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Seeblockade vor Dahomey

Dies ist ein Exklusivbeitrag aus der Corporate Court Embassy Teheran. Heute, am späten Nachmittag des 09. Oktober 2073, gab die Corporate Court Matrix Authority (CCMA) bekannt, dass man Sanktionen gegen das westafrikanische Dahomey anstrengen werde. Erwartet werden Blockaden ausgewählter Bereiche der Matrix sowie empfindliche Strafzahlungen für eine Verletzung der Zensurregularien des CCMA. Darüber hinaus hat sich aus dem Kreis der Afrikanische Union (AU) eine Allianz von Staaten zusammengefunden, die Dahomey eine Seeblockade angekündigt hat. Wir sprechen nun mit Jacqueline Walters, CEO der Association Internationale des Mercenaires (AIM). Ihr Unternehmen betreibt seit 2069 die maritimen Streitkräfte für Dahomey.

Alana Mourad: Miss Walters, sie haben heute Abend den Außenminister von Dahomey zu einer Anhörung hier in den CC Matrix Towers Teheran begleitet. Was können Sie uns sagen?

Jacqueline Walters: Die CCMA hat deutlich gemacht, dass sie die Einschränkungen des Seehandels an den afrikanischen Küsten nicht unterstützt und Seeblockaden als keine adäquate Reaktion auf Fristversäumnisse in Dahomey einschätzt.

AM: Dieses „Fristversäumnis“, wie sie es nennen, bezieht sich auf einen Verstoß gegen die internationalen Vereinbarungen gegen Matrixzensur. Demnach hat Dahomey nachweislich seit spätestens dem 27. September dieses Jahres in der Region um den Tawani-See, und später auch im ganzen Land, einen sogenannten Matrix Cencorship Host aktiviert. Ein unerhörtes Vorgehen, das streng geahndet wird und die Welt in Empörung versetzt. Immer mehr Hinweise verdichten sich, dass damit staatliche Gewaltakte gegen die Bevölkerung verschleiert werden sollen.

JW: Der Vorwurf der Verletzung von Völkerrecht ist von Seiten Nigerias und unbestätigten Quellen erhoben worden. Eindeutige Beweise liegen nicht vor. Insofern können die „Hinweise“ nicht adäquat eingeordnet werden. AIM steht zu seinen Kunden und geht hier ganz klar von der Unschuldsvermutung aus. Nichtsdestotrotz drängen wir unseren Partner Dahomey zu einer umfangreichen und schnellen Aufklärung der Sachlage um den Tawani-See.

AM: Die Unschuldsvermutung mag zwar ein edler Grundsatz sein, aber warum verweigert sich Dahomey entgegen jeder ersichtlichen Vernunft einer Kooperation und lässt internationale Inspektoren nicht ins Land? Und das in Zeiten kommunaler Wahlen!? Warum wird ohne Sachbgeründung an der Matrixzensur festgehalten? Haben sie dem Außenminister diese Fragen nicht gestellt?

JW: Wir sehen hier als Sicherheitsdienstleister mit klar umgrenzten Ressort davon ab, uns in die Angelegenheiten des Landes einzumischen, bei denen wir keine Verantwortung übertragen bekommen haben. Die innere Sicherheit und der Grenzschutz sind nicht das Aufgabengebiet von AIM in Dahomey. Wir haben derzeit keinerlei Personal auf dem Festland im Einsatz und sind in keinster Weise in die Vorgänge am Tawani-See eingebunden.

AM: Denken sie nicht, dass…

JW: Wofür wir jedoch die volle Verantwortung übernehmen, ist die Sicherheit der Handelsströme entlang der Küstenlinien und in den Häfen Dahomeys. Die maritime Sicherheit betrifft Import- und Exportströme von globalen Ausmaßen und die wirtschaftlichen Interessen weltweit wären betroffen, wollte man eine militärische Isolierung der Seewege von und nach Dahomey ernstlich erwägen. Die Forderung eines Teils der Afrikanischen Union kann daher nur als eine opportunistische Provokation verstanden werden. Insbesondere, wenn man sich die Liste der Mitgliedsstaaten anschaut, die sich dieser Initiative angeschlossen haben. Wir sehen hier einen unverholenen Versuch, die Aktienstärke und die Attraktivität Dahomeys am Weltmarkt mit relativ plumper Methode zu schwächen – zum eigenen, vermeintlichen Wirtschaftsvorteil.

AM: Das heißt also, sie stehen für Dahomey im Falle einer Seeblockade ein, trotz eventueller innenpolitischer Desaster – bis hin zu Greueltaten? Wie können sie das mit dem hohen Anspruch, den ihr Unternehmen vorgibt, vereinbaren?

JW: Es wurden keine Greueltaten nachgewiesen und die Begründung der innenpolitischen – wie ich natürlich gesetehen muss: drastischen – Maßnahmen, stehen noch aus. Ich werde also unsere Partner in Dahomey nicht verurteilen. Vielmehr habe ich dem Außenminister gesagt, dass wir unsere volle Unterstützung anbieten, wenn es eine innenpolitische Lage gibt, derer Dahomey nicht Herr wird…

AM: Das bedeutet letztendlich doch, Miss Walters, dass sie nicht eingebunden sind, in das, was wirklich vorgeht, oder nicht? Sie haben keine Ahnung?

JW: Wie ich sagte, schützen wir den weltweiten Handelsstrom auf dem Seeweg von und zu Dahomey. Dies ist unsere operative Priorität. Wir können nicht in staatliche Angelegenheiten eingreifen, für die wir kein Mandat besitzen…

AM: Vierzehnhundert Verletzte, Miss Walters. Bei einer friedlichen Protestkundgebung vor der Matrix Authority in Moskuwa, benötigten vierzehnhundert Metamenschen ärztliche Hilfe, nachdem sie unter sengender Hitze in einer „Stummen Wacht“ bis in die Bewusstlosigkeit ausgeharrt hatten. Sie forderten eine Stellungnahme ihrer Regierung, doch Parlament und Regierung in Lome schwiegen. Die politische Opposition prangert an und fordert Aufklärung, doch konnte keinerlei demokratische Rechtsmittel zur Anwendung gebracht werden. Wie können sie das mit der Unschuldsvermutung vereinbaren?

JW: Ich habe dem Außenminister unsere Betroffenheit bezüglich dieses Vorfalls zum Ausdruck gebracht. Persönlich hat mich diese „Stumme Wacht“ sehr betroffen gemacht und ich empfinde größtes Mitgefühl für die Betroffenen. Dass der Protest friedlich verlief, dass er in den öffentlichen Medien berichtet wurde und es solide und schnelle, ärztliche Hilfe für alle Betroffenen gab, spricht für mich dafür, dass Dahomey an einer Lösung seiner Probleme arbeitet.

AM: Sie fürchten also nicht einen Rufverlust? AIM als Schutzmacht eines Unrechtstaates? Sehen sie nicht die Gefahr, dass es sich so entwickeln könnte?

JW: Die jüngere Geschichte Dahomeys ist für mich ein sehr starker Beleg dafür, dass dieses Land, ihre Bevökerung und ihre Politik einen Vertrauensvorschuss verdienen. Wir sprechen über eines der fortschrittlichsten und demokratischsten Länder der Welt. Ich bin überzeugt, dass sich diese Krise überwinden lassen wird.

AM: Wo wäre für sie der Punkt, an dem sie sich von Dahomey abwenden würden? Würden sie die Sicherheitsdienstleistungen beenden, wenn es in Dahomey zu Gewaltakten gegen die eigene Bevölkerung gekommen ist?

JW: Auf diese hypothetische Frage werde ich nicht antworten. Wir haben unseren Partnern unsere Hilfe angeboten und stehen loyal in Sachen Handelsfreiheit zur Seite.

Alana Mourad für den Pan-Asian Observer, Corporate Court Embassy Teheran

Was geht vor in Dahomey?

06. Oktober 2073

Dahomey kommt nicht zur Ruhe.

Was vor gut zehn Tagen mit Gerüchten über gewaltsame Auseinandersetzungen am Tawani-See begonnen hatte, entwickelte sich seitdem zu einer ausgewachsenen Krise in dem sonst so vorbildlichen Staat in Westafrika. Miles Kane berichtet direkt aus Moskuwa.

„Trotz Nachrichtensperre und Matrixzensur ist es uns gelungen eine stabile Verbindung zu unseren Zuschauerinnen und Zuschauern in aller Welt aufzubauen. Wir berichten hier unter einer schweren Arbeitsbedingung. Wie lange die Verbindung toleriert wird ist ungewiss. Sicher ist, dass die Berichte von gewaltsamen Übergriffen am Tawani-See nicht abreißen. Augenzeugen wollen Vertreibungen, Flüchtlingszüge und verwaiste Dörfer entlang der Ostseite des Sees gesehen haben. Ganze Familien und Siedlungen hatten sich nach Osten aufgemacht, in die sogenannte „Graue Zone“, einem völkerrechtlich umstrittenen Gebiet zwischen Nigeria und Dahomey.

Mittlerweile wird aber auch von ersten Rückkehrern berichtet, die ihre Häuser wieder beziehen. Mutmaßlich um Plünderungen vorzubeugen oder der kriminellen Gewalt nigerianischer Banden zu entgehen. Berichte von Massenmorden konnten bisher nicht bestätigt werden. Bilder von zahlreichen Leichenfunden wurden durch Nigeria lanciert, eine Überprüfung ist aber auch hier unmöglich.

Klar ist: es treffen zwei harte Gegenpositionen aufeinander. Nigeria führt weiterhin Berichte über Angriffe offizieller Kräfte aus Dahomey gegen Minderheiten in der Grenzregion an sowie eine wohl als gesichert geltende Tötung von Mitarbeitern einer nigerianischen Wahlkampagne. Dahomey beruft sich hingegen auf ein illegales Vordringen nigerianischer Truppen in die eigentlich entmilitarisierte Graue Zone und wirft dem Nachbarstaat gezielte Destabilisierung durch kriminelle Banden vor. Denen sagt man enge Verbindungen zur politischen Elite in Nigeria nach. Dahomey befürchtet hier eine bewusste Gefährdung der anstehenden Wahlen im Seegebiet. Trotz Drängen der Afrikanischen Union und Weltgemeinschaft wurde bisher keine unabhängige Autorität im Krisengebiet zugelassen.

Staatliche Berichterstatter aus Dahomey teilen indes mit, dass man am Tawani-See mehr als einhundert Ermittlungsverfahren eingeleitet hat, um örtliche Gewaltakte zu verfolgen und aufzuklären. Gesucht wird nach kriminellen Gewalttätern, die an den örtlichen Vertreibungen und Plünderung beteiligte gewesen sein sollen. Einblicke in Fahndungsmaterial belegen dies scheinbar.

Jedoch, problematisch ist und bleibt, dass Dahomey an der massiven Matrixzensur festhält. Dafür erntet das Land derzeit schärfste Kritik. Heute wurde bekannt, dass die Corporate Court Matrix Authority (CCMA) bereits am 02. Oktober eine geheime Mahnung und Sanktionsandrohung an Dahomey übermitteln ließ. Darin wird Dahomey bis zum 08. Oktober eine Frist gesetzt, die Matrixzensur aufzuheben, unabhängigen internationalen Beobachtern der CCMA Zugang zu den Datenzentren des Landes zu gewähren und die Aufklärung der Genozidvorwürfe uneingeschränkt zu unterstützen. Andernfalls drohen Dahomey Sanktionen in Form einer Abschaltung von Matrixverbindungen in sensiblen Bereichen aus Wirtschaft, Industrie und öffentlicher Infrastruktur. Ein Vorgehen, das von der Weltmatrixbehörde CCMA seit den Euro Wars nicht mehr durchgesetzt wurde. Aktienkurse von in Dahomey stark engagierten Unternehmen reagierten bereits empfindlich.

