaten sah sich die SFG 77 der Versuchung ausgesetzt, das Bekannte über Bord zu werfen, alles zurück zu lassen und sich selbst neu zu erfinden. Im Guten oder Schlechten. Vielleicht war das die schleichende Wahrheit der Worte gewesen: „Du wirst das Land nicht verändern, das Land verändert dich.“ Was genau wird passieren, wenn die Gruppe eingeschworener Soldaten den Weg zurück aus dem Labyrinth Dahomey findet? Was wird zurückbleiben, was wird sie mitnehmen? Auch wenn über niemand anderen als Negative diese Frage so intensiv schwebte, so galt sie doch für alle. Und hier, am Rande der Wüste, schien ein Tor zu einer gänzlich anderen Welt. Nicht mal im Tal der bunten Steine waren Zoé, Norge, Copper, Régicide und Negative so weit fort vom alten Leben gewesen.

Und Zoé steht auf der nördlichsten Düne und sieht in die Weite.

Zwei Männer begleiten sie auf diesem Patroulliengang in der Abenddämmerung. Ein Fulbe und ein Tuareg. Der Himmel glüht rot und mischt sich mit kühlem Blau der aufziehenden Nacht. Der Wind ist warm und doch kühlt er. Sand streicht sanft über die Dünen, treibt sie mit unendlicher Langsamkeit nach Süden, um irgendwann einmal alles zu verschlingen und den Kontinent ins Meer zu stürzen…

Da vorn, eine rasche Bewegung, hundert Meter voraus in der Senke! Die Männer greifen die Waffen fester und gehen in die Hocke. Zoé kneifft die Augen zusammen. Es ist einer der Wildhunde, die seit dem Aufstieg aus dem Sandorakel das Gebiet umstreifen. Bisweilen mit Dingo an ihrer Spitze. Doch dieser dort ist allein. Mit einem leichten Gang und fleckigem Fell scheint er geradezu aus der Düne gesprungen. Die dunklen Augen bohren durch die hundert Meter und sehen Zoé an, während der Hund sich federnd von ihr entfernt. Zügig erklimmt er die gegenüberliegende Düne und auf der Spitze hält er inne, kehrt sich um, und schaut zu Zoé zurück. Dann verschwindet er jenseits des sandigen Berges. Zurück bleibt eine Spur aus Pfoten, wie eine Perlschnur aufgereiht.

Der Hund, der Blick, der Himmel, der Wind… Zoé schaut zurück und auch ihre Begleiter haben es gemerkt: hier ist etwas nicht normal. Etwas Seltsames ist im Gange. Fulbe und Tuareg schütteln sachte den Kopf und fassen die Waffen enger. Wortlos ziehen sie sich zurück. Sie scheinen zu spüren, dass hier etwas intimes passieren wird. Ehe sich Zoé versieht, ist sie dem Hund auf der Spur, das Herz klopft an den Hals.

Man wird vielleicht nie erfahren, was Zoé dachte, als sie die Kerze im Sandorakel entzündete. Man wird daher vielleicht auch nie erfahren, warum Zoé so etwas wie Erleichterung empfand und es ihr danach war, zu lachen, als sie die Düne erklomm. Sie wusste genau, dass ihre Stimme im Sandorakel durchgedrungen war. Etwas war da draußen, sie war da draußen. Und von allen die in Frage kamen, war es die Kleinste, die zu ihr eine Brücke hatte bauen können.

Als Zoé über die Düne kletterte, war sie nicht überrascht: der Hund war verschwunden und die Spuren verblassten langsam im Sand. Sie war allein, inmitten der Wüste. Hätte sie funken sollen? Da war diese seltsame Gewissheit, dass alles seine Richtigkeit hatte. Der Gedanke an das Funkgerät kam Zoé seltsam entrückt in den Sinn, so, als wenn sie sich selbst auf einem Trideoschirm betrachten würde – und für die Heldin auf der Leinwand nur einen symphatischen Rat übrig hatte.

