Veränderte Welten

Copper hatte sich nach dem Ende der Einsätze in Dahomey erstmal 4 Wochen in einem Lazarett in Finistère erholt. Die ersten 2 Wochen davon verbrachte er mit der Anfertigung eines zwar lückenlosen, gut dokumentierten, jedoch gelinde ausgedrückt ‚kreativen‘ Abschlussberichts für die SFG77. Der Einsatz und die SFG glänzten darin wie das Kronjuwel einer phantastischen Prinzessin.

Im Anschluss schlief er bis zu seiner Entlassung beinahe durch. In seinen wachen Phasen versuchte er, all die Ereignisse in Dahomey Revue passieren zu lassen, sich klar zu werden über die Welt, die seine persönlichen Ansichten so durchgewirbelt hatte – jedoch ohne Erfolg. Seine Gedanken fanden zu keiner Struktur mehr. Er war als gefestigter Charakter in Dahomey angekommen, und als ein völlig anderer hatte ihn das Land wieder ausgespuckt. Und jetzt, da er wieder in einer zivilisierten Umgebung war, rangen die 2 Charaktere um die Vorherrschaft. Er musste den Kopf frei bekommen, sich irgendwo entscheiden, wie es weitergehen sollte, wer er denn nun sein wollte, jetzt wo ihn die Zustände nicht mehr zwangen… oder hatten sie ihn vorher gezwungen?

Copper reichte Urlaub ein, hatte sich ja Einiges angesammelt, und sie waren ja aufgefordert worden, sich Zeit zu nehmen nach dem großen Einsatz. Also dahin, wo man sich selbst finden kann, ab in die Heimat, vielleicht war ja dort der Kopf frei zu bekommen. Einen neuen Nadelstreif, eine neue Melone, ein neues Schulterholster, so hart konnte Selbstfindung schließlich nicht werden. Er hatte 6 Wochen Urlaub eingereicht, das musste reichen. Ordnung musste her, Struktur, Klarheit!

12 Stunden später war er in Bossier City, Luisiana, CAS gelandet. 4 Stunden, und der neue Anzug saß, Dreiteiler, Western Style, integrierte Schutzausrüstung. 3 weitere Stunden, Melone, Holster, Revolver, alles perfekt. Nochmal 2 Stunden und er betrat eine alte Stammkneipe, das Custers! ‚Nigger müssen draußen bleiben‘ prangte am Eingang. Hatte er fast vergessen. Der gleiche alte Spruch, die gleiche Art Barkeeper, 2 weitere Gäste, die gleiche Sorte Typen wie früher, nur mit neuen Gesichtern. Er musste lächeln, sein altes Leben, so einfach konnte es sein. Er warf ein fröhliches ‚Hallo Männer!‘ in die Runde…

27 Minuten später, ein schwarzer Polizist starrt auf sein Trid-Tablet ‚Und warum genau sind sie in eine bekannte Rassistenabsteige gegangen, und haben die anwesenden Gangmitglieder in einem altafrikanischen Dialekt begrüßt, Mr. Harmon?‘ ‚Muss mir rausgerutscht sein, Officer.‘ ‚Rausgerutscht?‘ ‚Ja, Officer‘ ‚Und wie erklären sie, dass da drinnen 2 erschossene Idioten und einer mit einem KLAPPSPEER im Hals liegen?‘ ‚Selbstverteidigung, Officer.‘ ‚Selbstverteidigung?‘ ‚Ja, Officer.‘ ‚Und wieso tötet ein Mitarbeiter einer afrikanischen Farming-Gesellschaft 3 Typen in Amerika in Selbstverteidigung?‘ ‚Also das war so, Off…‘ ‚Halten sie bloß den Rand, Mann.‘ ‚Ja, Officer.‘ ‚Detective Sergeant Breslin, oder? Wir waren mal auf dem gleichen Revier.‘ ‚Scheiße.‘ ‚Also wieso das da drinnen, Breslin?‘ ‚Selbstfindung.‘ ‚Selbstfindung?‘ ‚Ich wollte wissen, ob ich noch der Alte bin.‘ ‚Der Alte war ein Wixer, und sind sie es noch?‘ ‚Bin nicht mehr der Alte.‘ … Der Officer wendet sich ab ‚Schade, das wir zu spät kamen, um die Täter noch zu ergreifen.‘ ‚Danke, Officer.‘

1 Stunde später erreicht Copper den Flughafen von Bossier City. 12 Sunden später Finistère. Der Offizier vom Dienst nimmt die Urlaubsrücknahme entgegen. ‚Hm, 33 Stunden und 27 Minuten, nicht gerade ein üppiger Urlaub, wie wars?‘ ‚Bin jetzt ein Niggerfreund.‘ Copper wirkt fröhlich.

Norges Aktivitäten

Norge hat sich mal eine Auszeit von allem genommen, um ein anderes Projekt voranzutreiben. Sani hat das durchaus verstanden und konnte so ja in der Zeit auch ihren Zielen und Projekten endlich mal wieder voll widmen. So reiste Norge für eine Woche in die Bretagne, um dort in den Werkstätten der Services Support Division der AIM zu arbeiten. Natürlich nicht alleine.

Er nimmt gleich Kontakt mit den verschiedenen Spezialisten auf. Nachdem man gemerkt hat, dass da nicht einfach nur ein Frontschwein kommt, sondern jemand, der sich schon detaillierte Gedanken gemacht und technische Zeichnungen angefertigt hat, waren die Spezialisten der verschiedenen Abteilungen doch schnell bei der Sache, das Projekt umzusetzen. So waren hauptsächlich Spezialisten für Materialwissenschaft, Elektronik und Matrix mit involviert.

Nachdem das Projekt abgeschlossen war, reiste Norge dann wieder nach
Trondheim zurück, um Zeit mit Sani zu verbringen und endlich auch Regicide eine Nachricht zukommen zu lassen.

„Yui, ich habe einen Auftrag für dich.“

Die Radio Sorceress ist ganz Ohr und wendet Norge den Kopf leicht zu. Die übergroßen Augen glänzen erwartungsvoll.

„Oh, toll! Was kann ich für Dich tun, Harald-san?“

„Du mußt Bazut Morelle eine Nachricht zukommen lassen. Privat, aber mit höchster Priorität. Das bedeutet, ich möchte, dass die Nachricht solange bei ihm oben auftaucht, bis er sie gelesen hat. Ist das im Rahmen deiner Möglichkeiten?“

„Hai, Harald-san! Kein Problem!“ Die Puppe verneigt sich steif und ihr Haarschmuck fährt kleine Antennen aus.

„Folgendes übermittelst du ihm: ‚Hallo mon amie. Du leter etter en dyktig murer en gang. Jeg mottok en referanse til en ekspert på sitt område. Vennligst kom til Trondheim så snart som mulig. Hilsen din venn Harald.“‘

Norge wartet kurz, damit klar ist, das die Nachricht schon zu Ende ist.

„Und abschicken, Yui“ gibt er dann das Signal.

Yui nickt: „Mit Priorität über die Enge Freunde Liste versendet! Ich hake nach, wenn er es heute nicht liest!“

Nun wird er nur mal warten müssen, bis Regicide sich meldet oder vorbeikommt. Das er in der Aufregung bis auf das „mon amie“ nur Norwegisch gesprochen hat, ist ihm gar nicht aufgefallen. Aber er wird es ja schon irgendwie übersetzt bekommen.

Norges Lauschangriff

Wie?

Diese Frage stellt sich Norge häufig in der letzten Zeit.

Wie kann ich das zur Sprache bringen. Einfach so beim Abendessen geht das ja nun nicht.

Also wälzte er seine Gedanken.

Scheiße, dass Copper nicht da ist. Der ist gut mit Ideen. Oder Régicide, der war schonmal verheiratet und Positive hat es ja irgendwie geschafft, den Eisberg anzutauen. Zoé wäre wohl auch eine Hilfe. Ist immerhin eine Frau.

Aber so blieb es halt komplett an ihm hängen, denn es war zu früh, die anderen einzuweihen. Aber wenn er lange genug überlegt, kommt auch Norge ab und zu mal ein Geistesblitz.