Miles Kane aus Moskuwa. Ich gebe zurück ins Studio.“

Clark Clash

Am frühen Morgen des 7. Oktober, gut zwölf Stunden nach dem Ende der Operation Genozid, kam es zu einer ersten Auswertung der Berichte der SFG 77 . Das Treffen fand im hell erleuchteten „AIM Operations Host Virtual Strategic Conference Room“ statt, kurz AOHVSCR. Mike Goodfellow, der den Betrieb dieses virtuellen Besprechungsraumes im wesentlichen zu garantieren hatte, nannte den Ort einfach „Cantina“. Man konnte nämlich als Icon, Trideobild oder leuchtende Audio-Verbindung einfach abhängen und wenn kein Offizier anwesend war, lief für gewöhnlich gute Musik oder sogar ein Blockbuster. Bei dieser Nachbesprechung lief also keine Musik. Und es wäre auch unangebracht gewesen.

Die geamte SFG 77 samt Stab war anwesend gewesen. Das Einsatzteam hatte berichtet. Insbesondere Lieutenant Régicide hatte die Ergebnisse vorgetragen. Jeder gab seinen Teil bei. Captain Uzun hörte sich alles aufmerksam an und gemeinsam betrachtete man einige Aufnahmen: der Panzer im dunklen Wasser, Leuchtspurgeschosse in der Nacht, die Befragung des Gefangenen Johann, wohlhabende Igbo in einem Café am Ostufer des Tawani-Sees, der Elefantenkadaver im Baum. Zunehmend rutsche Deputy Secretary Pria Lakshmi Clark, die Projektleiterin des Policy Boards, in ihrem virtuellen Sessel nervös herum. Sogar an ihrem Icon konnte man erkennen, dass sich mit jeder Minute des Berichts eine Anspannung aufbaute. Das wurde so penetrant, dass Captain Uzun irgendwann Miss Clark direkt fragte, ob sie mit etwas nicht einverstanden sei oder ob es einen anderen Grund gebe, warum sie jedem an der Besprechung den Eindruck vermittelte, am liebsten sofort auszuloggen. Ab diesem Zeitpunkt entgleiste die Besprechung. Clark und Uzun lieferten sich ein Wortgefecht, in dem der Captain das Team hauptsächlich in Schutz nahm und versuchte herauszufinden, warum die Deputy Secretary so aufgebracht und unbeherrscht war. Die anderen waren lediglich Zuschauer bei diesem Wortgefecht der zwei B3er Sicherheitsfreigaben. Man musste sich selbst einen Reim darauf machen.

Clark: „… Weil sie, Captain, einen Hermetiker als Teamleiter eingesetzt haben! Das ist der Grund!“

Uzun: „So meine ich das nicht, Miss Clark. Ich meine, warum sie sich an den arkanen Ausführungen stören!“

Clark: „Weil der Fokus falsch liegt, das ist doch völlig klar. Soll ich mal die Zeit ausmessen, die wir hier über die arkanen Seltsamheiten gesprochen haben? Es ist sicherlich – verstehen sie mich nicht falsch – gut und korrekt wenn man in Dahomey das arkane Treiben fest im Blick hat. Aber mein Eindruck ist hier, erstens, dass sich der Lieutenant viel zu sehr an diesen Stilblüten des Erwachten Afrika festgebissen hat. Ja, da gibt es halt denkende Pflanzen, Feenwesen und Totems. Natürlich, das ist Afrika. Aber ich sehe die Sache so, zweitens nämlich, dass hier eigentlich die Augen und Ohren genau da nicht waren, wo es interessant gewesen wäre. Und jetzt höre ich mir hier Sachen an, die solche Versäumnisse hinter bunten Geschichten verstecken sollen! Mit dem magischen Firlefanz ist mir einfach der falsche Fokus gesetzt worden.“

Uzun: „Ich kann das nicht ganz nachvollziehen, wirklich, Miss Clark. Sie müssen auch bedenken, dass eine Abwesenheit arkaner Kompetenz uns ganz massiv Erkenntnisse vorenthalten hätte.“

Clark: „Ja was denn bitte?! Dass sich Dahomey mit der Erwachten Welt arrangiert hat ist bekannt. Und es ist auch bekannt, dass Politik, Wirtschaft und Sicherheitswesen in den Händen säkularer, profaner Männer und Frauen liegen, nicht bei der ländlichen Priesterschaft oder bei Geistern. Es gibt auch keinen Drachen in Dahomey. – Der Lieutenant hat doch die zentralen Fragen gar nicht konsequent verfolgen lassen, wahrscheinlich nicht einmal erkannt: Die Hinweise auf kriminelle Akteure, diese Leute im Straßencafé, der Gefangene Johann, zum Beispiel. Und dann der Hinweis auf Wahlmanipulation. Das hätten wir wissen sollen, Captain! Da liegt der Fokus und hier sehe ich Versäumnisse. Ich habe schon ganz am Anfang gesagt, dass man nicht den Fehler machen soll, sich von der bunten Vielfalt täuschen zu lassen. Genau wie in Sierra Leone oder Liberia sind es kriminelle Strukturen und politische Interessengruppen, die Ökonomie und Staatsverträge und damit unseren Absatzmarkt dominieren. Der Staudamm ist ein Problem der Wirtschaftserpressung und Elefanten spielen da keine Rolle!“

Die Seputy Secretary rauft sich die Haare.

Uzun: „Sie müssen etwas Geduld haben. Wir erschließen uns einen Zugang, das bedeutet nicht, dass wir alles unreflektiert als wichtig und wahr einstufen. Die Missionsparameter waren schwierig. Das war eine Krisenreaktion mit sportlicher Reaktionszeit. Ich finde ihre kritischen Korrekturen auf die Auswertung des Lieutenant gut und wichtig, aber das ist kein Grund hier und jetzt meine Leute so scharf anzugehen. Sergeant Breslin hat gute, sachliche – und nebenbei ganz profane – Berichte geliefert, ebenso die Einschätzung der militärischen und Sicherheitslage durch Sergeant Svenson und Boucard.“

Dem Captain gelingt es die Deputy Secretary etwas auf den Boden zurück zu holen. Sergeant Somborne, der als Videobild präsent ist, wirkt eingeschüchtert und schweigt. Er scheint die Clark besser zu kennen, als sich einzumischen.

Clark: „Sicher, sicher. Entschuldigen sie. Mir geht es nicht darum jemanden hier anzugreifen oder eine Schuld zuzuweisen. Ich möchte es aber noch einmal deutlich sagen: Der arkane Fokus ist meines Erachtens ein schwieriges Feld, das uns nicht weiterbringt. Außerdem scheint mir hier ein ganz unangemessenes Bild von Dahomey konstruiert zu werden, das gefährlich wird, wenn wir es in Zukunft nicht korrigieren. Dieses ganze Gerede über Konfliktlinien entlang Hausa, Igbo und Bariba ist ausgemachter Blödsinn. Das ist bestenfalls eine mediale Strategie und auch dann nicht wirklich tragfähig. Schlimmstenfalls sind es Lügen die uns in die falsche Richtung zerstreuen. Dahomey ist, und das wurde in hunderten Studien belegt, als eines der wenigen Ländern aus dem Teufelskreis dieser ethnischen Zuschreibungen ausgebrochen – schon vor Jahrzehnten. Der Einheitsgedanke des Landes baut auf kommerziellem, ökonomischem, kulturellem und wissenschaftlichem Erfolg. Die interviewten Menschen in den Videos haben gar keine Ahnung, was der Unterschied zwischen Hausa oder Igbo mal irgendwann war. Das ist bestenfalls eine Frage der Mode. Deswegen ist Ihuma auch nicht ‚in Hausa-Hand‘ gewesen, weil der Modus Operandi der Dahomey-Verwaltung ganz anders gestrickt ist. Ihren Leuten wurden da Geschichten aufgetischt. Das merke ich schon bei der Sprachfrage. Die Priesterin bei den Elefanten zum Beispiel. Haben sie den Goldschmuck gesehen? Die Frau war steinreich. Auch das Äußere, die Kleidung. Denken Sie wirklich, die stottert sich so mit Französisch ab? Französisch ist primäre Verwaltungssprache. Die Alphabetisierungsrate liegt bei 99.8%! Die Leute ‚wollten‘ nicht mit ihnen reden. Es gibt gar keine Erziehungspolitik für lokale Dialektsprachen mehr! Die haben das Team wie Touristen abblitzen lassen, wenn sie mich fragen.“

Uzun scheint etwas ratlos und überrumpelt von dieser Sichtweise.

Uzun: „Em, nun, sehen sie, das ist genau das, was wir brauchen. Also ich unterstreiche nochmal: das ist wichtig, dass wir Aufklärungsdaten prinzipiell in Frage stellen. Das ist Routine bei der Auswertung. Und wir haben mit Breslin einen investigativen Analysten explizit vor Ort sowie mit Specialist Lance und dem CCOM auch Leute im Stab, die hier Überprüfungen der Daten vornehmen.“

Clark: „Ja, sicher. Mir geht es nur darum, dass sie hier nicht blind in die erstbeste Geschichte reinstolpern, die sie fasziniert. Ihre Leute waren zwei Tage im Busch und ich lese hier so manchen Groschenroman aus den Daten und wie sie vorgtragen wurden. Fokussieren sie auf die Dinge, die unsere Zielvariablen wirklich betreffen! Wir sprechen uns dann am besten nochmal zur Neubewertung wenn sie die Ergebnisse neu geordnet haben. So kann ich das erstmal nicht akzeptieren.“

Die Deputy Secretary beendet die Verbindung und lässt das militärische Personal allein im virtuellen Raum zurück. Das Icon in Form des Captain Uzun atmet tief durch und blickt aus den Virtual Host in die digitale Szenerie von Moskuwa.

Uzun: „Nun, also, Lieutenant, Sergeants. Machen sie erstmal weiter und überlassen sie die Abstimmung zum Policy Board mir. Fokussieren sie die Auswertung auf die militärischen, sicherheitsrelevanten und politischen Belange, aber bleiben sie mal offen in der Perspektive. Ich kann diesen, em, Ausbruch der Secretary, sage ich mal, nicht richtig einschätzen. Ich bewerte die Sache jedenfalls als Erfolg und die Ergebnisse als zielführend. Aber wir müssen wachsam sein, dass wir in der Unübersichtlichkeit der Lage nicht ertrinken. Da hat Miss Clark schon recht.“

Nach dem Miss Clark den Chat verlassen hat, schaut alles angespannt Richtung Régicide, welcher während der gesamten Tirade nichts gesagt hat. Ob es wohl nur noch eine Frage der Zeit ist, das man Pria Clarks Hirn verteilt an ihrer Bürowand vorfindet, ein 0.5 inch großes Loch in ihrer Scheibe. Negative und Norge sind nicht beunruhigt. Sie kennen Bazut mittlerweile gut, genug um seine Stimmung einzuschätzen. Er wirkt eher amüsiert, auch wenn das recht überraschend ist. Überrascht sind dann auch alle anderen, als der neue Lt. lächelt und sich an Uzun wendet:
„Cpt. mit ihrer Erlaubnis werde ich die Unsachlichkeit von Mademoiselle Clark einfach ignorieren und mich auf die Fakten beschränken?…Danke!
Die konstruktive Kritik ist nicht von der Hand zu weisen, leider lässt sich das nun nicht mehr ändern, schlimmer noch, es ist in der Retrospektive nur wenig Adaption möglich, außer das man gleich völlig anders an die Sache heran hätte gehen können.
Ich denke das wir mit mehr Intel und Background auch effektiver mit der Situation umgehen lernen.