Als der Wind begann sich um sie zu schaaren, sich zu bündeln und einen Trichter zu formen, da setzte sich Zoé hin, denn sie war nicht sonderlich schwer und der Wind wurde stärker. Der heiße Wind auf den Wangen des Abendrots war eine zärtliche Berührung. Es war keine Überrachung mehr, als eine trollgroße, flimmernde Gestalt aus Sand, Hitze und Wind Form annahm und die stimme Atras an Zoés Ohr erklang:

„So lange fort, so lange kein Band. Und die Kleinste wird zur Riesin und beugt sich über den Radius der Welt, damit ich sie auf der anderen Seite endlich sehen kann, in einem Labyrinth aus Licht und Schatten. Dein Feuer hat mich geführt zu Dir, denn es brennt mit dunkler Tiefe. Wie ein Brummen unter den Grundfesten der Erde, entkommt es aus dem grellen Feuer der erwachten Welt, in der Du verloren treibst.“

Das heiße Glimmen ihrer Worte im Ohr gewinnt an Schärfe, fast kann Zoé den scharfen Vorwurf auf der Haut spüren, die empörte Wut, die schon einmal aus Atra gesprochen hatte. Damals, als Régicide ihr sein selbstgewähltes Bild gezeigt:

„Er aber wieder, gerade er, der meine Nähe sucht, brennt im hellen Feuer des öberflächlichen Brandes und lodert so vor sich hin – und erreicht mich doch nicht. Und Törichtes hat er getan. Oh, so töricht, dass es mir den Schlaf raubt, den ich nicht kenne. Ich habe die Vorsehung erfahren, als Du Dich als Riesin zu mir gebeugt hast. Ich konnte es fühlen, aber nicht greifen. Sag mir, was hat er getan, das mich so unruhig sein lässt?“

Zoé folgt den Worten der Erscheinung und als sie vielleicht antworten will, setzt Atra plötzlich in Eile nach, die Stimme nun wieder sanft und in besonnenem Ton konzentriert:

„Es hilft nichts. Meine Zeit bei Dir ist zu kurz. Es liegt in deiner Hand. Lasse ihn nichts törichtes tun. Halte ihn ab, halte ihn auf! Ich kann nicht länger an diesem Ort bleiben. Gleich wird es dunkel und wir sind getrennt. Höre daher zu, was ich Dir wichtiges sagen muss:

Der Feuergott unter dem Meer ist nicht mehr. Er hat seinen Thron verlassen. Und niemand weiß, wo er nun ist. Du musst das Labyrinth verlassen, aber trete vorsichtig mit dem Fuß. Überstürze nichts. Vielleicht ist er auch auf dem Weg hinein, also gehe behutsam hinaus. Du bist die Riesin, die Einzige, die ihn …“

Glutheißer Sand trifft Zoé im Gesicht, als die Erscheinung mit einem scharfen Zischen explodiert. Atras Kraft war verbraucht, die Distanz zu groß, die schüchterne Brücke zur Riesin eingestürzt.

Zoe ist völlig überwältigt von den Eindrücken, der eindringlichen Stimme Atras, ihren Warnungen und der Nähe die da für einen Moment hergestellt war. Ihre Worte beim entzünden der Kerze wurden gehört! Und irgendwie hat sie in der Gestalt auch für einen Moment Brick – oder was immer er auch jetzt war – sehen wollen. Zoe hofft, dass er einfach seine Erlösung gefunden hat, aber Atras letzte Worte beunruhigen sie. Warum konnte der Kontakt nicht einen Moment länger gehalten werden? Sie hätte noch so viele Fragen gehabt. Plötzlich ist da so viel Verantwortung, so viel Unausgesprochenes, so viel Einsamkeit. Aber auch Hoffnung. Es gibt in dieser gottverlassenen Gegend eine Verbindung zu Altbekanntem. Eine Anleitung, wenn auch noch so unklar. Eine Sicherheit, die Zoe lange nicht mehr gespürt hat. Sie blickt erst einmal wieder in die Ferne der Wüste, die für einen Moment nicht mehr existiert hat und versucht klare Gedanken zu fassen.

