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Dahomeys zweites Erwachen

Der Ausklang dieses Jahres wird auch für das westafrikanische Dahomey ein Neubeginn sondergleichen sein, oder was davon übrig geblieben ist.

Wir erinnern uns: am 20. September 2073 wurde der Bura-Staudamm durch Terroristen besetzt, die mittlerweile der terroristischen Vereinigung der „Agooji“ zugerechnet werden. Es war der erste, aggressive Auftritt dieser Gruppe die, wie wir heute wissen, sich seit vielen Jahren in die politische und ökonomische Elite der Region eingeschlichen und ihren staatszersetzenden Einfluss ausgeübt hat.

Wer sind die Agooji? Nach allem was die vergangenen Monate enthüllt haben, handelt es sich um westafrikanische Splittergruppen, die sich hinter einer wiederbelebten Idee des Königreichs Agooji aus dem 19. Jahrhundert zusammengeschlossen haben. Als Stammsitz scheint der erwachte Dschungel im Nordwesten Dahomeys zu dienen. Ein unzugängliches Gebiet und seit dem Erwachen 2011 ein weißer Fleck auf den Landkarten, undurchdringlich für die modernen Satelliten und Aufklärungsdrohnen. Auch dem arkanen Auge fest verschlossen. Die wenigen, organisierten Erkundungen der frühen Zwanziger ließen es als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen, im erwachten Dschungel von Dahomey irgendetwas von Dauer zu errichten. Die Wege hinein glichen eher einem Abstieg in die Vorzeit. Wer würde dort ein Königreich errichten können? Und dann noch eines, das aus dem Dschungel politische Intrigen und modernste Technik in die zivilisierte Welt führt?

Doch man läge falsch, wollte man all das, was kommen sollte, allein dieser Terrorgruppe zuschreiben. Königreich oder nicht. Eine Woche nach der Besetzung des Bura-Staudamms brach in ganz Dahomey, aber besonders im Norden und in der Hauptstadt, ethnische Gewalt ungekannter Ausmaße aus, zumindest nach Dahomeys Maßstab. Die Siedlung Ihuma gilt mittlerweile als Ground Zero und Stunde Null. Alles habe mit einer eher beiläufigen Verhaftung eines Fon begonnen, der im Gewahrsam der Ordnungskräfte die Schwarze Idola Afkarasar manifestierte. Von dort zog sich ein Teppich aus Feuer und Blut bis in die Graue Zone. Es kam zu Vertreibungen, Greueltaten gegen Nachbarn und am Ende mobilisierten Dahomey und Nigeria ihre Sicherheitsdienstleister und Armeen, die Kanonen und Drohnen starr aufeinander gerichtet.

Heute muss es uns klar erscheinen, wie naiv wir waren. Immer wieder übersehen wir die Anzeichen. Das Wirken der Idola – bis dahin eher ein Bestandteil der esoterischen und säkularisierten Privatreligion Dahomeys, lag Ende September bereits offen zutage. Man hätte nur den wenigen Stimmen glauben schenken müssen, die darauf hinwiesen.

Am 29. September 2073 berichtete dann sogar Channel 9 das erste Mal über Unruhen bei anstehenden Lokalwahlen im Norden Dahomeys und gab am 6. Oktober Raum für Schwerpunktberichterstattung. Es wurde außerdem bekannt, dass Dahomeys Regierung die schwelenden und eskalierenden Konflikte schon eine ganze Weile durch massive Matrixzensur zu verbergen suchte. Heute hören wir von den Verantwortlichen, sie hätten dazu die Pflicht gehabt, um die schädliche Wirkung der Schwarzen Idola einzudämmen, für welche die Matrix, die allzeitige Erreichbarkeit und ungehinderte Ausbreitung von Angst und Misinformation ein Quell ständigen Machtzuwachs gewesen sei. Die Corporate Court Matrix Authority handelte natürlich nach anderen Grundsätzen. Am 2. Oktober erfolgte die Androhung von Sanktionen aufgrund der aktiven Censor Hosts. Eine partielle Matrixsperre folgte dann zehn Tage später.

Ungefähr zeitgleich unternahm auch die Afrikanische Union erste Bemühungen für eine einseitige Sanktion und verhängte eine Seeblockade gegen Dahomey. Dies brachte den Militärdienstleister Association International des Mercenaires (AIM) in eine unangenehme Zwickmühle, da sich die Verteidigungsklausel aktivierte. Doch nun stand das besungene und gefeierte Dahomey als beginnender Schurkenstaat da. In einem Interview der CEO Jacqueline Walters am 9. Oktober konnte man die unangenehme Spannung heraushören. AIM entschied sich zur Vertragserfüllung. Ein Blockadekrieg im Golf von Guinea begann.

Zeitgleich startete Nigeria eine Offensive in die Graue Zone, um in die Wahlkampflage einzugreifen. Mercenary Inc., der Dienstleister für Dahomeys Landstreitkräfte, vermied eine harte Antwort und zog sich darauf zurück, Verkehrswege und Infrastruktur in den Ballungszentren zu schützen. Die Anarchie des Nordens begann.

Der Zusammenbruch des republikanischen Staates Dahomey folgte kurz darauf. Am 14. Oktober wurde der Bura-Staudamm durch die Agooji gesprengt und am 16. Oktober kam es zu einem Putschversuch in Lome. Doch entgegen den ersten Vermutungen, handelte es sich um einen Putsch der Guten gegen die Bösen. Die Agooji hatten sich so tief in die politische Elie eingeschlichen und dort ihre subversiven Verlockungen ihrer Schwarzen Idola verbreitet, dass die positiven Kräfte der Regierung und des Parlaments, als sie das Ausmaß erkannten, nur noch eine Aufhebung der staatlichen Ordnung als Lösung sahen. Die Infrastruktur, insbesondere die Kommunikationswege, wurden weitestgehend abgeschaltet. Das Schicksal des Landes wurde an die Menschen vor Ort weitergereicht. Die religiösen Kräfte, bis dahin eher in der Politik abstinent, beschwörten eine Weiße Idola des Ausharrens und Durchhaltens, Massuutu. Dann ging das Licht aus, in Dahomey.

Was genau geschah, verbleibt über weite Strecken im Dunkel. Nur langsam beginnen wir, die Ausmaße zu begreifen. Wer mit welchen Taten welche Folgen verursachte, wird wohl kaum nachzuvollziehen sein. Klar ist, dass sich gegen Ende Oktober im Norden Dahomeys, nahe der Wüstenrandgebiete, eine ethnisch und religiös besonnene Zusammenkunft einfand, von der aus die Impulse eines neuen Dahomey ausgehen sollten. Unter Ablehnung der technisierten Moderne, der weltumspannenden Kommunikation und Ökonomie, berief man sich auf lokales Handeln, auf Weiße Idola und die Kraft von Tier, Land und Mensch. Während südlich der Zusammenkunft die Graue Zone in die Gewaltherrschaft der Warlords fiel, Mercenary Inc. in den befestigten Städten unter Kriegsrecht ein normales Leben zu simulieren versuchte und im Norden, im Orichalkumgürtel, anarchische Ressourcenkämpfe zwischen internationalen Konzernen entbrannten, war die Große Zusammenkunft die vernünftige und einzige Alternative für jeden, der Frieden und Orientierung suchte.

Überraschenderweise mischte sich der im Golf von Guinea schwer unter Druck geratene Militärdienstleister AIM ab Mitte November plötzlich in genau dieser Region ein und füllte ein Machtvakuum in einem weitestgehend entvölkerten und unkontrollierten Gebiet. Von Nakatombe aus etablierte AIM eine humanitäre Unterstützung für die alleingelassenen Opfer der Staudammkatastrophe im Bura-Schwemmland. Doch es blieb freilich nicht bei blauen und weißen Helmen. Eine militärische Luftbrücke zwischen dem Golf und der Region um Nakatombe machte bald deutlich, was die „Task Force Landfall“ von AIM beabsichtigte. Mit militärischer Härte wurden Schläge gegen militärische Anlagen der Agooji im Randgebiet des erwachten Dschungels durchgeführt. Aber es soll auch zu Aktionen in Moskuwa gekommen sein. Als Auftraggeber nannten die Offiziellen von AIM zu diesem Zeitpunkt eine „verfassungsgebende Nachfolgeregierung“ aus der Großen Zusammenkunft, hunderte Kilometer von der Hauptstadt Lome entfernt, abgeschnitten von jeder Matrix-Verbindung und jedem Übertragungswagen.

Während das eigenwillige und riskante Militärmanöver zu Lande von vielen als politischer Selbstmord verlacht wurde, waren es jedoch nicht die politischen Fragen, die im Dezember die dringlichsten waren. Auf der mystischen Ebene, so weiß man nun, wurde der Kampf mindestens eben so hart geführt, wie auf der militärischen. Auf der Großen Zusammenkunft wurden Bündnisse mit und zwischen der Geisterwelt geschmiedet und die Kräfte der Tiertotems näherten sich den sogenannten Weißen Idola an. Ein Zug der Tiere wurde verkündet, er soll eine Steinsetzung monumentaler Ausmaße begleiten, die von der Wüste bis zum Atlantik führen soll. Ein Unterfangen, das Jahre dauern wird, allein von Muskelkraft vorangetrieben. Die wenigen Bilder in den internationalen Nachrichten erinnern an biblische Szenen.

Der Grund und Widersacher für all diese Anstrengungen schien nun klar zu sein: die Terrorgruppe der Agooji hatte die Schwarzen Idola und ihre perfiden, schädlichen Kräfte geschürt und für ihre zersetzenden Zwecke eingespannt. Der Kampf konnte und musste also auf mystischer Ebene mindestens so erfolgreich ausfallen, wie auf politischer und militärischer.

Es bleibt unbestätigt doch wird es allgemein akzeptiert, dass AIM und Mercenary Inc. zuerst in einen militärischen Konflikt miteinander gerieten, als man einen religiösen Pilgerort, das sogenannte Sandorakel, befreite und den lokalen Volksgruppen übergab. Dem folgte ein mittlerweile gut dokumentierter Gegenschlag gegen ein sogenanntes „Grenztor“ der Agooji in den erwachten Dschungel. Eine Art ritueller Übergang in ihr „Königreich“. Die Forschungen und militärischen Erkundungen dauern an.

Den Höhepunkt jedoch, sahen wir alle vor unseren Trideoschirmen am Abend des 27. Dezember 2073. Nichts geringeres als eine Inkarnation des Löwentotems selbst, manifestierte sich im Schwemmland des Bura-Staudamms und betrat festen Grund auf afrikanischer Erde. Ein Ereignis, das innerhalb von Stunden ausgedehnte Regionen und Landstriche einer Umwälzung unterzog, die man vielleicht kataklysmisch nennen würde, hätte sie nicht genau das Gegenteil bewirkt. Wo Löwe in Avatargestalt seine Tatzen auf die Erde setzte, wich das verunreinigte Flutwasser zurück. Straßen, Gebäude, Industrieanlagen und Fahrzeuge verschwanden in der schwarzen Erde Afrikas. Steppengras und Bäume sprossen aus der entfesselten Urgewalt und zurück blieb nichts als geheilter Grund.

Überflutetes Stadtgebiet vor der Umwälzung
Selbes Stadtgebiet nach dem Streifzug von Löwe

Dieser „Streifzug des Löwen“ war die Folge, so hören wir, eines gescheiterten Versuchs der Agooji, die Ikone des Schwarzen Kontinents in eine toxische Entartung zu locken oder zu vernichten. Das Gefängnis wurde jedoch gesprengt und Löwe befreit. Die „Schwarze Hexe“ der Agooji, eine politische und religiöse Führerin namens Enomi, wurde durch Löwe selbst Berichten zufolge vernichtet. Wie dreist das Agieren der Agooji war kann man auch daran ermessen, dass viele von uns die Mode- und Beauty-Line Égalitérnité daheim im Schrank stehen haben. Eine Produktreihe, die sich im Besitz dieser Agooji befand.

Doch auch weltliche Kontrahenten lieferten sich eine erbitterte Schlacht. Mercenary Inc. und AIM lagen über dem umkämpften Gebiet in einem Luft- und Bodenkampf, auch lokale Milizen der vereinten Volksgruppen waren involviert. Auch wenn die genauen Umstände nach wie vor Fragen aufwerfen, am Morgen des 28. Dezember war eines klar: die Geschichte Afrikas hatte vielleicht ihre größte Zäsur erfahren. Viele vergleichen das Ereignis mit dem Großen Geistertanz und es ist bereits absehbar, dass Löwes Erscheinen und Wirken ein Feuer in zahlreichen Staaten südlich der Sahara bedeuten wird. Der Leiter der Afrika-Abteilung von DeBeers Omnitech formulierte es so: „Es wird Jahre oder Jahrzehnte dauern, und ich zwar allein bis man ausgerechnet haben wird, welchen ökonomischen Verlust der 27. Dezember 2073 der Weltwirtschaft wirklich beigebracht hat.“

Was wird nun werden?

Der Verbleib von Löwe ist unbekannt. Einige Stimmen aus eingeweihten Kreisen sagen, er hätte sich an die Spitze des gigantischen Tierzuges gesetzt, der sich immer noch formiert und gen Süden zieht. Andere weisen darauf hin, dass es Anzeichen dafür gibt, dass Löwe Dahomey bereits verlassen hat und andere Länder durchstreifen wird.

In Dahomey ist es nun einmal mehr an den Menschen sich neu zu besinnen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Die Große Zusammenkunft wurde zum vorübergehenden Sitz der Übergangsregierung und verfassungsgebenden Versammlung gewählt. Ein Verfassungsentwurf ist bereits veröffentlicht. Die Association Internationale des Mercenaires hat im Bura-Schwemmland eine vorgeschobene Operationsbasis errichtet und ihren Dienst der Übergangsregierung als einstweilige Exekutive angeboten.