Dann wendet er sich zum Team:
„Die Bedingungen waren katastrophal, wir sind alle unverletzt und haben viele wichtige Informationen erhalten. Wenn es sonst niemand sagt, ich sage:
Ddas war ein verdammt gutes Stück arbeit, très bon!
Rompez!
Cpt, noch auf ein Wort?

Wenn alle anderen sich ausgeloggt haben, wendet sich Régicide wieder an Uzun:
„Diese Misson war von Anfang an ein Schuss ins Dunkle…und hier kommen wir zur ersten wichtigen Frage. Mademoiselle Clark scheint „Ganz oder gar nicht“ zu bevorzugen. Ist das auch ihrer Meinung? Mit Verlaub, Mademoiselle Clark ist mir nicht weisungsbefugt, nicht die Leiterin dieses Team, Operation oder irgend etwas anderem, sie ist der Intel-Hiwi. Deshalb möchte ich für die nächste Mission eine klare Vorgabe, was ich tun soll oder sich die Firma wünscht. Dem entsprechend werde ich meine nächsten Einsätze planen, aber einen Schuss in die Dunkelheit kommt im Moment für mich nicht mehr in Frage. Ohne Intel, Ausrüstung und Trainingszeit gehe ich mit meinen Team in Zukunft nicht mal mehr Kaffee holen!
Oder wir kriegen weiterhin freie Hand, dann brauche ich so etwas wie eben aber nicht mehr!
Als zweites könnte sie Mademoiselle Clark bitte mitteilen das…aber eigentlich kann ich das auch selber tun, dass ich mehr Hintergrundinformationen zu Land und Leuten brauche. Ich warte auch immer noch auf Sprachchips der lokalen Gruppen…
Letztlich“
An dieser Stelle wird er ernst:
„Teilen sie Mademoiselle Clark mit, das sie nie wieder, ich wiederhole: nie wieder, beleidigende Aussagen über mein Team vor meinem Team tätigen wird! Mir kann sie sagen, was sie will, das ist mein Job. Das Team muss sich so was nicht anhören, das ist ebenfalls mein Job. NIE WIEDER!“
Er entspannt sich:
„Besten Dank für ihrer Unterstützung Cpt., ich warte auf ihr Statusupdate“
Salutiert…und wartet…

Der Captain salutiert:
„Damit wäre das hier dann vorrüber. Wenn wir eine Neubewertung der Lage durch den Stab fertig haben, melden wir uns. Rechnen sie damit, dass das um 1800 am heutigen Tag der Fall sein wird. Dann können sie für sich die nächsten Schritte planen und entscheiden, wo sich für sie vor Ort die besten Fenster öffnen. Das Team soll sich heute im HQ bereit halten für Nachfragen. Uzun Ende und Aus. – AIM true und einen guten Start weiterhin dort in Moskuwa.“

Negatives Ankunft im HQ Moskuwa

Es war der 2. Oktober 2073, ein Tag nach der „offiziellen“ Regruppierung der SFG 77. Die Magnetbahn donnerte mit wahnwitziger Geschwindigkeit in den Hauptbahnhof von Moskuwa ein. Das sanfte Bremsmanöver wollte Negatives Wahrnehmung mit aller Gewalt übertölpeln. Hatte Dahomey schon den Gravitationsgenerator erfunden, oder warum flogen und purzelten die Menschen im Zug nicht übereinander?

Als der schwarze Elf aus dem Zug trat und die Arcology des Stadtzentrums in Richtung der Regionalverbindungen verließ, blies ihm der Mittagswind des heißen Inlandes wie ein Fön in das Gesicht. Das hier war nicht die milde Küstenregion von Lome. Die Thermometer zeigten 43° C im Schatten für das Innenstadtgebiet. Die Luft flimmerte wie ein offenes Fass Benzin auf einem Elektroherd. Sofort explodierte der Schweiss aus allen Pooren. 

Moskuwa, Stadtteil Valley Reach

Im Stadtteil Valley Reach waren die Temperaturverhältnisse etwas erträglicher. Es schien Negative, als gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Grad urbaner Verbauung und der Erträglichkeit am Tage. Als hätte die Sonne einen ganz persönlichen Brass auf die emporstrebenden Zeugen von Dahomeys wirtschaftlicher Macht. Wenn die städtische Zukunft der Sechsten Welt irgendwo in Afrika einen Brückenkopf hatte, dann hier. 

Doch das beschauliche Moskuwa war anders als die gigantischen Metropolen der westlichen Welt. Als Negative aus der Tunnelbahn stieg, befand er sich zuerst auf dem Bodenniveau des Stadtteils. Die „Unterstadt“ war geprägt von einfachen, wenngleich nicht unbedingt ärmlichen, Behausungen. Ein Gewusel von Menschen, die es scheinbar vorzogen bodennah und in Anlehnung an traditionelle, afrikanische Bauweisen zu leben. Die auf Trassen und Plateaus erbaute Oberstadt spendete ein diffuses Spiel von Licht und Schatten, was zusätzlich zu halbwegs erträglichen Temperaturen beitrug.

Nicht unweit des „Hauptquartiers“ der SFG 77 lag die Tunnelbahnstation. Und wie Negative bemerkte, handelte es sich hier auch um eine Art lokales Marktzentrum. Ein Güterzug von der Küstenregion war gerade eben auf einem Abstellgleis eingefahren. Die speziellen Güterwagons öffneten die  weißen und sandfarbenen  Seitenwände wie ein Lamborghini: sie verwandelten sich in schattenspendende „Markisen“ und die Güterwagons damit in mobile Basarstände. Auf einer Länge von gut 100 Meter begann zu beiden Seiten des Zuges ein Handeln, Tauschen und Versteigern unerschiedlichster Waren des täglichen Bedarfs, insbesondere frischer Lebensmittel. Wie Negative feststellen konnte, kursierte hier Papiergeld, das auf Nachfrage nur in den Unterstädten und lokalen Märkten von Dahomey einen Kaufwert besaß. Dabei bestand ein Rückkaufverbot für diese Devise. Man konnte mit einem Credstick relativ leicht an dieses fast antike Papiergeld kommen, doch in umgekehrter Richtung war es scheinbar verboten.

Der Weg zum HQ war fußläufig im fünften Stock eines der fassartigen Büro- und Wohntürme untergebracht. Negative nahm sich Zeit den Weg etwas genauer zu studieren. Man konnte den Wohnturm entweder von der Unterstadt oder von der Oberstadt her betreten. Auf beiden Ebenen war ein Zugang mit einem Fahrzeug möglich. Eine Hebebühne nahm Fahrzeuge auf und zirkelte damit in die Höhe, um die Garagen der Bewohner anzusteuern. Eine Art Hochregallager, was ein verdecktes betreten und verlassen der eigenen Garage vor neugierigen Augen gut verstecken half. Aus jeder Garage führte ein eigener Personenaufgang zu einem Personenliftsystem. Wie genau das funktionierte, war Negative nicht ersichtlich. Das raffinierte System konnte anscheinend jede Mietgarage getrennt ansteuern.

Anstatt direkt zum HQ im fünften Stock zu fahren, entschied sich Negative, zuerst einen Zwischenhalt in Ebene 1 zu machen, einem Lobybereich mit wenigen Geschäften, der seine lichte Fensterfront auf die moderner anmutende Oberstadt öffnete. Einige Bewohner der Unterstadt erholten sich in einem Café von der Hitze des Tages. Unverschwitzte Anzugträger machten hingegen sofort deutlich, wer oben und wer unten lebte. Doch der Umgang war ungezwungen. Egal ob gewickelte Tücher mit Flip-Flops oder Stoffhose mit Manschetten: die Leute hier waren wohl alle irgendwie Teil ihres Viertels. Modisch zur Schau getragene Cyberware oder extravagante Kleidung der Oberschicht war kein Teil dieses Stadtviertels. Solide B-Gegend eben.

Am auffälligsten in der Lobby war ein „Schönheitsstudio“. Das erweckte Negatives Interesse. Scheinbar handelte es sich dabei um ein Modelstudio, das sich als Sprungbrett für Mädchen und Jungs aus dem Stadtteil verstand. Ein Sprungbrett in die schillernde Welt der Mode, Marken, Magazine. Negative konnte einen Blick auf eine Gruppe Mädchen zwischen circa dreizehn und achtzehn Jahren erheischen, die in einem offenen Seminarbereich hinter einer Glasscheibe das Gehen auf dem Laufsteg übten. Eine scheinbar vergnügliche Angelegenheit mit viel Gelächter. Ein Mann mit weiblichen Gesichtszügen blättert am Tresen in einem Fotoalbum. Man kann nicht umhin ihn eingehend studieren zu wollen. Der erste Eindruck von Negative ist: es gibt schöne Metamenschen hier. Und nicht nur Spapiens Sapiens. Ungefähr die Hälfte der Mädchengruppe scheint Elfin oder gar Orkin zu sein. Doch das sind nicht die grobschlächtigen Brecher aus den Warrens in Denver. Diese unvermittelte Schönheit imponiert unversehens. Ob Negative darüber gutmütig staunt oder sich gehässig der Selbstverliebtheit hingibt, weiß nur er allein.

HQ Moskuwa Foyer

Als Lena die Tür zum HQ öffnet, hat es Negative endlich geschafft. Seine Reisetaschen fallen auf den weißen Linoleumboden und Lena begrüßt ihn fröhlich kurzerhand mit einem ebenso weißen Cocktail in der Hand.

„Willkommen Negative! Kommen Sie, ‚Sergeant‘. Hereinspaziert. Das ist ein Kokosnuss-Cocktail mit ohne Alkohol. Ich habe aber auch Rum dar. Jetzt sind wir zu viert. Der ‚Private‘ ist im Büro unseres Bühnenverleihs und Chief Hiller chattet gerade mit einem örtlichen Drohnenverkäufer.“

Negative hat zuerst die Chance, das falsche Büro, die „Front“, zu begutachten. Christoph Fink arbeitet hier scheinbar regulär im Achtstundentag. Schon im Flur stapeln sich Kisten für Bühnenequipment und Kabeltrommeln. Schwer zu sagen, ob dort Scheinwerfer oder ein Mörser drinn sind. Auch wenn alles aufgeräumt und sauber wirkt, kann man aber erkennen, dass eben noch eingezogen wird. Lena ist wohl gerade vor allem damit beschäftigt die Sicherheitstechnik zu verbauen und zu tarnen.

Dann geht es in das lange, offene Großraumbüro und es wird deutlich, wie ausgefeilt die Klimatechnik dieses Gebäudes ist. Wie auch vorher in der Lobby und im Aufzugbereich sind auch die Wände der Wohnung an vielen Stellen großflächig mit Pflanzen bedeckt. Gemeinsam mit versteckten Wasserbestäubern und Luftschächten sorgt die Thermik des Gebäudes für ein angenehmes Klima, fast ohne technische Klimasteuerungen. Markant ist auch ein ganzer Gummibaum, der den Bürobereich zum Teil in eine Gartenlaube verwandelt. Darunter sitzt Hiller. Sie nickt Negative nur knapp zu und spricht weiter mit einem Mann auf dem Trideoschirm vor ihr.