Was hat Atra gemeint, als sie von Régicide sprach? Zumindest musste sie ihn gemeint haben… Zoes Gedanken gehen zu den Schnittwunden die er sich zugefügt hat, als er die Schnitzerei auf dem Rock der Idola auf seine eigene Haut übertragen hat. Hat er anstelle etwas zu geben, etwas genommen was nicht ihm gehört? Hat er sich etwas verschrieben, ohne es zu verstehen? Sie hatte die Geste nicht verstanden, aber das erschien ihr auch nicht für nötig. Bis jetzt, wo die warnenden Worte an ihr Ohr drangen.

Zoe versucht sich zu orientieren, den Weg zurück zu ihren Begleitern zu finden. Im geschützten Lager will sie wieder ein kleines Feuer entzünden und in sich gehen. Sie muss darüber nachsinnen, was Atra ihr mitteilen wollte. Wäre es klug, Régicide direkt von dieser Erfahrung zu berichten, oder war es Atras Wunsch, ihn auf seinem Weg zu begleiten und zu lenken, ohne ihm die bitteren Worte direkt weiterzugeben? Zoe sollte ihn aufhalten, aber auch nichts überstürzen. Es musste also den Moment Zeit geben, sich erst einmal klar zu werden.

Un moment de repos

Lt. Bazut „Régicite“ Morell spürt die Erschöpfung in allen Teilen seines Körpers, seit langem beweisen ihm die Umstände mal wieder, dass er „nur“ ein Sapiens Sapiens ist. Kein Gnom mit unerwartet harter Ausdauer, kein Elf mit unerschöpflicher Lebenskraft, kein Zwerg, robust wie ein Edelstahlkugellager, kein…Norge!

Er sitzt im auf einer erhöhten Position in der Höhle des Orakels und überlässt es seinem Team, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, in vollem Vertrauen, dass sie ihn dafür nicht brauchen. Andere Offiziere mögen das als Zeichen ihrer Unzulänglichkeit wahrnehmen, in ihm stellt es ein Gefühl der Sicherheit her. Seinen Wert als Offizier erfährt er nur aus zwei Kriterien, Missionsziel und Überlebensrate. Diese Balance abzuwägen ist das Einzige, was zählt. Missionsziele: Sehr Gut, Verluste:….Einer. Hillers erscheinen in der Höhle hat ihn mehr geschockt als er sich anmerken lassen will, was bedeutet, dass die, die ihn gut kennen, es bereits gemerkt haben. Deshalb war es so wichtig, seine Ansage an Andikan zu machen. Hillers Tot ist nicht seine Schuld, aber er war und ist verantwortlich, was die Lage für ihn schwere und nicht leichter macht. Doch seine Versprechen ihr gegenüber wird er einhalten, diese Pflicht ist die Einzige, die er noch für sie erfüllen kann.
Code d’honneur du légionnaire, Art. 7: Au combat, tu agis sans passion et sans haine, tu respectes les ennemis vaincus, tu n’abandonnes jamais ni tes morts, ni tes blessés, ni tes armes.

Jetzt gibt er sich für eine kurze Zeit seiner Erschöpfung hin und sammelt sich. Während auf seinem Kocher Wasser für Kaffee erhitzt wird, verzehrt er drei MRE aus dem MercInc Vorrat. Die Amerikaner sind immer noch die ungeschlagenen Meister darin, Pampe die ewig haltbar ist, so mit künstlichen Aromen, Zucker, Salz und Geschmacksverstärker voll zu pumpen….er liebt dieses Zeug, eins seiner peinlichen Geheimnisse.

Seine Gedanken kreisen um das Orakel, die Erlebnisse in den Höhlen… die Erkenntnis das von der wissenschaftliche Geschulten, hermetischen Lehre, welche lange Zeit Grundlage seines Wesen war nur noch ein zerrissenes Obergewand und eine innere, reiner Kern übrig ist. Mit dem Abstreifen von Poris Gewand hat er auch das überflüssige Denken zur Magie hinter sich gelassen. Das Innere, was nun frei liegt, hat an Kraft zugenommen, ebenso wie sein Verständnis der sechsten Welt.