Dann kam der Tag, da die Wunde am Arm weit genug verheilt war, um sich einen neuen aussuchen zu können. Norge nahm Sani mit zum Krankenhaus, welches AIM in Trondheim ausgesucht hat. Natürlich die Universitätsklinik. Sani sollte da schon mitentscheiden und es zeigte sich schnell, dass Norge sehr angetan war von den stärksten Modellen. Hätte Sani da nicht eingegriffen, wäre der rechte Arm wohl sehr mächtig geworden, mit den stärksten Servos, die es momentan dafür am Markt gibt. So konnte sie Norge runterhandeln auf ein Modell mit mittleren Servos, welche ihm im Einsatz sicher einen Vorteil bringen, mit denen der Arm aber noch aussieht wie ein normaler Arm am Körper. Man sieht es halt nicht auf den ersten Blick und selbst beim zweiten muß man wissen, worauf man achten muß.

Ausgesucht war er und nun würde er angepasst werden. Das dauert nochmal ein paar Tage. Bis zu zwei Wochen, aber darauf kam es ja nun nicht an. Abends saßen Norge und Sani bei einem neuen Film beisammen. Norge gab sich schweigsam. Das war sein Plan. Er wußte, dass Sani dann früher oder später die Frage stellen würde, und so kam es dann auch.

Sani: „Woran denkst du?“

Norge schreckt auf, als wäre er in Gedanken gewesen, und nicht als ob er genau auf diese Frage gewartet hätte.

Norge: „Hm, an eine Kameradin, die wir beim letzten Einsatz verloren haben. Wir haben versucht, sie zurückzuholen, aber das hat nicht geklappt. Sie wurde wohl verschleppt, wer weiß, ob sie überhaupt noch lebt. War eine engagierte Mitarbeiterin. Lena Mason. Ich schätze, den Namen werde ich nie vergessen. Hat zu viel riskiert, nur um uns den Einsatz ein wenig einfacher zu machen.“

Das war Norges Antwort. Nun schielt er rüber zu Sani und wartet auf ihre Reaktion. Wie tief sitzt sie da drin? Wie kam sie da rein und wie bekommt man sie da wieder raus?

Verdammt. Wieder zu viele „Wie“. Alle wird er nicht alleine beantworten können.

Sani hört sich die Sorgen von Norge aufmerksam und mitfühlend an und reagiert nachdenklich. Sie fragt nicht weiter nach. Der Rest des Films spielt sich vor schweigenden Zuschauern ab. Norge muss seine Willenskraft strapazieren, um die betretene Stille auszuhalten, doch er hält durch. Dankenswerterweise ist der Film ein ordentlicher Actionstreifen mit deutlicher Bekenntnis zur Komödie. Eine Football-Mannschaft voller Mutanten, Metas und Menschmaschinen, die die Welt vor sich selbst rettet. Hat schon stellenweise etwas von der SFG 77. Am Ende gibt es ein Happy End und der Film wird lustig aufgelöst. Das Thema Lena Mason verschwindet langsam aus dem Wohnzimmer. Den Rest des Abends verbringt Sani damit, für Zerstreuung zu sorgen und umschifft weiträumig jedes Thema, das mit Verschleppung oder Krieg assoziiert werden könnte.

Später in der Nacht liegt Norge im Gästezimmer. Wie er schnell gelernt hat, bevorzugt es Sani, irgendwann in der Nacht alleine zu sein, auch wenn sie Norges Nähe schätzt. Vielleicht auch ein respektvolles Zugeständnis an die Sorgen des Vaters.

Es ist jetzt 5:33 und Norge wird von Gedanken wachgehalten. Hat Sani den Namen nicht erkannt? Vielleicht war er ihr gar nicht so geläufig oder gar wichtig, wie Norge. „Lena Mason“, kein Name, den man sich merken muss. Insbesondere nicht als Japanerin, oder? Wenn Sani ihn nicht erkannt hat, dann ist das erstmal eine gute Nachricht, denn dann kann sie wohl kaum mit der Entführung zusammenhängen. Aber wie kommt Norge dann an weitere Informationen? Sollte er seine kleine Spionage zugeben? Aber was ist, wenn Sani den Namen doch erkannt hat?

Norge hebt den Kopf aus dem Kissen. Da flüstert doch jemand. Noch bevor Norge klar nachgedacht hat, ist er schon lautlos wie ein Schatten in den Flur vorgerückt. Die Wohnung ist still, nur ein Metallpendel auf dem Trideoschirm tickt im Sekundentakt. Sani scheint sich in ihrem Zimmer leise zu unterhalten, sie führt ein Telefongespräch.

Es ist eine moralische Frage. Soll Norge lauschen oder nicht?

Viel Zeit bleibt ihm nicht. Will er lauschen, muß es schnell gehen, sonst verpasst er vielleicht was. Will er nicht lauschen, könnte er schon so im Flur recht ertappt werden, was zu Fragen führen würde. Aber es steht soviel auf dem Spiel. Noch während er überlegend auf der Lippe kaut, stellt er sich so vor die Tür, dass er den Flur im Auge hat, und legt den Kopf sachte an die Tür. Dabei denkt er noch:

Wäre nur Zoe da, die hätte ich mit ihren Superohren einfach an die Zimmerwand gehalten und sie hätte alles gehört.

So konzentriert er sich, möglichst viel mitzuhören; seine übrigen Sinne sind angespannt und achten auf die Umgebung im Haus, um bei dem Lauschangriff nicht überrascht zu werden:

„…dachte nur, dass es vielleicht nicht sehr klug ist. Er hat einen Arm verloren. Ich denke, er ist ja in einem Krieg gewesen, oder sowas in der Art. Ich will nicht, dass er da in ein Trauma fällt oder sich das verschlimmert. … Ja, eigentlich schon. Ich meine, er wirkt schon gefasst, so äußerlich. … Nein, hat er nicht. … Ich denke schon, dass sie noch lebt. Ich meine, ich weiß es nicht. Aber die Information habe ich vielleicht einfach auch nicht gesehen. … Ok. Du bist der Psychologe. … Nein, natürlich darf ich das nicht. … Ich weiß es nicht. Wenn er die Hintergründe kennt, wäre das schon, – also das wäre unglaublich. Das wäre der größte Zufall den ich je erlebt hätte. … Ok. Hab ich kapiert. Du weißt doch genau, wie es um mich bestellt ist. Sowas kümmert mich einfach nicht. Nicht mehr. Das ist mir einfach egal. … Ok. Ja, mach ich. Danke. … Ja, bis bald. Mach ich. Ciao.“

Schritte zur Tür. Ein Rascheln, ein Kimono. Norge ist bereits zurück in seinem Zimmer, als Sani die Tür zum Flur öffnet und kurz darauf bei Norge klopft. Als er öffnet, dreht sie ein leuchtendes Tablet um, so dass Norge in dem blassen Lichtkegel aufleuchtet. Sein wacher Blick fällt auf Lena Masons Portrait nebst Lebenslauf.

„Ist das die Frau, die Du suchst?“

Etwas später sitzen Norge und Sani vor einem virtuellen Kaminfeuer. Die Sonne ist in Trondheim noch nicht zu sehen, aber es ist Morgen. Eine Aussprache, die beide zum Staunen gebracht hat, geht dem Ende zu. Sani fasst die Sache zusammen:

„Sie ist ein Opfer einer Entführung, und wir haben uns diese Beispielfälle ansehen müssen, damit wir die Natur der Lage besser verstehen. Es ist eine gefährliche Sache, eine Expedition. Ehrlich, eigentlich ohne Wiederkehr. Niemand weiß, was einen da erwartet. Aber diesmal soll es eben Erfolge geben. Die Yutani Corporation hat es zu einem geheimen Spitzenprojekt erklärt. Der weiße Fleck auf unserem Globus muss verschwinden. Wir wollen, nein müssen wissen, was da wirklich los ist. Ich meine, wir fliegen zum Mond, zum Mars, und jenseits! Aber wir können doch nicht ignorieren, dass unser Ende, oder unsere Erlösung, direkt vor unserer Haustür liegt, versteckt unter einem Mantel aus Angst, Gerüchten, Magnetfeldern und arkanen Mauern?! Deine Freundin ist jedenfalls nicht die einzige, die hinter den Schleier verschleppt wurde. Und mein Vater, die ganze Forschungsgruppe, wir werden da reingehen, wenn wir soweit sind. Vielleicht in zwei Monaten, oder in zwei Jahren. Es hängt von sehr vielen Faktoren ab. Das meiste ist streng geheim. Aber ehrlich gesagt, wir gehen da nicht hin, um den Opfern zu helfen. Das reinkommen ist das Problem, über das Rauskommen macht man sich erstmal gar nicht so viele Gedanken. Wenn Radiowellen rauskommen, sind wir schon mehr als glücklich. Und das wäre ein riesen Erfolg.“

Sie schüttelt müde den Kopf.