Die sensiblen HQ-Bereiche sind noch nahezu leer. Betten sind sorgsam vorbereitet und warten auf das Team. Die Kettensäge hat noch ein eigenes Regalfach für sich und hinter einem dicken Plastikvorhang wurde der „Chemibaukasten“ säuberlich ausgepackt. Daneben auch elektronische Werkzeugkästen und eine kleine Büchsenmacherwerkstatt. Gut das obere Drittel des Bereitschaftsraums ist faktisch eine Werkstatt. Noch ist sie aufgeräumt, aber Negative wird schnell klar, dass das HQ rasch an die Grenzen kommen wird, wenn ersteinmal die Operation aufgenommen wird.

Nach einer kurzen Erfrischung im Bad und dem Verstauen der persönlichen Habe schleicht es sich langsam in das Bewusstsein: jetzt geht es los. Das hier is die Ruhe vor dem Sturm. Von den zwei Freiterassen (natürlich üppig begrünt) hat man einen wunderbaren Ausblick über den aufziehenden Abend von Moskuwa. Die Stadt beginnt zeitgleich zu erwachen und hebt ein ständiges Murmeln an, das erst im Morgengrauen wieder ersterben wird. Eine Frage kommt dann zuletzt in den Sinn: wohin mit der Urne?

Regruppierung SFG 77

Es zeichnete sich am Horizont ab, dass die SFG 77 nicht tot sein würde. Es war zu still geworden, verdächtig still. Personal wurde bewegt, aber ohne klare Linie, ohne Konzept. So, als wollte man Spuren verwischen und bloß kein Aufsehen erregen. Die Shigeruu, nicht ohne Grund in der jüngsten Vergangenheit in den Blick einiger neugieriger Augen gerückt, wurde nach und nach aufgegeben. Das Personal der SFG 77 bröckelte langsam weg. Zumindestens sah es so aus. Doch die Sache schien Methode gehabt zu haben. Captain Katsuo Uzun erreicht die Teammitglieder an verschiedenen Orten über eine gesicherte Trideo-Verbindung zu einer Konferenzschaltung am 01. Oktober 2073.

„Meine Damen, meine Herren, es tut gut, sie alle wohlauf zu sehen. Sie haben wahrscheinlich gemerkt, dass man sie nicht vergessen hat.“

Der Captain sitzt an einem Arbeitstisch in einem unbekanntem Lageraum. Ein Soldat steht rechts von ihm bis zur Brust im Bild. Wahrscheinlich Kara Lance. Sie legt ein Tablet vor ihm ab und verschwindet wieder aus dem Bild.

„Eigentlich war eine Regruppierung erst für den fünfzehnten geplant, aber nun haben sich die Dinge doch dramatisch beschleunigt. Sie wurden soeben mit ihren Zugangskennungen für den neuen Operations Host freigegeben. Alles was ich brauche, ist eine Bestätigung ihrerseits, dass sie mit an Bord sind. Tja, und worum geht es? ich weiß gar nicht, wo ich am besten Anfangen soll.“

Er rückt die Brille zurück und studiert das Tablet kurz.

„Das Central Command hat die SFG 77 beauftragt in einem neuen Gewand eine strategische Kampagne von AIM in Westafrika zu unterstützen. Es geht darum eine Firmenstrategie des Policy Boards umzusetzen. Wir nennen die Kampagne derzeit ‚AIM matters‘. Es geht kurz gesagt darum, in dem westafrikanischen Land Dahomey endlich Fuß zu fassen und vor Ort eine AIM-Präsenz aufzubauen. Da gibt es faktisch bisher gar nichts von uns – zumindest an Land. Das ist eigentlich eine Kampagne der Regional Division Group 4, Afrika, aus dem Policy Board und der Kundengewinnung im Services Department. Diese Kampagne hat in diesem Sommer aber eine höhere Prioritätsstufe bekommen. Das CCOM hat zugewilligt, eine Special Forces Group verdeckt in Dahomey einzusetzen, um die Tür dort mit etwas mehr Nachdruck aufzumachen, da höfliches anklopfen wohl nicht wirklich half. Die SFG arbeitet also eng mit dem Policy Board in dieser Sache zusammen. – Das strategische Ziel besteht darin, für AIM den Markt zu eröffnen und in Zukunft eine Rolle im Sicherheitswesen von Dahomey zu spielen – ‚AIM matters‘, eben. Etwas konkreter geht es um einen Staudamm in ‚Geiselhaft‘, mit dem Dahomey unseres Wissens nach zurzeit erpresst wird. Die Sache ist aber nicht so einfach wie es sich anhört. Wir brauchen dort unten strategische Partner um das anzugehen; das ist alles ziemlich komplex. An dieser Stelle ist es nicht angemessen, dass ich zu sehr ins Detail gehe. Wir sollen das jedenfalls auf taktischer und strategischer Ebene operativ umsetzen. Und sie, meine Herren, spielen hoffentlich eine Schlüsselrolle dabei!“

Uzun schmunzelt kurz, wird dann aber ernster.

„Seit einigen Wochen gibt es Probleme in Dahomey, das eigentlich als ein sehr stabiles afrikanisches Land gilt. Es kommt zu Gewalt im Norden. Und jetzt, vor zwei Tagen, auch in der Hauptstadt. Dort ist zurzeit Philippe Boucard auch vor Ort. Ich hatte ihn vor einiger Zeit gebeten dort ein wenig die Lage zu beobachten. Ich zeige ihnen die aktuelle Meldung, sie geht natürlich außerhalb von Arfrika eher unter, aber Channel 9 hat etwas darüber gebracht:“


Am 29. September kam es in der westafrikanischen Hafenstadt Lome ebenfalls zu Ausschreitungen im Zuge durchgeführter Regionalwahlen. Für sechs Stunden wurden öffentliche Plätze und Gebäude sowie der Nahverkehr durch scheinbar organisierte und unangemeldete Proteste zum erliegen gebracht. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und der Bevölkerung. Nach den sechs Stunden voller Chaos löste sich alles wie auf Kommando auf und Normalität kehrte wieder ein. Viele Fragezeichen bleiben jedoch zurück.

Mit Lome ist es nun auch die größte Stadt im Zukunftsstaat Dahomey, die von Erschütterungen heimgesucht wird. Erst vorgestern wurde bekannt, dass eine massive Matrixzensur Gewalteskalationen im nördlichen Grenzgebiet zwischen Dahomey und Nigeria vor dem Auge der Öffentlichkeit verborgen hält. Nun überschlagen sich Gerüchte und bruchstückhafte Berichterstattung über zügellose Bandenkriminalität und organisiertes Vorgehen von Milizgruppen zu beiden Seiten des Grenzgebietes. Die Zentralregierung in Dahomey räumt ein, dass es in einigen der nördlichen Bundesstaaten Ausgangssperren gab und eine nigerianische Aggression stattgefunden hat. Nigeria verneint dies jedoch konsequent und spricht davon, dass sich die Bevölkerung im befriedeten Grenzgürtel gegen gezielte Angriffe auf lokale Minderheiten zur Wehr gesetzt hätte. Das nigerianische Militär habe daraufhin aus humanitäten Gründen eingegriffen, um diesem gezielten „Staatsterrorismus“ aus Dahomey entgegenzuwirken und die Bevölkerung zu schützen. – Es ist an dieser Stelle kaum möglich, verlässliche Informationen zu erhalten. Die Weltöffentlichkeit fordert nun mit Nachdruck Transparenz und eine Aufhebung jedweder tatsächlich vorgenommenen Matrixzensur. Eine solche Nachrichtenzensur wäre ein Verstoß gegen geltendes Völkerrecht und könnte weitreichende Folgen haben. – Channel 9, Lome.

Katsuo Uzun rückt sich wieder ins Bild.

„Philippe Boucard hat uns dankenswerter Weise aus Lome direkt mit Informationen versorgt. Er befindet sich derzeit in einem sicheren Hotel und ist uns ja auch zugeschaltet. Besten Dank, Mr. Boucard, für ihre ersten ‚Stiefel am Boden‘. – Nun, das Einsatzgebiet ist jedoch nicht in Lome, sondern in der Nordregion, die in den Nachrichten erwähnt wird. Die Area of Interest erstreckt sich über eine ausgedehnte Region im diffusen Grenzgebiet.

Die SFG 77 wird für diese längerfristige Kampagne auf neue, selbstständigere Füße gestellt werden. Sie erhalten, wenn sie einwilligen, Festanstellungen und einen Rang gemäß der üblichen Struktur in unseren Special Forces Groups. Damit verbunden ist ein regelmäßiges Grundgehalt, Finanzverantwortung und eine Sicherheitsfreigabe. Sonderzahlungen als Zulage zum Grundgehalt sind abhängig von Fortschritten, wie sie das aus bisherigen Missionen kennen. Ihre Arbeitsweise vor Ort können sie weitestgegehend selbst bestimmen. Sie bekommen hierfür eine Kostenstelle und ein Budget. Wie sie es von mir gewohnt sind, arbeite ich flexibel und mit hohem Vertrauen in ihre Kompetenzen. Die Auswahl der Missionsprioritäten und der Einsatzregeln wird dafür maßgeblich auf sie vor Ort übergehen. Zumindest in der Anfangsphase werden sie verdeckt vor Ort sein. Die genaueren Umstände über ihre erste Operationsbasis und die aktuelle Lage erhalten sie bald gesondert. Vorerst möchte ich ihnen erläutern, wie das Team zusammengestellt ist.“

Key Role Person Clearance Fond
77A Detachment Commander CPT Katsuo Uzun B3 CCOM
77R Radio Sergeant SPC Kara Lance B1 CCOM
77L Logistics Sergeant 1SG Jean-Yves Somborne B1 SERV
77E Communications Sergeant CW2 Mike Goodfellow B1 SERV
770A Assistant Detachment Commander 1LT Bazut Morellè B2 SFG 77
77Z Operations Sergeant SSG Philippe Boucard B2 SFG 77
77B Weapons Sergeant SFC Harald Svenson B2 SFG 77
77F Intelligence Sergeant SGT Compton Breslin B2 SFG 77
77LA Assistant Logistics Sergeant WO1 Lena Mason C2 SFG 77
77O Vehicle Operator / Rigger CW3 Collette Hiller C2 SFG 77
77P Administration PFC Christoph Fink C2 SFG 77

„Die Stabsstellen sind nicht vor Ort in Dahomey. Damit meine ich Sergeant Somborne, Specialist Lance und mich – sowie auch Miss Clark, die Kampagnenleiterin aus dem Policy Board. Vor Ort hat Lieutenant Morellè das Kommando. Ob und wann die SFG 77 als geschlossener Kampfverband geführt wird und die militärischen Strukturen den zivilen Tagesablauf ablösen, obliegt seiner Entscheidung.
Gemäß ihren typischen Fähigkeiten wurden ihnen die Rollen für SFG-Sergeants zugeteilt. Sie können diese Rollen aber frei auslegen und sind nicht dadurch gebunden. Da sie alle eine B2-Sichereheitsfreigabe erhalten, können sie Personal mit Freigaben bis zu C2 vor Ort selbst einweisen – oder auch aus dem Dienst nehmen.