AIM Forward Operating Base

Politisch haben sich Vertreter der Hausa, Bariba, Igbo und Fulbe bisher stark profiliert und man versucht Diversität, Toleranz und Demokratie aus dem alten Dahomey in das neue zu retten. Leider ist schon jetzt absehbar, dass die marginalisierten Fon erneut den Kürzeren ziehen könnten. Doch was wird überhaupt anders sein? Sicherlich wird der Ausgleich zwischen Moderne und religiös-mystischer Verbundenheit zum Land neu ausgerichtet werden. Das ist aus dem Verfassungsentwurf ersichtlich. Die sogenannten Idola, so hört man, müssen aus ihren entarteten Formen zurück in eine positive Ausrichtung geholt werden. Und wo dies nicht möglich scheint, soll die Bevölkerung Afrikas lernen, die unheilvollen Wirkkräfte des Miteinander im 21. Jahrhundert besser erkennen und begrenzen zu können. In diesem Zusammenhang hat sich eine einflussreiche „Prinzessin“ aus Nigeria auf dynastische Ansprüche berufen und behauptet, der Wandel der schädlichen Idola Andikan zu einer Idola des gütigen und solidarischen Zusammenlebens habe bereits stattgefunden. Ob dieses neue Experiment zwischen erwachtem Land, monarchischen Prinzessinen, demokratischem Gedankengut, Volksglaube, Idola und einer modernen, technisierten Gesellschaft gelingen kann darf weiter fraglich scheinen.

Und welche Rolle wird Löwe weiter spielen?

African Colors Trideo Broadcast, Moskuwa, 31. Dezember 2073

Memo, CEO

Eine aufgezeichnete Trideo-Botschaft erreicht Régicide, Norge, Zoé, Copper und Positive am 29. Dezember 2073, zwei Tage nach dem Ende der Operation Untamed Pride. Absender ist Jacqueline Walters, CEO von AIM. Die Aufnahme findet in einem modernen Büro statt. Sie sitzt an einem Schreibtisch aus Glas. Im Hintergrund eröffnet ein Panoramafenster den Blick auf den Atlantik hinter einem Vorhang aus wirbelnden Schneeflocken.

„Chief Miller, Captain Morellè, Sergeant Boucard, Sergeant Svenson, Sergeant Breslin – diese Nachricht ist für sie bestimmt.

Ich hoffe sie verzeihen mir, wenn ich mich direkt an sie wende. Normalerweise ist es nicht meine Art, mich in die Arbeit des hochgeschätzten Central Command einzubringen. Ich bin ohnehin nicht dazu geeignet zur hervorragenden Qualität unserer militärischen Arbeit beizutragen. Ihr vorgesetzter Offizier hat mich aber ermutigt, meinem Wunsch nach einem persönlichen Memo nachzukommen.

Vorweg möchte ich aus ganzem Herzen Master Sergeant Svenson eine schnelle und vollständige Genesung von seiner schweren Verletzung wünschen. Aber auch die anderen von ihnen haben harte Entbehrungen und Verletzungen hinnehmen müssen, die mitunter nicht spurlos an kämpfendem Personal vorüber gehen. Seien sie sich unserer unbedingten Unterstützung auf ihrem Weg der Erholung sicher.

Es ist schwer, glaubhafte Worte für die Dankbarkeit zu finden, die ihnen unsere Association schuldet. Nachdem ich über die strategischen Ergebnisse und auch einige taktische Schlaglichter ihrer Arbeit in Dahomey informiert wurde, erfüllte mich dies mit sehr großem Stolz. Sie haben weit über die erwartbaren Maßen hinaus einen Einsatzwillen gezeigt. Und mehr noch, sie haben den Mut gehabt, ihren persönlichen Idealen zu folgen, als sie sich abseits jeglicher Einsatzleitung unter widrigsten Umständen wiederfanden. Ideale, die zudem im Einklang mit den Idealen unseres Unternehmens stehen. Damit dies so geschehen konnte, mussten alle Teilbereiche von AIM hervorragende Arbeit leisten. Und damit meine ich bereits ihre Personalauswahl, die Grundsatzabteilung, das Policy Board, ihre Vorgesetzten, die ihnen jederzeit voll vertrauten, und natürlich sie selbst.

Die Kampagne AIM Matters war das strategische Kind unserer Afrika-Abteilung des Policy Board und ich denke ich kann mit Sicherheit sagen, dass die tadellose Zusammenarbeit von Miss Clark und ihnen im Feld, trotz aller Umstände, der Schlüssel dafür waren, dass die Association heute Dahomey dabei unterstützen darf, eine schwere Krisenzeit zu überwinden und gestärkt aus dem „zweiten Erwachen“ hervorzugehen.

Das Central Command wird seinen Weg finden, ihnen für ihre militärischen Taten zu danken. Und ich höre auch, dass das Services Department und Policy Board eine Bonuszahlung und Würdigung ihrer zivilen Heldentaten erwägt. Ich freue mich sehr für sie! Doch was bleibt mir dann noch zu tun, außer dankende Worte zu sprechen?

Ich denke nicht viel. Doch ich möchte gerne noch ein Versprechen ergänzen. Ich hoffe, sie bleiben unserer Association erhalten, denn ich setze mich dafür ein, dass Persönlichkeiten wie sie eine aufstrebende Zukunft in unserem Haus haben. Sie haben in ihren wenigen Dienstjahren für AIM bereits außerordentliches geleistet. Mir ist daran gelegen, dass sie ihren Weg gehen können, der uns gemeinsam weiter zur Verwirklichung unserer geteilten Ziele bringt.

Alles herzlich Gute wünsche ich ihnen aus einem verschneiten Finistère. Verbringen sie einen friedlichen und erholsamen Jahreswechsel.“

Auswertung Wüstenduft

Gesamtlage

OP Wüstenduft – Taktische Karte

Im Morgengrauen des 14. Dezember 2073 ist die SFG 77 nach Nakatombe zurückgekehrt, nachdem Operation Wüstenduft mit Teilerfolgen beendet wurde. Im Laufe der nächsten drei Tage drängte die Task Force Landfall den Großteil der gegnerischen Verbände aus dem Gebiet Nkambo zurück. Während Teile der Agooji-Verbände entweder geordnet oder flüchtend das Heil im erwachten Dschungel suchten, wurde der Hauptteil der Milizen und Terroristen entweder nach Norden vertrieben oder festgesetzt. Dies bedeutet praktisch, dass der akute Gefahrenherd am Westrand der Stammesgebiete am Tawani-See beseitigt ist. Derzeit wird die Sicherheitslage an lokale und legitimierte Milizen oder auch Mercenary Inc. übergeben, damit kein Vakuum verbleibt, wenn AIM seine Kräfte zurück nach Nakatombe konsolidiert.

Aufklärung am Äußeren Randposten

Die Eroberung des Äußeren Randpostens lieferte zentrale Hinweise gegen die feindliche Gruppierung der Agooji. Zum einen wurde der Gegner in ein massives Rückzugsgefecht um die ausgedehnten Minenanlagen verwickelt. Die dort versteckten Panzerfahrzeuge (12 Kampfpanzer, 20 Truppentransporter, sechs Transporthelikopter) konnten aufgrund der fehlenden Lufthoheit des Gegners nicht effektiv ins Feld geführt werden. Derzeit arbeiten wir uns systematisch durch die Tunnelsysteme durch. Wir gehen davon aus, dass dieses schwere Material zur Vorbereitung einer späteren Offensive gesammelt wurde. Woher der Gegner eine zukünftige Luftunterstützung (jenseits der örtlichen Elektronischen Kriegsführung und Raketenabwehr) heranzuführen gedachte, ist noch unklar.

Das arkane Tor wurde gesichert und wird derzeit untersucht. Befragungsergebnisse ergaben, dass es sich um einen „alten Zugang“ zum Köngreich Agooji handelt. Personen und Geister, die mit dem erwachten Dschungel oder diesem Königreich in einer besonderen Beziehung stehen, haben dieses Portal für sich zu nutzen gewusst. Ein praktischer Versuch zeigte, dass sich die Wahrnehmung des Dschungels und die Responsivität für arkane Kräfte durch das Durchschreiten des Portals steigern. Wir haben die Versuche abgebrochen, um kein weiteres Risiko einzugehen.

Wir konnten die Identität von Senator Mun Kapadin bestätigen und seinen Tod feststellen. Dieser Kollateralschaden ist ärgerlich und wurde durch einen Fehlbeschuss verursacht. Ob der Tod durch eine Luft-Boden-Rakete von AIM oder durch eine Boden-Boden-Rakete der Feindkräfte verursacht wurde, ist Gegenstand einer Untersuchung.

Der Schamane Logotai wurde als bestätigter Abschuss verbucht. Seine genaue Herkunft oder sein Hintergrund ist unklar. Zeugenaussagen der Gefangenen bestätigen die Vermutung der SFG 77, er sollte im Schwemmland die Verfolgung des Löwen-Totems anleiten und die Hilfsbemühungen im Katastrophengebiet angreifen.

Erfreulich ist, dass abgesehen von Senator Kapadin keine zivilen Verluste beklagt wurden. Die wenigen Zivilisten konnten in den Dschungel oder in Schutzräume fliehen. Die Bevölkerung des von ihnen entdeckten, traditionellen Dorfes wurde vorerst zur Befraung deportiert.

Die „Stille Kompanie„, die von ihnen aufgespürt und begrenzt dokumentiert wurde, ist verschwunden. Wir sind alarmiert und arbeiten mit einer Gruppe aus Sonderermittlern daran, dieses Detail nicht aus den Augen zu verlieren und die Hinweise die wir haben, umfassender auszuwerten.

Befragungen der Gefangenen

Okobe Ambéto

Nachfolgend finden sie die wichtigsten Ergebnisse der Gefangenenbefragungen in gekürzter Form.

Okobe Ambéto: „Enomi hat meine Macht über mich und mein Schicksal von ihrer ‚Mutter‘ geerbt. Sie wusste, dass sich die Totemkräfte dieses Landes von mir fernhalten, weil die Hexe einen Fluch in mich gebannt hat, als Mensch und Nashorn ein gemeinsames Schicksal teilten.“

„Enomi ist eine Tochter des Königs der Agooji. Sie ist nicht die einzige. Ich glaube nicht, dass der alte König noch lebt. Sein Ahnengeist spricht durch seine Nachfahren. Sie haben es geschafft die erwachten Idola für sich zu bändigen. In geheimen Tälern haben sie Wege in die Vergangenheit geschlagen. Die Idola werden dort angelockt, gefangen, getäuscht und eingesperrt. Die Agooji wissen meisterhaft, wie man das Böse in ihnen nährt. Für jede Idola haben sie ein Tal. Dort schwelgt alles und jeder in den Prinzipien der Idola, die dort herrscht. Es sind rauhe Orte, in die Vergangenheit gestürzt. Wie ein Albtraum. Nur die Anführer der Agooji gehen dort ein und dann gestärkt wieder hinaus. Alle anderen verzweifeln als Sklaven und Gefangene.“

„Was ich glaube? Ich glaube, Enomi wird sich verantworten müssen. Ich zähle mal auf: Erstens, der vereitelte Giftgasangriff auf die Versammlung. Zweitens, die beendete Besatzung des Sandorakels. Drittens, die gescheiterte Beschwörung in Moskuwa. Und jetzt auch noch der Velust des Äußersten Randpostens. Ich weiß nicht, wieviele Tore es noch gibt, aber das war sicher wichtig. Sie selbst wäre mit ihren eigenen Untertanen niemals so nachsichtig gewesen.“

„Ich habe keine Meinung zu alledem! Enomi hat getan, was sie konnte – weil sie es konnte. Ihr könnt mich nicht einsperren. Und ich bin nicht frei. Die Welt dreht sich weiter, nur ich bin immer noch ein verstoßener Junge am Rande eines Dorfes. Ich schaue verstohlen zu den Lichtern in der Nacht. Aber zurück kann ich nicht.“

Kwame (Visagistin)

Kwame: „Enomi dient vielen Idola! Aber ihr stärkster Fetisch ist die dunkle Seite der Labima. Kunst und Täuschung ist ihr Handwerk. Sie durchschreitet das erwachte Land wie ein Künstler die Farben auf einer alten Leinwand abkratzt. Es war klug, ihr nicht durch das Portal zu folgen. Sie verändert die Spielregeln in ihrem Land wie es ihr beliebt! Ich weiß es, weil ich ausgewählt wurde sie zu schminken und auf ihren Reisen zu begleiten, Ich bin keine Visagistin, ich bin Priesterin. Sie wird kommen und mich zurückholen!!“

„Nehmt die Opalwurzel von mir fort! Bitte, ich sage alles, aber dann lasst mich endlich sterben! Ich muss zu ihr, sie ruft mich!“

„Ich kenne dieses Bild, ja. Das ist ein Journalist, Evan Choi. Er wurde in der deutschen Stadt Bellin mit einer Dienerin des Königs zusammengebracht. Dieser weiße Narr fiel auf eine Heiratsagentur rein. Er wollte sich eine Frau kaufen, wie eine Sklavin. Die Herrin Enomi hat ihn selbst befragt und dann in das Tal des Leidens geschickt. Geister schlüpfen aus ihm, wie Maden im Fleisch. Er ist tot.“

„Ja, ich habe Enomis Maske getragen, bevor das Haus zusammengestürzt ist und der Soldat mich niedergeschossen hat. Ich bin ihr wie eine Schwester [weint]! Ich habe ihre Füße gewaschen und ihre Hände verziert. Ich habe ihre Schönheit zum Vorschein gebracht, und dann hat sie mir diese wieder ausgeliehen, damit ich sie schütze und die Feinde verwirre. Das war wahre Liebe, und jetzt bin ich verstoßen! Ich möchte hier raus, lasst mich gehen!!“