„Tut mir wirklich leid. Ich wollte es Dir erst nicht sagen, aber es ist vielleicht besser so. Die Chance, lebend aus Sibirien herauszukommen, vor allem wenn man hineinverkauft wurde, ist sehr gering. Das Erwachte Yakut ist jenseits unserer Reichweite.“

27.03.2074 – FS

Der Südpazifik zwischen Vanuatu und Hawaii zeigte sich von seiner ungnädigen Seite. Die Gischt schwappte aus den Speigatten, und der junge Scheich sorgte lautstark für etwas mehr Futter für die Fische unter den schäumenden Wellen. Kreidebleich wankte er zurück in die Kajüte und würdigte der Gestalt, die sich breitbeinig vor der Brücke aufgebaut hatte, keines Blicks. Sie ließ den Monitor an ihrem Handgelenk aufleuchten. „Knapp 17 Knoten bei 11.2 m/s nur unter Fock und Besan; eigentlich eine wichtige Lektion in Sachen Papis Segelyacht auf hoher See“, dachte sie und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Doch schnell verhärteten sich ihre Züge wieder. Sie erinnerte sich an die letzten drei Monate…

Tief drinnen hatte sie die Entscheidung schon geahnt, wie die Sache ausgehen würde, noch bevor der Einsatz ganz beendet war, man die Auswirkungen überblicken konnte und weit bevor die Ehrungen begannen. Dabei stand sie nicht in der ersten Reihe, aber man hatte sie ordentlich entlohnt für den Fronteinsatz, den sie ja eigentlich nicht mehr gewollt hatte und dem sie nur ihm zu liebe und zu ungünstigen Bedingungen zugestimmt hatte.

Denn natürlich war sie rasch zum fünften Rad am Wagen geworden. Ihr Positive hatte sich verändert. Zum Guten in einer idealen Welt… aber das hier ist die sechste Welt, und die hatte sich in ihrer ganzen Macht gezeigt.

Er wird seine Verpflichtungen seinem Land gegenüber erfüllen, seine Rolle beim Menschenhandel mit den Himba aufklären und deshalb einen „Vertrag“ mit dieser ominösen Prinzessin eingehen – das war die knappe Zusammenfassung der letzten Unterhaltung zwischen ihnen beiden, die sie am 6.1.74 geführt hatten, während die Sonne hinter der neu entstandenen Baumsavanne unterging. „Dämliche Romantik“ schoß es ihr durch den Kopf. „In den wichtigen Momenten hat er das wie auch immer hingekriegt, mich einzuwickeln. Zum Kotzen“.

Wie der Zufall es dann so gewollt hatte, stolperte sie nur zwei Tage nach dem Abflug aus dem Golf von Guinea auf eine Annonce aus den Emiraten und lies sich die Gelegenheit, Abstand von diesem Land mit all seinen Verrückten, Idealisten und abstrusen magischen Erscheinungen nicht entgehen. Die See unter den Füßen – und dann auch noch auf einer modernen Hochseeyacht als Captain.

Sie spie in die Wellen und entschied sich, das Jungchen aus seiner Kabine zu ziehen für einen Crashkurs in Sachen Takelage. Zur Beruhigung der Nerven. „Dämlicher Wichser! Aber weiter weg von ihm und all den anderen Irren geht ja nicht…“ dachte sie beim Verlassen des Decks. Abgesehen von Brick tief unten stimmte ihr Gedanke.

Norge und Hitashi Sani

Direkt am ersten Tag nach der Ehrung der SFG77 nimmt Norge Abschied vom Team. Sein Antrag auf Reha in der Heimat wurde bewilligt und so machte er sich flugs auf den Weg zurück nach Norwegen. Genauer Trondheim. Er wollte die Auszeit auch dazu nutzen, mal wieder ein wenig Heimatluft zu schnuppern und nicht zuletzt war ja Hitashi Sani in Trondheim. Auch sie wollte er endlich mal kennen lernen und reinen Wein einschenken. Er hat ihr ja nie direkt die Unwahrheit gesagt mit dem, was er tat, aber doch einiges zurückgehalten. Da er schon das Interesse hat, dass da was draus wird, wollte er ihr bei mehreren Gesprächen erklären, was er so genau macht. Zumindest soweit es nicht unter Verschluss gelandet ist.

Ein erstes Treffen wurde schon über Trideo ausgemacht, auch wenn es wohl im Beisein ihres Vaters stattfinden würde. Ohne dessen Einwilligung würde es wohl auch keine weiteren realen Treffen geben. Zumindest nicht offiziell. Ob er Sani dann dennoch weiter sehen würde, hing wohl hauptsächlich von ihr selbst ab.

An dem Abend dann zog er seinen feinsten Anzug an. Das Hemd mit dem Blutspritzer am Kragen hatte er schon vor längerer Zeit ausgetauscht. Ja, es war der Anzug aus Südafrika, der irgendwie seinen Weg in die private Garderobe von Norge gefunden hatte. Immerhin sein feinstes Stück Stoff. Aber wie sich herausstellen sollte, hatte sich Norge zu viele Sorgen gemacht.

Der alte Hitashi-san hatte Norge zuerst in der geräumigen Mietwohnung begrüßt, in dem Sani und er zur Zeit lebten. Eine gut möblierte aber zweckmäßige Übergangslösung ohne viel persönlichen Schmuck. Es war eine Übergangslösung für den dienstlichen Aufenthalt von Vater und Tochter, wie Norge bereits wusste. Überhaupt kannte er sich durch die virtuellen Treffen mit Sani schon ziemlich gut in der Wohnung aus. Sie war tadellos aufgeräumt und sauber.

Der Vater war von Norge zuerst eingeschüchtert und überrascht zugleich. Seine zierliche Tochter, der muskulöse Krieger, beide orkischen Blutes. Man sah ihm an, dass er überrascht war. Über Norge, über seine Tochter und vielleicht auch sich selbst. Da Norge so gut gekleidet war, lud der Vater spontan alle zum auswärtigen Essen ein. Das war Sani erst nicht so recht, wollte sie die Begegnung doch so kurz wie möglich halten.

Das Fischrestaurant mit Blick über den Hafen war Oberklasse. Vielleicht wollte der Vater Norge auf die Probe stellen, doch der schlug sich wacker. Er hatte ja nicht nur Heimvorteil, sondern beharrte auch stets auf die japanische Etikette, vom Platznehmen über die Bestellung bis zum Anstoßen. So verlief der Abend ganz angenehm, auch wenn Sani immer etwas angespannt blieb.

Norge konnte etwas zu seiner Arbeit sagen und er erfuhr im Gegenzug, dass Vater und Tochter beide für die gleiche Firma arbeiteten: Tomorrow Plant Inc., ein Tochterunternehmen der Yutani-Familie. Was für ein Zufall… Der Vater war Geo-Ingenieur und die Tochter eine junge Meteorologin. Sie arbeiteten zur Zeit eng mit der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) zusammen.

Der Vater schien die gemeinsame Zeit mit der Tochter und Norge durchaus zu genießen. Etwas, das wohl nicht häufig außerhalb von Arbeitstreffen vorkam. Zwei Dinge fielen Norge im Nachinein auf. Über die Mutter von Sani wurde kein Wort verloren und der Vater hatte mehrmals am Rande bemerkt, dass Sani „sowieso nicht allzuviel Zeit habe“ und dass sie diese Zeit auch mit Freunden verbringen sollte.

So konnte Norge mit seiner Etikette den Vater doch so sehr beeindrucken, dass er nichts dagegen hatte, dass die beiden sich weiter treffen. Sie lernen sich immer besser kennen. Auch der Kontakt über Trideo wird immer häufiger. Bei einem dieser „Telefonate“ ging Sani kurz hinaus und Norge konnte auf den Bildschirm von Sanis Rechner sehen und erkannte da den Namen und das Bild einer ihm doch sehr wichtigen Person. Lena Mason. Norge schaltet schnell und macht eine Aufnahme von dem Bild und nimmt sich vor, Sani persönlich in einer ruhigen Stunde darauf anzusprechen. Immerhin geht es in dem Artikel um Menschenhandel und so weiter.

Wie immer Sani da auch reingeschliddert war, Norge wollte sie zuerst damit konfrontieren und schauen, wie und vor allem wie tief sie da drinnen steckte, bevor er irgendwas weiterleiten würde. So verabredete er sich dann auch zu einem weiteren Treffen mit ihr, die Datei gut abgespeichert und gesichert auf mehreren Datenspeichern. Das Bild durfte so oder so erstmal nicht verloren gehen.