Wir haben aufgrund ihrer vergangenen positiven Evaluationen Lena Mason und Christoph Fink aus dem Bereitschaftspool für eine dauerhafte Anstellung gewinnen können. Miss Mason hat bereits das Safe House in der Stadt Moskuwa als Operationsbasis vorbereitet. Christoph Fink übernimmt die Finanzabwicklung und Administration. Chief Hiller wird ihr Fahrzeug-Operator, da Zoé Miller voraussichtlich nicht verfügbar sein wird. Ich hoffe diese Wahl ist für sie akzeptabel. Chief Goodfellow ist derzeit noch als Stabsstelle der SFG 77 im Hauptquartier in Finistère, aber er kümmert sich bereits um die Sicherheit unseres Operations Host von dort aus. Es ist durchaus denkbar, dass er später in die Area of Interest nach Dahomey verlegt wird. Der Vorteil ist, dass Personal, das nicht direkt in Dahomey im Einsatz ist, ihre Kostenstelle nicht belastet. Die Finanzaufstellung und das Budget wird ihnen mitgeteilt, wenn sie einwilligen.

Und dann sehen sie natürlich, dass wir das SFG 77 im Kern verstärkt haben. Sergeant Breslin wird ihnen als neuer Kamerad zugeteilt. Er hat mehrere Jahre Erfahrung bei AIM in Kairo sammeln dürfen und ist ein Ermittler mit Kampferfahrung. Er wird sie vor allem im Bereich der Lageermittlung und nachrichtendienstlichen Angelegenheiten unterstützen. Machen sie sich alsbald bekannt! Wir denken, dass sie sich gut ergänzen werden.“

Der Captain beendet die ausführliche Einführung und schließt ab:

„Als nächstes brauche ich natürlich ersteinmal ihre Zustimmung, um sie für alles weitere an Bord zu holen. Dann heisst es so schnell wie möglich in das Safe House nach Moskuwa einrücken. Lena Mason hat hierzu die Details für sie. Dann werden auf dem Operations Host die vertraulichen Details zur Area of Interest bereit gestellt und sie können sich einen Überblick über die Lage und aktuellen Missionsoptionen machen. Deputy Secretary Clark wird sie beizeiten in die Kampagne „AIM matters“ etwas genauer einweihen. Ein Dossier zur Region können sie bereits einsehen. Logistik und Finanzen erledigen sich nebenher. Specialist Lance und ich sind nach wie vor ihre Ansprechpartner hier im Stab des CCOM. Prinzipiell können sie aber alle Beteiligten über den Internen Chat des Operations Host ansprechen. Das ist soweit alles, was ich ihnen zur speziellen Natur dieser Einsatzverwendung zu sagen habe.“

Mit dem knappen Schluss überlässt er das Wort den anderen im Trideo-Chat und lehnt sich zurück. Die Miene ernst und nachdenklich. Er blickt erneut auf das Tablet und gibt es an Lance mit einem überraschten Kopfschütteln zurück. Scheinbar entwickeln sich die Dinge in Dahomey bereits weiter, während man spricht.

Abschied mit Ehren

Das untere Hangardeck der AIMS Cassiopeia bot einen Ausblick aus der Liftluke, in dem man sich verlieren konnte. Der heiße, rote Feuerball der untergehenden Sonne tauchte den Pazifik in Blut. Ein Abschied mit Ehren.

Angetreten war Captain Katsuo Uzun mit einer Gruppe von Stabsoffizieren und Soldaten der AIMS Cassiopeia. Insgesamt vierzig Personen. Im Gegensatz zur großen, feierlichen Ehrenformation vor einigen Monaten, war die Stimmung diesmal ernster. Der Kreis der Anwesenden war viel kleiner, die Medien waren ausgesperrt. Keine Kameras, keine ausschweifenden Reden und kein lauter Applaus.

Captain Uzun blickte vom Stehpult auf und sprach zu der versammelten Gruppe von Soldaten.

„Für einige von ihnen ist dies der vorerst letzte Sonnenuntergang im Pazifik. Heute Nacht wird sie die Logistik zu ihren Stammeinheiten ausfliegen und auch die AIMS Cassiopeia wird sich nach Westen, der Sonne folgend, in das Südchinesische Meer verabschieden.

Sie alle haben maßgebliche Beiträge zu dem bestimmenden, militärischen und politischen Konflikt der letzten eineinhalb Jahre geleistet. Als Teilnehmer der Pazifikkampagne im Rahmen der Task Force Blue Shark wird ihnen daher vom Central Command die Kampagnen-Auszeichnung für ihre Dienste verliehen.“

Auf ein Nicken hin trat Specialist Lance in weißer Uniform hervor und begann die zwei Reihen der angetretenen Soldaten abzugehen. In jede Handfläche legte sie das Band der Pazifikkampagne, das alle Teilnehmer der Task Force schmücken durfte.

Pacific Campaign 2071-2073

Katsuo Uzun fuhr fort: „Im Namen des Central Command gratuliere ich ihnen allen für ihren hervorragenden Dienst auf der AIMS Cassiopeia, im Rahmen des Special Operations Command, der See- und Luftaufklärung, des Nachrichtendienstes oder der Waffenleitstände. Ihre Zusammenarbeit hat unsere Erfolge erst möglich gemacht.

Darüberhinaus habe ich die Ehre und auch traurige Pflicht, heute zwei weitere Auszeichnungen zu verleihen.

Zum nunmehr zweiten Mal hat sich Operative Bazut Morellè durch persönlichen Einsatz und durch persönliche Opfer an Leib und Leben ausgezeichnet. Im Nahkampf sowie im arkanen Gefecht trug er Verwundungen davon, die Zeugen seines unbeugsamen Siegeswillens sind. Auch schwere Verwundungen konnten seinen Kampfeswillen und sein inneres Feuer nicht ersticken. Hierfür erkennt die Association Monsieur Morellè als Träger der Opfermedaillie zweiten Grades an.“

Die Medaille wurde den Anwesenden von Specialist Lance präsentiert.

Sacrifice Medal II

Mit Blick auf die untergehende Sonne bereitete sich Katsuo Uzun auf die letzte Verleihung vor, die er dann auch mit klaren und sachlichen Worten vollzog.

„Die zweite Verdienstmedaille wird an Sergeant Franklin Milestone heute posthum verliehen. Er empfängt aus unseren Händen die Medaille der Legio Lepidoptera, den Schmetterlingsorden. Er wird verliehen für herausragende Tapferkeit und Furchtlosigkeit unter hohem Risiko des eigenen Lebens und weit jenseits der dienstlichen Pflichten.“

Auch diese seltene Auszeichnung wurde den Anwesenden präsentiert und anschließend auf einen weißen Marmorblock gelegt, auf dem Name, Rang und Lebenszeit von Brick eingraviert worden waren.

Legio Lepidoptera

„Sergeant Milestone ließ sein Leben in den Tiefen des Pazifiks um seinen Kameraden und Freunden eine Rückkehr an die Oberfläche zu ermöglichen – und das Missionsziel zu erreichen. Sie alle kannten den Sergeant. Er war selten zu übersehen auf diesem Schiff! Einige von ihnen gehören zu denen, die ihm viel zu verdanken haben. Er wird heute mit allen militärischen Ehren in den Kreis der verstorbenen Veteranen aufgenommen. Sein Gedenkstein wird in die Grabhalle in Finistère verbracht werden, wo er zur letzten Ruhe einkehrt.

Meine Damen und Herren, lassen sie uns dem Sergeant die letzte Ehre erweisen.“

Der Captain trat neben den Stehpult und wendete sich, wie alle Anwesenden, der weißen Gedenkplatte für Brick zu. Die Sonne verbrannte im Westen den Horizont, begleitet von einer einzelnen Trompete und dem Salut der Kameraden. Dann war die Sonne hinter dem Pazifik erloschen. Bricks Feuer aber, brannte irgendwo weiter, wie einige wussten.

Verleihungsurkunden: Brick, Norge, Negative, Régicide, Wageslave, Zoé

Pazifikkonflikt beendet

Wir berichten life aus Hong Kong. Vor nicht ganz zwei Stunden traten Vertreter aller Parteien im Pazifikkonflikt gemeinsam vor laufende Kameras und haben überraschend einen Durchbruch in den Friedensverhandlungen verkündet. Ab Mitternacht werden alle kriegerischen Handlungen sowie Reisebeschränkungen, Sanktionen und Strafzölle zwischen dem Japanischen Consortium und der Cantonesischen Allianz aufgehoben. Dieser verblüffende Schritt macht seitdem die Runde um die Welt. Die Blockade der Schiffahrtswege am Chinesischen Meer, die großzügigen Flugverbotszonen über den Arcologies der Yutani Corporation und die Ausreisesperre für japanische Konzernangehörige in Beijing wurden bereits aufgehoben. Wir sprachen eben mit Jacqueline Walters, CEO der Association Internationale des Mercenaires, die eine der Konfliktparteien in der Verkündung vertrat.

Perry Anderson (PA): Miss Walters, vielen Dank für die Gelegenheit zu einem exklusiven Gespräch.

Jacqueline Walters (JW): Sehr gerne.

PA: Es ist unglaublich. Vor etwa 18 Monaten hatten wir Gelegenheit anlässlich der Konferenz für Rohstoffhandel im Pazifikraum zu sprechen. Damals haben sie von der Piorität der Friedenssicherung bei Ressourcenkonflikten gesprochen und ihr Unternehmen in den Dienst der Ansprüche Japans gestellt. Haben sie damals geahnt, dass es zu einem militärischen Schlagabtausch diesen Ausmaßes kommen würde?

JW: Die militärische Führung von AIM, der wir viele vorausschauende Manöver und einen kühlen Kopf in diesem Konflikt verdanken, hat mit diesem Szenario kalkuliert. Ich persönlich habe damals nicht an eine solche Eskalation glauben wollen, nein.

PA: War es die Sache wert?

JW: Ich glaube, es wäre viel Leid vermeidbar gewesen, aber die politische und historische Situation hat uns die militärische Eskalation leider nicht erspart.

PA: Hat AIM also in ihrem Anspruch auf Friedenssicherung versagt?

JW: Nein. Wir haben stets die Minimierung von Verlusten verfolgt und unablässlich auf einen raschen Friedensschluss gedrängt. Die Tatsache, dass die Welt heute vom Ende des Pazifikkonflikts überrascht worden ist zeigt ja, dass wir entgegen pessimistischen Prophezeihungen hart und sehr diskret verhandelt haben.

PA: Welche Rolle spielt AIM bei diesem Friedensschluss also?

JW: Wir haben der chinesischen Aggression militärischen Ausgleich entgegengehalten und eine faire Verhandlungsführung ersteinmal sinnvoll und möglich gemacht. Unsere Partner haben uns außerdem in politischen Belangen allzeit konsultiert und wir haben durch unsere spezielle Expertise Schlüsselerfolge gesichert.

PA: Sie sprechen von der Befreiung von Frederic Denton aus chinesischer Gefangenschaft in Kapstadt?

JW: Das war sicherlich ein wichtiger Beitrag, ja. Letztlich war es aber die Beharrlichkeit der Verhandlungen, die uns zum Erfolg brachten.

PA: Können sie etwas mehr dazu sagen, worin der politische Sinneswandel der COC begründet liegt? Ein militärischer Sieg war es ja nicht!