„Nein, in Nakatombe war ich nie. Dort war ein anderer Spion von uns. Er hat die beiden Archaischen fortgelockt und dann später das Vertrauen von eurem ‚Weißen Diener Andikans‘ erschlichen. Ich glaube, ihr habt ihn gefangen. Aber das ist egal. Er hat seinen Teil geleistet. Ihr glaubt, ihr seid einen Schritt voraus? Ihr folgt wie Ameisen einer Zuckerspur in eine Grube aus Benzin.“

Barima (Hermetikerin)

Barima: „Irgendwann wird jemand kommen, der mächtiger ist als ihr, und dann wird meine Seele aus diesem Kreis gerissen, ob ihr es wollt oder nicht. Die Opalwurzel ist ein schlauer Zug, aber es ändert wenig. Ich bin nur eine Leibwächterin.“

„Das Tor? Der Weg durch die Unterwelt und das Wasser führt in das alte Königreich. Dort gibt es eine Welt hinter der Welt, und Wunder aus Magie und Technik, die ihr nicht zu glauben wagt! Wer hindurch geht, wird sachte entwurzelt aus der Welt, und sieht zwischen Farbe und Leinwand. Es ist ein Labyrinth, nur die Kinder des Königs können es verstehen. Wir Diener folgen nur ihrem königlichen Duft und lassen uns von den Ahnengeistern führen.“

„Die ‚Grenzgänger‘ sind lautlose Wanderer in der erwachten Welt. Sie werden Enomi beschützen, und sie wird die Grenzgänger beschützen. Was ihr ‚Stille Kompanie‘ nennt, ist die Verbndenheit des Landes und die Kraft der Idola! Sie folgen den ungesehenen Pfaden, wie sie kein Schmuggler sich erträumen könnte. Die Waffen, die ihr gesehen habt, sind nicht nur aus euren Schmieden. Die erwachte Welt holt sich zurück, was ihr schadet, und dann erschafft sie sich neu und mächtiger als zuvor. Es ist hier wie anderswo: Die Idola haben den Weg in die Zukunft entdeckt und sich von der Vergangenheit losgemacht. Ihr nennt sie ‚dunkel‘, doch sie sind der Morgenstern der Siebten Welt!“

„Lokotai? Ich hasse den Vielfraß, er ekelt mich an. Seine Verwendung war jedoch klug von der Herrin durchdacht. Er hätte den Löwenkönig finden und verschlingen können. Jetzt ist er auch gefangen, nehme ich an?“

„Ha! Allerdings kenne ich diese Frau. Ihr Name ist Lena Mason. Sie ist eine von euch [spuckt gehässig]! Sie hat großes Leid durchstanden, aber ihr könnt euch glücklich schätzen. Sie war zu wertvoll um zu sterben. Sie wurde auf die ungesehenen Pfade geschickt und arbeitet als Sklavin in irgendeinem Winkel der Welt bis sie stirbt. Das ist der Lohn für ihren Verrat an euch.“

„Herrin Enomi war zuerst belustigt, als sie vom Fall des Prinzenpaares hörte. Aber jetzt kennt sie keine größere Quelle ihres Zorns als diesen Jérome, den Schamane der Weißen Andikan. Sie hat Bilder gemalt, die sein Schicksal zeigen, und sie wurde von einem Diener der Dunklen zu einem geheimen Ort geführt, wo alles mit ihm begann. In übermenschlicher Rage habe ich sie gesehen. Und dann kam der Narr zu einem der unsrigen und hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Da lachte sie, so herzlich wie ein Kind. Ich glaube, Jérome wird untergehen, wenn er diesen Weg weiter geht. Ich hätte ihn gerne getroffen… Pech für ihn, dass die Bilder der Herrin in den Flammen eurer Raketen verbrannt sind.“

Kambo (Gruppenführer)

„Es geht alles um Gefangene. Nur ein kleiner Teil bleibt im Königreich. Er wird in die Täler geschickt, wo die Idola absolut herrschen und sich weiden. Der größte Teil geht auf die Schmuggelrouten. Ich weiß keine genauen Zahlen, aber es müssen Zehntausende gewesen sein. Ich habe Listen gesehen, länger als ein Troll. – Wohin? [lacht] Ich habe keine Ahnung. Viele wurden an Konzerne verkauft, oder an nahegelegene Länder. Ich weiß von Bergbauarbeiten. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs, ehrlich. Ich habe die Besessenheit der Enomi und ihrer Familie nie verstanden. Am Ende geht es ums Geschäft, das ist meine Meinung. Und am Tawani-See um Eroberung, ganz klar. Aber was die Sklaven betrifft, das war ein Geschäftsmodell. Die haben Spezialisten gesucht, Hunderte. Fachkräfte aus allen Bereichen. Es muss eine gigantische Maschinerie der Verschleppung geben, die seit Jahrzehnten Menschen aus Dahomey in alle Welt exportiert.“

„Ich weiß es doch nicht! Meine Aufgabe war der Konvoi- und Anlagenschutz dort. Die Panzer und all das hochmoderne Gerät kamen aus dem Dschungel. Das waren geheime Schmuggelwege, vorbei an jeder Kontrolle. Da waren chinesische Waren, sehr viel aus China. Aber auch Russland und Aztlan. Sachen aus Europa hatten wir nur selten. Wofür die Kavallerie in den Minen gedacht war, wussten wir nicht. Einige haben spekuliert, dass es gegen Moskuwa eingesetzt werden sollte. Aber das hätte wohl keinen Sinn gemacht, solange Mercenary Inc. dort die Stadt befestigt hält. Ich glaube, es sollte nach Norden gehen, gegen diese Versammlung und die fremden Konzerne am Orichalkum-Gürtel. Was auch immer stimmt, der Plan wurde vereitelt.“

„Ich war immer frei, so frei wie man als Soldat eben sein kann. Ich weiß aber, dass der Kreis der ‚echten‘ Anführer im Bann der Familie stand. Die Agooji haben ihnen mit Seelenfolter gedroht. Ich habe es gesehen, wie ein Mann zu einem Zombie wurde. Es war Vodun aus der dunklen Erde des Landes! Ich habe nur als Soldat gedient. Und Herrin Enomi hat mich immer respektvoll und wie einen Leibwächter behandelt. Man musste nur wissen, dass sie eben exzentrisch ist, dass man sie als Herrin ansprechen muss. Wenn ich alleine mit ihrem Fahrer und ihr und ihren Handmaiden im Auto saß, hat sie manchmal Scherze gemacht und wir haben zusammen gelacht. Aber das war auch immer unheimlich. Ich hab den Blick der anderen im Nacken gespürt…“

Yanu (Aufklärer)

„Über Funk kam der Befehl, dass wir Kameo, also Herrin Enomi, mit Logotai und anderen von der Gruppe Echo am Tor treffen sollten. Enomi tauchte auch auf, aber Logotai hat es nicht geschafft. Enomis Leibwächter folgten ihr durch das Portal und ich habe den Rückzug gedeckt, mit den anderen. Der Plan war eigentlich, dass uns die Herrin alle durch die geheimen Wege führt, zu den Grenzgängern. Und dass wir dann evakuiert werden. Ich nehme an, Enomi ist es gelungen. Für alle anderen hat es nicht gereicht. Auch Okobe musste sie zurücklassen. Ich glaube, er war bewusstlos.“

„Die ‚Grenzgänger‘ sind eine Elitetruppe. Mechanisierte Infanterie, würde ich sagen. Ich bin auch einmal mitgereist. Der Wald öffnet sich, um sie zu empfangen oder frei zu geben. Es ist unglaublich. Und im Verborgenen gibt es mobile Einsatzzentren, wie von einem anderen Stern. Aus Glas gebaut, so glatt wie ein Spiegel. Mein GPS war einen Scheiß wert. Dann haben wir Waffen bekommen, absolut lautlos. Die waren aus Amerika. So haben wir Anfang Oktober Stammeskolonnen überfallen und Reporter festgesetzt. Einige wurden ausgetauscht und dann haben wir die ganze Ladung Reporter gefesselt auf einem LKW wieder auf einer Straße abgesetzt. Ich hab keine Ahnung was das sollte. Ich glaube, es war eine Art Geschenk, für die Hausa, oder Mercenary Inc.“

„Am Äußeren Randposten haben wir uns immer sicher gefühlt. Ich wäre früher keinen Meter in den erwachten Dschungel gegangen, aber die Agooji leben dort seit Generationen. Ich habe gedacht: ‚Selbst wenn sie Marschflugkörper gegen unsere Stellung hier einsetzen, du musst nur in den Wald und den Fluß rauf und das wars.‘ Ehrlich, irgendwann habe ich immer die Grenzpatroullien übernommen, die am tiefsten drin waren. Ich hab mich gefühlt, wie was Besonderes. Nichts in diesem Dschungel hätte mir was anhaben können! Scheiße man, ich war Aufklärer in der Leibgarde des Königshauses der Agooji!“

Luftholen

Andikan vs. Afkarasar

Im Morgengrauen des 3. Dezember war die schwarze Rauchsäule aus der Unterstadt von Moskuwa Downtown bereits zu leichtem Smog zerblasen. Die SFG 77 hatte sich ins HQ zurückgezogen, teilweise deutlich verletzt und erschöpft, nachdem Beweismittel so gut wie möglich gesichert worden waren. Nur Negative war am Ort des Grauens zurückgeblieben, hatte sich der Gruppe angeschlossen, die all die Gefangenen und Leichen aus dem Wasserreservoir geborgen hatte. Unter der Gruppe der herbeigeeilten Demonstranten und Aktivisten waren auch Sistren und Aidren sowie Clark gewesen.

Die Inkarnation der Andikan war nicht leicht zu entschlüsseln, doch als Journalisten und letztlich auch die Ordnungsbehörde eintraf, dauerte es nicht lange, bis die unerhörten Vorgänge der Nacht die Nachrichten dominierten. Negative und Clark waren zu dem Zeitpunkt bereits wieder untergetaucht, konnten sie es doch nicht riskieren der Ordnungsbehörde Rede und Antwort stehen zu müssen.

Negative sollte jedoch an den Ort zurückkehren. Bereits am nächsten Sonnenuntergang war er erneut dort. Das ganze Gelände war abgesperrt, weiße Zelte aufgebaut, doch zahlreiche Demonstranten lagerten davor. Manche kamen und hofften auf Informationen zu den geborgenen Leichen oder geretteten Personen. Fast alle kamen um das übergroße Gesicht der Idola Andikan zu sehen. Es war eine Mischung aus urbanem Material, Schrott und übernatürlichem Lichterglanz. Am Tag hatte das gütige und regungslose Gesicht an Substanz verloren und war durchscheinender geworden. Wie Negative wusste, würde es nicht ewig verweilen. Doch für den Augenblick war Andikan für alle sichtbar und niemand hatte es gewagt, einen Sichtschutz vor die gut vier Meter hohe Erscheinung zu stellen. Es war letztlich ein Denkmal für die Abwendung einer schrecklichen Katastrophe, deren mutmaßliches Ausmaß in den Medien stündlich nach oben revidiert wurde.

Andikans Präsenz am Ort nahm dem Grauen im Wasserreservoir seinen Schrecken. Statt Furch und Verzweiflung sah man Ruhe und Entschlossenheit auf den Gesichtern der Ordnungshüter und Helfer. Auch die Personen, die zuerst mit der SFG 77 die Gefangenen und Leichen geborgen hatten, zeigten in der psychologischen Betreuung keine Anzeichen von Schock oder Traumata. Niemand der Überlebenden starb auf dem Vorplatz.

Negative war dazu verdammt, am Rand des Geländes zu stehen. Aber das machte keinen großen Unterschied. Im Gespräch mit neuen und alten Bekannten konnte er sicher stellen, dass die Botschaft richtig ankam. Und so wurde bereits am 4. Dezember in den Medien davon berichtet, dass in Downtown Low eine weiße Manifestation der Idola Andikan gesichtet worden war. Afkarasar hatte verloren.

Die Dandys

Nicht nur dem Lieutenant war es ein Anliegen gewesen, die schändliche Kollaboration der sogenannten „Dandys“ ans Licht zu bringen. Fink, Clar, Mike Goodfellow, Negative und auch viele der Überlebenden aus dem Wasserreservoir sorgten dafür, dass die Gesichter der Dandys als Agooji gebrandmarkt wurden. Die SFG 77 wusste, dass die Dinge nicht so einfach lagen, aber der Sache war es allemal zuträglich.

Jeder Versuch, sich auf die Fersen der Gruppe zu setzen, scheiterte schon im Ansatz. Es brauchte kaum zwei Tage, dann war klar, dass die Überlebenden untergetaucht waren. Zu Persona Non Grata in der Unterwelt verkommen und in allen Medien präsent, konnten sie auf wenig mehr hoffen, als ihre verbliebenen Kontakte zu nutzen um sich abzusetzen. Die Dandys hatten das Kräftemessen mit der SFG 77, das in Evan Chois Appartment begonnen hatte, letztlich verloren. Die letzten Informationen zu den Dandys kam von Sistren und Aidren. Angeblich hatten sich die Dandys schnell und professionell über Nigeria aus dem westafrikanischen Raum abgesetzt. Das Kopfgeld kam zu spät. Vielleicht war es eine falsche Fährte. Aber vielleicht sagte es auch etwas über die Einschätzung der Gesamtlage aus, zu der diese Profis aus der Unterwelt letztlich gekommen waren. Es wäre für die SFG 77 sicherlich von Vorteil, wenn diese gefährlichen Spielfiguren damit vom Spielfeld genommen worden waren. Lenas Schicksal war damit jedoch auch weiter verfinstert worden.