Dahomeys zweites Erwachen

Der Ausklang dieses Jahres wird auch für das westafrikanische Dahomey ein Neubeginn sondergleichen sein, oder was davon übrig geblieben ist.

Wir erinnern uns: am 20. September 2073 wurde der Bura-Staudamm durch Terroristen besetzt, die mittlerweile der terroristischen Vereinigung der „Agooji“ zugerechnet werden. Es war der erste, aggressive Auftritt dieser Gruppe die, wie wir heute wissen, sich seit vielen Jahren in die politische und ökonomische Elite der Region eingeschlichen und ihren staatszersetzenden Einfluss ausgeübt hat.

Wer sind die Agooji? Nach allem was die vergangenen Monate enthüllt haben, handelt es sich um westafrikanische Splittergruppen, die sich hinter einer wiederbelebten Idee des Königreichs Agooji aus dem 19. Jahrhundert zusammengeschlossen haben. Als Stammsitz scheint der erwachte Dschungel im Nordwesten Dahomeys zu dienen. Ein unzugängliches Gebiet und seit dem Erwachen 2011 ein weißer Fleck auf den Landkarten, undurchdringlich für die modernen Satelliten und Aufklärungsdrohnen. Auch dem arkanen Auge fest verschlossen. Die wenigen, organisierten Erkundungen der frühen Zwanziger ließen es als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen, im erwachten Dschungel von Dahomey irgendetwas von Dauer zu errichten. Die Wege hinein glichen eher einem Abstieg in die Vorzeit. Wer würde dort ein Königreich errichten können? Und dann noch eines, das aus dem Dschungel politische Intrigen und modernste Technik in die zivilisierte Welt führt?

Doch man läge falsch, wollte man all das, was kommen sollte, allein dieser Terrorgruppe zuschreiben. Königreich oder nicht. Eine Woche nach der Besetzung des Bura-Staudamms brach in ganz Dahomey, aber besonders im Norden und in der Hauptstadt, ethnische Gewalt ungekannter Ausmaße aus, zumindest nach Dahomeys Maßstab. Die Siedlung Ihuma gilt mittlerweile als Ground Zero und Stunde Null. Alles habe mit einer eher beiläufigen Verhaftung eines Fon begonnen, der im Gewahrsam der Ordnungskräfte die Schwarze Idola Afkarasar manifestierte. Von dort zog sich ein Teppich aus Feuer und Blut bis in die Graue Zone. Es kam zu Vertreibungen, Greueltaten gegen Nachbarn und am Ende mobilisierten Dahomey und Nigeria ihre Sicherheitsdienstleister und Armeen, die Kanonen und Drohnen starr aufeinander gerichtet.

Heute muss es uns klar erscheinen, wie naiv wir waren. Immer wieder übersehen wir die Anzeichen. Das Wirken der Idola – bis dahin eher ein Bestandteil der esoterischen und säkularisierten Privatreligion Dahomeys, lag Ende September bereits offen zutage. Man hätte nur den wenigen Stimmen glauben schenken müssen, die darauf hinwiesen.

Am 29. September 2073 berichtete dann sogar Channel 9 das erste Mal über Unruhen bei anstehenden Lokalwahlen im Norden Dahomeys und gab am 6. Oktober Raum für Schwerpunktberichterstattung. Es wurde außerdem bekannt, dass Dahomeys Regierung die schwelenden und eskalierenden Konflikte schon eine ganze Weile durch massive Matrixzensur zu verbergen suchte. Heute hören wir von den Verantwortlichen, sie hätten dazu die Pflicht gehabt, um die schädliche Wirkung der Schwarzen Idola einzudämmen, für welche die Matrix, die allzeitige Erreichbarkeit und ungehinderte Ausbreitung von Angst und Misinformation ein Quell ständigen Machtzuwachs gewesen sei. Die Corporate Court Matrix Authority handelte natürlich nach anderen Grundsätzen. Am 2. Oktober erfolgte die Androhung von Sanktionen aufgrund der aktiven Censor Hosts. Eine partielle Matrixsperre folgte dann zehn Tage später.

Ungefähr zeitgleich unternahm auch die Afrikanische Union erste Bemühungen für eine einseitige Sanktion und verhängte eine Seeblockade gegen Dahomey. Dies brachte den Militärdienstleister Association International des Mercenaires (AIM) in eine unangenehme Zwickmühle, da sich die Verteidigungsklausel aktivierte. Doch nun stand das besungene und gefeierte Dahomey als beginnender Schurkenstaat da. In einem Interview der CEO Jacqueline Walters am 9. Oktober konnte man die unangenehme Spannung heraushören. AIM entschied sich zur Vertragserfüllung. Ein Blockadekrieg im Golf von Guinea begann.

Zeitgleich startete Nigeria eine Offensive in die Graue Zone, um in die Wahlkampflage einzugreifen. Mercenary Inc., der Dienstleister für Dahomeys Landstreitkräfte, vermied eine harte Antwort und zog sich darauf zurück, Verkehrswege und Infrastruktur in den Ballungszentren zu schützen. Die Anarchie des Nordens begann.

Der Zusammenbruch des republikanischen Staates Dahomey folgte kurz darauf. Am 14. Oktober wurde der Bura-Staudamm durch die Agooji gesprengt und am 16. Oktober kam es zu einem Putschversuch in Lome. Doch entgegen den ersten Vermutungen, handelte es sich um einen Putsch der Guten gegen die Bösen. Die Agooji hatten sich so tief in die politische Elie eingeschlichen und dort ihre subversiven Verlockungen ihrer Schwarzen Idola verbreitet, dass die positiven Kräfte der Regierung und des Parlaments, als sie das Ausmaß erkannten, nur noch eine Aufhebung der staatlichen Ordnung als Lösung sahen. Die Infrastruktur, insbesondere die Kommunikationswege, wurden weitestgehend abgeschaltet. Das Schicksal des Landes wurde an die Menschen vor Ort weitergereicht. Die religiösen Kräfte, bis dahin eher in der Politik abstinent, beschwörten eine Weiße Idola des Ausharrens und Durchhaltens, Massuutu. Dann ging das Licht aus, in Dahomey.

Was genau geschah, verbleibt über weite Strecken im Dunkel. Nur langsam beginnen wir, die Ausmaße zu begreifen. Wer mit welchen Taten welche Folgen verursachte, wird wohl kaum nachzuvollziehen sein. Klar ist, dass sich gegen Ende Oktober im Norden Dahomeys, nahe der Wüstenrandgebiete, eine ethnisch und religiös besonnene Zusammenkunft einfand, von der aus die Impulse eines neuen Dahomey ausgehen sollten. Unter Ablehnung der technisierten Moderne, der weltumspannenden Kommunikation und Ökonomie, berief man sich auf lokales Handeln, auf Weiße Idola und die Kraft von Tier, Land und Mensch. Während südlich der Zusammenkunft die Graue Zone in die Gewaltherrschaft der Warlords fiel, Mercenary Inc. in den befestigten Städten unter Kriegsrecht ein normales Leben zu simulieren versuchte und im Norden, im Orichalkumgürtel, anarchische Ressourcenkämpfe zwischen internationalen Konzernen entbrannten, war die Große Zusammenkunft die vernünftige und einzige Alternative für jeden, der Frieden und Orientierung suchte.

Überraschenderweise mischte sich der im Golf von Guinea schwer unter Druck geratene Militärdienstleister AIM ab Mitte November plötzlich in genau dieser Region ein und füllte ein Machtvakuum in einem weitestgehend entvölkerten und unkontrollierten Gebiet. Von Nakatombe aus etablierte AIM eine humanitäre Unterstützung für die alleingelassenen Opfer der Staudammkatastrophe im Bura-Schwemmland. Doch es blieb freilich nicht bei blauen und weißen Helmen. Eine militärische Luftbrücke zwischen dem Golf und der Region um Nakatombe machte bald deutlich, was die „Task Force Landfall“ von AIM beabsichtigte. Mit militärischer Härte wurden Schläge gegen militärische Anlagen der Agooji im Randgebiet des erwachten Dschungels durchgeführt. Aber es soll auch zu Aktionen in Moskuwa gekommen sein. Als Auftraggeber nannten die Offiziellen von AIM zu diesem Zeitpunkt eine „verfassungsgebende Nachfolgeregierung“ aus der Großen Zusammenkunft, hunderte Kilometer von der Hauptstadt Lome entfernt, abgeschnitten von jeder Matrix-Verbindung und jedem Übertragungswagen.