JW: Frederic Denton hat uns mit seinen Zeugenaussagen dabei geholfen, die Sorgen der kantonesischen Partner besser zu verstehen. Das indonesische Außenministerium hat daraufhin einen klugen und fairen 5-Jahresplan vorgelegt, der es allen Pazifikstaaten erlaubt, von den Entdeckungen und Forschungserträgen der Yutani Corporation zu profitieren. Der Corporate Court hat ja angemahnt, dass ein globaler Interessenausgleich in Bezug auf natürliche Ressourcen wichtig ist, man dabei das Vorrecht der Entdeckung, des Patents und der Urheberschaft nicht ignorieren darf. Und das liegt bei der Yutani Corporation. Daher hat auch deren Politikwandel und die damit einhergehende Öffnung des Zugangs zu Etusan III und dessen Forschungserträgen dazu beigetragen, dass die COC neues Vertrauen schöpfen konnte. Uns alle eint letztlich der Wunsch nach Wachstum, Frieden und eine gemeinsam gestaltete Zukunft. Schlussendlich sind wir daher auch zuversichtlich, dass der Corporate Court der regionalen Unternehmensvereinbarungen nach Vorlage Indonesiens zustimmen wird.

PA: Wie wird es für AIM nun weitergehen?

JW: Wir haben ausgeharrt, an die Diplomatie geglaubt, militärisch entschlossen reagiert und auch Verluste erlitten. Wir werden unsere Bewegungen im Pazifikraum nun mit den chinesischen Partnern abstimmen und die Mobilisierung zurückfahren. Das gilt insbesondere für Mikronesien und Avar, für die AIM maßgeblich die militärische Logistik verwaltet hat. Die Task Force Blue Shark wird voraussichtlich im Juli aufgelöst werden.

PA: Sie machen also ernst mit dem Frieden.

JW: Selbstverständlich. Im weiteren Verlauf haben wir mit der Yutani Corporation vereinbart, dass wir die Anlagensicherheit für Etusan III weltweit prüfen und in Zukunft nach unseren Kapazitäten übernehmen werden. Das betrifft alle klassischen Servicebereiche: Betriebssicherheit, Sabotage- und Spionageabwehr sowie Arbeitsschutz.

PA: Eine Art Belohnung für gute Dienste?

JW: Eher nüchterne Sachgründe und ganzheitliches Denken. Im Zuge des Pazifikkonflikts hat AIM sich intensiv mit Etusan III, dessen Risiken und den Herausforderungen eines angemessenen Risikomanagements beschäftigen müssen. Zentrale Anlagen wurden durch unser Personal besichtigt und auf Sicherheitsdefizite hin untersucht. Wir wollen das sehr gute Vertrauensverhältnis zwischen AIM und der Yutani Corporation auch in Zukunft ausbauen.

PA: Ich verstehe. Es ist wohl nachvollziehbar, dass die Pazifikkrise zusammengeschweißt hat. Man wird abwarten müssen, ob es bei der Yutani Corporation weiterhin bei einer stabilen und konsistenten Politik bleibt, immerhin steht mit der jungen Miss Yutani Veränderung ins Haus. – Viele internationale Unternehmen werden AIM nach dieser schlagkräftigen Zurschaustellung militärischer Gewalt in den nächsten Monaten sehr genau beobachten. Wo wendet sich AIM, wo wenden sie sich als nächstes hin? Wird dort dann der nächste Brand ausbrechen?

JW: (lacht) Meine Dienstreisen sind zu 99% Vorboten von Friedensbemühungen und Rechtsschutz. Ich denke nicht, dass man aus meinem Arbeitskalender auf globale Krisen schließen sollte, nein. Der Pazifikkonflikt war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme. Das Regelgeschäft von AIM findet weltweit, jeden einzelnen Tag statt. Jenseits der schillernden Schiffe der AIM Flotte tragen tausende von Metamenschen den Schmetterling mit Stolz auf der Arbeit in Büros, Fabriken und öffentlichen Einrichtungen. Sie gehören ebenso zum Rückgrat unseres Unternehmens.

PA: Dann bedanke ich mich für das interessante Gespräch und ihre wertvolle Zeit. Ich wünsche ihnen viel Erfolg bei der Abwicklung des anbrechenden Friedens im Pazifik.

JW: Ich danke ihnen sehr herzlich. Danke.

Washington Post, 07. April 2073

NTS News 01’2073

Unruhe am Kap

Zwei Wochen nach den Vorfällen in der Stadt am Horn sind die Unruhen noch nicht beendet, eher im Gegenteil. Strom und Netz sind schon seit einer Woche wieder restauriert, doch die Unzufriedenheit steigt. Aus einem Kataklysmus der alle getroffen hat, wurde schnell einer der die Unterschicht trifft. In Südafrika bedeute das aber sofort das es die Nicht-Weißen trifft und schon hebt das alte Monster der Apartheid wider seinen hässlichen Kopf.
Protestiert wird auf allen Ebenen. Im Parlament, im Stadtrat, in Bürgerversammlungen und auf der Straße. Und dort kam es schon mehrfach zu Ausschreitungen. Die Polizei bekam eine harte Linie vorgegeben, so das einige der Situation die als friedlicher Protests begannen schließlich eskalierten. Scheinbar gibt es auf Seiten der Protestanten gewaltbereite Elemente, es gibt Aufnahmen von Demonstranten die Steine, Brandsätze und an einer Stelle sogar Handgranaten gegen die Polizei einsetzten. Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht, viel hoffen auf die Rückkehr der gefiederten Schlange, zuversichtlich das sie zumindest die innere Ordnung, wenn schon nicht die Einigkeit wieder herstellen wird.
Aus den Reihen der Politik sind aber auch andere Stimmen zu vernehmen und das nicht nur aus Süd-Afrika. Hier wird das Rücksichts- und Verantwortungslose verhalten von Mujajis angeprangert. Sie sei schuld an den Ereignissen und würde es nun anderen überlassen den angerichteten Schaden wieder in Ordnung zu bringen.

 

Die Sondersendung Wyrmtalk hat für allgemeines Aussehen gesorgt. Wärend die eigendliche Diskussion, bezüglich des Konfliktes im Pazifik einen vorraussehbaren Verlauf genommen hat, Gastgeber wie Gäste haben die Weltgemeinschaft daran erinnert welche verherende Folgen ein Ressourcenkrieg hat und haben eindrucksfoll dargestellt wie es schon jetzt die Weltwirtschaft und das Leben von Millonen Negative beeinflusst. Nein, es waren Anfang und Ende die die Menschen beeindruckt und erschüttert haben und nun das Netz glühen lassen.
Wie gewohnt began die Show mit einem Diamonolog, in dem das Publikum nur den einen Teil des Gespräches hört. An statt als Dolmetscher zu fungieren ist Timmos der Gesprächspartner von Dunkelzahn und vermittelt durch seine Antworten und Fragen den ungehörten Teil der Koversation. Dunkelzahn untestreicht diese durch kleine magische Bilder und seine antrainiert menschliche Mimik.
In diesem

Da Drachen nicht in herkömmlichen Sinn sprechen können, sondern Telepathisch kommunizieren und dazu auch noch anders Denken als Saphiens, benutzen Drachen die sich öffentlich Mitteilen einen Dolmetscher, eine Beziehung die ein enges Vertrauensverhältnis voraussetzt. John Timmons & Dunkelzahn sind seit über 15 Jahren ein Team. Drüber hinaus ist Dunkelzahn, mehr als alle anderen seiner Art, in der Lage, menschliche Mimik und Geräusche nachzuahmen. Ein leißes, rumpelndes Lachen oder ein sarkastisches Schnauben. Ikonisch ist jedoch sein, während seiner Präsidentschaft weltberühmt gewordenes, “optimistisches Augenzwingern an die Nation“

Gespräch ging es um Verantwortung, Timmons addresiert die Vorwürfe welche sich gegen Mujaji richten. Was alles geschen sei und das es ihre Schuld ist und natürlich die große Frage Warum? Nach den zehnminütigen Gespräch hat die selbsgerechte Politikelite der Welt einen kräftigen Dämpfer erhalten. Ohne Mujaji wäre die Situation schon lange Eskaliert, wieder einmal hat man bewisen das man unwillig ist aus vergangen Ereigissen zu lernen, die Augen vor der Wirklichkeit verschließt und an einem Status Quo festhält der schon vor dem Erwachen nicht mehr zeitgemäss war. In leitenden Positionen in Südafrika gibt es 6% Erwachte, Zauber eingeschossen und keinen einzigen Nicht-Mensch. Das spiegelt die Demograhie des Landes nicht mal Ansatzweise wieder. Afrika als Kontinent hat die meisten NHSS (Non-Human Sentinent Species) pro Einwohnerzahl, genau so wie erwachte Zaubere & Metamenschen. Wenn sich das nicht in den Entscheidungsgremin wiederspiegt, wäre man selber daran Schuld. Auf die Frage was Mujaji gerade tun würde:
“Was meinst du damit, du weißt es auch nicht?!
Du bist dir sicher das sie sinnvoll Okupiert ist?
…und wohl auch die einzige Antwort die wir kriegen würden, selbst wenn du es wüsstest!“

Noch eindringlicher war jedoch die Abschlussrede in der sich Dunkelzahn, über Timmons, direkt an sein Zuhörer wendet:
“Ich habe was ich nun sage schon vielfach gesagt, ich sage es jetzt noch mal mit Donner! Bitte stellen sie sich vor wie es ist wenn es in der Entfehrnung donnert. Wir alle, auch Ich und die Meinen reagieren auf den Klang des Donners. Es ist Instinkt!
Wenn wir klug sind, hören wir den Donner und treffen Vorbereitungen. Gewitter oder Orkan, man muss ganz unterschiedlich reagieren.
Wer nicht auf den Donner hört, der erleidet Schaden, manchmal hat man auch Glück. Doch auch wer ihn hört muss Abschätzen was auf ihn zu kommt. Wenn sich heraus stellt das der Donner das herranrollen eines Tsunami ist, hilft es nichts das man die Fenster fest geschlossen hat. Erkenntnis kommt of zu spät, der Spielraum für das Glück ist klein“
Der Drache nimmt einmal tief Athem:
“Die Welt donnert! Das Erwachen, die Goblinisierung, Dali, Etusan, Große Wander, Ilam,  Mujajis aufbruch…mehr wird folgen…
Hört auf den Donner!“

 

Timmons entspannt sich und fügt in seiner eigenen Stimme hinzu:
“Verehrte Sentienc, wir wünschen ihnen eine erfolgreiche und sichere Reise“

Urban Brawl

Die Fans der Denver Dudes schauen auf eine lange Durststrecke zurück. Früher eine der erfolgreichsten Urban Brawl Mannschaften sorgten Skandale und Missmanagement für den Fall der großen Dudes. Nun hat es Versprechungen gegeben, ein neues Management und eine kräftige Finanzspritze des Hauptsponsors DUDE Industries. Schließlich kehrte Tyler “T“ Lomkostin, “the most dangerous Elf alive“ nach 8 Jahren Hiatus, als Trainer zu seiner Mannschaft zurück. Und nun? Nach eine eher enttäuschenden Saisonanfang holten Denver letzte Woche einen knappen Sieg gegen Detroit und beendet einen 12 Games Losing Streak. Gestern aber wurde der Traum des Rekordmeisters Anaheim, in dieser Saison ohne Niederlage zu spielen, zerschlagen. Die Assasin halten den Urban Cup nun seit vier Jahren in Folge und waren bisher Ungeschlagen. Doch Denver wendete das Blatt so radikal wie niemals zuvor. Die Dudes vernichteten die bewährte Aufstellungen der Assassins und machten ein Spiel welches auf Taktik und Punkten basiert und weniger auf hartem Kampf. Assassins Leader Mick McKay zeigt sich beeindruckt aber nicht beunruhigt.
“Niemand besiegt uns in unserem Spiel! Wir haben den Fehler gemacht, zu glauben das alle Gegner unser Spiel mitspielen. Heute hat Denver gezeigt warum sie mal zu den Größten diese Sports gehört haben. Denver ist zurück, jetzt wird die Sache interessant. Dem Rest da da drausen sagen ich, zieht euch warm an, Denver sage ich, wir sehen uns beim Super Brawl.