Krankenhausreif

Nach dem Ende der Operation Steinmetz hatte Captain Uzun noch am Mittag des 3. Dezember einen deutlichen Befehl an Lieutenant Morèlle gerichtet: Alle Operationen in Moskuwa seien einzustellen. Régicide und Negative sollten sich gemäß der Einschätzung von Norge einem Krankenhausaufenthalt unterziehen. Hierzu wurde nun die Erlaubnis erteilt, die offiziellen SIN als Angestellte von AIM einzusetzen. Es hatte sich scheinbar etwas getan, hinter den Kulissen. Captain Uzun war überrasch, dass sich Régicide mehr oder weniger bereits selbst eingewiesen hatte.

Das Kommando vor Ort habe Norge zu übernehmen, bis die exakten Anweisungen für eine Operation Good Neighbour ausgegeben würden. Faktisch sah das dann so aus, dass Negative und Régicide diskret in das Krankenhaus in Moskuwa Downtown eingeliefert wurden. Régicide sollte vier Tage Zwangspause verordnet bekommen, in dieser Zeit konnte sich sein Körper halbwegs erholen und auch seine diagnostizierte Erkrankung konnte spezifiziert und behandelt werden. Negative gestattete man regelmäßige Ausflüge, in denen er sich wieder den Vorgängen am Wasserreservoir widmete. Beide wurden auch intensiv durch schamanistische Heiler überwacht und in der Erholung begleitet. Das hielt Régicide aber nicht davon ab sein Augenmerk ab und an auf die erbeutete Orichalkum-Opal-Wurzel zu werfen und einige interessante Einsichten zu gewinnen. Doch davon an anderer Stelle mehr.

Währenddessen bekamen Norge, Zoé, Copper und Clark neue Befehle. Offiziell waren Negative und Régicide außer Dienst gestellt und Finnja Skorgen merkte zynisch an, dass es wahrscheinlich kein Zufall sei, dass man ausgerechnet die beiden arkan erwachten Teammitglieder schachmatt gesetzt hatte, während die Operation Good Neighbour ihre Fahrt aufnahm. Sie vermutete, dass die extremen arkanen Vorfälle und die Einbindung der eigenen Arkanen das Motiv sein könnte. Wäre Norge nicht so groß und undulsam gewesen, hätte sich Finnja Skorgen wahrscheinlich über die ironie lustig gemacht, dass nun Norge das Kommando hatte. Doch sie sparte sich diese Bemerkungen.

Neue Lage, neue Befehle

Am 4. Dezember 2073 lag die SFG 77 ruhend im HQ, nur Negative und Régicide waren noch im Krankenhaus, wo auch Finnja Skorgen oft verweilte um die beiden über Neuigkeiten zu unterrichten und Wache zu halten (sie traute der Security natürlich nicht). Dann bekam Norge über das Terminal die Information von Uzun, dass es eine Grundsatzentscheidung über den weiteren Fortgang in Dahomey gegeben habe. Operation Good Neighbour und die Aktivierung der Task Force Landfall waren bewilligt worden.

Operation Good Neighbour sollte im wesentlichen daraus bestehen, das unkontrollierte Territorium zwischen Großer Zusammenkunft, Nigeria, Mbandé-Sprawl und Tawani-See unter die Lufthoheit und Gebietskontrolle von AIM zu bringen um die weitere Politik durchzusetzen. Die Operation begann sofort – unverzüglich.

Das HQ in Moskuwa sollte in zwei Schritten geräumt werden. Am 5. Dezember wurden Norge, Zoé, Copper und Clark nach Nakatombe gesendet. Dort war der Brückenkopf für die Task Force Landfall einzurichten. Drei Tage später, am 8. Dezember, würden Régicide und Negative mit Finnja Skorgen nachrücken und die SFG 77 wieder den regulären Dienst antreten, mit Régicide im Kommando.

Bis zum 8. Dezember hatte der vorauseilende Teil der SFG 77 klar umrissene Befehle. Etwas, das mancher schon gar nicht mehr gewohnt war:

  • Norge war verantwortlich für die Koordination der Einrichtung des Bückenkopfes für die Luftbrücke aus dem Golf von Guinea in Nakatombe. Anschließend sollte er die Einrichtung eines größeren Lazaretts unterstützen.
  • Zoé fiel die Aufgabe zu, Nakatombe für Landemanöver der Luftbrücke vorzubereiten. Das bedeutete im Wesentlichen die Einrichtung einer Landebahn von mindestens 1500 Meter für Starrflügler, eine Koordination der An- und Abflugwege, Betriebssicherheit und Logistik. Sobald die Luftbrücke stand, konnte Zoé diese Dinge übergeben.
  • Coppers prioritäre Aufgabe bestand darin alle Beweise und Zeugen in den ersten gesicherten Transportflug zu packen, den AIM in Nakatombe auf den Boden brachte. Außerdem sollte Copper die Kooperation mit den Menschen vor Ort sicherstellen und Clark unterstützen.
  • Miss Pria Lakshmi Clark hatte die Aufgabe in Nakatombe nach verlässlichen Partnern zu suchen, Kooperation sicherzustellen und Unterhandel aufzunehmen. Diese Aktionen sollten sobald möglich auf die Große Zusammenkunft ausgedehnt werden, ganz so, wie es die SFG 77 ursprünglich geraten hatte.

Diese Dinge wurden bereits am 4. Dezember mit der Abreise eines Teils des Teams nach Nakatombe begonnen. In den vier folgenden Tagen, bis Régicide und Negative nacheilen konnten, geschah sehr viel. In Nakatombe wurde eine Landepiste eingerichtet und bereits am 6. Dezember landeten die ersten Tarnkappentransporter von AIM. An Bord ein kleines Kontingent Marineinfanterie, Militärpolizei und einige besondere Gäste. Captain Uzun, Specialist Kara Lance und Chief Mike Goodfellow betraten das erste Mal in diesem Konflikt afrikanischen Boden. Der Lieutenant hatte endlich seinen Matrix Man zurück! Mit dabei waren zudem zwei Demokratische Beobachter aus der Afrikanischen Union und Lome.

Was in den nächsten 24 Stunden folgte, war die Ankunft von über 1000 Soldatinnen und Soldaten mit dem Schmetterling auf der Uniform.

Als Régicide und Negative zusammen mit Finnja Skorgen am 8. Dezember in Nakatombe eintrafen, war die Siedlung zu einem Militärlager geworden. Hier lag nun der Brückenkopf der Task Force Landfall sowie das Hauptquartier der SFG 77. Das Command Element der Task Force war in doppelter Kompaniestärke aufgestellt. Das Ground Combat Element war mit fast 500 Personen im Einsatz und hatte den Ort bereits großräumig abgesperrt, Zufahrtswege besetzt. Alle kämpfenden Einheiten waren Luftlandetruppen, darunter eine Schwere Luftlandekompanie aus Trollen sowie zehn Spider Tanks für den Höhenabwurf – mobile Gefechtsstationen für den Abwurf über Kampfgebiete. Die Lufteinheiten der Task Force blieben aus Sicherheitsgründen zum größten Teil auf den Verbandsschiffen im Golf oder in der Luft, aber einige Flugzeuge des 10th Ground Support Wing waren für Alarmstarts in Nakatombe am Boden. Darunter schwere Erdkampfbomber und VTOL-Jets für den Luftkampf und zur Aufklärung. Die 10th Marine Logistics Group hatte die Vorarbeiten von Zoé übernommen und war dabei Nakatombe weiter ausubauen, Wald zu roden, Landepisten auszudehnen, Befestigung und Tarnung herzustellen.

Operation Good Neighbour war bereits im vollen Gange und wartete nun auf ihren Abschluss.

Außerdem waren dem aufmerksamen Auge von Zoé in dem Gewusel zwei Dinge nicht entgangen: AIM hatte eine zweite Sondereinheit herangeführt, die SFG 43. Zudem gab es im Headquarters HQ einen zivilen Berater den Zoé schon einmal gesehen hatte: Ako Tameo, Customer Agent der Yutani Corporation.

Der Spaziergang

Spät in der Nacht von 1. zum 2. Dezember machen sich Norge und Zoé auf in die belebten Straßenzüge von Moskuwa Downtown. Die Nachtzeit ist die Zeit für Arbeit und Vergnügen. Diese Formel bewährt sich auch in der schwierigen, krisengeplagten Zeit. Mit größtmöglicher Ignoranz geht das Leben hier weiter, auch wenn viele dezente Details daran erinnern, dass die Zukunft von Dahomey gerade in der Schwebe ist.

Die großen, glasüberdachten Einkaufsstraßen der Fußgängerzonen summen vom Lärm vieler Sprachen und tieffliegenden Dronen – einige davon deutlich aus dem Horst von Mercenary Inc. Auf den bunten Werbetafeln mischen sich häufig ernste Bilder aus der Tawani-Region, dem überschwemmten Mbandé-Sprawl und der unter Kriegsrecht gestellten Hauptstadt Lome. Auch die Seeblockade ist Thema. Die Flotte von AIM koordiniert Zugang und Abgang des lebenswichtigen Warenstroms aus der ganzen Welt. Ironischerweise sind es nicht die Schiffe, die von der Allianz der Afrikanischen Union aufgehalten werden, die Probleme machen, sondern die plötzliche Explosion von Schmuggelware und undurchschaubaren Stellvertreterverträgen, die der Korruption Tür und Tor geöffnet haben. Dazu zählt auch der räuberische Export von Dahomeys Reichtümern, der sich an der Krisenlage bereichert. Kurz können Zoé und Norge die Silouette der AIMS Cassiopeia in einem Filmausschnitt sehen.

Die beiden lassen sich in einem Ruhebereich inmitten einer der großen Malls nieder und starren eine Weile auf den Nachrichtentrideo bis sie Teil der Kulisse geworden zu sein scheinen. Zoés wachsame Ohren und Augen registrieren die Drohnenflüge, die bewaffneten Patroullien und neugierigen Augen vorbeiziehender Fremder. Von den toten Winkeln der Kameras gar nicht zu sprechen. Immer wieder öffnen sich großzügige Zeitfenster für öffentliche Privatheit. Zoé gibt Norge grünes Licht und er nimmt die Radio Sorceress aus seiner Tasche.

Der porzellangleiche Kopf schaut sich ungelenk um und die lilafarbenen Augen erfassen neugierig die Umgebung. Wie auch die echte Miru, blinzelt die Puppe nicht. Als hätte die Puppe gemerkt, dass sich Aufmerksamkeit auf sie richtet, spricht sie mit bewegtem Mund in kindlicher Tonlage:

„Norge! Du musst aufpassen. Der Äther ist voll von bösen Drachen und schädlicher Software.“

Die Radio Sorceress schaut zu Zoé.

„Ich kann euch nicht dienen, wenn ich mich nicht mit euren digitalen Gefährten verbinden kann. Fügt mich als Avatar zu euren AR- und VR-Brillen hinzu, macht mich mit euren Smartphones und Data Pads bekannt. Ich kann auch eure Heimterminals beschützen.“

Die Puppe legt den Kopf schief und Zoé schaut kurz zu Norge, der die Schultern etwas ratslos hebt und nickt. Dafür sind sie ja hier: um die Sache auszuprobieren. Zoé nimmt ein neu erworbenes Mobiltelefon aus dem kleinen Rucksack hervor und befreit es aus seiner Verpackung. Die kleine Miru-Puppe streckt behende beide Arme nach dem Gerät aus. Zoé reicht ihr das Telefon mit dem Hinweis, dass dies das neue Gerät von Norge ist.

Kaum hat die Puppe das Smartphone in der Hand, leuchtet das Display auf. Die Radio Sorceress legt eine kleine Hand auf den Induktionsbereich des Bildschirms und plötzlich explodiert ein Zauber aus Farben und Formen auf dem Mobilgerät. Ein Abbild der Radio Soreress erscheint nun jenseits des Bildschirms und blickt die Schwester-Puppe spiegelgleich an. Dann beginnt die Radio Sorceress im Telefon ordentlich aufzuräumen. Ein wahrer Kampf entbrennt. Programme werden umgebogen, Dinge vernichtet, neues erschaffen. Mit blechernen Kampfeffekten und Feuerwerk bleibt von der ursprünglichen Benutzeroberfläche des Billigprodukts nicht mehr viel übrig. Die Radio Sorceress hat sich häuslich eingerichtet, in einer japanischen Festung aus digitalem Zauber. Wallanlagen, Tore,, Bogenschützen und feurrote Drachen in der Luft sichern die Burg – Norges digitale Privatsphäre.

Norge und Zoé starren nur von außen auf den Bildschirm aber man kann ermessen, wie intensiv sich dieser digitale Burgenbau anfühlen musste, wenn man sich mit einem Datajack direkt in das Gerät einklinken würde. Wahrscheinlich könnte Norge in der virtuellen Welt wirklich dort wohnen und Gäste empfangen. Die Radio Sorceress verkündet stolz:

„Fertig! Aus dieser primitiven, öffentlichen Telefonzelle ist eine Burg geworden! Nur Du kannst eintreten, Norge. Sprich einfach mit mir, wenn Du etwas umgestalten oder mit anderen teilen willst!“

Die Radio Sorceress rammt ihren Stecken in den Boden und das Smartphone nimmt nun seine eigentliche Funktion wahr. Eine Verbindung zum Mobilfunknetz wird hergestellt. Die Radio Sorceress prüft die Integrität kritisch und gibt Kernfunktionen eingeschränkt frei. Norge erscheint im Telefon als gerüsteter Samurai. Alle Diener und Wachen organisieren sich um ihn.