Während das eigenwillige und riskante Militärmanöver zu Lande von vielen als politischer Selbstmord verlacht wurde, waren es jedoch nicht die politischen Fragen, die im Dezember die dringlichsten waren. Auf der mystischen Ebene, so weiß man nun, wurde der Kampf mindestens eben so hart geführt, wie auf der militärischen. Auf der Großen Zusammenkunft wurden Bündnisse mit und zwischen der Geisterwelt geschmiedet und die Kräfte der Tiertotems näherten sich den sogenannten Weißen Idola an. Ein Zug der Tiere wurde verkündet, er soll eine Steinsetzung monumentaler Ausmaße begleiten, die von der Wüste bis zum Atlantik führen soll. Ein Unterfangen, das Jahre dauern wird, allein von Muskelkraft vorangetrieben. Die wenigen Bilder in den internationalen Nachrichten erinnern an biblische Szenen.

Der Grund und Widersacher für all diese Anstrengungen schien nun klar zu sein: die Terrorgruppe der Agooji hatte die Schwarzen Idola und ihre perfiden, schädlichen Kräfte geschürt und für ihre zersetzenden Zwecke eingespannt. Der Kampf konnte und musste also auf mystischer Ebene mindestens so erfolgreich ausfallen, wie auf politischer und militärischer.

Es bleibt unbestätigt doch wird es allgemein akzeptiert, dass AIM und Mercenary Inc. zuerst in einen militärischen Konflikt miteinander gerieten, als man einen religiösen Pilgerort, das sogenannte Sandorakel, befreite und den lokalen Volksgruppen übergab. Dem folgte ein mittlerweile gut dokumentierter Gegenschlag gegen ein sogenanntes „Grenztor“ der Agooji in den erwachten Dschungel. Eine Art ritueller Übergang in ihr „Königreich“. Die Forschungen und militärischen Erkundungen dauern an.

Den Höhepunkt jedoch, sahen wir alle vor unseren Trideoschirmen am Abend des 27. Dezember 2073. Nichts geringeres als eine Inkarnation des Löwentotems selbst, manifestierte sich im Schwemmland des Bura-Staudamms und betrat festen Grund auf afrikanischer Erde. Ein Ereignis, das innerhalb von Stunden ausgedehnte Regionen und Landstriche einer Umwälzung unterzog, die man vielleicht kataklysmisch nennen würde, hätte sie nicht genau das Gegenteil bewirkt. Wo Löwe in Avatargestalt seine Tatzen auf die Erde setzte, wich das verunreinigte Flutwasser zurück. Straßen, Gebäude, Industrieanlagen und Fahrzeuge verschwanden in der schwarzen Erde Afrikas. Steppengras und Bäume sprossen aus der entfesselten Urgewalt und zurück blieb nichts als geheilter Grund.

Überflutetes Stadtgebiet vor der Umwälzung
Selbes Stadtgebiet nach dem Streifzug von Löwe

Dieser „Streifzug des Löwen“ war die Folge, so hören wir, eines gescheiterten Versuchs der Agooji, die Ikone des Schwarzen Kontinents in eine toxische Entartung zu locken oder zu vernichten. Das Gefängnis wurde jedoch gesprengt und Löwe befreit. Die „Schwarze Hexe“ der Agooji, eine politische und religiöse Führerin namens Enomi, wurde durch Löwe selbst Berichten zufolge vernichtet. Wie dreist das Agieren der Agooji war kann man auch daran ermessen, dass viele von uns die Mode- und Beauty-Line Égalitérnité daheim im Schrank stehen haben. Eine Produktreihe, die sich im Besitz dieser Agooji befand.

Doch auch weltliche Kontrahenten lieferten sich eine erbitterte Schlacht. Mercenary Inc. und AIM lagen über dem umkämpften Gebiet in einem Luft- und Bodenkampf, auch lokale Milizen der vereinten Volksgruppen waren involviert. Auch wenn die genauen Umstände nach wie vor Fragen aufwerfen, am Morgen des 28. Dezember war eines klar: die Geschichte Afrikas hatte vielleicht ihre größte Zäsur erfahren. Viele vergleichen das Ereignis mit dem Großen Geistertanz und es ist bereits absehbar, dass Löwes Erscheinen und Wirken ein Feuer in zahlreichen Staaten südlich der Sahara bedeuten wird. Der Leiter der Afrika-Abteilung von DeBeers Omnitech formulierte es so: „Es wird Jahre oder Jahrzehnte dauern, und ich zwar allein bis man ausgerechnet haben wird, welchen ökonomischen Verlust der 27. Dezember 2073 der Weltwirtschaft wirklich beigebracht hat.“

Was wird nun werden?

Der Verbleib von Löwe ist unbekannt. Einige Stimmen aus eingeweihten Kreisen sagen, er hätte sich an die Spitze des gigantischen Tierzuges gesetzt, der sich immer noch formiert und gen Süden zieht. Andere weisen darauf hin, dass es Anzeichen dafür gibt, dass Löwe Dahomey bereits verlassen hat und andere Länder durchstreifen wird.

In Dahomey ist es nun einmal mehr an den Menschen sich neu zu besinnen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Die Große Zusammenkunft wurde zum vorübergehenden Sitz der Übergangsregierung und verfassungsgebenden Versammlung gewählt. Ein Verfassungsentwurf ist bereits veröffentlicht. Die Association Internationale des Mercenaires hat im Bura-Schwemmland eine vorgeschobene Operationsbasis errichtet und ihren Dienst der Übergangsregierung als einstweilige Exekutive angeboten.

AIM Forward Operating Base

Politisch haben sich Vertreter der Hausa, Bariba, Igbo und Fulbe bisher stark profiliert und man versucht Diversität, Toleranz und Demokratie aus dem alten Dahomey in das neue zu retten. Leider ist schon jetzt absehbar, dass die marginalisierten Fon erneut den Kürzeren ziehen könnten. Doch was wird überhaupt anders sein? Sicherlich wird der Ausgleich zwischen Moderne und religiös-mystischer Verbundenheit zum Land neu ausgerichtet werden. Das ist aus dem Verfassungsentwurf ersichtlich. Die sogenannten Idola, so hört man, müssen aus ihren entarteten Formen zurück in eine positive Ausrichtung geholt werden. Und wo dies nicht möglich scheint, soll die Bevölkerung Afrikas lernen, die unheilvollen Wirkkräfte des Miteinander im 21. Jahrhundert besser erkennen und begrenzen zu können. In diesem Zusammenhang hat sich eine einflussreiche „Prinzessin“ aus Nigeria auf dynastische Ansprüche berufen und behauptet, der Wandel der schädlichen Idola Andikan zu einer Idola des gütigen und solidarischen Zusammenlebens habe bereits stattgefunden. Ob dieses neue Experiment zwischen erwachtem Land, monarchischen Prinzessinen, demokratischem Gedankengut, Volksglaube, Idola und einer modernen, technisierten Gesellschaft gelingen kann darf weiter fraglich scheinen.

Und welche Rolle wird Löwe weiter spielen?

African Colors Trideo Broadcast, Moskuwa, 31. Dezember 2073

Memo, CEO

Eine aufgezeichnete Trideo-Botschaft erreicht Régicide, Norge, Zoé, Copper und Positive am 29. Dezember 2073, zwei Tage nach dem Ende der Operation Untamed Pride. Absender ist Jacqueline Walters, CEO von AIM. Die Aufnahme findet in einem modernen Büro statt. Sie sitzt an einem Schreibtisch aus Glas. Im Hintergrund eröffnet ein Panoramafenster den Blick auf den Atlantik hinter einem Vorhang aus wirbelnden Schneeflocken.

„Chief Miller, Captain Morellè, Sergeant Boucard, Sergeant Svenson, Sergeant Breslin – diese Nachricht ist für sie bestimmt.

Ich hoffe sie verzeihen mir, wenn ich mich direkt an sie wende. Normalerweise ist es nicht meine Art, mich in die Arbeit des hochgeschätzten Central Command einzubringen. Ich bin ohnehin nicht dazu geeignet zur hervorragenden Qualität unserer militärischen Arbeit beizutragen. Ihr vorgesetzter Offizier hat mich aber ermutigt, meinem Wunsch nach einem persönlichen Memo nachzukommen.