NTNU Kidnapping

Seit Wochen ranken sich die Gerüchte um das Kidnapping der Tochter einer Professorin der NTNU, gefolgt von einer spektakulären und erfolgreichen Rettungsaktion. Die gesamte Lage stand unter strengster Geheimhaltung, die Ermittlungen laufen noch immer auf Hochtouren. Doch heute veröffentlicht die Polizei zum ersten Mal Einzelheiten zu diesem brisanten Fall, welche die Wichtigkeit der Untersuchungen überdeutlich werden lassen. Zum einen handelt es sich bei den Opfern um niemand anderen als um die Tochter von Sigrid Johansdottier, der bekannten Druidin und arkanen Wissenschaftlerin. Ebenso scheinen die Kidnapper in direktem Zusammenhang mit den Bioterrorist welche den Anschlag auf das Aker Brygge Shoppingcenter in Oslo verübt haben, zu stehen. Da es sich um einen Fall von nationalem Interesse handelt, welcher auch internationale Schritte nach sich ziehen werden, bleiben die Einzelheiten zum Kidnapping und der Rettungsaktion weiterhin verschlossen. Auch Prof. Johannsdottier, äußerte sich zu den Umständen nicht. Gleichzeitig mit der Veröffentlichung der Polizei, gab die NTNU einen Pressekonferenz in der zunächst der Präsident der Universität und schließlich auch Frau Professor eine Statement ablegten. Während der Präsident eine allgemeine Erklärung verlas, begab sich Johannsdottier auf einen unerwarteten Pfad:

„Meine Damen und Herren
Ich wende mich heute an sie um so die Möglichkeit zu nutzen, denen zu Danken die alles gewagt haben um das zu beschützen was mir das wichtigste ist. Ihren Name werden unbekannt bleiben, weitere namenlose Helden die sich in unzählige Helden die vor ihnen gekommen sind einreihen. Diesmal aber soll die Geschichte so nicht enden.
Durch den selbstlosen Einsatz tapfere Männer und Frauen sind weder mir noch meiner Tochter körperlicher Schaden zugefügt worden, ebenso hat mein Arbeitgeber, in weiser Voraussicht, die nötigen Maßnahmen getroffen uns gegen solche Vorfälle abzusichern, wenigsten monetär. Unsere seelischen Wunden zu heilen ist aber keine Frage des Geldes, sonder unseres eingen Taten, wie wir beschließen in die Zukunft zu blicken und diese nach unseren besten Kräften zu formen.
Wir müssen zurück geben, zurück an die Gemeinschaft der Menschen die bereit sind sich zwischen uns und die Gefahr zu werfen. Die meisten von uns schlafen nur deshalb ruhig, weil kompetente und entschlossene Sapiens bereit stehen in unserem Namen Gewalt anzuwenden. Doch manchmal bleiben sie davon nicht unbeschadet.
Die Gefahren der erwachten Welt verlangt es, dass der Einzeln über das menschliche Hinauswächst, was wir durch Cybernetik erreichen. Doch diese ist nicht ohne Nebenwirkungen. Seit einigen Jahren gibt es an der Universitätsklinik der NTNU einen Abteilung die sich mit cybernetischen Spätfolgen beschäftigt. Mit dem Geld der Versicherung und im Zusammenarbeit mit mehreren anderen Spendern gebe ich die Gründung einer Stiftung bekannt, die eine Versorgung von Soldaten pro Bono ermöglichen soll. Es ist eine Schande, aber traurige Wirklichkeit das es Fälle gibt in denen eine Versorgung nicht gewährleistet ist oder das aus dem Dienst entlassene Soldat erst Jahre später die Nebenwirkungen spürt und dann mit dem Problem alleine sind. Diese Stiftung soll einen Schritt sein diese Misstände zu bekämpfen und darauf aufmerksam machen. Der Name der Stiftung wird zu ihrer Gründung bekannt gegeben und hoffentlich im nächsten Jahr ihrer Arbeit aufnehmen.“

Kantinengespräch

AIMS Juno, Freie Kantine

Die Freie Kantine auf der AIMS Juno, der einzige Ort des Schiffes, an dem sich zu Friedenszeiten die Besatzung frei von Rang und Position begegnen kann, um gemeinsam dem schweren, und oft auch eintönigen, Dienst zu entfliehen. Trideos, runde Gruppentische, eine ordentliche Bar, das alles wurde traditionell von der Crew der Maschinenbediener mit einer geopferten Freischicht betrieben und am Laufen gehalten. Schummrig genug, um den grellen Neonlichtern der Arbeitsbereiche zu entfliehen. Hell genug, um nicht den Eindruck von Gefechtsbeleuchtung zu erwecken. Und vor allem: bunt.

Captain Uzun ließ, wie üblich, seine weiße Dienstmütze am Eingang zur Freien Kantine zrück, als er drei Tage nach Operation Ancient Mariner endlich eine kleine Auszeit nehmen konnte. Männer und Frauen unter seinem Kommando hatten allerdings noch hektischere Tage und Wochen hinter sich als ihr Captain.

Die Besatzung der Juno schielte dem jungen Captain über ihren Bier- und Cockailgläsern hinterher. Auf seiner Navy-Uniform prangte das goldene Abzeichen des Special Operations Command. Es war nicht verborgen geblieben, dass eine verdeckte Operation stattgefunden hatte. Captain Uzun nickte einigen bekannten Gesichtern mit einem müden Lächeln zu und setzte sich mit seinem gesalzenen Gin an einen leeren Tisch.

Zoé war auch in der Kantine. Natürlich überwiegend unbemerkt. Auch von Captain Uzun. Sie erwog für einen Moment, sich an den Tisch des Captains zu setzen. Irgendetwas sagte ihr, dass er Gesellschaft nicht abgeneigt war. Doch bevor sie sich entschließen konnte, kam ihr jemand zuvor. So konnte Zoé, mehr oder weniger freiwillig, das folgende Gespräch mithören, das sie später auch den Kameraden berichten würde.

CPT Katsuo Uzun

SPC Kara Lance

 „Captain, schön sie hier zu sehen.“

Uzun sah auf, rückte die Brille zurecht und lächelte matt: „Specialist Lance. Wie ich sehe, ohne Datentableau sondern mit einem russischen Starkbier.“

„Darf ich?“

„Sicher, bitte. Setzen sie sich frei.“

„Danke, Sir.“

Die heute gar nicht mehr so jung erscheinende Blondine setzte sich. Und das fiehl ihr gar nicht so leicht. Ihre Bewegungsfreiheit am rechten Oberschenkel oder der rechten Hüfte war sehr eingeschränkt. Fast wirkte es, als habe sie ein steifes Hüftgelenk. Beim gehen oder stehen blieb es jedoch unbemerkt. Ihr Umgang damit war routiniert. Es plagte sie wohl nicht erst seit vorgestern. Als sie saß, blickte sie sich ein wenig in der Lounge um, dann beäugte sie ihren Captain genauer. Der starrte auf einen Trideo mit Sportnachrichten aus dem Kaukasus, sichtlich gedankenverloren.

„Waren ein paar harte Tage, “ sprach Lance und warf vorsichtig einen Köder ins Wasser. Der Captain riss sich los vom Trideo und gab sich einen Ruck zur Konversation.

„Für manche mehr, für manche weniger. Sie haben wieder gute Arbeit geleistet, Specialist. Sie haben mir den Kopf vom Kleinkram freigehalten, bei dieser ganzen Hau-Ruck-Operation. Wie immer.“ Ein herzlicheres Lächeln von ihm folgte, wenn auch nur kurz.

„Danke Sir,“ Lance rutschte etwas legerer in den Sessel hinein und trank recht zwanglos am Starkbier. Scheinbar hatte sie deutlich weniger Probleme formlos zu sprechen als der Captain. Das machte ihm aber offenbar nichts aus.

„Da lässt sie was nicht los, hm? Oder sind sie schon bei Operation Follow-Up?“, falls Lance damit auflockern wollte, gelang es ihr nicht wirklich.

„Es ist diese Helena, Lance,“ ein tiefes Durchatmen von Uzun, „ich kriege sie nicht aus dem Kopf. Ich glaube, das war der größte Fehler, den ich jemals in meiner Dienstzeit gemacht habe.“

Lance starrte ihn einen Moment an. Dann begriff sie, dass das vielleicht ernster war, als sie zuerst gedacht hatte. „Die Freundin von der Zielperson?“

„Ja.“

„Sie war ein drastischer Risikoposten, vielleicht noch mehr als die gesamte P-Gruppe,“ gab Lance zu bedenken.

„Nicht nachdem wir die Zielperson einfach so zurückgelassen haben. Das macht den Vermisstenstatus der Frau so sinnlos. Nicht nur ein Verbrechen, sondern auch sinnlos.“

„Warum haben sie den Befehl dann gegeben?“

Captain Uzun schwenkte den Gin abwesend und horchte tief in sich hinein bevor er antwortete.

„Man kann einer Einsatzgruppe nicht alles aufbüren. Meine Einschätzung war, dass die Gefahrenabwehr und Sicherheit der Mission diesen Schritt nötig machen würde. Und ich denke, der Sergeant wäre auch zu dem Schluss gekommen. Schließlich verlange ich vom Team, dass sie Entscheidungen zu treffen bereit sind. … Deshalb wollte ich das auf meine Rechnung nehmen. Aber jetzt… Wenn ich die Uhr zurück drehen könnte, würde ich es tun.“

„Denken sie, es gibt ein Disziplinarverfahren?“

Captain Uzun schüttelte den Kopf und sprach weiter: „Die Sache ist zu groß, der Tod zu unbedeutend, die Umstände zu dunkel.“

Lance schnaubte kurz mit einem halben Grinsen: „Hrm, willkommen in einer Welt aus Scheiße.“

„Gott, ja. Ich komm schon damit klar, Lance. Kommt gerade nur,… hart rein.“

„Das Team hat den Befehl doch ohne zu zögern ausgeführt. Haben sie nicht selbst gesagt, mit Operative Z gibt es ein gutes Korrektiv im Team? Und mit Operative R eine professionelle Meinung mit Offizierserfahrung vor Ort?“

„In einer Führungsposition können sie den Ball nicht einfach so zurückspielen, Lance. Die Operative ist nicht mehr die, die sie bei Knock and Talk oder davor war. Wir verlangen Anpassung und Engagement, das weit über das übliche hinaus geht. Auch für militärisches Personal und erst recht für halb-ziviles. – Egal, es ändert nichts. Eine Fehlentscheidung, mit der ich klarkommen muss. Und je schwerer es mir fällt, desto leichter fällt es hoffenlich dem Team.“

„Ich glaube, die Sache ist es wert gewesen, Sir. Ich habe keinen Zweifel an ihrer Führungskraft.“

Captain Uzun nickte knapp.