„Norge, Matrixverbindung ist hergestellt, aber die Netzqualität ist sehr schlecht. Hier kannst Du nicht voll in den See aus Informationen eintauchen. Simsense und Trideo sind nicht möglich. Du hast nur einfachen Terminalzugang zum digitalen Universum. Aber es reicht für das Nötigste! Du kannst recherchieren, telefonieren und Daten versenden, aber ein staatlicher Anbieter kontrolliert derzeit die Dateninhalte. Pass auf, was Du sagst! Ich habe jedenfalls Deinen Standort gut verborgen, denn ich bin nicht die einzige Radio Sorceress hier in der Region. Gemeinsam sind wir stärker! Wenn Du mich mit Kontakten verbindest, die auch von einer meiner Schwestern beschützt werden, kann ich alle Datenübertragungen felsenfest verschlüsseln!“

Sie reckt den Stecken empor, der mit einem Blitzschlag zum Schwert wird. Damit scheint das Mobiltelefon eingerichtet. Norge benutzt das Gerät, zuerst etwas planlos, was er damit nun also anfangen soll. Recht schnell wird klar, dass sich alle Funktionen in der japanischen Festung verbergen und die Radio Sorceress als digitaler Avatar immer in der Nähe ist. Norge kann ziemlich direkt mit dem kleinen Helferlein sprechen. Die eigentliche Puppe scheint ein notwendiges Accessoire zu sein. Die Funktionen der Radio Sorceress sind scheinbar an die Nähe der Puppe gebunden. Zoé entschließt sich daraufhin, die kleine Miru vorerst im Rucksack den neugierigen Blicken zu entziehen. Norge kommt dann unkompliziert zum Kern der Sache:

„Em, kannst Du Verbindung mit Miru aufnehmen, wir brauchen ihre Hilfe?“

Die Radio Sorceress legt den Kopf schief und hält eine Hand offen in Norges Richtung, als wolle der Avatar ihn in das Telefon ziehen.

„Ich bin hier! Die Radio Sorceress hilft dir immer und überall!“

„Nein, em… Radio Sorceress. Ich meine die echte Miru. Die Miru, die auch Asiru und Kiru ist… oder war…“

Der Avatar bekommt riesige Augen voll ehrfürchrtigem Erstaunen:

„Oooooooh! Miru-Sensei! Ooohhh!“

Sie legt eine Faust in ihre andere Hand und neigt den Kopf.

„Miru-Sensei ist immer und überall mit mir und allen unseren anderen Schwestern. Wie kann ich Dir helfen, Norge?“

Zoé schaltet sich ein, als Norge etwas zögert. Wie genau sollte man das Anliegen nun berichten? Die Puppe kennt ja Lena nicht. Und selbst wenn Miru-Sensei selbst hier und jetzt neben ihnen auf der Bank sitzen würde, wie würde sie verstehen können? Zoé geht die Sache etwas vorsichtig an:

„Wir haben eine Freundin, Lena. Hmmm…. Lena Mason. Sie wurde entführt, Miru.“

Die Augen der Radio Sorceress blitzen zornig auf. Mit einer unwirschen Geste zieht sie drei mögliche Kontakte herbei, mit der man unmittelbar Hilfe erlangen könnte: Kriminaldirektion Ordnungsbüro Moskuwa, Mercenary Inc. Bereitschaftsdienst Downtown, PanicButton Online Operator. Zoé winkt eilig ab:

„Nein, nicht so. Es ist eine Weile her und wir brauchen Hinweise, wer sie entführt hat. Kannst Du uns Bildmaterial besorgen, oder den Ort rausfinden, wo Lena zuletzt gesehen wurde… oder wo sie jetzt ist?“

Die Radio Sorceress stellt den Zauberstab auf und nimmt eine neutrale, nachdenkliche Miene an. Hinter ihr versammeln sich einige Lakaien und Samurai. Sie sieht dann zu Norge und fragt, ob Zoés Angelegenheit auch seine sei. Er nickt. Nach einem Moment antwortet sie dann auf Zoés Anfrage:

„Freundin Zoé-san, ich kann Lena nicht finden, aber was passiert ist ist schrecklich. Ich benötige mehr Informationen. Nimm mich mit, damit ich mehr über sie und euch lernen kann. Wenn ich genug Informationen habe, dann werde ich mich melden, versprochen. Solange passe ich still auf und lerne.“

Die Radio Sorceress verneigt sich. Mehr war im Moment nicht zu erwarten. Norge beobachtet die umliegenden Trideoschirme und Werbetafeln, aber es erscheint kein Anzeichen, dass Miru sich manifestiert. Zoé schlägt vor, dass man vielleicht die Puppe mit an den kommenden Einsatzbesprechungen teilhaben lässt. Wenn es stimmt was sie sagt, müsste sie ja mehr und mehr über Lena lernen und vielleicht kommt sie dann irgendwann zu einem hilfreichen Ergebnis?

Reaktivierung

Mike hatte wieder einen dieser Momente, in denen er irgendwie neben sich stand und die Dinge einfach zu schnell passierten. Gedanklich war er noch nicht in der Gegenwart angekommen. Er schaute auf die zwölf uniformierten Portraits an der übergroßen Trideowand. Einige sprachen über wichtige Dinge, das teilte Mike eine innere Stimme mit. Und sie sprachen zum Glück nicht zu ihm, sondern zu Captain Uzun, der hier im Übertragungsraum den zwölf Offizieren Rede und Antwort stand. Mike und Specialist Lance saßen am Katzentisch, zwei Meter entfernt, bereit aufzuspringen, zu nicken oder Daten anzureichen, wenn man sie aufforderte.

Mike wunderte sich. Sprach man nicht über eine Rettungsmission? Recovery SFG 77? Aber irgendwie hatte sich das Thema plötzlich gewandelt. Er schielte nach rechts, zu Lance. Ihre Augen waren konzentriert auf Uzun und sie nickte. Scheiße. Sie war am Ball. Mike rieb sich mit der Hand das Gesicht und kniff die Augen zusammen. Was war hier gerade los?

Uzun: „Ich habe die Mahnung des Central Command verstanden und ich versichere ihnen, dass es niemanden gibt, der sich den überlangen, unklaren Operationsstatus der SFG 77 mehr zu Herzen nimmt als ich. Ausschlaggebend ist aber an dieser Stelle, dass es dem Team gelang, hochbrisante, politische sowie militärische Informationen im verdeckten Einsatz zu beschaffen. Von Anfang an war die Möglichkeit gesehen worden, unkonventionell und abgeschieden von der Operationsleitung zu operieren. Die spezielle Natur dieser Anforderung spiegelt sich in meiner Einsatzdoktrin wieder. Und die Früchte ernten wir gerade in diesem Moment.“

Mike überlegte: Waren Einsätze ohne Anbindung zur Operationsleitung von Anfang an vorgesehen gewesen? Es hieß immer „unkonventionell“, aber was genau bedeutete das eigentlich?

Uzun: „Es ist sehr glücklich, dass die SFG 77 vor einigen Stunden unverzüglich eine Geheimhaltungseinstufung für Daten und Zeugen mit Priorität verlangt hat und Lieutenant Ortell sofort zur Kooperation bereit war. So konnte die Reaktivierung der Einheit umgehend beantragt werden und wir können die neuen Erkenntnisse sofort operativ nutzen.“

Mike nickte roboterhaft auf einen Seitenwink des Captains hin. Ihm fiel auf, dass Captain Uzun gar nicht erwähnte, dass man Lieutenant Ortell umgangen hatte. Uzun hatte bildlich gesprochen mit einer eilig erwirkten Geheimhaltungsstufe vor dem Gesicht des Lieutenant herumgewedelt und er musste seine Leitung über die Rettungsmission aufgeben. Mike hatte die Logdaten dafür frisiert, so dass Lieutenant Ortell als Schwachkopf dastand, der seine Mailbox nicht richtig bedienen konnte. Aber andererseits, dachte sich Mike, war das vielleicht auch gut so. So wie die SFG 77 im HQ Moskuwa aufgeschlagen war, hatte sie sich direkt und unverzüglich an Uzun wenden können. Das hätte auch anders laufen können. Lieutenant Ortell gehörte zu denen im Stab, die Uzun auf den Tod nicht leiden konnten – also etwa zur einen Hälfte der Offiziere an der Trideowand. So wie es in Moskuwa abgelaufen war, hatte man Ortell schlichtweg direkt umgangen. Das dürfte einigen gar nicht gepasst haben. Aber so wie es gelaufen war, war es wohl auch gut. Die SFG 77 hatte schon genug Probleme. Auf firmeninterne Politik konnte man gut verzichten.

Uzun fuhr fort: „Aus dem, was ich bisher an Daten sichten konnte, habe ich einen eiligen Reaktionsplan erarbeitet. Sie erhalten die Datei soeben digital. Es handel sich um die Komposition einer Task Force Landfall. Aufgrund großflächiger, exterritorialer Gebiete mit prekärer Sicherheits- und Gesundheitslage im Zentrum des Nordostens von Dahomey sehe ich eine massive Luftpräsenz als primäre Notwendigkeit für den Auftakt einer Bodenmission für AIM. Wie sie sehen, gehe ich von einem kleinen Brückenkopf aus, der im Wesentlichen vom Golf von Guinea aus geschlagen wird.“

Mike leitete die Dateien an die Offiziere weiter. Interessant war der Begriff „eiliger Reaktionsplan“. Mike hatte bereits seit Wochen unter der Hand für Uzun an einer Szenariosimulation für diese Task Force Landfall gearbeitet. Jetzt zog er sie einfach aus der Tasche. Die Offiziere nickten beeindruckt, manche hoben die Brauen. Eine Mittfünfzigerin mit Sternen am Kragen blickte über die Brille zu Uzun:

GEN: „Ich bewundere ihren krankhaften Ehrgeiz. Sie schlagen einen Brückenkopf gut 700km von der Küste entfernt vor?“

Uzun: „Richtig. Unseren vorläufigen Aufklärungsinformationen zufolge liegt im Bereich um den Tawani-See der Kern aller relevanten Ereignisse. Dort treffen die Akteure aufeinander, da ist Potential, um in die Neuordnung einzugreifen.“

GEN: „Eine Neuordnung welcher Art? Soweit ich informiert bin, sind die Ergebnisse der Feldaufklärung durch die SFG 77 weder mit unserem Nachrichtendienst noch der politischen Abteilung abgestimmt. Was genau wollen Sie da neu ordnen, Captain?“

Uzun: „Danke, General Falcon, dass Sie auf diesen zentralen Punkt hinweisen. Seit Anfang Oktober steht die Geschäftsleitung unter enormen Druck, einen Vertrag gegenüber einem Land erfüllen zu müssen, ohne dabei fundierte Informationen aus erster Hand über die genauen Hintergründe der aktuellen Krise zu besitzen. Ich denke, wir erinnern uns alle daran, wie die Bloßstellung unserer CEO auch zu uns durchregnete. Die aktuellen Informationen aus Hand der SFG 77 zeigen die Vielschichtigkeit der Krise auf und identifizieren nun ganz klar terroristische Gruppen als Mitverursacher. Wenn wir hier gezielt eingreifen, das sehen sie sicherlich aus den vorläufigen Daten, können wir uns selbstbewusst und mit klarer Strategie als Akteure auf dem Festland ins Spiel bringen. Dann kommen wir endlich aus der rufschädigenden Zwickmühle raus. Und ich möchte betonen, dass wir für eine Task Force Landfall gegenwärtig nicht einmal ein Mandat von Dahomey selbst bräuchten.“

GEN: „Das zu entscheiden, übersteigt ihren Horizont, will ich meinen.“

Uzun: „Sie haben recht General. Ich bitte sie daher, dass mein Team unverzüglich damit beginnen kann, einen Brückenkopf im Krisengebiet vorzubereiten. Ich schlage die Formierung der Task Force Landfall als Vorbereitung einer Landstrategie vor. Sobald CCOM und das Policy Board dann ihre Gesamtstrategie mit den neuen Aufklärungsdaten ergänzt haben, können wir uns vor Ort ins Spiel bringen und dort intervenieren, wo es mit der Firmenpolitik im Einklang steht. Denn eines ist klar: Seit Wochen blockiert uns die fehlende Landstrategie und diese blinde Vertragserfüllung im Rahmen der Seeblockade kostet uns täglich Aktienwert und Reputation. So kann es doch nicht weitergehen.“

Mike stimmte dem Captain zu. Es war nicht schön für ein Land, den Warenstrom militärisch durchzusetzen, während man nicht wusste, ob der Kunde im Inland seine eigene Bevölkerung absichtsvoll verhungern lässt. Und mit dem Reputations-Argument hatte Uzun nun auch die Trumpfkarte gespielt. Die zwölf Offiziere des CCOM blätterten durch die digitalen Berichtsseiten, einige murrten, manche rieben sich die Augen, andere nickten. Dann schauten elf der zwölf zu General Falcon. Für kurze Zeit wurde der Audiokanal blockiert und der Stab besprach sich intern. Als der Kanal wieder offen war, sagte General Falcon:

GEN: „Konsolidieren Sie ihre Einheit vor Ort und warten Sie ab, bis das Policy Board gemeinsam mit dem CCOM eine Strategieentscheidung getroffen hat. Wir werden ihrem Vorschlag folgen und Task Force Landfall in Dienst stellen, vorerst jedoch auf das Kommando- und Luftwaffenelement begrenzt. Colonel Kalika wird das Kommando über die Task Force übernehmen. Sie, Captain, übernehmen die Koordination der Spezialeinsätze. Der Großteil der von ihnen vorgeschlagenen Lufteinheiten muss von Task Force Guinea abgezweigt werden. Koordinieren sie das, damit es kein Chaos gibt. Wir haben nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung. Es ist ihnen vorerst untersagt, Bodentruppen abzusetzen oder Luftraum zu durchqueren, der von Mercenary Incorporated oder Nigeria militärisch kontrolliert wird.“

Uzun nickte bestimmt.