Vorweg möchte ich aus ganzem Herzen Master Sergeant Svenson eine schnelle und vollständige Genesung von seiner schweren Verletzung wünschen. Aber auch die anderen von ihnen haben harte Entbehrungen und Verletzungen hinnehmen müssen, die mitunter nicht spurlos an kämpfendem Personal vorüber gehen. Seien sie sich unserer unbedingten Unterstützung auf ihrem Weg der Erholung sicher.

Es ist schwer, glaubhafte Worte für die Dankbarkeit zu finden, die ihnen unsere Association schuldet. Nachdem ich über die strategischen Ergebnisse und auch einige taktische Schlaglichter ihrer Arbeit in Dahomey informiert wurde, erfüllte mich dies mit sehr großem Stolz. Sie haben weit über die erwartbaren Maßen hinaus einen Einsatzwillen gezeigt. Und mehr noch, sie haben den Mut gehabt, ihren persönlichen Idealen zu folgen, als sie sich abseits jeglicher Einsatzleitung unter widrigsten Umständen wiederfanden. Ideale, die zudem im Einklang mit den Idealen unseres Unternehmens stehen. Damit dies so geschehen konnte, mussten alle Teilbereiche von AIM hervorragende Arbeit leisten. Und damit meine ich bereits ihre Personalauswahl, die Grundsatzabteilung, das Policy Board, ihre Vorgesetzten, die ihnen jederzeit voll vertrauten, und natürlich sie selbst.

Die Kampagne AIM Matters war das strategische Kind unserer Afrika-Abteilung des Policy Board und ich denke ich kann mit Sicherheit sagen, dass die tadellose Zusammenarbeit von Miss Clark und ihnen im Feld, trotz aller Umstände, der Schlüssel dafür waren, dass die Association heute Dahomey dabei unterstützen darf, eine schwere Krisenzeit zu überwinden und gestärkt aus dem „zweiten Erwachen“ hervorzugehen.

Das Central Command wird seinen Weg finden, ihnen für ihre militärischen Taten zu danken. Und ich höre auch, dass das Services Department und Policy Board eine Bonuszahlung und Würdigung ihrer zivilen Heldentaten erwägt. Ich freue mich sehr für sie! Doch was bleibt mir dann noch zu tun, außer dankende Worte zu sprechen?

Ich denke nicht viel. Doch ich möchte gerne noch ein Versprechen ergänzen. Ich hoffe, sie bleiben unserer Association erhalten, denn ich setze mich dafür ein, dass Persönlichkeiten wie sie eine aufstrebende Zukunft in unserem Haus haben. Sie haben in ihren wenigen Dienstjahren für AIM bereits außerordentliches geleistet. Mir ist daran gelegen, dass sie ihren Weg gehen können, der uns gemeinsam weiter zur Verwirklichung unserer geteilten Ziele bringt.

Alles herzlich Gute wünsche ich ihnen aus einem verschneiten Finistère. Verbringen sie einen friedlichen und erholsamen Jahreswechsel.“

L’étape suivante

Während die S34 auf dem Weg ist um am schwimmenden Mark anzudocken, ist die SFG77 zur Sunray zurück gekehrt. Regicite hat das Team zur besprechung zusammen geholt:
„Bevor wir klären wie unser weiteres Vorgehen aussieht möchte ich ein paar Sachen zur letzten Aktion sagen um ein zukünftiges Vorgehen zu verbessern.

Un:
Wenn ich dazu auffordere jemanden festzusetzen oder ruhig zu stellen ist die aller, aller letzten Methode die ich angewendet wissen will, das die Person brutal zusammengeschlagen wird! Die Reinfolge ist: Polizeigriff und Mund zuhalten, dann Knebel und Handfesseln, dann Würgegriff zur Betäubung, dann Betäubungsmittel und dann, wenn nicht mehr anderes geht, kommen die Fäuste!
Wenn ich jemanden zusammengeschlagen haben will werde ich das eindeutich formulieren!

Deux:
Wenn eine Situation offensichtlich außer Kontrolle geraten ist oder schlecht verläuft brauche ich niemanden der wir über Funk ins Ohr brüllt das die Situation außer Kontrolle geraten ist oder schlecht läuft. Das einzige was ich dann brauche ist ein kurzer, knapper Vorschlag zur Verbesserung der Situation, das bedeutet mein Optionen zum weiteren Vorgehen zu vergrößern.

Trois:
Die Situation mit Copper auf der Insel war komplette Scheiße. Wie ich mich darauf einlassen könnte, das Leben einer meiner Leute derart zu riskieren ist mir im Nachhinein schleierhaft. Die Shamanin wollte eine Illusion von Kontrolle über die Situation habe, diesem Wunsch hätte ich niemals stattgeben dürfen. Im Zweifelsfall hätten wir die beiden zwingen müssen uns die Informationen zu geben. Das war mein Versagen und dafür entschuldige ich mich Copper. Dein mutiger Einsatz hat sich schließlich ausgezahlt, so weit hätte es aber nicht kommen dürfen.

Bien, nun zum weiteren Vorgehen. Es müssen Gespräche mit den abgestoßenen „Löwinen“ geführt werden, ebenfalls müssen wir die Gemeinschaft auf dem Markt über die Gefahr informieren und eine möglich Nacht der langen Messer verhindern.
Positive sollte versuchen mit der Inkarnation der Idola und ihren „Priestern“, Behütern in Kontakt zu kommen und sie über die Umstände des Löwen aufklären. Norge mischt sich unter die Mediziner und führt Gespräche mit den „Leidenden“. Zoe und Copper suchen sich ihrer eigenen Ansatzpunkt und folgen ihrem Training und Instinkt wo sie ihrer Nachforschungen ansetzten wollen.
Ich…weiß noch nicht genau was ich tun werde, gehe vielleicht ich dem MercInc Kontakt mal nach…ich will aber die Situation der Ausgestoßenen noch einmal Astral auf mich wirken lassen.

Vorschläge und Anmerkungen? Ansonsten folgen wir, während wir auf dem Mark sind Coppers und Zoes Anweisungen zur Informationsfindung!
Geheimhaltung ist wahrscheinlich keine großer Faktor mehr, auf der S34 ist ein riesiger Schmetterling…Solange also unsere Ermittler keine anderen Anweisungen ergehen lassen, trage ich erstmals wieder Uniform, alle anderen Nach eigenem ermessen.
Lediglich die Sunray werden wir „verheimlichen“, es reicht wenn eine gegebenen Opposition glaubt das wir mit der S34 und kleinen Booten unterwegs sind.
Wenn wir schließlich mit unseren Ermittlungen durch sind ist der nächste Schritt eine Erkundung des gefluteten Sprawls in dem auch das „Katzenhaus“ liegt.

Auswertung Wüstenduft

Gesamtlage

OP Wüstenduft – Taktische Karte

Im Morgengrauen des 14. Dezember 2073 ist die SFG 77 nach Nakatombe zurückgekehrt, nachdem Operation Wüstenduft mit Teilerfolgen beendet wurde. Im Laufe der nächsten drei Tage drängte die Task Force Landfall den Großteil der gegnerischen Verbände aus dem Gebiet Nkambo zurück. Während Teile der Agooji-Verbände entweder geordnet oder flüchtend das Heil im erwachten Dschungel suchten, wurde der Hauptteil der Milizen und Terroristen entweder nach Norden vertrieben oder festgesetzt. Dies bedeutet praktisch, dass der akute Gefahrenherd am Westrand der Stammesgebiete am Tawani-See beseitigt ist. Derzeit wird die Sicherheitslage an lokale und legitimierte Milizen oder auch Mercenary Inc. übergeben, damit kein Vakuum verbleibt, wenn AIM seine Kräfte zurück nach Nakatombe konsolidiert.

Aufklärung am Äußeren Randposten

Die Eroberung des Äußeren Randpostens lieferte zentrale Hinweise gegen die feindliche Gruppierung der Agooji. Zum einen wurde der Gegner in ein massives Rückzugsgefecht um die ausgedehnten Minenanlagen verwickelt. Die dort versteckten Panzerfahrzeuge (12 Kampfpanzer, 20 Truppentransporter, sechs Transporthelikopter) konnten aufgrund der fehlenden Lufthoheit des Gegners nicht effektiv ins Feld geführt werden. Derzeit arbeiten wir uns systematisch durch die Tunnelsysteme durch. Wir gehen davon aus, dass dieses schwere Material zur Vorbereitung einer späteren Offensive gesammelt wurde. Woher der Gegner eine zukünftige Luftunterstützung (jenseits der örtlichen Elektronischen Kriegsführung und Raketenabwehr) heranzuführen gedachte, ist noch unklar.