„Wie geht es jetzt weiter, Captain?“

„Drei Einsatzkräfte begleiten mich nach Tokio. Operative R wird die Adjutanz von der Landevorbereitung in Kiruna wieder aufnehmen. Das ist sehr gut. Ich nehme an, das Central Command wird mich weiter als Liaison für den Kunden behalten wollen. Was immer passiert, es muss in das Pazifikszenario eingepasst werden. Wir können ja nicht alles auf einen Joker setzen, den wir gezogen haben. Die Japanische Allianz braucht Reaktionspläne für alle möglichen Ausgänge. Das muss mit CCOM und den Partnern entwickelt werden. Ich möchte, dass sie, Lance, sich soweit möglich den Schreibtisch frei halten für taktische Planung und nachrichtendienstliche Verwertung, sobald wir wissen wohin wir uns entwickeln wollen. Patrickson habe ich zugesagt, dass wir die zehnte AEF nicht außen vor lassen wenn es heiß wird. Sobald wir die Freigabe für einen Planungsstab für den Folgeeinsatz der SFG 77 haben, richten sie die Einsatzzentrale auf der Cassiopeia ein. In meiner Stellvertretung, wenn ich noch in Tokio gebunden sein sollte.“

„Danke Sir. Selbstverständlich. Was ist eigentlich mit Operative N?“

„Unklar. Diese Simsense-Technologie ist ein Teufelszeug. Wir können froh sein, dass wir Operative Z nicht in diesem nicht genehmigten ‚Brain Dive‘ verloren haben. Ich hoffe mal, Operative N landet schneller wieder auf den Füßen als sie. Auf seine Kompetenz können wir nur schwer verzichten. Das haben wir gerade eben wieder erlebt. Elektronische Kriegsführung und intime Kenntnisse von Sicherheitstechnik hätte noch weitere Optionen eröffnet.“

„Und der Corporal?“

Uzun seufzte und hob die Augenbrauen: „Sankta Dominga.“

„Die Fake-Inseln für Superreiche?“

Der Captain schwenkt das Glas zu einer leeren Geste: „Manche brauchen einen Psychiater, andere eine Mini-Bar. Wie er seinen Urlaub nimmt, geht mich nichts an, solange er die Einsatzbereitschaft erhält.“

Lance schüttelt mit einem fetten Grinsen den Kopf: „Sankta Dominga. Die geleckten Sternchen werden ja jubeln, wenn er sein Handtuch am Strand ausrollt.“

Der Captain brachte nur ein schwaches Nicken zustande.

Das Ende von Kimono

Am frühen Morgen des 22. Februar 2073 war die SFG 77 in einen leeren Lear-Cessna Platinum gestiegen und hatte den Weg ins Unbekannte angetreten. Captain Uzun hatte das Nachsehen, als sich die geschickt inszenierte Scharade der Miru erfüllte. Kappa YC war das Ziel gewesen. Dort entfaltete sich die geheime Bestimmung von Operation Kimono und endete in der Zusammenführung der drei Geschwister – Miru, Kiru, Asiru – zur neuen, alten Tochter Yutani.

Die Gegenleistung dafür, benutzt worden zu sein, bestand im Wesentlichen aus geschenkter Zeit und Selbstbestimmung darüber. Hatte Miru alles daran gesetzt, nichts dem Zufall zu überlassen und als „Hand Gottes“ die Weichen zu stellen, dann war man auf dem Suborbital nun plötzlich mit dem genauen Gegenteil konfrontiert. Alle Möglichkeiten schienen offen zu stehen. Man entschied sich für Beijing, um dort Atra Khalipour zu suchen – und letztlich zu finden. Zwar standen zuerst Bricks und Régicides Schicksale im Vordergrund, doch alsbald nahm Beijing auch die anderen in die Umarmung. Spätestens die Bergung der Gallerie des Feuers ließ erahnen, dass die Bande zwischen den Mitgliedern der SFG 77 mittlerweile über einen gemeinsamen Arbeitgeber hinaus gingen.

Um die von Miru inszenierte Scharade zur Deckung weiter zu nutzen, brachte das SFG 77 den altbekannten Frederic Denton als möglichen Verhandlungspartner für Operation Kimono ins Spiel. Daisuke Hiku, der Customer Agent der Yutani Corporation, verantwortlich für die Position seines Konzerns im Pazifikkonflikt, nahm die Anregung dankend auf. Inwieweit dies mit Billigung und Wissen von Miru (oder ihrer neuen Gestalt) geschah, blieb unklar.

In Kapstadt stellte sich letztlich heraus, dass Frederic Denton eine gute Wahl gewesen war. Allerdings waren die Umstände schwierig. Es brauchte gehörigen Druck, gute Angebote und vor allem eine Gruppe fähiger Unterhändler, die alle am gleichen Strang zogen. Insbesondere durch die loyale Unterstützung durch die SFG 77 wurde letzteres erreicht. Frederic Denton und seine Kinder konnten gerettet werden. Sein Geständnis zeigte, dass sich die Beharrlichkeit und die gute Erinnerung an die Hintergründe von Operation Whiplash gelohnt hatten. Die kantonesischen Angreifer hatten diesen komplexen Schachzug verloren. Operation Kimono konnte endlich enden.


In Tokio wartete ein lang ersehntes Wiedersehen, als die SFG 77 am 08. März 2073 – nach 15 Tagen ohne Lebenszeichen – wieder aus den Schatten auftauchte. Captain Uzun hatte bereits einen Graben in die Korridore der AIMS Cassiopeia getigert, wo sich die Operationsleitung für Operation Kimono befunden hatte. Und wieder ging die SFG 77 in die Geschichte von AIM ein: noch nie hatte eine Sondereinsatzgruppe eine Mission mit so wenig Stabsunterstützung absolviert. Im Customer Office der Yutani Corporation in Tokio kam es zu den Nachbesprechungen, die in enger Abstimmungen mit den Unterhändlern und Daisuke Hiku stattfinden sollten.

„Meine Herren, Miss Miller, sie können sich vorstellen, wie glücklich das CCOM und ich waren, als wir von einer erfolgreichen Beendigung von Operation Kimono gehört haben. Das waren wahrscheinlich die längsten zwei Wochen meiner Dienstzeit. Es fällt schwer, gute Leute sich selbst überlassen zu müssen. – Wie mir Daisuke Hiku eben berichtet hat, haben die drei Unterhändler dem Japanischen Consortium berichtet. Es ist noch nicht entschieden, wie viel von den Ergebnissen wir erfahren werden. Aber eines ist schonmal sicher: Frederic Denton war ein Volltreffer. Es gibt bereits Rahmenpläne für eine Folgemission, die der unmittelbaren Gefahrenabwehr dienen wird. Ich denke ich kann soviel sagen: die COC verfolgt einen großangelegten Drei-Stufen-Plan, über den Mister Denton wohl intime Informationen besitzt. Wenn er sie teilt, werden wir schnell handeln müssen. Die Initiative liegt nun bei uns.“

Daisuke Hiku, der ältere Japaner mit wachem Geist und gutmütigem Lächeln nickt und stimmt den Ausführungen von Captain Uzun zu. Die SFG 77 sieht den Customer Agent zum ersten Mal in Person. Er war also wirklich keine bloße Illusion der Miru.

„Die Yutani Corporation hat Klugheit und Weitsicht bewiesen, dem Hinweis nach Frederic Denton nachzugehen. Die Ergebnisse übertreffen die Hoffnungen.“ Daisuke Hiku lächelt der SFG 77 schelmisch zu. Auch wenn wohl bisher noch immer nicht bekannt gemacht wurde, wer Denton als Ziel ausgewählt hatte, so scheint es wenigstens Daisuke Hiku nicht vergessen zu haben. „Sie haben erheblichen Anteil daran. Tameo-san war sehr zufrieden mit der Loyalität und entschlossenen Handlungskraft ihrer Leute. Und sogar der übereifrige Kenjiro-san, der seiner inneren Jugend gemäß viel zu viel Ideale und Hoffnungen in die Sache legte, kann nun darauf hoffen, dass mit Frederic Denton ein Rechtsverfahren von Relevanz in greifbare Nähe rückt. Nicht zuletzt wird auch Susila Tambusai mit einem beachtlichen Erfolg zurück nach Jakarta kehren. Soweit ich infomiert bin, wird das ihre Oberen eher überraschen. Sie soll sich sehr gut eingebracht haben. In der Zeit zwischen der „Eskalation“ und der Befreiung der beiden Kinder gelang es ihr, Frederic Denton sicher auf unsere Seite zu manövrieren. Das wäre wahrscheinlich weder Tameo-san noch Kenjiro-san gelungen. – Wie wird es nun weiter gehen? Ich möchte etwas mehr enthüllen und ergänzen, dass die COC plante, Frederic Denton als Agenten weiter zu führen und in den Medienkrieg um den Pazifikkonflikt schadbringend einzusetzen. Diese Rolle sollte er wohl in diesem Drei-Stufen-Plan zu späterer Zeit wieder aufgreifen. In diesem Zusammenhang hätte er auch seine alten Kollegen der Xunxao Gongsi ins Verderben stürzen sollen. Doch nun sieht es anders aus. Er hat bereits angekündigt, die anderen drei verdächtigten Executive Officers zu entlasten. Claudine Montbruillard wird nach seiner Aufforderung aus dem Untergrund auftauchen und für Befragungen zur Verfügung stehen. Letztlich…“ Daisuke Hiku räuspert sich mit einem schalkhaften Lachen, das jedoch eine wölfische Note nicht vermissen lässt, „…haben sie wohl damit auch die Missionsziele von Operation Whiplash erfolgreich vervollständigt. Alle vier XO sind in den Schoß Japans zurückgekehrt. Katsuo-san darf sich glücklich schätzen, solche Samurai in seiner Armee zu wissen!“

„Zu freundlich, Daisuke-dono,“ der Captain rückt die Brille etwas irritiert zurecht und wendet sich wieder an das Team. „Sie haben es losgetreten. Jetzt müssen sie das Endspiel auch beherrschen, meine Herren. Sie haben fünf Tage Freistellung, dann möchte ich sie gerne auf der Shigeruu wissen, für  Vorbereitungen auf Operation Ancient Mariner. Alles muss schnell gehen, unser Zeitfenster ist klein. Aber es wird eine Operation aus dem Lehrbuch für Sondereinsatzkräfte. Wichtig ist, dass wir den Speer jetzt weiter in die Flanke des kranken Tieres treiben.“ Unklar, ob der Captain die bildhafte Sprache gewählt hate, um Daisuke zu beeindrucken, aber der nickt jedenfalls verzückt. „Specialist Goodfellow ist bereits mit der Trainingsvorbereitung instruiert. Er wird ihnen diesmal zur Unterstützung im rückwärtigen Raum zugeteilt. Weitere Dinge klären wir dann bei der Einsatzvorbereitung. Sie können wegtreten.“

Als sich Daisuke Hiku und der Captain anschicken abzugehen, wendet sich der Captain nocheinmal außerhalb des Protokolls leiser an Norge:

„Mister Svenson. Hören sie… Frederic Denton und seine beiden Kinder verdanken ihnen scheinbar das Leben. Ich weiß nicht, ob ihnen das klar ist. Der Einsatz war ja wohl ziemlich rauh und unter Zeitdruck. Bisher ist ja nicht klar, ob der Einsatz zur Gänze freigegeben wird. Ich habe also nur oberflächliche Eindrücke davon, was genau passiert ist. Mister Denton hat jedenfalls gegenüber dem CCOM gebeten, dass man Ihnen seinen aufrichtigen Dank ausrichtet.“

Für Zoé hat CPT Uzun dann das letzte Wort übrig:

„Sehr schöne Haarfarbe übrigens, Miss Miller. Schön, dass sie sich langsam mit der Rasurordnung des AIM-Personals arrangieren können. Das steht ihnen wirklich gut!“