GEN: „Und, Captain, ohne einen Partner vor Ort wird sich dieser Plan, den sie angeregt haben, nicht verwirklichen lassen. Die Übergangsregierung in Lome blockiert jeglichen Vorstoß unsererseits, im Norden des Landes einzugreifen. Selbst wenn wir mit völkerrechtlichem Mandat einseitig in das Szenario eingreifen, haben wir damit zwar eine Menge zu tun, aber keinen Kunden, nach dem die Geschäftsführung verlangt. AIM MATTERS hatte die Aufgabe, einen Partner zu gewinnen, der uns ins Land holt und Dahomey davon überzeugt, dass wir zumindest in einem begrenzten Umfang Partner am Boden sein sollen.“

Uzun presste die Lippen etwas aufeinander und nickte erneut, diesmal etwas weniger bestimmt.

GEN: „Sehen sie also zu, dass alle Informationen, Beweise und Zeugen so schnell wie möglich in unsere sicheren Hände gelangen und potentielle Partner vor Ort identifiziert werden. Miss Clark hat sich ja eigenwillig ins Land geflüchtet und ist immer noch in Moskuwa. Sie hat Instruktionen, wie mit solchen Partnern umzugehen ist. Binden sie sie ein. Wenn sie sich dort schon an ihrem Strohhalm festklammert, kann sie sich auch nützlich machen. Das ist alles. Sie können wegtreten, Captain.“

Ein kurzer Austausch von Saluts und die Verbindung war getrennt. Mike schaute zu Lance und flüsterte:

„Geht’s jetzt los?“

Die Specialist hob nur eine Augenbraue und machte sich mit Unterlagen unterm Arm auf den Weg um Uzun zu folgen. Mike blieb etwas ratlos zurück, nachdem er den virtuellen Besprechungsraum geschlossen und abgewickelt hatte. Was bedeutete das jetzt für ihn eigentlich? Er beschloss, ersteinmal direkt zum Host-Terminal zurückzukehren, Zoé oder jemand anderen ans Terminal zu bekommen und den neuesten Tratsch ins Feld zu bringen!

Die Riesin

Operation Primordial Prophet war mit der erfolgreichen Verteidigung des Sandorakels gerade eben zuende gegangen. Zwei Tage war es vielleicht her. Hier, am Rand der Großen Wüste, war es schwer, sich an einen Kalender zu halten. Es war so, als rufe die Weite des heißen Sandes aus dem Norden beständig nach allen Herzen im Sandorakel. Im Gegensatz zu den hier heimischen Menschen, war die SFG 77 dieses Rufen nicht gewohnt. Es war eine Verheißung der Großen Wüste, dass dort, bereits nach wenigen hundert Metern, das alte Leben mit der ersten großen Düne verschwinden würde. Die Weite verschlingt alles. Ein neues Leben, ein radikal anderes Leben.

Seit Monaten sah sich die SFG 77 der Versuchung ausgesetzt, das Bekannte über Bord zu werfen, alles zurück zu lassen und sich selbst neu zu erfinden. Im Guten oder Schlechten. Vielleicht war das die schleichende Wahrheit der Worte gewesen: „Du wirst das Land nicht verändern, das Land verändert dich.“ Was genau wird passieren, wenn die Gruppe eingeschworener Soldaten den Weg zurück aus dem Labyrinth Dahomey findet? Was wird zurückbleiben, was wird sie mitnehmen? Auch wenn über niemand anderen als Negative diese Frage so intensiv schwebte, so galt sie doch für alle. Und hier, am Rande der Wüste, schien ein Tor zu einer gänzlich anderen Welt. Nicht mal im Tal der bunten Steine waren Zoé, Norge, Copper, Régicide und Negative so weit fort vom alten Leben gewesen.

Und Zoé steht auf der nördlichsten Düne und sieht in die Weite.

Zwei Männer begleiten sie auf diesem Patroulliengang in der Abenddämmerung. Ein Fulbe und ein Tuareg. Der Himmel glüht rot und mischt sich mit kühlem Blau der aufziehenden Nacht. Der Wind ist warm und doch kühlt er. Sand streicht sanft über die Dünen, treibt sie mit unendlicher Langsamkeit nach Süden, um irgendwann einmal alles zu verschlingen und den Kontinent ins Meer zu stürzen…

Da vorn, eine rasche Bewegung, hundert Meter voraus in der Senke! Die Männer greifen die Waffen fester und gehen in die Hocke. Zoé kneifft die Augen zusammen. Es ist einer der Wildhunde, die seit dem Aufstieg aus dem Sandorakel das Gebiet umstreifen. Bisweilen mit Dingo an ihrer Spitze. Doch dieser dort ist allein. Mit einem leichten Gang und fleckigem Fell scheint er geradezu aus der Düne gesprungen. Die dunklen Augen bohren durch die hundert Meter und sehen Zoé an, während der Hund sich federnd von ihr entfernt. Zügig erklimmt er die gegenüberliegende Düne und auf der Spitze hält er inne, kehrt sich um, und schaut zu Zoé zurück. Dann verschwindet er jenseits des sandigen Berges. Zurück bleibt eine Spur aus Pfoten, wie eine Perlschnur aufgereiht.

Der Hund, der Blick, der Himmel, der Wind… Zoé schaut zurück und auch ihre Begleiter haben es gemerkt: hier ist etwas nicht normal. Etwas Seltsames ist im Gange. Fulbe und Tuareg schütteln sachte den Kopf und fassen die Waffen enger. Wortlos ziehen sie sich zurück. Sie scheinen zu spüren, dass hier etwas intimes passieren wird. Ehe sich Zoé versieht, ist sie dem Hund auf der Spur, das Herz klopft an den Hals.

Man wird vielleicht nie erfahren, was Zoé dachte, als sie die Kerze im Sandorakel entzündete. Man wird daher vielleicht auch nie erfahren, warum Zoé so etwas wie Erleichterung empfand und es ihr danach war, zu lachen, als sie die Düne erklomm. Sie wusste genau, dass ihre Stimme im Sandorakel durchgedrungen war. Etwas war da draußen, sie war da draußen. Und von allen die in Frage kamen, war es die Kleinste, die zu ihr eine Brücke hatte bauen können.

Als Zoé über die Düne kletterte, war sie nicht überrascht: der Hund war verschwunden und die Spuren verblassten langsam im Sand. Sie war allein, inmitten der Wüste. Hätte sie funken sollen? Da war diese seltsame Gewissheit, dass alles seine Richtigkeit hatte. Der Gedanke an das Funkgerät kam Zoé seltsam entrückt in den Sinn, so, als wenn sie sich selbst auf einem Trideoschirm betrachten würde – und für die Heldin auf der Leinwand nur einen symphatischen Rat übrig hatte.

Als der Wind begann sich um sie zu schaaren, sich zu bündeln und einen Trichter zu formen, da setzte sich Zoé hin, denn sie war nicht sonderlich schwer und der Wind wurde stärker. Der heiße Wind auf den Wangen des Abendrots war eine zärtliche Berührung. Es war keine Überrachung mehr, als eine trollgroße, flimmernde Gestalt aus Sand, Hitze und Wind Form annahm und die stimme Atras an Zoés Ohr erklang:

„So lange fort, so lange kein Band. Und die Kleinste wird zur Riesin und beugt sich über den Radius der Welt, damit ich sie auf der anderen Seite endlich sehen kann, in einem Labyrinth aus Licht und Schatten. Dein Feuer hat mich geführt zu Dir, denn es brennt mit dunkler Tiefe. Wie ein Brummen unter den Grundfesten der Erde, entkommt es aus dem grellen Feuer der erwachten Welt, in der Du verloren treibst.“

Das heiße Glimmen ihrer Worte im Ohr gewinnt an Schärfe, fast kann Zoé den scharfen Vorwurf auf der Haut spüren, die empörte Wut, die schon einmal aus Atra gesprochen hatte. Damals, als Régicide ihr sein selbstgewähltes Bild gezeigt:

„Er aber wieder, gerade er, der meine Nähe sucht, brennt im hellen Feuer des öberflächlichen Brandes und lodert so vor sich hin – und erreicht mich doch nicht. Und Törichtes hat er getan. Oh, so töricht, dass es mir den Schlaf raubt, den ich nicht kenne. Ich habe die Vorsehung erfahren, als Du Dich als Riesin zu mir gebeugt hast. Ich konnte es fühlen, aber nicht greifen. Sag mir, was hat er getan, das mich so unruhig sein lässt?“

Zoé folgt den Worten der Erscheinung und als sie vielleicht antworten will, setzt Atra plötzlich in Eile nach, die Stimme nun wieder sanft und in besonnenem Ton konzentriert:

„Es hilft nichts. Meine Zeit bei Dir ist zu kurz. Es liegt in deiner Hand. Lasse ihn nichts törichtes tun. Halte ihn ab, halte ihn auf! Ich kann nicht länger an diesem Ort bleiben. Gleich wird es dunkel und wir sind getrennt. Höre daher zu, was ich Dir wichtiges sagen muss:

Der Feuergott unter dem Meer ist nicht mehr. Er hat seinen Thron verlassen. Und niemand weiß, wo er nun ist. Du musst das Labyrinth verlassen, aber trete vorsichtig mit dem Fuß. Überstürze nichts. Vielleicht ist er auch auf dem Weg hinein, also gehe behutsam hinaus. Du bist die Riesin, die Einzige, die ihn …“

Glutheißer Sand trifft Zoé im Gesicht, als die Erscheinung mit einem scharfen Zischen explodiert. Atras Kraft war verbraucht, die Distanz zu groß, die schüchterne Brücke zur Riesin eingestürzt.

Zoe ist völlig überwältigt von den Eindrücken, der eindringlichen Stimme Atras, ihren Warnungen und der Nähe die da für einen Moment hergestellt war. Ihre Worte beim entzünden der Kerze wurden gehört! Und irgendwie hat sie in der Gestalt auch für einen Moment Brick – oder was immer er auch jetzt war – sehen wollen. Zoe hofft, dass er einfach seine Erlösung gefunden hat, aber Atras letzte Worte beunruhigen sie. Warum konnte der Kontakt nicht einen Moment länger gehalten werden? Sie hätte noch so viele Fragen gehabt. Plötzlich ist da so viel Verantwortung, so viel Unausgesprochenes, so viel Einsamkeit. Aber auch Hoffnung. Es gibt in dieser gottverlassenen Gegend eine Verbindung zu Altbekanntem. Eine Anleitung, wenn auch noch so unklar. Eine Sicherheit, die Zoe lange nicht mehr gespürt hat. Sie blickt erst einmal wieder in die Ferne der Wüste, die für einen Moment nicht mehr existiert hat und versucht klare Gedanken zu fassen.

Was hat Atra gemeint, als sie von Régicide sprach? Zumindest musste sie ihn gemeint haben… Zoes Gedanken gehen zu den Schnittwunden die er sich zugefügt hat, als er die Schnitzerei auf dem Rock der Idola auf seine eigene Haut übertragen hat. Hat er anstelle etwas zu geben, etwas genommen was nicht ihm gehört? Hat er sich etwas verschrieben, ohne es zu verstehen? Sie hatte die Geste nicht verstanden, aber das erschien ihr auch nicht für nötig. Bis jetzt, wo die warnenden Worte an ihr Ohr drangen.

Zoe versucht sich zu orientieren, den Weg zurück zu ihren Begleitern zu finden. Im geschützten Lager will sie wieder ein kleines Feuer entzünden und in sich gehen. Sie muss darüber nachsinnen, was Atra ihr mitteilen wollte. Wäre es klug, Régicide direkt von dieser Erfahrung zu berichten, oder war es Atras Wunsch, ihn auf seinem Weg zu begleiten und zu lenken, ohne ihm die bitteren Worte direkt weiterzugeben? Zoe sollte ihn aufhalten, aber auch nichts überstürzen. Es musste also den Moment Zeit geben, sich erst einmal klar zu werden.

Kontrast

Mit dem Erreichen der Orakelhalle im Zuge von Operation Primordial Prophet war eine Stunde der Abrechnung gekommen. Am Ende eines Weges, der vor fast zwei Monaten in Afrika begonnen hatte, stand die SFG 77 nun an einer Zäsur, an der die vergangenen Taten gewogen werden sollten.

In der zentralen Kammer des Orakels konnten Zoé, Norge, Copper, Régicide und Negative zur linken wie zur rechten Hand betrachten, welche ihrer Taten in den vergangenen Wochen den dunklen oder den lichten Idola zugespielt hatten. Neben so manch bedrückenden, peinlichen oder auch unverschuldeten Hypotheken zu Gunsten der Schwarzen Idola, erleuchteten am Ende vier Figuren überwiegend in einem warmen, hoffnungsvollen Ton einer orangefarbenen Morgenröte. Von den ersten Tagen in Moskuwa an, waren die Taten der SFG 77 auf ein positives, ein helfendes Wirken hin ausgerichtet gewesen. Fehler wurden begangen, doch auch bereut. Was nicht rückgängig gemacht werden konnte, wurde durch gute Taten aufzuwiegen versucht. Doch wer war hier die urteilende und richtende Instanz gewesen?

Das in der Erwachten Welt, die Welt der Großkonzerne, der optimierten Ausbeutung, relativen Werte und der Aufhebung bisher bekannter Definitionen von Menschsein, ausgerechnet in Afrika eine Instanz existieren sollte, die eine Spur universeller Moral versprach, mochte manche überraschen. Doch lag darin nicht auch ein unerhörtes Versprechen, das nur die „Wiege der Menschheit“ geben konnte? Fast eine Art Offenbarung? Was würde mit der Welt passieren, wenn die Einwohner von Seattle, Denver, Paris oder London das Privileg bekommen könnten, das der SFG 77 mit dem Besuch des Orkales zuteil geworden war?