Das arkane Tor wurde gesichert und wird derzeit untersucht. Befragungsergebnisse ergaben, dass es sich um einen „alten Zugang“ zum Köngreich Agooji handelt. Personen und Geister, die mit dem erwachten Dschungel oder diesem Königreich in einer besonderen Beziehung stehen, haben dieses Portal für sich zu nutzen gewusst. Ein praktischer Versuch zeigte, dass sich die Wahrnehmung des Dschungels und die Responsivität für arkane Kräfte durch das Durchschreiten des Portals steigern. Wir haben die Versuche abgebrochen, um kein weiteres Risiko einzugehen.

Wir konnten die Identität von Senator Mun Kapadin bestätigen und seinen Tod feststellen. Dieser Kollateralschaden ist ärgerlich und wurde durch einen Fehlbeschuss verursacht. Ob der Tod durch eine Luft-Boden-Rakete von AIM oder durch eine Boden-Boden-Rakete der Feindkräfte verursacht wurde, ist Gegenstand einer Untersuchung.

Der Schamane Logotai wurde als bestätigter Abschuss verbucht. Seine genaue Herkunft oder sein Hintergrund ist unklar. Zeugenaussagen der Gefangenen bestätigen die Vermutung der SFG 77, er sollte im Schwemmland die Verfolgung des Löwen-Totems anleiten und die Hilfsbemühungen im Katastrophengebiet angreifen.

Erfreulich ist, dass abgesehen von Senator Kapadin keine zivilen Verluste beklagt wurden. Die wenigen Zivilisten konnten in den Dschungel oder in Schutzräume fliehen. Die Bevölkerung des von ihnen entdeckten, traditionellen Dorfes wurde vorerst zur Befraung deportiert.

Die „Stille Kompanie„, die von ihnen aufgespürt und begrenzt dokumentiert wurde, ist verschwunden. Wir sind alarmiert und arbeiten mit einer Gruppe aus Sonderermittlern daran, dieses Detail nicht aus den Augen zu verlieren und die Hinweise die wir haben, umfassender auszuwerten.

Befragungen der Gefangenen

Okobe Ambéto

Nachfolgend finden sie die wichtigsten Ergebnisse der Gefangenenbefragungen in gekürzter Form.

Okobe Ambéto: „Enomi hat meine Macht über mich und mein Schicksal von ihrer ‚Mutter‘ geerbt. Sie wusste, dass sich die Totemkräfte dieses Landes von mir fernhalten, weil die Hexe einen Fluch in mich gebannt hat, als Mensch und Nashorn ein gemeinsames Schicksal teilten.“

„Enomi ist eine Tochter des Königs der Agooji. Sie ist nicht die einzige. Ich glaube nicht, dass der alte König noch lebt. Sein Ahnengeist spricht durch seine Nachfahren. Sie haben es geschafft die erwachten Idola für sich zu bändigen. In geheimen Tälern haben sie Wege in die Vergangenheit geschlagen. Die Idola werden dort angelockt, gefangen, getäuscht und eingesperrt. Die Agooji wissen meisterhaft, wie man das Böse in ihnen nährt. Für jede Idola haben sie ein Tal. Dort schwelgt alles und jeder in den Prinzipien der Idola, die dort herrscht. Es sind rauhe Orte, in die Vergangenheit gestürzt. Wie ein Albtraum. Nur die Anführer der Agooji gehen dort ein und dann gestärkt wieder hinaus. Alle anderen verzweifeln als Sklaven und Gefangene.“

„Was ich glaube? Ich glaube, Enomi wird sich verantworten müssen. Ich zähle mal auf: Erstens, der vereitelte Giftgasangriff auf die Versammlung. Zweitens, die beendete Besatzung des Sandorakels. Drittens, die gescheiterte Beschwörung in Moskuwa. Und jetzt auch noch der Velust des Äußersten Randpostens. Ich weiß nicht, wieviele Tore es noch gibt, aber das war sicher wichtig. Sie selbst wäre mit ihren eigenen Untertanen niemals so nachsichtig gewesen.“

„Ich habe keine Meinung zu alledem! Enomi hat getan, was sie konnte – weil sie es konnte. Ihr könnt mich nicht einsperren. Und ich bin nicht frei. Die Welt dreht sich weiter, nur ich bin immer noch ein verstoßener Junge am Rande eines Dorfes. Ich schaue verstohlen zu den Lichtern in der Nacht. Aber zurück kann ich nicht.“

Kwame (Visagistin)

Kwame: „Enomi dient vielen Idola! Aber ihr stärkster Fetisch ist die dunkle Seite der Labima. Kunst und Täuschung ist ihr Handwerk. Sie durchschreitet das erwachte Land wie ein Künstler die Farben auf einer alten Leinwand abkratzt. Es war klug, ihr nicht durch das Portal zu folgen. Sie verändert die Spielregeln in ihrem Land wie es ihr beliebt! Ich weiß es, weil ich ausgewählt wurde sie zu schminken und auf ihren Reisen zu begleiten, Ich bin keine Visagistin, ich bin Priesterin. Sie wird kommen und mich zurückholen!!“

„Nehmt die Opalwurzel von mir fort! Bitte, ich sage alles, aber dann lasst mich endlich sterben! Ich muss zu ihr, sie ruft mich!“

„Ich kenne dieses Bild, ja. Das ist ein Journalist, Evan Choi. Er wurde in der deutschen Stadt Bellin mit einer Dienerin des Königs zusammengebracht. Dieser weiße Narr fiel auf eine Heiratsagentur rein. Er wollte sich eine Frau kaufen, wie eine Sklavin. Die Herrin Enomi hat ihn selbst befragt und dann in das Tal des Leidens geschickt. Geister schlüpfen aus ihm, wie Maden im Fleisch. Er ist tot.“

„Ja, ich habe Enomis Maske getragen, bevor das Haus zusammengestürzt ist und der Soldat mich niedergeschossen hat. Ich bin ihr wie eine Schwester [weint]! Ich habe ihre Füße gewaschen und ihre Hände verziert. Ich habe ihre Schönheit zum Vorschein gebracht, und dann hat sie mir diese wieder ausgeliehen, damit ich sie schütze und die Feinde verwirre. Das war wahre Liebe, und jetzt bin ich verstoßen! Ich möchte hier raus, lasst mich gehen!!“

„Nein, in Nakatombe war ich nie. Dort war ein anderer Spion von uns. Er hat die beiden Archaischen fortgelockt und dann später das Vertrauen von eurem ‚Weißen Diener Andikans‘ erschlichen. Ich glaube, ihr habt ihn gefangen. Aber das ist egal. Er hat seinen Teil geleistet. Ihr glaubt, ihr seid einen Schritt voraus? Ihr folgt wie Ameisen einer Zuckerspur in eine Grube aus Benzin.“

Barima (Hermetikerin)

Barima: „Irgendwann wird jemand kommen, der mächtiger ist als ihr, und dann wird meine Seele aus diesem Kreis gerissen, ob ihr es wollt oder nicht. Die Opalwurzel ist ein schlauer Zug, aber es ändert wenig. Ich bin nur eine Leibwächterin.“

„Das Tor? Der Weg durch die Unterwelt und das Wasser führt in das alte Königreich. Dort gibt es eine Welt hinter der Welt, und Wunder aus Magie und Technik, die ihr nicht zu glauben wagt! Wer hindurch geht, wird sachte entwurzelt aus der Welt, und sieht zwischen Farbe und Leinwand. Es ist ein Labyrinth, nur die Kinder des Königs können es verstehen. Wir Diener folgen nur ihrem königlichen Duft und lassen uns von den Ahnengeistern führen.“

„Die ‚Grenzgänger‘ sind lautlose Wanderer in der erwachten Welt. Sie werden Enomi beschützen, und sie wird die Grenzgänger beschützen. Was ihr ‚Stille Kompanie‘ nennt, ist die Verbndenheit des Landes und die Kraft der Idola! Sie folgen den ungesehenen Pfaden, wie sie kein Schmuggler sich erträumen könnte. Die Waffen, die ihr gesehen habt, sind nicht nur aus euren Schmieden. Die erwachte Welt holt sich zurück, was ihr schadet, und dann erschafft sie sich neu und mächtiger als zuvor. Es ist hier wie anderswo: Die Idola haben den Weg in die Zukunft entdeckt und sich von der Vergangenheit losgemacht. Ihr nennt sie ‚dunkel‘, doch sie sind der Morgenstern der Siebten Welt!“