Die Katzenspur im Sand hat die Entscheidung in den überschwemmten Sprawl vorzudringen, weiter verfestigt, harte Gründe wären nötig, ihn von diesem Pfad abzubringen.

Dann war da die “Aussprache“ mit Andikan, auch diese Sache scheint nun geklärt, man weiß nun, wo man steht.

Seine Involvierung in die Geschicke des rauchlosen Feuers ist ebenfalls offenbar und offensichtlich, es wird Zeit, dass er den anderen erklärt, wie tief seine Verbindung mit Atra mittlerweile ist.
Die eingebrannten Schriftzeichen auf seinem Unterarm sind der nächste Schritt eines Weges, dessen Ende er zwar noch nicht sehen kann, welchen er aber bis zum Ende gehen wird. Für den Moment sind sie desinfiziert und verbunden, Geheimnis noch verborgen, die rote Bandage ist jedoch wieder um den Unterarm gewickelt.

Und dann ist da die Sache mit seiner Schulter. Zufall? Aber es gibt keine Zufälle! Der Soldat war ein Scharfschütze: 2e régiment étranger, 2e compagnie, Tireur d’élite „guerrier fantôme“.
Aber der Soldat ist tot?
Dann ist der Scharfschütze auch tot?
Wird er jemals wieder mit einem Gewehr schießen? Wir er jemals wieder seine Fähigkeiten als ein „guerrier fantôme“ nutzen um seine Ziel zu erfüllen? Wir er seine Schulterrichten lassen? Die Antwort ist Ja.
Wird er Rolle des reinen Scharfschützen wieder einnehmen? Sieht et sich in seinem eigenen Geist noch als Einer? Die Antwort ist Nein.
In diesem Team ist er nun der Anführer, in seinem Geist ist er ein Jäger. Verwandt vielleicht, aber nicht das Gleiche. Zeit für einen symbolischen Tausch!

Im Laufe der nächsten Stunden kommt es zu folgender Situation:
Régicite hat sein Gewehr vor sich aufgestellt und prüft alle Einzelteile genau, reinigt und ölt sie mit übertriebenem Aufwand und Sorgfalt, gerade so als wollte er sicher stellen das der Zwerg seinem geliebten Gewehr nichts schlimmes angetan hat. Das Einzige, was fehlt, ist, dass er beruhigend mit der Waffe redet. Dann winkt er Copper zu sich herüber:
„Man verleiht seine Waffen nicht. Die taktische Situation hat es nötig gemacht, aber…“
Sein Blick wandert über die Einzelteile auf dem Tisch, weniger als es bei vielen anderen Gewehren üblich ist:
„Diese Gewehr habe ich von einem Büchsenmacher nach meinen spezifischen Vorgaben machen lassen. Der Verzicht auf Magazin, Gasdrucklader, so wie die Verwendung von 60% Titan, machen es zu einem der robustesten und leichtesten Point cinquante fusil sniper.“
Während dieser Erklärung hat er die Waffe wieder zusammengesetzt:
„Das Gewehr hat 21 bestätigte Abschüsse, mein bester Treffer war ein 800m Schuss, Rotorkopf eines Shykorki Skycranes, das Dinge viel wie ein Stein vom Himmel!“
Für einen kurzen Moment verliert er sich in der Erinnerung an den ersten Auftrag der SFG-77…wie lange war das jetzt her? 15 Jahre…? Oder nur drei? Dann kehrt er in den Moment zurück:
„Diese Team braucht einen Scharfschützen, eine Rolle die ich als der Offizier dieser Einheit nicht mehr erfüllen kann.
Man verleiht seine Waffen nicht. Es ist gegen die Vorschriften, es verstößt gegen die Etikette und gegen alte Traditionen. Ein Krieger muss mit seinen eigenen Waffen in den Kampf ziehen!“
Mit diesen Worten schiebt er die Gewehrtasche zu Copper hinüber:
„Ich hoffe es wird dir so gute Dienste leisten, wie es sie mir geleistet hat.“

Worldwide Security Solutions