Die vier Idola der SFG 77 blieben überwiegend stumm, wussten sich aber durchaus mitzuteilen. In der zierlichen Gestalt eines sechsarmigen, asiatischen Mädchens hatte Norge Miru gefunden, und ihr ein Werkzeug universeller Vernetzung und Kommunikation geopfert. Wieder war die Radio Sorceress Zeugin gewesen. Wer wollte behaupten, sie wäre ein schlechterer Fetisch, nur weil sie es verstand, auf andere Weise eine Verbindung herzustellen, als es die Schamanen für gewöhnlich tun?

Copper hatte sich die Aufmerksamkeit einer dunklen Kraft zugezogen, die sich in Gestalt der entarteten Afkarasar zeigte. Vielleicht lag der Grund für die beharrliche Ausdauer, mit der diese Idola der SFG 77 nachstellte, aber nicht nur an ihm. Denn auf dem Weg der Abrechnung, der zu den vier Figuren geführt hatte, war eben auch ein dunkler Ton der Gewalt an allen hängen geblieben. Coppers Opfer wirkte rückblickend vielleicht etwas verzweifelt, denn es war ein Auflehnen gegen Afkarasar – zugleich eine Absage gegen einen Teil seiner Vergangenheit. Aber konnte er darauf hoffen, Afkarasar mit dieser Geste aus dem Kreis einfach auszuschließen? Man kann sich böse Geister ja nicht einfach aussuchen oder wegwünschen. Sie hängen den eigenen Taten nach. So gab Afkarasar Copper das stinkige Versprechen, das man sich wohl wiedersehen würde, so oder so. Gleichzeitig war die blutige Idola des rauchschwangeren Feuers auf ihren Platz verwiesen worden.

Für Zoé und Régicide war es die einer Kolossalstatue nachempfundene Gestalt einer verschleierten Frau mit Feuerhaar, die sofort gewisse Assoziationen weckte. Das Konzept dieser Idola wirkte so vertraut, aber gleichzeitig so formlos und unfassbar. War es die Idola Silah, oder der Gott Mazda, das Rauchlose Feuer oder gar die seltsame Frau Atra? Feuer schien ein verbindendes Element, und so zeigte das gemeinsame Opfer eine Wirkung. Régicides elementarer Funke und die Gabe an Zoé veränderten etwas. Die unmittelbare Wirkung blieb, neben einem Hauch an Zoés Ohr, scheinbar aus. Aber blieb die Gabe wirklich wirkungslos? Zoé sollte darüber alsbald mehr herausfinden…

Régicide nahm die Gelegenheit beim Schopfe und tauchte in die Keilschriftschnitzereien der Idola ein. Dort fand sich auf dem Rock dreiunddreißig Mal die gleiche Phrase geschrieben, wenn Régicide sich nicht geirrt hatte. Es war eine markante Kette von Kerben. Sie begann und endete mit einer identischen Form. Régicide ging so weit, sich die Markierungen in seinen eigenen Unterarm zu schneiden. Selbst wenn die Zeichen keine Bedeutung gehabt hatten, so hatten sie jetzt auf jeden Fall eine erhalten. Doch was bedeuteten die Zeichen?

Dann war da natürlich die Stele der Idola Andikan, deren Schild Negative aufgenommen hatte. Und dies bereits sehr viel früher, als zuerst vermutet. Negatives Begegnung mit Andikan war eine unvermeidliche Auflösung gewesen, etwas, das bereits seit vielen Jahren im entstehen gewesen war. Mit einer einfachen Geste war Negative in der Lage gewesen, die Hand seiner Idola zu ergreifen, die in Gestalt seiner jungen Großmutter Kakuve aus dem Götzenbild trat.

Schon seit langer Zeit fließt das Blut Andikans in Negatives Blutlinie, bisher stets von Mutter an Töchter und Enkelinnen vererbt. Und als Kakuve vor einigen Jahrzehnten Afrika verlassen musste, da musste sie zuviel zurücklassen – gleichzeitig nahm sie jedoch zuviel mit. Ein böses Omen begann sich auf die Familie zu legen. Der Beginn einer sich sammelnden Schuld, aufgetürmt von einer Idola im erwachen.

Kakuve schilderte Negative in der Orakelhalle, dass sie immerzu versucht habe, ihn vor der Missgunst Andikans zu bewahren. Doch was immer Kakuve versucht hatte, es endete stets damit, dass sich Kakuve vor Andikan mehr und mehr verschuldete. Kakuve stand für Negative ein, sie schützte ihn und versuchte ihm zu helfen. Doch es war zum scheitern verurteilt. Es waren Dinge wie Negatives Ignoranz gegenüber den eigenen Eltern, die Geringschätzung der Erwachten Welt und die Vorbehalte gegenüber der Magie, seine Abkehr von Frau und Kind, sein Versagen im Versuch sich als Gründer zu betätigen, sein Ausscheiden aus dem Militär … Davon berichtete Kakuve, und sie sagte, mit jedem vermeintlichen Scheitern, habe sich der Groll Andikans gegen sie vermehrt.

Erst später, als Negative das erste Mal nach Afrika ging, hatte Kakuve erkannt, dass sich Andikan entgegen der uralten Tradition durch einen männlichen Nachfahren manifestieren wollte. Und Kakuve hatte es nicht geschafft, dieses Band zu verwirklichen. So stand Negatives Reise unter einem Fluch, gewirkt aus Kakuves Hand. Sie hatte ihn missgünstig entlassen aus ihrer Obhut als Schamanin seines Blutes. Er sollte als Spielball des Schicksals dem Willen der numehr entarteten Andikan in Afrika willfährig sein – und Kakuve endlich Frieden in dieser Sache bringen. Dann kamen Negatives Monate der Dunkelheit als Sklave im Dienste fremder Mächte. Kakuve hatte nicht mehr mit seiner Rückkehr gerechnet.

Seine Rückkehr kam jedoch, und damit auch Reue in Kakuves Herz. Doch es war zu spät. Erst mit ihrem Tod sollte der Weg beginnen, der Negative in das Herz seiner Herkunft und zu Andikan führen konnte.

Mit dem Fetisch seiner Großmutter und ihren sterblichen Überresten im Gepäck, nahm Negative das Ritual des Übergangs auf, ohne es ahnen zu können. Und doch hatte es ihn schon lange vorher, auf der Shigeruu und in Manila, dazu unausweichlich gedrängt. Die ersten Begegnungen mit Andikan waren rauh, verwaschen und gewaltsam gewesen. Der kleine Diener am versunkenen Panzer hatte ihm zuerst die Hand gereicht. Doch Negatives unbedachter Griff zu einem BTL-Chip der Afkarasar veranlasste, dass sich eine Schwarze Idola vor eine andere schob. Der Berg mit der Göttin auf der Spitze war nicht der Ruf nach willkürlicher Gewalt, sondern nach Ordnung und Unterwerfung um jeden Preis. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, wie sich ganz am Ende zeigen sollte.

Die komplizierte, widersprüchliche und vielleicht sogar bedauernswerte Natur der Andikan enthüllte sich Negative deutlicher im Tal der bunten Steine. Die Kraft der Ordnung als Sinnstiftung einer Gemeinschaft, die sich beschützt und sich eine Geschichte gibt, wurde deutlich. Und im Tal der bunten Steine war Negative diesmal Meister und Herr gewesen, nicht willenloser Sklave, wie bei seinem ersten Besuch in Afrika. Das Ergebnis war drastisch und traumatisch für die meisten Beteiligten gewesen. Es zeigte die Natur der Dunklen Idola in ihrer Reinform – und Negatives Gefallen an Macht. Doch auch hier gab es einen Lichtblick. Denn mit Tukka und Rafik zogen zwei Personen aus dem Tal aus, die Negative aus tiefstem, inneren Antrieb heraus zu folgen bereit waren. Trotz alledem.

Als Negative nach vielen Wochen dann sein Schicksal endlich reizen wollte und alles auf eine Entscheidung hintrieb, da lagen dann die Dinge auch viel klarer als zu Beginn. Der kleine Diener der Andikan war ein wichtiger Mittler, der Negative am Wasserfall, gemeinsam mit Tukka und Rafik, hatte wissen lassen, dass Andikan zwei Gesichter trägt. Das eine, das lichte, verabscheuht sie jedoch, aber sie kann es sich nicht herunterreißen. Auch wenn Andikan als entartet galt, konnte sie nicht darüber gebieten, ob Negative sein Erbe in guter oder böser Absicht antreten würde.

Diese Botschaft war vielleicht die bedeutsamste. Und es dauerte weitere Zeit, bis Negative endlich in dieser Orakelhalle stehen konnte, Kakuve ins Gesicht sah und seine Wahl traf. Auf einem erwachten Kontinent mit unermeßlicher Geschichte, mit hunderten von Idola und Tiertotems und Volkgruppen, Familien und Blutsbanden, konnte ein Band zwischen Mann und höheren Mächten nur intim, einzigartig und zutiefst persönlich sein. Und so entschied sich Negative gegen den Willen Andikans dazu, ihre lichte Seite zu umarmen.

Mit der Wahl ihrer versöhnlichen Seite hatte die letzte Etappe begonnen. Die Herausforderung der nigerianischen Prinzessin würde nun Negatives Wahl in die Welt der Sterblichen Übersetzen. Nur der rituelle Kampf kann im Diesseits besiegeln, was in der Welt der Geister bereits entschieden wurde. Dann kann Negative seine neue Maske aufsetzen und die alte abnehmen. Eine Maske der Andikan. Eine Maske im Kontrast.

Exodus 199,8

Negtives Scanner fängt am 31. Oktober 2073 bei 199,8 MHz eine Endlosschleife in Englisch, Französisch und Hausa ab. Sie ist unverschlüsselt und schwach. Gerade so dringt sie zum Vorhof des Tals der bunten Steine vor. Die Stimme des männlichen Sprechers wirkt alarmiert und eilig. Die Aufnahme muss im Freien stattgefunden haben. Wie lange sie bereits gesendet wird, ist unklar.

„Dahomee, Landsleute, jeder, der das hören kann. Das ist eine Dauerübertragung auf 199,8 MHz, nachdem die drei Transponder davor abgeschaltet wurden.

Die Regierung von Dahomey hat sich am 16. Oktober 2073 aufgelöst, nach einer Reihe von Todesfällen im Parlament und auch innerhalb der Regierung selber. Es ist zu Unruhen gekommen und man geht davon aus, dass es böse Geister waren, die sich einiger Politiker und Personen mit hohem Ansehen bemächtigt haben. Es ist zu einem Putschversuch gekommen – oder vielleicht war er auch erfolgreich.

Die Regierung hat gesagt, dass uns unsere Vergangenheit eingeholt hat und die bösen Geister unserer eigenen Geschichte manifeste Gestalt angenommen haben. Überall kommt es zu Gewalt und Korruption. Politik, Militär, Medien und auch zwischen den Familien. Niemand weiß genau, was der Auslöser war, es gibt viele Gerüchte. Einige sagen, es wäre der Preis für unsere Einheit und unseren Fortschritt, den wir letzt zahlen würden. Ihr habt vielleicht davon bereits gehört, im kleinen. Jetzt ist das Chaos vollends ausgebrochen. Der Ursprung soll am Tawani-See und in der Grauen Zone liegen, aber es hat jetzt alles erfasst.

Man hat die öffentlichen Infrastrukturen, Geld-, Waren- und Personenverkehr und jegliche Art von Medien und Kommunikationswegen abgeschaltet, damit sich das Land regenieren kann. Damit wir uns regenerieren können. Jeder ist aufgerufen die Städte zu verlassen und zu Familien und Sippen auf dem Land zurückzukehren. In der natürlichen Lebensweise soll Dahomey Kraft finden sich von dem Übel zu befreien. Die Verwaltung wurde größtenteils in den Ausstand geschickt und nur internationale Konzerne versuchen noch den Betrieb aufrecht zu erhalten. Lokale Produktionsstätten und Gewächshäuser werden in Eigenregie betrieben, wenn sie nicht bösen Geistern anheim gefallen sind.

Die Regierung hat die Kontrolle über das Territorium Dahomey aufgegeben und die Bannzonen zu den erwachten Dschungelgebieten aufgehoben. Das Volk von Dahomey ist sich selbst überantwortet. Berichte sagen, dass der Regierungsapparat und das Militär nur noch dazu da ist, Dahomey gegen Nachbarländer und die gierigen Konzernmächte zu verteidigen. Es konzentriert sich auf Städte und industrielle Konzernkomplexe. Ausländer fliehen auf externe Betriebsgelände, die jetzt unter militärischer Aufsicht stehen. In der Grauen Zone gibt es andauernde Berichte von Konflikten und Gewalt, aber es gib keine Nachrichtensender mehr, keine Telefone und keine Matrix. Auf den Landstraße und im Niemandsland zwischen den Siedlungen sollen Banden rauben und plündern. Man soll alleine reisen, oder in großer Zahl. Benutzt nur Wege, die ihr gut kennt.

Der Geist- und Ethikrat der Regierung hat die Beschwörung der Weißen Idola Massuutu bekannt gegeben. Alle Dahomee sind aufgerufen ihre Häuser, Siedlungen und Schreine der Massuutu zu öffnen. Unsere Politiker haben unser Land ihrer heilenden und friedensbringenden Kraft übergeben – und uns. Wir müssen jetzt zurückfinden zu uns selbst. Bildet Gemeinschaften, meidet die Städte und zerstört alle Medien. Sie sind der Träger des Virus, der uns befallen hat. Die Geisterseher sprechen von den Schwarzen Idola, die uns zu dem machen wollen, was wir schon immer erleiden mussten. Sie sind Fleisch gewordene Abgründe und sie tragen tarnende Masken. Meidet die Gewalt, werft euer Geld fort, verlasst die Städte, zerstört Funk- und Matrixanlagen und traut keinen Dingen, die nicht wirklich sind. Versucht die moderne Lebensweise, den Konsum und die Entfremdung abzulegen. Ihr müsst zu euch selbst finden, das stärkt die Weißen Idola und ruft sie herbei. Pflegt eure Schreine und gebt Opfer an die Ahnen.