„Lokotai? Ich hasse den Vielfraß, er ekelt mich an. Seine Verwendung war jedoch klug von der Herrin durchdacht. Er hätte den Löwenkönig finden und verschlingen können. Jetzt ist er auch gefangen, nehme ich an?“

„Ha! Allerdings kenne ich diese Frau. Ihr Name ist Lena Mason. Sie ist eine von euch [spuckt gehässig]! Sie hat großes Leid durchstanden, aber ihr könnt euch glücklich schätzen. Sie war zu wertvoll um zu sterben. Sie wurde auf die ungesehenen Pfade geschickt und arbeitet als Sklavin in irgendeinem Winkel der Welt bis sie stirbt. Das ist der Lohn für ihren Verrat an euch.“

„Herrin Enomi war zuerst belustigt, als sie vom Fall des Prinzenpaares hörte. Aber jetzt kennt sie keine größere Quelle ihres Zorns als diesen Jérome, den Schamane der Weißen Andikan. Sie hat Bilder gemalt, die sein Schicksal zeigen, und sie wurde von einem Diener der Dunklen zu einem geheimen Ort geführt, wo alles mit ihm begann. In übermenschlicher Rage habe ich sie gesehen. Und dann kam der Narr zu einem der unsrigen und hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Da lachte sie, so herzlich wie ein Kind. Ich glaube, Jérome wird untergehen, wenn er diesen Weg weiter geht. Ich hätte ihn gerne getroffen… Pech für ihn, dass die Bilder der Herrin in den Flammen eurer Raketen verbrannt sind.“

Kambo (Gruppenführer)

„Es geht alles um Gefangene. Nur ein kleiner Teil bleibt im Königreich. Er wird in die Täler geschickt, wo die Idola absolut herrschen und sich weiden. Der größte Teil geht auf die Schmuggelrouten. Ich weiß keine genauen Zahlen, aber es müssen Zehntausende gewesen sein. Ich habe Listen gesehen, länger als ein Troll. – Wohin? [lacht] Ich habe keine Ahnung. Viele wurden an Konzerne verkauft, oder an nahegelegene Länder. Ich weiß von Bergbauarbeiten. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs, ehrlich. Ich habe die Besessenheit der Enomi und ihrer Familie nie verstanden. Am Ende geht es ums Geschäft, das ist meine Meinung. Und am Tawani-See um Eroberung, ganz klar. Aber was die Sklaven betrifft, das war ein Geschäftsmodell. Die haben Spezialisten gesucht, Hunderte. Fachkräfte aus allen Bereichen. Es muss eine gigantische Maschinerie der Verschleppung geben, die seit Jahrzehnten Menschen aus Dahomey in alle Welt exportiert.“

„Ich weiß es doch nicht! Meine Aufgabe war der Konvoi- und Anlagenschutz dort. Die Panzer und all das hochmoderne Gerät kamen aus dem Dschungel. Das waren geheime Schmuggelwege, vorbei an jeder Kontrolle. Da waren chinesische Waren, sehr viel aus China. Aber auch Russland und Aztlan. Sachen aus Europa hatten wir nur selten. Wofür die Kavallerie in den Minen gedacht war, wussten wir nicht. Einige haben spekuliert, dass es gegen Moskuwa eingesetzt werden sollte. Aber das hätte wohl keinen Sinn gemacht, solange Mercenary Inc. dort die Stadt befestigt hält. Ich glaube, es sollte nach Norden gehen, gegen diese Versammlung und die fremden Konzerne am Orichalkum-Gürtel. Was auch immer stimmt, der Plan wurde vereitelt.“

„Ich war immer frei, so frei wie man als Soldat eben sein kann. Ich weiß aber, dass der Kreis der ‚echten‘ Anführer im Bann der Familie stand. Die Agooji haben ihnen mit Seelenfolter gedroht. Ich habe es gesehen, wie ein Mann zu einem Zombie wurde. Es war Vodun aus der dunklen Erde des Landes! Ich habe nur als Soldat gedient. Und Herrin Enomi hat mich immer respektvoll und wie einen Leibwächter behandelt. Man musste nur wissen, dass sie eben exzentrisch ist, dass man sie als Herrin ansprechen muss. Wenn ich alleine mit ihrem Fahrer und ihr und ihren Handmaiden im Auto saß, hat sie manchmal Scherze gemacht und wir haben zusammen gelacht. Aber das war auch immer unheimlich. Ich hab den Blick der anderen im Nacken gespürt…“

Yanu (Aufklärer)

„Über Funk kam der Befehl, dass wir Kameo, also Herrin Enomi, mit Logotai und anderen von der Gruppe Echo am Tor treffen sollten. Enomi tauchte auch auf, aber Logotai hat es nicht geschafft. Enomis Leibwächter folgten ihr durch das Portal und ich habe den Rückzug gedeckt, mit den anderen. Der Plan war eigentlich, dass uns die Herrin alle durch die geheimen Wege führt, zu den Grenzgängern. Und dass wir dann evakuiert werden. Ich nehme an, Enomi ist es gelungen. Für alle anderen hat es nicht gereicht. Auch Okobe musste sie zurücklassen. Ich glaube, er war bewusstlos.“

„Die ‚Grenzgänger‘ sind eine Elitetruppe. Mechanisierte Infanterie, würde ich sagen. Ich bin auch einmal mitgereist. Der Wald öffnet sich, um sie zu empfangen oder frei zu geben. Es ist unglaublich. Und im Verborgenen gibt es mobile Einsatzzentren, wie von einem anderen Stern. Aus Glas gebaut, so glatt wie ein Spiegel. Mein GPS war einen Scheiß wert. Dann haben wir Waffen bekommen, absolut lautlos. Die waren aus Amerika. So haben wir Anfang Oktober Stammeskolonnen überfallen und Reporter festgesetzt. Einige wurden ausgetauscht und dann haben wir die ganze Ladung Reporter gefesselt auf einem LKW wieder auf einer Straße abgesetzt. Ich hab keine Ahnung was das sollte. Ich glaube, es war eine Art Geschenk, für die Hausa, oder Mercenary Inc.“

„Am Äußeren Randposten haben wir uns immer sicher gefühlt. Ich wäre früher keinen Meter in den erwachten Dschungel gegangen, aber die Agooji leben dort seit Generationen. Ich habe gedacht: ‚Selbst wenn sie Marschflugkörper gegen unsere Stellung hier einsetzen, du musst nur in den Wald und den Fluß rauf und das wars.‘ Ehrlich, irgendwann habe ich immer die Grenzpatroullien übernommen, die am tiefsten drin waren. Ich hab mich gefühlt, wie was Besonderes. Nichts in diesem Dschungel hätte mir was anhaben können! Scheiße man, ich war Aufklärer in der Leibgarde des Königshauses der Agooji!“

Überstelltes Beweismaterial

Am 6. Dezember 2073 wurden von SGT Copper folgende Beweismittel und nachrichtendienstlich relevante Fundstücke von Nakatombe an die AIMS Cassipoeia überstellt.

  • Evan Choi: Haare, Zahnbürste, DNA aus seiner Wohnung; Rechercheunterlagen, Dokumente, Datenkristall, Datenserver
  • Okobe Ambetu: Mieter des Flugzeugs in dem Evan Choi verschwand; Aussagen zur Anmietung, Portraitfoto und Aufnahmen
  • Enomi: Portraits und Bilder aus dem Flugzeug, in dem Evan Choi verschwand; Proben verschiedener Parfums von Égalitérnité.
  • Personendaten zu Evan Choi, Okobe, Enomi; Details zum Flugzeug, Stimmaufnahmen
  • Afkarasar-Miliz Capo (Nakatombe): Dokumente, KArtentablet, 3 Notebooks, Simsenseplayer und Chips, 10 Handys.
  • Tal der Bunten Steine: Daten aus dem BattleTac-System von Mercenary Inc., 20 Erkennungsmarken, 9 SINs von Leichen, Daten aus Headmemory einer verbrannten Leiche (MercInc.)
  • Große Zusammenkunft: Ausrüstung der 3 Agooji-Spione, 2 Simsense-Chips (darunter das „Sklavenprofil“), Parfum, 1 Headmemory
  • Sandorakel: 2 Handy, 4 Datenchips, Datenkristall (Entschlüsselung) von Agooji-Schamane und Späher; Datensammlung aus dem erbeuteten Material von Mercenary Inc. am Sandorakel
  • CPL Murdock (Zeuge Mercenary Inc.)

Worldwide Security Solutions