Nähert euch nicht den Konzernanlagen, sie sind im Krieg mit der Bevölkerung, egal von wem sie verteidigt werden. Wir haben sie an die Schwarzen Idola verloren. Meidet die Überlandlinien der Magnetbahnen und die großen Gridlink-Trassen. Söldner und Drohnen bewachen sie und haben Feuerbefehl auf alles und jeden. Betretet nur Siedlungen, von denen ihr wisst, wer dort lebt und welchen Geistern man huldigt. Traut keinen Ausländern, wenn sie euch nicht kennen. Versteckt euch am Tag vor den Söldnern und versteckt euch vor den Geistern in der Nacht. Verlasst das Land nicht über das Meer. Dort herrscht ein Krieg. Eine Seeblockade verhindert die Flucht. Viele landen in Gefangenenlagern. Und vor allem: bleibt fern vom Gürtel! Der Reichtum des Orichalkum korrumpiert sie alle. Lasst die Konzerne sich selbst zerfleischen. Sie fressen nur ihre eigenen Eingeweide. Bleibt fern von den Berbaugebieten. Und wollt ihr die erwachten Wälder und Wüsten betreten, dann vergewissert euch, welche Geister dort wohnen und welcher Gesinnung sie sind.

Verlasst euch nur auf Menschen, denen ihr die Hand geben könnt. Vertraut auf echte Gemeinschaft, arbeitet mit euren Händen. Traut nicht mehr dem Virtuellen, sondern traut der Berührung. Kauft nichts mehr, sondern tauscht. Trennt euch von allem, was bedeutungslos ist. Und lasst euch nicht zu dem hinreißen, was unsere Vorfahren selbst durch andere erdulden mussten: tötet nicht, versklavt nicht, raubt nicht, erhebt euch nicht über andere. Die Schwarzen Geister haben vielfache Gestalt und Namen. Lernt die Namen. Lernt gutes von schlechtem zu unterscheiden. Bleibt zusammen unter Freunden und Familien. Versteckt euch vor Fremden und vor dem Schlechten. Und vor allen Dingen: umgebt euch mit Tieren, sie sind die heilsame Kraft, haben aber ihre Stimme an die Schwarzen Idola verloren. Wir müssen den Totems ihre Stimme zurückgeben. Sie können verwirrt oder besessen sein, aber kein Tier ist im Herzen böse, niemals. Denkt daran.

Mehr kann ich euch nicht sagen. Ich gehe nach Norden, mit Freunden. Dort soll eine große Zusammenkunft stattfinden. Eine Zusammenkunft nach alter Art. Wer den Weg finden kann, ist willkommen. Zerstört euren Funkempfänger und geht euren eigenen Weg. Seid ihr Dahomee, dann wisst ihr wohin ihr müsst. Seid ihr westliche Konzernangestellte, dann geht zu den bewachten Betriebsgeländen. Wenn ihr Glück habt ist es friedlich und ihr kommt raus. Seid ihr hier als Ausländer oder Touristen einfach reingeraten, dann versucht nach Westen zu gehen. Meidet Osten, Süden und Norden. Wenn ihr verfolgt werdet, sucht nach guten Menschen die euch Gastfreundschaft gewähren.

Ende der Durchsage.“

Nachbereitung OP Real Estate

Ein sichtlich erschöpfter und angespannter Captain Uzun meldet sich nach dem Ende der OP Real Estate und den Anschlussuntersuchungen vor Ort bei der SFG 77. Es ist bereits die Nacht zum 10. Oktober 2073. Wahltag im Nordosten Dahomeys. Wahltag in Tembe. Das unermüdliche Team ist bereits dabei, den Einsatzwagen zu beladen und sich noch in dieser Nacht auf den Weg in den Wahlkreis Tembe zu machen. Der Lieutenant gibt Grünes Licht für Operation Stichwahl und den Mitgliedern der SFG 77 die letzten Neuigkeiten mit auf den Weg.

Lieutenant, Sergeants, Chief Miller,

Sie können nicht ermessen was hier gerade in der AIM Außenstelle in Ceuta los ist. Gefühlt ist hier ein Hurricane durchgekommen. Wir hatten gerade einen Notarzteinsatz nach einer Lagebesprechung. Miss Clark und zwei weitere Mitarbeiter wurden medikamentiert und sind jetzt im Ruheraum. … Ich glaube, so einige würden gerade gerne mit Ihnen im Feld tauschen… Aber eines nach dem anderen.

Operation Real Estate war ein enormer Aufklärungserfolg, das zeichnet sich schon jetzt ab. Ich möchte Ihnen zur guten Arbeit gratulieren. Insbesondere die ethnische Landkarte, die Interviews und die Notizen von Evan Choi sind sehr wichtig für unsere Kurskorrekturen.

Der Captain wird etwas düsterer.

Miss Clark hat die „Neuigkeiten“ über Evan Chois Sicht der Dinge mit, ich sage mal: gemischen Gefühlen aufgenommen. Sie hält Evan Choi über weite Strecken für jemanden, der sich zu schnell in Verschwörungstheorien verrennt. Sie hat aber auch zugegeben, dass sie seine Berichte in der Vergangenheit regelmäßig zensiert hat. Sie dachte wohl, ihr Ruf würde leiden, wenn sie die Meldungen über ethnische „Geheimbünde“ und verborgene „Graue Gremien“ im Verwaltungsapparat von Dahomey ernsthaft in die Strategieentwicklungen des Policy Board mit eingibt. Vielleicht hatte sie damit auch nicht so unrecht… immerhin hatten wir bisher keinerlei eigene Augen vor Ort. Jedenfalls hat sich Miss Clark bei mir entschuldigt und ich soll das an sie weiterleiten. Sie räumt ihr Versäumnis ein, warnt aber nach wie vor, zu sehr auf Evan Chois Steckenpferd zu setzen. Nun gut. Schauen wir aber, was wir haben.

Katuso Uzun blendet die Ergebnisse der Auswertung ein:

(1) Wenn die ethnische Dimension in Dahomey so bedeutsam ist, wie Evan Choi glaubt, dann stellt das einen wichtigen Anhaltspunkt für mögliche Motive am Bura-Staudamm dar. Wenn es solche Splittergruppen oder gar rassistische Strömungen gibt, haben die vielleicht Interesse daran, die Regierung zu erpressen und die Regierung möchte das vielleicht auch gerne unter den Teppich kehren. Es macht also wohl Sinn, bei der Suche nach den Tätern am Bura-Staudamm die ethnische Dimension im Blick zu halten.

(2) Das gleiche gilt demnach auch für potentielle Allianzpartner und Verbündete. Die Interviewpartner von Evan Choi geben einen interessanten Einblick in eine Struktur, die wir bisher nicht kannten. Wenn es ethnische – oder sagen wir besser: gruppenbezogene – Sonderinteressen gibt, kann uns das vielleicht nutzen. Welche dieser Gruppen – Hausa, Bariba, Fulbe und so weiter – haben Interessen, die mit unseren vereinbar sind? Bedenken Sie, dass wir nach starken Partnern suchen, die uns die Tür nach Dahomey öffnen.

(3) Dann noch eine andere Sache, die wir bisher nur so als Randbedingung betrachtet haben. Sie haben sicher die aktuellen Nachrichten verfolgt und gesehen, dass die Geschäftsführung unter Druck geraten ist. CEO Walters war nach diesem Interview außer sich, wie uns berichtet wurde. Wir hatten gerade ein Meeting mit dem Büro des Generalsekretärs des Policy Boards und ich möchte ihnen kurz zusammenfassen, wie die großen Dinge da oben mit den kleinen hier unten zusammen hängen. AIM steht enorm unter Druck, durch diese unerwartete Androhung einer Seeblockade. Und unsere Kampagne AIM MATTERS ist nun viel komplizierter geworden. Warum? Seit 2068 bemannt AIM alle Kriegsschiffe und Küstenwachen von Dahomey. Im Gegenzug erhalten wir Zugang zu den modernsten Überwasserschiffen der Welt. Diese technologische Überlegenheit war in der Pazifikkrise unser Rückgrat. Diese Flottenkooperation kann AIM auf keinen Fall riskieren. Zudem haben wir mit AIM MATTERS eine Grundsatzentscheidung vorliegen, wonach wir den Markt in Dahomey erobern sollen. Wir wollen da rein und die anderen Sicherheitsdienstleister endlich zur Seite fegen. Vor allem den großen Konkurrenten Mercenary Inc. Das Problem ist nun, dass Dahomeys politische Lage unsere ethischen Unternehmenswerte und Grundsätze extrem strapaziert. Die Geschäftsleitung glaubt, dass wir in eine Zwickmühle geraten sind. Wenn wir Dahomey weiterhin loyal bleiben, riskieren wir unsere Reputation weltweit einzubüßen. Gehen wir in eine kritische Haltung zu Dahomey, droht uns noch mehr Einflussverlust. Wir wollen relevante und absolut loyale Partner sein, aber auch eine wertebezogene Geschäftspolitik verfolgen. Das zusammen sichert uns unseren Marktanteil, zusammen mit der militärischen Schlagkraft und dem technischen Know How.

Nun wurde CEO Walters ziemlich … ich will sagen … bloßgestellt. Die Geschäftsleitung stand wie ein minderer Diener da, der keine Ahnung davon hat, was sein Kunde auf dem Festland eigentlich treibt. Das geht ganz und gar nicht. Daher haben wir gemeinsam mit der Geschäftsleitung entschlossen, ein weiteres, strategisches Ziel in unsere Kampagne mit aufzunehmen. Es lautet: „Aufklärung der tatsächlichen Lage und Hintergründe um die Matrixzensur und den Verdachtsmomenten eines Völkerrechtsbruchs in der Tawani-Region.“. Die Geschäftsleitung braucht so schnell wie möglich eine Entscheidungsgrundlage um abschätzen zu können, ob und wann man zu Dahomey auf Distanz gehen muss. Am besten wären natürlich dokumentierte Beweise. In Lome hält man uns einfach hin. Der Außenminister hat unsere CEO scheinbar mächtig düpiert und abblitzen lassen. Wir brauchen also eine fundierte Beurteilung von Ihnen vor Ort. Was läuft da ab, was versteckt Dahomey und wer hat da die Finger am Abzug? Warum provoziert man die CCMA so dreist und wer oder was erzwingt diese extrem kostspielige Aufrechterhaltung der Zensur?

Wir können es uns nicht erlauben, für einen Schurkenstaat eine Seeblockade zu brechen. Das wäre der worst case. Ein massiver Schaden droht schon ganz unmittelbar, auch ohne faktische Seeblockade, weil AIM nun Farbe bekennen muss. Es ist absolut notwendig, dass unsere Kampagne zeitnah einen Ausweg präsentiert! Antworten und eine unmittelbare, verlässliche Lageeinschätzung müssen her. Sonst kann die Firmenleitung nicht entscheiden, ob es eine Entry- oder Exitstrategie verfolgen will.

Praktisch heist das für uns, Miss Clark wurde als Leiterin der Kampagne von der Geschäftsleitung bestätigt. Damit fängt sie den Druck einigermaßen von uns ab. Sie hat einen kleinen Zusammenbruch nach dem Meeting erlitten, wird aber bald wieder arbeitsfähig sein. Wir dürfen ihr keinen Grund liefern, uns Fehler anzulasten oder angreifbar zu machen. Ich sage das ganz offen. Sie gibt die Leitlinien vor, wir führen aus. Immerhin hat sie wohl eingesehen, dass alles von Ihnen, dem SFG 77 vor Ort, abhängt. Sie wird sich also mit uns arrangieren müssen. Und wir mit ihr.

Es wurde die Frage diskutiert, ob AIM nun massiv Geld und Ressourcen investieren sollte. Ich habe diese Frage eingebracht. Die Antwort war zweigeteilt. Einerseits ist man zurückhaltend AIM MATTERS zum gegenwärtigen Zeitpunkt massiv auszuweiten. Das Bekanntwerden eines intensiven Engagements in einer möglichen Konfliktzone, zumal noch ohne offiziellem Auftrag, wäre ein Desaster! Insofern wünscht man sich schnelle Antworten mit dem was wir gerade vor Ort haben. Andererseits ist absehbar, dass man AIM MATTERS stark ausweiten wird, wenn wir diese wichtigen Antworten und ein robustes Standbein haben. Man will also erst klare Entscheidungsgrundlagen für eine Entry-Strategie. Sie sind und bleiben die Speerspitze!

Mit den Wahlen im Bezirk Tembe haben sie sich eine gute Folgeoperation vorgenommen. Die führt uns ja direkt dort hin, wo derzeit das ganze Problem zu kochen scheint. Die Wahlen finden in dem Gebiet statt, das kürzlich noch von Gewalt gezeichnet war; es gehört zur Grauen Zone und zudem galt bis vor wenigen Tagen eine Ausgangssperre. Obendrein hat Nigeria dort bereits militärische Präsenz gezeigt. Wenn es also Antworten auf unsere drängenden Fragen gibt, dann doch wohl dort!

Seien sie vorsichtig und kommen Sie mit den besten Ergebnissen zurück, die man sich wünschen kann! Ich zähle auf Sie und Sie haben meine volle Unterstützung.

Der Captain scheint gespannt und fast euphorisch. Hier stand wohl einiges auf dem Spiel. Fragte sich nur, für wen genau.